Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
alt Adj.
1.1 ‘ein bestimmtes Alter habend’ , präd. mit sîn/werden ,
1.2 ‘ein im Verhältnis zu anderen Personen höheres Alter habend’ ,
1.3 ‘bejahrt, betagt’
1.4 ‘erfahren, weise’ (v.a. aufgrund des hohen Lebensalters)
2 ‘reif, ausgereift’ (von Obst, Käse und v.a. von Wein)
3 ‘nicht mehr neu’ (von Sachen)
4 in Bezug auf Früheres oder seit langem Bestehendes
4.1 ‘der Vergangenheit, einer früheren (idealisierten) Zeit angehörend’ , i.d.R. mit positiver Wertung;
4.2 ‘seit langem bestehend, von altem Herkommen’ ;
4.3 ‘bisherig, bisher geltend, vorausgehend, ehemalig’
4.4 im religiösen Bereich: ‘noch im früheren, nicht erneuerten Zustand’
5 in Sprichwörtern (umfassend TPMA 1,70-99);
6 feste Verbindungen in den Bezeichnungen für Gott und den Teufel
6.1 der alte der tage u.ä. für Gott
6.2 der alte vîant u.ä. für den Teufel
1 in Bezug auf das Lebensalter (von Menschen, Tieren, Pflanzen) 1.1 ‘ein bestimmtes Alter habend’, präd. mit sîn/werden, mit Gen.-Ergänzung: daz kint wart eins jâres alt / und neizwie maneger wochen UvZLanz 98; Wig 3763; daz man die hanen oft beraub irr gezeugel wenn si dreier jâr alt sein BdN 197,28; ine bin so alt der jâre niht, / so man mich grâ des hâres siht SM:Gl 2: 4,5. – mit Akk.-Ergänzung: duo Joseph duo alt wart ziwâre zehen unt zehenzig jâre Gen 3022; VAlex 224; VMos 43,7; die voln werdent nith alter dan drú iar alt Lucid 31,13 1.2 ‘ein im Verhältnis zu anderen Personen höheres Alter habend’, im Positiv als Bestandteil von Personennamen (zur Unterscheidung von gleichnamigen Familienmitgliedern): Wernher der alte / vnd Wernher der junge von Praitenekke UrkCorp 1016B,42; wir Ruͦdolf von gottes gnaden der alte margraue von Baden / kúnden [...] vnsern sûnen / Hermanne / Hessen / vnde Ruͦdolfe ebd. 1053,22. – meist im Komp. oder Superl.: der altere [Esau] wart jagire und accherman, Jacob wonete in gezelten Gen 1072; ob er deheine minne / vunde an der altern maget, / diu sô gar hete versaget / der jungern ir erbe Iw 7285; sô zwêne man ein erbe nemen sullen, dâ sol der elter teilen und der junger welen SpdtL 221,9. – nâch ir altere si sâzzen, [...] der alteste an deme sedel hêriste, der minnist ze aller nideriste Gen 2322; Kanlîûn, [...] daz ist der eldeste sun mîn Wh 358,16 1.3 ‘bejahrt, betagt’ swenne der mennische wirt alt, / aller sin lip ist im chalt HimmlJer 77; ein man aldir unde gris Athis C* 105; er hete ein schœnen alten lîp Iw 6449; so er [Adler] alt wirdit. so suarent ime die federen JPhys 19,3; etleich sprechent, daz der zaher [ ‘Harz’] vliez von dem gar alten mirrenpaum BdN 374,29. – in Verbindungen mit Verben: jmdn. alt machen ‘altern lassen’, mit jmdm. alt werden: ein kurziu naht diu machet in alt / swer bî ir solde sîn gelegen Wig 6350; diu [ sorgen ] machent mich vil senden alt SM:Tu 6: 8,14; KLD:Kzl 14:1,3; ir lip der ist so wolgestalt: / swer bi ir solde werden alt, / der hat der werlte lop vil gar Tannh 4,86; si wart bî im in freuden alt EnikWchr 18846. – in jmds. alten tagen ‘im Alter’ si ergazt uns mîner vrouwen lîhte in alten tagen [ ‘wenn wir alt sind’] NibB 1170,3; ein wunder [...] daz im in sinen alden tagen / begeinte wunderliche Vät 32270. 