gewillig,
adj. ,
verstärktes willig (
s. d.). 11)
abgrenzung gegen willig. 1@aa)
die energie der partikel ist in unserer zusammensetzung mit willig
theils verdeckt, theils abgeschwächt; deutlicher spricht sie sich in der gotischen bildung gaviljs
aus. die hiefür übermittelten belege lassen das moment der übereinstimmung voll zur geltung kommen, nicht nur da, wo es sich allgemein um das zusammentreffen mehrerer personen in einer willensmeinung handelt, sondern auch da, wo im besondern das ziel der willensrichtung angegeben ist: ei gaviljai ainamma munþa hauchjaiþ guþ. Ulfilas
Römer 15, 6 (daz ir ainhellig und mit aim mund eret
got. cod. Tepl.; einmtiglich, mit einem munde. Luther); jasso gavilja ist bauan miþ imma.
1 Kor. 7, 12 (dise gehillt ze wonen mit im.
cod. Tepl.; lesset es jr gefallen. Luther). 1@bb)
in der althochd. substantivbildung gawilligî (Graff 1, 828)
wird der bedeutungsinhalt des grundwortes durch das präfix nicht verändert: mit upilero giwillegi,
perversa voluntate. eher lassen sich bei den formen des adjectivs unterschiede erkennen. während die lat. parallelen für willig
mehr an der grundbedeutung festhalten (
voluntarius, volens),
zeigen die buchungen für das compositum eine weiterentwicklung auf dem wege, den das präfix andeutet: gewillig,
pronus, paratus, intentus (
vgl. jedoch auch willig,
devotus).
die tragweite dieser beobachtung wird freilich eingeengt durch den umstand, dasz das compositum nur aus den glossen belegt ist, während die grundform auch litterarisch bezeugt ist. beachtung verdient auch, dasz es vor allem die adverbialform ist, die das präfix an sich zieht: prona (
clementia) giwiligiu.
Emmeraner glossen des 11.
jahrh. zu Prudentius Steinmeyer-Sievers 2, 421;
paratius, giwilligo.
ebenda 2, 442;
libentius, giwilligor.
Freisinger glossen des 9.
jahrh. zu Gregors cura past. (3, 16
var. liberius: exhortationis verba recipiunt) 2, 170;
intente, giwilligo.
glossen zur bibel (2.
paral. 6, 40
aures intentae sint ad orationem).
ebenda 1, 807. 1@cc)
in der mittelhochdeutschen dichtung tritt die zusammengesetzte form gänzlich gegen das grundwort zurück (
anders bei gewilliglich),
vgl. mhd. wb. 3, 664
a. Lexer 1, 991
gegen 3, 889.
neue belege für gewillig
tauchen erst in der urkundensprache und im geistlichen stil der mystiker auf, je mit festen verbindungen, die aber auch schon beim grundwort zu beobachten sind. auch die angaben der wörterbücher, die vom ende des 16.
jahrh. ab vereinzelt unsere form belegen, entfernen sich nicht von dem bedeutungskreise des einfachen wortes. dagegen scheint der gebrauch landschaftliche merkmale zu tragen; er ist im niederl. und niederdeutschen belegt, wo er —
jedenfalls für die ältere [] sprache —
eine steigerung der bedeutung kennzeichnet. andererseits überwiegen belege aus dem Elsasz und angrenzenden gegenden für dasjenige compositum, das sich in der bedeutung vom grundwort nicht entfernt. 1@c@aα) ghe-willigh, willig,
libens, vgl. Schiller-Lübben 6, 141
a;
vgl. auch: ghewillich int gevecht,
vurig ijverig. Oudemans 2, 666; gewillich Verwijs
u. Verdam 2, 1910 (
met ingnomenheid, ijver, animo, liefhebberij handelnde);
abgeschwächt erscheint die bedeutung auch im jetzigen niederl. und niederd.: gewillig, die willig ist, is goed te trekken. Harrebomée
