strömung,
f. ,
deverbale von strömen.
junge ableitung, die ihre entstehung der doppeldeutigkeit von strom
als '
flusz'
und '
strömung'
verdankt. Stieler
s aufzeichnung des wortes stammb. 2213 (1691)
erregt den verdacht rein constructiver ansetzung, da es alle bekannteren wörterbücher der folgezeit vermissen lassen, selbst Adelung (1780).
lexikalisch wie litterarisch erst seit dem letzten viertel des 18.
jahrh. bezeugt. von den lexikographen buchen es zuerst Hederich-Schwabe
promptuarium lat. prob. 2
2 (1777), 2911; Heynatz
antibarbarus 2 (1797), 458
ausdrücklich als neu; Campe 4 (1810), 720
a;
die litterarisch ältesten belege (
im sinne von '
meeresströmung')
finden sich in Forster
s reise um die welt 1778 (
sämtl. schr. 1, 62; 2, 186). Bürger
s Iliasübersetzung 1784 (
werke 218
Bohtz; ges. 4
v. 422).
im 19.
jahrh. hat die junge bildung das kurz zuvor unbestrittene strom = '
fluxus aquae'
als simplex in eigentlichem, bildlichem und übertragenem gebrauch völlig verdrängt (
s. 1strom II A 1,
sp. 2; 1 a,
sp. 3; 1 b,
sp. 3/4).
den maa. bleibt sie naturgemäsz fremd (
vgl. II A 1,
sp. 2); sreúmong
bei Christa
Trierer ma. (1927) 2, 202
a zeigt den in jüngster zeit verstärkten einflusz der schriftsprache auf die maa. 11)
eigentlich: die dauernd gleichsinnige bewegung des wassers auf der erdoberfläche, motus aquarum continens. wie älteres strom =
fluxus aquae bezeichnet auch strömung
sowohl die durch das natürliche gefälle in den wasserläufen der erdoberfläche als auch die durch windwirkung, temperaturverhältnisse u. s. w. im weltmeer hervorgerufene dauernd oder lange zeit gleichsinnige bewegung des wassers (
vgl. sp. 2
ff.).
der sachliche nachdruck liegt bei beidem, hier im gegensatz zu strom,
gemäsz der neuzeitlichen erfahrung und auffassung durchaus auf der starken, aber ruhigen stetigkeit der bewegung. fast ausschlieszlich singularisch verwendet. strömung
in flieszenden gewässern: dieser nachen schwamm dann in der schnellen strömung abwärts A. v. Arnim
w. 15, 305
Grimm; die zu ihr gehörigen fische lieben gröszere bäche und flüsse mit starker strömung und kiesigem grunde Wimmer
gesch. d. dt. bodens 401; die strömung (
des Ogowe) ist im unterlauf träge, nimmt aber nach oben bedeutend zu Schweitzer
zw. wasser u. urwald 22.
selten stärker: jetzt rinnst du niedrig, bach meiner heimat, ... aber ich kenne die macht deiner strömung, denn nach dem wettersturz brausest du zornig zwischen den hügeln dahin Freytag
ges. werke 9, 92; die strömung erfaszte den fröhlichen gesellen und risz ihn fort Steub
drei sommer in Tirol 1, 82.
meist ganz ruhig; schon früh: endlich zog die strömung diese unbehilfliche maschine gegen Kastel Göthe I 33, 292
W.; die insekten erhascht er ... im wasser watend ... welche ihm die strömung zuführt Naumann
naturgesch. d. vögel 2, 933. strömung
im offenen meer; gern als stark
u. s. w. charakterisiert: weil er zwischen Japan und Neuspanien starke strömungen wahrgenommen habe Forster
sämtl. schr. 4, 18; eine starke strömung habe sie sehr weit fortgeführt Ratzel
völkerkunde 2, 341; lange kämpften wir gegen die gewaltige strömung, welche hier (
bei Gibraltar) stetig in das Mittelmeer flieszt Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 199.
