FAUL adj. ahd. fûl,
mhd. vûl.
mnd. vūl;
mnl. vuul
, nnl. vuil;
afrs. fūl;
ae. fūl,
me. ne. foul;
an. isl. fúll,
norw. dän. schwed. ful;
got. fuls
sind eine l‐
bildung zu der idg. wz. *pū̆‐
‘faulen, stinken’. 1
in zersetzung befindlich; von organischen substanzen. a
in verwesung, gärung geraten sein (und dadurch verdorben): 863/71 ‘druhtiu’, quad thiu suester, ‘ther lichamo ist ju fuler/ (bi thiu zelluh thir iz er), ist fiardon dag bigrabaner’ Otfrid
III 24,83 E. ⟨1150/80⟩ wir suln daz obez teilen:/ wirt ir einez drunder fûl,/ ez bringet uns daz ander ze leide Spervogel
3129,25 MF. ⟨1264⟩ sô ir niht mêr zuo valscheit müget getuon, sô kêret ir dem apfel unde der birn daz fûle hin under unde daz schœne her ûz
(bearbeitung) Berthold v. Regensburg
1,17 P./S. ⟨1349/ 50⟩ ez sprechent auch die maister, daz allerlai geprâten piren gesünter sein denn rôch und gesünter geprâten wan gesoten, und die lang gelegen sint, alsô daz si niht faul sint, die sint gesünter wan die frisch von dem paum koment Konrad v. Megenberg
b. d. natur 341 P. ⟨u1445⟩ wann der valckner den valcken gebadet hat, so sol er sich hütten, das er in nit stelle vff ain faules holtz oder stangen, wann dardurch möcht er vergifftet werden Mynsinger
falken 29 LV. ⟨v1510⟩ zům vierden so behalt das gesaltzen wasser das fleisch, dz es nit faul würt Geiler
pater noster (1515)M4d. 1565 auß dem keiben oder faulem fleisch der abgestorbnen rossen wachsen die waͤspen Heyden
Plinius 218. 1627 die mägde aber vnd dienstbotten die solche sünde begangen, die haben sie heimlich mit ruhten gestriechen vnd mit faulen eyern vnfletig gemacht Piderit
chr. Lippiae 1,98. 1677 der beweißthum aber ist nicht einer faulen bohnen werth Frische
polygamie 12. 1731 so ist acht zu haben, daß das unreife, faule und wurmstichige obst, als spillinge und mancherley andere früchte, die der gesundheit zuwider, von den land=leuten nicht auf den marckt gebracht .. werden Rohr
bürgerl. recht 514. 1786 verdorbenes faules fleisch, ist schädlich Schwabe
stadt-physikus 1,109. ⟨1831⟩ an der luft erhitzt, verbrennt das selen mit röthlich-blauer flamme und verbreitung eines durchdringenden geruchs nach faulem rettig Wöhler
grundriss (1833) 131. ⟨1876⟩ das faule fleisch wird ausgeschnitten werden C.
F. Meyer
10,32 Z./Z. 1901 es ist eine fettige, ekelhafte schlammmasse, die .. schlimmer riecht als faule eier Bonne
gewässer 42. 1976 ich lief auf den händen und warf das laub in die höhe, das faule, das duftende winterlaub Kipphardt
März 88. b
stinkend, von verwesung, gärung zeugend: 9.jh.
funesto .. fulemo
ahd. gl. 2,15,14 S./S. ⟨v1209⟩ ein wint;/ der sluoc den nebel vaste nider/ in daz vûle wazzer wider Wirnt
6868 K. ⟨1338⟩ wan dis swevels vuler dunst/ so gar verbrant diz ertrich hat
Hiob 10710 DTM. ⟨u1445⟩ die würm wachsent in dem pferd von bösem fůter, so man im darzu nit gnug zu trincken geit, oder so das wasser auch bös ist vnd faul, davon das pferd trincket Mynsinger
falken 79 LV. 1530 wenn einem vollen muͤnch der bauch kurret odder einen faulen wind faren lies Luther
w. 30,2,383 W. 1581 ein solch sauwerwasser .. gewinnet in kurtzer zeit ein faulen stinckenden geschmack Tabernaemontanus
wasserschatz 5. 1643 durch ansteckung solcher nationen, die mit jhrem stinckenden faulen athem den vmbschwebenden lufft vergifften Freytag
melancholia 99. 1658 es seyn auch daselbsten bedee see .. von faul und schwartzlechtem wasser, daß die fisch darvon sterben Welsch
reiß-beschr. 91. 1716 wiewol alle in der pfannen zugerichtete eyer gar wenig zur gesundheit nützen .. in galle sich leicht verwandlend und faules aufstossen verursachend Marperger
küch- u. keller-dict. 292a. 1752 dieß reiniget die luft in brüchen dicker wälder,/ und allen faulen dunst der wiesen und der felder,/ den mist und schlamm gewährt Scheibel
witterungen 98. 1817 das wasser schmeckt sehr salzig, aber nicht faul Goethe
I 31,157 W. 1858 alles wasser in den cisternen ist faul und trübe und kaum zum essen und kochen tauglich Allmers
marschenb. 61. ⟨1937⟩ er hatte .. einen faulen geschmack auf der zunge Seghers
ges. w. (1951)3,24. c
eitrig, brandig, entzündet: ⟨v1022⟩ mîniu uuuntmâle uuurten fûl Notker
3,1,224 ATB. ⟨u1160⟩ iz ist ein tranch der uûlin inâderen
st. trudperter hohes lied 6,11 M. ⟨1349/50⟩ wer den sâmen trinkt mit ezzeich, dem benimt er den zantsmerzen und rainigt im die zend und daz zantflaisch von dem faulen pluot und von anderr unsauberkait Konrad v. Megenberg
b. d. natur 420 P. hs.14.jh. gamandrea gestozen vnde mit honige getempert subert de vulen wunden
in: Sudhoff
beitr. gesch. chirurgie (1914)2,439. 1542 auch denen so zur wassersucht genygt seind, oder stettigs faule magen febres haben, soll man dises wassers zůtrincken geben Ryff
apoteck (1541)2,132b. ⟨1576⟩ diß wasser .. ist auch gut fuͤr ander boͤse faule schaͤden Philomusus anonymus
horn (1595)G1b. 1604 hastu den safft nicht, so seude nur das kraut in wein vnd wasche die wunden oder faule scheden damit Colerus
oecon. 4,146. 1660 im martio gieng ein seuch vmb, daran sehr viel personen kranck lagen, vnd fast kein hauß verschonet wurde, starben zwar nicht gar viel, war ein art eines faulen fiebers Schorer
memminger chr. Bb1a. 1715 ein gut gurgelwasser zu mund= und hals=geschwüren, wie auch zum faulen zahnfleisch Amaranthes
frauenzimmer-lex. 1893. 1778 solchergestalt wird der gefahr fauler krankheiten auf zwiefache art vorgebeugt Forster
reise 1,34. 1802 ueberall in den dörfern, vorzüglich wo infanterie lag, fanden wir durch faule fieber, wie man sie nannte, ganze familien ausgestorben
reminiszenzen feldzug am Rhein 98. 1917 der eiterfraß umrändert schwarz die faule/ wunde in ausgebrannter städte rauch Hasenclever
tod 84. 1974 dann sagen sie: pardon, das ist faul, das muß alles raus Muschg
Albisser 40. 2
träge. a
bequem, einer tätigkeit, arbeit abgeneigt: ⟨u1194⟩ er wart der fûlest, der ie wart,/ âne muot und âne maht Ulrich v. Zazikhoven
3694 H. ⟨u1230⟩ müezekeit hât daz reht,/ si machet manegen fûlen kneht Freidank
249,8 G. ⟨1386⟩ es spricht Ambrosius in seiner episteln einer, der muͤssig gat faul vnd traͤg ist an goͤtlicher uͤbung dem gibt got sein ewig reich nÿmmer Otto v. Passau
(1480)114a. ⟨u1450⟩ so bistu ful und freßig/ und dar zu win-meßig
rhein. ostersp. 677 R. 1533 wo man sich mit fleiß vor hitz und kelten verpauet, würden faul weich leut, die nichts leiden möchten, weder hitz noch kelten, weder sumer noch winter Turmair
4,80 ak. ⟨1563⟩ ein fauler muͤssiggenger ist mit jhm selbs nicht eins, weyß nicht was er wil fuͤrnemmen