spreekwoordenboek d. Nederlandsche taal 1, 235
b;
ähnlich Sicherer
u. Akveld 281
c; gewillich,
voluntarius. friesch woordenboek 1, 455
a; gewillig, sehr willig, bereitwillig, freiwillig. ten Doornkaat Koolman 1, 625
a. 1@c@bβ) gewillig, willig,
libens. Henisch 1599; gewillig,
adj. u. adv. willig, dienstfertig. Campe 2, 363
b,
ebenso Heinsius 2, 436
a. 1@c@gγ) gewillig ... willig, willfährig, dienstbeflissen, geduldig. Martin
u. Lienhart 2, 816
a. 22)
bedeutungsgruppen. 2@aa)
verwendungen, die von einer willensbewegung getragen sind; das präfix dient der willensrichtung zum ausdruck. 2@a@aα)
bei den beziehungen zu einer person, bei denen gewillig
auf ein dienstverhältnis hindeutet, ist der relative gebrauch meist durch ellipse abgeschwächt. 2@a@a@11))
nur bei der prädicativen verbindung des adjectivs mit dem verbum subst. ist auch ein dativ der person neben den elliptischen fügungen belegt. 2@a@a@1@aa)) nu was Julius ouch ein milter dugethafter man und gap grosse goben von ime: domit schuof er, das im alles volg gewillig und holt was. Twinger v. Königshofen
d. städtechron. 8, 330; mit uns kein mensch uff erden hie dete sölliche posselarbeit
ie. so er uns so gewillig ist, so braucht mit im kein falschen list. Th. Murner
badenfahrt (6, 58) 8
a Ernst Martin; 2@a@a@1@bb)) und uf das die obgenanten drie uf dem pfenningturne in der und in andern der stat sachen, so in dann befolhen ist, dester gewilliger und ernsthaftiger sient, so ist ouch der herren meinung das man inen zuom gantzen jore 2 lib.
δ an ir zerunge ze stuor geben soll.
Straszb. verordn. des 15.
jahrh. Brucker s. 411. 2@a@a@22))
bei anderen syntaktischen formen läszt sich die persönliche zielbestimmung meist aus dem nächsten zusammenhang ergänzen, bei adverbialer angliederung ist sie wol auch ganz abgestreift. 2@a@a@2@aa)) uwer gnaden gewilliger diener und cappelan. Reiner
kaplan z. Straszburg (1468)
b. Steinhausen
privatbriefe 84; uwern fürstlichen gnaden sigent mine arme gewillige dienste und demütiges gebett allezitt bereit. 83. 2@a@a@2@bb)) do meindent die cardinale: die Römer müstent des bobestes und der kirchen sin, also sü sich selber gewilliche hettent an den bobest Bonifacien ergeben. Twinger v. Königshofen.
d. städtechron. 9, 603; bi mir nem bispil jeder man, das niemans sol sin frouwen lan in und ouch sin rich regieren oder sunst gewillig fieren, bi der nasen umbher ziehen; all wiber herschafft sol man fliehen! Th. Murner
gäuchmatt (30, 8) 103
Uhl; nae dem ... de Sassen vormerckeden, dat desulvige flecke sampt de Freesen gewillig in der Geldersche handen gegaen weren. E. Beninga
chron. v. Ostfriesland (3, 197)
Harkenroht s. 583;
vgl.: he gûng gewillîg mit mî hen. ten Doornkaat Koolman 1, 625
a. 2@a@bβ)
wo die willensrichtung auf ein unpersönliches ziel steuert, bedarf es für dessen kennzeichnung natürlich viel eher eigener ausdrucksmittel, doch halten sich die einschlägigen belege in engem rahmen: und soln in furen in unser chloster und bestatten und in begaen und singen vigilig und saelmess und ander andacht, als wir gewilich sein ze tuon unsern prdern und andern, die unsers gotzhaus vreunt sint.
österr. urk. v. 1317.
urkundenb. d. l. ob d. Enns 5, 197; dess soll ime der meister und gericht zu thun gewillig sein und den duochscherer verbieten, dem, der also schuldig were, zu scheren.
