streichen,
vb. ,
meare, ire; demulcere, linere. ursprung und form. 11)
nur im wgerm. bezeugtes starkes vb.: ahd. strīhhan,
mhd. strīchen;
mnd. mnl. strīken,
nnl. strijken;
afries. -strika (
nur in ofstrika '
abreiszen', upstrīka '
aufstreichen'),
nfries. strīk(e);
ags. strican,
nengl. to strike.
doch hat das zugehörige nomen strich <
*striki-
sein gegenstück in got. striks
und ags. gestric,
n., '
aufruhr'
seine formale entsprechung in an. strik,
n., '
art (
gestreiften?)
kleiderstoffs, art kopfbedeckung für frauen'.
vgl. auch streich.
auszergerm. ist die wurzelform streig-
durch lat. stringere '
schnüren, streifen, waffe ziehen', striga '
strich, schwaden, zeltreihe, längsfurche', strigilis '
schabeisen',
apreusz. strigli '
distel',
aksl. strigǫ strišti '
scheren' =
russ. strigu, stričь
usw. neben streig-
stehendes streug- (
s. o. strauchen)
weist auf eine grundwurzel ster-
hin, die in verschiedener weise erweitert ist, s. Persson
beitr. z. idg. wortforschung 2, 866
f.; Walde-Pokorny 2, 637; Walde-Hofmann 2, 603
ff.; Trautmann
baltoslav. wb. 289. 22)
neben dem ablautenden verbum erscheint zu dessen o-
stufe im westgermanischen ein deverbatives ō-
verbum, ahd. streihhōn,
ags. strācian.
beide verba waren dem sinne nach ursprünglich in der weise geschieden, dasz das schwache verbum als diminuierende iterative bildung in der bedeutung '
streicheln'
zum starken verbum stand, vgl. ags. grāpian,
ahd. greifon '
palpare': grifan
sowie Wissmann
nomina postverbalia (1932) 15
f. und 28.
das abgeleitete ahd. streihhōn
steht für demulcere, (
mit der hand)
wiederholt leise streicheln (Graff 6, 743): demulcet chît streichôt, also man dûot temo man zartôt Notker 1, 1, 76
Piper, doch scheint weniger das iterative als vielmehr das diminuierende bedeutungsmoment des leisen, zärtlichen ausschlaggebend für die wortwahl gewesen zu sein, denn es heiszt: crus in uenis manu commoueat id est striche (13.
jh.)
ahd. gl. 4, 414, 26
St.-S. dieser unterschied ist mhd. im wesentlichen noch vorhanden, vgl.: er greif gefügeliche dar. unde streicht' ez (
daz hundelīn) mit handen Gottfried v. Straszburg
Tristan u. Isolde 15885; sin brack Fürst an im uf spranc: mit der hend er im den danc bot mit straichen jægerlich Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österreich 5905
Regel. doch in einigen verwendungen tritt bereits eine vermischung des starken und schwachen verbums ein. so steht der schwachen bildung gestreichet als ein velkelîn, dem sîn gevider ebene lît Konrad v. Würzburg
troj. krieg 7538
Keller, eine starke gegenüber: sîn gevider begunde ez strîchen
bei Schmidt
terminol. d. dt. falknerei (1909) 67.
neben einem schwachen streichen si was an ir gelâze ûfreht und offenbære, gelîch dem spärwære, gestreichet alse ein papegân Gottfried v. Straszburg
Tristan 10999
B., steht starkes strîchen: wol gestrichen und gekleit mit der aller besten wât, die ir iegelîcher hât Gottfried v. Straszburg
Tristan 10756;
oder beide formen im wortspiel: so kOemet dorther ein snOeder schrancz, gestreichet und gestrichen
minnereden I 7, 205
Matthaei. einerseits wildes balges hâr lît nider schône geslihtet und gestreichet Hugo v. Trimberg
d. renner 12087
Ehrismann, andrerseits da streich manc ritter wol sîn hâr Wolfram v. Eschenbach
Parzival 776, 6
L. vereinzeltes in sol mit slegen streichen also min swæriu stange Ulrich v. Türheim
Rennewart 21 608,
gegen sonst allgemein strîchen
in dieser bedeutung. mit dem eintritt der diphtongierung von î > ei
werden die präsensformen beider verben gleichlautend, und das schwache verbum geht allmählich unter. seine bedeutung wird gelegentlich vom starken verbum übernommen, allgemein aber setzt sich hier die iterative neubildung streicheln (
s. d.)