theatrvm diabolorum (1569)418b. 1638 sind nicht christliche potentaten .. sehr sorgfältig gewesen, den mißbrauch der kirchengüter, durch die faulen vnnützen mönche, pfaffen vnd nonnen eingeführet, abzuschaffen
mon. sepvlcrale 109. 1673 weil die Spanier faul weren und keine lust zur arbeit hetten
Dapper, n. welt 468a. 1739 die kälte macht einen cörper hurtig, die hitze der sonnen aber faul, gute speisen und tranck reitzet zur wollust Kindermann
reise 50. 1769 die einwohner des landes .. werden insgemein als faule und wollüstige leute beschrieben Schröckh
handlungs-wiss. 1,358. ⟨1849⟩ der mensch hat auch ein recht darauf mit unter faul zu sein oder zu scheinen, und sich, wie er will, gehn zu lassen J. Grimm
kl. schr. (1864) 1,240. 1871 was wollt ihr faules, verlaufenes gesindel in der fleißigen, gesegneten reckenburger flur François
Reckenburgerin 1,55. 1914 der üble zustand auf der universität, wo der faule student in der facultas artium sich viele jahre lang mit der prima pars Alexandri herumschlug
Sachsens vergangenheit (1910) 2,55. 1994 es ist früh am morgen, die liebenden liegen faul auf ihren lotterlaken, und plötzlich schimmert ein lichtstrahl durch den vorhang
frankf. allg. ztg. 269,B5. – nicht faul
tatkräftig, entschlossen: A15.jh. Bertschi sprach; er was nicht faul Wittenwiler
1430 DLE. 1527 zwar man findet vber alle masse grobe bose leute so ist der teuffel auch nicht faul Luther
w. 23,368 W. 1563 graff Adolph aber war nicht faul, sondern begegnet jhm als er kam Faber
Saxonia 159a. 1612 die Römer waren auch nicht faul, schickten jhren hauptman Marcum Valerium Levinum mit etlichen schiffen auff dem meer aus Megiser
chr. Khärndten 1,68. 1664 der vater war über diesen unverhofften fall seiner tochter nicht faul, sondern lieff geschwinde hin zum priester, ümb der schande vorzukommen Rihlmann
staats-sachen 133. ⟨1740⟩ sonst sagt das weib nicht faul:/ du nar, halt du das maul Lindenborn
Diogenes (1742)1,108. 1756 die maurer waren nicht faul dabey gewesen
leipz. avanturieur 1,88. 1822 wir gingen hinter weinbergsmauern hin und her, durch sie geschützt vor den kugeln, welche herauszusenden die belagerten nicht faul waren Goethe
I 33,31 W. ⟨1876⟩ als Jan weg war, setzte sich Knipperdollinck, nicht faul, auf den königsstuhl und sprach gravitätisch zu der menge Scherr
größenwahn 114. ⟨1917⟩ und der nicht faul, verlangt sofort seine pension Sudermann
rom. I (1921)6,177. 1963 Matern, nicht faul, gibt seinerseits geschichten zum besten Grass
hundejahre 21640. –
phraseologisch auf dem faulen polster sitzen, der faulen haut, seite liegen: 1523/4 das du priester werdest, das du andern menschen nutz seyst, mit gůtter predig, mit mitteylung der sacrament andern nutz tzů seyn, nit auff dem faulen polster sitzen
flugschr. ref. 1,149 C. 1644 lege dich auch nit vff die faule seite, sondern arbeite, vnd thue was dir von gott befohlen ist Hörnigk
würg-engel 255b. 1652 weg mit solchem der nur lieget/ auf der faulen schlüngelbank! Neumark
lustwäldchen 102. 1736 so legt der knecht sich auf die faule seite Kottwitz
ged. 26. 1787 aber Nelkron sagte, der mensch legt sich mit leib und seele so gern auf die faule haut Pestalozzi
3,461 B. ⟨1854⟩ wenn am winterabend faul der/ hausherr auf der faulen haut lag Scheffel
5,38 P. 1912 dabei war es jedoch nicht die absicht, daß man den winter über auf der faulen haut liegen sollte
Amundsen, Südpol 1,368. 1995 wer sich aber ein leben lang auf die faule haut gelegt hat, muß mit 50 schon fast ein krafttraining aufnehmen, um überhaupt noch etwas zu bewirken
frankf. allg. ztg. 183,6. b
von müßiggang erfüllt, bestimmt: 1396 item die metzger sont in den ful manoden kain flaisch lenger vail han denn von ainer nôn zit untz ze der andren
obschwäb. stadtrechte 1,152 M. ⟨1525⟩
stecken sich zu hauf in ein closter und die gemein muss sie erneren, fressen, saufen und haben faule tage
