verderben,
verb. zu grunde richten, mhd. verderben.
seit vorigem jahrhundert sind mischungen der starken und schwachen formen nachzuweisen (
s. d. vor. nr. 6);
besonders ist heute in der 2. 3.
sing. präs. ind. und 2.
imper. verdirbst, verdirbt, verdirb
das einzig geläufige, während Wieland, Göthe, Schiller
noch mehrfach die schwachen formen gebrauchen (
belege s. u.). 11)
da wir beim intransitiv die bedeutung '
sterben'
als die vermuthlich ältest nachweisbare voranstellten, so ist beim transitiv '
sterben machen, tödten'
zuerst aufzuführen: mhd. wan verderbet ir (
frouwe) mich sô, das wirt iu verkêret von den besten die noch gerne wêren frô.
minnes. 1, 149
a Bodmer; glaubt er (
ihr) hy uf der erdin, daz er mugt virswigin werdin, daz ir yegir mich wolt virderbin und ich von uch solde sterbin?
Dalimil 120, 9;
hinrichten: die selbe glocke lute man vormals, so man
einen menschen wolt verderben mit urteil des rotes.
städtechron. 8, 126, 2 (Königshofen); uszwendig Jerusalem der stat, do man böse lüte verderbete. 9, 630, 12,
vergl. einen verderben,
einen ermorden: einen mit dem rechte verderben,
einen hinrichten. Schmeller 1, 534
Frommann; nhd. in der bedeutung '
tödten',
wenn das hebr. wort (
partic. דוד)
streng übersetzt ist: zu jren füszen krümmet er sich, fiel nieder zu ihren füszen, wie er sich krümmet, so lag er verderbet.
richter 5, 27; sind durch hunger und pestilentz fast alle lebendige menschen hingerissen und verderbet. Schuppius 783. 22)
heute meist nur noch die allgemeinere bedeutung, zu grunde richten, zu schaden bringen, so schon mhd.: durch daʒ sie hie von hânt sô vil gesaget, durch daʒ hât er sie verjaget, her umbe er sie verderben hieʒ, von diesem lande er sie verstieʒ.
Barlaam 35, 31
Pfeiffer; künig Philippus .. verderbete die erne gerwe und das bistum und das lant umb Strosburg.
städtechron. 9, 758, 1;
die glossarien des 15.
jahrh. virterben,
nd. verderuen,
annihilare Dief. 36
a;
corrumpere 153
b;
nhd. verderben, ze nüte machen,
perdere. Maaler 416
b. 2@aa)
absolut: das du nicht erschrecken müssest ... fur der pestilentz, die im finstern schleicht, fur der seuche, die im mittage verderbet.
ps. 91, 5; sie (
mutter Tellus) reicht das eisen allgemeinem kunstgebrauch, das so zerstört als bauet, so verderbt als schützt. Göthe 11, 371. 2@bb)
mit object (
menschen, thiere): yhr landt und leut so iemerlich on allis recht schinden und vorterben nit zu lassen. Luther
adel 22
neudruck; Assyrien, Persen, Griechen, Römer ... die allzumal zu letzt verderbet sind, gleich wie sie zuvor andere verderbet haben. 3, 122
b; das ich jn on ursach verderbet han.
Hiob 2, 3; wenn aber der richter gestarb, so wandten sie sich und verderbeten es (
das volk) mehr denn jhre veter, das sie andern göttern folgeten.
richter 2, 19; zwar es komen uber diese auch böse zornige thiere und wurden gebissen und verderbet durch die krummen schlangen.
weish. Sal. 16, 5; so bleib und verderb uns alle, wie du Marien getödtet hast. Göthe 10, 117; und solt ich das (
junges vieh) ubertreiben ich, solt ichs wol auff der strasz verderben und ir eins teils leicht gar ersterben. H. Sachs 1, 23 (1, 106, 28
Keller); verderbst du ihn mit feuer, verbrennst ihm was er hat, so ist er frei der steuer. Opitz 1, 106;
Illo. was klausel? hol der teufel diese klausel ..
Terzky. was machst du, Illo? du verderbest uns. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 178 (
Piccol. 4, 7); ... er ward lahm an allen vieren, wie ein cholericus, den die galle verderbt.
