gosche,
goschen, gusche,
f. ,
maul. form und verbreitung. zusammenhang mit der idg. wz. ghēu- '
gähnen, klaffen'
ist für das spät bezeugte dialektwort nicht nachzuweisen (
vgl. Walde-Pokorny 1, 566).
seit der mitte des 16.
jhs. begegnen in obd. u. md. volkstümlichen schwänken und [] satiren alle anwendungen des wortes. es ist heute im obd. und md. lebendig, während es für das nd. neben konkurrierendem snut
nur schwach bezeugt ist: gosche, goske, guske Berghaus
sprachsch. d. Sassen 595; goske
brem.-nds. wb. 2 (1767) 531; gusche Teuchert
neumärk. 159; gosche Dähnert
plattd. (1781) 158.
die normalform ist gosche, so auch in obd. maa.: Fischer
schwäb. 3, 752; Martin-Lienhart
elsäss. 1, 238; Unger-Khull
steir. 300; Loritza
Wien 53.
apokopiert gosch: Schöpf
Tirol 200; Staub-Tobler 2, 480; Fischer
a. a. o.; Martin-Lienhart
a. a. o.; Follmann
lothr. 211; Autenrieth
pfälz. 55;
rhein. wb. 2, 1308 (
rheinfränk. und südl. moselfränk.); Heinzerling-Reuter
Siegerl. 94; Schröer
ungr. bergl. 244.
daneben, literarisch von anfang an ebenso häufig, goschen: Schmeller-Fr. 1, 952; Regel
Ruhla 198; Ruckert
Unterfrk. 63.
gusche herrscht im ostmd.: Müller-Fraureuth 1, 451; Gerbet
Vogtld. 359; Albrecht
Leipz. 127; Anton
Oberlausitz 1, 12; Weinhold
schles. 31; Th. Bernd (1820) 84; Frischbier
pr. wb. 1, 259
b. gusche
neben gosche
in Thüringen und Hessen: Hertel 111; Vilmar 141; gosche, guschel Reinwald
Henneberg 1, 53.
apokopiert gusch: Askenasy
Frankf. 72; Kehrein
Nassau 178;
rhein. wb. a. a. o. (
rheinfränk.). —
in der Schweiz neben gosche
auch (
ablautend?) giesch Staub-Tobler 2, 479
und gOeuschen (
einziger belegter plural):
tonuit inhians tria Cerberus ora der seine drey gOeuschen oder schlünd aufthat Frisius
dict. (1556) 699
a.
vereinzelte maskuline formen sind goschen, giesch Staub-Tobler
a. a. o. und der gosch
als übername Lexer
Kärnten 118.
gebrauch. 11)
tiermaul, bes. des rindes: Staub-Tobler 2, 480; Hunziker
Aargau 110; einen kurtzen, gedruckten, breiten kopff und goschen (
soll ein stier haben) Hohberg
georg. curiosa (1682) 2, 268
a. —
des pferdes oder esels: alsbald zog das pferd ganz zam die goschen zurück
Augsburger quelle von 1738
bei Schöpf
Tirol 200; dann sie (
die esel) dörffen die gosch nicht recht inns wasser stossen, förchten sie netzen die ohren Fischart
Garg. 337
ndr. —
selten auch vom hund: zwei jungen, schlank und stark, die mit beschämten blicken ..... die teller wechseln, trank und speise reichen und beiden hunden oft die gosche trocken streichen L. H. v. Nicolai
verm. ged. 1 (1792) 124; (
der hund) het in der gosch ... im herr sin unterhosse Böse
schatzk. 291
bei Schmidt
Straszburg 43. —
vom frosch wegen der besonderen breite des maules: da war ein hochstudirter frosch mit runzlichter stirn und breiter gosch Schubart
sämtl. ged. (1825) 2, 245; wenn der verschlinger droht im strom dem armen frosche, nimmt er ein breites schilf geschwind in seine gosche Rückert
ges. poet. w. (1867) 8, 464.
nur vereinzelt für eine schmalere, spitz zulaufende schnauze wie beim igel: (
es gibt) hunds-igel und säu-igel, welche eine spitzigere goschen haben Hohberg
georg. curiosa (1682) 2, 641
a.
