unverstand,
m. ,
mangel an verstand (
s. d.)
und sein gs.; noch nicht mhd., das aber unverstandenheit, unverstentlicheit, unverstentnus, unverstendic
kennt; mnd. unvorstant;
mnl. onverstant;
nl. onverstand;
dän. uforstand;
aschwed. oforstand;
nschwed. oförst
nd. ein sonst unübliches f.: Paracelsus (1589) 4, 251; Gilhusius
grammatica (1597) 94 (
für universität,
s. f).
ein plur. unverstände (
wie nl. onverstanden) Freiligrath
unter d ε. aa)
nichtverstehen, nichtwissen, unkenntnis, miszverständnis, verkennung (
vgl. verstand B 4): verwundern kompt ausz eim unwissen und u. Paracelsus (1616) 1, 4 B
H.; statt über die natur zu klügeln ..., gestund er seinen unverstand Pfeffel
poet. versuche (1812
ff.) 5, 84; wie wir nicht aus u. der sprachen, noch aus unwissen der rabinen glosen, sondern wissentlich und williglich so zu dolmetschen furgenomen haben Luther
bib. 7, 321
B.; unzählige irrthümer herrschen unter dem gemeinen haufen durch bloszen u. fremder, und miszverstand dunkler deutscher wörter Kinderling
reinigkeit d. d. spr. (1795) 71; ausz u. der dingen G. A. Agricola
Bechs bergwerkb. (1621) 72; in einer comödie ... würde es einem poeten für einen zimlichen fehler und u. seiner kunst ausgedeutet werden A. Buchner
anleitung z. d. poeterey (1665) 17; unvorstand gotlicher gebot Luther 6, 437
W.; der schrift B. v. Chiemsee 97, des glaubens Dannhauer
catechismusmilch 1, 9;
mangel an verständnis: hier fängt mein u. an Lessing
bei Paul
d. wb. 580
a. hat ehr disz büchlen ... nicht von worten zuo worten, wi vormals durch etliche andere zu unverstande (
so dasz die leser es nicht verstanden) und unlust den läsern beschehen, ... verteutscht Schwarzenberg
Cicero (1535) 65; die etymologie ist so gar in unbrauch, u. und vergesz kommen, das ... Ickelsamer
grammatik o 2
b; Schottel
haubtspr. 19.
verzicht auf verstehen und erkennen zu gunsten des glaubens: darumb sagt zu ir (
Maria) der engel: las dein verstandt faren. es musz ein unverstandt in dich kumen, du wirst nicht wissen, wie es wirth zugehen Luther 9, 625
W.; senk dich ynn u., so gebe ich dir mein verstand. u. ist der rechte verstand, nicht wissen, wohin du gehest, das ist recht wissen, wohin du gehest 18, 489
W.; es ist besser ein gläubiger u., als eine vermessene wissenschaft J. Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 13.
veraltet. bb)
unzureichender gebrauch der verstandeskräfte, geschäftsuntüchtigkeit, unzurechnungsfähigkeit, unverantwortlichkeit; bewusztlosigkeit (
unklares bewusztsein Fischer
schwäb. wb. 6, 271, 2);
vernunftlosigkeit; mangel an besonnenheit. vgl. verstand B 2: vyl art ... sind anfencklich gestifft worden uff eerlich wonung der alten, armen, krancken oder sunst unverstandts halb untüglichen zuo burgerlichen handlungen Eberlin v. Günzburg 1, 37
ndr.; ausgenomen junge kindel und ander unverständig ..., von wegen ires unschuldigen unverstands werden sy gerecht ... on würchlichen glaub B. v. Chiemsee 36; ich ... dünkte mich in kindischem unverstande glücklich G. Keller 1, 162; wenn sie (
d. groszmutter) ... mit sich selbst redete, wundersam spielend in blödsinn und dichtung, in u. und geistesfülle Stifter 1, 182. der u. der thiere (
die vernunftlosen thiere) Lohenstein
Arm. 2, 271
b. ein ... unbesinnter verachter desz feindts ..., der ... sich ... in weinfeuchte oder u. in unwiderbringlichen schaden strtzet Fronsperger
kriegsb. 1, 173
b; lerne dich aber auch im spiele bemeistern und wage nicht mit u. (
ohne besonnenheit) Knigge
umgang m. menschen 3, 185;
vgl. unverstand,
adv. cc)
