niederschlagen,
verb. ,
ahd. nidarslahan (Graff 6, 770),
mhd. nider slahen (
noch bei Luther
und Maaler niderschlahen),
mnd. nedderslân,
niederwärts, zu boden schlagen. II.
transitiv oder absolut. I@11)
im eigentlichen sinne. I@1@aa)
mit sächlichem object: ahd. die bouma nidarslahan (
fällen). Notker 73, 6;
mhd. wan ir korn zîtec was, man slûc eʒ nider alsô gras.
livl. chron. 11368; ich sprich .., daʒ got die welt möht niderslahen (
vernichten) in aim augenblick. Megenberg 112, 7;
nhd. holz niederschlagen. Heppe 279
b; die klinge niederschlagen,
premere ensem Stieler 982; die hutkrempe niederschlagen
u. dgl. Jacobsson 3, 140
a; den hammer, den tactstock
oder mit dem hammer
u. s. w. niederschlagen (
vgl. niederschlag 1); wie boreas, wenn er die schwingen regt, gepfropftes reis, das stablos, niederschlägt. E. v. Kleist (1771) 1, 132; jenes schwarze .. wetter, das dir deine saaten niederschlug. Seume 4, 343
Zimmerm.; weidmännisch der bär schlägt das gesträuch nieder,
wenn er darauf liegt und es niederdrückt. Heppe.
gegensatz zu aufschlagen, emporrichten: die augen, das haupt
u. s. w. niederschlagen,
senken; er schleget die augen nider und horchet mit schalks ohren.
Sir. 19, 24; denn die sich demütigen, die erhöhet er, und wer seine augen niderschleget, der wird genesen.
Hiob 22, 29; Kain .. schlecht den kopff nider. Luther 4, 35
a; trawrigkeit schlecht den kopff nider, das man gehet und sich krümmet wie ein schilf .., dagegen freude .. richt den kopff empor. 5, 532
b; und müssen alle für gott die feddern niderschlagen. 4, 419
b; das du müssest den pfawenschwantz niderschlachen. 459
b; unterdessen ich mein haupt aus beschämung niederschlug.
pers. baumg. 7, 8; er schlug für dem könige sein haupt nieder.
rosenth. 1, 42; sie schluog vor scham ir augen nider. Scheidt
Grob. 3547; schlage nicht die augen nieder. S.
Dach 729
Öst.; sie schlug die wangen nieder, die schamröth überzog. Gryphius 1, 105; sie schlagen nider ihr gesicht die bösewicht. Kehrein
kirchenl. 2, 142, 9; was siehst du furchtsam hin und wieder und schlägst die holden blicke nieder? Haller 85
Hirzel; seufzend schlug er sein angesicht nieder. Klopstock
Mess. (1748) 2, 750; Minona trat hervor .. mit niedergeschlagenem blick und weinendem auge.
d. j. Göthe 1, 277; sie schlug die augen lieblich nieder. 3, 149; ich — ein sohn Atreus — soll etwa die augen vor dir niederschlagen? Schiller 6, 164; ihr schweigt, und meine Louison schlägt die augen nieder. 13, 172 (
jungfr. von Orl., prolog 1); was schlägt euch nieder die wimpern? P. Heyse
ges. werke 2, 191; das angesicht zur erde niederschlagen: als er solchs mit mir redete, schlug ich mein angesicht nider zur erden.
Dan. 10, 15; sie erschracken und schlugen ire angesichte nidder zu der erden.
Luc. 24, 5 (
vgl. Klopstock
Mess. 14, 51); die aus scham ihrer sünden das gesicht zur erden niederschlagen.
pers. baumg. 10, 1. I@1@bb)
mit persönlichem object, zu boden strecken, vernichten, tödten: mhd. swâ er in dem strîte reit ... da sluoc er die rîter nider als der hagel daʒ obeʒ tuot.
