verwirren,
v. ,
taucht spätmhd. neben dem gewöhnlichen verwerren
auf; belege aus Reinfried von Braunschweig bei Lexer 3, 304; 311;
ein beleg aus Heinrich v.
d. Türlin
ist nicht ganz eindeutig (
s. u.).
seit frühnhd. zeit gewöhnlich, auch in den älteren wörterbüchern sehr oft gebucht, z. b. Diefenbach 289
b; 306
a; 309
c; 429
a; 430
b; 570
a; Frisius 11
b; 23
a; 31
b; 67
a u. ö.; Calepinus
XI ling. (1598) 327
a; 330
a; 630
a u. ö.; Sattler
phraseologey 368; 450; 468; Stieler
stammb. 2514; Kramer 2 (1702) 1363
c; Steinbach; Adelung; Campe; Stosch 1, 284.
mundartlich nicht häufig: bair. Schmeller-Frommann 2, 980;
schwäb. Fischer 2, 1417;
schlesw.-holst. Mensing 5, 446; verwart, verwirrt Frischbier
preusz. sprichw. 2, 190;
s. a. verwerren.
herkunft und form. verwirren
und seine verwandten (
teil 14, 2,
sp. 606-20)
sind neubildungen zur alten sippe werren, werre. verwirren
scheint den anfang gemacht zu haben: es ist schon gegen ende des 13.
jhs. vereinzelt belegt (
s. o.),
das heute nur noch im plural gebräuchliche fem. wirre
seit dem 14. (Tilo v. Kulm
a. a. o., sp. 610),
das einfache verbum wirren
seit dem 16. (
beleg von 1566
a. a. o., sp. 612),
das adject. wirr
seit anfang des 17.
jhs. als veranlassung zu der neubildung wird analogie zu irren
und der sing. ind. präs. mit seinem lautgesetzlichen i
erwogen (
a. a. o., sp. 610). verwirren
flektiert von anfang an schwach. erst als das präs. verwerren
ausgestorben war, wurden seine starken präteritalformen zuweilen zum präsens verwirren
gestellt. verwirren, verworr
ist im 18.
jh. gebucht: verwirren, ich verworr, verworren,
viele machen es auch richtig: ich verwirrete, verwirret Gottsched
sprachkunst (1748) 284;
imperf. ich verwirrete,
im hochdeutschen nicht leicht verworr,
mittelwort verworren,
seltener verwirrt Adelung 4, 1181; verwirren ..., verworr, verworren H. Braun
orth.-gr. wb. (1793) 287
b.
literaturbelege für verworr
fehlen aber ganz; die form scheint ausschlieszlich umgangssprachlich gewesen zu sein. nur das part. verworren,
das als adjectivum lebendig geblieben ist, kommt zuweilen auch im verbalen gebrauch vor: (
noch eine wichtige frage,) welche heutzutage nur gar zu oft mit der ersten verworren wird J. Möser
w. 5, 53; der faden seines schicksals hatte sich so sonderbar verworren Göthe 22, 68
W.; und erzähl mir auf dem wege, was dir so den sinn verworren Brentano
ges. schr. 3, 347.
rundung des stammvokals ist in älterer zeit nicht selten: verwürret Heinrich v.
d. Türlin
krone 26923
könnte auch conj. prät. von verwerren
sein; verwúrrent Tauler
pred. 67
V.; frühnhd. belege s. u. 1; 2; 3; 4 b; 4 c
α; 5; 11 b; 12 b
δ;
ferner verwurrens Murner
deutsche schr. I 2, 121; verwürten Frey
gartenges. 99
B.; verwürrt Zesen
verm. Helikon (1656) 2, 11; Bellin
hd. rechtschrbg. (1657) 88.
im 18.
jh. nicht mehr belegt. bedeutung und gebrauch. die verwendung ist trans., reflexiv und als adjectiviertes part. prät. nur ganz vereinzelt begegnet ein intransitivum: wer vor dem herren wandelt recht, der wirt im weg nit irre; er richt sein gang einfaltig schlecht, dasz sein fusz nit verwirre B. Waldis
psalter (1553) 62
a. 11)
verstricken, verschlingen, verwickeln: so lauffet sye (
die spinne) zu dem mittel, dadurch sye das web schüttlet und das yhenig, was darein geflogen, dester meer verwürre Eppendorff
Plinius (1543) 194; dasz kein gesträuchgen den wandelnden fusztritt verwirre S. Geszner
schr. 1, 133.
gewöhnlich verwirren in
mit dativ oder accusativ: (
er) verwirrte seine füsze in die zügel Auerbach
schr. 13, 34.
bildlich: legt ein rachfeuer an, laszt die funken in dem ganzen reich herumfliegen, verwirret die blutsfreunde in dem lasternetz
schausp. engl. comöd. 150
Creiz.; denn ehe wir noch weise werden, sind unsre füsze hier auf erden in tausend netzen schon verwirrt Gökingk
ged. (1780) 2, 139.
häufig reflexiv: eitel dornen, darynne sich der bock verwirret Luther 24, 401
W.; honigimmen, welche die schaaf meiden, ausz forcht, sie möchten in der wollen sich verwirren Fischart
binenkorb (1588) 262
b; Reinike verwirrte sich in die ihm gelegten stricke Hagedorn
poet. w. (1769) 2, 55; er selbst stürzt und verwirrt sich in den zügeln Schiller 15, 1, 80
G. (
Phädra 5, 6); als habe sich eine solche (
eine fledermaus) in Heerdegens dichte locken verwirrt Fouqué
zauberring 3, 81; endlich erreichte er die ersten hütten des ortes und verwirrte und fing sich mehr als einmal in netzen, die zum trocknen ausgespannt waren Raabe
hungerpastor (1864) 3, 84.
bildlich: einer verwirret sich in das krausze gold zweyer blunder haarlocken, ... ein andrer vergaffet sich an einem paar rabschwarzer augen S. v. Birken
ostländ. lorbeerhäyn (1657) 32; du der du dich im garn der eitelkeit verwirrest Morhof
unterricht 2, 233; der kunstrichter verwirret sich selbst in seinem eigenen gewebe Herder 1, 342
S. seltener ist verbindung mit an: hatte sich ein groszer falk am höchsten zacken oder ast eines ungeheuren baumes mit dem kettlein, das ihm um der fänge einen geschlagen, verwirret Arnold
wahrhaftige berichte (1672) 342; der sich mit seinem haar, damit er heftig pranget, an einem ast verwirrt und an eim baume hanget Treuer
Dädalus 1, 22.
übertragene verwendung ist häufig: Cthesipho ist gar in der liebe verwirrt Boltz
Terenz (1539) 99
b; ein jedes thier kan sattsamlich sein hertzbegehren stillen, der mensch allein verwirret sich in wanckelbaren grillen
Königsberger dichterkreis 122
ndr.; (
er) verwirrte sich in seinen worten, wie seine hände in den schlingen des gurtes, den er durchaus nicht los kriegte Alexis
hosen d. herrn v. Bredow 1, 82. 22)
nicht zusammengehöriges zusammenbringen. 2@aa)
vermischen, vermengen: das ander concili zu Epheso ... hat gottslästerlich die naturen Christi vermengt und verwirrt Fischart
binenkorb (1588) 40
a; das verwirren dessen, was auseinander gehalten werden musz W. v. Humboldt
briefe an Welcker viii.
in älterer zeit durcheinander verwirren: doch verwurrend sy. (
die nachtigallen) die stimmen nit durch einanderen, sunder es redt vil mer ye eine umb die ander Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 2, 180; wenn er sich erinnert, wie in jenem leben alles durcheinander verwirret gewesen Meyfart
himml. Jerusalem (1630) 2, 229. ineinander verwirren: so sie nun beide stät, der geistlich und weltlich das schwert von gott haben, zimpt dir nicht, zwei schwert in einander zu verwürren Murner
an den adel deutscher nation 22
ndr.; mit etwas verwirren: ich glaube, es ist ein tod der heiligsten sachen, dasz wir sie mit gemeinen verwirren Herder 12, 372
S.; einige seideflöckchen, mit goldfädchen, flittern und anderen agréments mehr oder weniger fantastisch verwirrt Brentano
ges. schr. 5, 9.
seltener in etwas verwirren: der mich von meiner pein curiret, sein lieb in meine lieb verwirret
schauspiele engl. comöd. 276
Creiz. 2@bb)
verwechseln: mit dieser wesentlichen seligkeit gottes ist dasjenige wohlgefallen nicht zu verwirren, welches gott an seinen geschöpfen ... hat Crusius
entwurf d. notw. vernunftwahrheiten (1745) 503; dasz man dies bisher so wenig als möglich unterschieden, dasz man diese zeitalter beständig verwirret, werden die plane zeigen, die man so oft macht Herder 1, 152
S.; es geschiehet so leicht, dasz man einen Heinrich den IV. in Deutschland, den leichtsinnigen, schlecht erzognen kaiser für einen Heinrich den IV. in Frankreich, oder unter den regenten einen tollen mit einem klugen gleiches namens verwirret 16, 31
S. 2@cc) sich mit jemandem
oder mit etwas verwirren,
sich damit einlassen, damit abgeben; in neuester zeit nicht mehr üblich: verwirret sich mit frembden weybern Mathesius
ausgew. w. 2, 224
L.; wer nicht viel hat zu schaffen, der verwirre sich mit gottlosen pfaffen Petri
d. Teutschen weisheit (1604) H h h 7
b.
sich mit einem in streit einlassen: ja, man verwirre sich nur mit den studenten, ich wolte lieber mit dem hencker zu thun haben als solchen leuten was in den weg legen Chr. Reuter
ehrl. frau Schlampampe krankheit und tod 93
ndr. auf sächliches bezogen: meinen mund lasz nimmer irren, noch mit lügen sich verwirren Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustwald (1657) 34; aber ich verwirre mich nicht gerne mit dergleichen ungewissen händeln Chr. Weise
drey klügsten leute (1675) 18; ich habe mit der sache nichts zu thun, ich mag mich damit nicht einlassen, verwirren Gottsched
beobachtungen 3.
sich mit etwas beschäftigen: zumal da die titul lateinisch waren und er sich mit dieser sprache nicht viel verwirret hatte Kuhnau
musical. quacksalber 85
lit.-dkm. 33)
gegenstände wirr machen, ineinander verschlingen, verwickeln, in unordnung bringen. 3@aa)
in der regel von einer mehrzahl von dingen oder von gröszen, die aus einer anzahl von einzeldingen zusammengesetzt sind. 3@a@aα)
meist von schmalen, dünnen, biegsamen körpern, die sich schlingen und flechten lassen: von haaren Frisius 1168
a; 1228
a; 1338
b; Kramer 2 (1702) 1363
c; 1364
a;
von garn, zwirn 1363
c; Schwan
nouv. dict. 2, 945
a; wann aber die haar wegen ihrer zarten wesenheit verwürret und verwicklet werden Abr. a
s. Clara
etwas f. alle 1, 648; das mädchen verwirrte ihm mit der kleinen hand die schwarzen locken Laube
ges. schr. 8, 328; man musz das garn nicht verwirren Lehman
floril. polit. (1662) 2, 737; wer das gewebe verwirrt hat, entwirr es Düringsfeld
sprichw. 1, 224
a; gar bald verwirrte ich die leichten drähte Göthe 21, 23
W. bildlich: die phantasie, wenn sie in die fäden des wirklichen lebens greift, weisz sie nur zu verwirren Gervinus
gesch. d. d. dichtg. (1853) 5, 30. in einander verwirren: hett ich ihme das hübsche haar ... in einander verwirret G. v. Berlichingen
lebensbeschreibung 10
B.; und die jungen ... wurtzeln sich in eynander verwürren Sebiz
feldbau (1579) 226.
reflexiv: das garn
etc. verwirret sich leichtlich Kramer 2 (1702) 1363
c; ein jeder gang (
am webstuhl wird) besonders abgetheilt, damit sich nichts verwirren kann Göthe 25, 1, 119
W.; wie diese geschickesfäden sich spinnen, kreuzen, verwirren und weiterziehen Varnhagen v. Ense
tagebücher 2, 6.
am häufigsten als part. prät.: ein verwirrten bart Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 2, 104; lange, verwirrte zöpfe Gottsched
beobachtungen 117; ein blonder mädchenkopf mit zierlich verwirrten locken Tieck
schr. 5, 46; die verwirrten haare fürst Pückler
briefw. u. tageb. 1, 91; magst aber wol deinen verwirrten strang abhaspeln Paracelsus
opera (1616) 1, 946
Huser; gleich einem verwirrten garn Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 3, 1, 438; wie ein verwirrter zwirnsknauel Heinse
sämtl. w. 10, 232
Schüdd.; die taue sind verwirrt, die segel wund und nasz Ramler
fabellese 1, 208; da lag nun
oben im pallen schöne klare seiden und unten am boden verwirrete, grobe, unflätige J. Wild
neue reisbeschr. (1613) 143; den mädchen gab sie verwirrten, garstigen flachs zu spinnen
kinder- u. hausmärchen 1, 356; in gar dicke und verwirrte hecken
Amadis 282
K.; eine sehr verwirrte hecke Oken
allgem. naturgesch. 3, 2, 910.
adverbial: haar, das sich in braunen zöpfen verwirrt um gelbe nacken schwingt A. G. Kästner
verm. schr. 1, 122. 3@a@bβ)
seltener von sonstigem: ein rad ohne zähne in einem uhrwerk, welches nirgends eingreifen kann, und wo es anstöszt, den ganzen mechanismus verwirret Zimmermann
einsamkeit 2, 10; kleider, unkenntliche fahnen, äser geschlachteter rosse liegen unter den füszen der streiter zerstampft und verwirret Lenz
ged. 26
W.; ich sehe einen verwirrten hauffen steine Schiller 1, 93
G.; ein gemenge wilder, riesenhafter blöcke, platten und trümmer, die sich drängen und verwirrt in einander geschoben sind Stifter
sämtl. w. 5, 1, 203. 3@bb)
das part. prät. auch von einzelnen gewundenen, geschlungenen gegenständen: verwirt darm
für intestinum ileum ..., der krümmungen und schlängelungen wegen, welche die Arabisten bewogen haben, das ileum mit dem namen volvulus ... zu belegen (1543) Hyrtl
kunstworte d. anatomie 155; disen verwürten laborinth S. Franck
chronica zeytbuch (1531) 499
a; irrgarten bedeutete in dem alterthum ein weitläufiges, mit vielen verwirrten gängen angelegtes werck
haushaltungslexikon (1749) 2, 31
b. 44)
entsprechend von personen und personalen collectivbegriffen. 4@aa)
in unruhe versetzen, ruhe und ordnung stören: erstlich viel frommer hertzen, so durch der schwermer unnütze wort verwirret und unrügig worden waren, sind zu friden gestellet Luther 26, 261
W.; ich sag euch, gebt nur mehr, und immer, immer mehr, so könnt ihr euch vom ziele nie verirren, sucht nur die menschen zu verwirren, sie zu befriedigen ist schwer Göthe 14, 12
W. besonders von collectiven begriffen: und da Ahab Elia sahe, sprach Ahab zu im: bistu der Israel verwirret
1. kön. 18, 17; umbsonst ist Salomon nit jehen: der geitz sein eygen hausz verwirrt H. Sachs 3, 31
K.; ähnlich Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 2, n 8
a; da kömmt der störenfried und will mein haus verwirren Musäus
volksmärchen 1, 130
Hempel; ein gschwetzig maul verwirrt das ganz land Seb. Franck
sprüchwörter (1545) 1, 87
b; C. Schulze
bibl. sprichw. 119; die herrschsucht Ludewigs verwirrt den occident und hetzt die halbe welt zusammen Gottsched
gedichte (1751) 18; ach, wie verwirrt solch ein verlust die welt! Göthe 16, 165
W. (
epilog z. glocke); haben wir noch nicht hinreichend uns zu schämen, den staat verwirrt und zerrüttet zu haben Mommsen
röm. gesch. 2, 98. verwirrt,
ungeordnet: das drängen nur verwirrter kriegerhaufen nimmt sich wahr, die im gefild des tods einander suchen H. v. Kleist 2, 65
Schm. (
Penthes. 7). 4@bb)
nahesteht die besonders in älterer zeit häufige bedeutung verfeinden, entzweien: daz sy L. den metziger und ... sine erbere, biderbe frowe gegen einander verwurret ... het (
Straszburg 1409)
chron. d. d. städte 9, 1028; mancher der hat grosz freüd dar an, das er verwirret yederman und machen künn disz hor uff das (
feindschaft stiften), dar usz unfrüntschaft spring und hasz Brant
narrenschiff 10
Z.; der gottlose verwirret gute freunde und hetzet wider einander, die guten frieden haben
Syrach 28, 11; der gut freund, weib und man, meyster und junger begert zu verwirren Seb. Franck
sprüchwörter (1541) 2, 131
b; wo er sie (
die brüder) nicht durch komliche mittel von einander trennen und verwirren möchte Stumpf
Schweizerchron. (1606) 211
b.
in neuerer zeit nur mit abstractem subject: ja selbst Tuiskons eigne söhne verwirrt ein steter wörterzwist Drollinger
gedichte 96; von jenem unseligen glaubenshader, der in unserer zeit die menschen verwirrt und von einander abwendet J. Grimm
kl. schr. 7, 563. verwirrt,
uneinig: wie elend die christenheit verwirret, zurstrewet und zurissen ist Luther 26, 197
W.; eyn yetlichs rych, sos uneins wirt, zertrennt, partyisch und verwirt, nit ufrecht blybts und wirt zerstört
schweiz. schauspiele d. 16. jh. 3, 59
B. 4@cc)
einen in einen zustand versetzen, dasz er nicht mehr imstande ist, klar zu denken, richtig zu urteilen, zweckmäszig zu handeln. 4@c@aα)
der sinn liegt mehr in der richtung, dasz der betreffende zu unrichtigem denken, urteilen oder handeln veranlaszt wird; die bedeutung '
vom rechten weg ableiten, verleiten, verführen'
liegt nahe: predigten sie Mosen auch darneben und machten grosz uneinigkeit in die ersten christenheit, brachten die beschneidung auff den ban, verwirten damit jederman Fischart
die gelehrten v. 691
Kurz; solt denn der pabst wol können irrn und ander leut mit im verwirrn Dedekind
papista conversus (1596) e 1
b; der teufel hat mich und d cron gehüehrt, mein räth haben mich so verwürt
lieder auf den winterkönig 181
Wolkan; strafe, die dein volk verwirrten, bald mit laster, bald mit wahn Schubart
sämtl. ged. (1825) 1, 36; o der seltsamen anforderungen der bürgerlichen gesellschaft, die uns erst verwirrt und miszleitet Göthe 23, 137
W.; der teufel ... stimmte ihn zu fernerm herumstreifen, um ihn durch neue scenen noch mehr zu verwirren Klinger
w. 3, 213. 4@c@bβ)
zuweilen ausgesprochen in dem sinn irre gehen lassen, in die irre führen, machen, dasz einer sich verirrt: ich die sonn zu weit vermeidet, wurd im nechsten wald verwirrt Spee
trutznachtigall 235
ndr.; der weg, den dein gebot mich zwang, südwest quer durch den wald hin einzuschlagen, hat in der richtung mich verwirrt H. v. Kleist 2, 417
Schm. (
Hermannsschl. 5, 2).
bildlich: bis, wann er itzt entfernt von irdischen begriffen im weiten ocean der gottheit wagt zu schiffen, vernunft, der leitstern fehlt und er aus blindheit irrt, ein falsches licht ihn führt und seinen lauf verwirrt, er selbst im trüben tag, den falsches licht erheitert, sich nach den klippen lenkt und endlich plötzlich scheitert Haller
gedichte 55
Hirzel; die irrgänge alle zu durchwandern, in welche Newton seine nachfolger zu verwirren beliebt hat Göthe II 4, 303
W. am häufigsten reflexiv: kinder, nút verwúrrent úch noch verferrent úch Tauler
predigten 67
V.; dasz sie (
die jagdhunde) nicht vom rechten weg abkehren und desselbigen verfälen und sich also verwirren Sebiz
feldbau (1579) 585; je länger und weiter er aber ritte, je mehr er sich in dem gehöltz verwirrete Happel
akadem. roman 535; neulich verwirrten wir uns in dem walde Göthe IV 1, 7
W.; um nicht in den labyrinthen der eishügel und eisspalten sich zu verwirren Ritter
erdkde 1, 1033.
bildlich und übertragen: die nachricht, wie ich hier in wahnwitz mich verwirret, wie fern ich von dem pfad der tugend ausgeirret A. Gryphius
trauerspiele 272
P.; dasz ich im labyrinth der lügen mich verwirre
theater der Deutschen (1768) 2, 160; hier hat sie (
die vernunft) sich einen faden angeknüpft, dasz sie ..., ohne sich zu verwirren, nach hause kommen kann Hippel
kreuz- u. querzüge 1, 321.
gelegentlich auch von wegen, die in die irre führen: wenn meine pfade sich verwirren, nie wird, wohin ein fehl mich reiszt, sich meine seele ganz verirren Tiedge
w. (1823) 6, 200. 4@c@gγ)
der sinn liegt mehr in der richtung, dasz der betreffende nicht mehr weisz, was er denken oder tun soll. dabei handelt es sich nicht so häufig um eine trübung des reinen erkenntnisvermögens: diese reden verwirren mich vielmehr, antwortete Banise, als dasz sie mir einigen unterricht geben solten Ziegler
asiat. Banise 456; dich verwirret, geliebte, die tausendfältige mischung dieses blumengewühls über dem garten umher Göthe 3, 85
W. diese lectüren werden dich nur verwirren J. v. Müller
s. w. 4, 222;
reflexiv: mich dünkt daher, uns layen ist durch paraphrasen (
der bibel) nichts geholfen. je mehr wir ihrer lesen, desto mehr verwirren wir uns Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 3, 296
lit.-denkm. verwirrt
als adverbium: warum ... seh ich diese sache so verwirrt und verschränkt an? Göthe 24, 137
W. 4@c@dδ)
gewöhnlich im sinn von hilflos, ratlos, verlegen machen, dasz man nicht weisz, was man machen und wie man sich entscheiden soll. in älterer zeit gern mit angabe des bereichs, in dem jemand verwirrt wird: ut christiani non verwirret werden in conscientia Luther 29, 289
W.; dazu verwirrtes gewissen,
s. u. 5; reisz aus, was uns im wege steht und freventlich verwirret die schwachen in dem glauben P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 347.
dann auch ohne einschränkende bestimmungen: sie werden in Miltons wercke von zu vielen schönheiten einer hohen art, die ihnen fremd und unbekannt sind, gleichsam überfallen und verwirret Bodmer
v. d. wunderbaren, vorrede 4; theilt man sie (
die stücke) auf einmal aus, so verwirrt man vielleicht nur die schauspieler Göthe IV 21, 71
W.; als hätten die beiden furchtbaren schläge, welche Waldemar geführt, alle feindlichen mächte, welchen Dänemark sonst gegenübergestanden, vollständig betäubt und verwirrt Nitzsch
dtsche studien 273; geliebte seele, dich verwirrt die furcht Schiller 14, 88
G. (
braut v. Messina v. 1877); der schmerz hat ihn verwirrt Zach. Werner
söhne des thales (1804) 2, 245; von dem ersten augenblick an, wo der anblick ihrer reize mich verwirrte fürst Pückler
briefwechsel u. tageb. 1, 420.
von verwirrung, die durch das verhalten eines andern im persönlichen verkehr verursacht wird: ihre höflichkeit würde mich verwirren, wenn ich nicht wüszte, in welcher achtung mein bruder bey ihr zu stehen das glück habe Lessing 2, 41
M. (
misogyn 3, 5); verwirre mich hier durch kein zweideutiges lächeln Schiller 4, 43
G.; er wollte sie hier durch einen schmeichelnden blick verwirren Jean Paul 7/10, 51
Hempel; die späsze der prinzessin verwirrten mich vollends Mörike
w. 3, 32
Göschen; ihr klarer blick, die unbestechliche sicherheit ihres urteils verwirrten und beschämten ihn v. Polenz
Grabenhäger 1, 23.
sehr gewöhnlich das part. prät. in adjectivischem und adverbialem gebrauch: ich wart meines herrn mit verlangen, wolt gern von im bericht empfangen, dann ich bin verwirt und verstrickt, warumb ihm hat ein botten gschickt die keiserin, das verrucht weib Ayrer
dramen 486
K.; ich seh dein heer verwirrt und matt, geschwächt, verzagt die flucht ergreifen Gottsched
gedichte (1751) 20; die römische besatzung floh verwirrt über die brücke Niebuhr
röm. gesch. 1, 348; brennendroth und verwirrt, eilt sie weg S. v. Laroche
fräul. v. Sternheim (1771) 1, 211; verwirrt, beschämt werde ich vor ihr stehen Lessing 2, 272
M. (
Sara 1, 5); sind sie denn nicht die tochter des pachters? fragte ich halb verwirrt Göthe 23, 76
W.; sie ward roth und wünschte ihm ganz verwirrt einen guten morgen Miller
Siegwart 2, 317; ihre ankunft hat mich so überrascht, dasz ich ganz verwirrt spreche Brentano
Godwi 1, 37; trunken an allen sinnen, ratlos, verwirrt steht er allein Mörike
w. 3, 81
Göschen; während Cécile verwirrt vom fenster zurücktrat Fontane
ges. w. I 4, 281.
substantiviert: Kordelchen, die, ... schlau ihre augen niederschlagend, die verwirrte spielte Eichendorff
s. w. 2, 426. 4@c@eε)
häufig ist in diesem sinn das reflexivum: er überlase hierauf die zeilen nochmals und verwirrte sich je länger je mehr darüber A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 8; hier verwirrt sich Livius (
er gerät in widersprüche, unklarheiten) Niebuhr
röm. gesch. 2, 477.
in verlegenheit geraten: die jäger schauen sich um und verwirren sich (
bei einem falschen jagdruf) Petrasch
lustspiele (1765) 2, 564.
im verkehr mit einem andern unsicher werden: ich verwirre mich und verrathe, dasz ich den schlüssel besitze Göthe 25, 292
W.; sichtbar wars, wie er bei deinem anblick sich verwirrte, wie er umsonst die augen niederschlug, die zärtlich schmachtend an den deinen hingen Schiller 15, 1, 34
G. (
Phädra 2, 1). 4@c@zζ) einen verwirren,
ihm dauernd die geistige klarheit nehmen: verwirren, verstören, irr machen Hulsius (1618) 2, 423; dasz dich der grosze Zeus verwirre Lichtwer
äsop. fabeln 123; und er, verstoszen (um es kurz zu machen), fiel in ne traurigkeit, dann in ein fasten, drauf in ein wachen, dann in eine schwäche, dann in zerstreuung und durch solche stufen in die verrücktheit, die ihn jetzt verwirrt und sämtlich uns betrübt
Shakespeare 3, 202 (
Hamlet 2, 2).
vgl. einem den kopf verwirren
u. 5.
gewöhnlich ist das part. verwirrt,
verdreht, verrückt, geistesgestört, geistig beschränkt: ganz verwirrt, zerwirrt, zwirrt im kopf seyn Kramer 2 (1702) 1364
a; verwirrt im haupt Dentzler (1716) 316
b;
mundartl. verwirrt,
verdreht, irre, verrückt Müller-Fraureuth 2, 619; verwert in kopp Mensing 5, 446; wer spricht aber, es sey kein got, dann der also verwirt und verwendt ist in seiner eigne fantasey des fleyschlichen verwenten glaubens Eberlin v. Günzburg 3, 115
ndr.; wie verwirret und zweifelhaftig sie in ihrem gemüth war Grimmelshausen 4, 643
Keller; braucht man denn da leute dazu, die im kopf verwirret sind? A. Volck
entdecktes geheimnis (1750) 1, 141; die frau ... fürchtet, ihr mann sey im kopf verwirrt
kinder- u. hausmärchen 1,
anhang 26; nu sag amal, bin ich nu verwirrt oder bist du verwirrt? G. Hauptmann
weber (1892) 98; E. und Annemarie redeten der verwirrten freundin bestens zu Holtei
erz. schr. 16, 248.
substantiviert: dies letztere wort sprach der verwirrte plötzlich fast weinerlich Gutzkow
zauberer von Rom 6, 27. 55)
in gleichem sinn wie von personen auch von menschlichen organen, eigenschaften, geistigen und seelischen kräften: nekisch gezirt mein gsicht verwirt ob iren wunderschönen blick Forster
frische teutsche liedlein 123
ndr.; mordstricke, die gewissen zu verwyrren mit lautter ... gauckelwerck Luther 18, 102
W.; die bibel nennt, was L. hier gethan hat: die gewissen verwirren Gutzkow
ges. w. 10, 145; verwirrtes gewissen,
auch perplexes
genannt, ist derjenige gewissenszustand, in welchem der mensch sich gleichsam zwischen zwei ... pflichten dergestalt in die mitte gestellt sieht, dasz er die eine pflicht zu verletzen glaubt, wenn er die andere erfüllt Wetzer-Welte
kirchenlexikon 12, 1231; kumpt eim quecksilber in ein or, so verwürrt es die vernunft Herr
schachtafelen der gesundheit (1533) o 2
a; andere mania ist ein toben und unsinnigkeit, derhalb ein sucht und kranckheit des gemüts, welche den verstand nicht anderst entrüstet und verwirret, als wo krankheiten im leib steckend, da kein gesundheit seyn kan Wirsung
artzneybuch (1588) 138
c; die ungeheure vorstellung, dasz der papst zu Rom sündige menschen heilig sprechen ... kann, verwirret den gesunden menschenverstand Nicolai
reise d. Deutschl. u. d. Schweiz 5, 37; ach, wa vermag doch dis das gold, dem man doch ist so gfär und hold, on das es gar verwirt die hertzen, das drüber sie ir ehr verschertzen? Fischart 1, 372
H.; damals ... hatten die kleinen tanzenden füsze mein ganzes knabenherz verwirrt Storm
w. (1899) 1, 66; der schrecken thut mein sinn verwirrn Gilhusius
grammatica (1597) 25; so blendet mich ein neues glück, das mir den sinn verwirrt Göthe 11, 316
W. (
Erw. u. Elm. v. 629); (
sie) nahmen sich in ihrem verwirrten sinne für, in der gantzen welt den geistlichen stand auszurotten Letzner
dasselische chronica (1596) 1, 71
a; hasz, zweifel, furcht in ihm so hin und wieder irren, dasz sie ihm seinen kopf durch fantasey verwirren D. v.
d. Werder
ras. Roland (1636) 1, 68, 2; Jesus, sie haben es fertig gebracht! sie haben dem kinde den kopf verwirrt Raabe
hungerpastor (1864) 1, 99; (
dem Gotenkönig Theodahad) hatten römische rhetoren das schwache haupt verwirrt G. Freytag
ges. w. 17, 123; denn er ist nicht so unbered odder so verwyrrets kopfs als
d. Carlstads Luther 18, 146
W.; aber bey manchen verwirrten kopf haftet solche ermahnung wenig Abr. a
s. Clara
Judas 1, 42; mein herz ist unruhig, mein kopf verwirrt, wie kann man da was gescheidtes denken und arbeiten? Mozart
bei O. Jahn
Mozart 3, 156; wir hassen alle schauderhaften bilder, die das gemüth trostlos verwirren A. v. Arnim 8, 57; hertzog Herrmann liesz ... nicht das geringste merckmahl eines entweder verwirrten oder freudigen gemüths blicken Lohenstein
Arminius 1, 27
b; ein gutes herz, verwirrte phantasie; das heiszt auf deutsch: ein narr war la Mettrie Kästner
verm. schr. 1, 179; wie wunderbar ist meine brust verwirrt, in diesem augenblick, da ich auf knieen, um dich zu segnen, vor dir niedersinke Kleist 4, 40
Schm. reflexiv: lieber, lass dich das nitt irren, das sich din sinn thund verwirren!
