tuten,
vb. ,
einen tut-
ähnlichen klang hervorbringen; onomatopoetische bildung des ndl.-nd. raumes, wohl ohne unmittelbaren zusammenhang mit weiteren idg. parallelen (
s. Walde-Pokorny 1, 745;
journal of engl. and germ. phil. 31, 422; Hirt
etym. d. nhd. spr. 55
und über die art der wortbildung bei Wackernagel
voces variae animantium 79
u. Wilmanns
dt. gr. 2, 23),
vgl. jedoch aisl. tauta, tutla
murren. —
mndl. toeten, tuten, tuyten Verwijs-Verdam 8, 486
u. 781;
mnd. tuten Schiller-Lübben 4, 634;
von da ins engl. (to toot,
erstbeleg 1510 Murray 10, 1, 138)
und in die nord. sprachen (
dän. tude,
schwed. tuta)
gedrungen, wo es mit einer bildung älteren typus zusammentraf (
ags. þūtan
neben þēotan
heulen, widerhallen, lärmen; aisl. þjōta
heulen, einen starken ton geben; ahd. diozan
laut tönen, vgl. auch got. þuthaúrn
trompete, s. Falk-Torp 1296, Hellquist
31249
u. Walde-Pokorny
a. a. o.).
auf hd. sprachgebiet zuerst im md. des 14.
jhs. nachweisbar: tuten Diefenbach
gl. 152
b s. v. cornutare; tûtin
md. schachbuch (
s. u.A 1 b
α);
daneben findet sich früh die umgelautete form (
bereits bei Frauenlob
in der komposition ertiuten,
s. u.B 1;
s. auch V. Moser
frühnhd. gr. 1, 3 [1951] 205): tüten
fastnachtsp. (15.
jh., s. u. A 1 b
β);
mit anlautender lenis; dytten (15.
jh., md.) Diefenbach
a. a. o. (
s. auch unter duten
teil 2,
sp. 1767);
vereinzelt mit nhd. diphthongierung: teuten Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2042 (
s. teil 11, 1, 1,
sp. 294). —
mundartlich weit verbreitet: tûte Jensen
nordfries. 649; Schmidt-Petersen
nordfries. 143; tûten Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 453; tūtə Siebs
Helgoland 297; tuten, tüten Mensing
schlesw.-holst. 5, 192
u. 210; Schütze
holst. 1, 274; tuutn Teuchert
neumärk. 243; tuten Mi
mecklenb.-vorpomm. 95; Müller
Reuter-lex. 141; Meyer
d. richtige Berliner (1904) 121; Krüger
plattdt. (Emden) 70; Köppen
plattdt. (Dortmund) 61; Block
Eilsdorf 99; Frederking
Hahlen b. Minden 33; Schambach
Göttingen 237; Bauer-Collitz
waldeck. 105; Böger
Schwalenberg 166; tûten Liesenberg
Stieger ma. 138; tuten, tiuten Deiter
Hastenbeck (nachtr.) 65; tuten, tüten Waldbrühl
rhingscher klaaf 214; Leithäuser
Barmer ma. 162;
Elberfelder ma. 167; Schmidt
Westerwald 273; töte, tüte Rovenhagen
Aachen 146
u. 149; tüüte Hönig
Köln 184; tȳtə Münch
ripuar.-fränk. 81; düt Regel
Ruhla 181; tüten Strodtmann
Osnabrück 254; tûten, tüten Woeste
westfäl. 277; Reinwald
henneb. 23; Spiess
henneb. 261; tūde Schön
Saarbrücken 214; tûten
luxemb. ma. 446;
bad. wb. 1, 619; Follmann
lothr. 115; Jecht
Mansfeld 115; Hertel
Thür. 249; Albrecht
Leipzig 226; tuten, tüten Müller-Fraureuth
obers. 1, 271; dûtn, dîtn (
mit entrundung des ü) Göpfert
sächs. Erzgeb. 59; Gerbet
Vogtland 428; titn, tita Jungandreas
schl. zeitwb. 95; tittn Knothe
Markendorf 116; titten, tëtta Knothe
Nordböhmen 178; tutten Schröer
beitr. z. dt. ma. d. ungr. bergl. 48; tūkn (
mit dissimilation des 2. dentals) Tschinkel
Gottschee 318; tuten, tüten Fischer
schwäb. 2, 518; Kuen
oberschwäb. 13; tüten Schmeller
bair. 1, 634.