durch. (
das ags. stracian
dagegen lebt weiter in engl. to stroke.)
im nhd. nur noch selten schwache formen: offt wann ich das (
pferd) usz dem stall gezogen, hab ich es gestreicht und geliebelt auch etwa uff sein köpflin geküsset (1521) Hutten
op. 4 (1860) 652
Böcking; doch scheint als streichte eine zarte hand seine kalten wangen Fouqué
zauberring (1816) 1, 228
kaum eine fortsetzung des alten schwachen verbums, sondern vielmehr eine neubildung zu sein (
vgl. Paul
dt. gramm. 2, 206). —
bis in die heutige zeit lebendig bleibt lediglich ein schwaches nd. streken '
pflügen, eggen' (
bei mnd. streken, streiken
streicheln, haare streichen, kämmen, vgl. Schiller-Lübben 4, 430
sowie mnl. streken Verwijs-Verdam 7, 2284); streken
das land zum erstenmal pflügen Strodtmann
Osnabrück (1756) 232; streken
den acker stürzen, oder mit weitläuftigen furchen pflügen, um ihn, ehe er zur saat gepflügt wird, mürbe zu machen und vom unkraut zu reinigen brem.-ns. wb. 4 (1770) 1066;
seicht pflügen, so dasz die stoppeln in die erde kommen Woeste
westf. 258
b;
flach pflügen Mensing
schlesw.-holst. 4, 882; striäken
zum ersten mal pflügen Frederking
Hahlen b. Minden 30.
diese nd. bedeutung fand vereinzelt eingang in die wbb., wobei die nd. form ins hd. übertragen wurde: in der landwirtschaft einiger gegenden ist streichen,
nieders. streken,
zum ersten mahle pflügen Adelung 4 (1780) 815; Campe 4, 704; Weber
allg. terminol. öcon. lex. (1838) 573
b. —
als eine späte schwache neubildung zum subst. streich,
m., ist dagegen ein streichen, streechen '
prahlen, erzählen, streiche berichten' (
zu streich B 3 e '
prahlerei')
in den md. maa. anzusehen; vgl. streechen
prahlen; der streecht ja wieder emal; das will'ch dr gleich emal drstreeche Müller-Fraureuth 2, 573
a; streichen, (d)erstreichen
erzählen, auseinandersetzen Hertel
Thür. 237; Weise
Altenburg 118. 33)
das mhd. bildet strîchen
auch als vb. der fortbewegung in der vergangenheit gelegentlich mit haben: er hâte gestrichen sêre Heinrich v.
d. Türlin
crône 17542
lit. ver.; si heten allen den tac dem here gestrichen nâch
Rabenschlacht 366, 2
Martin; weitere beispiele s. bei H. Paul
abh. d. bayer. akad. (1905) 195,
der daraus schlieszen zu dürfen glaubt, dasz die transitive verwendung von strîchen
das ursprüngliche sei. doch intransitives und transitives streichen
sind in der überlieferung gleichmäszig bezeugt, eine entwicklung auseinander ist nicht erkennbar. 44)
mundartlich nur geringe abweichungen von der schriftsprache. das nd. zeigt in strīken
nichtdiphthongierte formen und unverschobenes k,
vgl. Schiller-Lübben 4, 435; Doornkaat Koolman 3, 337; Mensing
schlesw.-holst. 4, 889; Flemes
plattdt. wb. 107; Fromme-Alpers
Hohenbostel 82; Furcht
wb. d. spr. d. Alten Landes 25;
wb. d. Elberf. ma. 158
b; Woeste
westf. 258
b; Frederking
Hahlen 31; Böning
Oldenburg 109
b;
am Rhein und alem. undiphthongiertes strīchen Hönig
Köln 177
a; Waldbrühl
Rhingscher klaaf 211; Heinzerling-Reuter
Siegerl. wb. 248
b; Rovenhagen
Aachen 142; Schmidt
Straszburg 106
a; Martin-Lienhart 2, 625;
schweiz. id. 11, 1984. 55)
im frühen nhd. zeigt die 3.
pers. sg. des prät. noch verschiedentlich die form streich,
vgl. Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) R 2
a; Wickram
w. 8, 199
Bolte; J. Frey
gartenges. 90
lit. ver.; Luther
bücher u. schr. (1561) 6, 88
b;
buch d. liebe (1587) 98
d.
