BEGEBEN vb. ahd. bigeban,
mhd. begeben,
mnd. begēven,
mnl. nnl. begeven,
afrs. bijeva.
präfixbildung zu geben
1DWB 4,1,1,1665 ff. 1
aufgeben, verzichten, verlassen; nach dem mhd. häufig refl. u. mit gen. des objekts. a
jmdn., etwas verlassen, im stich oder zurücklassen, etwas aufgeben, auf etwas verzichten, von etwas ablassen, auch ‘
eine (verteidigungs)stellung räumen’: 10.jh.
non dimittet nipigipit
ahd. gl. 1,371,50 S./S. ⟨v1022⟩ lâ dîna âbolgi
(‘wut’) sîn . unde begib dîna heizmuôti
(‘zorn’) Notker
2,128,19 P. ⟨u1120/30⟩ Jacob gesach sinen uater Isaac / der was alt zware ahtzich unde zehenzich iare, / dise werlt er begap, Jacob machet im ein schone grap
milst. genesis 72,3 D. ⟨u1200⟩ ich hete von des weteres nôt / mich des lîbes begebn / unde enaht niht ûf mîn lebn Hartmann
Iwein 6667 B./L. 1263 so dat wir
(Wilhelm IV., graf v. Jülich) in
(den bürgern Kölns) niet wiedersagin inmogin inde si ingeinewis begeuin insuͦlin
corp. altdt. originalurk. 1,105 W. ⟨u1330/40⟩ daz sî nicht lengir mochtin zwâr / gevristin dâ ir lebî
n. / des mûstin sî begebin / dî burc und touge dannin varn Nicolaus v. Jeroschin
kronike 12256 S. ⟨u1340⟩ Agar irs lebens da verdroz / und des kindes sich begab
hist. d. alden ê 621 LV. 1419 also dat uns dat privilegium .. nicht bequeme enwere, dat we uns des begheven hebben
urkb. Hildesh. 3,387 D. u1440
(turmwächter haben) den thorn und sloß getrulich zu verwaren und den umb deheinerlei sache willen nit zu begeben oder zu rumen
frankf. amtsurk. 191 B. hs.15.jh. ich haen eyn joncfrouͦ irkoren, / der ich nemmer enbegebe / al die wyle daz ich lebe
mhd. minnereden I 27,473 DTM. ⟨1529⟩ wenn du .. in uberflus, reichthum und narung sitzest und alles gnug hast, so sihe zu und begib gott nicht
(nachschr.) Luther
w. 28,683 W. ⟨1541⟩ vnnd
(Theseus hat) sich des künigreichs vnnd der herschafft begeben Boner
Plutarch (1555)1,7b. 1620 wann aber einer sich einer .. erbschafft, die jhm sonst als dem nechsten anfallen möchte, begeben, renuncijren vnd verzeihen wolte
landrecht Preussen 4,184. ⟨v1660⟩ ich begab mein vaterland, / freunde, glücke, gut und stand, / Daphnis bloß von eurentwegen Czepko
weltl. dicht. 39 M. 1710 könig Johannes .. brachte es endlich dahin, daß der könig Casimirus von Pohlen .. sich Schlesiens auf ewig begeben muste Köhler
schles. kern-chr. 1,178. 1749 meine maladie hat sich von selbst begeben
(‘gelegt’) Winckelmann
br. 1,88 R. ⟨1861⟩ wir haben uns ja wohl über das thema der erziehung unserer kinder ein für alle mal des streites begeben Spielhagen
s. rom. (1895)1,42. 1913 als wir uns bereits jeder hoffnung begeben wollten Carossa
Bürger 28. 1976 es ist ein technokratischer rationalismus, der sich weitgehend moralischer skrupel begeben hat Kunert
schreiben 108. 2001 Deutschland begäbe sich wissenschaftlicher und ökonomischer möglichkeiten, ohne etwas für die menschheit zu gewinnen
frankf. allg. ztg., DWDS-arch. b
jmdm. etwas erlassen jmdn. entbinden, entheben: 1291 do bechant ich daz ez vnser vrowen ist vnd der bruͤder, da uon so begibe ich si niht aleyne der ansprache . svnder mere . allez daz reht daz ich an dem selben guͤte hete
corp. altdt. originalurk. 2,646 W. 1292 daz wir di levt .. des selben dienstes vnd der stiwer lavtterlich begeben haben
ebd. 710. 1328 mag er erziugen mit siben auf den toten man, daz er in der schuld begeben
in: DRW 1,1408. 1454 des
(der strafe) er aber durch vnsers .. herren herczog Albrechts .. gebet willen begeben ward
copeyb. Wienn 42 Z. v1566 thuet hiemit .. sein fürstliche begnadung, will sy der peen vnnd straff, darein sy wiwol schwärlich gefallen, begeben Herberstein
in: font. rer. austr. I 1,260. 1615 sollen sie
