DU pron. (1)
ahd. mhd. dû, du.
as. thū,
mnd. dū;
mnl. nnl. (älter) du;
afrs. thū;
ae. þū̆,
me. ne. thou;
an. isl. þú,
norw. dän. schwed. du;
got. þu.
mit gr. τύ,
lat. tū
zu idg. *tū̆. (2)
ahd. und mhd. gelten länge und kürze des -u
nebeneinander, nhd. (seit wann?) gilt länge. bis ins 18. jh., mdal. und umgangssprachlich jünger, begegnet verschmelzung mit dem verb, z. b. bistu,
geschwächt biste. –
ahd. und mhd. steht du
gelegentlich in der funktion eines relativpron meist gestützt durch die partikel 1da,
ahd. dâr
adv. (
in formen wie der, dir, dar, da),
s. z. b. 2. (3)
in der älteren ahd. literatur ist du
das einzige anredepron. im sing. und gilt uneingeschränkt jedem angeredeten gegenüber; dies entspricht sowohl gemeingerm. tradition als auch klassisch-lat. und biblischem sprachgebrauch. relikte begegnen mhd. und nhd. noch in den verwendungen unter 1 a.
die weitere geschichte der anredeform du
wird dadurch bestimmt, daß im 9. jh. das pers.pron. der 2. plur. ihr
als respektvolle anrede an eine einzelne person (plur. reverentiae) aus dem lat. vos
der karoling. verkehrssprache in die dt. literatur übernommen wird ( 863/71 Otfrid
S 5 E. u. ö.) und damit ein zweites pron. für die singularische anrede zur verfügung steht. ihr ist, nach anfangs zögernder verwendung, vom 12. jh. bis ins frnhd. anrede an ranghöhere und unter gleichgestellten der höheren stände, mit zunehmender ausweitung auf bürgertum und untere stände. seit dem 17. jh. führt die konkurrenz weiterer höflichkeitsanreden zu einschränkung und abwertung der singularischen ihr-anrede. konkurrenten sind im 17. jh. das pers.pron. der 3. sing. er, sie (das seinerseits im 18. jh. abgewertet und, ebenso wie ihr, nur noch gegen untergebene und sozial niedrigstehende verwendet wird), seit dem 17., zunehmend im 18. jh. das pers.pron. der 3. plur. sie. dieses sie ersetzt ende 19. jhs. die älteren höflichkeits- und untergebenenanreden vollständig und gilt in der hochsprache allein neben du. – demgegenüber ist du im mhd. und frnhd. vertrauliche anrede unter nahestehenden und gleichgestellten, vornehmlich der unteren stände (1 b α) sowie, einseitig verwendet, anrede an rangniedrigere (1 b β). im 16./ 17. jh. gilt, parallel zur ausweitung der höflichkeitsanreden, das du vielfach als geringschätzig oder bäurisch und geht von da her im gesamten gebrauch 1 b zurück. ende 17. jhs. und im 18. jh. wird es in der einseitigen verwendung unter 1 b β eingeschränkt und z. t. ersetzt durch die abgewerteten anredepron. ihr und er, sie (3. sing.). dagegen nimmt in der 2. hälfte 18. jhs. mit dem zurücktreten standesbestimmter vorstellungen die wechselseitige du-anrede (1 b α) stark zu; diese tendenz setzt sich bis in die gegenwart fort. (4)
lit.: Ehrismann
duzen u. ihrzen im ma., in: zfdwf. 1,117–149; 2,118–159; 4,210–248; 5,127–220. Keller
formen d. anrede im frnhd., ebd. 6,129–174. Metcalf
forms of address in German (
1500– 1800) (
1938). Augst
sprachnorm (
1977)
13–60. personalpronomen der 2. pers. sing. im nom. 1
in der anrede an eine einzelne person. a
uneingeschränkt geltend. α
im ahd. unterschiedslos jeder angeredeten person gegenüber: 8.jh.
adesto .. az uuis thu
ahd. gl. 1,23,7 S./S. A9.jh.
(Hildebrand) fragen gistuont / wer sin
(des ihm unbekannten Hadubrand) fater wari / .. ‘eddo welihhes cnuosles du sis / ..’
hildebrandslied 11 S. 863/71 ih bin eigan scalk thin, thu bist herero min
(Petrus zu Jesus, vgl. Joh. 13,6) Otfrid
IV 11,22 E. u900 biuuaz kerost thu, guot man, daz ih thir geba trinkan?