schweizer. schausp. d. 16. jh. 2, 136
B. hätte meiner seelen sitz, mein hertz sich verwirret P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 409; in den letzten tagen, als er bemerkte, dasz der geist sich verwirre, trübe, schwach werde Göthe 41, 1, 16
W.; es giebt gelegenheiten gnug, wo sich der menschenwitz verwirrte Lenz
gedichte 250
W.; die entfernungen, welche die astronomen im weltall berechnet haben, sind so maszlos, dasz unser verstand bei deren betrachtung ... sich zu verwirren beginnt Büchner
kraft u. stoff 22. 66) eine handlung, einen vorgang verwirren,
stören, in unordnung bringen, den regelrechten, planmäszigen verlauf hindern: das hochzeit zu verwirren Boltz
Terenz (1539) 6
b; wir verwirren das gantze spiel Gryphius
Peter Squenz 12
ndr.; das beginnende werk zu verwirren Lotze
mikrokosmus 1, vi.
umfassender das leben verwirren: (
wir) hüten unsere schüler vor allen misztritten, wodurch ... manchmal das ganze leben verwirrt und zerpflückt wird Göthe 25, 10
W.; miszgriffe und gewaltthaten ..., welche in den nächsten jahrzehnten nach 1815 unser so junges politisches leben noch mehr verwirrten und vergifteten Nitzsch
dtsche studien 307. pläne, absichten verwirren: also hastu mir alle meine anschleg verwirrt Boltz
Terenz (1539) 53
a; seine weisheit verwirrte öfter ihre boshaften anschläge Steinbryckel
Philoctet (1760) 30; dasz er dem weisen das concept verwirre Justi
Winckelmann 1, 161; wenn wir seine feldzugspläne dadurch verwirrten Hindenburg
aus m. leben 182. verwirrt,
ungeordnet, unübersichtlich, unklar, unzusammenhängend: aber die nachtigal darnebn führ so ein seltzam verwirts lebn Fischart 1, 435
H.; was aber stünde uns hier für ein trauriges, verwirrtes, widerwärtiges leben bevor fürst Pückler
briefwechsel u. tageb. 3, 56; zu weiteren arbeiten hier zu kommen gelingt mir nicht. die existenz ist allzu verwirrt Mommsen
briefw. mit Wilamowitz 482; eine comedy oder freudenspiel stellet einen verwirrten aufzug vor, aber mit einem lustigen beschlusz Comenius
janua (1644) 308; den langwierigen verwirreten krieg Schottel
friedens sieg 4
ndr.; die schlacht drohte sich in eine anzahl verwirrter detailgefechte aufzulösen Mommsen
röm. gesch. 2, 148; einen dergleichen verwirreten traum Prätorius
anthropodemus plutonicus 3, 25; einen verwirrten process Thomasius
kl. dtsche schr. 86; die verwirrten begebenheiten der welt Charl. v. Schiller in:
Göthejahrb. 4, 253; und jener lärm und das verwirrte treiben Gries
Bojardos verliebter Roland 4, 216.
adverbial: daher komme es, dasz es so gar verkehrt, verwirret und unrechtfertig dahergehe
Reinicke fuchs (1650) 111; weil Ludovicus ein kind war und unter anderer vormundschaft stunde, so gienge alles verwirrt durch einander Hahn
staats-, reichs- u. kayserhist. 1, 303; wenns hennchen vor dem hähnchen kräht, gehts oftmals ganz verwirrt zu Düringsfeld
sprichwörter 1, 371
a; ein subtil uhrwerck gehet gemeinlich verwirrt und unrecht Lehman
floril. polit. (1662) 1, 41; verwirrt durcheinander stürzt der zierliche bau dieser beweglichen welt Schiller 11, 40
G. 77)
von sinnlich wahrnehmbarem. 7@aa)
einen anblick unklar, undeutlich machen: da sah der abend durch die bäume herein, der alle die schönen bilder verwirrt Eichendorff
sämtl. w. 1, 540; eine schneedecke verwirrt den prospect, welcher dem in betrachtungen versunkenen greise vor augen liegt Gutzkow
mosaik (1842) 248.
reflexiv: geordnet und freundlich kamen sie (
die bilder) anfangs vorüber, dann aber verwirrten sie sich Hauff
w. 1, 35. 7@bb) verwirrt
vom äuszeren eines menschen als ausdruck seines inneren zustands: (
er) ersahe aus des printzen verwirreten gesichte, dasz ihm die gegenwart seines frauenzimmers nicht allzu angenehm mochte gewesen seyn Ziegler
asiat. Banise 41; ich les in deinen augen, deinen wild verwirrten zügen deine qual und angst Schiller 13, 443
G. (
Turandot 4, 6).
adverbial: mein auge rollt verwirrt und sieht ihn schüchtern an
dtsche schaubühne 4, 17
Gottsched; wo ein bürger pflügt, wie ein unsinniger auf seine pferde losschlägt und flucht und ganz verwirrt aussieht J.
M. Miller
predigten fürs landvolk 1, 2. 7@cc)
von akustischem: wer hat, unglücklicher, die töne mir ganz und gar verwirret? Herder 27, 106
S. sehr gewöhnlich das part. verwirrt,
durcheinander, unklar, unverständlich, aus verschiedenen klängen vermischt, so dasz man sie schwer auseinanderhalten kann: die stimme der vögel ist nur ein verwürreter, ungegliederter und unverständlicher klang und hall Zesen
rosenmând (1651) 6; bis unverhofft ein lärmendes gewäsche, ein wild verwirrt gequack der frösche, mein stilles denken unterbrach Brockes
ird. vergnügen in gott 4, 112; als ... sie ein verwirrtes geläut von menschlichen stimmen hörten Bode
Thomas Jones 4, 451; als sie seitwärts bei den cordonpicketen verwirrtes lärmen und schieszen hörten Brentano
ges. schr. 4, 266; beifall und verwirrtes geschrei G. Büchner
nachgel. schr. 66. 88)
sehr häufig die sprache verwirren,
meist in bezug auf den turmbau zu Babel: wolauf, lasst uns ernider faren und ire sprache da selbs verwirren, das keiner des andern sprache verneme
1. Mos. 11, 7; das volk mit Nemrot got nicht traut, fing an ain hohen thurn und baut, deshalb der herr verwirrt ir sprach, zerstrait sie in all land darnach Fischart
bibl. hist. 288
Kurz; der babylonische thurm aus backsteinen, der bis an die wolken reichen sollte, hat die sprache der arbeiter verwirret Herder 22, 11
S.; denn gerade bey der preszfreiheit und preszsicherheit mag man nicht mehr schreiben; man musz immer fürchten, das babylonische idiom noch mehr zu verwirren Göthe IV 28, 187
W. seltener von dieser beziehung gelöst: ein entsetzliches schicksal hat die sprache unsrer herzen verwirrt Schiller 3, 501
G. (
kabale u. liebe 5, 7).