Simpl. 2, 30, 3
Kurz; meinen bruder hat sie (
die menschenliebe) verderbet. Schuppius 755; so ists ihr (
der götter) wille denn, der uns verderbt. Göthe 9, 33; himmel verderbe die schändliche brut! 11, 187;
von körpertheilen, unfähig, untüchtig machen: das alter verderbt den leib,
affligit corpus senectus; die scherpffe der gesicht verderben oder nemmen,
aciem oculorum obtundere Maaler 416
b; euer weinen ist euch zu nichts gut, als die augen zu verderben. Lessing 3, 38; er hatte allbereits angefangen, durch das anhaltende treiben sich die augen zu verderben. Keller
sinnged. 5; durch unverdauliche speisen den magen verderben;
von sinnlichen dingen: es sein auch die, die ir hausz, das ist iren leib verderben. Pauli
schimpf 37
Österley; der nar sprach: was thuot man in der reisz (
im kriege)? man sprach: man verbrent dörffer und gewint stet und verderbt wein und korn. 38; kein Turck het Welschlandt so mugen verterben und gottis dienst niderlegen. Luther
adel 19
neudruck; wo einmal solch blutvergieszen angehet, wird es schwerlich auffhören, es sei denn alles verderbt. 3, 123; und doch damit unter des evangelii namen alles verderbten, und eitel verführung in die leute trieben. 6, 211
b; und lagerten sich wider sie und verderbeten das gewechs auff dem land.
richter 6, 4; das land ward verderbet von dem unzifer.
2 Mos. 8, 24; so jemand den tempel gottes verderbet, den wird gott verderben.
1 Cor. 3, 17; was sie nicht genieszen können, verderben sie.
Simpl. 1, 407, 1
Kurz; der teuffel den schneider! wie er mir das kleid verderbet. Philander 1, 30; da ward ihre ganze stadt ruinirt und in grund verderbet. Schuppius 196; der sie mit seiner armee überzog, das gantze land verderbete. 279; er ist ein drolliger bursche, der keine gesellschaft verderbt. Wieland 8, 280; da kam ein grausam pestilentz, verderbt das reich und alle grentz. Wackernagel
kirchenl. 3, 152; ja wan er auch verderbt die welt, nur sagen: ja herr, wie's euch gefällt. Fischart
dicht. 2, 259, 673
Kurz; disz thuch hab ich selbst zugeschnitten und es verderbet wol zum dritten. 2, 261, 739
Kurz; (
Mars) verderbt, was er nicht mag, äscht städt und dörffer ein. Fleming 71; der feind verderbt zwar ihre frommen saaten. Thümmel 3, 43; (
unter angabe des mittels: mit feuer, mit schwert, durch krieg verderben);
bildlich: indem kein vorwurf diesen kelch der menschenfreuden verderbt. Hippel
ehe 5, 12; wenn die leidenschaften uns das spiel nicht verderbten, könnt' man ... Claudius 1, ii, 131; die furcht, durch ein zu rasches wagestück mein spiel auf immer zu verderben, zog mich noch zurück. Wieland 33, 185; als beide verständig genug sein werden, sich ihr spiel nicht selbst zu verderben. 35, 34; seinen weg hat alles fleisch in der ersten welt verterbt, drum hat durch den sündenflusz gott gar recht das fleisch gesterbt. Logau 3, 33, 61 (471
Eitner); und dasz der eigennutz, der viel verderbt, auch dort nur sich und seinen vortheil denkt. Göthe 11, 361; Ajax fiel durch Ajax kraft. ach, der zorn verderbt die besten. Schiller
hist.-krit. ausg. 11, 393;
von abstracten dingen: das ja der rost und die motten den schatz des ablas nicht verderbten. Luther 2, 50
b; der schlechte zustand und die übergrosze kriegsunruh verderbten mir alle freude. Weise
erzn. 38; ich gebe es auch gerne zu, dasz jede methode, die das gedächtnisz in diesem frühlinge unfruchtbar und müszig liegen läszt, es auf eine gantze lebenszeit verderbe. Herder
lit. u. k. 2, 178; wenn du alles .. genau beobachtest, nichts durch deine eigene schuld verderbst. Wieland 38, 120; alles dessen was die erziehung an ihnen verderbt ungeachtet. 7, 18; er meinte man müsse bei ihren freuden ernst scheinen und sie ihnen manchmal verderben. Göthe 18, 24; laszt uns darüber keine worte verderben. 33, 286; schweig! du verderbst die sach uns beden. H. Sachs 1, 474 (5, 36, 21
Keller); nur ein einzig talent bracht ich der meisterschaft nah deutsch zu schreiben. und so verderb ich unglücklicher dichter in dem schlechtesten stoff leider nun leben und kunst. Göthe 1, 355; aber so sind die jungen mädchen, wer ihnen tändeleien und liebkosungen vorsagt, verderbt seine zeit gewisz bei ihnen nicht. Wieland 11, 238; ich verderbe die zeit und die feder durch diese anrede an sie. J. Paul 15, 26; verderb ich meine wochen hier so umsonst. Göthe 7, 56;
unter angabe des mittels; (
sie) verderben also, was wir recht gepflanzt und geleret haben damit, das sie wollen unser meister sein. Luther 6, 211
b; woltens alles reformiren .. und doch damit unter des evangelii namen alles verkereten, und verderbten und eitel verführung in die leute trieben.
ebenda; von moralischem, zu grunde richten: (
die irdischen güter,) die .. der heide Crates Thebanus ins meer warff, damit sie ihn nit verderben solten.
Simpl. 2, 154, 4
Kurz; den einen (
den dichter) um etwas tadeln was der andre (
der schauspieler) versehen hat, heiszt beide verderben, kaum wird der muth benommen, und dieser wird sicher gemacht. Lessing 7, 3; ich bin meine gesinnungen schuldig .. der allerschlechtesten erziehung durch die jemals ein mädchen hätte verderbt werden sollen. Göthe 19, 87; besser im stillen reift er (
der mann) zur that oft, als im geräusche wilden schwankenden lebens, das manchen jüngling verderbt hat. Göthe 40, 270;
in verachtung bringen: herr Wilhalm Wernher ward zu aim sollichen langwierigen und hellen gelechter verursacht, ... das der munch hievon, wie ein schalksnar verderbt wardt.
Zimm. chron. 3, 30, 34;
in der sprache der kirche von der verdammnis gebraucht: gott verderbet jn ewigkliche. Keisersberg
spinnerin P
d; fürchtet euch ... fur dem, der leib und seele verderben mag in die helle.
Matth. 10, 28;
äuszerlich, an glücksgütern zurückbringen: dan die wucherer hatten unsern vatter verderbt, das mine geschwisterger vast alle miessen dienen. Th. Platter 5
Fechter; wann man einen verderben wolle, so solle man ihn auff das bauen bringen. Schuppius 55; der krieg mich offt in grundt verderbt. H. Sachs 2, 4, 1 (9, 6, 4
Keller); verderbst du ihn durch feuer, verbringst ihm was er hat. Opitz 1, 106;
das object ist mitunter das unbestimmte es: der nar gedacht: du hast es warlich verderbt, du must es wiederumb gut machen. Pauli
schimpf 39;
derjenige der von diesem verderben betroffen wird, steht meist durch mit
beigefügt dabei: ich verderbe es mit meinen freunden; (
ich rathe) dir und deinen freunden, es mit keiner parthei ganz zu verderben. Wieland 33, 135; ich wuszte, dasz es der graf mit ihnen nicht verderben darf. Göthe 16, 106; führten den krieg als wers nur scherz, hatten für die sach nur ein halbes herz, wolltens mit niemand ganz verderben. Schiller
hist.-krit. ausgabe 12, 26 (
Wallenst. lager 6). 33)
selten, reflexiver gebrauch: mocht sich noch schicken, das Trier und Collen sich aneinander vorterbeten.
ernest. ges.-archiv (1523); thu meiner brüder ein enterben, die mit den lastern sich verderben, weil gar unstreflich ist mein wandel. H. Sachs 1, 227 (3, 48, 15
Keller). 44)
die participien in participialer und adjectivischer verwendung theilen die verschiedenen bedeutungen des zeitworts, heute hat im präteritum die starke form die schwache fast verdrängt. 4@aa)
partic. präs. verderbend,
unglück bringend: schrecknisse gottes rauschen ihm auf den verderbenden flügeln. Klopstock
Mess. 2, 380; kein dämmernder erdkreis naht sich des himmels verderbendem blick. 1, 197; sein grausames werk zu vollenden stirbt unter seinen verderbenden händen ein reitz am andern ab. Wieland 4, 141; alle die andern, so viel dem verderbenden schicksal entflohen, waren jetzo daheim.
Odyssee 1, 11. 4@bb)
partic. prät. zu grunde gerichtet, krankhaft, werthlos: ob er (
der krieg) noch dauert, oder die stadt verderbt ist. Göthe 57, 40; kupffer und zinngeschirr schlugen sie zusammen und packten die gebogene und verderbte stücke ein.
Simpl. 1, 21, 17
Kurz; macronen ... die nicht allein die schädliche melancholische feuchtigkeiten zertheilen und das verderbte geblüt reinigen, sondern eine natürliche begierde erwecken.
Simplic. 4, 40, 28
Kurz; abstract: wo jr nicht an dem evangelio haltet und andere höret, so hab ich umb sonst gepredigt und jr umb sonst gegleubt und ist alles vergeblich und verderbt, was jr zuvor gehabt hat. Luther 6, 212
b; sie zeigen auch hierin ihren verderbten geschmack und ihre schlechte beurtheilungskraft. Lessing 6, 432; der stufen sind viel, die eine werdende bühne bis zum gipfel der vollkommenheit zu durchsteigen hat, aber eine verderbte bühne ist von dieser höhe natürlicherweise noch weiter entfernt. 7, 3;
besonders gern für sittliche verkommenheit: roh, unerfahren, keines weges kundig, unwissend, wie verderbt die menschen sind, schweift er umher. Gotter 2, 198; die reinigung eines landes von verderbten menschen. Kant
metaph. anfangsgr. d. rechtslehre 261; arme frau, ich lasse dich in einer verderbten welt. Göthe 8, 165; nein! weil, um zügelfreien lüsten sich, sorglos, wie das thier zu weihn, verderbte menschen sich mit eurem orden brüsten .. verkenn ich euern milden einflusz nicht. Gotter 1, 397; das verderbteste weltkind. 3, 109.