verderben,
verb. zu grunde gehen, mhd. verdërben,
mnd. vorderven,
zusammensetzung zum ungebräuchlichen dërben,
dessen herkunft noch nicht ganz sicher; Grimm
gramm. 2, 38. Weigand
wb. 1, 317
stellen das wort mit goth. þaurban (
mangel haben)
zusammen, womit sich derb (
adj.)
wegen der abweichenden bedeutung schwer in einklang bringen läszt, daher wohl besser Fick
[] indogerm. wb. 2, 370. 3, 137,
der es mit lit. tirpstu,
lat. torpeo
erstarren (
wurzel tarp)
zusammenbringt, derb =
starr, fest, derben, verderben
ursprünglich =
starr werden, woraus sich die verschiedenen bedeutungen bequem entwickeln. zu mhd. nhd. verderben
findet sich die nebenform verterben,
mit einem auch anderwärts vorkömmlichen dentalwechsel (edel, etel Dief.-Wülcker 388. 389
u. s.).
die alte ablautende flexion frühe vielfach gestört; im präs. sing. angleichung an den plural ich verderbe
statt verdirbe (Stieler ich verdirb 321. Steinbach (1724) ich verderbe 54),
mundartlich hat sich bis auf heute noch verdirbe (1.
person)
erhalten, z. b. bairisch i verdirb Schmeller 1, 534
Frommann; luxemburgisch ich verdirwen Gangler
lux. umgangssprache 465.
ja sogar das transitive verderbe
tritt in die starke flexion über, ich verdirbe (
vernichte) Hunziker
aarg. mundart 79. 2.
und 3.
person hat noch heute i,
im präteritum angleichung des plurals an den singular: verdarben
statt verdurben (
so noch Simpl. 2, 177, 25
Kurz),
manchmal glich sich der singular dem plural an, verdurb er Brant
narrensch. (24) 33
Zarncke, hierher wohl auch verdorb H. Sachs 3, 1, 161 (11, 94, 34
Keller). Wackernagel
kirchenl. 3, 13. 17, 2;
prät. conj. verdürbe, Rückert
auffallend: wenn ungenützt sie dort im staub verdörbe.
ges. ged. 1, 205
im reim auf erwörbe, körbe. 11)
wenn wir von der bedeutung '
starr sein'
ausgehen, so ist wohl die älteste unter den vorkommenden bedeutungen '
sterben' (
heute ungebräuchlich):
mhd. dô verdarb vil lutes und vihes von brande und von vervallende.
städtechron. 8, 136, 33 (Closener); (ir) klage, daʒ Riwalîn erstarp, klage, daʒ Blanscheflûr verdarp, klage umbe ir beider kindelîn an dem ir trôst dô solde sîn, daʒ daʒ verdorben wære. Gottfrid
Trist. 1831;
nhd. da die jungen und kindlein vortorben auff allen gassen der ganzen stadt. Luther
adel 72
neudr.; das viehe verdirbt vor alter und der arme mensch vor kranckhait.
Simpl. 2, 113, 18
Kurz; weilen dann nun unser geschlecht mit samt der welt untergehen und im feuer verderben musz. 2, 70, 29; und wir selbst beinahe erstickten und verdurben. 2, 177, 25; dasz viele durch hunger verderben und umbkommen. Schuppius 782; Jeremia nun must du sterben, als ein falscher prophet verderben. H. Sachs 3, 1, 136 (11, 5, 29
Keller); hettn mich die zwen nicht rein geführt, so wer ich vor dem hausz verdorben. 2, 4, 7 (9, 29, 25
Keller); drum sind dein eltern schon gestorben, ist jr geschlecht doch nicht vertorben. Fischart
dicht. 2, 63, 2349
Kurz; wir sehen, wie der leib des menschen musz verderben. Opitz 1, 141; wol dem, der so verdirbt wer eh stirbt, als er stirbt, der stirbt nicht wenn er stirbt. Fleming 129; wer hundertjährig stirbet, verweset ja so bald, als der so jung verdirbet. 129; die durch das schwerdt verdorben, die kamen besser umb als die so endlich sturben aus durst und hungerspein. Opitz 3, 41;
formelhaft: wan du mit meinem schwert erstochen wirst und ligst unter den erschlagenen Israel und must sterben und verderben.