gelegentlich mit l-
suffix (
von dudeln
beeinfluszt): tüteln Mensing
a. a. o. 209; tutle Meisinger
Rappenau 218; tuteln Hertel
a. a. o.; und mit iterativem r (
vgl. ndl. toeteren): tütern Doornkaat-Koolman
a. a. o.; tütern Mensing
a. a. o. 212; tutn Lumtzer
Leibitz (
Zips),
beitr. 19, 309; tütern Schröer
darst. d. dt. maa. d. ungr. bergl. 240;
völlig vereinzelt steht die schles. bildung mit dem lehnsuffix -ieren tüterieren Jungandreas
a. a. o. AA.
einen tut-
ähnlichen klang hervorbringen. A@11)
auf einem horn oder anderen blasinstrument. A@1@aa)
absolut: buccinus wan de herde ttet
lat.-nd. wb. (1417)
bei Diefenbach
nov. gl. 61
s. v. buccina; itzt thütt ick (
der hirte) tu dem ersten mahll, det klingen muten berch unde thall
comedien v. d. geburt Christi (1589) 29
Bolte; liest jhr nicht nsa Hansz Wurst ttta? Stapelius
newe tragico-comoedia (1630) C 8 a; längst auch zirpte die schwalb', und der sauhirt tutet im dorf um Voss
ged. (1802) 1, 107; ich lasz dir mein jagdhorn zurück, du kannst mit tuten, wenn ich entfernt, die zeit vertreiben Heine
s. w. 2, 205
Elster; es ruhn die ochsen und die stuten, und nur der wächter musz noch tuten, weil ihn sein amt dazu verpflichtet Wilh. Busch
Balduin Bählamm in: humorist. hausschatz (1910) 239; um drei uhr im morgenschlummer führten trommler und hornisten das wecken (
der einwohner des ortes zum schützenfest) aus und wirbelten und tuteten eine stunde
qu. a. d. j. 1927; badewärter, die immer tuten muszten, wenn sich jemand zu weit in die offene see hinauswagte
M. Hausmann
Abel (1932) 132. A@1@bb)
mit verdeutlichenden ergänzungen verschiedener art. A@1@b@aα) in ein, auf einem horn tuten (
vgl. tutinshorn): Joab der wart den lutin mit dem horne tutin (14.
jh.)
mitteldt. schachbuch 236
Sievers in: zfda. 17; da musz man in ein hornlein tutten
fastnachtsp. 1, 357
Keller; und wenn der (
prophezeite kaiser) werd in's horn düte, do wären alle jüdlich ... gegange komme an's grose grause rothe meer Göthe I 37, 59
W.; hat der Remmer erst einmal seine schaar zum angriff geordnet, so hebt er euch ein gräszliches tuten auf seinem horn an Fouqué
altsächs. bildersaal 2 (1818) 430; da geht unter dem fenster der nachtwächter vorüber, tutet dreimal auf dem horne und singt ein altes lied Sperl
fahrt n. d. alten urk. (1909) 199;
vereinzelt auch sonst mit präpositionaler ergänzung: und der onkel tutet durch den pappcylinder D. v. Liliencron
s. w. (1896) 9, 68. A@1@b@bβ)
ein blasinstrument mit tut-
ähnlichem klang ertönen lassen; nur vereinzelt bezeugt (
vgl. engl. to toot a horn): ee einer tüten mocht ein horn, hett ich sie baide sant verlorn
fastnachtsp. 544
Keller; da liesz man es ausz rufen da einen herold zu allen zelten und hutten: wenn man morgens die pusaunen wurd tutten, so solt sich iderman bereiten
volkslieder 61, 98
Liliencron. A@1@b@gγ)
etwas durch blasen verkünden: schon hœrt ich hinter mir den wächter zwölf in unserm dörfchen tuten
qu. v. j. 1802
bei Wackernagel
voces variae animant. (1869) 79; der Diktes (
nachtwächter) hat schon zehne getüt Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 39; un wann de wächter eine tütt, wie wiettet, wat uns dat bedütt
bei Bauer-Collitz
waldeck. 191; de nachtwæchter tûte (
st. tûtede) eine Schambach
Göttingen a. a. o. A@1@b@dδ)
jem. durch blasen ein zeichen geben bzw. ihn dadurch herbeirufen (
