zeitig,
adj. ,
ahd. zîtig,
mhd. zîtec,
mnd., mnld. tîdich; 11)
die älteste, aus zeit II A 3
a abgeleitete bedeutung ist reif; a)
von garten- u. feldfrüchten: zîtegez obaz Graff 5, 638; wande si (
der weizen und der roggen) zîtich wâren
exod. 1904
K.; zîtige mandilnuzze Rudolf v. Ems
weltchr. 14028
E.; den tydigen gersten
2. Sam. 14, 30
Halberstädter bibel (1522); glich roten zitigen erdbern Seuse
deutsche schr. 31
B.; z-e weintrauben Schaidenreiszer
Od. 27
b; sein (
der traube) bere seint z. (reiff Luther)
off. 14, 18
erste d. bib. 2, 506; auff ein zeittigen korenacker H. Sachs 16, 277
G.; die reiffen (
früchte) mrb und z. machen Mathesius
Sar. 35
a; dieweil ... das getreid ... zeittig war Xylander
Pol. 183;
auch: damit ... die eltisten und zeittigisten wAeld ... verhackt werden (1529) v. Lori
samml. d. baier. bergrechts 189; ein säcklin ... mit gutem und zeittigem wisenkmmich Gäbelkover
arzneib. 9; was frhe z. wird, faulet bald Lehmann
flor. (1662) 1, 182; z. obst Stieler 2621;
entsprechend Luthers
abneigung in der schriftsprache allmählich hinter reif
zurücktretend und in obd. schriften nur vereinzelt, in norddeutschen einschl. der dialekte kaum noch verwendet; vgl. die fälle bei Stoppe
Parnasz 89; Wieland
Luc. 4, 220; Göthe 30, 76
W.; Schiller 11, 215
G.; J. G. Forster
s. schr. 4, 341; Fr. Rückert
w. 2, 247;
kind.- u. hausmärch. 1, 260;
auch A. v. Arnim
w. 17, 115; Schambach 230
a und Müller-Fr. 2, 698
b;
in volkssprache und volksthümlichen werken Süddeutschlands dagegen das einzige gangbare wort, s. u. a. H. Fischer 6, 1110
u. Martin-L. 2, 919
a; b)
von thieren, ausgewachsen und reif in verschiedenen lebensstadien: mhd. belege bei Lexer 3, 1137; ein z-es auszgebrts gAenszlein J. Nas
antipap. 1, 73
b;
flügge: ee denn die jungen zeytig worden Herold-Forer
Geszners thierb. 2, 5
r;
so auch bei Luther
übertragen auf den satan: er sey noch nit flgg noch z. (1524)
br. 2, 521
W.-S.;
zuchtreif: von eime citigen swine 8 phenninge, von eime jAerigen swine 4 ph.
bei H. Fischer 6, 1110;
mit zu: jetzt sind unser jungen schier zytig uszzuschlieffen
buch d. beisp. 181
H.; (
schweine) z. zu braten und zu kochen
volksb. dr. Faust 59
ndr. Br.;
trächtig Doornkaat-K. 3, 409
a; c)
von menschen, α)
ausgewachsen, geburtsreif: gleichwie ein zeitig kind im weib herausbrichet ausz mutterleib H. Sachs 19, 78
G.; Logau 266
E.; Fr. H. Jacobi
w. 4, 3, 71;
bes. geschlechtsreif, mannbar: ich hab alltzeit gehOeret, das ain junckfraw z. sey aines mannes in sechtzehen jaren Albr. v. Eyb
deutsche schr. 2, 123; Arigo
dec. 334
K.; zîtic zuo der minne Konrad v. Würzburg
Engelhard 885
H.; zuo mannen z. S. Franck
weltb. (1534) 140
b;
sonst unbezeugt, doch in obd. dialekten (
s. H. Fischer 6, 1110, Martin-L. 2, 919
b, Hügel 139
b,
auch lux. wb. 499
a)
und obd. volksthümlichen schriften geläufig: die ist schon z. Rosegger
wildlinge 191;
β)
reif an verstand, gereift: welche z-e menschen trAegt ... Brittania! Schubart
vaterl. chron. 1788, 631;
vgl. D. Fr. Strausz
w. 9, 218; sehr z-e und gesunde urtheile Schubart
br. 2, 240; welches alter das glckseligste? ... das zu z-em verstand nahet Harsdörfer
gesprächsp. 2, C 2
a;
modern schwäb. einen z. werden lassen
warten, bis er gescheit wird Fischer;
hierher: er ... setzt unter zwey grne ein z-en ..., unter zwey z-e ein unzeitigen Fischart
Garg. 200
ndr.? γ)
reif zur strafe: zudem sehe ich unsere nation zur gOettlichen straffe ... z. seyn Grimmelshausen 4, 587
K.; einen z-en dieb erlaufft ein hinckender scherg S. Franck
sprichw. (1541) 1, 31
b;
schwäb. ein z-er
ein abgefeimter kerl Fischer;
hierzu: gott strafft ... ein z-en mit einem unzeitigen Lehmann
flor. (1662) 3, 130 ?