(die untertanen) hierin vermelter auswählung und pürden nicht begeben seyn, sonder denselben .. underworffen verbleiben
in: Frauenholz
heerwesen (1935)3,2,238. 2
geben, hingeben, emittieren. a
etwas geben, jmdn. beschenken meist in erweitertem u. übertr. gebrauch ‘
sich hingeben sich jmdm., einer sache unterstellen, unterordnen, sich zu etwas verpflichten, sich fügen, in etwas einwilligen’: ⟨u1150⟩ an dine
(Marias) hant ich begeven / mich und allez daz min leven
arnsteiner marienleich 36,3 M. ⟨A13.jh.⟩ er sprach: ‘vruowe mîne, / ein dinc wil ich geloben dir, / gelobe ouch dû daz selbe mir, / daz wir kûschlîche leben / und uns gote alhier begeben ..’ Ebernand
946 B. ⟨A13.jh.⟩ von harte wunderlîcher geschiht / wurdens uberwunden, / daz an den selben stunden / dem keiser sie begâben sich
ebd. 2157. ⟨E13./A14.jh.⟩ ie mê der mensche begibet, ie lîhter ist im ze begebenne meister Eckhart
dt. w. 2,106 Q. ⟨A14.jh.⟩ wan do hie / der
(sünder) geittige war, do begab er nie / die notigen Heinrich v. Burgus
6 DTM. v1459 nachdem .. keiser Karl vaste kranckende begund, begabe [er] demselben seinem sune, der noch jung was, dise underweisung ..
(Nürnb.) chr. dt. städte 3,289. 1470 vnd begaben vns sein diener zu werden damit wir schirm und hillf gehaben mochten
mon. habsburg. I 2,133. 1539 ich ermane euch, lieben bruͤder, das jr ewre leibe begebt zum opffer Luther
w. 41,211 W. 1540 dem baurn er sich zu dienst begibt, / welchs ihm vorhin nicht het gelibt Ackermann/
V. dr. 72 LV. u1550 weil aber gemaine stat yez gleich schir unmügliche ding begerten, darein sich dy geistlichen begeben solten Widmann
in: (Regensb.) chr. dt. städte 15,64. 1604 als aber die Genffer sich hernach an den von Nauarra vermainten könig in Franckreich begaben, wichen die Berner widerumb von jhnen ab J. Mayr
epitome 2176b. 1710 drum nehme sie die hand und meinen ring darneben / sie wird mir ihren ring und hand dargegen begeben Weiszenborn
schertz 112. ⟨1714⟩ so du dich nit gutwillig wilst drein begeben. so laß ich dich brengen ums leben
in: Schudt
merckwürdigkeiten (1714)3,284. 1860 thust du das, dann wirst du nie deine glieder zu waffen der ungerechtigkeit begeben Harms
pred. 27. b
jmdn., sich in die obhut eines klosters geben, in ein kloster gehen; mönch, nonne oder geistlicher werden; häufig absolut u. dann in semantischer nähe zu 1 a
i. s. v. ‘der welt entsagen, auf alles weltliche verzichten’; oft als part.adj. in der fügung begeben man ‘
geistlicher’: 1261 begibit man ein kint binnen sinen iaren . iz muͦz wol binnen sinen iaren uz varen vn̄ behalt lenrecht vn̄ lantrecht
corp. altdt. originalurk. 1,82 W. ⟨E13.jh.⟩ wir lesen .. von eime guten manne der sich zu closter begab
altdt. pred. 1,31 Sch. ⟨u1300⟩ nu horet von erst den urhab, / wie ez quam daz er sich begab
väterb. 2516 DTM. ⟨u1300⟩ do er unde die andern / zu klostere wolden wandern / und durch got sich begeben
passional 398,95 K. ⟨u1305⟩ welch kint sich begibet mit willen oder mit unwillen sines vaters, daz hat kein erbeteil nicht zu rechte
freib. stadtrecht 58 E. 1350/80 menne brodere .., de en begheven man is
urkb. Hildesh. 2,276 D. ⟨2.h14.jh.⟩ vor alle byschoffe, vor alle apte, vor alle begebene lewͤte
in: Johann v. Neumarkt
4,383 K. 1481 do muest er
(Tassilo) vor dem künig .. sweren, das er .. münich wurd. also begab er sich in den orden sant Benedicten Füetrer
bayer. chr. 107 S. ⟨1574⟩ der sol auch nicht priester noch moͤnch sein, denn kein begeben man mag vormuͤnde sein Pölman
handtb. (1576) F 4b. 1616 ich hieß ihn sich in meinen orden begeben Henisch
t. spr. 1,242. 1740 der ohne bewilligung des hochmeisters sich in ein andern orden begibt
in: DRW 1,1407. ⟨1835/42⟩ mit der gierigkeit, die in klöster und klausen, in allerhand leben, in begebenes und unbegebenes gedrungen ist Gervinus