Mai u. Beaflor 122, 2;
nhd. dasz mir (
wir) die schnöden dorfman als die kachelöfen nider schlan.
fastn. sp. 415, 26; und er hub auff seine hand wider sie, das er sie niderschlge in der wüsten.
ps. 106, 26; schlahe sie nider mit dem schwert. 1
Macc. 4, 33; dasz der Türke .. das edle junge blut, könig Ludwig .. niddergeschlagen. Luther
br. 3, 133; fasset er seine stangen der meinung ihn niderzuschlagen.
Amadis 126
K.; gedenkt, das bei dem hauffen hell gewisslich halt der Michael, so alle feind, ros, man und wagen im augenblick kan niderschlagen. Ringwald
l. w. 368; er, der so die tapfern niederschlägt, wie ein gewittersturm die schwachen ähren. Alxinger
Doolin (2.
ausg.) 8, 27; dann wirst du ... ... wie die rasche schnitterin die saat, den stolzen überwinder niederschlagen. Schiller 13, 188 (
jungfr. von Orl., prolog 4); er (
Siegfried) schlug den meister nieder. Tieck
ged. 209;
genauer: dasz er in auff den boden nidergeschlagen.
Amadis 190
K.; absolut: eil wie ein nordischer sturmwind und bring ... schrecken und würgenden tod mit, und niederschlagenden donner. Wieland
Hermann 4, 352
neudruck. I@1@cc)
von thieren, schlachten (
vgl. niederschlachten): ûf dem lectere dâ lac manic schâf unde rint nider geslagen und beschint, daʒ daʒ blût dar ûʒ trouf. Herbort
troj. krieg 15741; Raguel hiesz ain kitzi niderschlachen und berait ain wirtschafft.
historienbibel 522
Merzd.; man schlug auch vil der ochsen nider und auch gebörstet schwein. Murner
Än. (1559) m 4
a; todt niederschlagen,
todt niederstrecken: er versetztet seinem pferdt an die seiten ein solchen krefftigen streich, dasz er es under im todt nidergeschlagen.
Amadis 126
K. I@1@dd)
absolut und transitiv, einen niederschlag (4
und 5)
machen, etwas als niederschlag ausscheiden: die luft .. macht gährungen und schlägt nieder. Herder
id. 1, 28;
chemisch, praecipitare: dardurch man silber im gemeinen zien niderschlagen kann. Erker 35
a; dieweil das eisen in solchen kupferigen wassern das kupfer niderschlecht. 100
b; das im scheidewasser aufgelöste silber wird entweder mit kochsalz, oder einem alkali, oder mit kupfer, dieses mit eisen, dieses mit zink, dieser mit kiessteinen, diese mit weinsteinölen niedergeschlagen.
Chemnitzer bergm. wb. 369
b; auf diese art würde etwa das salzsaure .. im reticulum roth, oder schwarz oder gelb niedergeschlagen. Kant 10, 41. I@22)
uneigentlich und innerlich, mit persönlichem oder abstractem objecte. I@2@aa) einen niederschlagen,
tief beugen, niederdrücken, erniedrigen: angst und not und schrecken schlahen in nider.
Hiob 15, 24; drum hat er sie mit schweren plagen in ihrer bosheit nidergeschlagen. Kehrein
kirchenl. 2, 231, 33; denn du fürwar ... kannst niderschlahen und widerum auffrichten. 277, 37; ... herr, hilff mir auff, schlag sie nieder. Weckherlin 270; wen gott niederschlägt, der richtet sich selbst nicht wieder auf.