eine vereinzelte gerundete form streüch
bei Montanus
schwankbücher 473
lit. ver. bedeutung und gebrauch. schon die frühesten belege zeigen zwei bedeutungsstränge, '
meare, ire'
und '
linere, demulcere',
die sich formal als intransitiv und transitiv gegenüberstehen. die gemeinsame grundbedeutung bezeichnet eine kontinuierliche, sich strichähnlich dahinziehende bewegung, und zwar entweder eine fortbewegung aus eigener (
natürlicher)
kraft (
intransitiv)
oder eine unter fortlaufender berührung vollzogene bewegung auf bzw. über eine oberfläche (
transitiv).
intransitives und transitives streichen
sind in der überlieferung teils nebeneinander vollkommen ausgebildet, teils auf grund des gemeinsamen bedeutungsmomentes der bewegung früh miteinander vermischt und verschmolzen worden. vgl. auch das parallele an. striuka,
das genau so wie streichen
die bedeutungen '
ire'
und '
linere'
vereinigt. AA. streichen
als verbum der fortbewegung. A@11)
zur bezeichnung einer stetigen, zielstrebigen fortbewegung; in frühen zeugnissen besonders für ein scharfes, rasches dahineilen, während mit beginnendem nhd. neutraler gebrauch, der auch die gemessene bewegung erfaszt (
s. bes. unten 2),
üblich wird (
vgl. auch an. striūka '
schnell gehen, sich fortmachen',
norw. strjuka
auch '
fortlaufen, entfliehen'
und die ähnliche entwicklung bei laufen teil 6,
sp. 316
ff.). A@1@aa)
von menschen (
zu fusz, pferd oder wagen). A@1@a@aα)
in scharfem lauf oder pausenloser reise eine strecke zurücklegen, eilen; in frühdeutscher literatur als gebräuchlicher terminus für den eiligen lauf der boten: er hiez si (
die boten) widir ze Jacob strichen
genesis u. exodus 63, 26
D.; (
vgl. noch: di boten strichen in daz lant
Rolandslied 159
Wesle; die boten für strichen mit den mæren
Nibelungenlied 1715
Bartsch; boten kômen gestrichen Ottokar
reimchron. 8278
Seem.; da strichen poten über lant Havich
d. Kellner
St. Stephans leben 1744; 5105
McClean; daz er boten hieze strîchen
Alexiuslegende 382
in: Eis
legende u. mystik 271).
in allgemeiner verwendung: si îlten unde strichen heim Ottokar
reimchron. 8183; mit heren manicvalten kam er gestrichen und gerant unz an Armeniam daz lant
ebda 19 155; mîn er Tristant ein garzûn sitzen vant der hête gestrichen vaste des tages und was durch raste gesezzen zu der linden Heinrich v. Freiberg
Tristan 1161
Bernt; vnd alle man von Israel, die sich auff dem gebirge Ephraim verkrochen hatten, da sie höreten, das die philister flohen, strichen hinder jnen her im streit
1. Sam. 14, 22; solt wol daheym das essn versaumen, nun ich wil icz dest fester streichen, ob ich das frümal möcht erschleichen Hans Sachs 17, 175
lit. ver. seltener in neuerer zeit: ich seh dich, held Eugen, den schweisz und blut bedeckt, durch die getrennten glieder streichen: du winkst, gebeutst und feuerst an Gottsched
ged. (1751) 1, 19; hei strickt wat hei kann
er läuft so schnell als möglich Mi
Mecklenburg 88.
der durchmessene raum, die strecke steht im akkus. des raumes bzw. maszes: ich hete manege mîle des tages dar gestrichen Wolfram v. Eschenbach
Parzival 491, 25
Lachm.; mit marwen füezen ungeschuoch streich er walt unde bruoch Hartmann v. Aue
Gregorius 2768; dô was si manic mîle gestrichen und geriuschet Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 11 155; der bot strich weidlich hin sein strassen Hans Sachs 9, 464
lit. ver. A@1@a@bβ)
auf jemanden in feindlicher absicht losgehen, im zweikampf gegeneinander (
mit waffen)
anrennen (
meist in der fügung zusammenstreichen): also zoch auch der romisch künig in seinem kempfharnisch und seinem aufgesetzten spies in die schranken, und als balt die trümetter aufbliesen, strichen si mit den spieszen zusamen
Wilwolt v. Schaumburg 157
lit. ver.; (
die knaben) führten auch jhre spiesz darneben als ob es kostet leib vnd leben, gegen einander trutziglich, jedoch ausz schertz ohn alle stich. an einem andern ort deszgleichen theten sie auff einander streichen (
ineunt cursus 5, 583) Spreng
Äneis (1610) 97a; auf bestimmte zeit und ort finden sich diese viere (
zum duell) und streichen so bald ohne fernern wortwechsel zusammen Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 7 (1647) 415.