akten bauernkrieg Mitteldtld. 2,747 M./F. 1554 er mocht nit wercken, hat fauler tag, fressen und sauffens gewonet Wickram
2,44 LV. ⟨1611⟩ die schüler auff die hundstag sehen/ da sie nicht in die schule gehen/ und dürffen die zeit lernen nicht,/ das macht der faule lentz sie sticht Spangenberg
anbindbr. 196 LV. 1664 von solchem leben weiß ein reicher nicht zu sagen,/ der nur in üppigkeit und lauter faulen tagen/ die liebe zeit zubringt Rachel
ged. 62 HND. 1712 wir hatten also wieder gute faule tage, biß in den april, da wurden die schiffe fertig, und zum marschiren die trommel gerühret
reisebeschr. dt. beamte 12,122 N. 1770 eben diese art zu philosophiren hat auch den grund zu dem faulen leben gelegt, welches hernach so viele und so zahlreiche heere von mönchen geführt haben
Mosheim, kirchengesch. 1,227. 1868 da kam der krieg, alles ging faul – kein handel, kein geschäft – faule zeiten
skizzen feldzug 1866 77. ⟨1914⟩ und gott gebe uns ein paar rechte kerle, damit wir über diesen faulen vormärz hinüberkommen, in einen richtigen frühling hinein Tucholsky
1,170 G.‐T./R. 3
schlecht; von DWB21
her, nicht immer klar von einer bildlichen verwendung zu trennen. a
zweifelhaft, (moralisch) verdorben: ⟨1277/87⟩ koninc Ezzel den ir da halden seit/ mit sinre voilre boeser deit,/ hait mir gegeven vrist unde stunt/ dat ich’t uch allen maichen kunt
(Köln) chr. dt. städte 12,29. ⟨A/M14.jh.⟩ kumment, ir lieben, alle her, die do gestecket und gevangen sint umb alte schulde der fulen suͤnden Seuse
493 B. hs.u1485 nein, du hest nit recht gerett:/ dar vmb man dich geschlagen hett./ din sachen sind so öd vnd ful
donaueschinger passionssp. 180 DLE. 1543 ah, herr gott, welch ein fauler, loser, nichtiger behelff und ausflucht ist das Luther
w. 53,443 W. ⟨v1565⟩ der ehren werd helt er weder seine widersacher noch jre faule einrede Mathesius
hist. Christi (1568)1,87a. 1644 also ist das eine kahle, faule, heydnische entschuldigung: wir können nicht Hoburg
krieg 253. 1672 nach vielen unnützen und faulen geschwätze Aulander
gesichte 1,45. ⟨1721⟩ zwar darf der gegner noch mit deiner großmuht zanken,/ und ihrer gütigkeit mit fauler läst’rung danken
poesie d. Niedersachsen 1(1725)53 W./K. 1798 etwas ist faul im staate Dänemarks A. W. Schlegel
Shakespeare (1797)3,175. ⟨1844⟩ o die vernunft ist aberwitz geworden,/ die ehre faul, die hoheit niederträchtig Rückert
ges. poet. w. (1868)10,64. 1870 eine krisis wird freilich eintreten, wenn die neutralen sich eifersüchtig zusammentun, um einen faulen frieden zu diktieren Siemens
lebensbild 2,330 M. 1918 trotz der gegenseitigen unbelehrbarkeit über die reinheit des eigenen gewissens und die faulen absichten der anderen vertrugen wir uns aber ganz gut miteinander Pochhammer
fahrt 240. 1998 die befürchtungen, daß an der sache etwas faul sein könnte, werden zerstreut
frankf. allg. ztg. 108,42. b
geringwertig: ⟨1320/40⟩ solde schandenflec mit schœnem lip/ und vulez garn bi side,/ .. wonen und beliben? Egen v. Bamberg
1,159 M. u1477 gee hin und kouff uns das aller böst und das fülist, das du findest, zu dem nachtmal Steinhöwel
Äsop 54 LV. z.j.1517 das eyss begab sich nahenndt faull zu werden
font. rer. austr. I 1,114. ⟨1645⟩ man macht diser zeit so faul papyr (villeicht auß mangel guter lumpen) daß einer das radieren nothwendig vnderlassen muß Talitz
reyszgespan (1663)138. ⟨1663⟩ jeder krämer .. seine faule wahr lobet Schorer
medicina (1677)89. 1700 so schwimmet im kessel die faule kohle oben Gruber
fortification 2,148. 1795 ist zu antworten, daß man
(beim kupferstechen) richtigkeit und fleiß der zeichnung mit der schönheit des stichels verbinden muß .. wenn man sich ihnen auch nicht ganz überläßt, und das hauptverdienst nicht ganz darein sezt, welche die arbeit oft faul und ohne leben macht Gütle
kupfer stechen 1,202. 1888 der eine kommther um seinen faulen wein an den mann zu bringen, der andere möchte die hypothek nicht gekündigt sehen Kretzer
Timpe 122. Arbeitsstelle/Peperkorn