weiser,
m. ,
mhd. wîsære, wîser
mhd. wb. 3, 762
b, Lexer 3, 936,
vgl. ahd. wîso (
s. auch zu weisel);
mundartlich nd. u. md. verbreitet, vor allem in der bedeutung '
uhrzeiger',
seltener als '
wegweiser'
; wie weisel
zu 1weisen,
den beiden bedeutungsrichtungen von weisen
entsprechend einer der etwas zeigt, anzeigt, '
zeiger',
und einer, der lenkt, führt leitet, '
führer'
; seit dem spätmhd. bezeugt, eigentlich und übertragen. 11)
nach 1weisen A
als '
führer, anführer, leiter, lehrer'. 1@aa)
der führer, anführer einer gesamtheit oder einzelner, s. auch die vom weiser (= weisel)
der bienen auf menschliche verhältnisse übertragenen belege unter 2 c
; vgl. der schiffleiter oder weyser vornen auff dem schiff, der meister am steuerruder Frisius
dict. (1556) 1080
b: neben dem rechten wege sy gent, kromp und achtend zu male nit uff keinen iren wiser
pilgerfahrt d. träumenden mönchs 10 297
Bömer; ich bitt alles himelsch her und die lieben engel, daz sú din wiser und leiter sien Seuse
dtsche schr. 446, 3
Bihlm.; dû (
Christus) bist daz lieht, dû bist der wec, dû bist der wîsær
mystiker 1, 342, 40
Pf.; das du mir getrü siest ze deinem lieb Jhesu Christo, das er mein wiser und lerer welle sein Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 2, 19; dann ze der zeit hieszen die regenten oder versorger des volcks gottes nit künig sunder vätter, weiser und richter Seb. Franck
chronica, zeytbuch (1531) 46
b; so ist ihm doch der weg darzu ganz treulich gewiesen worden, dasz, soferne ihn lstert dahin zu gelangen, er wohl ... einen führer und weiser erlangen werde Jac. Böhme
s. w. 6, 5
Schiebler; das verlassne vieh wird scheu, die bestürzten lämmer laufen ohne weiser P. Fleming
dtsche ged. 1, 270
Lappenberg; ... der seinen engel hat, seinen weiser, seinen folger auf dem wilden lebenspfad E.
M. Arndt
ged. (1860) 662; (
so stünde) zu hoffen, dasz wir in dem chaos ... einen weiser auffänden R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 10, 35; das recht hinkte sehr, die scham war in trauer, im siechtum die zucht, als Walther, der weiser und sänger der Deutschen, den tod nahen fühlte Wilh. Schäfer
d. 13
bücher d. dt. seele (1935) 121; ... noch immer geht als weiser des weges seinem heer voran der kaiser Paul Ernst
das kaiserbuch (1927) 2, 1, 111. 1@bb)
vom vorigen nicht immer streng geschieden '
der unterweiser, lehrer': lâ si (
deine meisterschaft =
dienstherrschaft) dînes willens hêrren sîn, dîner getæte meister, dînes sinnes wîsære, dîner habe gebietære
mystiker 1, 338
Pf.; ist er nun nüt gewüsz, gott wyse dann in, so mag doch ich ouch zuo demselben schuolmeister und wyser kummen, der wirt mich ouch sicher leeren Zwingli
dtsche schr. 1, 79; gieb acht und höre deinem vater zu, und folge deinem weiser immerdar v. Düring
Chaucer (1883) 1, 249; er (
der knabe) hatte seinen weiser — so galt es im geschlecht — zu dienen Deutschlands kaiser, das däucht ihm pflicht und recht E.
