ARMUT f. (1)
herkunft und form. ahd. armuoti
n. (ja-
stamm), armuotî
f. (īn-
stamm), mhd. armuote
n., armuot
f., auch m., as. armōdi,
anfrk. armuodi
n., mnd. armōde
n. f., armōt
m. f., mnl. armoede, armoet,
nl. armoede
sowie (aus dem mnd.) an. armoeđa
f., norw. dän. schwed. armod
sind ableitungen von arm
adj. (s. d.) mit dem auch in einöde
u. heimat
vorhandenen suffix ahd. -ôti, -ôdi,
as. -odi, -adi,
ae. -ede
(aus nur im westgerm nachweisbarem germ. -ôđja,
vgl. Meid/K.
germ. sprachwiss. 3[1967]149). die ungewöhnliche diphthongierung des nicht hochbetonten -ô-
im ahd. (vgl. Braune/E.
ahd. gramm. 14§38 anm. 2) ist durch volksetymolog anlehnung an ahd. -muot
zu erklären. daraus resultiert wiederum die gelegentl. ahd. schreibung mit -mm-
(vgl. hierzu u. insgesamt Lloyd/S.
et. wb. ahd. 1,338f.). (2)
genus. neben dem dominierenden fem. begegnet bis ins 19. jh. immer noch das neutr. genus (bes. in den bedeutungen 1, 3
u. 5
). vereinzelt gibt es auch bezeugungen für das mask.: 1290 dc mich ehaftige not, rechter armvͦt old min erbun dar zuͦ twnge
corp. altdt. originalurk. 2,474 W. u1477 kam er wider in syn vorigen armuot Steinhöwel
Äsop 122 LV. 1720 ist der armuth ein mangel Ch. Wolff
thun 342. 1
vgl. arm
adj. 3.
mangel, mittel-, besitzlosigkeit. in älterer spr. auch speziell ‘
mangel an lebensnotwendigen gütern’.
auch bildl.; hauptgebrauch des wortes: 8.jh.
penuria armoti
ahd. gl. 1,119,30 S./S. ⟨v1022⟩ ih .. uuâno got meinen. daz sumeliches natura sô drâte unde sô ungehirmet ist. taz er sih fertâte umbe armote
(inopia) Notker
1,3,311 ATB. ⟨u1194⟩ armuot was in vremede. / sîdîn wârn diu hemede Ulrich v. Zazikhoven
8869 H. ⟨u1220⟩ de hamer ’s armuͦds he sluͦch dich, / du wers durstich inde hüngerich
rhein. marienlob 2501 LV. ⟨u1336⟩ die dru stuk dar uff unser orden .. gesetzet ist, das ist willige armuͦt und volkumne gehorsame und rechte lutterkait Stagel
14 DTM. 1472 die armen werden mit irrer armut gedrucket vnd mit hunger, durst .. gepeynigt Eyb
dt. schr. 1,86 H. 1511 darvmb sal man .. vor dem kryge futterunge .. yn die stette furen .. das der veyndt durch armut bezwungē werde abtzuzyhen
Vegetius, de re militare M 2a. 1523/4 so wird dyr das armut komen wie eyn wanderer, vnd der mangel wie eyn gewapneter man Luther
bibel 1,571 W. ⟨1672⟩ eine verliebte person .., die aus armuth und mangel gelds zum erwünschten heuraht nicht gelangen könten Grimmelshausen
Simplicissimus 3(1713)372. 1792 unter den vielen leuten .. bemerkte ich nur einen einzigen wohlgekleideten mann; die übrigen alle trugen die kennzeichen der armuth und des mangels Moritz
Italien 1,95. ⟨1838/9⟩ was ist der reichthum aller sprachen gegen die selige armuth dieses wörterbuches?