vgl. bes. mhd.: si liezen dar strîchen mit verhancten zoumen diu marc Ulrich v. Zatzikhoven
Lanzelet 4468
Hahn; diu ros sî nâmen mit den sporn und liezen zsamme strîchen Hartmann v. Aue
Erec 9083
H.; ähnlich 765.
der mhd. ausdruck (diu ros) strîchen lân '
eilig reiten',
bes. '
gegeneinander, auf einander zu reiten'
ist so geläufig (
vgl. Benecke
anm. zu Iwein 5311),
dasz ein subjektwechsel '
pferd'
statt '
reiter'
eintreten kann: von Munsalvæsche waren sie, beidiu ors, diu alsus hie liezen nâher strîchen ûfen poinder hurteclîchen Wolfram v. Eschenbach
Parzival 679, 25
Lachm. A@1@a@gγ)
seinen weg, seine strasze ziehen, reisen: mirst vil unnôt daz ich durch handelunge iht verre strîche Walther v.
d. Vogelweide 35, 6; ... ain hirtte durch den tau mit sinem vich gestrichen kan
Göttweiger Trojanerkrieg 1374
Koppitz; buob, stosz uns disz stück brod in dtäschen und schütt uns disen weyn in dfläschen. so haben wirs morgens auff der straasz, so mögen wir dann streychen dest basz (1548) Manuel
d. weinspiel 1524
ndr.; viam carpere dahin streichen, sein straass faren Frisius
dict. (1556) 194
a; machten uns auff unnd strichen auff Leyptzig z (1558) Lindener
katzipori 146
lit. ver.; unser reisz betreffend, kommen wir von Sanct Sebastian bei Nantes, und seind vor etlich wochen auch zu Niclausz Port inn lotringischen Lorraine gewesen, und wollen jetz allgemach heim streichen Fischart
Garg. 411
ndr.; giengen da betteln, haben kleinen sand in eim secklein, und in jhren ruckkörben getragen, und damit zum land hinaus gestrichen
M. Quad
teut. nation herligkeit (1609) 86; den 9ten und 10ten julius bin ich von Frankfurt an, Darmstadt vorbey, ... nach Mannheim gestrichen Gleim
briefw. 1, 420
Körte; übermorgen in der nacht brechen wir heimlich auf, und streichen weiter Heinse
s. w. 4, 363
Sch.; mein schmied, wo streichst du her, dasz deine schuh so staubig A. v. Arnim
s. w. (1853) 14, 74. A@1@bb) streichen
als ausdruck der fortbewegung fast jeder tierart. auch hier oft für den raschen lauf der tiere, doch —
zumal in jüngeren belegen —
vielfach von anderen mit streichen
verbundenen vorstellungen beeinfluszt (
im einzelnen s. u.). A@1@b@aα)
für die fortbewegung des wildes (
bes. in der fachsprache des jägers): bey tag so ruwend sy (
die hasen) ... bey nacht aber streychend sy auff die weid Herold-Forer
Gesners thierb. (1563) 69
a; weiters soltu auch hierbei wissen, das die königlin (
kaninchen) des fuchs nicht anderst dan die schaf des wolffs förchten, vnd solches ist die vrsach, warum sie zu dem das sie von natur wild sint, nicht anders thun, dann streichen vnd lauffen, so offt sie auss jren schlupffen ausskommen Sebiz
feldbau (1579) 537; weil es ... dem schachmatten stubensitzer bequemer ist, einen breternen hirsch zu schieszen, als einen, der durch die wälder streicht Heinse
s. w. 4, 16
Sch.; gefleckte hirsche ... strichen damals freundlicher noch zu mir herbey maler Müller
w. (1811) 1, 20; es streicht was durchs revier J.
V. v. Scheffel
ges. w. (1907) 1, 176; bald aber heilten dem hirsch die wunden, er strich seine alten schliche und äszte dem mann kraut und wurzeln ab
br. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 109; wölfe ... die wenige schritt vor uns über den weg strichen Arndt
s. w. (1892) 1, 159; wo Suso, der hund, ...
schon von der kette los war und frei um den hof strich Th. Mann
Faustus (1948) 423. A@1@b@bβ)
von schneller gangart des pferdes: wann es (
das pferd) auf jeder schul ist abgericht, und leicht, reitzt man es oft bergab, so dass es stärker streicht, in dem es fället fort Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 5 (1645) Pp 4
a; so streicht mit schnellem lauf und freygelasznem zügel das angespornte pferd frisch über berg und hügel König
ged. (1745) 47; ei, mein hengstchen, ei, mein brauner, wohin streichst du? wohin schnaubst du? wohin wirst du mich tragen? Herder 25, 187
S.; und fingen an mit verhängtem zaum davon zu streichen Regis
Rabelais (1832) 1, 134; die dame sich auf den renner schwang, der renner von hinnen strich Strachwitz
ged. (1891) 97. A@1@b@gγ)
fliegen; anfangs '
sich rasch fliegend fortbewegen': (
der hahn) qvam gerant vnde hiez si (
die henne) wider zv der want strichen vil schiere
Reinhart fuchs 61
Schröbler. in jüngeren literarischen verwendungen soll streichen
bes. der vorstellung eines ruhigen, aber zügigen, mitunter segelnden oder gleitenden fliegens ausdruck geben: wunderbare vögel ... die strichen fort durchs gantze land Stumpf
Schweizerchron. (1606) 498
a; ... ich seh im abend die luft ein wetter tragen; die schwalbe streichet tiefer, den regen anzusagen Dusch
verm. w. (1754) 59; tief um das schilfgras streichen die erdschwalb und der spatz Hagedorn
poet. w. (1769) 2, 213; schwäne rudern leis hinunter an des baches grünem rand, und fasane streichen munter durch das frische wiesenland Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 1, 100; wenn ein vogel durch die luft strich, suchte er ihre augen auf ihn hinzulenken Stifter
s. w. 3 (1911) 97; wilder kreischten die möwen, gleich silbernen blitzen strichen sie hin und her Sperl
Budiwoj (1927) 541.
allgemein '
fliegen',
vor allem in der fachsprache des jägers ('
vom federwild gesagt' Kehrein
weidmannsspr. [1871] 286)
und —
in neuerer zeit —
des ornithologen (
s. u.): ich han gesehen in (
den falken) schnelle vor mir gestrichen
d. minne falkner 47
lit. ver.; weindrosseln ... streichen im nebel hart über der erden Fleming
vollk. jäger (1719) 145.
in der speziellen bedeutung des abfliegens von einem standort (
vgl. abgestrichen
heiszt es, wenn sie [
die raubvögel]
vom horste weg- und abfliegen Döbel
jägerpractica [1754] 1, 75;
s. abstreichen teil 1,
sp. 133): manch vogel strich vom lager mit geschwirr A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 111.
vom periodischen flug der zugvögel im herbst und im frühjahr, mit dem nebensinn '
in gesellschaft, in schwärmen ziehen'; '
bes. ... von denjenigen vögeln, welche gegen den herbst in wärmere länder ziehen und im frühlinge wieder kommen' (Adelung 4 [1780] 813): wenn dann die boum risent und berg und tal grisent, daz tuot die vögelin strichen und heide und ouwe blichen meister Altswert 70
lit. ver.; mit bewegung schaute er den in die ferne streichenden wildenten nach Scheffel
ges. w. (1907) 1, 171; ringsum die epheuranken schleichen, zugvögel durch die fenster streichen Uhland
ged. (1898) 1, 222.
doch unterscheidet die fachsprache der ornithologie zug, wanderschaft
und streichen
und versteht '
unter streichen ...
eine wanderschaft in engeren grenzen, hervorgerufen durch den wunsch, einen früheren wohnsitz gegen einen anderen umzutauschen, von einer gewissen, gerade jetzt in fülle sich findenden nahrung vorteil zu ziehen' (Brehm
tierl. 4, 32
P.-L.; vgl. strich, strichvogel); —
also nicht eine gegend völlig verlassen, sondern nur den standort nach witterungs- und nahrungsverhältnissen wechseln. diese moderne verwendung ist bereits in älterem gebrauche vorgebildet und bezeichnet dort —
noch ohne begriffliche festlegung —
das auffällige umherziehen der vögel (
meist in schwärmen, vgl. die lerchen streichen
alaudae toto agmine volant Aler
dict. [1727] 2, 1850
b): der froembd falck wirt im herbstmonat, in dem so er streycht, gefangen R. Heuszlin
Gesners vogelb. (1557) 154; der lerch streichet in einer landtsart viel häufiger als in der andern Aitinger
jagd- u. weidbüchlein (1681) 118; zu ende dieses monats streichen die schnepfen auch gern auf denen wiesen, wo viele khfladen liegen, in denselben finden sie gleichfalls etwas zu ihrer nahrung
allg. haushalt.-lex. (1749) 1, g 1
d; itzo streichen auch die sperlinge, und sind oft etliche hundert auf einem platze beysammen
ebda 1, g 2
a.