M. Arndt
ged. (1860) 342; in der schule will ich ihr weiser, auszer der schule ihr gespiele sein P. Rosegger
schr. (1895) I 3, 194; de sien rieker (
geber) wat gifft un sien wieser (
unterweiser) wat lehrt, de is in de sottheit (
dummheit) verkehrt Kern-Willms
Ostfriesl. (1869) 46. 1@cc)
dasselbe wie weisel (
s. d.) '
bienenkönigin',
vgl.eyn weyser (
md. 15.
jh.), weyser der yme
apiaster Diefenbach
gl. 40
a; weyser,
rex, der bienenkönig Joh. Orsäus
nomencl. method. (1623) 204; wieser, weiser, weisel, waisel, könig, zugbiene, mutterbiene Grüwel
brandenb. bienenkunst (1761) 401: alle waren sie (
die bienen) bemüht, ihrem weiser und könig reverentz zu thun Damian v. Rudolstadt
frühlingsged. (1638) 9; (
es) ist rathsam ein klein schwärmlein (
bienen) bey zu thun, dasz sie nicht ohne weiser seyn v. Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 283
a; dahingegen die (
bienen) in den stöcken ... müssen herabgeholet, der weiser daraus gesuchet, eingesperret, und viel mühe zu ihrer einlegung angewandt werden J. Grüwel
bienenkunst (1719) 86;
mannigfach auf menschliche verhältnisse übertragen: die menschen, welche in ihrer republica keinen herrn ... dulden, sind den bienen gleich, welche ihren weiser verlohren haben Albertinus
fürstl. lustgarten (1619) 1, 104; ... (
es) trägt ihn über thor und riegel, hin zu seinem schlosse, wo ihn tausend gute froh empfangen, folgend ihm, wie bienen ihrem weiser Herder 25, 618
S.; wie man an den wüthenden kämpfen der bienen sieht und an den unternehmungen der fürstlichen weiser bei den feindlichen schwärmen J. Chr. Bode
Montaignes gedanken (1793) 3, 343; nothwendigkeit, ein glied irgend einer bürgerlichen gesellschaft zu sein. die einfachste, am wenigsten gekünstelte art, eine solche zu errichten, ist die eines weisers in diesem korbe (
die monarchie) Kant
w. (1838) 10, 373
Hartenst.; denn ein könig ist kein obrer, nur ein vater seiner brüder, glücklich, wer dem weisern folget, wie die bienen ihrem weiser Zach. Werner
d. kreuz a. d. Ostsee (1806) 31; sie müssen einen weiser haben, und wie er auffliegt, ihm nachschwärmen — das ist eine nothwendigkeit ihrer natur E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 455; jeder noch so unbedeutende vorschlag ... wurde darin zur partheifrage erhoben; der weiser voran und ein bienenschwarm von namen hintennach Gutzkow
ges. w. (1872) 11, 51. 22)
nach 1weisen B
als '
zeiger',
zumeist an technischen instrumenten, ein stab, arm, der etwas anzeigt. 2@aa)
am geläufigsten in der bedeutung '
uhrzeiger',
mundartlich im nd. und md. wiser, weiser;
vgl. vom urewerck die wyser
scioterus (15.