32698. – diu alten wîp, pejorativ: daz enzimt niht helde lîp, / daz si suln schelten sam diu alten wîp NibB 2345,2; die zornigen nâchreder und diu alten weip, diu guoten läuten ir êre verswerzent BdN 129,9; Iw 2897. – in der Paarformel junc und alt, die alten und diu kint u.ä. ‘alle, jedermann’ ich geloube sinen gewalt uber junge unde uber alt AvaJo 10,2; gar diu stat, junge und alt, / swuoren im dô hulde Wig 11161. – alle, die da sint, / beide die alten vnd die kint ReinFu K,1878; si tâten manege wunden / den alten zuo den kinden UvZLanz 125. – ir sit iunc oder alt. ir sit prode oder balt. [...] ir sult alle here fur got gen VMos 65,18; den alten und den jungen, / den fürsten und den hirte, / den gast mit dem wirte Eracl 2930; er sach dâ volkes ungezalt, / kleine, grôz, junc und alt Wh 126,28. – als festes Beiwort bei Personennamen: Symeon der alte AvaLJ 30,1; der alt Symeon PrOberalt 22,19 u.ö.; Spec 37,25; der alte Hildebrant NibB 1718,2 u.ö.; der alte Heimrîch Wh 242,7 u.ö. – subst.: do hete got einen alten vil reinen gehalten, / ze helfe der magede AvaLJ 3,1; der alte mit deme barte Rol 918; daz tegeliche fiuer habent aller meist di alten di kalt vnde vuchte sint SalArz 72,12 1.4 ‘erfahren, weise’ (v.a. aufgrund des hohen Lebensalters): sinne und jare was er alt RvEWh 14842; ein alt man, ein einsidel gut, / [...] durch des lere, durch des rat / sich maniger hub uf gute werc Vät 26673; do besant ich die leuͤt von den zwain dorfern / die alten vnd die pesten UrkCorp 67,22; Lanc 499,25. – ivnch was er an den iaren, alt was er mit dem heiligen erniste aller slahte tugende Spec 25,8; der junge Filomein [...] an der kunst was er alt: / er hett synne manig valt HvNstAp 2665. – häufig als subst. Superl.; vgl. alteste 2 ‘reif, ausgereift’ (von Obst, Käse und v.a. von Wein): áller sláhta óbaz. níuuaz únte áltaz Will 129,1; dér sûoze stánk án démo nîuuen óbeze. únte án démo álten wíne ebd. 123,10; so der win i elder wirt, so i minner wazzeric unde i nuwer win i wazziger SalArz 2,16. 35,12; ähnl. BdN 351,18; j elder der kese ist. j boser. j iungir i bezzer SalArz 18,38 3 ‘nicht mehr neu’ (von Sachen): ein alt gewant / und [...] ein niuwez RvEBarl 7322; rîcher herren alte wât KLD:Kzl 16: 12,13; swenne der mantel ist alt, so ist er oͮch kalt Mechth 6: 21,23. – do nam der gotes holde / einen alten corp in die hant Vät 19637; alt hart gerstenbrot ebd. 36087; sô der habich sein alt federn wirft BdN 170,1; sege ab den aldin czwik vor der nvgin rynde Pelzb 121,10; ein alt weg ungebant Lanc 397,16 4 in Bezug auf Früheres oder seit langem Bestehendes 4.1 ‘der Vergangenheit, einer früheren (idealisierten) Zeit angehörend’, i.d.R. mit positiver Wertung; alte zît / tage: die tage die von den alten ziten unde nu geschriben sint in unsern kalendenern MNat 15,24; ein wîse man / hie vor bî alten zîten sprach UvZLanz 3; hie vor in alten tagen RvEBarl 13080. – alte mære / buoche: uns ist in alten mæren wunders vil geseit NibB 1,1; wir lesen ein altez mære KvHeimHinv 323; wir lesen an den alden bûchen StatDtOrd 23,15; Eracl 4508; Lanc 620,12. – die alten meister / wîsen: dannen ist uns ouch [...] in chriechisker zungen / diche von den alten buochmeisteren vore gesungen Himmelr 4,26; iedoch sprechent etleich alt maister BdN 64,26 u.