Straszb. tuchscherer-ordn. v. 1545 (§ 27)
bei Schmoller 171; minne lipliche nattuore also gar gewillig zuo liddende das si gerne hette gelitthen. R. Merswin
buch v. d. 9
felsen) 128
Schmidt; [] der wiber tandt mit irem list handt mich so adlich zuo gerist, das ich zuo erst gewillig bin, den gouch zinsʒ gern zuo geben in. Th. Murner
gäuchmatt (47, 15) 153
Uhl; damit brachte ich sie dermassen wiederumb in ein glaisʒ, dasʒ sie nit mehr dran gedachte oder doch wenigst nit hoch achtete, wie sie im angesicht ausʒsahe, und dannenhero war sie desto gewilliger in die carede zu sitzen, als der apothecker ankam, uns beide zu gast zu laden. Grimmelshausen
Simplicissimus 2, 4, 8 (
vogelnest 2, 8) 4, 558
Keller; doch wenn man nach dem ochsen guckte, sah man, dasʒ er die achseln zuckte, und so war man zuletzt gewillig, die fordrung anzusehn als billig. Adolf Glaszbrenner
neuer Reineke Fuchs (9). 2@bb)
wo die bedeutungsenergie des präfixes verblaszt erscheint, ist es individueller, auf landschaftlicher neigung erwachsener gebrauch, der das compositum bevorzugt, so bei Murner;
andererseits dient das präfix auch wol als steigerungsmittel, um bedeutungsfärbungen, die schon dem einfachen willig
möglich sind, besonders hervorzuheben. 2@b@aα) und alsʒ du sprichest weiters das in den geistlichen rechten so fil ketzereischer unchristlicher und unnatürlicher gesatz stont die soltestu billichen angezeigt haben, so wer dir doch dest gewilliger gelaupt worden. Th. Murner
an den grossmächtigsten ... adel deutscher nation 25
Ernst Voss; ich trug gewillig dise buosz. Th. Murner
gäuchmatt (1, 104) 21
Uhl; es sol ein ieder gouch gewillig und richlich alles sin vetterlich guot oder sunst alles, das er vermag den wibern mitdeilen. (5) 36. 2@b@bβ) und wartent der gnoden gottes mit demütiger gewilliger langmütikeit on alles swermütiges verdriessen und belangen. Schürebrand 44
Strauch (
stud. z. d. phil. 30, 11): Hammen, gib dich gewillig darein! der von Ulm muost du gefangen sein.
lied v. Hammen v. Reistett (16.
jahrh.)
bei Uhland
volksl. 352. 2@b@gγ)
in einigen dieser belege, namentlich denen aus Murner
machen sich gegensätze geltend, die sich in den jüngsten verwendungen mehr und mehr verschärfen: der unterschied zwischen unterwerfung des willens unter einen andern und freier hingabe. für die letztere, die heute durch freiwillig
gekennzeichnet wird, tritt schon in der sprache der mystiker und später auch bei Murner gewillig
im engen anschlusz an begriffe wie armut, arm
u. a. ein: als verre als diu sêle dan gevolget hât gote in die wüeste der gotheit, als verre volget der lîcham unserme herren Jesû Kristô in die wüeste gewilliges armuotes. meister Eckhart (11.
trakt.)
myst. 2, 503
Pfeiffer; das ir deste fruhtberlicher die regele und den orden des lieben herren sante Franciscus ... gehalten künnent mit andehtigeme minnenricheme erwolgende durch alles uwer leben in demütiger gehorsame, in gewilliger armuot und in steter luterkeit libes und gemütes. Schürebrand 1
Strauch (
stud. z. d. phil. 4).
das gleiche 57 (
s. 37); twelf gesellen volgheden eme sunder afkeren in ghewilliger armoden.
leben d. heil. Franziscus 1,
s. Schiller-Lübben 2, 105
a; er sol aller vrîest sîn, alsô daʒ er vergeʒʒe sîn selbesheit unde vlieʒe mit alle dem, daʒ er ist, in daʒ gruntlôse abgründe sînes urspringes. daʒ gehœret allen gewilligen armen zuo, die sich habent gesenket in daʒ tal der dêmüetikeit. meister Eckhart (
trakt. 2) 2, 393; die pfaffen und die geistlicheit, den ist allein das gelt erleit; ir sach stat nun uffs ewig leben, und achtent weder gab noch geben, wie wol ein nisi stat dar neben. ettlich sindt gewillig arm, — hi! das ist war, das gott erbarm, hinderm offen ist es warm! Th. Murner
narrenbeschwörung (82, 46) 247
Spanier. 2@cc)
so weitgehende bedeutungsverschiebungen wie sie das niederländische adjectiv in adverbialer function entwickelt (dat weegt gewillig twee pond. Schuermans 155
c)
erreicht das deutsche nicht, obwol auch hier gerade das adverb so viele belege für das compositum stellt.