mutig,
adj. und adv. animosus, magnanimus, alacer u. ähnl. 11)
goth. môdags,
altnord. môðugr,
drückten nach der ostgermanischen bedeutung des substantivs (
vergl. unter mut I, 1,
sp. 2781)
zornentbrannt, zornig, heftig aus, und die westgermanischen sprachen nahmen, trotz des anders gewordenen sinnes des subst., an dieser gesteigerten bedeutung theil: ags. môdig,
mutig, aufgeregt, alts. môdag, môdig,
böses oder feindliches gemüt habend, zornig, feindlich, wild, böse, für das ahd. beweist das subst. muotigî,
rabies cordis Graff 2, 699.
neben diesem adj. gesteigerten begriffs erscheint aber auch nach der einfachen bedeutung seines subst. ein ahd. muotag, muotig
in zusammensetzungen wie ebenmôtig,
aequanimus, ubarmuotig,
contumax, superbus, einmuotig,
unanimis, langmuotig,
longanimis u. a. (
alts. gêlmôdig, hardmôdig, uBarmôdig
u. a., ags. ofermôdig, tilmôdig),
die bildungen mit -muoti (ebanmuoti, einmuoti
u. a.)
neben sich haben; letztere in mhd. -müete,
fortgesetzt und hier recht gewöhnlich (einmüete, übermüete
u. a.).
das mit der ableitungssilbe ursprünglich -ag
gebildete adjectiv entzog sich dem umlaut, wenn für sich stehend; in zusammensetzungen aber nahm es, veranlaszt durch die gleichbedeutenden bildungen mit mhd. -müete,
denselben an und so zeigt sich ein diemüetec
neben diemüete,
demütig, einmüetec
neben einmüete, ôtmüetec
neben ôtmüete,
sanftmütig, übermüetec
neben übermüete
u. a., eine umlautsbildung, die dann gewöhnlich im nhd. fortdauert, wenn in den zusammensetzungen das adj. den einfachen sinn des subst. mut
zeigt; während unumgelautetes mutig
steht, wenn die zusammensetzungen auf dem grunde der gesteigerten bedeutung von mutig (
unten 2,
b)
ruhen: daher grosz-, klein-, einmütig, helden-, hoch-, übermütig,
aber todesmutig, schlachtenmutig, löwenmutig
u. a. schwanken in miszmütig
und miszmutig (
oben sp. 2307), unmütig
und unmutig;
von einem ältern anmütig
scheidet sich jüngeres anmutig
anderer bedeutung, letzteres aus dem fem. anmut
spät hervorgebildet, vergl. th. 1, 409. 410
f. —
in mitteldeutschen und rheinischen quellen des 16.
und 17.
jh. ist bisweilen auch das einfache adj. mit umlaut versehen worden: es (
das ross) ist nur deste trötziger und mütiger, und schnaubet als rhümet sichs.
bibel von Bindseil 7, 502 (
randgl. zu Hiob 39, 20); gleich wie die mütigen pferde. Luther
krit. gesamtausg. 1, 173, 4; (
der geist) geflügelt mit vernunft und müthigen gedanken. Opitz
poeterei 12; ei, da kracht ihr so mütigs herz. Spee
trutzn. 16, 91
Balke; in luft sie (
die bienen) mütig treten mit brommen und gebraus. 95, 109; auch die mutter traurig klagte: schlaf nur, mein geliebtes kind! und beinebens mütig sagte: doch den tod bald überwind! 236, 167; ihr hieltet mir negst gott pistolen und ein schwerd, vorausz ein mühtigs rosz für alles lieb und wehrt. Rist
Parnasz 467;
schon in der folgenden stelle des Winsbeke liest eine handschrift mtig,
vergl. Winsbeke von Haupt s. 57. 22)
das nicht häufige mhd. muotec
hat nicht mehr den sinn, der für ahd. muotac
vorausgesetzt werden muste (
oben 1),
wol aber den gesteigerten, der auf mut 8 (
sp. 2792)
fuszt, beherzter stimmung, kühn: sun, als dîn helm genem den stric, zehant wis muotic unde balt; gedenke an reiner wîbe blic, der gruoʒ man ie mit dienste galt.
Winsb. 20, 2; der stæt an triwen ganz (
ein ritter), under helme muotic frî.
Helbling 13, 53;
gegenüber welchem später eine doppelte bedeutung sich ausbildet. 2@aa)
häufig nach mut 6,
überhaupt gehobener stimmung, munter, keck, froh, bairisch noch jetzt mutig
meist wie mutwillig Schm. 1, 1696
Fromm.: muotig, hurtig,
alacer, animosus, ferox, hilaris, vegetus. Maaler 295
d; muotig, frölich und guoter dingen werden,
exporrigere frontem. ebenda; ein frölich und muotig herz, voll fröuden,
onustum pectus laetitia. ebenda; zum aller muotigisten oder hurtigisten kempfen,
acerrime decertare. 296
a; in muthigem gedicht zur kurzweil junger leuth. Rompler 101; wer im sommer jhm wil blumen, sonsten nichts nicht samlen ein, ei, von was wil der im winter nachmals saat und muthig sein? Logau 3, 183, 55;
und noch bei Göthe,
wol nach heimischem sprachgebrauche: da (
beim kinderwarten) gehts, mein herr, nicht immer muthig zu, doch schmeckt dafür das essen, schmeckt die ruh. 12, 163.
