ARM adj. (1)
herkunft und form. herkunft ungeklärt. für ahd. arm,
mhd. arm, arn,
as. mnd. arm,
mnl. arm, aerm, arem, erm,
nl. arm,
afrs. erm, arm,
ae. earm, arm, ærm,
me. arm, erm,
an. armr,
dän. schwed. arm,
got. arms
wird meist (nach Johansson
in: PBB 15[1891]223 f.) eine germ. form *arƀma-
(assimiliert u. vereinfacht *arma-
) angenommen, mit einer ausgangsbedeutung ‘
vereinsamt, verlassen’ (vgl. Weisweiler
in: IF 41[1923]304 ff.). *arƀ ma-
läßt sich als bildung mit m-
suffix an idg. *orbho- ‘
verwaist, waise’ (Pokorny
idg. et. wb. 1,781 f.) anschließen, das auch als ausgangsform für arbeit
u. erbe
gedacht wird (s. d.). dazu werden grch. ὀρφανός ‘
verwaist’ u. lat. orbus ‘
beraubt, verwaist’ gestellt vermutl. gehört auch ai. árbha- ‘
klein, jung’ hierher. zu dieser u. zu weiteren hypothesen vgl. Lloyd/S.
et. wb. ahd. (1988)1,334 ff. u. Heidermanns
et. wb. primäradj. (1993)104 f. (mit weiterer lit.). (2)
bedeutung und gebrauch. die von Weisweiler
a. a. o. für das germanische aufgestellte grundbedeutung ‘vereinsamt, verlassen’
läßt sich im material nur in spuren nachweisen, in belegen wie 9.jh. arma man endi othra elilendia
ahd. sprachdenkm. 319 S. (vgl. ahd. wb. 1,645). ⟨u1200⟩ sint erstorben alle mîne man, / sô hât mîn got vergezzen, ich armer Dietrîch
nibelungenlied 2319,3 B./B. 1533/4 wiewol er
(kaiser) elend und arm, vertriben was Turmair
4,2,1085 ak. eine zuordnung der belege zu dieser bedeutung ist allerdings in keinem fall gesichert sie ließen sich (wie vielleicht ebenso die belege unter 6) auch unter 1 subsumieren. anders argumentiert Reiter
in: zfbalkanologie 13(1977)125 ff., der –
unter berücksichtigung „archaischer sozialstrukturen “
(126) –
für idg. *orbho-
eine bed. ‘abhängiges objekt’ als grundlage vermutet. an sie ließe sich die unter 2 b
dargestellte gruppe anschließen – ursprüngl. nur im deutschen vorhanden ist die unter 3
behandelte bedeutung ‘
mittellos’,
die erst aus dem althochdt. ins mittelengl. u. in die skand. sprachen gelangt ist. –
für einen teil der belege sind die bedeutungen nicht immer eindeutig voneinander zu trennen. dies gilt insbes für feste verbindungen wie armer teufel
(vgl. teufel II 7
1DWB; zur herkunft der verbindung vgl. Pfeiffer
schimpfwb. [1997]24a), armer schlucker
(vgl. schlucker
1DWB 9,804 f.), armer hund, armer wicht
(vgl. 3wicht 2 b
1DWB) u. dgl., die zu 1, 2
oder 3
gehören können, sowie die unter 7
dargestellte paarformel arm und reich,
bei der je nach beleg eine zuordnung zu 2
oder 3
denkbar wäre. 1
unglücklich, elend, bedauernswert; sündig. a
unglücklich, geplagt, bedauernswert. auch von sachen: E8.jh.
uecor animo misero et anxio urherzmodi arm endi ango
ahd. gl. 1,264,11 S./S. (vgl. ahd. wb. 1,649). 863/71 salig thie armherze, joh thie armu wihti smerze .. thaz iro leid sie irbarme Otfrid
II 16,17 E. 9.jh.
erumnus armer ł uuenac
ahd. gl. 1,131,23 S./S. ⟨1187/9⟩ nu bedarff ich
(Dido) wol vil arme / das sich Venus irbarme Heinrich v. Veldeke
Eneide 1405 DTM. ⟨u1220⟩ herre vater .. lâ dich erbarmen / grôziu leit diu mir armen / âne schulde sint geschehen Fleck
Flore 1750 S. ⟨14.jh.⟩ die maget weinen dô began: / ‘waz hât der keiser edele / an mir armen me
ide getân! ..’