eine sprache unklar machen, entstellen: wan nassweise kerls ... dasjenige in eine sprach einführen wollen, welches diselbe nicht nur nicht zieret, sondern verzerret, verirret, verwirret Moscherosch
gesichte Philanders (1650) 1, 597. 99)
eine äuszerung in wort oder schrift unklar, schwer verständlich, ungeordnet machen; nur selten als verbum finitum: um aber nicht meine eigene darstellung durch häufige polemik gegen Kant zu ... verwirren Schopenhauer 1, 13
G.; wenn zerstreutheit, vorausnehmen eines erwarteten in gedancken usw. eine rede verwirrt O. Ludwig 5, 129
Schm.-St. gewöhnlich als part. prät.: seine verwirrete wort B. v.
d. Sohle
don Kichote 15; Blanca kann aus seinem verwirrten geschwätze zwar nicht recht klug werden Lessing 10, 49
M.; der graf ... antwortete in einer verwirrten rede, dasz er nicht im stande sei, ihre namen anzugeben H. v. Kleist
w. 3, 253
E. Schm.; die frau stammelte vor den mönchen einen verwirrten bericht von der himmlischen stimme, die sie gehört G. Freytag
ges. w. 11 (1887) 54.
weiterhin auch: das kurtze und doch unordentliche und verwirte handbüchlein Justini Menius
chron. Carionis (1562)
vorrede E 1
b; die nachrichten über sie (
die chinesische mauer) bei den schriftstellern sind sehr verwirrt Ritter
erdkde (1822) 2, 102.
von der sprachlichen form: dasz er zuweilen seine wortfügungen dermaszen verwirre, dasz sich die beziehung der begriffe auf einander verliere Lessing 8, 48
L.-M. den gegenstand der darstellung in unrichtiger, entstellender weise wiedergeben: die natur ..., welche von ihm (
dem dichter) nachgeahmt, nicht verwirret werden musz Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 334; von der partheyen gunst und hasz verwirrt schwankt sein charakterbild in der geschichte Schiller 12, 8
G.; übertreibungen jeder art verwirren ... und entstellen die wahrheit Brehm
tierl. 1, 93
P.-L. im religiösen bereich: kan er (
der teufel) gotts wort und schrifft verkeren und verwirren, was solt er nicht thun mit meinen odder eins andern worten Luther 26, 500
W. 1010)
in fast formelhafter verbindung mit allgemeinen begriffen: verhältnisse, angelegenheiten eine lage, einen zustand, eine ordnung verwirren,
sie durcheinander bringen, verwickeln: damit auch die christliche ordnung gantz und gar verwurt, betriebt und zerstört werd Gebweiler
lob Marie (1523) 28
b; damit er (
der papst) ... alle götliche und weltliche sachen vermischen, verwirren, besudlen ... möcht Sleidanus
reden 202
lit. ver.; der dritt (
pfaffe) mit seinem reformieren thut seines herren sach verwirren
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 105; unterdessen verwirrete ich meine sachen absichtlich durch ein schreiben nach Rom Winckelmann
s. w. (1825) 10, 108; eine unsichtbare hand ... hatte mittel gefunden, meine angelegenheiten dort zu verwirren Schiller 4, 271
G.; eine gewaltsame unversöhnliche blutrache verwirrt schon mehrere jahre hindurch die verhältnisse groszer und vielgegliederter familien Göthe I 42, 1, 26
W.; reflexiv: und wenn sich schon verwirren all sachen gar, weisz ich fur war, got wirds zu letzt wol richten (16.
jh.) Ambr. Blaurer
bei Wackernagel
kirchenl. 470; die verhältnisse verwirren sich immer mehr
jb. d. Grillparzerges. 5, 143.
adjektivisch: solch krum händel die stund kan schlichten, verwürte sachen kann sie richten Wickram
w. 4, 142
lit. ver.; dasz sie (
gottes allmacht) ... über diese lande ... bey so verwirrtem kummerhafften zustande einschreiten ... möge (1619)
acta publica 2, 87
Palm; die verwirrete beschaffenheit der zeit Lohenstein
Arminius (1689) 1, 28
a; manche verwirrte lage Knigge
roman m. lebens (1781) 1, 36; die dinge sind nun so verwirrt, dasz eine entscheidung nicht mehr lange ausbleiben kann Moltke
schr. u. denkw. (1892) 4, 149. 1111)
zu den nominalformen. 11@aa)
der substantivierte infinitiv begegnet zuweilen in älterer zeit; jüngere sprache wählt dafür verwirrung (
s. u.): das sich ein verwirren ym gewissen wil heben uber dem recht Luther 30, 3, 247
W.; vermeinest wo du fil verwirrens, vnwarheiten, schmachbeweisung vsz gegossen habest, als dann hettestu iederman die schellen anknipffet Murner
an den adel dt. nation 9
ndr.; darmit so greifft die ein hinein (
in die milch), die andern auch nicht müssig sein vnd fallen drein mit jren gschirren, bald ward ein jemmerlich verwirren Fischart
w. 2, 335
Hauffen; (
wenn der charakter des satans) in der liebhaberey am vernichten, verwirren und verführen besteht, so findet man ihn unstreitig nicht selten in der schönsten gesellschaft
F. Schlegel in:
Athenäum (1798) 1, 2, 115; es war der anfang eines völligen verwirrens ihres denkens und fühlens Gutzkow
zauberer v.
