Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
geselle swM.
1.1 allg.
1.2 näher bestimmt durch den Kontext
1.2.1 bezogen auf Mitglieder der Tafelrunde
1.2.2 in Freundschaftsverhältnissen
1.2.3 ‘Begleiter’ auf Reisen (vgl. z.B. reisegeselle , wëcgeselle )
1.2.4 im Kampf ‘Kampfgenosse’ (vgl. z.B. kampfgeselle , schiltgeselle , wîcgeselle )
1.2.5 bezogen auf Liebespartner ‘Geliebter’ (vgl. z.B. minnegeselle , slâfgeselle , trûtgeselle swF., swM. )
1.2.6 in Rechtszusammenhängen
1.2.6.1 in einem Gremium, z.B. Fürstenkollegium, städt. Rat (vgl. râtgeselle )
1.2.6.2 ‘Teilhaber’
1.2.6.3 ‘Komplize, Mittäter’
1.2.7 Tiere als Begleiter des Menschen
1.3 verhüllend für ‘Penis’
1.4 pejorativ, ironisch
1.5 bezogen auf das Miteinander von Tieren, Pflanzen etc.
1.6 bildl.
2 selten in deutlich hierarchischem Bezug ( geselle als Begriff des Handwerks setzt sich erst später durch, vgl. 2 HRG 2,282-286)
3 sprichw. (vgl. TPMA 4,413-426)
1 meist unter Gleichberechtigten (oft in der Anrede), ‘Gefährte, Begleiter’ (auch als Teil des ritterlich/ adeligen Gefolges) 1.1 allg.: dîe síh ána zúcchent. daz sîe dîna geséllen sîn. unte sínt ábo dîna uîende Will 13,11; die triwe hat vil groze kraft / under ungesippen gesellen Rennew 13695; mvest dv dich niht avch derbarmen dines gesellen [ conservi tui ] als ich avch dins derbarmick bin EvAug 44,10; die ime gerne wâren undertân, / die wolde er doch ze gesellen hân StrDan 65; her Remus da, / der kvnic von Sytenenia. / sine gesellen waren wol gezogen, / siben grafen, vier herzogen, / manic ritter milde Herb 4007; jung und alt sin nút verdros / und hettent bi im froͤde gros. / dar umb hett es gesellen vil / nach loͮffende mit kindes spil WernhMl 4669; sus si Tristan geleitet / ze hove [...], / mit allem sînem dinge / sînen gesellen ebengelîch, / ebenziere und ebenrîch Tr 4989. – únser herre wil alle únser arbait mit úns tragen und wil des rainnen mentschen geselle sin in allen sinen arbaiten PrGeorg 26,11. 61,5. 211,32; ‘wol dan, gotes gesellen [Kreuzritter] !’ / sprach von Tolus der byshof Rennew 13946; ich truwe des taufes gesellen [bezogen auf christl. Kämpfer] , / sie helfen mir daz paradys / ervehten ebd. 13746. – [Gott sagt] var hin, Luzifer, in dei helle / mit allen dînen geselle PassSpW 33; [Luzifer ruft] wol her gesellen / alle aus der helle ebd. 36. – darumb wil ich mit uch geselle sin an der suchung Lanc 576,32. 589,26. – in Absetzung von anderen Bindungsverhältnissen: wanu liebe gesellen, / wanu frunt unt mage? Rol 3184; Parz 680,19; UvZLanz 6313; geselle und geswistergit, dis roten fruht hat dir din frúnt und din himelscher herr gesendet Seuse 31,33; sie waren alle verzaget, / sine gesellen vnde sine geuerten Herb 12491; sîn geselle Riwalîn / âne ander ingesinde sîn Tr 657; gespilen unde gesellen ebd. 16431; im was manic ritter komen, / muotwillære [Freiwillige] und gesellen UvZLanz 2829; ich pin für ungevelle / iwer geleite und iwer geselle, / für ungelückes schûr ein dach / bin ich iu senfteclîch gemach Parz 371,6; ir wart myn gut geselle und myn meister [Lehrer] Lanc 175,15. 481,20 1.2 näher bestimmt durch den Kontext 1.2.1 bezogen auf Mitglieder der Tafelrunde: dar kâmen vünf vürsten rîch, / gesellen der tavelrunder Wig 11412; ir herren, die gesellen heißent von der tafelrunde Lanc 496,25. 543,18 u.ö. 1.2.2 in Freundschaftsverhältnissen: wir werden noch guͦte gesellen. / mit umbeslozzenen armen / si chusten ein ander Rol 2218; do klaugete Achilles / Patrocun [Hs.] sinen gesellen Herb 6075; in welher wîse der mensche mac nemen, als im gebürt, zarte spîse und hôhiu kleit und vrœlîche gesellen, als im die anehangent nâch gewonheit der natûre Eckh 5: 255,5 1.2.3 ‘Begleiter’ auf Reisen (vgl. z.B. reisegeselle , wëcgeselle ): sîme wekvertigen gesellen unde sîme wirte, dâ he gerherberget ist, unde sîme gaste [...], deme sal der man helfen SSp(W) 3:78,7; gwinet mir gesellen, / die mit mir faren wollen Herb 2221; Parz 721,9; welch man durch aventür in fremde lande stafft, / der prüfe den gesellen und geselleschaft / uf spil, uf langen wegen, in engem huse Mügeln 64,2. – bistû sô tump, geselle, / daz du wænest, daz ich welle / mit dir gân in den tôt? RvEBarl 4877 1.2.4 im Kampf ‘Kampfgenosse’ (vgl. z.B. kampfgeselle , schiltgeselle , wîcgeselle ): do erhalte sich der biscof: / uf spranger inoch / zehelue sime gesellen Rol 6671; Hagen unde Gelpfrât ein ander liefen an. / des hulfen ir gesellen, daz in wart strîten kunt getân NibB 1611,4; in selben und sîne gesellen / die sîne schilde [Schilde mit seinem Wappen] truogen, / diene kunde niht genuogen, / swaz si der heiden valten Wh 406,2; Rîâl, der künic von Jeraphîn, / er und die gesellen sîn / punierten under der vînde schar Wig 11086 1.2.5 bezogen auf Liebespartner ‘Geliebter’ (vgl. z.B. minnegeselle , slâfgeselle , trûtgeselle swF., swM. ): vrowe, [...] diu zwei wort [...] / friunt und geselle, diu sint dîn, / sô sî vriundinne unde vrowe mîn [des Minners] Walth 63,30; got willekomen, herre, / mîn friunt, geselle, lieber man KLD:UvL 36: 1,2; KvWLd 15,39; Tr 14621; sus vuorte si mit minnen / ir gesellen an guot gemach, / dâ im allez guot geschach Wig 5244; si wurden gesellen, / als in diu minne geriet UvZLanz 4672. – auch bezogen auf den Ehepartner ‘Gatte, Ehefrau’ (vgl. êgeselle ): swâ man unde wîp, / habent guot unde lîp, / schœne sinne unde jugent, / [...] / werdent diu gesellen / diu kunnen unde wellen / ein ander behalten Iw 8143; ze hern Îwein sprach sî dô / ‘geselle unde herre, / ich gnâde dir vil verre / unsers werden gastes ebd. 2665. 2339; einen mantel truoc si [Japhite] zobelîn, / bedaht mit einem pfelle, / den hêt ir ir geselle [Roaz] / verre brâht über sê Wig 7433. – auf Frauen bezogen (vgl. geselle1 swF.): er wolte di sculde wellen / an Even sinen gesellen VMos 8,25; der sande dô zetal / nâch des kuniges gesellen: / sîner swester gellen [Nebenbuhlerin] , / die hiez er füern von dan Ottok 74485; er hiez einen hafen pringen / und darin pley gewinnenn / und das darin wellenn, / und hiez den gottes gesellenn [die Hl. Juliana] / in dye walle des pleyes seczenn Märt 3148; kum, fraw zart, kum, fraw, kum, [...] oder schatz von mynem hertzen / [...] lose mich von der marter! / ey truter geselle zarter, / [...] bis gein mir barmhertzig! Minneb 2618; Parz 44,16; Wig 7706 1.2.6 in Rechtszusammenhängen 1.2.6.1 in einem Gremium, z.B. Fürstenkollegium, städt. Rat (vgl. râtgeselle ): siben vürsten berieten sich mit den andern herren; si sprachen alle, si wolten in’s gewern, also daz si daz riche mit einander heten unde gesellen dar ane wæren BuchdKg(M) 190,32; mich habent flîziclich / die fursten her geladen [...] / zeinem tac, den die gesellen / durch des rîches nôt haben wellen Ottok 70908; SchwSp 63b; vnde wir [...] gin des, dat wir ratlude warin vnde eyndreichtich wordin bit vnseme obirmanne [...] duͦsir beschribenin muͦtsuͦnin [...] vnde hain vnse jngesigille [...] an dusen brief gehangin [...] jch Ernest vnde Thomas, wan wir jngesigille nit enhain, so lazin wir vns genuͦgin bit vnsir gesellin jngesigille UrkCorp (WMU) N282,13 1.2.6.2 ‘Teilhaber’ das wir haben erloͮbit Burchart dem Tvrner, Heinrich Wolleben, [...] vnd allen iren gesellen ze den silberbergen ze Sukendal [...], das si einen graben mit wasser ze den selben bergen vuͤren UrkCorp (WMU) 658,24; sucht euch einen andern gesellen / der mit euch kunne bestellen / und mit euch in die grube varn ErzIII 56,485; PrBerth 1:216,23; ein iglich vischer der marcht reht hat. gibt zu sent Merteins messe ein schilling pfenning. hat er ein gesellen der gemein mit im hat, der gibt als vil RbHohenlohe 30; StRAugsb 222,26; UrkCorp (WMU) 1169,3 1.2.6.3 ‘Komplize, Mittäter’ sprichet aber er, er si sin geselle dran [beim Diebstahl] , vnd er hieze in ez stelen SchwSp 105a; gesellen drey / chomen gegangen an ein stat / da sew phlagen missetat Teichn 321,56. 686,64; wenn daz unkrût übergât / daz guote, wenn der bœse hât / gesellen: des muoz schaden hân / beide vrouwen unde man Boner 10,37; PrNvStr 273,34 1.2.7 Tiere als Begleiter des Menschen: lewe, mîn geselle, stant an den rucken mîn: / ich wil unz an mîn ende dîn nôtgeselle sîn WolfdB 723,3; gar michel unde kreftic was / der selbe wunneclîche hunt. / [...] / sus wart er mîn geselle / und ich zehant der sîne dâ KvWPart 17878. – Trieg [der allegorische Hund] ist ein valsch geselle / und kan sich doch erzeigen / als ob er helfen welle / geselliclîche und dienen gar für eigen Hadam 450,1; MinneR505 352 1.3 verhüllend für ‘Penis’ dô sich nu diu minne niht lenger mohte verheln, / do begund sich sîn geselle vil bald her für steln WolfdB 87,4; ich greif an ir hendelîn, / ouf riht sich der eilfte vinger mîn: / ich fuͤrte sie in mîn zelle, / ich sprach, iz wêre mîn geselle PassSpW 228 1.4 pejorativ, ironisch: swer vaste nu getrinken mac / die langen naht biz an den tac / und dem der lîp wirt nimmer wan, / der ist ze der werlde ein frumer man / und heizet ein guot geselle Renner 10307; daz man arm lauͤt da speiz, / schuller, phaffen, ander gesellen, / alle dw ez nemen wellen Teichn 171,5 1.5 bezogen auf das Miteinander von Tieren, Pflanzen etc.: diͤ viol muͦz sin der liljen geselle, / dat si der stolzheit wint niͤt’n velle MarlbRh 127,39; die zugochsen habent ain grôz sänftikait zuo irn gesellen BdN 159,26; nieman kan des sumers wunne volzellen. / schœn sint sîn gisellen, / vîol, rôsen, bluomen, klê, / boume bluot, loup, gras SM:Had 29: 1,8 1.6 bildl.: des rôten rîters ellen / næm den prîs zeime gesellen Parz 278,26; sîn manheit hete grôzen zorn / ze gesellen vür hôhen muot erkorn Wh 317,20; zucht, tugent, trew und wârhait sint auz der welt gevarn und habent vier swær gesellen hinter in gelâzen: unzucht, untugent, untrew und valschait BdN 319,24; die wile ein man in des gelückes spiegel sehe, / ich rate, er spehe, / wie sich darin gestelle / siner sicht geselle [sein Spiegelbild] Frl 5:89,4. – in Genitivkonstruktion: si heten sich selben uertailet, / alle di der untriwen geselle waren Rol 8997; durch dine vröude bidden ich dich: / gesel diner vröuden mache mich! MarlbRh 40,18. – swer nu des hasen geselle sî [sich wie der Hase aufführt] / und ûf der wortheide / hôchsprünge und wîtweide / mit bickelworten welle sîn Tr 4638 2 selten in deutlich hierarchischem Bezug (geselle als Begriff des Handwerks setzt sich erst später durch, vgl. 2HRG 2,282-286): Remus [...] waz ain armer dienstman. / Remulus in ze gesellen nan. / er ward im under tenig genüg GTroj 24952. – meist ‘Hilfsgeistlicher, Gefährte eines Geistlichen’ vnd sint des gezv́ge [...] her Herman, her Chvͦnrat von Brugge, des tegans gesellen UrkCorp (WMU) 1180,27; vnd swer dizen briefe leze, der pharrer ald sin geselle, das der bitte min ebd. N678,22; her Henrich eyn prior zu dem male zu Keppil unde her Reynhart sin geselle UrkSiegen 92 (a. 1319); alle die pfaffen und ir gesellen, di zu demselben gotshaus gehörent, si sein wertleich [l. werltl ] oder gaistlich UrkEnns 6,240 (a. 1337) 3 sprichw. (vgl. TPMA 4,413-426): wir haben gehœret lange wol, daz man den man bî sînem gesellen dicke erkennen sol RvZw 183,2; des gesellen ger ich nicht, / der vâret, ober mich strûchen siht, / daz er mich nider drucke / und niemer ûf gezucke Freid 64,8; nû wizzet, daz gesellen drî / vor hazze niemer werdent frî ebd. 63,22; wizzet daz gesellen drî / von hazze nimmer werden frî Renner 14543; swer den man erkennen welle, / der werde sîn geselle Freid 64,4; du hâst doch vil gehoeret, / daz man von boesen gsellen dicke sieche Hadam 279,6
MWB 2 553,22; Bearbeiter: Diehl