Salman u. Morolf 544,6 V. ⟨M15.jh.⟩ o we mir armen man! alles myn land das brynnet
dt. volksb. 152 LV. 1524 ewr hertzen erweychen und anzuͤnden, das sie sich der armen elenden verlassenen jugent mit ernst annemen Luther
w. 15,53 W. 1557 der guͦt herr hett ein mitleiden mit dem armen thier Frey
gartenges. 62 LV. ⟨v1605⟩ ach gott, laß doch erbarmen dich! / kein ärmers mensch lebet, als ich Ayrer
d. ä.
2,771 LV. 1673 ihr arme tropffen seyd schier zubetauren Grimmelshausen
simpliciana 165 Sch. 1786 „weil er schuld ist, daß ich nix zu essen kriege.“ „kind! – dafür kann ja der arme ball nicht. du warst unartig, und nicht der ball ..“ J. G. Müller
Emmerich 1/2,245. 1790 da steh’ ich nun, ich armer thor! / und bin so klug als wie zuvor Goethe
Faust 1,2 ak. ⟨1795⟩ ich
(fand) den armen, vormals glücklichen Selim .. auf dem grabe seiner gattin sitzend Tieck
(1828)8,110. 1847 ich denke mich ganz dem dienste meines armen, unglücklichen vaterlandes zu widmen Weerth
2,124 K. ⟨1881⟩ „.. hab ich mein glück versäumt, .. und das glück des mädchens, das mich so ungeheuer geliebt hat ..“ „armer kerl!“ Ebner-E.
4(1905) 38. 1923 mir geht’s nicht gut .. ich bin jetzt ein armes, hilfloses luder. wenn ich in Weimar ankomme, .. frage
(ich) nach einem .. arzt Scherchen
br. 48 K. 1937 Pagel starrt ihm eine weile nach. ‘armes schwein’, denkt er bei sich Fallada
wolf 850. 1938 traumverloren schlug der ärmste .. mit der .. hand auf den .. steinboden und hauchte nur ein .. wort ..: „ma mère ..!“ Muckermann
sinn 240. 1980 er wisse aber, daß diese armen teufel abgeschoben gehörten Strausz
rumor 207. 1986 er ist einer von denen, die aus überzeugung nur kaufen, was bei uns hergestellt wird, armer hund Goslicki
tod 76. 1989 die armen irren, sie wollen nicht begreifen Lemke
anders 95. 1995 „unter uns gesagt“, sagt herr B., .. „ich bin ein klassiker.“ tatsächlich ist er ein armes würstchen
zeit (3.3.), cd-rom. 1997 die kündigung nimmt dieser arme wicht hin wie eine selbstverständlichkeit
süddt. ztg. (20.3.)14. — arm dran sein: 1978 zu beschreiben, wie arm er
(schriftsteller) dran ist Strittmatter
lage (1990)165. 1998 als kein bedarf mehr an stahl bestand, war Pittsburgh, einst eine der reichsten städte Amerikas .., auf einmal arm dran
tagesspiegel (22.11.) W 1b. b
rel., sündig, erbarmenswert im christl. sinne: 863/71 gihugi min .. thes thines armen scalkes
(d. schächers am kreuz) Otfrid
IV 31,22. ⟨u1230/50⟩ dis gedanche in
is niet wiz, de dich, arme mensche, in die suace
(schwarze) helle brenget
lilie 1 DTM. ⟨1338⟩ got .. gibt gelucke / .. den armen
dy ire sunde / hy gar innenclichen buzen
Hiob 1842 DTM. ⟨v1475⟩ du
(gott) sihest an mit gnaden vns arme, sündige menschen Eyb
dt. schr. 2,146 H. 1514 doch wie es werd den armen gon / die .. vff ston widr in gots vngnad Murner
1,2,95 Sch. 1692 daß der sohn gottes .. auß grosser liebe und barmherzigkeit zu uns armen sündlichen menschen, ein mensch geworden Scriver
theognosia 95. 1775 ach mein lieber bruder, die arme menschliche natur ist ganz verderbt
F. Nicolai
Nothanker (1773)2,5. α
geläufig in d. verbindung arme(r) sünder(in)
(vgl. 1DWB 10,4,1161; s. a. 6
): ⟨u1100⟩ herro nu kum ih fil armu sundara zedinen gnadon
rheinauer gebete 71 W. ⟨u1320⟩ ich pin solcher geste nicht / wïrdig ... / ich pins ein arme sünderin