dt. dicht. (1853)2,122. c
aktien, anleihen u. ä. ausgeben, in umlauf bringen, emittieren: 1782 wir bitten, das londoner papier in bestmöglichstem cours zu begeben
in: Schirmer
wb. kaufmannsspr. (1911)30. 1864 begeben
geld auf ein haus, capitalien auf sichere renten, belegen geben Gutzeit
Livland 1,108a. 1918 seit dem dreiundzwanzigsten september wird die neunte deutsche kriegsanleihe begeben Goldschmidt
in: weltbühne 14,2,295. 1931 jedes gesunde unternehmen wächst und .. zieht .. fremdes kapital heran, indem es sein aktienkapital erhöht, obligationen begibt usw. Reiners
wirtschaft 1,157. 2001 mit insgesamt 16,4 millarden dollar .. war die im januar begebene anleihe von France Télécom die bisher größte unternehmensmission aller zeiten
frankf. allg. ztg., DWDS-arch. 3
refl., sich zutragen, geschehen, sich ergeben; sehr häufig in unpersönl. konstruktion, auch mit ersparung des pron.: ⟨1356⟩ wen̄ es zu künfftigen zeiten not sein, oder begeben wirt
hl. röm. reichs ordn. (1539)1b. M15.jh. nuͦ begab es sich, daß darnach der vor genante Ruͦdolf von Stretlingen ward userwelt zuͦ einem künig Kiburger
stretlinger chr. 64 B. ⟨1488⟩ vnd sich die sach zu ainem taͤglichen krieg begaͤb
in: Sattler
Würtenb. graven 4(1768)2,201. 15.jh. man nit allzit ein ersamen rat mit solchen händeln, so sich in diser ordenungen begeben und fürfallen möchten, bekümbern dörf
strassb. zunft-verordn. 3 B. 1508 es begab sich, daz die stat darinn er was, mit den veinden ward besessen Geiler
dt. schr. 1,2,41 B. 1522 es begab sich aber zu der zeytt, das eyn gepott von dem keyser Augustus aus gieng, das alle wellt geschetzt wurde Luther
bibel 6,216 W. 1553 wie sie bede sambstags verschinen bei irem gn. herrn an der tafel gesessen und sich ein rede in die andern begeben
chr. Bamb. 2,591 Ch. 1563 zuͦ Hildenßheim hat sich ein seltzam geschicht anno 1557 begeben Kirchhof
wendunmuth 1,196 LV. 1563 auß schweigen sich kein zanck begibt
ebd. 89. 1647 hingegen ist der todte buchstab ohne bericht, ohne eifer und wortklang, der in begebenen zweiffel keine erörterung leisten kan Harsdörffer
gesprächsp. (1641)7, A 1b. ⟨u1670⟩ sie erzehlten zu ihrer heimkunfft ihrem vater alles, was sich mit ihnen in Egypten begeben Grimmelshausen
Simplicissimus 2,822 LV. ⟨1670⟩ der erste krieg, der sich nach des grossen Ludwigs tod ereignete, .. begab sich folgender ursachen
ders., 3(1713)311. ⟨1705⟩ sintemahl der fleck, welcher bey begebenden sonnen-finsternissen in der sonnen zu sehen ist, .. nichts anders ist als der mond J. G. Schmidt
rocken-philos. 1/2(1709) 191. 1778 welcher verworfne, rohe, wilde mensch .. hat nicht seine engelsaugenblicke, wo er, wenn sich die gelegenheit dazu begiebt, zwey, drey gute handlungen in einer stunde beginnt? Musäus
reisen 1,182. ⟨1782⟩ auch sollen die beamten auf die in ihren amtsbezirken sich begebende todesfälle .. selbst fleissig mit acht geben
in: Berg
hdb. policeyrecht (1799)6,2,14. ⟨1826⟩ die jungen leute .. entfernten sich, voll begierde, zu sehen, wie sich dies alles begeben würde Hauff
6,113 F. 1926 in den sportpalästen wissen die leute, wenn sie ihre billette einkaufen, genau, was sich begeben wird; und genau das begibt sich dann, wenn sie auf ihren plätzen sitzen Brecht
schr. z. theater 1,65 H. 1935 fascismus, pöbelherrschaft, diktatur, das sind alles keine namen das unvergleichlich scheußliche zu bezeichnen, das sich begibt Th. Mann
br. 1,405 M. 1983 zu diesem zeitpunkt aber begibt es sich, daß von einem kleinen punkt in der kasachischen steppe ein mit hochempfindlichen instrumenten bestückter neuartiger flugkörper mittels mehrstufiger kosmischer rakete .. gestartet wird Knape
