jammern,
verb. lamentari, misereri. ahd. amarôn,
mhd. jâmern
und âmern;
eine nebenform jämern, jämmern,
nach analogie transitiver schwacher verba gebildet, ist in der ältern sprache, und noch jetzt in mundarten nicht ungebräuchlich: jämeren, engstigen, sich vast klagen, vil übel gehaben,
quaeritari Maaler 233
a; gemmern,
wehklagen Schm. 1, 913 (
belege aus H. Sachs);
rheinisch jämern, jämsern,
besonders vom jammer bei körperleiden, zahnschmerzen u. s. w. gebraucht Kehrein 210;
niederdeutsch jimmern
und jimmen
in ähnlicher bedeutung, leise jammern, wimmern, piepen Schamb. 94
b;
ebenso in Althessen jimmern Vilmar 183; also gnagt mich der böse wurm als läg ich in eim vinstern turn mit jämern und mit ifren. Uhland
volksl. 900; eins teils hört ich laut jemmern seufzen und kleglich wemmern. H. Sachs
ged. 2, 109, 315
Tittmann; der schwestern ganze zunft tritt von mir ab zurücke, es jämmert keine nicht mein kläglich angstgeschrei. P. Fleming 118. jammern
steht persönlich und unpersönlich in verschiedener bedeutung. 11)
persönliches jammern,
schmerz, herzeleid in klagenden worten oder auch tönen äuszern, ist der alten sprache nicht unbekannt, tritt aber gegen unpersönliches sehr zurück: er si ûʒ dem paradîse stieʒ, vile harte âmerende in ditz ellende.
genes. in den fundgruben 2, 22, 34;
und ist erst in der späteren sprache, in verschiedenen fügungen, sehr verbreitet. 1@aa)
absolut: jameren und weeklagen, sich träffenlich übel gehaben,
delamentari, lamentari Maaler 234
a; jammern,
lamentari, voce tristi dolorem testari Frisch 1, 484
c; ihre jammernde stimme. Gotter 3, 59; es ist entsetzlich, dasz ich dir zu sagen brauche: er ist unschuldig; dasz ich jammern musz, dich von dem abscheulichsten morde zurück zu halten. Göthe 8, 156; Serlo lobte besonders an ihm, dasz er nicht so schneidermäszig gejammert .. habe. 19, 210; drei minuten vorher hatt er so gejammert: bin ich und mein elendes leben denn zu einer wahren leidengeschichte ausersehen? J. Paul
Hesp. 1, 90; die henne jammert am ufer mit strupfigten federn, und locket die jüngst gebrüteten entchen. Chr. E. v. Kleist (1765) 208; meine frau betrübte sich auch! wir jammerten beide. Göthe 40, 115; seine freunde jammerten laut. 221; (
wir) fanden die kranken und alten, die zu haus und im bett schon kaum ihr dauerndes leiden trügen, hier auf dem boden, beschädigt, ächzen und jammern. 240; wollt ihr noch leben? jammert! sterben? eilt!
Shakesp. Richard III 2, 2; indesz das schiff bei seinem jammern scheitert, das fleisz und muth noch hätte retten mögen?
Heinrich VI 3, 5, 4; der sehnsüchtige geist weint dann stärker, und kann sich nicht mehr fassen und ruft in jammerndem entzücken zwischen die töne hinein: ja alles, was ihr nennt, das fehlet mir. J. Paul
Hesp. 2, 98. jammern
auch von der stummen äuszerung des mitleides: warum seht ihr mich so jammernd an? Schiller
Tell 1, 4. 1@bb)
mit angabe der ursache, über, um einen
oder etwas jammern: die leute, so da seufzen und jamern uber alle grewel.
Hes. 9, 4; dasz jederman über die elende zeit jammerte.
Simpl. 4, 221
Kurz; jene thränen, mit denen um Adon sie (
Venus) jammerte. Gotter 1, 269. 1@cc)
mit angabe des zweckes, wo jammern
schmerzliches verlangen ausdrückt (
vgl.jammer sp. 2253): er jammert nach seinen kindern; um gnade jammernd. Gotter 2, 329; denn wie die zartesten kinder sogar und verwittwete weiber klagen sie dort einander ihr leid und jammern um heimkehr.
Ilias 2, 290; sein süszes leben verweint er, jammernd um wiederkehr.
Odyssee 5, 153. 1@dd)
mit angabe der wirkung: die wehklagen des zu tode sich jammernden mädchens. Göthe 16, 126; und wie sein edles jungfräuliches weib .. voll ahndung von des heldengatten fall. wach all ihr hausgesinde jammern wird. Bürger 163
a. 1@ee)
transitives jammern (
für bejammern),
dem englischen nachgebildet: herr, weise jammern nie vorhandnes weh.