jh.) Diefenbach
gl. 518
c; der weiser (
an der uhr)
gnomon Joh. Orsäus
nomenclator method. (1623) 158; der weiser
gnomon, pinnula gnomonis nomencl. lat.-germ. in us. schol. (1634) 19; weiser
monstrator, an der sonnenuhr
gnomon Reyher
thes. (1686) o 4
b; weiser oder zeiger einer uhr Rädlein 1, 1043: o edle herrn, des lebens zeit ist kurz: die kürze schlecht verbringen, wär zu lang, hing leben auch am weiser einer uhr, und endigte, wie eine stunde kömmt
Shakespeare 6, 166; die uhr schlug nicht, und der verrostete weiser rückte nicht mehr von der stelle Eichendorff
s. w. (1864) 3, 321; deine (
der uhr) weiser sagen, was die räder ... wollen Gutzkow
ritter v. geiste 4, 212; sie hatte ein weiszes tüchlein unters kinn geknotet und hielt eine kleine damenuhr gegen das mondlicht, auf der sie das rücken des weisers aufmerksam zu betrachten schien Th. Storm
s. w. (1897) 2, 167; und weil es schien, als wenn die weiser der uhr festgebunden wären Gorch Fock
seefahrt ist not (1914) 232; wie lahme göpeltiere machen die weiser, der schlanke und der kurze, die runde H. Watzlik
d. alp (1923) 6;
bei der sonnenuhr: die sonnenuhren haben meistens einen zeiger oder weiser (
gnomon), dessen schatten die stunden angiebt Bürja
gröszenlehre (1799) 249; dieser laubgang (
wurde) durch einen weiten, sonnigen platz unterbrochen, in dessen mitte ... die trümmer einer sonnenuhr ... sichtbar waren. die augen der frau folgten dem vogel; sie sah ihn eine weile auf dem metallenen weiser ruhen Th. Storm
s. w. (1897) 1, 123; die pyramide dort, indesz der schakal heiser in ihrem schatten bellt, schmückt als ein goldner weiser der wüste nackte sonnenuhr Freiligrath
ges. dicht. (1870) 2, 206;
für die uhr selbst: zur seite hieng noch eine kleine (
uhr) die bey geklärtem sonnenscheine die stunden gleichfalls deutlich wiesz, da sie bey trüber luft und regen wie alle solche weiser pflegen, das stundenzeigen unterliesz Lichtwer
fabeln (1748) 2, 15;
bildlich: im uhrwerck unsers thuns musz die vernunft 's gewichte, das auge weiser sein Lohenstein
Sophonisbe (1724) 70; denn diese (
die vorsehung) ist in der reichsuhr das gewichte, unsere vernunfft nur der weiser
ders. Arminius (1689) 1, 1105
b; das uhrwerck meines glücks geht nicht mehr im gewichte, sein guter weiser stockt, der frohe zahlen wiesz Neukirch
anfangsgr. z. t. poesie (1724) 179; gar mancher schiebt jetzt am weiser der zeit und beschleunigt nichts damit als seine eigene hinrichtungsstunde Hebbel
w. 10, 374
Werner; der despotismus rückt willkürlich den weiser des zifferblattes vorwärts und rückwärts C. G. Jochmann
reliquien (1836) 1, 131. 2@bb)
an verschiedenen instrumenten, wage, kompasz u. s. w.: der blick ermüdet, der auf die wage schaut. wie säumts! wie viel der lastenden zeit entschleicht, bevor im gleichgewicht die schalen schweben, und endlich der weiser ausruht Klopstock
oden 2, 154
M.-P.; das ruder war ein schwerdt, die rache steuermann, der zeiten sondre gunst der weiser am magneten Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 58; herr Vassali gibt dem magnetischen weiser, statt der form einer nadel, die einer ellipse aus dünnem stahlblech Lichtenberg
verm. schr. (1800) 7, 398; (
zu dem quadranten) auch von messing, kupfer oder hardtholtz ein weiser oder regel ... gemacht werden mag S. Curtius
practica d. landmessers (1616) 60; die bänder (
laufen) ... längs dem weiser in den streckkopf (
bei der baumwollspinnerei) Karmarsch-Heeren 1, 341. 2@cc)
statt des geläufigeren wegweiser,
auch mundartlich nd. u. md., vgl. weiser,
wegweiser Rädlein 1, 1043: weiser stehen auf den straszen, weisen auf die städte zu Wilh. Müller
ged. 119
Hatfield; noch einen andern weiser hab ich am weg erblickt Rückert
ges. ged. (1834) 4, 321; am hölzernen weiser, der dort, wo der breite fahrweg sich in noch drei andere fahrbare straszen verzweigt, seine kreuzesarme reckt Cl. Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 16. 2@dd)
um 1600
werden in der Regensburger brillenmacherordnung '
scherenbrillen' (
lorgnetten)
mit weiser
und weiszerlein
bezeichnet, das französische wort lorgnette
tritt erst seit etwa 1770
auf (
briefl. nachweis von prof. v. Pflugk). 2@ee)
vereinzelte gebrauchsweisen: für '
zeigefinger',
vgl. index wiser, weyser (15.