mangel an kunstgerechter ausbildung; vgl. verstand B 4: man hat ... vil geschickter jungen zuo der kunst der mallerey gethon ..., sint die selben also im u. wie eyn wylder ... baum auferwachsen A. Dürer
messung (1525) A 1
b; damit sie dieser lieblichen kunst, auch inen selbst, nicht u., unkunst ... zumessen Puschmann
meistergesang 18
ndr.; für den unverständigen künstler: dadurch kann denn endlich das eigentliche rechte, vernünftige zur routine werden, wo es auch der u. brauchen ... kann Göthe II. 7, 147
W. (
wir mischen die folg. bed. ein). dd)
die hauptbed. entspricht verstand B 3. '
sowohl das unvermögen, aus einzelnen empfindungen allgemeine wahrheiten abzuleiten und den zusammenhang derselben einzusehen, als auch, und zwar am häufigsten, die unterlassung des pflichtmäszigen gebrauches dieses vermögens' Adelung. d@aα)
unverständnis, unverständigkeit, mangel an auffassung und urtheil, unwissenheit, dummheit, thorheit u. dgl.; als eigenschaft, zustand und handlung: es ist gutt scheyn, das die vorige epistel ausz lautter unvorstand ist auf dissen sontag vorordnet Luther 10, 1, 1, 380
W.; Hiob redet mit u., und seine wort sind nicht klug
bibel 3, 47
B.; eifern mit u.
Römer 10, 2 (Büchmann (1910) 70); mich erbarmbt deiner torheit mengel, das ihr im unverstand thut leben H. Sachs 1, 36, 23
K.; der won und u. thuots alles bei allen menschenkindern S. Franck
sprichw. (1541) 1, 132
a; wöllet solches meinem u. zurechnen und das ich die hohe kunst der poeterey noch nit vil hab getryben
V. Schumann
nachtb. 2
B.; der unvorstand des gemeinen mannes wird oft in seinem urtheilen gespüret Friedr. Wilhelm
sprichw. reg. (1577) g 2
a, 452; ausz unvorstande fehlen Gesenius-Denicke
bei Fischer-Tümpel 2, 404; aus u. abergläubische albertät vornehmen J. G. Schmidt
rockenphilosoph. (1706)
vorr. 8
a; das wäre aus der maszen ungereimt ..., wenn sich zuletzt befinden sollte, dasz der u. einen vortheil geben könnte dem, der damit behaftet Leibnitz
d. schr. 2, 53; ein maximum des unverstandes Herder 20, 369
S.; ein magister, dem man seines unverstandes wegen wieder die hosen abziehn ... sollte maler Müller 2, 100; der gesunde menschenverstand dürfte leicht auf die vermuthung gerathen können, der grund des unverständlichen läge im u.
F. Schlegel im
Athenäum 3, 336 (
vgl.γ); der u. der parteien Mommsen
röm. gesch. 1, 259.
nach ἀφραδίησι νόοιο nicht von trägheit besiegt noch unverstande des geistes J. H. Vosz
Ilias 10, 122.
im ausdruck ironischer bescheidenheit (
wie unvernunft;
s. A. v. Arnim
unter unvernunft
b α): mein u. ist: der keiser C. ... kan entschuldigt werden Kirchhof
wendunmuth 1, 47
Ö.; meinem u. dünkt es nicht rahtsam
disciplina milit. 17; es sol euch in allen stücken, so viel mein u. vermag, genügen geschehen Buchholtz
Herkuliskus 16.
verblendung Opitz (1690) 1, 182;
ähnlich H. Sachs 19, 416, 3
G. als bethätigung: darumb es gar ein grob unvorstand ist, das man die allegorien, tropologien und der gleychen will geyst heyszen Luther 7, 655
W.; sölche min gedult hastu mir für ein u. gerechnet Tschudi
chron. 1, 25; dieser u. möchte dein leben kosten Weise
d. drei kl. leute (1675) 199; was ist das für ein u. Hebel 2, 86
B. attribute: grober (Luther
oben), eigensinniger, dicker, groszer, greulicher, kühner, blinder, gränzenloser, zersplitternder, lärmender, politischer
u. s. w. H. Sachs 9, 467, 38
K.; Harsdörfer
gesprächsp. 1, A 4
b; Rompler
erstes gebüsch 51; Morhof
unterricht 1, 652; Kramer (1702) 12, 941
c; Pietsch (1740) 119; Triller
poet. betrachtungen 4, 109; Göthe 41, 2, 297
W.; II 11, 275
W.; Schleiermacher I 5, 140; E.