Judith 6, 3; damit nun solche leute nicht in ihrer unwissenheit sterben und verderben und von ihrem blut meine hände besprützt werden, als hab ich mir fürgenommen das dritte gebot ein wenig zu betrachten. Schuppius 190; sie haben gehabt weder glück noch stern, sie sind verdorben, gestorben. Erk
volksl. 6,
nr. 89;
von pflanzen, verwelken: aber man wissagt mir, das vieh sterb, oder wie korn und wyn verderb. Brant
narrensch. 65, 75
Zarncke; (
dieser kürbisstrauch) wart in einr nacht durch mich gemacht und verdorb in der andern nacht. H. Sachs 3, 1, 161 (11, 94, 33
Keller); du bist entstellet uberal, gefarbt wie all verdorben rosen. 2, 4, 7 (9, 28, 17
Keller). 22)
überhaupt, zu grunde gehen, zu dauerndem schaden kommen, heute die gebräuchlichste bedeutung: mhd. wê daʒ zwên als edele namen (frouwen
und pfaffen) mit den schamelôsen werbent! sicherlîche si verderbent, sine wellens sich erschamen. Walther 45, 33
Lachmann. [] nhd. 2@aa)
von menschen und thieren: es musz vorterben, allis was nit gottis wort on unterlasz treibt. Luther
adel 72
neudruck; also spricht auch gott durch Isaiam: ich wil dich zeumen mit meinem lobe, auff das du nicht verterbest. Luther 1, 20
b; dadurch mancher frommer man betrogen zu grund verderben mus. 4, 283
b; reuter die unachtsamerweise ihre pferde verderben lassen.
Simpl. 1, 408, 8
Kurz; wer mich (
die weisheit) findt, der fyndt heil und glück, der mich haszt, der verdirbt gar dick. Brant
narrensch. (22) 28
Zarncke; die strasz dünckt sie süsz, senfft und gut, darauff verdirbt manch junges blut. H. Sachs 1, 238 (3, 93, 20
Keller); ist ein böser wo gestorben, traure! dann er ist vertorben. Logau 1, 226, 35 (213
Eitner); verderben wird er eher mit seinem ganzen volk vor diesen wällen, als unsers muthes tapferkeit ermüden. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 383 (
Wallenst. tod 5, 5);
bildlich: wenn mit dem körper auch der geist zum krüppel verdirbt. Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 53 (
räuber 1, 3). 2@bb)
von dingen: es ist besser, das eins deiner gelied verderbe und nicht der gantze leib in die helle geworfen werde.
Matth. 5, 29; das gotzhausz wasz gar verdorben (
zusatz in hs. A die pauren hettens verprent und in grunt verderbt). Baumann
quellen z. g. d. bauernkr. 1, 126; dringt auf meine vermählung nicht eher, bis ich den mantel fertig gewirkt, damit nicht umsonst das garn mir verderbe!
Odyssee 2, 97;
von speisen und getränken: das brod verdirbt; wirst schön gehandelt haben, wann er (
der wein) dir nun im keller ligen bleibt und vollends verdirbt.
