Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
arm Adj.
1.1 ‘Mangel an etw. habend’ (meist mit Gen., v.a. in jüngeren Texten auch präp. Bestimmung)
1.2 ‘gering, machtlos, abhängig’
1.3 ‘mittellos, bedürftig’
1.4 ‘unglücklich, bemitleidenswert’
1.5 ‘sündig, erlösungsbedürftig’
1.6 in der Paarformel arm unde rîche ‘jeder, alle’ (vgl. 2 HRG 1,299f.)
2 von Sachen ‘unbedeutend, minderwertig, ärmlich’
3 in Sprichwörtern (vgl. TPMA 1,181-224)
1 von Personen 1.1 ‘Mangel an etw. habend’ (meist mit Gen., v.a. in jüngeren Texten auch präp. Bestimmung): der was lam und guotes arm RvEBarl 10063; nu bin ich aller fröiden arn SM:Had 14: 2,7; sælic sint die armen des geistes Eckh 5: 22,3; zehant man manigen tiuren / edeln kneht sach an in varn, / die des guͦtes warn arn WhvÖst 2224; unselge jüden, / arm an allen duͥden [Verstand] , / ware duͦt ir uͥren sin? MarlbRh 28,8; arm in dem geiste Eckh 5: 29,8; ich arme von allen tugenden Mechth 7: 25,2 1.2 ‘gering, machtlos, abhängig’ ich ne bin ne so arm man. / ine ware doch zvare / dar heime ein richer graue Roth 1980; die armen wurden dâ begraben, / und die edelen ûf bâre gehaben Wh 451,11; daz ist dar umb, daz die fürsten namhafter sint dann arm läut BdN 76,30; sie hetten unfreud, wann eyn die ander arm sah und vertriben großer eren Lanc 18,37; menscheit ist an dem ermsten oder versmæhesten menschen als volkomen als an dem bâbeste oder an dem keiser Eckh 2:18,3 1.3 ‘mittellos, bedürftig’ swe arm so ich si. / ich bin doch von minin magen vri Roth 1431; ob er vor sinem tode [...] so arme werde oder so notich, daz er nihtzniht mer enhab UrkCorp (WMU) 1517,35; ist aber der mensch arm vnd hat siner notdvͤrft niht PrBerthKl 1,50; die armen sculen ir armoͮt gedulteclichen tragen; darumbe enphahent si daz ewige lon Spec 141,7; der lepte heilicliche / guͦtis arm, niht riche RvEWchr 28012; ellende und arme ritterschaft / mit rîchen gâben er beriet KvWTurn 22; eim armen, daz in bat / des almuosens LvRegFr 971; die armen sint aleine gote gelâzen, wan nieman ennimet sich ir ane Eckh 3:365,2; herre, ja bin ich als arm, das ich nút habe Mechth 7: 11,7 1.4 ‘unglücklich, bemitleidenswert’ nû bedarf ich wol arme, / daz sich Vênûs mîn erbarme En 1405; ich bin ein armuͦ creatur, unselig und unfro Lanc 43,17 1.5 ‘sündig, erlösungsbedürftig’ v̓nser arme altvordern, die verlvren die gots hvlde vnde daz here paradis mit ir vngehorsam Konr 24,47; mit dem heiligen bluͦte ist der arm mensch erlediget, mit der tauf des heiligen christes ist er erwaschen PrOberalt 54,5; Got [...] gibt gelucke / [...] den armen dy ire sunde / hy gar innenclichen buzen Hiob 1842; ob es unsern herren icht sol erbarmen eins armen sundigen menschen Lanc 43,26. – oft in den Wendungen arme sêle und armer sündære: an iv sterbet die vil manigen svnde, die iͤr gefrumet habet wider got vnd wider iwer armen sele Konr 11,97; des bin ich armiu sêle verlorn / ern welle mir genædic wesen Wig 4665; das die arme sele nit ewiglich verdampnet sy Lanc 13,7. – der arme suntare, / deme sin gewizzede daz saget, daz er gotes hulde niene habet AvaJG 9,6; so kan mîn armen sünders niemer werden rât SM:UvS 16: 1,10; wenne si ir genâd uns armen sündern her nider geuzet auf ertreich BdN 60,19 1.6 in der Paarformel arm unde rîche ‘jeder, alle’ (vgl. 2HRG 1,299f.): do chom got gegangen / unde lerte alle geliche arme unde riche AvaJo 23,3; dine frunt gemeine, / groz vnde kleine, / arme vnde riche, / alle gemeine gliche, / vater, mvter, wip, kint, / bruder, swester vnde die da sint Herb 10417; alle menschen, arm und rich PrOberalt 109,30; die amtliute, die burgere, edel vnd vnedele, arme vnd riche UrkCorp (WMU) 2529,6; dise vorgenanten gesetze suͦln halten arm unde riche in der stat zu Wirzebuͦrg WüP 7k,2 2 von Sachen ‘unbedeutend, minderwertig, ärmlich’ daz er [...] gervͦhte geborn werden in ainer armen stete, mit bosen tvͦchelinen gewindelt werden, in ainer armen krippe geleit werden Spec 34,8; Tristan ime dô geben bat / daz aller ermeste gewant, / daz man in der barken vant Tr 7421. 3996; diu truogen an ir lîbe / mit grôzen riuwen armiu kleit RvEBarl 1769; ir was joch under in genuc / die ez so arm bekanten [das ihnen zuerkannte Gut für so gering erachteten] / daz sie dahin niht wanten / ir ougen Vät 17309; ich sach einen armen man stan uf der erden, der was gekleidet mit armen lininen tuͦchen als ein arbeitende man Mechth 7: 11,3. – dû hâst ein arme zuoversiht KvHeimUrst 492; nu hât ez aber arme craft Tr 13968 3 in Sprichwörtern (vgl. TPMA 1,181-224): – Arme werden vom Unglück härter getroffen: ertraͤt ein armer man ein huon, / er wurd gebüesset vaster zwir, / denne ein rîcher, gloubent mir, / ob er zehen ohsen naͤme / gar lîht er dâvon kaͤme Ammenh 5425. – Arme werden verachtet: des rîchen wort merkt man ze grunde: / in maniges armen mannes munde / verdirbet wort und witze vil, / sô sîn rede nieman hœren wil Renner 8721. – Gott liebt die Armen: und weiz ich doch benamen daz / ân allen zwîvellichen spot, / daz arme liute minnet got KvWPart 17642. – der Arme darf nicht faul sein: arm man sol niht træge sîn, / daz sprichwort wart dâ wol schîn Ottok 31132. – Reiche können arm werden: swie edel si sint oder swie rîch, / sô ist doch das gar mügelîch, / das si wol möhten werden arn Ammenh 4207. – Lit.: W. Schröder, Armuot, DVjs 34 (1960), S. 501-526; R. Ris, Das Adjektiv reich, Berlin 1971 (QF 40)
MWB 1 355,1; Bearbeiter: Diehl