ö.; Mügeln 242,10; als die alten weisen sagent BdN 264,31; Mügeln 41,8. – die alten veter (auch als Kompos.; vgl. altvater): die alten vater din [Maria] e / wunschten und die wissagen MarseqS 20; daz si nah der alten veter strenger wise iren lip oh mit grosser kestgung soͤlti uͤben Seuse 107,3 u.ö.; und hât gevolgt [...] dem puoch, daz haizt der alten väter sag und haizt ze latein veterum narracio BdN 494,16. – subst., im Pl.: ‘Menschen der Antike, alte Autoritäten’ wan die alten krœnten die streiter und die vechter dâ mit [mit Lorbeer] BdN 327,9 u.ö.; di alde gehellent dar an das ein iclich dinc an im habe werme, kelde, vuchte vnde trucken SalArz 6,28. – ‘Vorfahren’ (häufig als Komp.; vgl. altern): drie topfe hete si goldes vol, / die gesamt heten wol / ir alden vor den iaren Pass III 156,21 4.2 ‘seit langem bestehend, von altem Herkommen’; von Städten: Triere was ein burg alt ─ / si cierti Rômêre gewalt Anno 30,17; Tispê / von der alten Bâbilône Tr 3617; ze Heimburc der alten si wâren über naht NibB 1376,1. – von Sitten, Gebräuchen, Verhaltensweisen (oft pejorativ): vnde verbranten sie [die Toten] dar mite / nach dem alden site Herb 9198; do erzeicte aber Keiî / sîn alte gewonheit Iw 109; Wig 202; RvEBarl 2696; die menschen, die ir alt pœs gewonhait [...] niht lâzen wellent BdN 202,21. – von rechtlichen Festsetzungen: unsi alde recht an corni Mühlh 152,13; daz wir behalten vnd bestæten altez reht vnd gut alt gewonhait UrkCorp 2345,48; daz vnser herren di bischoͤf vnd elliv pfafheit ir alt freiheit vnd ir reht haben ebd. 475A,34; WüP 83,2. – von Krankheiten: ‘chronisch’ dez magen alde sichtagen Macer 82,3; di nezzele mit wine genuzzet [...] vurtribet den alden husten ebd. 4,3 u.ö.; si ist gut fur den alden houbt ween SalArz 101,9 u.ö. – vrische unde alde wunde Macer 50,1 4.3 ‘bisherig, bisher geltend, vorausgehend, ehemalig’ sîn altiu herzeriuwe / diu wart aber dô niuwe Tr 18967; da wart der alde nit / vnde die alde ruwe / so vnsamfte nvwe Herb 4298; hie mvz ich dise rede lan / vnde griffen an die alde ebd. 16916. – Rainwarten den alten amman, Sifrid Perwigen den niwen amman UrkCorp 2946,39; alle unser burger, die des altin und des nuen ratz sint WüP 9,17. – der mvncemeister vnd die husgenozin soln zv wechsile sitzin mit nvwin phenningen vnde nicht mit aldin UrkCorp 1161A,5. – also [...] gat ein alt iar us, ein nuwes an MNat 7,19. – alte vastnaht ( ‘Sonntag Invocavit’, der in früherer Zeit geltende Termin der Fastnacht; vgl. vastnaht ): in dem manode marcio an dem næhsten fritage vor der altun vahstnaht UrkCorp 3250,34 4.4 im religiösen Bereich: ‘noch im früheren, nicht erneuerten Zustand’ v.a. in Bezug auf das Alte Testament und den alten Menschen (als Gegensatz zu dem neuen, erlösten Menschen); alte ê ‘altes Gesetz, alter Bund’ bézzer ist dîu mûoterlîche sûoze mînes euangelii [...] dánne der álton êuuon asperitas Will 65,4; wir schulen die alten e verberen / unde schulen die niwen bewaren Hochz 99; Lucid 115,6 u.