vgl.: 'länglichte goschen eines thiers
rostrum, promuscis'
onomasticon von 1735
bei Schmeller-Frommann 1, 952. 22)
für den menschlichen mund als derber und meist verächtlicher ausdruck. 2@aa)
in verächtlichem vergleich mit tieren, bes. mit dem frosche, zur bezeichnung der grösze des mundes: man sicht am quacken und der gosch, das du bist ein frosch Fischart
Garg. 303
ndr.; er geht, macht eine gosch' als wie ein frosch (1783)
allg. dt. bibl. (1765) 60, 139; mein hauszfrau die heist Katharein, sie hat ein goschen wie ein saw
grillenvertreiber (1670) 1, 69. 2@bb)
als weiter, weit geöffneter oder gieriger mund gekennzeichnet: rictum distendere den schlund aufthun, die
[] goschen zerzeeren Frisius
dict. (1556) 432
a; gosche
per contemtum os dicitur, seu potius rictus oris Stieler
stammb. (1691) 1017; dann er het ein treflich grosz weyt maul ... das möcht mir ein guote gossche oder plerpe sein, die einer fuormanns-tasche nit ubel anstünde Lindener
katzipori 142
lit. ver.; wie hat er so ein weite goschen! zwen hetten wol habern drinn droschen H. Sachs 20, 121
lit. ver.; vnd nimpt darmit die eyer beid, schlAechts auff vnd macht die goschen weit Fischart
w. 1, 391
Hauffen; damit fienge ich ein jämmerliches geschrey an, und risse die gosche so angel-weit auf, dasz einer mit einem reitsattel hinein fahren mögen
jungfer Robinsone (
um 1730) 29; und hiemit gebote er, man solte ... ihnen eine starcke dosis eines vomitives mit gewalt in ihre gefräszige goschen schütten Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 528. 2@cc)
als derber ausdruck für den mund schlechthin, auch ohne verächtlichen unterton, vor allem in der mundart: da schmeiszt ihm ein katz ohngefehr vom dach auff sein grosz gosch daher Fröreisen (1613)
bei Dähnhardt
griech. dramen 2, 176; ein weib soll schweigen still vnd nicht die zAene blecken noch auch vor trutz vnd stutz die zung zur gosch auszstrecken Moscherosch
gesichte (1650) 2, 345; also stosze jo kein ey umb; sondern stosze den dnnen plunder vielmehr zur gosche hinein Prätorius
glückstopf (1669) 437; wie wässert ihm die gusche! Diana sprützt ihm in die fresse (1776)
allg. dt. bibl., anh. z. bd. 25/36, 3000; koan zond (
habe ich) mear i dar gosch und zittar wia a frosch
bei Schöpf
Tirol 200; mir is mei ziehgarr ganz derloschen, lang han i s'kalter in der goschen K. Stieler
ged. 2, 53
Reclam. 2@dd)
für das äuszere des mundes, die lippen oder die mundpartie als teil des gesichtes: auf dem lock-heerd ihrer rothen goschen Riemer
polit. hasenkopf (1689) 190; was liebte sie an dir? ... die gosche, welche du in tausend falten ränckst? Abschatz
der teutsch-redende treue schäffer 1, 63; er mag ihm das maul mit einem stücke specke schmieren, so sihet er desto glätter aus umbs mundstück, und kan mit einer schmutzigen goschen zum fenster aus kucken Gryphius
P. Squenz 12
ndr.; wann du das glas ansetzen wilst, ... so wische das maul nicht vorher, sondern sauffe mit schmutziger goschen
Ludwig Tölpels bauren moral (1752) 13; ist ihm solcher (
sein langer bart) durch göttliche straff alsobald auszgefallen, dasz er ... nachmahls solches nackendes maul vnd lederne goschen bisz in den todt behalten Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 123; ich will auch dem schulzen das nächstemal das fell von der gusche abkratzen C.
F. Weisze
kom. opern (1772) 2, 294. —
gern bei schilderung einer schlägerei: und schlegt den guoten kürschner für sein schnautzen, das im die griffen an der goschen kleben Lindener
katzipori 160
lit. ver.; ihr gesellen! werdet nit nachlassen, bisz man euch mit blutiger goschen heimschicket
französ. Simplizissimus (1683) 2, 132; so gab er mir unversehener weise eine presche, dasz mir die gusche flugs wie eine bratwurst davon aufflieff Chr. Reuter
Schelmuffsky 118
ndr. —
besonders in wendungen wie: einem eins auf die gosche geben
os alicui obtundere Stieler
stammb. (1691) 1017; ich geb dir schier ein guts inn goschen H. Sachs 14, 97
lit. ver.; könnte ich fechten, o wie wollte ich ihn auf die goschen stoszen, dass ihm seine frauenzimmerzähne heraus springen sollten Zend. a Zendoriis
teutsche winternächte (1682) 651; wart, lasz nur die herrn fort sein, ich will dir die gosche zerklopfen Salzmann
krebsbüchl. (1788) 212; von
[] den herumfliegenden krügen (
könnte) ein promenirender badegast leicht eins an die gosche bekommen (1809) W. Grimm
bei R. Steig
Achim v. Arnim u. die ihm nahe standen 3 (1904) 38. 2@ee)
erweitert für das gesicht: die stralen der sonnen, so ihme gerad vff die gosche schienen Bastel v.