Simpl. 3, 330, 26
Kurz. 33)
von geistigem, zu grunde gehen: wiewol ir (
der welt) weiszheit zeiget das, den rechten weg und eben strasz inn tugend recht und wol zu leben, so bleibt sie doch in lastern klebn, darinn sie willigklich verdirbet. H. Sachs 1, 241 (3, 106, 11
Keller);
in der sprache der kirche, der verdammnis anheimfallen, gern mit ewig, ewiglich
zusammengestellt: er gAeb dir doch daʒ ewig leben darum, du muost doch unglück und leiden haben und verdirbst ewigklich damit. Keisersberg
spinnerin p 2
c; dis ist die tieffste und gröste krankheit der seelen, darinnen sie müszten ewiglich verderben, wenn sie also bleiben solte. Luther 1, 20; mich dünckt ich muos gründlich verterben ewiglich. 1, 25; was hülff eyn menschen, das er gwynn die ganze welt und verdurb er drynn. Brant
narrensch. (24) 23
Zarncke; dar umb verdyrbt gar mancher narr, der zyttlich styrbt, hie und dort ist er ewig dott. (47) 3
Zarncke; sonst weren wir all verdorben. Wackernagel
kirchenlied 3, 32, 5; von dem baum sollen wir essen nit, sunst werden wir des todes sterben, an leib und seel ewig verderben. H. Sachs 1, 4 (1, 29, 30
Keller). 44)
von abstracten dingen: ich will meine schöne studia aller welt zu schimpffe verderben lassen. Weise
erzn. 185
neudruck; mergk auch darbey, ob niemant stürb, all zeytlich notturft bald verdürb. Schwarzenberg 151
b; meine frewd (
ist) verdorben. Weckherlin 140 (
ps. 31, 18);
unpersönliche construction: mein gute werck die golten nicht, es war mit jn verdorben. der frei will hasset gotts gericht, er war zum gut erstorben. Luther 8, 366. 55)
zurückgehen an äuszeren glücksgütern: auff dem flotz sein, nicht mer haben,
cedere foro Maaler 416
a; wagt er immer auff gut glück bisz er verdürbt. Frank
weltbuch vorrede 2; andere haben die medicin ergriffen, welche bei der juristerei verdorben wären. Weise
erzn. 48; wer fertig rechen und schreiben kan, der verdirbet nicht leicht. Butschky
Pathmos 33; Wien ist die hohe schule der kochkunst und ein wirth, der das seinige dort gelernt hat, sollte eigentlich in keinem lande verderben. Thümmel 6, 37; gar offt verdürbt ein hantwerksman, der vil gewärb und hantwerck kan. Brant
narrensch. (18) 5
Zarncke; [] kein recht mildter nie verdarb, kein karger auch nie lob erwarb. die mildten auch nit all verderben, die kargen nit all schetz erwerben. H. Sachs 1, 224 (3, 35, 13
Keller);
einer sache verderben, heute '
mit etwas verderben': ein handwerck, des niemandt verderben kan. Agricola
sprichw. 73
a. 66)
allmählich verdrängt das starke zeitwort das schwache (
doch erst in neuerer zeit);
mit persönlichem objecte, untauglich, unfähig machen: freilich haben sie mich ein wenig für die gesellschaft solcher einfacher, solider männer verdorben. Klinger 1, 376; die natur hatte das liebliche kind schon von der frühesten jugend an für diese erhabene lehre verdorben. 10, 29;
mit sächlichem objecte, im werthe herabsetzen, entwerthen, entstellen: pfui doch, Schweitzer, du verdirbst ihm ja das concept, er hat seine predigt so brav auswendig gelernt. Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 100 (
räuber 2, 3); ist das wahr, so verdirbt
πεμπώβολον auch die ganze seite griechischer hexameter; es verdirbt die schöne rührende stelle. Bürger 139; er (
Camerarius) hat unzählige stellen wieder hergestellt und die menge derjenigen kunstrichter, welche vor ihm daran gearbeitet, hatten ihn mehr verdorben als gebessert. Lessing 3, 17; wollen sie einen andern kennen lernen, dessen guter wille uns nun schon den zweiten englischen dichter verdorben hat? 6, 5; wenn die neue philosophie der Franzosen das herz verdarb. Klinger 12, 197; es ist nicht das einzigemal dasz es (
das publicum) sich einbilden läszt, das grade gehöre zum genusz, was den genusz verdirbt. Göthe 27, 115; das gesetz hat zum schneckengang verdorben, was adlerflug geworden wäre. Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 30 (
räuber 1, 2); was sie beim kleinen theil gewannen, verdarben sie beim weit gröszern, welcher leer ausging. Schiller (1840) 1047; noch hatte ihm dieser jähe himmlische überfall durchaus nicht die laune verdorben. Heyse
buch d. freundsch. neue folge 162; wissen sie nicht dasz sie ... mir den geschmack an allen anderen ihres geschlechts für ewige zeiten verdorben haben? 279; er gleichwol nicht indesz ganz ohne rache sturbe, denn als der hertzens stich jhm seine krafft verdurbe, so hiesz er noch in dem den degen fliegen rumb. D. v.
