sehr,
adv. ,
in hohem grade, mhd. sêre, sêr
mhd. wb. 2, 2, 253
b. Lexer
mhd. handwb. 2, 889;
ahd. sêro Graff 6, 269.
bei Otfrid
erscheint das wort durchaus noch in der alten sinnlichen bedeutung schmerzhaft, schwer (
gleicher gebrauch im Heliand);
vgl. nhd. versehren,
mhd. sêr,
adj. wund, leidend, leiden bringend, sêr,
n. und m., schmerz, qual, leid, sêrec,
wund, betrübt; nld. zeer,
subst. und adj. pein, schmerz, peinlich, schmerzlich, wund, grindig (
daneben zeer
als verstärkung wie unser sehr; om het zeerst,
um die wette, op het zeerst,
bestens, äuszerst);
ags. sár,
wund, peinvoll, schmerzlich, neuengl. sore,
wund, sár,
n. wundheit, schmerz, pein, neuengl. sore,
schmerzende, wunde stelle, schmerz, pein; altn. sár,
n. wunde, sárr,
wund, peinvoll; dän. saar,
verwundet, saar,
die wunde, ebenso schwed. sr,
das adv. dän. saare
wird auch im ähnlichen sinne wie deutsch sehr
gebraucht, doch ist es nicht so verblaszt wie sehr: da bad han mig saare,
vgl. auch die verwendung von engl. sorely: sorely against my will
u. a.; got. sair,
n. schmerz. lehnwort ist finnisch sairas,
aegrotus Thomsen 168.
die form mit auslautendem e (
mhd. sêre)
hält sich im älteren mhd. und mundartlich: gespile, liebste gespile mein, warumb traurestu so sere? ei, traurestu umb deines vaters gut, oder traurestu umb dein ere? Gödeke-Tittmann
liederb. 89; und wenn ich mich auch noch so sehre über ihn gegrämet. Reuter
Schelmuffsky 63
neudruck; ei sehre, sehre Albrecht 211
b,
nd. sêre Schambach 190
b.
die oberdeutsche volkssprache kennt das wort nur aus dem schriftgebrauche, vgl. Schm. 2, 321;
doch auch in manchen md. und nd. gegenden wird sehr
gern durch wörter volleren gehaltes ersetzt, vgl. z. b. Frischbier 2, 336
a. Frommanns
zeitschr. 4, 30.
das adverbium kann in volksthümlicher rede vor attributivem adj. adjectivische flexionsendungen annehmen: e sehrer guter kerl, e sehres braves mädel. Albrecht 211
b;
oder es wird selbst allein attributiv zum subst. gesetzt: er war in sehrer angst,
in heftiger angst. aus Danzig; een seer kerl,
ein tüchtiger kerl Dähnert 420
a (
s. unten sehrkerl, sehrmann). e sîre kouh,
eine tüchtige, gut milchende kuh Pfister erg. 1, 24.
alterthümelnd: indessen der Sigrist die kleine glocke geläutet, was er aber nicht mit sehrem fleisze gethan. Keller 1, 55. 11)
im sinne von schmerzlich, betrüblich: hie fragôda hwat siu sô sêro biwiopi, sô harmo mid hêton trahnin.
Heliand 5923; thuo habdun hiro firindadi al Sodomothiodsero antgoldan.
genesis 326; wio mag werdan thaʒ io war, thaʒ quami uns in gidrahti,thih thuungin unmahti, elilenti seroodo karkari suaro. Otfrid 5, 20, 88;
das verblassen des adverbiums geht so vor sich, dasz es zunächst den grad des leidens, der schwierigkeit, der noth bezeichnet, dann aber überhaupt einen starken grad angiebt; unter nachwirkung der alten bedeutung: ein wort heiʒit êre, daʒ coufet maniger sêre (
theuer), dâ umbe verlûsit manig beide, lîb und sêle.
rede vom glauben 2499; ich engalt es ê sô sêre.