vom fliegen oder der flugähnlichen fortbewegung '
mancher insekten, wie z. b. der libellen oder wasserjungfern, wenn sie in scharen nach einer richtung fliegen oder ziehen, also streichen, das strelchen der heuschrecken,
das ziehen derselben, nämlich der wander-heuschrecke (
gryllus migratorius),
die in ganzen schwärmen streicht' Krünitz
öcon.-techn. encycl. 175 (1840) 555; und die leuchtgewürme streichen A. v. Arnim
trösteinsamk. 17
Pfaff. vgl. auch: (
er) hatte die fledermäuse um seinen hut streichen lassen H. Mann
d. blaue engel (1950) 232.
für die gedachte flugähnliche fortbewegung übermenschlicher wesen: seht hie ... einen mit aussgespanten flügeln dahin streichenden liebgott
theatrum amoris (1626) 144; indem strich die holdselige (
fee) Almida durch die luft Tieck
schr. (1828) 9, 147. A@1@b@dδ)
fortbewegung im wasser; von fischen (
auch hier oft kollektivisch '
in menge, in schwärmen ziehen'
; vgl. schon: volucres celi et pisces maris qui perambulant semitas maris kefugele unde merefischa diê alle mêreuuega durstrîchent Notker 2, 22
Piper): die vische sind lîht ûz dem bach gestrichen ûf die saete
liedersaal 3, 219, 78; der schwerdtfisch ist jm seer verhasst, treybt jn an andere ort zu streychen Herold-Forer
Gesners thierb. (1563) 3, 59; es streichen und schleichen, in teichen, die schuppichten fische S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 35; ja man musz sich wundern, was von dem fische encrazicholus, welches eine gattung von kleinem hering ist, geschrieben wird. denn er pflegt in so starcker compagnie durch das meer zu streichen Chr. Weise
polit. redner (1677) 140; der fisch schwebt und wiegt sich ... und schieszt hinunter und fährt hinauf, und streicht und steuret Herder 22, 80
S. allgemein von schwimmenden tieren: es suche jedes thier und liebe seines gleichen, was in den wäldern geht, in wassern pflegt zu streichen, und was in lüfften flieht Neukirch
anfangsgr. z. teut. poesie (1724) 753; dort striche der tiefsinnige schwan unter dem rauschenden fall springenden wassers
briefe d. neueste lit. betr. 20 (1764) 86; sähst wohl in der grüne gestillter meere streichende delphine Göthe I 15, 1, 71
W. A@22)
zur bezeichnung einer teils unsteten, teils gemächlichen fortbewegung (
mit beginnendem nhd. vorherrschend). A@2@aa)
vagabundierend umherziehen; uagari vmbschweiffen, hin vnd wider lauffen, ... allenthalben vmbhin streychen Frisius
dict. (1556) 1343
b (
vgl. landstreicher teil 6,
sp. 144): zemerckhen ist, daz die starcken vnd streychenden petler ... zum almosen nit sOellen zuoegelassen ... werden Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. 608
R.; du wisz aber gewisz, dasz dero keiner hunger oder mangel leidt, die sich in bettel begeben, demselben nachkommen unnd durch alle land streichen mögen, sie bringen jhn mehr dann gnueg auss Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 77
a; solche leute legen sich aus mangel guter geschäffte auf böse und unnütze, sie streichen den gantzen tag hin und her, wie die schwalben und wissen nicht warum Chr. v. Ryssel
seelenfrieden (1685) 648; mutterauge wurde roth, thränenfeucht die welke hand, nun ich mit dem harfenspiel streiche bettelnd durch das land Jul. Mosen
s. w. (1863) 1, 186; sech remhe
ar schdrich
e sich umher treiben, sich unnütz machen Heinzerling-Reuter
Siegerl. wb. 248
b; de hund stricht
treibt sich herum Böning
Oldenburg 109
b. streichend '
ohne wohnsitz, heimatlos umherziehend' (
gegensatz wohnhaft)
als terminus früher rechtssprache: item ob ain schedlich person zu Ramatschachen auf unsern grunten und güetern behaurt oder begriffen wurd streichund oder wonhaft (15.
jh.)