d. j. Göthe 2, 181;
herabschleudern von: vor Lesters augen hab ich sie (
Elisabeth) erniedrigt! er sah es ..., wie ich sie niederschlug von ihrer höhe. Schiller 12, 503 (
M. Stuart 3, 5); den geist, den muth
u. dergl. niederschlagen,
beugen: die dürftigkeit schlug meinen geist nicht nieder. Gotter 2, 287; meine standhaftigkeit schien den muth der priesterin niederzuschlagen. Wieland 2, 66. 68; dem dürftigkeit und verachtung den muth niederschlägt. 13, 52;
daher innerlich gebeugt, muthlos, bestürzt, betroffen, traurig machen, consternieren: diesz schlug mich plötzlich nieder; verzweiflung drohete der ganz verwirrten brust. Brockes 1, 3; wie sehr hat Kain mich niedergeschlagen (
traurig gemacht). Marg. Klopstock
bei Klopstock 11, 154; zwar wird unser fall über unser ganzes leben eine dunkelheit verbreiten, aber es soll uns nie ganz niederschlagen. 159; ich denke, ich habe es bei dir nicht nöthig .. zu versichern, wie sehr mich die nachricht von dem tode unsers vaters betrübt und niedergeschlagen hat. Lessing 12, 257; das war mir freilich nicht angenehm zu hören, doch liesz ich mich nicht gleich niederschlagen. Lenz 2, 180; dasz man sich durch kleine wiedrige zufälle ... nicht niederschlagen lasse. Knigge
umgang (1790) 2, 226; eine so miszliche situation muszte einen gröszern geist, als Matthias war, niederschlagen. Schiller 8, 63; es ist ein arger streich! er schlägt mich gänzlich nieder.
d. j. Göthe 1, 191; groszer menschen werke zu sehen schlägt einen nieder, doch erhebt es auch wieder, dasz so etwas durch menschen geschehen. Rückert 320;
absolut: ein niederschlagender (
entmuthigender) gedanke
und dergl.; ist es nicht ein niederschlagender gedanke, dasz noch kein volk .. verstand genug gehabt, das, was biszher blosz sache des zufalls war, zu einem werke .. seiner gesetze zu machen? Wieland 36, 7; und doch wäre es für den freund des schönen ein niederschlagender gedanke, wenn diese jugendlichen blüthen des geists in der fruchtzeit absterben .. sollten. Schiller 6, 314; noch in B. muszte Lothar die niederschlagende nachricht hören, dasz Salerno sich an den feind ergeben. 9, 261;
particip niedergeschlagen,
innerlich gebeugt, entmuthigt, betrübt, traurig, im zustande der niedergeschlagenheit, der auch äuszerlich wieder durch das niederschlagen der augen, des gesichtes (I, 1,
a)
erkenntlich sein kann: der herr richtet auf alle die nidergeschlagen sind.
ps. 145, 14; niedergeschlagenes gemüt Stieler 1823, wesen
Felsenburg 1, 4; sie wurde ziemlich verwirrt und niedergeschlagen. 1, 250; die gegenwart der
M. könnte sie wohl besorgt, aber nicht niedergeschlagen machen. Lessing 2, 56 (
Sara Sampson 4, 3); um das eine (
buch) zu lesen, wenn ich mich zu übermüthig, und das andere, wenn ich mich zu niedergeschlagen fühle. 11, 751; er ist, wider die gewohnheit seiner landsleute, sehr niedergeschlagen. Hermes
Soph. (1776) 2, 390; er war ... sehr unruhig und niedergeschlagen. 3, 179; die mutter, die sehr niedergeschlagen aussah. Göthe 6, 116; hierauf folgten regelmäszigere truppen, ernst und verdrieszlich, nicht aber etwa niedergeschlagen oder beschämt. 30, 314; ihre eiligen leute folgten ihr mit mehr furchtsamkeit als verehrung .., und einige .. hatten niedergeschlagene gesichter. J. Paul
Tit. 3, 96; tief gedemüthigt und niedergeschlagen kam Uli heim. Gotthelf
Uli d. pächter (1859) 346; mit niedergeschlagener (
von niedergeschlagenheit erfüllter) bewunderung staunen wir jetzt diese riesenbilder
an. Schiller 7, 8. I@2@bb)
herabmindern, dämpfen, mildern: was seinen (
des edelmannes) stolz ein wenig niederschlug, war, oft den werth von bürgergold zu fühlen. Gökingk 2, 169;
besonders von beruhigenden mitteln und medicamenten: ein glas frisches brunnenwasser, die wallung ihres kochenden geblüts ein wenig niederzuschlagen. Lessing 3, 407; (
ein medicament,) das die hitze niederschlägt.