Iwein 772; des schildes ampt gît êre. imst bereit werdekeit: si muoʒ ab kosten sêre. U. v. Lichtenstein 457, 20; fride und reht sint sêre wunt. Walther 8, 26; wæn aber mîn guoter klôsenæreklage und sêre weine. 34, 33.
gänzlich verblaszt: ouh half in sêre daʒ diu kint sô lîchte ze gewenenne sint.
arm. Heinrich 333; dô quam sente Andrêas vur daʒ tor alse ein pilgerîn, und klopfete sêre.
myst. 1, 10, 21.
beachtenswerth ist, dasz landschaftlich sehr
sich genau wie fast
entwickelt hat: særn,
beinahe, særnægest,
auf ein haar Woeste 223
b; das wasser ist sehr all,
fast völlig aus dem fasse gelassen, das geld ist sehr all,
fast gänzlich ausgegeben. Vilmar 380 (
obergrafschaft Hanau); es waren sehr nahe sechsig leute da,
an die sechzig. Pfister 274 (
Gelnhausen);
im sinne von schnell: sêre, sêre gân Schambach 190
b; hiel siehr,
sehr schnell Müller-Weitz
Aachn. mundart 227;
vgl. Pfister
erg. 1, 24.
schlesisch: a loigt sirrer as a lêft. Frommanns
zeitschr. 3, 416, 601.
bei dem freieren sprachgebrauche des älteren nhd. kann sehr
je nach dem zusammenhange bisweilen einen besonderen sinn mit einschlieszen, den die neuere sprache besonders ausdrücken würde, man vgl. z. b.: diese zogen durch verborgene wege und sonderliche umbgänge mit solchem fleisze, dasz sie desz nachts sehr an die festung kamen (= sehr nahe). Opitz
Argenis 2, 430 (1645). 22)
verbindung des adverbiums mit adjectiven; vor prädicativem adjectivum: er ist sehr alt, sehr gelehrt, sehr ehrgeizig
u. ä. und gott sahe an alles was er gemacht hatte, und sihe da, es war seer gut.
1 Mos. 1, 31; ist ein flieg odder wurm, dem groszen rindt viehe mitt seinem scharpffen angel seher uberlestig. Ryff
thierbuch Alberti Magni (1545) E e 4
b;
andere prädicative bestimmungen: der schein ist sehr wider mich.
substantiviert: dô der sêre wundedes swertes niht envant.
Nib. 925, 1.
vor attributivem adjectivum: widerumb füret jn der teufel mit sich, auff einen seer hohen berg.
Matth. 4, 8; ein sehr reicher kaufmann, ein sehr werther freund, sehr geehrte anwesende, die sehr vorsichtige untersuchung
u. ä.; dem unbestimmten artikel vorangestellt (
jetzt ungebräuchlich): Mose war seer ein groszer man in Egyptenland.
1 Mos. 11, 3; fanden seer eine grosze stat, Melinde genant. Franck
weltbuch 218
a (1542); die andern brüder dagegen behaupteten, dasz solche beweise, aus der natur und von ihren absichten hergenommen, sehr ein geringes gewicht hätten. Göthe 56, 198;
bei adverbialen, modalen bestimmungen: ich bin sehr früh aufgestanden, sehr zur unzeit gekommen, das kann sehr wohl sein, geschehen; sehr wohl,
molto bene Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 756
c; ich kann es sehr ungern leiden,
admodum œgre fero Steinbach 2, 581; welches meines bedunckens nit seer wol gesprochen gewesen. Wickram
rollwagenb. 5, 6
Kurz; graf! dieser Mortimer starb euch sehr gelegen. Schiller
M. Stuart 4, 6.
kühn: wenn es glatteiset, gehen die menschen sehr arm in arm. J. Paul
Titan 3, 77.
ungewöhnlich vor schon gesteigertem adverbium: er wünscht dessen noch von seiten des prinzen versichert zu seyn, weil sehr öfters abgedankte officiere um dergleichen plätze ansuchen. Gellert 6, 219; dasz ... die aufwallenden mineralischen und entzündbaren materien sehr öfters in flusz gerathen sein werden. Kant 9, 49.
dem verstärkten adverbium nachgestellt: stank jammerlîken sêre.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 192
a.
bei verben (
so vorwiegend im mhd., vgl. mhd. wb. und Lexer
a. a. o.): ich zweifle sehr, es verdrieszt mich sehr, ich musz mich sehr wundern, sehr trinken, weinen, lachen, hungern, dürsten, hassen, lieben, sich beklagen
u. s. w.; das der gantze berg seer bebete.
2 Mos. 19, 18; er lies seer blitzen und schrecket sie.
ps. 18, 15; ein zenkisch weib und stetigs trieffen wens seer regnet, werden wol mit einander vergleicht.
sprüche 27, 15; gott aber ist nicht der todten, sondern der lebendigen gott. darumb jrret jr seer.