d. Werder
Ariost 29, 58, 2; wenn der verfasser unbekannt ohne charakter und verdienste ist, so ist das buch nicht werth, dasz die zeit damit verdorben werde. Kant 8, 8; zu der zeit wird das Geusische heer, das bei Launoy unnütz die zeit verdirbt, überfallen. Schiller
hist.-krit. ausg. 7, 261; wenn ich in meines weibchens arm am abend mich auf meinem sopha dehne, und mit dem ganzen narrenschwarm, der mir den tag verdarb, gutherzig mich versöhne. Gökingk 1, 130;
sich (
dativ)
etwas verderben: der lecker hat sich mit zu viel süszigkeiten den magen verdorben. Lessing 7, 147; beide theile haben nichts davon als verlorene zeit und eine flaue erinnerung, wie man sich etwa den magen verdirbt an zu vieler limonade. Heyse
novellen (
samml. 10) 223; wie er sich nun, durch diesen sittlich unruhigen geist, durch dieses bedürfnisz die menschen hämisch und tückisch zu behandeln, von einer seite das gesellige leben verdarb, so widersprach eine andere unruhe .. seinem innern behagen. Göthe 26, 96; durch ungegründete und abgeschmackte eifersüchteleien verdarb ich mir und ihr die schönsten tage. 25, 110; wie sündhaft sie das glück ihrer jugend versäumt habe, mit leeren tugend-hirngespinnsten sich das leben verdorben. Heyse
novellen (
samml. 10) 208.
mitunter ist das object das unbestimmte es,
diejenigen mit denen man in gegensatz geräth durch mit
beigefügt: er wollte mit allen gut stehen und verdarb es mit allen. 77)
mitunter reflexiv, sich verderben,
häufiger ausdruck für '
sich ein unwohlsein, eine krankheit zuziehen': er verdarb sich auf der reise. 88)
participiale und adjectivische verwendung (
nicht immer streng zu entscheiden ob intransitiv oder transitiv)
im anschlusz an bedeutung 1: verdorben und gestorben,
s. o.; an bedeutung 2: verdorbene speise,
ungenieszbare speise; verdorbener magen;
besonders auch von abstracten: der verdorbene geschmack (
noch als sinnliches bild: der leser ist schwach im verdauen, er (
der verfasser) gibt ihm wein zur stärkung, er hat einen verdorbenen geschmack, daher braucht er jetzt ordentliche cur. Herder (1805)
lit. u. kunst 2, 5; die verdorbene römische literatur
[] mischt sich mit den rohen begriffen ihrer überwinder. Herder 2, 155; die sprache ein verdorbener deutscher dialect. Tieck 19, 146. —
an bedeutung 3: so verdorbene schüler sind diese verleger, das sie alle ire tag nicht so viel erlernet haben, was hereticus zu latein oder ein ketzer zu deutsch heisze. Luther 1, 63
b; ausz einem verdorbenen studenten kan man noch wol einen guten soldaten machen. Schuppius 35; Lykon ist ein verdorbner schulhalter in der rhetorik. Wieland 34, 8; kaiser Aurelius sagt ..., dasz die herrn, so nicht gern audientz geben, sein unwerth worden und verdorben. Schuppius 23; zu
etwas verdorben sein: er ist zum schauspieler verdorben; wenn er ein glas wein getrunken, so ist er zu jedem geschäfte verdorben;
in der sprache der kirche: desz seel solt auszgerottet werden, ausz seinem volck, das ist er solle zeitlich und ewiglich verdorben und verloren sein. Schuppius 294;
von sittlicher verderbnis: verdorbene menschen, die verdorbene welt. —
zu bedeutung 5,
zurückgekommen in seinen vermögensumständen: dasz sie zu einem inspectorn der öconomie annehmen wollen einen verdorbenen kauffmann, der .. zurückgekommen sei. Schuppius 29; wir bitten eure kaiserliche majestät um hülfe, um beistand, sonst sind wir alle verdorbene leute, genöthigt unser brot zu betteln. Göthe 8, 80; ich bin ein arm verdorben man. P. Rebhun
klag des armen manns 7; ein verdorbener maler
kann auch (
selten)
einer sein an dem ein maler verdorben ist, der seinen anlagen nach hätte maler werden sollen: wer sich tauben hält, ist immer ein verdorbener millionär. Gutzkow
zaub. v. Rom 1, 10;
üblicher: einer an dem ein maler, ein millionär verdorben ist.