(wortschatz eines verliebten mädchens) Immermann
3,67 B. ⟨1877⟩ die extreme des besitzes, reichthum und armuth Contzen
soc. frage (1879)396. 1998 sozialhilfe .. verhindere existenzbedrohende not, reale armut schaffe sie nicht
tagesspiegel (26.8.)8d. —
gelegentl. mit genitiv- oder präpositionalobjekt zur konkretisierung eines spezifischen mangels: ⟨v1683⟩ wir reiseten also drey tage harte an dem ufer des Oxus .. und derogestalt bey einem so grossen strome in grosser armuth des wassers Lohenstein
Arminius (1689) 1,591b. ⟨1753⟩ dieser fehler entstehet .. aus .. einer grossen armut an erkenntniß Wieland
I 4,14 ak. 1813 meine armuth an zeit Jean Paul
III 6,344 ak. ⟨1963⟩ diese entsetzliche armut an güte Valentin
d. unberatenen (1965)329. 2
zu arm
adj. 1.
elend, unglück; plage, mühsal: 863/71 salig birut ir arme .. in thiu ir thie armuati githultet io mit guati Otfrid
II 16,2 E. ⟨u1300⟩ do min her Adam volles slages / uzer dem paradise / durch die vorbotenen spise / zu disen armuten wart vortriben Heinrich v. Hesler
apokalypse 20523 DTM. ⟨14.jh.⟩ ich bin die mitt jomer streben / müss umb den lïbsten man / den frow ze trutt ie gewan. / .. armütt wirtt
mir niemer rautt
göttweiger trojanerkrieg 4108 DTM. 1442 wilt mich nicht vorlaten in mynen groten armode unde bedrofnysse
privatbr. d. ma. 2,23 S. 1554 was disem Wilbaldo auß seinem unfleyß und ungehorsam für armuͦt, truͤbsal zuͦhanden gangen Wickram
2,98 LV. ⟨v1624⟩ so hat gott in seiner hand creutz, verfolgung, jammer, armuth, schmach und elende Böhme
theosophia (1730)2,94 faks. 1714 so bringen wir dann .. unsere tage zu in traurigkeit, armuth, verachtung Schudt
merckwürdigkeiten 1,20. 3
zu arm
adj. 2 b
u. 3 a.
mittellose, bedürftige, abhängige, sozial niedrigstehende menschen: 863/71 ni det er iz
(Judas’ zorn über die verschwendung der kostbaren salbe) bi guati, / odo inan thie armuati wiht irbarmeti
(Joh. 12,6: non quia de egenis pertinebat ad eum) Otfrid
IV 2,28 E. (ahd. wb. 1,657). ⟨1293⟩ swen ir die armuot fro / mit ivwer gabe machint / daz si von frovden lachent Hugo v. Langenstein
Martina 26,16 LV. 1391/9 dat deme armude recht wederfare und nicht rechtes gebreke
berl. stadtb. (1883)100. ⟨v1490⟩ es ist ain priester ermördt worden in seinem aigen haus bei den willigen armuͦten
(Augsb.) chr. dt. städte 22,147. ⟨1560⟩ daß aber auch das armut vnd die dienstbotten grossen pracht mit kleidung treiben
theatrvm diabolorum (1569)481a. ⟨1630⟩ wer nimpt das armuth nun / in seinen milden schutz Opitz
op. [1689]2,98. 1782 um bibeln an das armuth vertheilen zu können
leipz. intelligenz-bl 357a. ⟨1856⟩ die gemeinde verkauft jährlich noch einen guten teil
(holz) woraus die grosse armut unterstützt und genährt wird Keller
(1894)4,9. 1968 die straße ..