(zu Joh. 4,9) Christus u. d. Samariterin 7 S. vgl. dir, dich
als anrede an den priester in ahd. und frmhd. beichtformeln, z. b. noch: hs.u1170 ih .. begihe .. dir, ewart, ..
benediktbeurer glaube III 49 S.; dagegen: hs.11./12.jh. .. iu, briestir, ..
sangaller glaube III 20 S.; dazu zfdwf. 2,119. –mhd und nhd. so noch historisierend oder stilisierend, in literarischer behandlung biblischer und geistlicher, antiker oder germanischer stoffe: u1170 (
der heidnische bote zu kaiser Karl:) heil sist du keiser here Konrad
rolandslied 711 W. 1225/30 sie sprâchen zuo dem künege dô: / herre guot, wie tuost dû sô Rudolf v. Ems
Barlaam 14,18 P. 1690 antwortete Bion: herr könig, du .. Simmer
edelmann 28. 1779
(Iphigenie:) woher du seist und kommst, o fremdling, sprich! Goethe
I 39,352 W. 1921
(Sibich zu könig Ermenrich:) wenn du Dietrichs lande gewinnst Wolters/P.
heldensagen (1941)151. 1943 ‘du warst es, herr der länder
(Pharao)’, antwortete Joseph Th. Mann
ges. w. [1960]5,1437. β
bis in die gegenwart in der anrede an gott und übernatürliche wesen, an dinge, tiere, an nichtanwesende oder nur vorgestellte personen, an sich selbst u. ä.: u790 fater unseer, thu pist in himile
sangaller paternoster 1 S. hs.10.jh. nu fliuc du, uihu minaz, hera
lorscher bienensegen 1 S. u1195 wider sich selben er dô sprach: / dû hâst einen tumben gedanc Hartmann
Heinrich 101243 ATB. u1200 Liupolt ûz Ȏsterrîche, .. / dû wünschest underwîlent biderbem man, dun weist niht wie Walther
1135,20 K. M13.jh. ich sprach wâ bist dû, minne?
d. minne lehre 1165 P. 1528 das er
(Zwingli) .. schlecht sagt: du Luther verstehest sie
(kirchenväter) nicht recht Luther
w. 26,378 W. 1644 du, berühmter Pregel-fluß, .. Titz
ged. 190 F. 1808 du alt geräthe, das ich nicht gebraucht, / du stehst nur hier, weil dich mein vater brauchte Goethe
Faust 2,37 ak. 1963 zu ihm
(gott) zu sprechen, als wäre er ein mensch; zu ihm zu sagen: du! Andres
mann 237. γ
in sprichwörtern und redensarten: v1022 tu nemaht nîeht mit einero dohder zeuuena eidima machon Notker
1,595,9 P. hs.A13.jh. daz dv nit wilt daz dir geschehe, daz entv du einim anderin nit
(quod tibi non vis fieri alteri non feceris) regula st. Benedicti 83 S. u1300 tuostu mir, sam tuon ich dir Hugo v. Trimberg
9922 LV. 1771 ich will schon fragen thun, hast du nicht gesehn
(ganz schnell) Weisze
opern (1768)3,281. 1845 wie du mir, so ich dir
rhein. jb. 1,287 P. 1967
WDG 2,863a. b
durch soziale konventionen in der verwendung eingeschränkt und neben höflichkeitsanreden wie ihr, sie
gebraucht. α
wechselseitiges du
in vertraulicher oder sozial gleichstellender anrede, besonders zwischen verwandten, freunden, nachbarn, kollegen: hs.10.jh. trench tu, brother
(kamerad) (‘
altdt. gespräche’)
ahd. gl. 5,522,23 S./S. u1147 Tharsillâ, liebez wîp, / dû bist mir alse der lîp
kaiserchr. 12856 MGH. M13.jh. ‘nu sage mir, liebiu tohter ..’ / si sprach ‘liebiu muoter, .. / du weist wol ..’
Wolfdietrich B 194,2 J. 1256/68 war umb ich dich heize ‘dû’. / dast von rehter liebe
liederdichter 242 K. 1413 lieber bruoder, ich bitte dich frntlich .., daz du mir helffest
rappoltstein. urkb. 3,71 A. 1668 ach! wie geht es immer zu? / die verliebten hertzen / heissen nicht einander du, / .. alles heist nur er und sie Weise
überflüssige gedanken 167 HND. 1781 wenn du mir du bist. um gotteswillen kein sie mehr!
(an Charlotte v. Stein) Goethe
IV 5,237 W. 1874 lieber Engels! kannst du mir nicht .. Liebknecht
brw. 185 E. 1973 du, bring ihn doch so weit, daß .. Grün
glatteis 21. –
spontaner wechsel der anrede in bewußtem verstoß gegen die konvention, in mhd. epik als besonderes stilmittel. zum ausdruck der geringschätzung: u1150
(Alexander zu Pincun:) iz wirt iv ze laster gewant. / ..