württemb. der wird auch noch z.
wird auch noch erwischt Fischer; reif zur vergeltung, z. zur letzten posaune Schiller 2, 101
G.; d)
von sachen, α)
bes. von geschwüren, geschwülsten und blattern: taubenfusz, was ein blater zeytig macht Tollat v. Vachenberg
marg. medic. (1516) 24
v; ein zeytig gschwAer Frisius 9
b; Paracelsus
op. (1616) 1, 349
c H.; z-e geschwulst Kramer
teutsch-it. 2, 1441
b; auch befindet man, das etlicher rhogen auff dem trucken z. würt Eppendorf
Plin. 135; ehe eine rohe haut z. (
d. h. gar zum leder) werde Just. Möser
s. w. 1, 122;
s. hierzu: van tidigem ledder
Lüb. zunftrolle 423; H. Fischer 6, 1110; Martin-L. 2, 919
b; Follmann 557
b;
lux. wb. 499
a;
in erweiterter anwendung: alszdenn wirt die sünd zeytíg Berthold v. Chiemsee 250; wann ein ding zeittig seyn will Paracelsus
op. (1616) 2, 405
b H.; (
ein schriftwerk) z-er werden lassen
br. d. n. litt. betr. 16, 79; die sache ist noch nicht z.
ist noch nicht spruchreif Schwan
n. dict. 2, 1096
a; seine noten werden ... unter dem striche z. Schubart
ästh. 59;
β)
reiflich, überlegt: mit guter betrachtung und z-em rate
chron. d. st. (
Nürnberg) 2, 165; Schaidenreiszer
Od. 6
b; H. Sachs 16, 21
G.; ausz zeytigem nachdencken Kirchhof
wendunm. 1, 466
Ö.; mit z-er der sachen betrachtung B. Schupp
schr. (1663) 724;
vgl. H. Fischer 6, 1110; 22)
modern schriftsprachlich vorwiegend in der bedeutung recht-, frühzeitig; diese scheint sich im md. gebiet aus der bedeutung zeitgemäsz entwickelt zu haben, vgl. des was zîtech unde reht sîn helfe
passional 279, 89
H., während die verwandte '
der jahreszeit entsprechend'
auch im obd. begegnet: äcker ... in gutem, z-em baue, 'mayerlich' ... zu halten (
schwäb. 1507) H. Fischer 6, 1111 (
s. zeitbau); ein zidich weder (
Köln 1438)
chron. d. st. 13, 179; einen tidigen regen geven
5. Mose 11, 14
Halberst. bibel (1522);
ferner: (
der richter soll ihnen geben) drîe gerichte zû dem ezzene, die des tages zîtig (
nd. text tidich,
doch czitlich
Neumarkter rechtsbuch 155
und tydtlick [
Schönberg i. M. 1540]
bei Schiller-L. 4, 539
b) sîn
sachsensp. 2, 12, 4
W.; a)
rechtzeitig, aus zeit I 3
abgeleitet, noch nicht mhd.: eines rechten oder z-en todes sterben Luther 30, 1, 152
W.; z-e red kompt wol
sprw. klugred. 101
b; ein z. wort findt allzeit gnad 170
b; er komme z. oder spAet Chr. Günther
ged. 60; beispiele von z-er und verspäteter erklärung Göthe 24, 138; z. in der stadt ... sein 38, 68
W.; Schiller 13, 79
G.; allgemein beliebt und zwar zumeist als adverbium, doch vgl. auszer den vorigen beispielen noch: den krieg durch z-e dazwischenkunft ... verhindern Mommsen