schnecken 6. 2000 und es begibt sich alljährlich zur weihnachtszeit, dass all die .. söhne und töchter, die an fernen universitäten studieren, nach hause kommen und die eltern besuchen
frankf. rundschau (27.12.), DWDS-arch. 4
refl., sich zu einem ort bewegen, sich in eine situation, in einen status bringen; auch ‘
sich aufmachen etwas zu tun, mit etwas beginnen, sich auf etwas verlegen’
; häufig bildl. u. in erweitertem gebrauch; herzuleiten wohl von 1 a ‘
verlassen’,
wobei sich jetzt der aspekt mehr auf das ziel des aufbruchs richtet. geläufig in wendungen wie sich in ehestand, in die ehe begeben; sich zu bett, zur ruhe begeben
oder sich in gefahr begeben (und darin umkommen);
(vgl. auch schon ⟨E13.jh.⟩
unter 2 b
): 1441 wil ik myt der hulppe gades my begeven na S(t)ytes
privatbr d. ma. 2,145 S. ⟨1502⟩ ist unnoth noch jemands schuldig, sich in die gefahr zue begeben, under sye zue laufen
württ. ländl. rechtsqu. 2,7 W. 1522 daß er
(Luther) sich ohn unser wissen, willen und zutun wiederumb gen Wittemberg begeben
in: Luther
brw. 2,466 W. ⟨1522⟩ priester, ßo sich in eelichen standt begeben Eberlin
2,37 HND. ⟨1579⟩ Borgia ward papst, vnnd begab sich frey auff alle wollust vnd begirlichkeit deß fleisches Fischart
binenkorb (1588)243a. 1669 hierauff begab sich meine jungfer mit ihrer bagage .. in ihr heimat nach Cammerich Grimmelshausen
continuatio 53 Sch. 1670 die kriegsknechte, die .. ermüdet waren, lieffen von ihrem gewehre, und begaben sich .. zur ruhe
Dapper, Africa 440a. 1670 ich aber begab mich aufs nähen, wircken und andere frauenzimmerarbeit Grimmelshausen
Courasche 28 Sch. ⟨1732⟩ war ich so höfflich Charlottens nacht-ruhe nicht gäntzlich zu verderben, sondern begab mich um 2. uhr zurück in mein apartement Schnabel
Felsenburg (1997)2,132. 1732 begieb bey zeiten dich auf eine gute bahn, / denn jung gewohnet heißt im alter noch gethan Abel
sat. ged. (1729)2,254. 1758 wenn mädchen vor Croaten beben, / und sich in ihren schutz begeben, / den sie den mädchen gern verleihen, / so wünsch ich ein soldat zu seyn Weisze
scherzh. lieder 86 faks. 1782 denn, sagte er, wer sich gern in gefahr begiebt, der verdirbt darinnen J. G. Müller
Lindenberg (1781)4,31. 1831 übrigens bin ich willens, wenn hier die cholera sich nähert, mich nach einem andern orte zu begeben. hier wäre es dann gar zu schlimm Börne
5,21 R. ⟨1837⟩ wer sich in die gefahr begibt, kommt in der gefahr um Nestroy
9,371 B./R. 1847 schämt sich der christ des todes als eines tierischen aktes, so schäme er sich auch des zeugungsaktes und begebe sich statt in das ehebett in ein karthäuserkloster Feuerbach
10,311 Sch. ⟨1878⟩ herr Jacques .. begab sich auf einen spaziergang für den ganzen tag Keller
(1894)6,9. ⟨1879⟩ nach dem empfange dieses briefes begab sich meine mutter in ihre staatskleidung
(‘zog sie an’), schlicht und einfarbig
ebd. 1,224. 1918 niemand hatte gegen Amaliens vorschlag etwas einzuwenden, und man begab sich ins freie Schnitzler
Casanova 36. 1929 Helene .. begab sich dann an ihre arbeit Baum
Willfüer 256. 1933 wem’s zieht, der möge sich zu bett begeben, – dort zieht’s nicht Ebermayer
werkzeug 148. ⟨v1973⟩ sie sind erledigt, dame. wer sich in die provinz begibt, kommt darin um Reimann
Linkerhand (1974)99. ⟨1983⟩ veränderungen im lehrkörper: frau dr. Gollnow begibt sich in den ruhestand Johnson
jahrestage (2006)1507. 1984
(redensartl ) er merkte dabei offenbar gar nicht, wie sehr er sich damit auf einen holzweg begab
(‘im begriff war, einen irrtum zu begehen’
) Wattenberg
himmel 136. 2000 auf zureden seines hausarztes begab er sich in behandlung eines psychoanalytikers Ohms
abschied 98. 2001 zu kaffee, kognac und zigaretten begab man sich ins oberdeck
frankf. allg. ztg., DWDS-arch.Schröder