(später, im zweikampf:) du solt lugenare wesen Lamprecht
Alexander V (1923)1363 M. A15.jh.
(die zum zweikampf auffordernden bauern) ruoften laut .. / her frömder gsell, wes hast du muot? Wittenwiler
353 DLE. 1774 Beaumarchais: .. warum, ungeheuer! hattest du die grausamheit, .. Clavigo: oh mein herr! wenn sie
(anrede) wüsten, .. Goethe
jugendw. 2,29 ak. zum ausdruck von zuneigung, intimität: u1170/3
(Rudolf:) vrowe, harte groze not / l[idich umme] uwere minne. / .. do sprach di[e vrowe] riche / .. Rudolf, du b[ist mir] harte liep
graf Rudolf E 23 G. u1200
(Kriemhilt:) vil lieber vriunt Hagene, gedenket an daz, / .. du bist mîn mâc
nibelungenlied 13898,1 B./B. 1946
(general Harras zu einem jungen offizier:) dann seien sie doch froh, daß .. mein gott –junge – hab ich dich verletzt? .. das ist mir nur so rausgerutscht – aus wut, verstehst du Zuckmayer
ges. w. (1960)3,545. –
redensartlich mit jmdm., etwas auf du und du, per du sein
sich mit jmdm. duzen, auch mit jmdm., etwas vertraut sein: 1785 Karlos: auf du und du?/ marquis: .. dein bruder Schiller
5,1,62 G. 1790 bist mit dem teufel du und du Goethe
Faust 1,66 ak. 1896 wir sind ja per du Schnitzler
(1912) II 1,254. 1929 mit dem tode auf du und du zu sein Werfel
Barbara 165. 1954 er stand mit den leuten auf du und du Mönnich
land 160. β
einseitiges du
in der anrede an rangniedrigere oder abhängige der gebrauch wird im jüngeren nhd. zunehmend seltener und gilt heute in der regel nur kindern gegenüber: hs.10.jh. guaz guildo
i. quod vis tu? guer is tin erro
i. ubi est senior tuus?
(anrede an einen knecht in den ‘altdt. gesprächen’) ahd. gl. 5,518,3 S./S. (
im gleichen text der plur. reverentiae, ebd. 5,517,30). u1120/30
(Pharao:) daz da uor niht wære du nesagest mir dei gewissiv mære
(deutung der träume). / do sprach Joseph .. got si gesaget ivr troͮm
milst. genesis 84,12 D. 1187/9 ‘tochter, du solt sie
(minne) wol irkennen doch.’ / ‘muter, muget ir des erbeiten noch?’ Heinrich v. Veldeke
eneide 9809 DTM. 1483 also schreibent die fürsten graffen oder iren steten ..: lieber getreüer, wir begeren, daz du ..
formalari 44a. 1557 du solt mich nit mehr dautzen .. ich binn yetzunder unser herr der schultheus .. sagt der ander baur, das hab ich nit gewißt .. got geb euch glück und heyl Frey
gartenges 127 LV. 1754 Chrys.: was willst du .. Damis.: .. herr vater .. die
(bücher, die) sie
(anrede) hier auf dem tische sehen, .. Lessing
schr. (1753)4,152. 1811
(dorfrichter) Adam (zum büttel): die kläger rufst du – marsch! Kleist
krug 37. 1968 ich
(Siggi Jepsen) ..: was wollen sie
(anrede) denn von mir hören?
(direktor) Himpel: warum du hier bist Lenz
deutschstunde 537. 2
verallgemeinernd in der anrede an eine personengruppe vor allem an ein leser- oder hörerpublikum, auch im sinne von ‘
man’: E8.jh.
(gott spricht:) chihori dhu Israhel
(audi Israhel) Isidor 13,15 H. 863/71 wio harto mihiles mer suorget druhtin iuer? / thu mo liabara bist thanne al gifugiles thaz ist Otfrid
II 22,20 E. hs.14.jh. nv vernement ir lieben ivncvrowen, dv da wilt sin ein vrivndin vnd ein gemahele des togenin minners
altdt. pred. 149 W. 1523 du solt keyn ander gotter neben myr haben Luther
bibel 8,260 W. 1701 wie man holtz .. färben soll. ein iegliches holtz .., so du färben wilt, ..
kunst-büchl. 81. 1948 genügt es ihnen
(den menschen) zu sagen, ich leide wie du? Beckmann
tgb. 252 G. 1967
WDG 2,863a. H. Albrand