vgl. auch unter α): wenn wir nicht glocken hetten, so solte man ja mit posaunen und pfeiffen ... oder aber mit khehOernern, damit der hirte dem viehe dtet unnd deutet, zum auszgang an die weide, ... auffmunterung zum gebet geben W. Bütner
epitome historiarum (1596) 62
a; leiht mir euer horn; ich musz (
wie Roland im tal von Ronceval) meine freunde zu hülfe tuten A. Widmann
dram. w. 2 (1858) 106; in aller frü
he lief der hirt mit stab und horn durch die gassen der vorstadt, tutete das vieh aus den ställen auf die weide und trieb es abends wieder heim Kuszmaul
jugenderinn. (1899) 63; sie (
die zurückgeschlagenen gegner) tuten sich wieder zusammen
qu. a. d. j. 1923. A@1@cc)
metaphorisch in verschiedener an a
und b
anknüpfender anwendung: über beykommende Heidloffische rechnung schreit hofkammerrath Kirms zeter mordio ... freylich ist denen, welche für die casse zu sorgen haben, nicht übelzunehmen, wenn sie in diesem falle, als die wächter zions, gewaltig tuten (27. 9. 1807) Göthe IV 19, 416
W.; du (
Dingelstedt) hast die nacht hindurch so brav geblasen, jetzt hängst du das horn an den nagel: mag tuten wer will für den deutschen janhagel! ... der beste nachtwächter wird endlich stumm, es ahndet nicht so ein junger maulheld, warum der mensch am end' das maul hält Heine
s. w. 1, 315
Elster. als redensart findet sich weder tuten noch blasen können '
sich auf gar nichts verstehen, völlig unfähig sein': er kan weder thtten noch blasen Eyering
proverb. (1601) 2, 385; he kann ni tuten un blasen Storm
bei Mensing
schlesw.-holst. 5, 192;
ähnlich: he weet vam tten so velle, asze vom blasen
er weisz von einem so viel, als vom andern Strodtmann
Osnabrück 254; he weet van geen tuten of blasen Kern-Willms
Ostfriesl. 120; däi wäit nich van tuten un blaosen Frederking
Hahlen b. Minden 147; vun tûten a blôsen neischt kennen
luxemb. ma. 446.
auch sonst in einer reihe fester wendungen nachweisbar: da helpt keen tten oder blasen
es hilft kein gegenreden, kein gegenblasen Schütze
holst. 4, 291; wrte bis Mechel (
der nachtwächter) titt
unendlich lange, vergebens warten Rother
schl. sprichw. u. redensarten 10;
ähnlich: aufbleiben, bis Michel (
der nachtwächter) tut't
sehr lange aufbleiben; schlafen bis Michel (
der gemeindehirt) tut't
früh aufstehen Müller-Fraureuth
a. a. o.; in dasselbe horn tuten
die gleiche meinung vertreten, dieselbe partei ergreifen: aus Lassalles brief siehst du, dasz er ... in dasselbe horn mit Vogt tutete (1859) K. Marx
an Fr. Engels, briefw. 2, 363
Bebel-Bernstein; so auch mundartlich nachweisbar: en se ho'n tüte
übereinstimmen Rovenhagen
Aachen 149; in ein hu
orn t
oūt
en
dasselbe wollen, zusammenhalten Bauer-Collitz
waldeck. 49
b s. v. hu
orn; in dasselbe horn tuten
mit jem. übereinstimmen Müller-Fraureuth
a. a. o.; '
in gleicher, auf denselben ton abgestimmter weise dichten': die simpeldichter hör ich ewig flennen, sie tuten alle in dasselbe horn und nie packt sie der dreimal heil'ge zorn, weil sie das elend nur aus büchern kennen Arno Holz
in: moderne dichtercharaktere (1885) 150
Arent- C.-H. in nord- u. md. maa. findet sich tuten
auch im sinne von '
trinken': enen tuten '
einen trinken'
u. sik en antuten '
sich einen antrinken' Mensing
schlesw.-holst. 5, 192
u. 1, 147 (
vgl.he hett sik en blaast '
sich einen angepfiffen, betrunken'
ebda 1, 374); de versteiht tau tuten Mi
mecklenb.-vorpomm. 95;
ähnlich aus Berlin, Köln, Saarbrücken, Luxemb. u. Lothr. bezeugt (
s. Meyer, Hönig, Schön, Follmann
u. luxemb. ma. a. a. o.),
wobei wohl dutten '