jh.) Diefenbach
gl. 294
a;
für '
index',
vgl. blatweiser
indice, tavola d'un libro Kramer
t.-ital. 2, 1304
c, weiser
index Butschky
hochd. kanzelley (1666) 66;
allgemeiner '
merkzeichen': ein anker, schwarz und rostig, vom wellendunste feucht, steht aufrecht dort, ein weiser, wie weit die meerfluth steigt Freiligrath
ges. dicht. (1870) 1, 69; hier also wird beschrieben, wo Eden gelegen, und flüsse waren die dauerndsten weiser dieser lage Herder 7, 7
S. —
vom menschen, nach 1weisen B 1 b '
deuter': Archimedes, der subtile ... verschmitzte himmelsmeister und weiser des gestirns G. Treuer
Dädalus (1675) 1, 113;
jemand, der auf etwas aufmerksam macht, zu 1weisen A 2: 'es sollen deine (
des volkes) klagen zu mir nicht kanzler tragen.' ... und dasz er bessre weiser nun hätte für sein ohr, hängt eine glocke der kaiser an seines schlosses thor Gutzkow
ges. w. (1872) 1, 265;
nach 1weisen B 2 a
α '
vorzeiger': weiser dies briefs (
v. j. 1444)
beiträge z. geschichte d. bischöflichen kirche zu Brixen 6, 302
Sinnacher; daz ich euch daz schick hiemit bey dissem potten, weiszer des prieffs Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 2, 167. 33)
gerichtlich (
vgl. 1weisen C,
1weisung, weistum) '
gerichtsbeistand, der das recht weist',
vgl.eyns richters weyser
var. beisitzer (15.
jh.)
assessor Diefenbach
gl. 55
b: do saczt mich der egenant abpt Fridreich ... an das recht und stünd auf und chlagt vor mein und dem erbern geding mit vorsprechen und mit weiser ... Ullreichen vom Rörr darumb (
v. j. 1381)
urk. u. regesten z. gesch. v. Göttweig 1, 664
Fuchs; ob sich der vorsprecher (
anwalt der gemeinde) irret oder vergäsz, so soll es der weiser offenlich vorbringen, das hat so guete kraft als ob es der fürsprecher selbst fürbrächt
österr. weist. 7, 582. —
in der mark- u. forstgerichtsbarkeit: auch solle niemandes kein holtz in der mark hauen, er heische es dan von den weisern und den förstern, die darüber gekohren sind, als in recht ist (
v. j. 1480)
weisth. 3, 499; weiser und schadenschätzer ordnung im veld. die oberrebleut, ackerleut, niderrebleut und gartner, diser zünfte jede in sonderheit gibt ein person, die im veld weisen soll, ... und sollen die personen, so die oberrebleut und ackerleut hierzu ordnen, ein jahr um das ander die weisermeister sein. aus diesen weisern erwölet man schadenschätzer (
v. j. 1555)
Schlettstadter stadtrechte 1, 384
Gény; dann erforderte die aufsicht und das gericht jeder mark gewisse ämter, die nun einer anzahl der markgenoszen zufielen ... daher markmeister, holzmeister, förster, holzweiser, schützen, markscheffen, auch blosz weiser Jac. Grimm
dtsche. rechtsalterth.4 2, 19; die forstgerichtsbarkeit hatte letzterer im walde st. Laurentii, der zeidelmeister aber in des reiches bienengarten, weiser des rechts waren die förster und zeidler Bernhardt
gesch. d. waldeigentums (1872) 1, 100
anm. 8. —
als '
vormund': man ertailt chaim waisen nicht ainen weiser, er sey dann hinder zwelf jarn
steiermärk. landr. 61
Bischoff.