M. Arndt (1845
ff.) 2, 772;
oxymoron: kluger, tief gelehrter u.
Königsberger dichterkr. 63
ndr.; J. A. Ebert
episteln (1789) 93.
zusammensetzungen z. b. unverstandsfolge
neue schauspiele (1771
ff.) 7, 3, 95; -frage D. Fr. Strausz 4, 318; -nebel Valvassor
ehre d. h. Crain (1689) 2, 154; -voll J. C. Schwarz
die gezerrte narrenkappe 24.
β)
aus unverständigkeit sich ergebende unschicklichkeit, ungehörigkeit, verkehrtheit u. dgl.: der wirt baht, dasz sie ihm seinen u. verzeihen wölten, und versprach, hinfürter wolt er keinen armen mehr ... so schmal abspeisen und hunger leiden lassen Kirchhof
wendunmuth 1, 242
Ö.; mangel an höflichkeit schweizer. schauspiele des 16.
jhs. 3, 90, 889
B.; an zartgefühl Fischer
schwäb. wb. 6, 271; wirstu denn aber ohn verhoffn aus ubermut zu hart getroffn und ohne schuld mit unverstand von einem knebel angerandt, so ... Ringwaldt
lauter warheit 110; es ist ein groszer unverstand auflosen an des nächsten wand Fischart
flöhhatz 38
ndr. (
vgl. unvernunft
c α); so war es ie ein unverstand, die geschicht zu machen nicht bekant
glückhaft schiff 67
ndr.; verzeihet mir meinen groben u., dasz ich euch ubel angefahren und euwer gespottet habe
b. d. liebe (1587) 358
d; Hartmann ... gibt sich der beschreibenden manier ... mit wahrem unverstande hin Scherer
literaturgesch. 165;
sprichwort: man musz dem unverstand etwas zu gut halten,
rusticitati parcendum Dentzler (1716) 333
b; Aler (1727) 2, 2108
a;
schwäb. wb. 6, 271;
els. wb. 2, 603
a; da ruft der richter: unverstand! (
in der meinung, der färber habe zum schwur die handschuh nicht ausgezogen) Lessing 1, 21
M.; o unverstand! R.
Z. Becker
mildheim. liederb. 75.
zusammensetzung: unverstandslandtag
für den sächs. landtag von 1849; die ungeschliffenheit, selbstüberhebung und verblendung, womit sie (
die demokrat. partei) bei den debatten auftrat, verschafften dem landtag den namen des unverstandslandtags
Meyers conv.-lex. 15
7, 66
b;
F. v. Schubert
lebenserinnerungen 55; Flathe
in Grotes weltgesch. 11, 594.
wir pflegen bed. α einzumischen. γ)
von nichtpersönlichem unsinn, zwecklosigkeit u. dgl.: den u. der natur Gottsched
d. neueste 4, 455; religion von u. säubern J. G. Forster 7, 112; leider sieht man in mehreren stücken Calderons den hoch- und freisinnigen mann genöthigt, düsterem wahn zu fröhnen und dem u. eine kunstvernunft zu verleihen Göthe 41, 1, 353
W.; wie mit grimmgem unverstand wellen sich bewegen! Böhme
volksthüml. lieder 585.
zum geflügelten wort geworden sind die verse H. A. v. Thümmels: des lebens unverstand mit wehmut zu genieszen ist tugend und begriff
bei Büchmann (1910) 250 (
mit variante).