röm. gesch. 2, 25;
auch unpersönlich: sehn wirs überglast erscheinen, wirds zum gusse zeitig seyn Schiller 11, 308
G.; Göthe
Faust 7658; Fr. W. Weber
dreizehnlind.136 221; b)
mit leichter bedeutungsverschiebung früh, frühzeitig, indem der pünktliche eintritt eines geschehnisses unangenehm und als vorzeitig empfunden wird: adv. so tydigen
Dortm. urk. 3, 126; tideghen nogh (1404
westf.) Schiller-L. 4, 541
a; frhe gersten, die da z. gesAeet ist
M. Böhme
roszarznei (1618) 135; z-er, ehe man sichs vermuthet v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 74;
sehr gewöhnlich z. genug,
was nun an die stelle von zeit genug
tritt: Bucholtz
Herkulisk. (1665) 22;
desgleichen zu z.: Lohenstein
Cleop. v. 652; so z. Gottsched
ged. 114; sehr z. aus der schule gelauffen Lessing 17, 3
M.; Schiller 14, 338
G.; z-er als gewöhnlich J. G. Forster
s. schr. 2, 339;
wie bei a vereinzelt attributiv: der schmerz über das z-e absterben des braven mannes Göthe 22, 138
W.; Holtei
erz. schr. 21, 39; am z-en nachmittag Cl. Viebig
schlaf. heer 2, 313;
in den mdaa. sehr geläufig; 33)
beschränkte geltung haben folgende gebrauchsweisen: a)
gegenwärtig, aus dem kanzleisprachlichen der zeit (
s. zeit V A 3
a α), derzeit (
th. 2, 1027)
über derzeitig (
th. 2, 1027)
gebildet und seit beginn des 18.
jahrh.s als formel gebraucht: dem z-en bischof v. Hohberg
georg. 3 (1715) 22
a; Dusch
verm. w. (1754) 213; Jung-Stilling
s. schr. 1, 111; als ein z-er staatsbürger der monarchie Göthe IV 33, 24; I 34, 21
W.; der z-e vorstand der ... eidgenossenschaft Mommsen
röm. gesch. 2, 43; b)
älter, aber ganz vereinzelt im gegensatz zu ewig,
für sonstiges zeitlich: gottheyt und menscheyt sind zweyerley ding ... von einander gescheyden als eyn ewigs von eym zeytlichen ... so mstestu auch sagen, zeyttig ist ewig, sterblich ist unsterblich Luther 18, 187
W.; mein z-es und ewiges heil Gaudy
s. w. 4, 135; Stelzhamer
ausgew. dicht. 3, 308;
wohl blosze formübertragung von ewig; c)
zeitweilig, eine gewisse zeit dauernd; da nach Adelung
2 4, 1677
in kanzleien und nach Heynatz
antib. 2, 662
in der rechtssprache zu hause, anscheinend aus a abgeleitet: eine z-e zuchthausstrafe zuerkennen Adelung; die z-e ungnade ... seines gönners ... auf sich zu ziehen Göthe 36, 331
W.; um eines z-en vermehrten appetits ... halber Herder 5, 576
S.; dem sanften und dem z. stürmischen luftzuge gleich offen Gutzkow
ges. w. 6, 29. —
zs.: unzeitíg;
uneigentlich, da aus der zeit, frühe zeit, vor der zeit
entstanden: der (
th. 2, 1027), früh- (4, 324), gleich-, recht- (8, 443), spät- (10, 1, 2007), vorzeitig.