an der brust trinken' (
s. teil 2,
sp. 1771)
mit hineinspielt; aber auch das schwed. tuta
und engl. to toot
haben eine ähnliche bedeutung angenommen (
s. Murray 10, 1, 139). A@22)
mit menschlichem bzw. tierischem stimmorgan: frösche, welche ... quakten und tuhteten Hermes
manch hermäon (1788) 2, 139; und schon in der summenden menge hell mit feinem getön stoszweise die (
bienen-) königin tutet Mörike
ges. schr. 1 (1905) 254
Göschen; der bienenweisel tütet im stock Hertel
Thür. a. a. o. (
ebenso im schlesw.-holst. und mecklenburg., s. Mensing
a. a. o. u. Wossidlo
mecklenb. volksüberlief. 2, 1 [1899] 44;
s. auch teil 2,
sp. 1767
s. v. duten [2]); de sg tüt na'n ewer Mensing
a. a. o.; Wossidlo
a. a. o. 2, 1, 43
bucht tuten
auch als bezeichnung für das brüllen des rindes. im sinne von '
heulen': d' wöllef tûten
luxemb. ma. 446; Follmann
lothr. 115; (
wegen ihres heulenden gesanges) nannte man sie (
eine nonne) Tut-Ursel. noch ärger wurde es nach ihrem tode, denn von elf uhr abends steckte sie den kopf durch ein loch des kirchthurms und tutete kläglich Grimm
dt. sagen (1891) 1, 206;
auch für '
laut weinen'
gebraucht: jung, laat dien tuten na Mensing
a. a. o.; ebenso für Elberfeld, das gött., henneb., luxemb., obers. u. ungar.-dt. bezeugt,
s. wb.
d. Elberfelder ma., Schambach, Spiess,
luxemb. ma., Müller-Fraureuth
u. Schröer
a. a. o.; in fester wendung: thütt a och nich a su
schimpft nicht Gryphius
bei Rother
schl. sprichw. u. redensarten (1928) 349; einem etwas in die ohren tütten
cornare, buccinare qualche cosa nell' orecchie ad uno Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1164
c (
so bereits mndl.: tuyten in de oore
dicere in aurem, insusurrare in aurem Verwijs-Verdam
a. a. o.); he tuut mi de ohren vull
kommt immer wieder mit seinem anliegen Mensing
a. a. o. (
ebda auch: he mutt ümmer allens ut-tuten
ausposaunen); engem (
einem) de kapp (
kopf) voll tûten
luxemb. ma. 446; das tüten überhören
sitzen (
unverheiratet)
bleiben: sie hat das tüten überhört G. Arnold
d. Nürnberger u. s. dial. in: alb. d. lit. ver. i. Nürnb. (1851) 181. BB.
mit tut-
ähnlichem klang ertönen, erschallen. B@11)
von blasinstrumenten und signalgeräten ähnlicher art; diese bedeutung findet sich vereinzelt bereits in der mhd. komposition ertiuten: der marcgrâf dâ von Brandenburc liez wol sîn horn ertiuten Frauenlob 137, 12
Ettmüller; ich meint, ich hört meines vaters hörnchen tüten br. Grimm
kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 213; ich hörte das tuten der hörner im thal, sie zogen zur wahl Brentano
ges. schr. (1852) 6, 319; gegen abend tutete die fabriksirene
qu. v. j. 1936; überflüssiger dampf (
zischte) aus tutenden schiffsschornsteinen E. Langgässer
unauslöschl. siegel (1946) 69.
dann auch von den schiffen bzw. dem auto selbst: drauszen wälzt sich der strom vorüber, er trägt viele schiffe, diese schiffe rufen und tuten und brüllen
qu. v. j. 1936; das tutende, stinkende automobil hatte hier glücklicherweise noch nicht seinen einzug gehalten Hesse-Wartegg
zw. Anden u. Amazonas 2216; Lenore lag noch zu bett, als sie Klemms auto tuten hörte A. Seghers
d. toten bleiben jung (1950) 90.
gelegentlich vom telephon: hin und wieder tutete der apparat
qu. v. j. 1938. B@22)
vereinzelt auch von den ohren (
bereits mndl., s. Verwijs-Verdam
a. a. o.): die ohren ttten mir
le orecchie mi cornano, trombano, zuffolano Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1164
c.