die stetigkeit der meeresströmungen ist oft nur relativ, nicht absolut: der ausbreitung der Polynesier von west nach ost erwuchsen keine unüberwindlichen schwierigkeiten durch die herrschenden ostpassate und westlich gerichteten strömungen, denn es fehlt nicht an gelegentlichen gegenwinden und gegenströmungen Peschel
völkerkunde 371; wie ein reiches meer mit vielfach wechselnder strömung Fouqué
zauberring (1812) 1, 1. —
in dichterisch gehobener sprache manchmal für die gesamtheit des flieszenden wassers, für strom
als dessen charakteristische eigenschaft: um die strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches bette Platen
werke 1, 6
Hempel; ein kleines flüszchen, wahrscheinlich das urenkelkind jener mächtigen strömungen, die vor jahrtausenden mit gewaltigen massen spielten Holtei
erz. schr. 7, 6; die leiche des Achilles (
wollten) seine trauernden rosse über des Okeanos strömung tragen Welcker
alte denkmäler 2, 234. 22)
übertragen: strömung
als stetige oder länger andauernde gleichsinnige bewegung bei concreten medien. nicht allzu häufig; oft in ungewöhnlicher verwendung. von anderen flüssigkeiten: sie wirft sich auf die blutbedeckte leiche, die ihrer zähren strömung überwallt Gries
Ariostos rasender Roland 3, 31; den ersten einzelnen tropfen folgte nun in geraden regelmäszigen strömungen ein wassergusz Holtei
erz. schr. 1, 143; sie wärmte auch die glieder des alten und brachte sein blut in schnellere strömung v. Polenz
Büttnerbauer 2, 272; die abwärts gerichtete strömung des bildungssaftes Roszmäszler
d. wald 172.
von gasförmigen stoffen: er setzt gleichsam dem strome des wassers die strömung der luft entgegen v. Brinckmann
filos. ansichten 55; einflusz des windes, der mit seiner trockenwarmen strömung die sehnen überreizt Laistner
nebelsagen 91; die luft wogte in warmen, üppigen strömungen Laube
ges. schr. 9, 98.
von der ausbreitung des magnetischen und elektrischen fluidums: ich will sehen, ob hier eine magnetische strömung stattfand Gutzkow
ritter v. geiste 4, 327; es war, als ob von dieser berührung (
des haars der geliebten) eine warme elektrische strömung ausginge Seidel
vorstadtgesch.2 51.
von der bewegung compacter menschenmassen: die einzige strömung, die von osten gegen westen eingetreten, die des Attila Fr. Schlegel
dt. museum 4, 335; die strömung (
der auf der strasze auf und ab wogenden menschenmenge) risz uns in den kunstverein Hebbel
werke 9, 388
Wern.; die siegreichen verbündeten ergossen sich nun in verschiedenen strömungen nach den bischöflichen gebieten Ranke
sämtl. werke 9, 306. 33)
bildlich dagegen entfaltet das junge strömung
wie strom
das extensivste leben. im unterschied von diesem wird es zur charakteristik seelischer oder geistiger vorgänge verwendet, bei denen der sachliche nachdruck auf der unbestimmten abgrenzung der bewegung oder des bewegten, auf dem in einer bestimmten richtung erfolgenden fluctuieren des vorgangs liegt. es bezieht sich also auf unschärfer ablaufende oder empfundene vorgänge als strom
und neigt daher zu stärkerer abstraction. als äuszeres symbol für das verblassen der eigentlichen vorstellung von strömung
stellt sich das deutliche überwiegen des pluralischen gebrauchs dar. 3@aa)
als metapher für die starke, gleichsinnig gerichtete bewegtheit der seele oder des gefühls. seit dem beginn des 19.
jahrh.; nicht allzu häufig: ich begreife es, weil ich deine strömungen kenne und oft von ihnen mitgerissen bin worden Bettine
Günderode 1, 236.
für gewöhnlich rein abstract: ein herzinniges wohlwollen und wohlbehagen tauschte sich in fröhlichen strömungen gegeneinander aus Fouqué
zauberring 1, 205; dann erhebt sich eine kraft in ihm (
dem herzen), die in sanfter strömung linderung bietet
M. Meyr
erz. aus d. Ries 1, 54; jetzt trafen zwei strömungen in seiner brust aufeinander, und daraus entstand wenigstens für den moment die innerlichste klarheit Raabe
Abu Telfan (1870) 2, 176. 3@bb)
zur bezeichnung einer ausgeprägten geistigen grundhaltung oder einstellung, die in eine bestimmte richtung weist und alle, die mit ihr in berührung kommen, in ihren bann zieht und mit sich fortführt. seit der mitte des 19.
jahrh. begegnet strömung
in dieser ursprünglich metaphorischen verwendung am häufigsten; sie erhält im 20.