d. Sohle
don Kichotte (1648) 93; da denn bald ein wind entstanden ist, der den baum geschüttelt hat, dasz etliche steine und knüttel, damit andere vor ihme selbigem baume zugesetzt hatten, davon dem limmel auff die gusche gefallen sein J. Prätorius
wündschel-ruthen (1667) 310. —
auch: '
gurgel'
rhein. wb. 2, 1308; '
kropf' Bacher
Lusern 261; '
abhängende lippe' Vollbeding
plattdt. 27 (
vgl. d. folg.). 2@ff)
im hinblick auf die mimik des mundes zur kennzeichnung eines mürrischen gesichtsausdrucks eine gosche machen, die gosche hängen,
wie unter maul 4 c: mögn nacher unsre feynd ein goschn machn, wiesz wölln Schwabe
tintenfässl (1745) B 8
b vorrede; mag nacher die gehrt jungfferer goschn bis auff d'erd abi henckn, daffür kan ich ninx
ebda F 5
b; ich ... häng den kopf und häng die goschen, als wie a mistlöwerl für 'nen groschen Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 7, 455; machst ä goschen wie ä lapp A. Hartmann
volksschausp. i. Bayern (1880) 368. 2@gg)
für den sprechenden mund in zahlreichen redewendungen (
in gleicher verwendung wie mund [
s. dort], maul [
s. dort]): ich geschweige, dasz ihre gusche ihnen solche ehre (
zu grüszen) zu erst anthun solte: sie vermeinten das glücke lief ihnen zum halsz und maul herausz J. Prätorius
glückstopf (1669) 459; murrender mensch, ... lege den finger auf deine murrende goschen Abr. a
s. Clara
etwas f. alle 2 (1711) 202; doch hat er dazu auch nicht ganz still geschwiegen, sondern seine gosch auch aufs best er gekundt, gebraucht Messerschmid
esels adel (1617) 93; sie nehmen mir das wort aus der gusche Hafner
ges. lustsp. (1812) 1, 112; he, mistfink, was bist du denn so mit der gusche voran? Hauptmann
Griselda (1909) 43.
besonders die gosche auftun: thut doch die gusche ein wenig auff
engl. comedien u. tragedien (1624) Cc 8
a; hätten sie die gosche aufgethan und zur rechten zeit geredet Gotthelf
Uli d. knecht (1846) 266. die gosche halten: halt die gosche!
digito compesce labellum Stieler
stammb. (1691) 1017; darumb so halt dein gosch, du frosch, weil nichts auf häuslichkeit verstohst Fischart
w. 3, 159
Hauffen; deine goschen halt, schlechter wicht! Rosegger
schr. (1895) I 7, 66. die gosche geht
für ein geschwätziges mundwerk, mundartl. in vergleichen wie: de gusch is gangn, as üb ēs mit an steckn an zaun hinfährt Rother
schles. sprichw. 262; r goschen gt bi ä klappermölln Regel
Ruhla 198.
für ein boshaftes mundwerk mit derben attributen (
ähnlich wie bei maul): die ... jhre vngewaschne goschen im zaumb zu halten lernen sollen Guarinonius
grewel der verwüstung (1610) 234; mit solchem hat ja der gedrittige Iob sein cron erlangt, unnd dem teufel sein unverschambte goschen verstopfft Merckel
creutz schuel (1636) 586; ich sage es immer, du habest die uverschanteste (
sic!) gosche vo d'r welt Gotthelf
schuldenbauer (1854) 57; was unterstehstu dich, mit deiner losen goschen zu liegen unverschamt Hohberg
habsburg. Ottobert (1664) A a 4
a.
prägnant '
schwatzmaul', '
lästermaul'
in der wendung eine gosche haben: er het e gosch
ist schwatzhaft Martin-Lienhart
elsäss. 1, 239; ene gusche haben
ein loses maul haben Th. Bernd (1820) 84. 33)
übertragungen: 3@aa)
aus der redensart eins auf die gosche geben
wird eine gosche geben, gosche
steht für '
ohrfeige',
bes. im obd.: wann ich dann sag, mein mann, acht tag hausz ich nit von eim groschen, musz haben mehr, so geht er her und gibt mir noch ein goschen (16.
jh.) Mittler
dt. volkslieder (1865) 595;
[] y, dass ich dir ... nit gib ein goschen Murer
bei Staub-Tobler 2, 480; a goschen geben
ohrfeige Zaupser
oberpfälz. 31; Delling
bair. 1, 229; Schöpf
Tirol 200; Lexer
Kärnten 118; Loritza
Wien 53. 3@bb)
auf dem wege über '
schwatzmaul'
wird gosche '
schwätzer',
bes. mundartl. belegt, z. b. nordwestböhm. Blumer 44;
elsäss. Martin-Lienhart 1, 239;
schweiz. Staub-Tobler 2, 480.
literarisch: sind sie nicht würdig dasz man einer solchen goschen den pantoffel ums maul schlage J. Kraus
lutherischer scrupulant (1714) 18; ey, du gottlose goschen! ... geh mir aus den (!) gesicht
sammlung v. schauspielen (
Wien 1764) 6,
haush n. d. mode 95. — '
übles nachreden': âme a gosche umhengin Lexer
Kärnten 118; einem eine gosche anhängen Unger-Khull
steir. 300. 44)
zusammensetzungen mit gosche
nur mundartlich und in der derben umgangssprache: