verschweigen,
verb. ,
im nhd. durchweg stark flectierend; in der entwickelten nhd. schriftsprache ist die bedeutung eine einförmige, nur hat das part. perf. verschwiegen
eine gesonderte anwendung erhalten. Maaler
verzeichnet neben verschweigen
in gleicher bedeutung verschwygen. 430
b c; verschweigen, nit gedencken. Hulsius
dict. (1616) 354
b; stillschweigen
et verschweigen,
conticere, reticere, vocem comprimere. Stieler 1965;
dieses nhd. verschweigen
entspricht nach form und bedeutung dem mhd. verswîgen, versweic, verswigen (
mhd. wb. 2, 2, 788
b. Lexer
mhd. handwb. 3, 263);
weder das schwache verb. verswîgen (
gleichbedeutend dem starken; ahd. firswîgê
n. Craff 6, 860,
vgl. angels. forswîgian)
noch das schwache versweigen,
bringe zum schweigen, haben sich im nhd. erhalten. nld. verswijgen,
silentio supprimere Kilian (1777) 2, 730
a;
niederd. verswîgen Woeste
wb. d. westf. mundart 296
a. Schambach
wb. d. niederd. mundart von Göttingen-Grubenhagen 267
b. Mi
wb. d. mecklenb.-vorpomm. mundart 103
a. Dähnert
plattd. wb. 528
a. ten Doornkaat Koolman
ostfries. wb. 1, 469
a;
das g (j)
kann hinter dem î
in älterer sprache völlig schwinden: wolde es nû nicht lenger vorbergen
noch vorswîen, sunder sprach.
Griseldis 20, 20
bei Schröder; ebenso hinter ei,
sogar im auslaut: vertrawte ding nicht offenbar, sondern im hertzen fest verschwey und keines mans verrehter sei. Ringwaldt
die lauter wahrheit (1597) 132;
er reimt verschweigen
auf freyen: denn da ich eins mein grosze schuld gedachte
zu verschweigen: unnd mich durch werck von sünden wolt, ausz eygnen kreftten freyen.
geistl. lieder (1598) A 7
b;
auf schreyen: darauff das volck, so forn an gieng, jhm hart gebot zu schweigen, er aber gar viel mehr anfieng, mit voller stimm zu sehreyen.
evangel. (1616) K 8
a 11) verschweigen
wird im nhd. gewöhnlich mit object gebraucht, das durch einen accusativ oder einen abhängigen satz ausgedrückt wird, seltner aus dem zusammenhange zu ergänzen ist (
vgl. schweigen I, 8,
th. 9,
sp. 2426);
die person, der man etwas nicht sagt, verborgen hält, steht im dativ; oft liegt schon im begriff des verbums, dasz man etwas geheim hält, das man eigentlich offenbaren sollte, besonders im gegensatz zu anderem, mit dem man nicht zurückhält, oder das man wenigstens unter gewöhnlichen umständen nach der erwartung anderer mitteilen, bekannt machen würde; doch ist dieser nebensinn, der natürlich in der verbindung mit dem dativ besonders hervortritt, nicht notwendig mit dem verbum verbunden, der begriff des verbums scheint sich aber in neuerer sprache in dieser richtung einzuengen, so dasz er mehr zu '
gestehen'
als zu '
ausplaudern, aussprechen, kundmachen'
gegensätzlich empfunden wird; das part. perf. kann durchaus im gewöhnlichen sinne des verbums gebraucht werden (verschwiegen werden);
in der wendung verschwiegen bleiben
wird die bedeutung des participiums bisweilen unbestimmter (=
verborgen, geheim).
auch hier bewegt sich noch die ältere nhd. sprache, wie die belege zeigen, mit gröszerer freiheit. du wirst mich ee hencken dann ich das verschweygen; ein unbill verschweygen und thuon als ob er jren nit achte (
vgl.schaden verschweigen
unter 2); eins redlichen thaaten verschweygen und nit ein wort darvon sagen; er kondt oder mocht sein fröud nit verbergen oder verschwygen; ich wird nichts verschwygen, das ich wüsse; seinen kumber verschwygen; verschwigen, heimlich, etwas heimlichs das man verschwigen wil sein; luog was ich dir gesagt hab, das es verschwigen beleybe, oder niemandts innen werde. Maaler 430
c, schweige still, sage ich, verschweige (verbeisse) es. Comenius
sprachenthür. übers. von Docemius (1657) 914; das kann ich nimmermehr verschweigen,
id tacitus nullo modo praeterire possum. Stieler 1965; die wahrheit werschweigen; seine sünden verschweigen; wer seine eigene heimlichkeiten ausschwatzt, der wird anderer ihre nicht verschweigen; er kann nichts verschweigen; verschweige mir nichts; etwas verschwiegen halten. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 709
a b;
freier: eine wahre beym zoll verschweigen und nicht angeben. 709
b; das verschweigen,
reticentia; der eltern schande verschweigen; ich habe nichts verschwiegen; halt es verschwiegen; es wird nimmer verschwiegen bleiben. Steinbach 2, 547; einem etwas verschweigen. Frisch 2, 245
c; ein geheimnisz verschweigen. Adelung; einem eine üble nachricht verschweigen. Campe;
mit dem dativ der person, reflexiv: wir dürfen uns nicht verschweigen, dasz u.
s. w. dâvon sol ich niht verswîgen mînes ebencristen missetât.
Schwabensp. 140, 3
Gengler; vorswegen unde verborgen.
Griseldis 4, 9
Schröder; die frucht und krafft des rechten, warhafftigen opffers, ist verschwiegen und ausgerot. Luther 2, 21
a; weil ers auch selbs im evangelio nicht verschwiegen hat, da er zu jnen spricht. 287
b; der könige und fürsten rat und heimligkeit, sol man verschweigen, aber gottes werck sol man herrlich preisen und offenbaren.
Tob. 12, 8; und sie verschwiegen und verkündigeten niemand nichts in den selbigen tagen, was sie gesehen hatten.
Luc. 9, 36; durch welche das geheimnis offenbaret ist, das von der welt her verschwiegen gewesen ist.
Röm. 16, 25; was sie gefunden, weder aim rath oder niemands zu offenbaren, sonder bisz in iren dodt zu verschwigen.
Zimm. chron.2 3, 278, 9; welcher da ein solich neu wunderbarlich ding nit mocht verschweigen.
Erasmus encom. mor. übers. von Franck 4
b; also musz iede zung, sprach und weisz gott bekennen, auff dasz er niemandt seinen willen zu verschweigen geachtet werden möge. Kirchhof
wendunm. 4, 7
Österley; schmarotzer und fuchsschwäntzer, die meinen guten kopff zum studiren trefflich lobten, sonsten aber alle meine untugenden verschwiegen oder aufs wenigste zu entschuldigen wusten. Grimmelshausen
Simpl. 1, 428, 1
Kurz; aber, wenn er es von einem andern erführe, dasz der prinz mich heute gesprochen? würde mein verschweigen nicht, früh oder spät, seine unruhe vermehren. Lessing
Emilia Galotti 2, 6 (
32, 401), wenn ich bey dieser gelegenheit verschweigen wollte, mit wie vieler rührung und nutzen (
ich das auch gelesen habe). Wieland
bei Lessing
3 8, 28; er musz mir keinen satz deswegen verschweigen, weil er mit seinem system weniger überein kömmt, als mit dem system eines andern. Lessing
3 5, 323; aber verschweigen darf ich nicht, dasz ich seine ausdrückliche genehmhaltung und aufmunterung zu dieser arbeit habe. 11, 321; vergessen hatte herr Klotz meine einschränkungen wohl nicht: aber er verschwieg sie seinem leser mit fleisz. 10, 247; was er von seinen geschäften anzeigen musz, und was er davon verschweigen darf. 2, 195 (
Minna von Barnhelm 2, 2); schon die vorige woche hab ich meinem vater um vergebung geschrieben, hab ihm nicht den kleinsten umstand verschwiegen. Schiller
räuber 1, 2
schauspiel (2, 36); sie berühren hier vorzüge, die auch andere mit ihnen gemein haben. warum verschweigen sie grösere, worinn sie einzig sind?
kabale und liebe 2, 3 (3, 398); freunde offenbaren einander gerade das am deutlichstem was sie einander verschweigen. Göthe
Wilhelm Meisters wanderj. 3, 13 (25, 1, 226
Weim. ausg.); auf andringen Ottiliens habe sie die speisen an ihrer statt genossen; verschwiegen habe sie es wegen bittender und drohender gebärden ihrer gebieterin.
wahlverw. 2, 18 (30, 406); er rühmte die tugend manches vorfahren und seitenverwandten und verschwieg ihre fehler nicht.
Wilhelm Meisters wanderjahre 2, 3 (24, 279); verschwieg ich selbst Schillern diese arbeit.
tag- und jahres-hefte 1801 (35, 91); Beyierlant nicht wart vorsveygen (
man schrie '
Bayerland',
als schlachlruf).
Braunschw. reimchr. 3050; sie swuoren im daʒ siʒ verswigen.
Amis 850; die klage man do nicht versweic Basilio deme bischove.
passion. 128, 46
Köpke; men wetten se wat van guden dyngen van welken heren, groet efte kleyn, dat wert vorswegen int ghemeyn,
Reinke de vos 3950; hett Achab nit syn heymlicheyt synr frowen lezabel geseyt und hett verschwigen solich wort es wer geschehen nit eyn mort. Brant
narrensch. 51, 27; slagt solchs ubel ausz ewrem sinn, das nit verschwigen bleiben mag. H. Sachs 8, 111, 24
Keller-Götze; o mein herr, thut mir nichts verschweigen, es sey für kranckheit, was es wöll. 9, 30, 6; der herr mir das bevelhen thet, das ich sollichs weissagen solt. und als ich das verschweigen wolt, wart sein wort in meim gepain tewer gleich wie eîn flamment brinnendt fewer. 11, 6, 7; mich wundert auch, das er so lang dem könig ist verschwiegen blîeben. 68, 38; das ich thu dir, werde küngin, hoch verschweigen. 135, 16; wiewol ich dir verschweygen thu meiner frawen haimliche duock.
fastn. sp. 1, 49, 370
neudruck; es steckt dahinden noch ein funcken, den sie mit fleisz also verschweigen. Fischart 1, 75, 2851
Kurz; lassen einen andern das redlein treiben, dürfen dennoch guts glücks, sols verschwigen bleiben. Schade
sat. u. pasqu. 1, 57, 117; gots gebot hat er lossen ligen das evangeli verschwygen. Soltau
volksl. 272; so dunckt mich an jr visignomey, das sie fürwar geschnitten sey ausz einer zähen, bösen haut, die nit gern stille sitzt noch ruht, geneigt zu haspeln und zu geigen, und nimmermehr ein wort verschweigen (
die wendung ist formelhaft). B. Waldis
Esop. 4, 67, 44
Kurz; was er weisz, mit darunter rührt, auch zu verschweigen ihm gebürt. Kirchhof
wendunm. 4, 190
Österley; meinstu, es bleib allweg verschwiegen. 255; wer selbst seiner sünd nehme war, verschwieg eins andern mangel gar. Rollenhagen
froschm. (1595) J 5
a; gleich wie auf erden nun die wunderwerck, die er (er dessen wort allein luft, himmel, meer und erden erschaffen) miltreich uns erweiset, nimmermehr verschwigen sollen werden. Weckherlin
ged. (1648) 247; kein pünktlein (
im gesang) bleibt verschwiegen. Spee
trutz-nachtigall 16, 60
Balke; was Stagirites sagt, Pythogoras verschweiget. Opitz (1690) 1, 140; er aber ist durch gottes macht vom tode wieder auffgewacht, hat seiner schaar sich selbst gezeigt, die solches billig nicht verschweigt. 3, 120;
kühner, nach lateinischem vorbilde: wie soll ich auch verschweigen der Charoneer grufft, ausz welcher dünste steigen. 1, 40 (Adelung
irrt also, wenn er meint, dasz verschweigen
c. acc. bei Opitz
nicht vorkomme, sondern nur schweigen); vernehmt es denn, kinder! lange verschwieg ichs. Klopstock
Messias 5, 203; denn es hatte der ruf die geschichte der nacht nicht verschwiegen. 7, 58; was mir Gabriel gern verschweigen wollte, nicht konnte. 9, 229; dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen wie er als kind die otter überwand ... und so verschwieg er auch, dasz eine quelle vor seinem schwert aus trocknem felsen sprang. Göthe
die geheimnisse; vom alten bande löset ungern sich die zunge los, ein lang verschwiegenes geheimnisz endlich zu entdecken.