anstelle einer adj. verbindung: den u. der verfolgungen Görres
briefe 3, 15; ihr wünsche, quäler des unverstandes Hölderlin 1, 90
L. δ)
in bildlicher verwendung: pfuel der finsternus und unverstands J. Steinbach
lauf menschliches lebens (1606) 4; im grab unverstandes Logau 395
E.; mein jagtschiffgen des unverstandes Ziegler
Banise (1689) 468; des unverstandes nacht Gottsched
ged. 1, 413 (
animi nox); der teufel des unverstandes Göthe IV 6, 147
W.; des unverstands zuruf Platen 1, 246
H., majestät Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 4, 284; in dieser bach rauscht manche fluth, damit ich fast werd uberschutt, als unverstand, sünd, creutz und noth Mart. Behm
bei Ph. Wackernagel
kirchenlied 5, 241; Logau 245
E.; laszt euren witz schwimmen, bis er in u. untergeht
theater d. Deutschen (1768
ff.) 17, 203; Wieland
Lucian 1, 80.
ε)
für die person, als schelte und als eigenname: mein u. (
ich thor) hielte es vor nichts böses Grimmelshausen 4, 635
Keller; literarische zeitungen ..., wo der u. ... seine ... turniere mit dem eignen schatten hält Fr. Schlegel 5, 218; wir wollen es so haben, wir, der souveräne u. (
das volk) J. Scherr
gröszenwahn 192; nur der u. wird sich dieser ernsten betrachtung ... entziehen Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1, 143. thun wie u. (
als ob man nichts versteht, vgl. a): folglich that ich wie u. und ging wieder Holtei
erz. schr. 12, 206; 21, 166; 14, 166.
schelte: du grober knoll, du unverstand!
bibliothek ä. schr. d. Schweiz I 5, 126; er ist ein rechter u. Rädlein (1711) 1001
a; ei, wollt ihr gehn, ihr kleinen unverstände (
kinder) Freiligrath 2, 153. Hans Unverstand Mayer
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen 5, 55; Stoppe
Parnasz 103; Karschin 378; Fischer
schwäb. wb. 6, 271.
ζ)
zur synonymik s. zunächst unvernunft
sp. 2073.
als gs. erscheint witz Luther 16, 408
W.; J. Agricola
sprichw. (1534) D 3
a;
als steigerung narrheit Fischart
podagr. trostb. 3, 51, 2
H.; verbunden werden alberkeit und u.
engl. comedien (1624) E 7
b, verstand und u. Lavater
physiognom. fragm. 1, 49; Hippel
kreuz- u. querzüge 1, 206; wenn verstand und u. sich berühren, so giebt es einen elektrischen schlag Fr. Schlegel im
Athenäum 1, 2, 81.
η)
philosophische definitionen sind wie bei unvernunft
für die entwicklung des sprachgebrauchs ergebnislos geblieben: u., unrichtigkeit der erkenntnisz
M. Mendelssohn 4, 1, 115; Jean Paul definirt das komische als sinnlich angeschauten u. Vischer
ästhetik 1, 354; mangel an einsicht gemäsz dem gesetz der kausalität,
d. h. u. Schopenhauer 1, 655
Gr. ee) verstand C 1
entsprechend, in nrhein. quellen des 16.
jahrhs. '
uneinigkeit, zwist, miszhelligkeit' (
difficultas, scrupulus Kilian).
mnl. wb. 5, 1492, 2;
nl. wb. 10, 2136, 2: so sich zwischen unser beyder fürsten amptlüden oder underthanen eyniger unwille oder unverstant erhielte ..., sollen die selbige nit thetlichs gegen eynander fürnemmen
abmachung des erzbisch. v. Köln mit dem herzog v. Cleve (1533)
bei Haltaus 1970; so sich zwischen etlichen erben u. zutrüge
clevische teichordnung (1575)
bei Frisch (1741) 2, 319
a .
es ist zweifelhaft, ob im gleichen sinne verstanden werden kann: vil schwätzens bringt ain u. G. Mayr
sprichw. (1567) A 8
β. ff)
der studentenwitz gebrauchte u.
für universität; s. sp. 1077: er ist gewisz nicht gewesen lang allhier auf dieser unverstandt Gilhusius
grammatica (1597) 94; wollen wir ihn denn noch nein auf den u. thun und wollen ihn zu einem studenten machen lassen? Schoch
studentenleben (1657) F 5
b.
soldatenwitz für unterstand
Westermanns monatshefte 119, 2, 853
a. —