Marc. 12, 27; und ich weinet seer.
offenb. 5, 4; bey welcher gelegenheit mancher bischoff desselben schwere ungnade ja eben so sehr empfunden, als sehr hingegen andere seine güte zu preisen hatten. Hahn
hist. (1721) 1, 179.
im allgemeinen setzt der ausgebildete sprachgebrauch sehr
nur, wo es sich um intensität, wirkliche gradsteigerung handelt, wir sagen sehr schreien,
fremd klingt uns: von der und der materie werd ich in der nächsten zeile sehr reden. J. Paul
aus d. teufels pap. 1, 110;
die ältere sprache ist freier: sô swer ich eu des sêre, daʒ ich daʒ glas zerbrechen wil.
ges. abent. 2, 514, 46; hier hast du sehr gewohnt; hier hat man dich geehret. Opitz 1, 89.
bei sein
vor dem subst.: dasz mein sohn weiter nichts als ein brausender jüngling wäre! aber leider ist er schon zu sehr mann. Gotter 3, 9 (1802); freilich nahm er, wie erwachend, aus der mondhelle ab, dasz es sehr nacht sei. J. Paul
komet 1, 82; mein vater ist sehr kaufmann. Freytag
ges. werke 4, 112; er ist zu sehr kenner, als dasz er getäuscht werden könnte;
nach haben: ich habe sehr ursache, ihm zu danken; du hast sehr unrecht. 33)
verstärkung des adverbiums: diu edel küniginnevil sêre weinen began.
Nib. 61, 4; daʒ zurnde harte sêreder helt von Niderlant. 117, 1. fast sehr (
ebenso sehr fast): ich wil meinen bund zwischen mir und dir machen, und wil dich fast seer mehren.
1 Mos. 17, 2; wiewol ich euch fast seer liebe.
2 Cor. 12, 15; fast seher gedemütigt. Schade
sat. u. p. 2, 103, 19;
vielleicht ist genug
in folgender stelle verstärkung zu sehr (
doch vgl. oben sehr öfters): gewisz, gewisz sie werden noch alldar in furchten stehn und sehr genug erschrecken. Opitz
psalmen 30. gar sehr,
maximopere Steinbach 2, 581; weren gans sere bekummert.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 192
a; das verdreuszt sie uber die maszen sehr. Fischart
bienenkorb 67
a; ein reuterischer soldat und überaus sehr auf das jagen verbicht.
Simpl. 3, 17, 1
Kurz; ich bin dem manne recht sehr gut, ob er gleich ein jesuit ist. Lessing 12, 254; er ist so sehr nicht krank
ò nicht so sehr krank. Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 756
b;
mit nachfolgendem satze: ich bin so sehr müde, dasz mir die augen zufallen; noch so sehr,
duplo magis Stieler 1994;
jetzt anders: sei noch so sehr ein kenner, man glaubt dir nicht; si striten also sêredaʒ al diu burc erschal.
Nib. 461, 1. deine gedancken sind so seer tief.
ps. 92, 6; gar zu sehr,
nimium; allzusehr,
plus quam satis; nicht zu sehr,
mediocriter, leviter Stieler 1994; sie gefällt ihm mehr als zu sehr; er ist zu sehr hofmann, als dasz er diese frage unbefangen prüfen könnte; isz wie ein mensch, was dir furgesetzt ist, und frisz nicht zu seer, auff das man dir nicht gram werde.
Sir. 31, 19; nu versprich eʒ niht ze sêre.
Nib. 16, 1. 44)
in der älteren sprache ist das wort der steigerung fähig, vgl. mhd. wb. und Lexer
a. a. o., Schiller-Lübben 4, 192
a;
der ausgebildeten schriftsprache sind diese formen, die im 16.
u. 17.
jh. noch durchaus gebräuchlich sind (
besonders der comparativ),
verloren gegangen, Steinbach
bezeichnet den comparativ als landschaftlich, Adelung
kennt sehrer
und am sehrsten
aus '
einigen gemeinen mundarten'. Campe
bemerkt, die steigerungen seien der guten sprechart und mehr noch der guten schreibart fremd. mundartlich haben sich gesteigerte formen erhalten, zum theil allerdings in entstellungen: sihrer, am sihrsten Bernd 285; serrer, am serrsten Anton
Oberlaus. 4, 10; sêrer Kleemann 21
a. Albrecht 211
b; setter, serner 212
a; serner, sernst Göpfert
Erzgeb. 7, 74; sirrer Frommanns
zeitschr. 3, 419, 601 (
schlesisch); sera
Bayerns mundarten 2, 267 (
fränkisch).