Iphigenie 1, 3 (10, 15
Weim. ausg.);
freiere wendung mit objectsaccusativ: doch wil ich dine frage nicht vorswien, ich wil dor czu antworten.
Apollonius v. Tyrus 68, 7
Schröder (
vgl.ansprache verschweigen
unter 2); nemlich vordrousz das volk, das he nicht ein wieb nam unde hette erben met ir geczuiet. das selbige vorswegen si (
lieszen sie schweigend geschehen) etliche cziet.
Griseldis 3, 19
Schröder (
vgl. unter 2);
die ältere sprache zeigt mehr syntaktische mannigfaltigkeit, so setzt sie das object auch in den genitiv: nû verswîg wir abe der nôt. Hartmann v. Aue
der arme Heinrich 756.
die person, der man etwas verschweigt, tritt in den accusativ, so entstehen wendungen mit doppeltem accusativ (
vgl. Grimm gr. 4, 622)
oder mit accusativ und genitiv: den gruoʒ er si niht versweic, er dankte in beiden unde neic. v.
d. Hagen
ges. ab. 2, 433, 19; do versweic er iuch deʒ mære. Hartmann von Aue
Iwein 1836; sît daʒ er michs verswigen hât.
Gregor. 2254.
die bezeichnung der person, der man etwas verschweigt, wird durch eine präposition angeknüpft: ich hab meine sünden nicht vor dir verschwiegen, o gott. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 709
b. verschweigen
wird in älterer sprache auch absolut im sinne von verstummen gebraucht: und sind die wolf ûf in geplatzet, daʒ er durch nôt verswîget, sô ist der fröuden hort mir abgeschatzet. Hadamar v. Laber
jagd 514;
die neuere sprache kennt diesen inchoativen gebrauch nicht mehr; das fehlende object ist aus dem zusammenhange zu ergänzen: der hofmann schwieg und verschwieg. der andre suchte sich durch einige wohltönende complimente aus der sache zu ziehen. Göthe
wahlverw. 2, 5 (20, 250
Weim. ausg.); und liegt anch das zünglein in peinlicher hut, verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut.
der getreue Eckart (1, 207); warum, wenns eine gute sache war, verschweigt ihr? Schiller
Maria Stuart 4, 6. verschwiegen
in freierer anwendung: es mögen die verschwiegenen jahre (
von denen man nichts erzählt, über die die geschichte schweigt) Siegfrieds und Halfdans ... krieglos und mild gewesen sein. Dahlmann
dän. gesch. 1, 61. 22)
in der älteren rechtssprache in prägnanter anwendung: nicht rechtzeitig anzeigen, nicht rechtzeitig einspruch erheben u. ä.: wir sprechen, eʒ müge ein iegelîch man sînen
schaden wol verswîgen ob er wil.