Rom (1858) 4, 51. 11@bb)
das part. prät. verwirrt
tritt in adjektivischem gebrauch seit dem 16.
jh. deutlicher hervor, doch zeigt sich kein bedeutungsunterschied zu den verbalformen (
belege s. o.).
zur unterscheidung von verwirrt
und verworren
vgl.: '
der unterschied zwischen verworren
und verwirrt,
dasz das erste ... dann gebraucht würde, wenn es mehr zustandwörtliche bedeutung hat.., das letzte aber dann, wenn es überleitend und von einer handlung gebraucht wird, ist noch nicht angenommen, sondern die mehrheit gebraucht beide formen bis jetzt in beiderlei fällen nach gefallen' Campe 5 (1811) 403.
wie die nachfolgenden gebrauchsweisen, in denen die heutige sprache vorwiegend verwirrt
verwendet, zeigen, gilt die feststellung von Campe
nur mit einschränkung. 11@b@aα)
von gerade eingetretenen oder vorübergehenden zuständen und vorgängen: wer getruncken ... hat, der hat einen verwirten irrigen ... verstandt Albertinus
zeitkürtzer (1603) 11
b; gantz krafftlosz sie darnieder suncken, verletzt am leib und verwirrt im sinn, dasz kam vom wein den sie getruncken Voigtländer
oden u. lieder (1642) 37; zum dritten ist es gar verantwortlich, dasz fürsten und herren ... ihr von dem landwichtigen geschefften verwirtes und abgemattetes gemüthe ein wenig erfrischen
Reinicke Fuchs (1650) 230; dencke weder an Isabellen noch Rosalien, noch an alles solches geschmeisz, die einem alles im leibe verwirret machen
ollapatrida 13
Wiener ndr.; so in vrtheilung dieser strittigen sach ... jren verstand gar wanckend, zweiffelhafft, verwirrt ... machten
theatrum amoris (1626) 49; da, sieh einmal, wie verwirrt du ihn gemacht hast Lessing 2, 18
L.-M.; furcht bessert nichts in der sache, macht verwirrt und hülflos, wenn gefahr naht O. v. Bismarck
br. an s. braut u. gattin 70
H. v. Bism. 11@b@bβ)
häufig zur bezeichnung einer affektbedingten reaktion (
nur vereinzelt bei verworren,
s. d. B 2
oben; weiteres sp. 2301): er dorfft sein gesicht nicht auffheben, weil er forcht, dasz, wo er die Oriana ersehe, durch schnelle verenderung seiner farb er disz bestettiget unnd offenbahret ... vnnd als er in diesen verwirreten gedancken war, kame das frewlein Mabila gegen jhm
Amadis 171
lit. ver.; als er wider hinein gehet, folgete jm die königin Helena auff dem fusz nach, so wunder schön, dasz die studenten nit wusten, ob sie bey jhnen selbsten weren oder nit, so verwirrt vnd innbruonstig waren sie
volksb. v. dr. Faust 96
ndr.; die abgesandten wurden etwas verwirrt, fassten sich aber bald wieder Klinger
w. (1809) 3, 70; ich war betroffen, verwirrt Hölderlin
ges. dicht. 2, 94
Litzm.; dann wurde seine miene so spöttisch, dass Maria verwirrt schwieg
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 6, 9. 11@b@gγ)
von augen und blick als ausdruck innerer vorgänge (
vgl. oben 7 b): sein blick, in welchem nur des himmels sorgen wohnen, starrt finster und verwirrt in contemplationen Dusch
verm. w. (1754) 132; die starren augen sahn verwirret nach der wand Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 13; ich schielte verwirrt Göthe I 1, 313
W.; sein blick durchirrt in wilden schweifungen die dunkle zelle, wie unbekannt, voll gluten und verwirrt A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 198; der starre ... blick bezeichnet den verwirrten zustand seiner seele sehr gut
schr. d. Goetheges. 5 (1890) 69; dein staunender und verwirrter blick ergeht sich über viele, viele bergesgipfel, in webendem sonnendufte schwebend Stifter
s. w. 1 (1904) 216; er sah ... ein tiefes, noch verwirrtes staunen tief auf dem blassen grund (
der augen) Ernst Wiechert
d. einfache leben (1939) 185. 11@b@dδ)
von der menschlichen physiognomie als spiegel affektbedingter vorgänge (
weiteres s. 7 b): diese gedanken gaben mir ein ziemlich verwirrtes aussehen, als ich vor die Pythia geführt wurde Wieland
Agathon (1766) 1, 286; mit verwirrter miene zog sie die hand zurück Pfeffel
poet. versuche 3 (1817) 98; es war das lächeln eines engels auf ihrem verwirrten gesicht Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 150; verwirrt lächelnd trat das mädchen herein (
zur ärztlichen untersuchung) Carossa
Dr. Bürger (1930) 45; ein verwirrtes lächeln geht über ihr gesicht Jelusich
d. löwe (1936) 112. 11@b@eε)
bisweilen auch von anzeichen der geistesabwesenheit oder sogar geistesgestörtheit; vgl. oben 4 c
ζ: dasz das bieberklee vortreffliche hülfe geleistet ... in den gichtern eines jünglings, der zugleich wegen verwirrter aussprache vor einen besessenen gehalten wurde Ehrhart
pflanzenhist. (1753) 2, 159; sie sprach nur verwirrt, zu zeiten hatte sie auch helle augenblicke Jung-Stilling
s. schr. (1835) 4, 198; sie ist nicht mehr bei verstande, denn sie spricht verwirrte worte Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 3, 268; wie ein nachtwandler, ... erwachte er aus seiner betäubung, stotterte einige verwirrte worte Gerhart Hauptmann
bahnw. Thiel (1892) 39. 11@cc)
seit der mitte des 18.
jhs. wird das part. präs. häufiger gebraucht: wie kurz, ermüdend und unausstehlich wäre die sprache jedes gröberen sinnes für uns! wie verwirrend und kopfleerend für uns die sprache des zu feinen gesichts Herder 5, 66
S.; solchen schauend fühlt ergriffen von verwirrenden gefühlen sie das innere tiefste leben Göthe I 3, 11
W.; in dem verwirrenden strudel der leidenschaften O. Jahn
Mozart (1856) 4, 421; die fast verwirrende fülle, in der die niederländische malerei ihr füllhorn ... ausschüttet Justi
Winckelmann (1866) 1, 282; Kant hat dieses in seinen antinomien zwar aufgestellt, aber nicht in seinem innersten ergriffen, weshalb es bei ihm nur verwirrend wirken kann Schleiermacher
s. w. (1834) III 4, 2, 158; und das verwirrendste war dies, dasz seine liebe zu Narzisz sich so schlecht mit seiner liebe zum abt Daniel vertragen wollte Hesse
Narzisz u. Goldmund (1948) 12.