Shakesp. Richard II 3, 3; my lord, wise men ne'er sit and wail their woes; des königs krankheit jammr ich, sein verlust macht sorge mir, nicht eures vaters tod.
Richard III 2, 2; I do lament the sickness of the king, as loath to lose him, not your father's death. 1@ff) jammern,
in verbindung mit beklagen,
reflexiv: je mehr aber die gute weiblein der wittwen zusprächen, je mehr sie sich allererst anhebet zu jammern und zu beklagen. Philander 1, 74. 22)
unpersönliches jammern,
von schmerz oder mitleid in hohem grade bewegt werden. 2@aa) mich jammert etwas;
statt dieses nominativ steht auch ein abhängiger satz: mich jâmert wærlîchen .. daʒ nu bî unseren tagen solch vreude niemer werden mac.
Iwein 48; mich jâmert durch die sælde mîn und freu mich doch, wie er restarp. Wolfram
Willeh. 48, 28; und jamert ihn, das Israel so geplagt ward.
richt, 10, 16; wenn ein schlangenbeschwerer gebissen wird, das jamert niemand.
Sir. 12, 13; diese jamerte seer das gros elend in Juda und Jerusalem. 1
Macc. 2, 6; er musz unglücklich sein. das jammert mich. Lessing 1, 536; lassen sie sich das nicht jammern, wenns (
das schlosz) auch zusammengeschossen wird. Blücher
in Varnhagens Blücher s. 324; ach gott! das jammert mich und schneidet mir ins herz. Schiller
parasit 2, 7; sie sang: susu, lullull, mein kind, mich jammert deine noth! Bürger 87
a; so jammert sie die schande des herrn und seine schwere verwundung. Göthe 40, 44; und die königin sprach: mich jammert seine beklemmung. 71; o wenn ihr weinen könnt, laszt mein geschick euch jammern! Schiller
Wilh. Tell 5, 2;
ebenso einer jammert mich: da er aber noch ferne von dannen war, sahe in sein vater, und jamert in.
Luc. 15, 20; denselben (
sohn gottes) jammerte und erbarmte das beraubte und verwundete menschengeschlecht. Schuppius 840; wie jammern sie mich! Lessing 2, 562; du jammerst mich, aber ich kann nichts für dich thun; mich jammert nur der arme Fanias! Wieland 9, 56 (48); mich jammert nur der vater — er bedarf so sehr der pflege, und sein sohn ist fern. Schiller
Wilh. Tell 1, 4; wie jammert mich das edle schöne herz! Göthe 9, 181. 2@bb)
mit genitiv mich jammert einer person
oder einer sache: mich jâmert sîner verte.
Parz. 101, 24; auf das wir dadurch mehr zur barmherzigkeit über in, denn zu zorn bewegt werden, mehr sein zu jamern, denn zu rechen. Luther 1, 327
b; nicht, meine töchter, denn mich jamert ewr seer.
Ruth 1, 13; denn niemand jamerte dein, das er sich uber dich hette erbarmet.
Hes. 16, 5; dich jamert des kürbis .. und mich solt nicht jamern Ninive, solcher groszen stad.
Jona 4, 11; und Jesus gieng erfür, und sahe das grosze volk, und es jamerte in der selbigen.
Matth. 14, 14; es jamert mich des volks. 15, 32; da hieltest du ihn so hönisch, das mich seiner jammerte. Schuppius 483; ein knäblein und ein mägdlein, welche ich weinend sahe, und weil mich deren jammerte. A. Gryphius 1698 1, 941; fürwar, mich jammert dein! und ieder, nicht nur ich, betrauret deine noth! 523; ein knecht war mit dem hengst des gastwirths fortgetrabt. man hält und klagt ihn
an. Veit (
den richter) jammert seiner bande. Hagedorn 1, 112; mein edler feldherr, den des blutes jammert, das schon geflossen und noch flieszen soll. Schiller
jungfrau 1, 11; da jammerte mich sein, ich trat zu ihm bescheidentlich und sprach: ich bins, herr landvogt.
Tell 3, 1. 2@cc)
für den acc. der person steht selten der dativ, es jammert mir,
in norddeutschen quellen: den fischern jammerte es.
pers. rosenth. 3, 23; dem räuber jammerte des armen teufels. 4, 11; dasz es einem jammert. Klinger
theater 4, 122; (
ob sie gleich) viel alt bekandten sehen drin, .. so jammert inen doch nicht ir. B. Ringwald
tr. Eck. E 2
b. 2@dd)
die fügung der alten sprache mich jammert nach einem
oder etwas
im sinne des empfindens einer schmerzlichen sehnsucht: wünne unde vogelsanc ist in Swâben, des ich wæne; dar sô jâmert mich nâch der schœnen minneclich.
minnes. 1, 357
b Hagen; nâch den selben dingen jâmert mich. 132
a;
scheint später ausgestorben zu sein.