Schwabensp. 79, 1
Gengler; der ansprâche verswîget. und hœre ich mîn gût vor gerihte ansprechen mit fürsprechen, verswîge ich daʒ, eʒ mac mir schade werden. verswîge aber ich die ansprâche durch mînes lîbes nôt, und mac ich darnâch daʒ bereden mit mînen zwein vingern, so schadet mir die ansprâche niht. 264; disse drü ungerichte sal he to male klagen. svelk ere he verswiget, he havet sin kamp verlorn.
Sachsensp. 1, 63, 1; were es sache, dasz eigengutt verstürbe oder verkaufft würde inn ungenossen hende etc verschwigen dasz die rechten erben, mitt ihrem wissen, bisz dasz daz gericht und recht überginge, so sollen sie auch hernach schweigen erblich und ewiglich.
quelle von 1532
bei Haltaus 1890; das lehen verschweigen,
die erneuerung der belehnung nicht bewirken. verschwiegene lehen
solche, bei denen die belehnung nicht erneuert ist. Haltaus
ebenda; sich verschweigen,
sein recht einbüszen, sich rechtlich schädigen. durch versäumen gesetzlicher ansprüche, klage u. ä.: an egene unde an huven mach sik die Sasse verswigen binnen drittich jaren unde jar unde dage unde er nicht. dat rike und de Svave ne mogen sük nümmer verswigen an irme erve, de wile se't getugen mogen.
Sachsensp. 1, 29;
vgl. Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 470
b. Haltaus
a. a. o.; dasz sie sich meines bedunckenns, wo ferne esz ihnen vonn meinem gn. fursten und herrn nicht aus sundern gnaden nachgelasenn wirdet, in solcher langer zeit als 52 jahren darann vorschwiegen habenn sollenn.
quelle im Weim. archiv von 1572; des reichs schatzkammer kan sich nimmer verschweigen. Schottel 646
b; sich verschweigen
auszerhalb der rechtssprache, sich verhüllen, verbergen: Adams erstes hosen-tuch waren blätter von den feigen: sünde, macht sich jmmer recht, oder wil sich ja verschweigen. Logau 3, 30, 40. sich verschweigen,
seinen namen nicht nennen: Paulus thuot nit verschweigen sich. Brant
narrensch. hrsg. von Zarncke s. 170
b (
vgl. mhd. wb. 2, 2, 789
a). 33)
das part. perf. verschwigen
wird in dem uns geläufigen sinne schon in älterer sprache gebraucht: darumb ist der pfaffe verschwigen,
altd. gedichte 106, 28
Keller;
ebenso im gegensatz unverswigen,
vgl. mhd. wb. 2, 2, 789
b. Lexer
mhd. handwb. 3, 264;
daneben kann aber verswigen
in einem sinne angewandt werden, den das nhd. nicht kennt, im sinn von schweigend, nicht sprechend, so von Antanor im Parzival: der verswigen Antanor, der durch swîgen dûht ein tôr. 152, 23;
vgl. noch: unsprechent ich si zallen zîten bite, in stummer wîs unt mit verswigenem muote, sus vlêhe ich si nâch tôren site.
minnes. 1, 309
a Hagen. verschwiegen
ist im nhd. fast ausschlieszlich (
doch s. zu ende dieses abschnittes)
der aus discretion schweigende, der eignes oder anvertrautes nicht ausplaudert; dabei kann es sich nach dem zusammenhang auf einen bestimmten fall beziehen oder ganz allgemein eine dauernde eigenschaft bezeichnen; zunächst auf personen bezogen wird das wort leicht übertragen, auf substitute der persönlichkeit, gemüt, zunge, brust
u. ä. daneben aber in zahlreichen freieren verbindungen: verschwiegene liebe,
von orten: verschwiegene ecke, verschwiegnes plätzchen
u. s. w. verschwigen, der wol schweygen mag. verschwigner mensch,
alti et egregii silentii homo. Maaler 430
c; verschwiegen, der ein ding nicht auszträgt. Hulsius
dict. (1616) 355
a; er ist nicht wäschhafftig, oder ein possenschwätzer, sondern verschwiegen. Comenius
sprachenthür übers. von Docemius (1657) 831; verschwiegen,
silentii fide praeditus. Stieler 1966; ein secretarius und ein raht musz verschwiegen seyn. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 709
b; ein unverschwiegener kerl,
homo loquax. Steinbach 2, 547; ein verschwiegener freund. Adelung; eine verschwiegene frau kann man schon zu den seltenheiten zählen. Campe.