(sic!) armut die nach kohlen schlich Berger
gesichter 45. 1993 farsch ormut soll mr eene uffne hand hobe
thür. wb. 1, lfg. 3,280. —
zur unterstützung bedürftiger menschen verwendete gelder, armenkasse; selten: 1567 J. P. hat aufgelassen einem erbarn rathe .. als verwaltern des gemeinen armuths .. die erbschaft
cod. dipl. Silesiae 4,90. z.j.1639
(sie sollen) das gelt vnd der gemain armuet .. bei einem hausshalter .. aufbewahren
geschichtsb. d. wiedertäufer 461 B. 4
zu arm
adj. 2 a.
demut: ⟨n1240⟩ sant Francisk .. / die .. brüeder lêrt er dô / armuot und einvaltecheit Lamprecht v. Regensburg
st. Franziskus 1239 W. ⟨E13./A14.jh.⟩ ein inwendigiu armuot, von der ist daz wort unsers herren zu verstânne, sô er sprichet: ‘sælic sint die armen des geistes’ meister Eckhart
dt. w. 2,486 Q. E15.jh. jch .. bitten vmb .. die selikeit der demütikeit vnd geistlichen armüt
spätlese ma. 2,24 TSM. 1510 zuͦ warer vnnd volkōmner armuͦt, da ein mensch .. weist das er semlicher fürsehung seiner bloßen nottdurfft nit wert ist Geiler
paradiß 30b. ⟨v1683⟩ mit diesem armuthe des gemüthes Lohenstein
Arminius (1689)1,1120a. 1700 wie wir mit rechter inwendiger armut dem herrn näher kom̄en Arnold
kirchen-hist. (1699)3,16b. 1884 wie die schlechten menschen an die demut und armut handeln Raabe
15,570 H. 1958 die zentrale bedeutung der armut im geiste nach Eckehart
salzb. jb. philos. 34. 5
geringer besitz, kleines gut; herzuleiten von 1: ⟨u1250/72⟩ wie du einem sîn armuot angewinnest mit wuocher Berthold v. Regensburg
in: BMZ 1,59a. hs.14.jh. ich teile iuch mite, swaz ich hân; / min einvaltigez armuot
kobold 151 B. ⟨u1460⟩ o ir heyligen, lieben zwelfpoten .. behütt mir davor
(feuer) mein haws und die armuͦt, die ich darinnen habe Hartlieb
dialogus 162 DTM. n1527 das sie .. mir mein armut nit nemen, wie sie mit meinem wein gehandelt haben Zweifel
in: qu. bauernkrieg Rotenb. 399 LV. ⟨1669⟩ alle mein armuth wurde mir abgenommen, und ich gebunden nach Bagdat gebracht Andersen
in: Olearius
reisebeschr. (1696)129b. ⟨1758⟩ mit ermüdender arbeit sammelten sie theils ihre armuth
(‘geringen ertrag’), oder umgruben die rauhe erde zur neuen saat Geszner
(1767)1,116. ⟨1816⟩ was soll ich mit meinem bischen armuth machen? seht, das verzehre ich denn gern Tieck
(1828)3,59. 1910 K. gibt von seiner armut sechs prozent statt drei, die er geben müßte Goldschmidt
Berl. 160. 6
nichtswürdigkeit, erbärmlichkeit, unzulänglichkeit. zu arm
adj. 2 c,
jünger eher als zu arm
adj. 5
gehörig empfunden: hs.u1300 nu sage mir, wez mugent si me geren, wen si sint den engelin gelich! Alexanderes groz gewalt were da ein armuͦte
Lucidarius 75 DTM. ⟨u1360⟩ nu wil ich dir beihten vnd mich vor dir niht schemen meiner snodickeit
(var.: .. vnd armuet)
(uilitatem meam) Johann v. Neumarkt
1,23 K. hs.A15.jh. swen ich mein armut ansih, / so pin ich swacher den ain vih
in: frnhd. wb. 2,151. 1787 erschrocken fliehen sie
(d. menschen) / vor dem gespenste ihrer innern größe, / gefallen sich in ihrer armuth Schiller
5,2,309 G. 1799 es ist die armuth der
(literar ) erfindung
ders., 30,52 nat. 1865 wenn unsere maler der modernen schule ihre impotenz und armut begriffen, so wäre es eine wohltat Feuerbach
br. an seine mutter 2,139 K./U.-B. v1956 die unzulänglichkeit und armut dieser konstruktionen Brecht
schr. z. lit. 2,108 H.Scheider