von thieren lebhafter art, hunden und pferden: muotig, unverdrossen hund zuo jagen,
canes alacres in venando. Maaler 295
d; muotig und ring pfärd,
fortis equus, equus acer, alacer, animosus. ebenda; muotiger und freier zeltner,
sonipes acer. 296
a,
andere belege oben 1
a. e.; und noch jetzt in der gehobenen wie in der haussprache ein mutiges rosz, mutige pferde: ob er euer muthig klöpferchen (
klepperchen) besteigen könne, weisz ich nicht.
alam. techn. interim 118; das rosz hat leben, kräfte, so kluge, schöne, grosz und wilde augen, so scheu und muthig. Tieck
Octavian. 226; denn es ist diesz rosz das theurste, stärkste, muthigste. 350; vor mir stand der muthge rapp, der zum kampfe wohlgeschirrte. Freiligrath
dicht. 1, 131. 2@bb)
in fortsetzung der mhd. bedeutung beherzt in wagnis und gefahr; mutig,
animosus, quasi audax, vulg. kune.
voc. inc. theut. o 3
b; ein mutiger mann; die mutigen krieger; wenn im kampf die muthigsten verzagen. Schiller
jungfr. v. Orl., prolog 4.
auftr.; ein mutiges herz, ein mutiger angriff, mutige thaten; und Amors muthige faust schwingt siegbegierige pfeile. Uz 1, 9; die stürzen mit muthiger kampfbegier auf das tigerthier. Schiller
der handschuh; einst lohn ich würdiger, du junger held, die that dir, die mein band gelöst, die muthige. H. v. Kleist
Käthchen von Heilbr. 2, 8; erwäge immer im muthgen sinn, wie er für gott gestritten. Tieck
Octavian. 318; die frühsten klänge meiner jungen tage, da noch ich sang des stolzes mutge triebe. Platen 62; ehmals dämmerten uns muthige hoffnungen. 114; mutig sein, werden, einen mutig machen: und da sein herz mutig ward in den wegen des herrn, thet er förder ab die höhen und haine aus Juda.
2 chron. 17, 6; wenn Judas an die bach kompt, und so mutig ist, das er erüber ziehen thar, so können wir jm nicht widerstehen, sondern er wird uns schlahen. 1
Macc. 5, 40; dadurch ward sie so mutig, das sie einen son nach dem andern auf jre sprach tröstet, und fasset ein menlich herz. 2
Macc. 7, 21 (
variante das machet sie mütig); er ist mutig, es gehe, wie es wolle,
paratus est ad omnem eventum. Stieler 1300; mutig sein,
animo forti atque magno esse, erigere et confirmare se. ebenda; sich mutig in der schlacht erweisen,
in acie animose ac fortiter se gerere. ebenda; einen mutig machen,
animum addere alicui, meticulosum confirmare. ebenda; damit der könig muthiger im verbrechen werde. Klinger 3, 190; denn Amor ist noch so verschmitzt, als wir in den geschichten lesen, und, wann der schalk ein herz besitzt, so muthig, wie er sonst gewesen. Hagedorn 2, 89; weh dem manne, den weibliches erröthen muthig macht! Schiller
don Carlos 2, 8; unsre furcht ists, was sie muthig macht.
Maria Stuart 1, 8;
im ausrufe: drum muthig! die freiheit soll leben! Arndt
ged. (1840) 363;
adverbial: eine sache mutig angreifen,
animi magnitudinem adhibere. Stieler 1300; frisch also! mutig ans werk! Schiller
räuber 1, 1; geh fang nur muthig an die schlacht. Weckherlin
bei Opitz (1624) 199; nun eil ich muthig fort, die palmen zu erwerben. Cronegk 1, 351; ja! dreifach grosz und furchtbar ist der mann, der muthig schreibt, bis neid und gegner schwinden. Hagedorn 1, 58; klimme muthig den pfad, bester, den dornenpfad, durch die wolken hinauf. Hölty 95
Halm; muthiger rauschet der jüngling (
der junge Rhein) einher, und seiner umarmung stürzet die brünstige Reusz mit schäumenden wogen entgegen. Stolberg 1, 207; das herz jauchzt muthig. Tieck
Octavian. 397;
in die bedeutung getrost übergreifend: wir können muthig einen lorbeer zeigen, der auf dem deutschen Pindus selbst gegrünt. Schiller
hist.-krit. ausg. 11, 322. mutig
mit einem genitiv der beziehung hat Arndt
gewagt: muthig denn, o seele, deines horts! und vermache alle angst den feigen! muthig deiner selbst und seines worts wandle freudig deinen sternenreigen.
ged. (1840) 313; drum muthig des zorns und der rede! drum muthig der heiligen fehde! wir siegen, auch wenn wir vergehn. 362.