österr. weist. 6, 164; ob ain frembter streichenter dieb oder übeltötter auf unssern grünten kombt und wierdt er dann verhofft oder ergriffen (16.
jh.)
ebda 6, 264; ob ain straichender dieb oder andere person im aigen zu Zwölfaxing gespüert wüerte dem der richter nachtrachtet (1569)
ebda 7, 433; so ain thäter der unter ainem landman gesessen, was entfrembt, und bey im gefunden wierdet, der solle sambt denselben endfrembden guet, und ain streihender thaeter, mit allem dem, so er bei im hat, und wie er mit gürtel umbfangen ist, dem landrichter uberantwort werden
kärndt. landgerichtsordn. de 1578
fol. 21
u. 35
bei Haltaus 1756.
ähnlich in freier verwendung neuerer sprache: wir streichen zwar, aber wir sind comödiantinnen Lichtenberg
erkl. d. Hog. kupferst. (1794) 1, 13; scheu in des gebürges klüften barg der troglodyte sich, der nomade liesz die triften wüste liegen, wo er strich Schiller 11, 292
G. eine gegend durchstreifen und unsicher machen: die rotten, buoben vnnd schwermer, spricht er, so hin vnnd wider in lander jrr lauffen vnnd streichen Joh. Nas
eins und hundert (1567) 3, 163
b; und hielte (
der kapitän) alle nächte starcke und fleissige wache, damit wir von den Arabern nicht überfallen werden möchten, welche an denselben orten zu lande und zu wasser streichen Troilo
orient. reisebeschr. (1676) 592; frisch hinaus, da wo wir hingehören! ins feld, wo ... der soldat ... in fürchterlicher freiheit wie ein hagelwetter durch wiese, feld und wald verderbend streicht Göthe I 8, 282
W. A@2@bb)
auf etwas aus sein und verstohlen oder forschend umherstreifen: die gassen ward er uff und ab offt streiche, das sah die fraw, yr liebe wart sich mere Montanus
schwankbücher 533
lit. ver.; es streichen verdächtige haufen durch den wald — fräulein Liddy ist in Schallbrunn, — ich fürchte, ich fürchte, dasz ein anschlag gegen sie im werke ist Grabbe
w. 1, 460
Bl.; wie ein schatzgräber um die stelle streicht, an der er beute vermutet A. Supper
holunderduft (1910) 154; waren sie nicht anwesend, so muszte man fürchten, dasz sie, wie viele andere, um das weisze haus am meere strichen, wo er wohnte, um ihn zu sehen oder seinen schritt zu vernehmen oder nur am gefühl seiner nähe sich zu berauschen Ric. Huch
kampf um Rom (1925) 103; schtreichn
auf heimlichen wegen herumgehen Überfelder
kärnt. 227.
übertragen: sus mois ein hertze gain uit sinen eigen und sich zu liebes wille neigen. is mois hem selbe auch ontlichen und alle tzyt nach liebe strichen, is si zu vreuden of zu noden
mhd. minnereden II 32, 180
Thiele. verbunden mit dem nebensinn der unentschlossenheit: zum willkomm' tappt ihr dann nach allen siebensachen um die ein andrer viele jahre streicht Göthe I 14, 95
W. A@2@cc)
sich fortbewegen, streifen, mit dem nebensinn des lautlosen und zuweilen geisterhaften: sie streichen aus einem zimmer in das andere, wie ein geist Petrasch
s. lustsp. (1765) 2, 106; der hohlen nacht furchtbare schatten streichen rings durch die straszen Schiller 6, 364
G.; durch die nacht strichen die langen gestalten dahin nach den sammelplätzen H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 220; hinter ihr im hause strichen ein paar scheue katzen durch die dunklen räume Storm
s. w. (1899) 1, 223; haustüren öffnen sich hier und da, eine gestalt, in einen mantel gehüllt, streicht an mir vorüber W. Raabe
s. w. II 2, 159.