nd. he is so ferswä
gen. ten Doornkaat Koolman
ostfries. wb. 1, 469
a. dyne wort und werk vertruwe dynen verschwignen fründen. Steinhöwel
Äsop 70
Österley; der getreu und verschwiegen seye. Moscherosch
gesichte 1, 61 (1650); wann ich dasmal verschwiegen bin, so bin ichs aus noth. Lessing
die juden 14 (
31, 398); Wentzel, ich darff zu einer sache dein. du must aber verschwigen sein. H. Sachs 8, 277, 34
Keller-Götze; und nimmt man denn ein weib, so wird uns creutz und kummer ein rechter zeit-vertreib: da müssen wir verschwiegen, ach ungemach! uns unter hörner schmiegen. Günther
ged. 107.
freiere verbindungen: ins zweymal neunte jahr, mit stummer ungeduld, bewahrt', auf besserung, sie mein verschwiegnes pult. Lessing
3 1, 1; du kennest Damons herz! auch in verschwiegnen lauben ist's, wie die quelle, rein. Gotter
ged. 1, 29 (1787); du zählst die thränen, in verschwiegner nacht, mit denen ich mein lager netze. 389; der noth gehorchend, nicht dem eignen trieb, tret' ich, ihr greisen häupter dieser stadt, heraus zu euch aus den verschwiegenen gemächern meines frauensaals. Schiller
die braut v. Messina 1, 1 (14, 15); hier belauscht sie der dichter und hört die schönen gesänge, sieht verschwiegener tänze geheimniszvolle bewegung. Göthe
geweihter platz (2, 128
Weim. ausg.) hast du mich vergessen, lieber? bist du meiner nicht bewuszt in dem holdsten, tiefsten plätzchen, dem verschwiegensten der brust. Immermann
Merlin (15, 91
Boxberger).
doch kann auch im nhd. eine andre verwendung des part. (
vgl. zu anfang dieses abschnittes)
gewagt werden; schweigend: wir saszen ganz verschwiegen mit innigem vergnügen, das herz kaum merklich schlug. was sollten wir auch sagen? was konnten wir uns fragen? wir wuszten ja genug. Uhland
ged. 1, 22
Schmidt-Hartmann; geschwiegen habend: verschwiegne saiten! stimmt euch wieder, kein tag war mehr der musen werth! Haller
ged. 146
Hirzel; verschwiegen
als adverb, heimlich: warf es in brunnen hinein ganz verschwiegen und verstolen.
narrenbuch 108, 562
Bobertag. ohne warnungszeichen, unversehens: als sie nun auf die bäum stigen, da brachen dle bäum verschwiegen. 111, 669. 44) verschweige
elliptisch wie geschweige: nicht nur 3 kronen thäte ich geben, was bereits drauszen ist, verschweige dann das was noch drinnen ist. Gotthelf
schuldenbauer (1854) 41; verschwige dass. Hunziker
Aargauer wb. 83;
zusammengezogen: verschwiges Tobler
appenz. sprachschatz 187
b; verschwîgs, verschwings; dat hebb' öck noch sinn tag' nich gesehne, verschwiegs gegête. Frischbier
preusz. wb. 2, 441
b. 55)
zum adverbial gebrauchten verschwiegen (
heimlich)
bringt Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 709
b die nebenform verschwiegends.