kraft,
f. vis, vigor, potestas, facultas. II.
Formen, ursprung, flexion. I@11)
die formen sind I@1@aa)
ahd. chraft,
mhd. kraft;
auch dänisch norw. schwed. kraft
f., deutlich unter deutschem einflusse, denn altn. hiesz es kraptr
m. oder krapti
m.; auch ags. cräft
m., engl. craft (
doch nur noch als fertigkeit, handwerk, list). I@1@bb)
nd. und nl. kracht, kragt
wie lucht, lugt
für luft
u. a.; doch nd. auch noch kraft,
wie alts. craft,
das aber schon als craht
vorkommt (
Hel. 2, 3 Schm.).
übrigens erscheint diesz nd. kracht
früher auch mitteld. einzeln, z. b. pass. H. 39, 19
im pl. krechte.
eine hd. nebenform, im auslaut erleichtert, war kraf,
z. b. Jeroschin 18885,
und so schon ahd. und noch im 15.
jh. Dief. 619
a. 13
c (
s. II, 4,
c, α);
es ist umgekehrt wie saft
aus saf. I@1@cc)
besondere erwähnung verdient das geschlecht, das zwischen m. und f. getheilt ist. jenes gehört dem ags. altn. an, dieses dem hd.; das räumlich in der mitte liegende alts. aber nahm auch eine vermittelnde haltung ein, denn sein craft
war sowol f. als m. vgl. übrigens den hd. gen. kraftes
unter 3,
c. I@22)
ursprung und verwandtschaft. I@2@aa)
die stammlaute sind, hd. gefaszt, kraf
oder auch krapf (
zur bildung kraf-t
vgl. Grimm gr. 3, 514).
da aber vermutlich die kraft des armes die urspr. bed. ist, genauer die kraft der hand, so darf man dem dahinter versteckten stamme die bed. greifen, packen zutrauen (
wie schon Adelung
that).
und dazu bietet sich völlig skr. grabh
fassen, greifen. auch bei uns liegt er noch vor, nur in abgeleiteter form, in dem schwachen mhd. kripfen,
ahd. chriphan
packen, rauben, d. h. in intensiver form und bedeutung; das verwandte greifen
steht einen oder zwei schritte seitwärts. vgl. auch bair. kroppen
greifen, tappen, und krapfe
haken. I@2@bb)
ein ganz alter sprosz des stammworts, unserm kraft
nächstverwandt, findet sich vielleicht in folg.: eine glosse des 15.
jahrh. gibt teagra (
f. creagra),
furca, crapft Mones
anz. 7, 167 (Dief. 155
c),
also wie es scheint kraft
gabel, zum fassen (
wie nd. grepe,
hd. greif
creagra Dief. 155
c),
in der form vermischt mit krapf,
d. i. krapfe (
s. d.); kraft
wird gestützt durch eine mittheilung Frischs 1, 544
c aus Speners bibelübers. (15.
jh.): dreikreftiger krauwel,
fuscinula tridens, dreizackige fleischgabel. Ähnlich ward altn. krapti
von fassenden, haltenden dingen gebraucht, kraptar
pl. hieszen die rippen des schiffs, das holzgestell des schildes, s. Egilsson 476
b. I@2@cc)
auch Kraft
als mannsname (
eig. starker mann, held?)
steht vielleicht dem stammbegriffe nahe, schon ahd. Chraft,
mhd. Kraft, Craft (
z. b. Haupt 8, 238,
altd. bl. 2, 97),
demin. md. Creftichin Höfer
urk. 60;
lat. Chraphto
font. rer. austr. II. 18, 10;
vgl. auch ahd. Craftheri (
gr. Σθενέλαος,
auch Δημοσθένης).
bei Waldis
Es. 1, 55, 51
ist Hans Kraft
gleich bauer, im gegensatz zu bruder Veit,
landsknecht. vgl. unter kraftmann 1. I@2@dd)
fragweise seien auch erwähnt isl. kræfr
fortis, robustus Biörn 1, 480
a (
das übrigens einen eigenen kelt. anklang hat in craff, cref
u. a., fortis, firmus, s. Kuhns
beitr. 2, 174)
und altn. krefja,
ags. crafian
fordern, engl. crave,
eig. mit anfassen dessen, was man fordert, wie im Ssp. anevangen? I@33)
das nhd. kraft
hat einige eigenheiten in der form. I@3@aa)
der pl. hatte lange eigner weise auch schwache form, kräften: und da sie one reden lag und keiner kreften da entpflag. Büheler
königst. 2062; domit er sein mdes gemuet und kreften wider holet. Steinhöwel im
leseb. 1, 1055; Stephanus aber, vol glaubens und kreften. Luther
apost. gesch. 6, 8; es sind mancherlei kreften. 1
Cor. 12, 6; die kreften (
nom.). 1
Petr. 3, 22,
dagegen krefte
Matth. 24, 29.
Marc. 13, 25.
Luc. 21, 26; die kräften. Rompler 91; wie rost das eisen friszt, saugt sie die kräften aus. Tscherning 28; ich habe meine gewohnliche stärke und kräften noch nicht. Elis. Charl. v. Orl. 1867
s. 232; damit ich meine kräften .. erhole. Abr. a S. Clara 14, 487; der, frei von nichtigen geschäften, des leibes und der seele kräften zum werkzeug von der tugend macht. Haller (1734) 35; ich kann oft kaum begreifen, mama! wo er bei der schlechten kost die kräften zu seiner vielen arbeit hernimmt. H. L. Wagner
der wolthätige unbekannte s. 8; (
wir) arbeiteten .. was unsre kräften erlaubten. 26; die arbeiten .. gehn nicht über seine kräften. 40; nahm er alle seine kräften zusammen. 47,
doch auch kräfte genug 43. Frisch
schrieb kräften
und es ist noch bair. Schm. 2, 382.
ebenso klüften
für klüfte
sp. 1262, sinnen
für sinne, früchten
für früchte (4, 260),
woher? vgl. sp. 708 (
g). I@3@bb)
ahd. hiesz der gen. und dat. sg. chrefti,
daher mhd. krefte (
neben kraft),
und davon ein rest noch im 16.
jh.: darin hat es ein warmes bad, das ist von groszer kräfte.
altd. bl. 1, 171 (krafte Haupt 2, 568). I@3@cc)
endlich ein merkwürdiger gen. kraftes: die bawren namen ihre wehr und theten da mit kraftes heer wol für das haus hinziehen.
Ambr. lb. 139, 142,
umgekehrt statt mit heeres kraft (
ähnlich alles spiles chunne
aller art spiel, s. Wackernagels
wb. zum leseb. unter künne); er brach auf mit seim höre, so gar mit kraftes wöre (
wehr).
lied von der stat Genua, Rankes
deutsche gesch. 6, 160, Liliencron 3, 410
a.
Das sind aber schwerlich spuren von einem auch hd. masc. kraft (
s. u. I,
c),
es ist wol nur das übergreifen des genitivischen s
ins fem., wie in compos., z. b. hoffnungsstrahl,
wie in kunstes glas Körners
hist. volksl. 204, kunstes hand
wunderh. 3, 148, helles grunt Uhland
volksl. 8, in untreus fall Liliencron 2, 498
b, feders pfluog 2, 312
b, on hilfes schin (
ohne aussicht auf hilfe) Murner
geuchm. 968
Sch.; dieweil nu nichts uf erden ist, das einem jungen man mer freuts und muts machen kan.
Wilw. v. Sch. 64; an milches statt Opitz 1, 89, kurzweils gewohnt Schiller
Tell 3, 2;
s. auch unter klage
am ende und hier unter II, 4,
b. 15,
a. IIII.
Gebrauch und bedeutung. II@11) kraft des armes, muskelkraft, leibeskraft, körperkraft, manneskraft, heldenkraft, riesenkraft
u. s. w. II@1@aa)
im sing., II@1@a@aα) es schmidet einer das eisen in der zangen .. und erbeitet dran mit ganzer kraft seines arms.
Jes. 44, 12; wenn die kinder bis an die geburt komen sind und ist keine kraft da zu geberen. 37, 3; und Delila sprach zu Simson, lieber sage mir, worin dein grosze kraft sei.
richt. 16, 6; menschen, die nimmer von ihrer kraft kummen. Frank
weltb. 195
a; der kämpfer ruhte, um frische kraft zu sammeln; seine kraft ist gebrochen, erschöpft; die kraft des genesenden kommt langsam wieder. II@1@a@bβ)
wer schwach oder ohnmächtig wird, '
verliert seine kraft'
u. ä.: erschrack .. das keine kraft mehr in ihm war.
1 Sam. 28, 20,
er ward vor schreck schwach, wie gelähmt; kraft und macht verliesen, von vorcht wegen,
elanguere. voc. 1482 r 2
b.
daher wie ohnmacht
noch jetzt (
älter unmacht, âmaht),
ebenso früher unkraft,
mhd. auch âkraft (Mones
anz. 8, 494, ôkraft Haupt 8, 530),
das dann auch zu abkraft
ward. jetzt kommt kraft
in diesem sinne etwa noch so vor: da verliesz ihn seine kraft,
es '
ward ihm schwach'.
vgl.kraftlos 1,
a. II@1@a@gγ)
natürlich auch von thieren: das er (
der adler) fahet, friszt er nit zuhand ... sunder holt vor (
vorher) sein kraft wider. Frank
chron. 1536 1, 157
b, '
erholt sich'
von der anstrengung des kampfes (
vgl.kobern 1,
e); (
der adler) schwingt mit der flügel kraft sich auf das blaue dach des schönen himmels zu. Opitz 2, 105; wenn ich sechs hengste zahlen kann, sind ihre kräfte nicht die meine? Göthe 12, 91. II@1@a@dδ) kraft
und stärke
erscheinen auch zusammen. von zwei gleich starken kämpfern heiszt es mit einer art begriffsspiel (
vgl. unter knoblauch 2,
b): diu kraft vaht gegen der sterke.
Rabenschlacht 689, 3.
daher in steigernder häufung (
wie lat. robora virium): der funfte (
rühmt sich) siner sterke kraft.
Reinhart fuchs s. 368; ist das nit Babilon die grosz statt, die ich gebauet hab zuo dem haus des reichs in der craft meiner sterk und in der glori meiner zier? Keisersberg
sünden des munds 56
a,
macht. Weckherlin
singt an den grafen Craft von Hohenloe: die tugent ist dein eigenschaft. umbsunst bist du nicht Craft genennet, Stärk dich für ihre kraft erkennet, ohn dich ist Dapferkeit ohn kraft.
s. 372,
od. 1, 6. II@1@bb)
aber gern verstärkt im plural, wie lat. vires
auch, es wird urspr. gedacht sein, als hätte jedes glied seine eigne kraft. II@1@b@aα)
so nhd. vielfach, auch schon mhd., ahd. (
s. Otfried
u. β): der getoufte nam an kreften zuo.
Parz. 743, 26; sie wurden beid an kreften schwach (
fast ohnmächtig).
lied vom h. Ernst 62 (Haupt 8, 498); kanstu dem ross kreft geben?
Hiob 39, 19; ich wil dir einen bissen brots fursetzen, das du essest, das du zu kreften komest (
vulg. convalescas).
1 Sam. 28, 22,
vorher v. 20 kraft; der kranke ist ganz von kräften gekommen; seine kräfte nehmen wieder zu; hätte er gewartet bis seine kräfte sich erholt, seine säfte sich verbessert. Göthe 16, 71; frische kräfte sammeln; er hat seine kräfte noch beisammen,
auch 'ist bei kräften',
das dem 'zu, von kräften kommen'
genau entspricht; das geht über meine kräfte, übersteigt meine kräfte,
u. s. w.; wie du (
sterbend) die letzten kräfte fasztest um noch ein wort, das ich erbat. Haller (1777) 221; der kerl hat kräfte wie ein bär. Kotzebue
dr. sp. 2, 297. II@1@b@bβ)
wie ernstlich diese mehrheit von kräften
eigentlich gemeint ist, das zeigen wendungen mit '
alle kräfte',
wie z. b. alle seine kräfte zusammen nehmen,
von höchster anstrengung. so besonders aus, von, mit allen kräften,
sinnlich wie auch in allerlei weise bildlich: so solt du vor die kannen zucken, darausz mit allen kreften schlucken. Scheit
grob. F 3
b; der junge schrie aus allen leibeskräften; ir wisset das ich aus allen meinen kreften ewrem vater gedienet habe.
1 Mos. 31, 6; der so von ganzem herzen, von ganzer seelen, von allen kreften sich zum herrn bekeret.
2 kön. 23, 25; preiset in aus allen kreften.
Sir. 43, 33; du solt gott deinen herrn lieben von ganzem herzen, von ganzer seele, von ganzem gemüte und von allen deinen kreften.
Marc. 12, 30. 33,
goth. us allai mahtai þeinai,
wie noch hd. auch aus aller macht;
aber schon ahd.: mit allen unsen kreftin bittêmês nu druhtî
n. Otfried I, 28, 1; der geistliche .. nahm sich auch ihrer nun aus allen kräften
an. Göthe 20, 275.
auch mit nach: wurde ihr .. anbefohlen, die staatenversammlung nach allen kräften zu hintertreiben. Schiller 837
b,
wie nach vermögen,
auch nach kräften,
pro viribus (
d. h. den vorhandenen kräften entsprechend). II@1@b@gγ)
übrigens gilt ebenso der sg., mit aller kraft, mit ganzer kraft
u. ä.; er verwunderte sich .. dasz ich von poesie nichts wissen wolle, dagegen auf naturbetrachtungen mich mit ganzer kraft zu werfen schien. Göthe 30, 158.
früher auch mit adverbialischem gen.: nach groszen fetten ämtern .. euszerster kraft ringen. Butschky
Patm. 675.
eigen in all kraft: bedacht, dasz lachen in all kraft ist des menschens recht eigenschaft. Fischart
Garg. titel rückseite. II@1@cc)
eignerweise werden auch bestimmt vier kräfte
genannt, 'von allen vier kräften': sein pferd lief von allen vier kräften. Philander
ges. 1650 2, 222.
in diesem falle gerade wird wesentlich an die vier beine gedacht sein. aber sicher nicht ursprünglich, sondern es steckt darin ein stück mittelalterlicher geheimlehre, s. darüber die fünfte kraft
unter 4,
c, γ. II@1@dd)
natürlich auch kraft des hiebes, schlages, wurfes, schusses, stoszes, druckes (
unter umständen auch gewalt, macht, stärke), kraft der stimme, des tons
und worin sonst die kraft (
des menschen u. a.) sich äuszert: der (
gesang) schallte recht, und seine kraft durchdrang die halbe nachbarschaft. Hagedorn 2, 66.
dann die kraft des speers, pfeils, schwertes
u. dergl.: auch hastu die kraft seines schwerts weggenommen und lessest in nicht siegen im streit.
ps. 89, 44. II@1@ee) kraft
schlechtweg für zeugungskraft (
wie lat. vis, vires): gnêdiger herre, ich entsebe an mir sulche kraft unde macht ... ich wel mîn wîp nû selbis trûte. Ködiz
leben des h. Ludw. 22, 29; Jupiters kraft war destilliret in dem vacuo cavo ovo.
Garg. 196
a (
Sch. 363),
alchymistisch. und diesz concret, wie lat. vires
auch, in den zürnenden worten eines mädchens zu ihrem buhlen: (
ich will) min notturft mit eim andern büeszen ... und sölt dich schütten der ritt in dkraft. Ruff
Adam u. H. 5679, kraft
als träger der kraft, wie 7. II@22)
mehr ins seelische übergehend, kraft
der ganzen persönlichkeit, lebenskraft, jugendkraft, spannkraft, thatkraft, arbeitskraft, urkraft, vollkraft,
als äuszerung der natur, naturkraft.
hier sind stärke
oder macht
oder gewalt
unbrauchbar, die sämtlich nicht die innerlichkeit gewonnen haben wie kraft,
das mit seinem begriffe bis zum kern des lebens vorgedrungen ist. II@2@aa)
als lebenskraft, naturkraft, jugendkraft: daher entsteht in ihm (
dem weisen), wenn kraft und blut verrauschen, kein widerwärtger gram, die erde zu vertauschen. Günther 499; seine kraft war gebrochen, die hoffnung floh ihn, er sah keine zukunft mehr vor sich; die kraft und frische seines wesens, die aus seinen zügen und seiner haltung spricht; fülle einer jugend, die sich fühlt und nicht weisz wo sie mit kraft und vermögen hinaus soll. Göthe 48, 93; kannst du sagen 'das ist!' da alles vorübergeht? da alles mit der wetterschnelle vorüber rollt, so selten die ganze kraft (
acc.) seines daseins ausdauert? 16, 76 (
Werther 1775
s. 94); und soll ich ihres lebens holde kraft auf ewig missen! 9, 317 (
nat. tochter 3, 4),
zugleich nach 13,
c; nur allzugern verscherzt er (
der mensch) im stand der verfeinerung eine kraft, die er aus dem stand der wildheit herüberbrachte. Schiller 1167
a; die streitenden kräfte der natur. 1177
a; die animalischen kräfte (
im menschengeiste). 1112
a; ausgestattet mit aller kraft, nach der richtung, die diese bekommt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. 102
a; fülle von kraft, die alle gesetze übersprudelt.
das.; der seltsame, ernste .. rittersinn (
in den Nibelungen) .. mit seiner vollkommenen kraft. Göthe 6, 238. II@2@bb)
als thatkraft, wirkende oder strebende kraft: du solt alwegen in (
an) deiner craft verzweifel (
so), und dein craft setzen zuo gott. Keisersberg
sünden des munds 57
b; das streben meiner ganzen kraft ist grade das was ich (
Faust) verspreche. Göthe 12, 88; und wenn ich mich am ende niedersetze (
vom studium), quillt innerlich doch keine neue kraft. 12, 91; Friedrich der zweite, auf seiner kraft ruhend, schien noch immer das schicksal Europens und der welt abzuwiegen. 48, 67; von der gefahr, der ungeheuren, errettet nur gesammte kraft. 13, 313,
vom befreiungskriege; hier ist mit vereinten kräften das grosze werk zu beginnen. 14, 112; ans vaterland ans theure schliesz dich an ... hier sind die starken wurzeln deiner kraft. Schiller 526
a; wer etwas treffliches leisten will ... der sammle still und unerschlafft im kleinsten punkt die gröszte kraft. 89
a.
man spricht von männlicher kraft, jugendlicher, rüstiger, frischer, ungebrochner kraft
mit der einer seinen beruf betreibt, einem streben obliegt u. a.; doch auch weibliche kraft: ich versichr' euch, es ist dem jüngling ein mädchen gefunden, das ihm die künftigen tage des lebens herrlich erheitert, treu mit weiblicher kraft durch alle zeiten ihm beisteht. Göthe 40, 297. II@2@cc)
daher mit zu
zur bezeichnung des zieles: ich fühle kraft zu kühnem fleisz. Göthe 41, 257; des groszen wink im tiefsten marke spüren, gedanken rastlos — ohne kraft zum werke. Eichendorf
ged. 165. kraft zum widerstande
oder auch kraft zu widerstehen, auszudauern
u. dgl. II@2@dd)
auch mit gen.: widerstandskraft,
kraft zum widerstehen, kraft der ausdauer.
anders glaubenskraft,
die der glaube gibt, ebenso kraft der begeisterung, der angst, der verzweiflung,
die die verzweiflung gibt: die verzweiflung gab kräfte, und die deutsche freiheit erhob sich aus Magdeburgs asche. Schiller 930
b. II@33)
endlich vom leiblichen sich lösend gemütskraft, seelenkraft, geisteskraft,
mit verschiedner schattierung des begriffs, die auch weiterhin sich geltend macht und die scharf zu scheiden unthunlich ist, hauptsächlich theils als kraftvoller zustand, theils als fähigkeit oder trieb zu einer wirkung, entsprechend der unter 2
gemachten theilung a und b. II@3@aa)
im sing.: die meister (
gelehrten) sprechent ouch dâ bî, daʒ diu sêle im hirne sî. si ist über al im lîbe, und doch in der hirnschîbe ist si mit der besten kraft. Teichner
s. 42
anm. 100; musicen klang und menschenstimm darneben gibt dem gmüt kraft und leben. Hoffmanns
gesellschaftslieder s. 241, 'kraft und leben',
ebenso wird gern verbunden kraft und frische, kraft und fülle, tiefe, erhabenheit, rüstigkeit (Schiller 1172
b), des gemüts, geistes, der bildung, des wissens, der sprache, rede
u. a., ferner kraft und festigkeit, kraft und nachdruck, bestimmtheit,
so dasz durch den zusatz die art und äuszerung der kraft
näher bezeichnet wird: (
wir wähnten) dasz andre luft uns mehr als unsre witzig macht, dasz dieser himmel nicht des geistes kraft erwecket. Hoffmannswaldau
begräbnüsged. 30; Phillis, die an geist und gliedern gleiche kraft und schönheit trägt. Günther 120; ich nahm die ganze dichtergluth und alle kraft und kunst zusammen.
ders.; nimm alle kraft zusammen (
als sänger), die lust und auch den schmerz. Uhland
ged. 465; er drang mit aller kraft darauf, dasz es nicht bei den worten bliebe; der widerstand allein kann die kraft (
der sittlichkeit) sichtbar machen. Schiller 1135
b; so viel gutes zu thun, als er mit der ganzen moralischen kraft seiner seele wollen könnte. Lavater
auss. in die ew. (1777) 1, 306; es reget der wein dann (
nach tische) jegliche kraft auf seines heftigen wollens. Göthe 40, 275; des hasses kraft, die macht der liebe. 12, 15; da wird die kraft der tugend offenbar. 13, 312; verachte nur vernunft und wissenschaft, des menschen allerhöchste kraft. 12, 92. II@3@bb)
wieder auch im plur., wie unter 1,
b (
s. dort schon Otfried
u. a. 'mit allen kräften'): also solt auch du alle deine kreft zuosamen berfen und dich sperren (
wider die anfechtung). Keisersberg
irrig schaf C 3
b; sie (
die seele) kert sich zuo gott mit andechtigem gebet, mit allen iren kreften, mit allen iren natürlichen gaben .. oder guoten werken so sie ausz natürlichen kreften ben mag.
crist. künigin aa 2
b; weil wir dann für der göttlichen majestät wie billich gern mit versammleten kräften und sinnen erscheinen wolten.
Simpl. 3, 673 (1713); alle kräften meines verstands. Schuppius 742; man opfert ihr (
der ehre) der jahre blüthe, die besten kräfte vom gemüthe. Haller (1777) 18; die harmonie seines geistes war völlig zerstört, eine innerliche hitze und heftigkeit, die alle kräfte seiner natur durch einander arbeitete, brachte die widrigsten wirkungen hervor. Göthe 16, 143; die beängstigung seines herzens zehrte die übrigen kräfte seines geistes .. auf.
das.; genau nach dem masz und der erhabenheit unserer moralischen kräfte wird sich das masz unserer intellectuellen, physischen und politischen kräfte bestimmen (
im zustande nach dem tode). Lavater
auss. 1, 311.
Schon das mittelalter sprach von verschiednen kräften der seele und des geistes, nach anleitung der philosophie: sô si (
die seele) mêr den nidristen kreften der fünf sinne anhanget dan den obristen, dâ von si himelischiu dinc erkennet, sô wirt si unedel unde grob. Eckhart 395, 5; der mensche, der sich selber bekennen wil, der sol alle wege ein însehen haben in sich selber unde sol in sich ziehen sîne ûʒern krefte und sol sie zemen .. daʒ sie gehôrsam werden den obersten kreften der sêle. 459, 29; die geistlîchen und allerhœhsten krefte der sêle. 247, 4
u. o. II@3@cc)
einzelne kräfte besonders benannt. II@3@c@aα)
schon das 15.
jh. benannte eine reihe besonderer seelen- und geisteskräfte, nach den kunstausdrücken haupts. der scholastischen philosophie, z. b. in vocabularien: vis concupiscibilis, begernde, begerliche, girige kraft,
vis apprehensiva, begreifliche kraft,
cognitiva erkentlich,
rationalis vernemende, vernunftige,
irascibilis zornende, krigende,
u. a., s. Dief. 622
c; das erst oder obrest teil der seelen das stat in dreien kreften, das ist in der vernunft oder verstentniss, im willen und in der verstentlichen gedechtniss ... aber das ander oder nider teil der seel stat in den sinnlichen kreften von innen und auszen, und in den sinnlichen herzigungen die man nennet die begirlich und zornlich kraft. Keisersb.
irr. sch. D 4
b; die inbildende kraft.
eschengr. c 5
a; also ist es auch mit der fantasei und inbildenden kraft. d 5
a.
so mit dem part. bis ins 18.
jh: meine vorstellende kraft ist so schwach. Göthe 16, 57. II@3@c@bβ)
nachher sagte man schwerfälliger einbildungskraft (
schon 17.
jh., z. b. Gerber
sünden 240), vorstellungskraft, erinnerungskraft, begehrungskraft (Schiller 705
b), unterscheidungskraft, beurtheilungskraft (
schon Plesse 1, 109), besinnungskraft (Göthe 16, 153,
doch mehr nach 2
oder 1), dichtungskraft;
ferner denkkraft, urtheilskraft, fassungskraft, willenskraft (
auch gleich kräftiger wille), dichterkraft, schöpferkraft. II@3@c@gγ)
doch auch noch dichterische, schaffende, schöpferische: die schöpfrische kraft, die .. jedem in einem gewissen grade eigen ist. Lavater
auss. (1777) 2, 182. Göthe 19, 338; es ist bekannt, dasz alle bewegende kräfte im menschen unter einander zusammenhängen. Schiller 1112
a,
die triebe
als die bewegenden kräfte
der seele 1157
b,
im 15.
jahrh. beweglich kraft,
virtus motiva Dief. 622
b; spiel der lebendigen kräfte. Schiller 1114
a,
doch mehr nach 2; gleichgewicht der thätigen und leidenden kräfte. 1117
b. 1163
a; plastische kräfte. 1109
b; sinne und geist, empfangende und bildende kraft. 1178
a. 1172
a; wirkende kraft. 1161
b. 1168
b. 1169
a; sinnliche und geistige kräfte. 1167
b. II@3@dd)
zuweilen ist diesz kraft
ziemlich gleich befähigung, gabe, eigenart, talent, indoles, vgl. 11,
c (
ebenso gr. δύναμις,
kraft, gleich talent): und eine lust ists, wie er alle weckt, wie jede kraft sich ausspricht, jede gabe gleich deutlicher sich wird in seiner nähe! jedwedem zieht er seine kraft hervor, die eigenthümliche, und zieht sie grosz. Schiller 335
b; des menschen kraft, im dichter offenbart. 'so braucht sie denn, die schönen kräfte'. Göthe 12, 14.
ähnlich schon im 15. 16.
jh.: an kunst und an maisterschaft han ich maniger hande kraft.
fastnachtsp. 427, 14; got hat nimants geben die redent kraft, weder (
als) dem vernünftigen thier. Keisersberg
sünden des m. 49
b.
ags. cräft
gewann die entschiedne bed. kunst, geschick, fähigkeit, dann list; vgl. krafthand. II@44) kraft
der naturdinge, naturkräfte. II@4@aa)
allen dingen, nicht nur den lebendigen, legte man eine lebendige kraft
bei, als äuszerung ihres wesens. II@4@a@aα) kräuter
wie steine
haben eine solche kraft (heilkraft, zauberkraft
u. dgl.): krût hât ouch grôʒe kraft .. (
er erzählt wie ein wiesel eine schlange mit einem kraute tödtete). waʒ gab der wiseln die wîsheit? daʒ si (die?) kraft an dem krûte wiste ..... steine hânt ouch grôʒe kraft, von der glîcheit (
verwandtschaft des wesens), die die (der?) sternen unde des himels kraft dar inne (în?) würket. Eckhart 125, 26. 33,
vgl. dazu u. kalt 3; mancherlei art der pflanzen und kraft der wurzeln.
weish. Sal. 7, 20; es hat gott je (
doch) die kraft den erdgewächsen gegeben, dasz sie allen schaden des leibs heilen sollen. Philander 1, 427 (
vgl.kräuterkraft); also das etliche essent kraft im kraut (
der pflanze) ist, etlich in wurzen (
in den wurzeln), etlich in samen (
pl.). Paracelsus 46
b (
s. unter essend),
d. i. kraft
zum gegessen werden (
zugleich '
fähigkeit',
s. 11,
c),
nährende kraft; die kraft des magnets, magnetische kraft.
von heilkräftigen wassern: zuo Baden in der markgrofschaft sint bad, hant von alaun ir kraft. Folz
fastnachtsp. 1259. II@4@a@bβ)
und. wieder auch im pl., z. b. kräfte
des weines: dasz der Rheinwein bei seinen kräften kein die edlen eingeweide angreifendes feuer verbirgt (also nicht zu wässern ist), wie wol es ihm sowol diese vermengung als die eisabkühlung zu vertragen an kräften nicht mangelt. Lohenst.
Arm. 2, 300,
das erste kräfte
meint mehr eigenschaften eines lebendigen dinges (
s. 11,
d),
das zweite eine in sich ruhende lebenskraft, hier als widerstandskraft. überhaupt machen sich auch hier verschiedene seiten des begriffs geltend. II@4@a@gγ) lebenskraft
im engern sinne zeigt sich in folg. (
während unter α mehr nutzbare kraft gemeint ist, vgl. 'kraft der kräuter,
vis et effectus herbarum' Aler 1220
b): läszt gott durch einen wurm den grünen kürbisz stechen, dasz seine kraft entgeht, die hohen zweige brechen und er verdorren musz. Opitz 3, 64; die gewächse sind zu ende des frühlings in ihrer kraft. Rädlein 560
b,
die pflanzen sind damit gleichsam auf menschlichem fusze behandelt. ähnlich das feuer: gleich wie das feuer thut, wann es zu kräften kömpt, stöszt von sich selbst die glut bisz an der sternen sitz. Opitz 2, 105.
so die keimkraft, triebkraft
des pflanzensamens: (
Ceres) nimmt von ihres kranzes spitze einen kern mit kraft gefüllt
u. s. w. Schiller 55
b; einfach schlief in dem samen die kraft. Göthe 3, 92 (
metam. der pflanzen),
ähnlich in der metamorphose der thiere von deren lebenskeime oder kerne, sie werden gleichsam pflanzlich behandelt: doch im innern befindet die kraft der edlern geschöpfe sich im heilgen kreise lebendiger bildung beschlossen. 3, 98. II@4@a@dδ)
aber die gesamte natur im ganzen und einzelnen hat solche kräfte
in sich, als äuszerungen ihres innersten wesens: die kraft der element.
weish. Sal. 7, 17,
ἐνέργεια; 'kraft und eigenschaft'
der elemente Göthe 12, 68,
zugleich zu 11,
d; wenn man siehet, dasz das licht leuchtet, so eignet man ihm eine leuchtende kraft zu (
jetzt leuchtkraft). nimmet man wahr, dasz seine flamme erwärmet, so sagt man, es habe eine erwärmende kraft
u. s. w. Chr. Wolff
vernünftige ged. von gott § 746; mir (
Werther) untergräbt das herz die verzehrende kraft, die in dem all der natur verborgen liegt. Göthe 16, 76; er (
der thor) kennet von der welt, was auszen sich bewegt, und nicht die innre kraft, die heimlich alles regt. Haller (1777) 94; er (
Newton) wiegt die innre kraft, die sich im körper regt. 63,
d. i. die schwerkraft,
selbst die nur körperlichen körper sind da von dem naturforscher als lebendige einzelwesen behandelt, entsprechend der uralten überlieferung. 'kraft und stoff'. II@4@bb)
von pflanzen gern reimend '
kraft und saft',
dänisch kraft og saft (
die kraft
ist im safte),
und diesz vielfach bildlich von allem lebendigen, auch geistigen, sucus et sanguis: die felder alles ihres inhabenden saftes und kraftes berauben. Hohberg 2, 22
a,
kraftes wol nur durch den reim herbeigezogen, vgl. u. I, 3,
c; mit groszer mattigkeit so wol ausz schrecken als mangel krafts und safts (
von menschen). Philander 1650 2, 738; wissen so viel zuerzehlen, dasz es wunder scheinet, welchem allem doch kraft und saft mangelt. 524; wort ... die weder kraft noch saft haben. Luther 6, 170
a; Christus gebe solchem seinem wort saft und kraft in eure herzen. 6, 1
b; worte die in anderer (
als der deutschen) sprache saft und kraft würden verlieren. Schottel 1111; vielmehr haben alle europeische sprachen viele wurzelen, wörter, saft, kraft und geist aus dieser reinen uralten haubtsprache der Teutschen. 123; brief ohne saft und kraft. Rabener 3, 66. II@4@cc)
diese kraft
der dinge, als ihr lebensträger, lebenskern, wird durch kunst ausgezogen und dargestellt, vgl. die kraft destillieren
Garg. 196
a (
s. unter 1,
e). II@4@c@aα)
z. b. ador, wisz mel oder craff (
s. I, 1,
b) des mels.
voc. rer. Dief. 13
c,
wie kern,
vgl. kraftmehl; wir können mit der glut aus jedem kraut erzwingen die kraft und seele selbst. Opitz 2, 43.
vgl.'kraft der medicin'
für kraftarznei unter kräftelos. 'kraft
oder kunst,
rosa'
voc. th. 1482 r iij
a musz dasselbe meinen, rosa
wie sonst blume,
vgl. cupri rosa,
kupferrauch Dief. 149
c. II@4@c@bβ)
der alte philosophenbegriff quinta essentia (
vgl. 4, 573
mitte)
wird verdeutscht als 'das fünfte wesen, der saft und kraft eines dings' Kirsch 1, 910
a, 'die beste kraft aus einem dinge, so durch die chymie daraus gezogen wird' Hübner
zeit. lex. 2, 1539. II@4@c@gγ)
es heiszt auch 'die fünfte kraft',
quintessenz: der balsam, welchen sie (
die hyacinthen) aus ihren höhlen düften, ist selbst die fünfte kraft aus reinen himmelslüften. Drollinger 71; diesem nach entstünden die vier blätter einer einfachen blume aus der fünften kraft des samens. Spreng
zu Drollinger 340.
und bildlich: Haller, die fünfte kraft unserer deütschen poeten.
ders. 354.
Das wird aber zusammenhang haben mit den vier kräften
unter 1,
c; wie diese wahrscheinlich den vier elementen entsprechen, aus denen alles körperliche zusammengesetzt ist, so entspricht die fünfte kraft
in den lebendigen einzeldingen dem fünften unter den elementen der alten philosophie, dem aether (
Aristoteles),
sie vertritt die seele, den geist, wie die vier kräfte
das körperliche. s. auch fünftelsaft. II@4@dd)
ähnlich sind die eingeweide als '
kräfte'
der seele: viscera ... in quibus est vita ... innerlich kreft .. al kreften der sel. Melber
s. v. viscera, Dief. 623
a.
ja kraft
für die eingeweide selbst: solche kraft oder ingeweid. Ryff
thierb. Alb. Magni Frkf. 1545
s. 42 (Sanders),
als träger der lebenskraft. II@4@ee) kräfte
der auszenwelt, oft wie persönlich, gleich mächte, gewalten: und hier schlieszt die natur den ring der ewigen kräfte. Göthe 3, 94; so taumle ich beängstigt, himmel und erde und ihre webenden kräfte um mich her. 16, 76; mögt ich das element, woraus des menschen seele gebildet ist und worin sie lebt, ein fegfeuer nennen, worinn alle höllischen und himmlischen kräfte durcheinander gehn und würken.
an Lavater 126; mystische und magische kräfte im streite mit den kräften der natur! Thümmel 2, 331; nun gut, wer bist du denn? 'ein theil von jener kraft, die stets das böse will und stets das gute schafft'. Göthe 12, 70. II@55) gottes kraft (
ahd. mhd. häufig): denn dein ist das reich und die kraft ..
Matth. 6, 13,
δύναμις,
vulg. potentia,
goth. mahts; sie (
die weisheit) ist das hauchen der göttlichen kraft ... ein unbefleckter spiegel der göttlichen kraft.
weish. Sal. 7, 25. 26; der sie (
die welt) erschaffen hat und seines segens kraft so reichlich in sie geuszt. Opitz 1, 26.
Auch persönlich: gott ist ein freie, einflieszende kraft, wie wir uns darbieten, also ist er uns. Frank
parad. c. 22; du kraft der kräfte! Herder 16, 96,
wie mhd. kraft ob allen kreften, nû gesterke mir den sin Neidhart 88, 8. II@66)
gleich macht, gewalt, einflusz, vermögen,
doch wenig gebraucht (
vgl. Keisersberg
unter 1,
a, δ). II@6@aa)
z. b. politisch: kraft, macht und vermögen einer statt,
succus civitatis. Maaler 250
c,
wol zugleich nach 7,
die besten als die vertreter der stadt, gleichsam ihr saft und kraft; der könig (
Ludwig XVI), der so viele jahre die öffentliche kraft gewesen war. Claudius 6, 32; die in einem staat unentbehrliche kraft ist wie das herz im menschlichen körper. 61,
staatsgewalt, niemand würde jetzt da kraft
sagen. doch mhd. und älter nhd. war es so gebraucht gleich gewalt,
z. b. des herschers, auch übertragne gewalt, vollmacht, s. besonders erkräften,
ermächtigen; die bed. lebt noch heute nach in kraft
als praep., s. 15,
b. II@6@bb)
gleich einflusz, wirksamkeit: die guten hätten kraft bei ihm behalten, nicht in der schlechten garn wär er gefallen. Schiller 373. II@6@cc)
einzeln auch wie vermögen
von geldmitteln, geldkraft (
vgl. dazu 12,
b): ich aber habe aus allen meinen kreften geschickt zum hause gottes, gold .. silber .. erz
u. s. w. 1 chron. 30, 2; die gelegenheit die ich fand, bei hofe mein glück zu machen, nöthigte mich zu einem aufwande der über meine kräfte gieng. Rabener (1755) 3, 289.
letztere wendung ist sehr gewöhnlich, wie nach kräften beisteuern
u. ä.; doch wird da weniger an '
geldkräfte'
klar gedacht, als die ganze redensart von der bed. 1,
b entlehnt, wie in andern wendungen, z. b. nach kräften das gute befördern,
gleich nach vermö
gen. II@77) kraft
kurz für den träger der kraft, wie ähnlich schon Claudius
vorhin (6,
a),
und unter 5
von gott, vgl. auch daumkraft,
schwingkraft von dingen: und doch ist diesz der alte schauplatz noch, die wiege mancher jugendlichen kräfte, die laufbahn manches wachsenden talents. Schiller 318
a (
Wallenst. prol.); das geschäft hat in ihm eine rüstige arbeitskraft gewonnen; die schule braucht frische kräfte, lehrkräfte,
lehrer; bei Kitzingen haben unsere truppen sich zu verschanzen angefangen und die dortigen kräfte zu erdarbeiten requirirt.
Augsb. allg. zeit. 1866
s. 3248
b,
arbeitskräfte. es ist wie geist, seele, 'capacität'
für den mann der das besitzt. II@88)
militärische kräfte, streitkräfte,
wie die arbeitskräfte
u. 7,
doch wird hier noch weniger als dort an die menschen selbst dabei gedacht: York war auf seine eigenen kräfte angewiesen. Droysen
leben Yorks 2, 358; mit frischen kräften den kampf wieder aufnehmen.
vergl. 'mit heereskraft',
eine aus alter zeit gebliebne wendung: sie faren daher, das der harnisch brasselt, und komen mit heers kraft.
Jerem. 46, 22 (
vulg. cum exercitu),
vgl. übrigens 12,
a. ebenso gr. δύναμις,
δυνάμεις,
lat. vires,
auch schon mhd. krefte
Gudr. 709, 3,
livl. chr. 2653. II@99) kraft
wird endlich allem zugeschrieben, was eine wirkung erzeugt oder erzeugen kann. II@9@aa)
moralisch. II@9@a@aα)
mit gen.: ich bannet in (
den teufel) mit wortes craft. Rosenblüt,
fastn. 1174; kurze red hat blitzes kraft, langes schnadern wenig saft. Abele
gerichtsh. 1, 44,
vgl.'kraft und saft'
unter 4,
b, und entkräften; (
gott) beware uns vor kraft des irthums durch seine ewige warheit. Fischart
bien. 246
a (272
a), Marnix voor de cracht der dwalingen; mein alles hängt, mein leben und geschick an meiner worte, meiner thränen kraft. Schiller 427
b; doch durch seines goldes kraft trieb er jedes herz zu paaren. Gotter 1, 48; die kraft des talismans. Rabener 4, 354.
der würfel: die (
falschen würfel) will ich heut einmal probieren, ob sie die alte kraft noch führen. Schiller 319
b. II@9@a@bβ)
mit bezeichnung der wirkung der kraft: doch, was (
für was auch, swaʒ) der könig sprach und that, war ohne kraft, mich wieder einzuwiegen. Wieland
Idris u. Zen. 3, 8; der stein .. hatte die geheime kraft, vor gott und menschen angenehm zu machen. Lessing 2, 276. II@9@a@gγ)
ebenso mit partic.: o meine freundinn, was nicht lebt, hat keine anziehende kraft. Göthe
bei Schöll 22,
jetzt farbloser anziehungskraft (
vgl. 3,
c); auch ist ein mensch, der ganz bosheit ist, schlechterdings kein gegenstand der kunst, und äuszert eine zurückstoszende kraft. Schiller 102
b; der tod hat eine reinigende kraft. 514
b. II@9@bb)
mechanisch. II@9@b@aα)
allgemein: mit voller segel kraft das weite suchen. Schiller 503
a; fort reiszt er (
der stern) dich in seines schwunges kraft. 384
b; die kraft der kugel war zum glück schon matt; die widerstandskraft der thür war zu grosz; weil die kugel die kraft nicht mehr gehabt hatte durch zu dringen, sondern stecken blieben war. Happel
kriegsroman 1, 500. II@9@b@bβ)
die mechanik und ihre hilfswissenschaften sprechen viel von kräften,
da heiszt lebendige kraft,
die in thätigkeit ist, todte,
gehemmte, gebundne; einfache, zusammengesetzte kräfte, das parallelogramm der kräfte (parall. der zusammenwirkenden kräfte Immerm.
Münchh. 1, 96). kraft der trägheit,
vis inertiae. II@9@b@gγ)
genauer dampfkraft, wasserkraft,
und auch kraft
kurzweg (
mechanische arbeitskraft): fabriklocale mit kraft .. zu Chemnitz .. für mechanische weberei oder geschäfte welche helles wasser brauchen, zu verpachten.
Leipz. zeitung 1866 22.
febr., vgl. kraftstuhl.
ferner pferdekraft (
der maschine), federkraft, springkraft, druckkraft, schwerkraft, ziehkraft, spannkraft, knallkraft, schwungkraft
u. a., in der naturwissenschaft expansionskraft, attractionskraft, adhäsionskraft
u. s. w. II@9@cc)
lebenskraft bildlich; ein epigramm 'neuerungen': was new, ist angenem; wird widrig in der eile, wann ihm nicht gut und nutz gibt kraft und länger weile. Logau 3, 6, 67, 'lebensfähigkeit'
sagt man da jetzt; was auszer solchen brüderschaft (
bündnis von gleich und gleich), hat langen taurens keine kraft. Fleming 369 (287
Lapp.); lasz die einbildung nicht zu kräften kommen. Weise
kl. leute 292. II@1010)
besondre hervorhebung verdient rechtliche kraft
eines gesetzes, herkommens, urtheils, einer rechtshandlung u. dgl., eines rechtsanspruchs u. a., vgl. kräftig 3. II@10@aa)
so aus der mhd. zeit her bis ins nhd.: cheiner witewen mak man cheine morgengâbe gäben, diu kraft habe.
Augsb. stadtr.; ob iʒ geschît, dô iʒ kraft hât (
rechtskräftig ist).
blume von Magdeb. s. 129; und waʒ dâ ertailt (
erkannt) wirt, dâ bî sol es belîben und kraft hâ
n. weisth. 4, 489,
v. j. 1383; das sol kein kraft haben. 486,
v. j. 1413; so red ich pei des rechten kraft, das vater und muter und fruntschaft chein rechte zeugnis megen geben. si wellen neue recht anheben.
fastn. 996, 10,
vgl. in kraft
unter 15. II@10@bb)
auch verstärkt kraft und macht
u. ä.: (
könig Ruprecht) hat dies nachgeschrieben sin testament und letzten willen geordent .. in der besten form (
in optima forma), als das denn allerbest craft und macht haben soll oder mag. Janssen
Frankfurts reichscorr. 1, 802,
v. j. 1410; das auch die selben camergerichts ordnungen .. in craft und macht sein und beleiben sollen.
reichstagsabsch. 1500 B 5
b; (
dasz) ouch sîne ansprôche keine macht adir craft habin sulle.
Magdeburger fragen s. 161.
Auch, was lehrreich ist, bund und kraft, '
rechtsverbindliche kraft' Behrend
Magdeburger fragen s. 251
b: ab der brîf nicht bund unde craft sulde habin.
das. s. 70 (
in einer hs. kraft und macht); ab nu nicht dy vorsaczunge mer vorgang, bund und craft habin sulle. (
var. bund, craft und macht). 161.
dazu stimmt 'kräftig und bündig'
band 2, 521,
und das dort unerklärte bündig stammt von diesem bund,
d. i. bindende kraft. II@10@cc)
wieder auch im pl.: daʒ auch alle und iede urtailen und process, durch die acht beisitzer .. gesprochen und ausgangen, bei wirden und kreften sein und beleiben sollen.
reichsabsch. 1500 B 6
b; dasz all und jede ordnung, beschlusz und abschid, zu vordern reichs tagen unsers regiments gemacht und aufgericht, so hierinn nit geendert sind, in kreften und wesen hinfuro auch sein und beleiben söllen. D 4
b; mich denkt die liebe zeit, dasz nichts bei kräften blieb, was nicht Cleopatra selbsthändig unterschrieb. Lohenstein
Cleop. 41, 263; so bleibt ein solches .. testament dannoch bei seinen kräften.
Mainzer landrecht 1755
tit. xiii § 9. II@10@dd)
es ist jetzt auf gewisse wendungen beschränkt. denn ein gesetz hat kraft
oder gewinnt kraft
sagt niemand mehr, wol aber es hat rückwirkende kraft, hat noch volle kraft
u. ä.; lieber mit in (
wie schon unter c): das gesetz, die bestimmung ist noch in kraft,
ebenso in kraft bleiben, in kraft treten, setzen (
gegensatz auszer kraft),
früher auch einfacher gehen: das urtheil soll nach ordnung der gemeinen rechte in seine endliche kraft gehen, das geendete und in kraft ergangene recht. Frisch 1, 541
c als jurist. deutsch, in wirksamkeit treten (
zugleich nach 11,
b); ob dieselbe (
älteren urtheile) auch noch in kraft sollen gehen und gehalten werden?
weisth. 3, 301.
alterthümlich bei Schiller: viel alte wappenbücher schlug ich nach, und alle kundige, die ich befragte, bestätigten mir eures anspruchs kraft. 410
b. II@10@ee)
diesz weiter angewandt auf andere gebiete: diese auslegung gewinnt um so mehr kraft, als doch ... Göthe 39, 157. II@1111)
es weicht mehrfach in benachbarte begriffe aus. II@11@aa)
erscheinung der kraft, wirkung, schon oben wären viele fälle auch so aufzufassen, z. b. kurze red hat blitzes kraft (9,
a): daʒ (
steinbrech) ist an kraft haiʒ und trucken. Megenberg 420, 34 (
s.kalt 3),
und so sehr oft; fucht und kalt bin ich (
planet Venus) mit kraft.
planetenb. d. 15. jh., s. sp. 78
mitte; eaelestis vis, göttliche würkung und kraft. Frisius 1389
a; oder anders es (
das mittel) wird kein kraft noch würkung haben. Fischart
bien. 1588 271
a; dein werk, das zwahr der neid und unverstand vernichtet, jedoch ohn' alle kraft. Rist
Parn. 681; die hitze ist eine kraft (wirkung) des feuers. Rädlein; wegen der vortrefflichen kraft, welche es (
das horn des thieres) wieder das gift ... wirke. Ettner
med. maulaffe 350; wahrheit hat ein redend leben, dessen kraft kein witz ersann. Haller 239; unglücklicher! ist dies nun meiner lehren kraft? J. E. Schlegel 1, 267; es sind nicht immer die vorzüglichsten menschen (
die dämonischen naturen) .. aber eine ungeheure kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche gewalt über alle geschöpfe. Göthe 48, 179; o gott, gib meiner rede kraft! Schiller 427
b. II@11@bb)
ähnlich kraft
für verwirklichung: wann du nicht .. alsbald deinem wort eine kraft giebest.
Simpl. 1, 283, '
nachdruck gibst',
der prahlerei die that folgen lässest; die zukunft werde aber den hrn. (
dän.) ministre überzeugen, dasz er (
Schubart) seinen worten kraft gebe (
seine zusage erfülle, Dänemark schonender zu behandeln).
herzog Carl
in Schubarts leben 2, 346.
so nachdruck: das sind blosze worte, kein nachdruck dahinter. II@11@cc)
fähigkeit, wie kraft zum leben, zum helfen, widerstand, zur that
u. a., widerstandskraft, dauerns kraft
unter 9,
c; s. besonders 3,
d. die kraft zu verdauen, auszutreiben, an sich zu ziehen,
la vertu ou la faculté digestive, expulsive, attractive. Rädlein.
vgl.essende kraft
unter 4,
a, α. II@11@dd)
art, wesen, natur, wie gr. δύναμις,
und wie lat. 'vis et natura'
zu éinem begriffe verbunden werden: wie wahnhaft ihr umwanktet (
vor der aufklärung) der dinge sein und kraft. Voss (1825) 3, 217; lebt' in uns nicht des gottes eigne kraft, wie könnt' uns göttliches entzücken? Göthe 52, 5 (1850 28, 14).
und so schon im 17. 16.
jh.: das lieget nur daran, dasz man die eigenschaft des dactyli recht begreift, und was für ein wesen und kraft in seinen dreien stücken bestehe, recht einnehme. Köhlers
kunst über alle k. 94, 15,
wie sein und kraft
bei Voss; ich verstunde nicht, was das ablas war ... weil ich aller ding nicht wuste was sein kraft were, hette ichs gerne von andern erlernet. Luther 1, 4
b,
eigentliche bedeutung, begriff (
nicht wirkung). Dasypodius
setzt es kurzweg mit als erklärung von natura, 'die natur, eigenschaft oder kraft' 148
a,
und kraft
erklärt er mit natura, efficacia, virtus 367
a.
vergl. oben 'fünfte kraft'
gleich 'quinta essentia' 4,
c, γ.
früher so art. II@11@ee)
dem ähnlich kraft
der wörter, begriffe, d. i. bedeutung, gehalt, wert, wie δύναμις, vis
oder 'vis et potestas': ethimologia, eigenschaft vel kraft des wortz. Melber
var. h 4
b,
genauer '
eigentliche bedeutung',
wahres wesen; verborum vis, kraft und vermögen der worten. Frisius 1389
a.
und nicht blosz in wörterbüchern: vornimt (
d. h. versteht, faszt) man denne der worter kraft nicht, sô wirt betrûbit der sin.
N. Wurm
blume von Magdeburg s. 164,
in einer weisung, die worte des gegners scharf aufzufassen; der bemelte name Schemhamphoras sei dér kraft und wirkung gewest ... Ayrer
proc. 2, 5. II@11@ff)
wert, gehalt, von andern dingen: was wir anjetzund kennen (
vom jenseits), hat weder art noch kraft und ist ein traum zu nennen der rechten wissenschaft. Opitz 2, 118,
wie 'hat keine art',
taugt nichts (1, 572);
vgl. 4,
b a. e. II@11@gg)
stärke, grösze: so rufe ich alle mit unglük betroffene menschen auf den renplaz dises laufs der welt, si mit den kräften meines unglüks dahin (
an) zu halten, das si bekennen, es sei keiner unglükseliger als ich. Butschky
kanzl. 651,
mit meinem '
gewaltigen'
unglück. ähnlich mhd. jâmers kraft
Parz. 92, 6, kumbers kraft 431, 8,
man sehe dazu kräftig 4. II@11@hh)
eigen selbst kraft
kurz für kräftigung: und wartete, bis ihm zur kraft die mutter nudeln (
klösze) gab. Schubart 3, 77 (
der schneider). II@1212)
mhd. galt auch eine jetzt verschwundene bed. menge, fülle, hauptsächlich von einem heere, kriegern, helden, woraus wol diese bed. sich entwickelte (
vgl. 8),
aber auch von gut, reichthum, vorräten aller art, wie lat. copia
und merkw. selbst vis
beides bezeichnet (
z. b. magna vis auri et argenti).
ganz ebenso in beiden bed. mhd. magen,
eig. kraft, und maht (
z. b. Alex. 2942
Weism., livl. chr. 2173. 2181. 2233. 2463, Haupt 11, 497, 192),
sodasz es ganz heimisch erscheint, nicht übersetzt aus dem lat.; kraft
galt übrigens schon ahd. so, auch ags., aber auch nhd. noch in resten im 16.
jh. II@12@aa)
von streitkräften, copiae: Turgöwer mit ir ritterschaft kamen da hin mit ir kraft. Lenz
Schwab. 63
b; wurden die fursten und herren (
acc.) manen und zemen keren (
vereinigen) so gar mit groszer craft. 63
a u. ö. daher heereskraft,
noch jetzt in geltung: er wolt mit heres krafte holen (
abholen) die liebsten tochter sein. Haupt 8, 497; die dorften sich mit höres kraft wider den kaiser setzen. Körners
hist. volksl. 185. II@12@bb)
auch noch von fülle des gutes, reichthums (
vgl. 6,
c): gelts kraft haben.
Katzip. Q 8
b (goldes macht
wunderh. 2, 281); drum sie darusz gelts kraft hand bracht (
gewonnen). Schades
sat. u. pasqu. 2, 222; so wird der allmechtige und rechte erzmacher dir golds kraft und reiche goldseifen bescheren. Mathesius
Sar. 5
b; Ophir, da man golds kraft auszbracht. 18
b; Aser wird ein bergkmann sein und eisen und kupfers kraft machen. 2
b,
u. o., also selbst in prosa noch. daher selbst kraft
schlechthin, gleich vermögen: der alt (
kaufmann) der hett gelebt in groszer kraft und bracht zusammen groszes gut.
Ambr. liederb. 138, 6 (
anz. des germ. mus. 1862
sp. 359);
so noch nnl. kracht
reichthum, vermögen. II@12@cc)
daher selbst noch im vorigen jh. in juristischem deutsch, im Mainzer landr. von 1755
tit. xv § 2 die kräften der verlassenschaft, die kräften der erbschaft
für activüberschusz, das nach abzug der passiva übrig bleibende wirkliche vermögen. II@1313) kraft
umschreibend. Seit der erneuten einwirkung der antiken literatur im 18.
jh. findet sich bei dichtern eine dem griech.-lat. nachgeahmte umschreibung mit kraft,
die doch jetzt wieder zurückgetreten erscheint; freilich kommt auch dabei der geschmack leicht in die klemme, wie bei nachahmern immer. II@13@aa)
auch davon übrigens hatte eigner weise die mhd. dichtung ein selbständiges seitenstück, das noch genauerer beobachtung bedarf, z. b. des alters kraft
Barl. 32, 40
für das alter, der witze kraft
Parz. 117, 27,
starker verstand, klugheit, ungemüetes kraft
g. Gerh. 6576
u. a. (
s. wb. 1, 871
a, 37),
und oft stimmt der mhd. ausdruck genau zu der gr.-lat. umschreibung, z. b. mit der rosse kraft (
anstürmen) Stricker
Karl 7921,
und ganz wie bei Homer daʒ Herwîges ellen
Gudr. 655, 2,
d. i. Herwig mit seiner heldenkraft (
es ist aber eben nicht von einer kraftthat die rede),
wie κρατερὴ ἲς Ὀδυσῆος u. ä. II@13@bb)
und das musz sich ins 14. 15.
jh., vielleicht länger fortgesetzt haben; ich habe nur ein unsicheres beispiel aus dem 15.
jh. (
doch s. auch Grob
unter 15,
b am ende): hat er des weines kraft genossen, so streit er knlich.
altd. bl. 1, 410,
es könnte auch nach 12 '
menge'
gemeint sein, obwol da vielleicht nach mhd. art die kraft
gesagt wäre. lateinischem vorbilde ist ähnliches bei den dichtern des 17.
jh. zuzuschreiben: wie wenn das wetter blitzet ... die steinern' eiche spällt, der fichten kraft zerbricht. Fleming 197 (182
Lapp.). II@13@cc)
aber der bewunderung des homerischen umschreibenden ἴς,
βίη,
σθένος,
μένος mit gen. entstammt folgendes. II@13@c@aα)
von helden, kräftigen menschen, thieren u. ä.: so lang des vaters kraft vor Troja stritt. Göthe 9, 38 (
Iphig. 2, 2); ihm antwortet die heilige kraft des inselgebieters. Kosegarten
poes. 1, 129; herrschte die heilige kraft des helden Ritogar. 2, 8,
das ist eben nicht mehr deutsch, sondern griechisch in deutscher verkleidung, wers voll genieszen, ja verstehn will, übersetzt sichs in gedanken in ἱερὴ ἴς ...; als die hohe kraft von Ilios umlagert stand und fiel. Göthe 41, 191 (
Faust 2.
th., 3.
act); abgemessen knüpften sie drauf an die wage mit saubern stricken die rasche kraft der leicht hinziehenden pferde. 40, 283 (
Herm. u. Dor.); wahrlich, wäre die kraft der deutschen jugend beisammen an der gränze ... 40, 268,
das stimmt zugleich ganz zu dem gebrauch unter 12; zu ihm hinauf gesandt hab ich alsbald des raschen boten jugendliche kraft. Schiller 508
b (
braut v. Mess.). II@13@c@bβ)
aber auch von dingen, auch solchen die nicht unmittelbar uns das bild einer kraftäuszerung vorführen, in der wir ihr wesen fassen können: reich uns des erzes kraft, spitzig, nach hinten breit (
d. i. ein speereisen). Göthe 40, 385 (
Pandora 1); sie hat der leier zarte saiten, doch nie des bogens kraft gespannt. Schiller 58
a; des herrlich nickenden kornes, das mit goldener kraft sich im ganzen gefilde bewegte. Göthe 40, 266 (
Herm. u. Dor.); links die kraft des regen (
bewegten) weizens. Kosegarten
poes. 1, 93; unter des grünen blühender kraft naschen die bienen summend am saft. Göthe 1, 90 (
frühzeitiger frühling, um 1800); angesiedelt an des hügels kraft. 41, 321; von hoher eichenkraft umlaubt. 41, 148. II@13@c@gγ)
in folg. stimmt die wendung mit einer an sich natürlichen auffassung überein: jetzo mit der kraft des stranges wiegt die glock' mir aus der gruft. Schiller 80
a; und wüthend mit des schweifes kraft hat es zur erde mich gerafft. 66
b.
zu mhd. wendungen aber, wie ungemüetes kraft, jâmers kraft,
stimmt schmerzes kraft
für gewaltiger schmerz bei Schiller: da weint ich nicht, nicht in unmächtgen thränen gosz ich die kraft des heiszen schmerzens aus. 527
b (
Tell). II@1414)
biblischen anlasz hat kraft
für erzeugnis der kraft. II@14@aa) kraft
für kind der kraft (
vgl. 11,
a): derselbe ist seine erste kraft, und der ersten geburt recht ist sein.
5 Mos. 21, 17; Ruben, mein erster son, du bist meine kraft und meine erste macht.
1 Mos. 49, 3; daneben war ich die erste kraft meines vaters.
der arme mann im Togg. 7. II@14@bb)
ähnlich heiszt die frucht die kraft
des baumes: eszt ir von dises holzes kraft (
sagt die schlange zu Eva), als götter wert ir wissenhaft. Schwarzenberg 99
b, wie Menas (
eine mänade) etwan thut, die laub und kraft der reben (
wein) ganz ümm und in sich hat. Fleming 106 (177, 41
Lapp.). II@1515) kraft
mit gen., gleich einer praeposition gebraucht. es ist, wie oft, nichts als kürzung einer wendung mit praepos., z. b. 'ende 13. jh.'
aus am ende, wegen
aus von wegen, laut
aus nach laut,
vgl.trotz,
inhalts u. a. II@15@aa)
mhd. war von
bei kraft
beliebt, z. b. suln die daran erwinden (
am rauben und stehlen), daʒ muoʒ (
kann nur) geschehen von starker galgen kraft. Reinm. v. Zweter
MS. 2, 138
a.
auch mit
findet sich, z. b. mit sturmes craft (
eine stadt nehmen)
Wilwolt von Schaumburg 42.
und bei,
s. z. b. bei des rechten kraft
unter 10,
a. am gewöhnlichsten aber sind nhd. folg. II@15@bb) 'durch kraft'
früher gleich stärkerm durch,
mittels (
wie lat. ope): und asz und trank und gieng durch kraft der selben speise vierzig tage.
1 kön. 19, 8; die heiden zum gehorsam zu bringen durch wort und werk, durch kraft der zeichen und wunder und durch kraft des geistes gottes.
Röm. 15, 19; wer samlet gut durch liegens kraft (
durch betrug).
hasenjagd 55; durch meine, nicht durch feuers kraft. Uhland
ged. 382.
Anders im folg., in Grobs
ausreden: hiemit die schützen der eidgnoschaft ermane ich durch liebes kraft, sich z'üben dapfer mit dem schieszen. Haupt 3, 265. 243,
es ist das durch,
das (
wie lat. per)
bei beschwörung, anrufung steht, zu liebes
für liebe
s. sp. 1932
unten kraft
übrigens erscheint da als die umschreibung unter 13. II@15@cc) aus kraft (
auch diesz schon mhd., z. b. ûʒ zornes kraft): actor. 15. gebieten sie (
die apostel) aus kraft des heiligen geists, das man solle meiden götzenopfer. Luther 3, 518
b,
im auftrag, durch ermächtigung, mit vollmacht, vermöge (
nach kraft 6,
a a. e.),
vgl.so musz freilich sein leib da sein im abendmal, aus kraft nicht unsers sprechens, sondern seines befelhs, heiszens und wirkens. 3, 446
a; das im solliche gnad des trostes nit ausz kraft seiner verdienst oder dürres gebettes .. zuogestanden sei. Keisersberg
irr. schaf E 4
a; ausz kraft der genugthuoung und bezahlung Christi. Fischart
bien. 95
a (102
a); ausz kraft der decreten. 1588 49
b. 50
a,
bei Marnix ut de cracht; ausz kraft der segnung. 91
b. II@15@dd) in kraft,
dän. schwed. i kraft (
nl. uit kracht,
franz. en vigueur): verbinden, verpflihten und verstricken uns also hiemit und in kraft disz briefs.
reichsabsch. 1500 B ij
b; der, so wir an unser stat setzen werden, und das gedacht reichs regiment söllen auch gewalt haben, den wir inen hiemit geben in kraft disz abschids. D ij
a u. o.; in craft volmechtigs gewalts.
beschlusz des reichsreg. 1501 2, 92; auch haben wir uns fürgenomen zu verkünden allen und jeden christgleubigen in kraft dieser schrift.
päpstl. bulle bei Luther 3, 93
b; nicht anders denn in kraft und umb des weins willen. 3, 495
b,
vermöge; als werde durch solch sprechen oder in kraft derselben wort etwas sonderlichs aus der taufe (
dem taufwasser). 6, 281
b; so man ritter, ehe und zuvor die schlachten angehen, machet, anderst nirgend umb, dan dasz sie sich vor andern in kraft ihrer ritterschaft wehren und halten sollen. Philander 2, 418 (1650); die nicht durch fleisz und übung politisch worden, sondern in kraft ihres eigenen verstandes. Butschky
Patm. 501; was sie nicht sowol nach dem naturrecht als in kraft älterer verträge zu fordern vollkommen berechtiget waren. Wieland 2, 109 (
Agath. 8, 2); nicht etwa in kraft eines auszerordentlichen scharfsinns.
ders., Abderiten 3, 3 (1781 1, 297),
vermöge; dieser wackere mann hatte sich, in kraft der millionen die er .. gewann, ein prächtiges haus gebaut.
ders. (1857) 35, 22; und stets der liebste, ohn ansehn der geburt, in kraft allein des rings, das haupt, der fürst des hauses werde. Lessing 2, 277; in kraft dieses angemaszten rechts ... gab Ferdinand die entscheidung. Schiller 917
b; was er uns nur in kraft ihrer sendung und salbung mittheilen kann. Göthe
an Zelter 1, 377; wäre er dennoch verbunden geblieben ... laut und in kraft seines ersten eides. Fichte 6, 201.
jetzt fast vergessen über folg., Adelung
nennt es oberd. II@15@ee)
endlich bloszes kraft,
schon im 16.
jh., vermöge, in folge, laut, vermittelst, durch: wie wir ihnen denn hiemit kraft dieses abschieds auch auferlegen und bevelhen ...
absch. des reichstags Augsb. 1566 4
b,
sonst in kraft; das land Schlesien, darinnen eu. fürstl. gnad kraft habender königlichen gewalt das oberhaupt ist. Opitz 1, 461; das wilde meer hat selbst vor dir geeilt, du hast es ganz getrennt kraft deiner werke. 4, 142, so reisz mich aus den ängsten kraft deiner angst und pein. P. Gerhard '
o haupt voll bl. u. w.'
str. 9; wir haben kraft des siegs macht satzungen zu stiften. A. Gryphius 1, 298; drauf spricht er: kraft der kunst, die ich als arzt besitze, bemerk ich hier den durst, ein zeichen böser art. Hagedorn 2, 97; kraft der unveränderlichen gesetze der natur. Wieland 1, 252; erbfolge, kraft deren er nach seines vaters tode den thron bestieg. 3, 119; die gute frau stand in dem ganzen refier, kraft eines manuskripts voll salben und kräutertränken, in groszem ruf. 5, 106; kraft seiner menschenrechte. 8, 277; frau v. Lengefeld mit ihren beiden töchtern und hr. v. Beulwiz aus Rudolstadt werden dir, lieber bruder, kraft dieses empfohlen. Göthe
an Lavater 156,
mittelst dieses schreibens, hiermit; die freiheit des gemüthes, kraft welcher allein die wahre rührung möglich wird.
werke 45, 222; kraft der laute, die ich rühmlich schlug, kraft der zweige, die mein haupt umwinden, darf ich dir ein hohes wort verkünden ... Bürger (
an A. W. Schlegel) 84
a, ich aber künde dir, kraft der gewalt, die mir verliehen ist zu lösen und zu binden, erlassung an von allen deinen sünden. Schiller 443
b; bis sie durch ein versprechen sich gebunden, kraft ihres königlichen arms zu meiner genugthuung den thäter mir zu stellen. 286
a; 'kraft meines amts',
berufung eines beamten, kraft des gesetzes,
ex lege Frisch, kraft meines rechts.
man beruft sich damit auf die kraft
eines gesetzes, rechts, s. 10,
und schon das dort angeführte 'bei des rechten kraft' (15.
jh.)
ist zugleich '
kraft des rechts'.
auch urkunde
war schon im 14.
jh. so gebraucht: so bekennen wir orkunde dissis briefes. Janssen
Frankf. reichscorr. 1, 40,
vom j. 1397. II@15@ff)
früher auch im pl.: in kuniglicher mechtevolkomenheit und kreften ditz briefs.
königl. erlasz von 1385,
Nürnb. chron. 1, 240, 25,
das in
scheint mit zu kreften
zu gehören. II@1616)
bemerkenswert 'kraft schwören': die schwuren craft, macht, leben ... sie welten ... Lenz
Schwabenkrieg 108
a,
wie stein und bein schwören,
für '
bei stein und bein'
; das klingt alt. noch niederrh. 'krütz en kraft schwäre (
nl. kris en kras),
stein und bein schwören'.
Aach. mundart 132.