comparativ: es gehet mir sehrer zu herzen,
multo acerbius est Stieler 1995; das ärgert mich noch sehrer Albrecht 211
b; das thut noch sehrer weh; noch sehrer schlagen Bernd 285; daʒ man sie darinnen meer und seerer beswerde dan in andern stetten.
deutsche städtechron. 3, 374, 15; hantieren mit denen, die alle welt berauben, und stelen seerer, denn alle ander. Luther 2, 490
a; je seerer die welt wütet, je küner und trötziger sie werden. 3, 431
a; wiewol er hie sehrer und mehr geeilet hat. 4, 2
b; wer die lügen nachsagt, der leuget noch seerer. 5, 168
b; unsern herrn gott verdreuszet nichts sehrer unnd hefftiger.
tischreden (1568) 25
b; der knecht so des herrn willen weisz, und thut jn nicht, wird viel sehrer geschlagen werden. 44
a; darumb desto sehrer (
eilte man). 345
b; solchs verschmâcht noch sehrer den juden, warn erst recht zornig. Aventin
bair. chron. 1, 806, 34; vermitten nichts serer, dan das in ainer nur an der marter nit stürb, 815, 28; was scherpffet die augen sehrer denn neidwasser. Mathesius
Sarepta 153
a; unnd ist gäntzlich war, das die alten wölff sehrer fressen, dann die jungen. Linderer
schwankb. 141
Lichtenstein; förcht die bauchfülle mehr und sehrer dann gott den herrn. Schumann
nachtbüchl. 227, 15
Bolte; lieff darneben so schnell, dasz er sie nahe erreicht hette, und ye sehrer er eilet, jene noch vil mehr. Kirchhof
wendunm. 1, 323
Österley; denn mich auff erden nichts sehrer zu solchem elendt bewegen kündt.
buch d. liebe 255
d; welches jfg. noch sehrer verdrosz. Schweinichen 184
Österley; damit nicht irgent ein kriegsknecht .. sehrer zu dürsten anfienge. Rollenhagen
ind. reisen (1603) 9; Amurat sehlegt noch sehrer zu. Ayrer 2, 765, 11
Keller; er lacht noch schrer. 4, 2527, 10; so werde ich noch sehrer von inwendig hinausz schieszen. Zincgref
apophth. (1639) 129; sô der man ie mê gewinnet, sô erʒ guot ie sêrer minnet. Vridanc 56, 4; frasz sehrer denn der andern kein. Waldis
Esop 3, 89, 30
Kurz; dan tag uont nacht mich truokt' dein' hand i serer. Melissus
ps. N 1
b (1572); hat abgnommen an ehr und gut und niembt je lenger je sehrer ab. J. Ayrer 3, 1750, 14
Keller; du nimmst auf deinen rücken die lasten, die mich drücken viel sehrer als ein stein. P. Gerhardt 72
Gödeke; weil mancher arme leute sehrer als der teuffel plaget. Logau 2, 58, 22; mir ist es hertzlich leid, wenns gleich noch sehrer wär. Rachel 119.
superlativ: szo denn die priester, die von göttlicher ordnung eingesetzt sind und gottis gesetz lernen, das mehr mall unnd am sehrsten yrren. Luther 8, 377
Weim. ausg.; triben das gesetz am sehrsten. 14, 368, 16; die groszen hansen aber, die am besten und sehrsten fluchen können.
fluchteufel (1564) B 7
b; wie die seichtesten über die steine schüssenden bergbäche am sehrsten rauschten. Lohenstein
Armin. 2, 283
b; als er (
der holzstosz) aber am sehresten loderte. 970
b; das schmerzet mich am sehresten. Stieler 1995; des ich aller sêrest ger, sô ich des bite, sô gît siʒ einem tOeren ê. Walther 117, 20; wenn sie euch geben gute wort, so thun sie am sehrsten liegen.
Ambras. liederb. 79, 35 (
s. 80); welche iren man am aller-sersten mag petören. H. Sachs 22, 460, 6
Keller-Götze; aber das mich am sersten anficht. Schade
sat. u. pasqu. 1, 71, 114; wer holtz abschlägt in den letzten zween tagen des christ-monats, desgleichen im ersten des neuen jenners, solches währt am sehrsten, es bleibt unverfault. Hohberg
adel. landl. 3, 1, 97
b. 55)
landschaftlich (
Preuszen)
wird auch ein diminutiv gebildet: sehrchens häszlich. Frischbier 2, 236
a.