märterb. 15496 DTM. M14.jh. so muͦzen die armen sunder horn: vart ier verflucheten in daz ewige fuͦer
altdt. pred. 1,10 Sch. 1472 lieber herre vnd vater! wir pitten dich, .. du woͦllest vnns armen sunderen mit teylen das ampte deiner briesterschafft Eyb
dt. schr. 1,96 H. ⟨1560⟩ wo gott nit auß milten genaden / den armen sünder an dem ort / im hertzen tröstet durch sein wort Sachs
11,406 LV. ⟨v1624⟩ also sollen wir .. den armen bekehrten suͤnder in unsere gemeine nehmen Böhme
theosophia (1730)3,220 faks. 1847 nach der gewöhnlichen religion .., nach welcher der mensch sagt: er sei auch ein armer sünder Gotthelf
Käthi 2,68. ⟨1974⟩
(historisierend:) die geschichte des armen sünders Gregorius Fühmann
erfahrungen (1975) 218. β arme seele
in rel. (kath.) vorstellung von der (im zustand der läuterung sich befindenden) sündigen seele: ⟨12.jh.?⟩ daz ich gebuozze min unreht, daz ich .. han getan .. wi
der min arme sele
münch. glaube 67 S. ⟨u1147⟩ daz diu arme sêle / brinnet in der helle iemer mêre
kaiserchr. 2677 MGH. ⟨2.h13.jh.⟩ das die arme sele nit ewiglich verdampnet sy
Lancelot 1,13 DTM. v1388 daz heͣfftigist necz, do mit man dÿ armen sel vêcht, ist ain weib Heinrich v. Langenstein
erchantnuzz 95 TSM. 1486 als man von dem grüwlichen hellischen gewalt uber die armen selen sagte Tünger
facetiae 150 LV. 1510 den grossen schmerczen, / so im fegfeür leyden die armen seel
schausp. v. sterbenden menschen 61 LV. 1669 ein mitleiden mit deiner armen seel und ihrer verdammnus Grimmelshausen
Simplicissimus 325 Sch. 1835 nun müssen wir .. durch gute und böse wege hinrumpeln, damit die armen seelen ruh bekommen Droste-H.
br. 1,149 Sch. K. 1953 die polizei ist hinterher wie der teufel hinter einer armen seele Menz
schüsse 258. 1974 wem die seele / ich nach dem ende anbefehle: / .. wohin die armen seelen fahren / erfahrt ihr früh genug Gerlach
see 108. —
selten (noch mdal., vgl. schweiz. id. 1,455) mit verblassender bed. als pars pro toto (vgl. seele II 18 e ι
1DWB): ⟨1774⟩ so lange als diese aufklärung dem pfarrer ehre gebracht hätte, – fand sich keine arme seele, die dahinter kommen konnte Bode
Schandi (1776)1,49. 1779 hier freut mich die kleine Staff am meisten, doch ist die arme seele auch schon stiller Goethe
IV 4,154 W. 2
gering, unbedeutend, klein. a
demütig, um die eigene bedeutungslosigkeit wissend: ⟨800/10⟩ salige sint thie thar arme sint in geiste
(Matth. 5,3: beati pauperes spiritu), Tatian 222,8 S. ⟨u1120/5⟩ dannen chomet
(uns) diemuot ... / wol swigente haben wir den armen geist / alse du, herre, wol weist Ava
leben Jesu 211,6 M. ⟨u1375⟩ wer waz doch arm an gaist, daz ist an
(ohne) hoffart, wenn der nackent Christus am kreucze? Johann v. Neumarkt
3,95 K. 1473/4 sie was .. in rychtum allweg ains armen demuͤtigen gaistes gewesen Steinhöwel
Griseldis 20 faks. 1522 e. g. wollt yhr meyn arme erbietung .. nach gunst gefallen lassen Luther
w. 10,1,1,8 W. 1742 o geist, du trost der geistlich armen! Werlhof
ged. (1756)18. 1972 sein von komplexen und demütigungsgefühlen heimgesuchter geist blieb arm und seine seele klein Selbmann
mitläufer 66. b
in niedriger (gesellschaftlicher) position befindlich. geläufig arme leute ‘
abhängige, leibeigene, untertanen’ (s. a. armeleute 1
): 863/71 thaz sih liaz thiu sin diuri .. so nidiri, / thaz thaz ewiniga lib lerta thar ein armaz wib Otfrid
II 14,84 E. 10.jh.
popularem armen
ahd. gl. 2,255,18 S./S. ⟨u1060⟩ uuanta er
(Jesus) geboran uuerdan uuolta uon armen uorderon Williram
36,4 S. ⟨u1195⟩ Jêsû Krist .. ouch zuo mir armen hât / alsô grôze minne / als zeiner küniginne Hartmann
Heinrich 9810 ATB. ⟨E13./A14.jh.⟩ menscheit ist an dem ermsten oder versmæhesten menschen als volkomen als an dem bâbeste oder an dem keiser meister Eckhart
dt. w. 2,18 Q. ⟨1331/5⟩ waz ir tut den armen min, / mir wizzet daz getan sin! Daniel
2137 DTM. 1433 mir arm knecht und ewir gnoden trwer dyner
script. rer. siles. 6,125. 1520 vnd bleiben dannocht herren, herren, vnd arm lüt, arm lüt Murner
7,93 Sch. 1536 da sind des gefangen baurens weib .. und fraind .. komen .., daß er
(Fugger) seinem aignen armen mann zuͦ hilf komm
(Augsb.) chr. dt. städte 23,238. 1540 man würgt nur die armen dieb: die grossen laßt man lauffen Boltz
Terenz 143a. 1575 wie im gegenspil manche arme teuffel .. von koͤnigen, bapsten vnd bischofen moͤgen hoch geboren sein Fischart
geschichtklitterung 30 HND. 1577 das er
(Diogenes) nicht so ain armer hund, wie jne die leut scholten, were, sondern ain groser herr
ders., 3,85 DNL. ⟨v1624⟩ wie ihme denn auch Christus nur solche apostel erwehlete, welche nur arme, geringe, unachtbare leute waren Böhme
theosophia (1730)17,611 faks. 1669 wie .. ein gemeiner armer mann gegen seinem sohn thun möchte, denn das glück .. zu einem grossen herrn gemacht hette Grimmelshausen
Simplicissimus 410 Sch. ⟨1788⟩ was dem ärmsten ihrer untertanen widerfuhr, war ihr
(d. gräfin) selbst zugestoßen Schiller
16,31 nat. 1884 was gehen arme leute, kleine leute wie wir, die dinge an, die zu hoch für uns sind? Raabe
15,522 H. 1957
(historisierend:) daß die herren untereinander sich .. besser verstehen als ein herr und ein armer Schuder
sohn 238. c
unwürdig, unbedeutend, vor allem in rel. sinne: 863/71 mahtig druhtin ... / det .. werk maru in mir armeru
(Luc. 1,48: respexit humilitatem ancillae suae) Otfrid
I 7,10 E. hs.11.jh. trohtin tu mich arman giscuf
e zedemo dinan bilidie
klosterneub. gebet 4,1 W. ⟨v1150⟩ herre vater ewich, / du wis mir armen genædich armer Hartmann
4,1 M. ⟨u1362⟩ uberlopt sie du suͤss muͦter aller gnaden von mir armen unwirdigen menschen Seuse
51 B. ⟨n1391⟩ ich byn diin armer slave. / .. Maria mater, virgo semper, ave bruder Hans
marienlieder 1578 ATB. 1535 ich sein
(gottes) arme creatur und unwirdiger knecht bin Luther
w. 38,365 W. ⟨1611⟩ o herr, ich muss bekennen frei / dass ich arm und unwürdig sei Spangenberg
anbindbr. 149 LV. 1798 wenn du bis an dein lebensende über gott speculirest, armer sterblicher Herder
20,164 S. 1800 der herzog gab dir diesen warmen rock, / und du, ein armer wicht, bedenkst dich, ihm / dafür den degen durch den leib zu rennen Schiller
12,369 G. 1873 daß wir armen erdenwürmer also immer noch gelegenheit finden, uns zu besinnen Raabe
10,372 H. —
übertragen auf sachen; vgl. auch a: ⟨u1360⟩ mit diser meiner armen beiht bekenne ich dich
(his meis pauperculis confessionibus confiteor tibi) Johann v. Neumarkt
1,89 K. 1475 ich tail mit üwern firstlichen gnaden min armß gebet, sowil es gnad von got erwerben mag
privatbr. d. ma. 1,155 S. 1643 dieses arme geringe büchlein Moscherosch
cura 3 HND. 1878 herr rat, meiner armen meinung nach können wir das noch Raabe
13,118 H. 3
mittellos, etwas entbehrend. a
mittellos, wenig oder nichts besitzend, bedürftig. älter in festen verbindungen zu armen tagen, zeiten kommen, in armen tagen leben,
redensartl. arm wie eine kirchenmaus;
auch bildl.: ⟨800/10⟩ uuas sum arm betalari
Tatian 2107,1 S. 863/71 oba thu armen wihtin .. wolles .. elemosyna giduan Otfrid
II 20,1 E. ⟨u1060⟩ eleemosynam den armen geben Williram
114,12 S. u1150 ich neliz mich nie irbarmen / di sichen noch di armen
uppsalaer sündenklage 6,10 M. 1264/9 stirbet oͮch eine hie, der so arn ist, daz man în mit sime guͦte niht bestatten mac, den sol man bestatten mit dem almvͦsen
corp. altdt. originalurk. 1,124 W. ⟨14.jh.⟩ gewin vnsern herren got vnd besorge dich selber, oder du stelle nach schacze, das du nicht arm sist
d. veter b. 2 LV. 1472 pistu arm vnd hast wenig zu eßen vnd zu trincken Eyb
dt. schr. 1,37 H. 1520 die almoßen außteyllen den armen Luther
w. 6,365 W. 1523 was .. ritter vnd herren hand das ir in die kloster geben, da durch sie sind zuͦ armen tagen kummen
in: Gengenbach
206 G. 1534
(redensartl.:) stoltz vnd arm, da wüscht der teüfel den arß an Eppendorff
Plutarch, sprüch 125. 1545 der gold mocht tragen auff seim kopff / zu letzt ward so ein armer tropff Agricola
musica 138 E. 1548 die sunst fast rich wärend geschetzt, / hand’s alls verschlagen und versetzt / und kummend dann zuͦ armen ziten
in: N. Manuel
359 B. 1572 dann weil sie
(mutter) lebt in armen tagen, / hofft sie gelt bey jm
(sohn) zuerjagen Fischart
2,436 DNL. 1584 dich .. vmb geltanlehen ansprechen vnd exempel fuͤrwerffen: der vnd diser habe auch andern gesellen vnd armen schluckern geholffen Ferdinand II. v. Tirol
speculum 11 HND. 1669
(spieler) sind gewöhnlich .. arm und dürfftig Grimmelshausen
Simplicissimus 154 Sch. 1736 wenn die armen hunde
(Neapolitaner) alle ihre augen auf den goldenen mann
(reichen kaiser) richten
d. n. europ. fama 13/18,473. 1769
(buchkritik) warum nach allen solchen anführungen so arm, wie eine kirchenmaus, erscheinen? Herder
3,475 S. 1782 wenn man .. sprache und ausdruck zu arm findet, und .. aus fremden sprachen .. borgt Adelung
lehrgebäude 1,71. ⟨1801⟩ was ich, die arme, die beraubte, noch besaß, / .. das hab ich unter euch verteilt Schiller
9,144 nat. 1844 ich selbst komme mir ohne deine nähe so innerlich arm vor Storm
br. an seine braut 17 S. 1865 ein armer teufel wie ich, der nichts weiter hat als seine fünf geraden sinne und sein bißchen menschenverstand Raabe
9,1,263 H. ⟨1886⟩ wer ist reich genug an dankbarkeit, um nicht vor alle dem arm zu werden, was zum beispiel die „geistlichen menschen“ des christenthums bisher für Europa gethan haben Nietzsche
(1906) 8,89. 1931 leute mit der hälfte seines gehalts oder noch ärmere Kesten
menschen 240. 1975 meine möbel stehen vor dem neubaublock, die packer trinken mich arm Baierl
Lachtaube 129. 1980
mittellos .. armer kerl Brockhaus/W.
1,316b. 1984 arm wie eine kirchenmaus, ohne eine kaufkräftige mark in der hand Wattenberg
himmel 189. 1994 wer sich nischt eräerwet .., där bliew’t in armet luder, bes he stäerwet
brand.- berl. wb. 3,148. 1997
F. nutzte den boxsport zum sozialen aufstieg vom armen schlucker zum millionär
süddt. ztg. (22.11.)45. 1998 jene definition .., die von der weltbank zur charakterisierung der ärmsten .. in der welt genutzt wird. dort ist arm, wer am tag weniger als einen US-dollar zur verfügung hat
tagesspiegel (26.8.)8e. — arme ritter
mit unterschiedl. zutaten gebackene (weiß)brotscheiben, ein einfaches gericht. auch redensartl. arme ritter backen, an armen rittern braten: M14.jh. vnd snit denne aht snitten armeritlere
(!) vnd backe die in smaltze. .. so lege die ersten schiht von epfeln, dor nach die armen ritler
b. v. guͦter spise 31 TSM. ⟨u1520⟩ arme ridder unde vette grêven / de kan me wol backen in smalte Bote
köker 54 ATB. 1605 wer macht das sein zu wasser / vnd verbringt es wie ein prasser. / der muß mit blosen hacken / mager arme ritter backen Petri
weissheit Hhh 2b. 1719 man gönnt es ihr zwar nicht, doch läst sie sich nicht rathen, / so mag sie immerhin an armen rittern brathen Günther
4,181 LV. 1781 arme ridders, nennt man scheiben von weisbrod, die mit eier und milch beschlagen, und dann in butter gebacken werden Dähnert
platt-dt. wb. 379b. 1831
(ein) kartoffelsack, auf dem man ein gericht armeritter verzehrt Pückler-
M. br. eines verstorb. (1830)3,193. ⟨1935⟩ weißbrot .. in kaffee aufgeweicht und mit’n bißken butter und kunsthonig in der pfanne gebraten, gibt doch die feinsten armen ritter! A. Zweig
erziehung (1967)449. 1996 arme ritter im festkleid
Oetker, kochen v. A-Z 1,66. b
mangel an etwas habend, etwas entbehrend. älter mit gen.-, jünger mit präpositionalobjekt zur konkretisierung eines spezifischen mangels; selten mit persönl. objekt: ⟨u1200/10⟩ mîn muoter vröuden arme Wolfram
Parzival 792,25 L./H. ⟨1314⟩ zehant man manigen tiuren / edeln kneht sach an in varn, / die des guͦtes warn arn Johann v. Würzburg
2224 DTM. 1535 die andern vogtheien vnd laͤnder, .. welche weder von leutten arm seind, noch an gelt vnd guͦt eynigen mangel habē Micyllus
Tacitus 324a. 1643 ich, an verstand armer Moscherosch
cura 5 HND. 1792 möchte mir .. der himmel die .. freunde, die ich noch auf der welt habe, erhalten! ich kann deren nicht mehr viele verlieren ... und schon jetzt bin ich arm daran Garve
br. an Weiße (1803) 2,95. 1799 so arm an nuancen ist unsere deutsche sprache nicht Kleist
5,29 Sch. ⟨1853⟩ Christus und die apostel waren auch arm an geld Riehl
land (1861)459. ⟨1874⟩ wie wäre wohl der entwickelungsgang der deutschen sprache und literatur gewesen, hätte Deutschland .. eine mächtige Hauptstadt wie London oder Paris gehabt ..? .. wir wären ärmer um die erinnerungen aus der weimarischen zeit Du Bois-R.
reden 21,497 D. 1998 die .. an .. spielerischen glanzlichtern arme partie
fußballwoche (9.11.)4a. 1998 Niklas Luhmann ist tot – und die akademische republik um einen ihrer scharfsinnigsten denker ärmer geworden
tagesspiegel (12.11.)34. 4
schwach, kraftlos, unvermögend: 9.jh. generon sal armin fan geuueldegin, in armin themo ne uuas hulpere
(liberabit pauperem a potente, et pauperem cui non erat adiutor), aonfrk. psalmenfragm 71,12 H. ⟨11.jh.⟩ (hilf uns got unser haltare. uuanda uuir pauperes unde infirmi) arme ioh unchreftig (birn) Notker
3,2,561 ATB. u1170 kunige unt herzogin, / biscoffe unt phaffin, / die da soldin biwachin / di vil arme cristinheit
linzer entecrist 22,13 M. ⟨1252/5⟩ wir sîn diu armen schefelîn, / .. die sunde daz sîn wolve starch Heinrich v. Krolewiz
4141 L. 1472 die mechtigen, die gewalt thuͦn den armen vnd schwachen Eyb
dt. schr. 1,78 H. 1541 da waren nicht arme wehrlose koͤche und boten, die sich unversehens erstechen lassen wolten Luther
w. 51,538 W. 1772 sie hat zu den büchern ihre zuflucht genommen; und ich fürchte, die werden ihr den rest geben. .. so wie sie ihrem armen verstande auch den ersten stoß gegeben Lessing
2,387 L./M. 1806 seine
(Europas) fürsten waren arm und ohnmächtig Arndt
geist 1,202. ⟨1921/2⟩ nur eines kann ich nicht verstehen mit meinem armen kopf, daß ein mädchen .. sich von ihnen
(anrede) auch nur berühren ließ Kafka
schloss (1951)71 B. 5
von 3
auf sachen übertragen, einen mangel offenbarend, von geringer güte, qualität, kümmerlich, kärglich: ⟨v1022⟩ su- melichêr ist chunt man fone geedele. temo iz aber leid ist. turh sîn arm getragede Notker
1,82,13 P. ⟨u1230⟩ hôchvart manege fuoge hât: / si slîchet in vil armer wât / und lûzet ouch dar inne / ân götelîche minne Freidank
229,25 G. 14.jh. Maria wand ir kindelin / in ærmu klainu tuͤchelin schweizer Wernher
2752 DTM. ⟨z.j.1469⟩ im selben jar .. da galt .. der wein 8 und 10 ₰ und was armer wein
(Nürnb.) chr. dt. städte 10,315. 1472/3 die liebe .. auch in den armen scheüern vnd hütten wonet Schlüsselfelder
decameron 234 LV. 1632 begegnet jnen ein einsiedler, mit namen Macedonius sehr arm bekleidet Kreckwitz
lustwäldlin 644. 1787 des tisches arme kost, den – guter wille deckte Gotter
ged. 1,275. ⟨1835/42⟩ gesänge, die freilich einfach und arm
(‘schlicht’) gewesen sein mochten Gervinus
dt. dicht. (1853)1,25. 1855 die ältere heimische darstellung, davon uns nur arme bruchstücke geblieben sind J. Grimm
kl. schr. 3(1866)280. 1998 aufgewachsen in armen verhältnissen
frankf. allg. ztg. (24.8.)14f. —
von bodenschätzen der qualität des bodens ‘
wenig ergiebig, von geringem nutzwert’: 1562 vnd je tieffer die goldtertz brechen, je ermer vnd magerer sie werden Mathesius
Sarepta 78a. 1684 fuhrlohn .., so den überschuß der armen erze sehr absorbiret Leibniz
I 4,42 ak. 1812 auf einem armen boden lohnt aber das drillen .. nicht genug Thaer
grundsätze (1809)4,106. 1948 daß auch in armen sanden meist noch genug mineralische nährstoffe enthalten sind Rohmeder
kahlflächen-aufforstung 94. 1952 eine lagerstätte von armem eisenerz in gneis Bubnoff
Fennosarmatia 105. 1987 daß die traubenkirsche .. auf (arm)en böden gedeiht
in: Duden, wb. dt. spr. (1993)1,254b. 6
rechtssprl., angeklagt, verurteilt, mit betonung des pejorativen aspekts (nicht völlig auszuschließen ist eine verbindung zu 1 b,
s. d.); möglicherweise entstanden aus einer bedeutung ‘
schlecht, schlimm, verachtenswert’,
die noch resthaft in belegen mit sachbezug erkennbar ist (vgl. 1562 avß dem vorigen armen gottes lesterischē zettel, des losen muͤnchs Limpricij, hat man wol abzunemen was in seinem andern elendē schreiben guts sein koͤnne Spangenberg
siben F 2b. 1616 ein armes ist es, sünden, noch ärger ist darinn lust haben, das aller ärmest die sünd entschuldigen Henisch
t. spr. 1,112.): ⟨u1335⟩ nadem dat se dar stan unde sic jegen den armen man tu tuge biden ungevraget van gerichtes wegene, oft de tu recht jegen em tugen mogen
richtsteig landrechts 207 H. 1472 was soll ich nun sagen von den armen, die durch ir missetate werden gestraft zu dem tode? Eyb
dt. schr. 1,82 H. 1485 so der arm für gericht kumbt
in: DRW 1,824. ⟨v1537⟩ die armen in den eisen zuͦ fragen und zuͦ peinigen
(Augsb.) chr. dt. städte 29,23. 1542 wo das regiment .. macht hatt zu richten, und ain ubelltheter oder arme person vorhanden ist
in: Frauenholz
heerwesen (1935) 2,2,315. 1587 der kerckermeinster .. auch den gebrauch (so mit den armen in Teudschlandt gehalten wurt)
(, einen letzten wunsch zu erfüllen,) gut wissens trug
in: volksb. Faust 2200 HND. ⟨1672⟩ die liebe gottes ist kein arme gefangene, wird auch gar nicht eingekerckert Grimmelshausen
Simplicissimus 3(1713)404. —
mit verblassen der älteren pejorativen komponente nur noch in der von 1 b
ausgehenden festen verbindung armer sünder: ⟨1593⟩ das er einen armen sunder, so .. aufm rade gelegen, den rechten arm abgehauen
brand. schöppenstuhlsakten 2,192 S. ⟨u1620⟩ bis der scharfrichter mit dem armen sunder vortrette
ebd. 603. 1829 der galgen steht .. da, wo die landstraßen .. zusammenlaufen ... als er näher kam, erkannte er .. in dem armen sünder den studenten Adolphus Aurbacher
volksbüchl. (1827)2,128. 1986 ein häscher, der die armen sünder ins halseisen zu liefern hat Selber
schiff 25. 7 arm und reich
u. ä. zur bezeichnung der gesamtheit einer bezugsgruppe, eines volkes, staates i. s. v. ‘
alle’.
zu 2
u. 3,
in jüngerer spr. als zu 3
gehörig empfunden (vgl. auch 1DWB 8,581): 863/71 ja hilfist thu
(Jesus) .. thesen liutin allen, / richen joh armen Otfrid
III 10,22 E. ⟨v1022⟩ kehôrent sament rîcher unde armêr Notker
3,1,311 ATB. ⟨1150/60⟩ ich bitvch alle geliche / armen vnde riche. / heizit mich Thiderich
könig Rother 812 F./K. ⟨u1240/50⟩ wir suͦln teiln die gewinne, / daz der arme und der riche / daz teil haben geliche Ulrich v. Türheim
Rennewart 2999 DTM. ⟨u1300⟩ dy purger arm und reich / enpfiengen wol di geste Heinrich v. Neustadt
Apollonius 2927 DTM. ⟨1461⟩ hoͤrt, rich und arm, / das bad ist warm! Steinhöwel
Apollonius 101 Sch. 1561 beruffen kommen wir herein, / ein tragedi hierinn zu halten / den reichen, armen, jung und alten Sachs
10,186 LV. 1669 also haben die weltliche hohe häupter .. allein ihr absehen auff die liebe justitiam, welche sie dann ohne ansehen der person einem jedwedern, arm und reich, durch die banck hinauß schnurgerad ertheilen Grimmelshausen
Simplicissimus 426 Sch. 1839 denn seit Johannes kam, wird nun das himmelreich / erobert mit gewalt von reich und arm zugleich Rückert
Jesus 80. 1965 die stadtpfeifer .. blasen ihren munteren mittagschoral .. in die häuser hinein, als hätten sie bei arm und reich die suppen zu kühlen Bobrowski
Boehlendorff 40.Scheider