ö.; alleine dú alte e vervinstert was mit manigen grossen súnden Mechth 5: 23,122. – alte urkunde ‘altes Testament’ (und dessen Schriften): underschidung [...] zwischen der schrift des alten urchuͤndes und des newen PrOberalt 37,23 u.ö.; die cristenheit mit manigerhande lere gezieret ist dez alten vnde dez nuwen urkúndes Lucid 86,3 u.ö. – den alten namen legite wir da hine, / von der touffe [Christi im Jordan] wurte wir alle gotes chint VEzzo 205. – alter mensche: von div ist uns nôtdûrft, [...] daz si [...] ziehin ab den altin man [...] unde leigin an den niwen man Spec 17,9; daz unser alter mensch gechrutzt sei, daz die suͤnde an uns zestoͤret sei PrOberalt 72,8 u.ö.; Vateruns 149. 227; PsM H 35,7; Eckh 5:109,16 5 in Sprichwörtern (umfassend TPMA 1,70-99); Alte sind böse: als man spricht in einem bispele: ie elder ie erger PrLpz 15,10; die alten sprechent: ‘je elter, ie erger’, / die jungen sprechent: ‘je rîcher, ie kerger’ Renner 10697; ie elter, ie boͤser. man vindet vil me, die sich boͤsrent, denn die sich besrent Seuse 380,22 (ähnl. ebd. 445,18 ) – Alte, die sich jugendlich gebärden, sind lächerlich: niuwiu blech in alten pfannen / sint tumme site an alten mannen, / unlustic mâl an jungen lîben / sint œde gebêrde [ ‘närrisches Benehmen’] an alten wîben Renner 23467. – Alte soll man ehren: des jungen lop sich mêret, / so er den alten êret Freid 52,10. – Wie die Alten, so die Jungen: die jungen lernent gerne bî den alten Renner 14821. – Ein alter Mann und eine junge Frau passen nicht zusammen: unde dâ gar junge frouwen alte man nement, daz gerætet eht selten wol PrBerth 1:321,5. – zu weiteren Sprichwörtern und Redewendungen vgl. Freid 51,13-52,17 und Renner 23037-23090 6 feste Verbindungen in den Bezeichnungen für Gott und den Teufel 6.1 der alte der tage u.ä. für Gott: der alt der tage [ antiquus dierum; vgl. Anm.z.St.] daz ist der ewig vater, der sinen sun in diz werlt sant PrOberalt 109,24; do der alde der tage / sich virjungete Vät 22660; biz der tage aldir [ antiquus dierum Dn 7,22 ] quam / richtende Daniel 5891. 5831. – der alte, / der mich [ abgot Apoll ] mit gewalte / von dem himelrîche stiez Georg 3403. 3413; der eltist ebd. 3395; für uns in not / den sun der alde grise bot Mügeln 347,15 u.ö.; vgl. auch der alde got Roth 4409 6.2 der alte vîant u.ä. für den Teufel : der alte uiant, der leidige tieuel, der uon himele uertriben wart Spec 111,29; der unser alte viant / der wert uns daz selbe lant [das Paradies] VEzzo 363; Himmelr 7,4; Konr 11,13; dô si [Adam und Eva] dîn gebot versmâhten durch des alten vîendes rât KvHeimHinv 907; KvHeimUrst 1703; Vät 567. 18956. – des alten wuotriches lant VEzzo 344; dem alten valande, / dem unserem viande Hochz 154; der alte widerwarte Himmelr 12,6; der viant / der alde hellewarte PassI/II 23,18; der alte sathanas Vät 15863; der rote trache, / unser alde widersache HeslApk 17268 u.ö.
MWB 1 173,50; Bearbeiter: Hoffmann