jahrh. geradezu schlagwortartigen charakter: gut aber ist es, dasz auch Deutschland sich in die strömung, da sie nun einmal in die zeit sich ergieszen sollte, mit seinen kräften warf Immermann
werke 18, 32
Hempel; das deutsche staatsschiff durch die strömungen der coalition zu steuern Bismarck
ged. u. erinn. 2, 293
volksausg. für gewöhnlich von der concreten bedeutung als selbständig weiter entwickelter abstracter begriff losgelöst: standhaft musz man seine stellung zu behaupten suchen, bis die strömung vorüber gegangen ist Göthe I 42, 2, 503
W.; die strömung der zeit kam in ganz Europa dem fürstlichen souveränitätsgelüste zu hülfe L. Häusser
dt. gesch. 1, 114;
in dieser wendung beliebt; daher zusammengerückt als zeitströmung,
mit werthaccent als modeströmung; damals aber, wo die strömung der öffentlichen meinung gegen sie ging Ranke
sämtl. werke 9, 7; in versammlungen dieser art ist es mehr allgemeine strömung als individuelle überzeugung, was den ausschlag gibt
ebd. 31, 244; die den Polen freundliche strömung Bismarck
ged. u. erinn. 1, 335
volksausg.; (
die) strömungen deutschen geisteslebens Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 1, 199.
durch vorangestelltes adj. wird solche abstracte strömung
seit 1850
gern einem bestimmten sachgebiet geistiger erscheinungen zugeordnet: so giebt es neben allgemein geistigen nationale, politische, culturelle, religiöse, sociale, litterarische, künstlerische,
anders gewendet zeitliche, vorübergehende, augenblickliche strömungen.
beispiele: wie schwer ist es bei Scharnhorst, ihn einer der groszen geistigen strömungen, die wir bezeichneten, zuzuweisen Meinecke
leben Boyens 1, 168; Nicolovius, ein tiefes, von der religiösen strömung der zeit im innersten bewegtes gemüt Treitschke
dt. gesch. i. 19.
jahrh. 1, 279; das durfte nicht hindern, politischen strömungen in der Türkei entgegenzutreten Hindenburg
aus meinem leben 208.
die gewöhnlichkeit dieser verwendung führt zu kühnen augenblicksbildungen: die antiministerielle strömung,
d. h. die miszgunst, mit der ich von vielen meiner standesgenossen ... behandelt wurde Bismarck
ged. u. erinn. 2, 188
volksausg.; unter dem einflusz einer herrnhutischen und dann wieder einer geisterseherischen strömung Fontane
ges. werke I 2, 502. 3@cc)
in sonstiger metaphorischer verwendung nur gelegentlich; daher bildnäher. bei klangvorstellungen: noch überzieht diese aufsteigenden wirbel die rhythmische strömung einer längeren rede Freytag
ges. werke 14, 284.
häufiger für bewegungen innerhalb einer thatsachengruppe: liesze es die ungebändigte strömung der ereignisse zu Chamisso
werke (1836) 5, 228; gewisz gibt es glückliche und unglückliche strömungen in der lebensperiode Pückler
briefe eines verstorbenen 4, 104; die verschiedenen strömungen der weltgeschichte Ranke
sämtl. werke 38, 3; geschichte zu studieren, indem sich hier unserem blicke strömungen sowohl als unbewegliche stellen zeigen H. Grimm
Michelangelo 1, 54.
manchmal sehr seltsam: mitten in den groszen strömungen des österreichischen successionskrieges Scheffel
ges. werke (1907) 3, 139; wie die im begriff geld schlieszlich vereinigten strömungen eng mit der entwicklung der menschheit überhaupt verbunden sind Luschin v. Ebengreuth
münzkunde u. geldgesch. 16. 44)
compositionen (
meist in eigentlicher verwendung, vornehmlich von meeresströmungen; übertragen selten: in bezug auf den elektrischen strom)
begegnen erst seit dem ausgang des 19.
jahrh. in nicht allzu groszer zahl: auswirkung der thatsache, dasz strom
in zusammensetzungen die ursprüngliche bedeutung fluxus (
aquae)
länger bewahrt und vielfach bis heute nicht aufgegeben hat (
vgl. stromgeschwindigkeit, -schnelle, -stärke
u. s. w.).
überwiegend findet sich bei den folgenden beispielen in der gegenwartssprache der zweite bestandtheil häufiger mit strom
verkoppelt (
s. dort).