F. Müller
Faust 16, 35
neudruck; absolut, etwas niederschlagendes, ein niederschlagendes pulver: musz doch gleich dem grafen was niederschlagendes geben.
werke 3, 235;
Marie. das unbändige schlagen meines herzens versetzt mir die luft.
Beaumarchais. habt ihr denn kein mittel? brauchst du nichts niederschlagendes? Göthe 10, 113 (
Clavigo 4); wir sind getrennt. entfernung ist ein gewaltig niederschlagend pulver.
d. j. Göthe 1, 238;
bildlich: dem kind ein niederschlagendes pulver geben (
es schlagen, züchtigen). Hermes
Soph. (1776) 2, 408. I@2@cc)
aufhören oder verschwinden machen, unterdrücken, vernichten: das er wider den teufel ... so viel irrthum nider schlegt. Luther 5, 176
b; die warheit niderschlahen. 3, 35
b; ach! steure doch dem langen übel, das alle rechte niederschlägt. Günther 437; alle zweifel niederschlagen. Klinger 4, 16; der rang, den ich bekleide ... ... musz jeden zweifel in meine treue meinung niederschlagen. Schiller 12, 528 (
M. Stuart 4, 6); und nur die immer gleiche ruhe meines königs kann die gerüchte mächtig niederschlagen, die sich die lästerung erlaubt. 5, 1, 287 (
don Carlos 3, 4); wenn wir im schwarm der vielen menschen sind, das schlägt mir alle freude nieder. Göthe 2, 113; die bischöflichen verordnungen, die einen solchen neuen dienst einschränken und nach und nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur ausführung gebracht werden. 20, 280; eine untersuchung, einen process
u. s. w. niederschlagen; denn nur itzt erklärte mir der kriegszahlmeister, dasz der könig alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgiret worden. Lessing 1, 579. IIII.
reflexiv. II@11)
in der ältern sprache, sich (
vorübergehend oder bleibend)
niederlassen, ein lager aufschlagen, sich lagern: mhd. daʒ her sich nider sluoc. Suchenwirt 4, 343;
nhd. die hetten sich nider geschlagen und wolten ruen und gmach han. B. Zink 20, 17; sie hand sich da nidergeschlagen. 284, 25; Maximus schlug sich für die stat nider, belegeret si häftiglich. Aventin. 4, 932, 12; frembde völker, so sich bei inen gesetzt oder wonens halben nidergeschlagen hetten. Micyllus
Tacit. 438
a; da schluog man sich nider zuo feld die selbigen nacht. Baumann
quellen 1, 765; nun haben wir uns dieselben nacht uff allernechst bei inen nidergeschlagen. 2, 234; lasz uns hier bleiben und niederschlagen.
pers. baumg. 7, 26; daselb wil ich mich nider schlagen, mein leben enden in guten tagen. Waldis
Es. 4, 80, 81. II@22)
sich senken: die nebel schlugen sich nieder, die sonne war hell. Göthe 43, 195; ihr augen! es heben sich meine nur, um nieder sich zu schlagen. Rückert 1, 323;
als niederschlag (5)
zu boden fallen, bildlich: obgleich Pelz die vergangenheit erschöpft hatte, so schlug sich doch aus jeder woche wieder frische nieder, und sein ufer wuchs täglich. J. Paul
leben Fibels 191. IIIIII.
intransitiv. III@11)
plötzlich und heftig niederfallen, mit einem schlage auffallen: die kugeln schlugen dutzendweise vor der eskadron nieder. Göthe 30, 70. III@22)
als niederschlag (4
und 5)
zu boden fallen: die nebel .. schlugen als thau nieder. Göthe 51, 209.