ähnlich in bildlichen verwendungen: fahle, unheimliche schatten strichen je zuweilen durch die uns aufgethane lichtwelt Immermann
w. 18, 45
Hempel; ich seh's an allen zeichen, dasz meine sonn' erwacht. die schatten furchtsam streichen durch die erregte nacht; sie faszt des lichtes schauern, vor dem nicht schatten dauern Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 465. A@2@dd)
umherstreifen, streifzugartig wandern oder reisen: ihr (
Zigeuner) gleichet nicht den reichen, die prächtig durch die fremde streichen Hagedorn
poet. w. (1769) 3, 64; welche lust, bey angenehmen sommertagen über die hügel fahren — durch schattenwälder streichen — durchs gebüsch eichhörnchen jagen und vogelnester ausnehmen Bräker
s. schr. (1789) 1, 26; nachdem ich so berühmt geworden war, strich ich durch die ganze welt Immermann
w. 1, 15
Hempel; durch wald und feld streichen Arndt
s. w. (1892) 1, 58; in dieser absicht strichen wir durch felder und gebüsche und sammelten eine menge schätzbarer pflanzen J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 145; solche gedanken brütend, strich ich umher des nachts, und ohne dasz ich daran dachte, führten mich alle wege auf Aennelis grab J. Gotthelf
ges. schr. 1 (1856) 216; (
er) strich mit einer tüchtigen baumwurzel oder einem besenstiel in der hand durch feld und wald G. Keller
ges. w. (1889) 4, 17.
vom pirschgang des jägers: und strichen mit jhrem weidwerck allenthalben durch die wäld Grasser
schatzkammer (1610) 228; du magst mit jägern deines gleichen nach wilde durch die wälder streichen Schwabe
belust. (1741) 1, 523; der vater ging nun zu dem jäger, der oft durch felder, wälder und fluren strich und alle dinge derselben kennen muszte Stifter
s. w. 5, 1 (1908) 303.
auch im sinne von '
sich ergehen, wandeln': die richter unversunnen sahen sie tegelichen dort in dem garten strichen
buch Daniel 7452
Hübner; du nimmst ein leichtes kleid, das nicht des goldes pracht, nein, das dein eigner leib so schön als kostbar macht, und streichst mit munterkeit durch deines gartens gänge Schwabe
belust. (1741) 1, 129; sehr beschäftigt bin ich eben heute hier, um noch etwas von der ... schönen zeit zu genieszen und durch schon halb welkende wälder zu streichen (1815) Beethoven
s. br. 2, 290
Kal.; entschlossen sich auch die beiden grafen, noch einen spaziergang zu machen. sie strichen durchs dorf und kamen bald darauf am andern ende desselben an einen garten Eichendorff
s. w. (1864) 2, 67; als wir beide ... in erwartung des vier-uhr-zuges müszig hin und her um die alten mauern strichen Mörike
w. 1, 195
Göschen; den warmen morgen benützte ich zum ausgehen, strich durch die anlagen und machte zuletzt besorgungen im städtchen (1890) G. Freytag
br. a. s. gattin (1912) 493. A@2@ee)
bei manchen tieren deren umherschweifen während der brunstzeit und besonders die begattung; auch reflexiv (
catulire de canibus lauffen, sich streichen
marem appetere Corvinus
fons lat. [1646] 140;
vgl.laufen teil 6,
sp. 320
und [sich] belaufen
teil 1,
sp. 1438): wann sie sich streichen, lauffen die wölffe dem weiblein nach, wie die hunde Hohberg
adliges landleben (1682) 2, 643
b; streichen
heiszt bei einer hündin so viel als läufig sein Behlen
forst- u. jagdkde (1840) 6, 206.
bei fischen das aufsuchen der laichplätze: also auch die fohren, so ihr zeit hie ist, streicht sie den see auf gegen di einflusz desz Rheins (
ca. 1660)
fischbüchlein 144.
für die begattung selbst: man glaubt, dasz sie (
die wölfe) biszweilen mit den hunden streichen, daher eine andere art hunde erfolget Hohberg
adliges land- u. feldleben (1682) 2, 643
b; sich streichen, oder sich beziehen heiszet, wenn sich ein paar hitzig gewordene hunde zusammen belaufen, um junge zu machen Heppe
aufr. lehrprinz (1751) 354; streichen
von hunden, sich begatten Knothe
schl. (1888) 520.
das laichen der fische: et cum ipsis jam instat quod geleych
suum emittant, tunc masculus et femina colla sua invicem conjungunt et strichet,
et ita ambo incalescunt st. Hildegardis (
hs. d. 15. jhs.)
bei Migne
patrologia Latina 197, 1273; man pfleget die streichkarpffen nicht in grosse sondern in kleine teichlein zu setzen bisz sie gestrichen haben (
ca. 1660)
fischbüchlein 110; in demselben (
see) nahren sich die fische, und haben, wie man sagt, ihre brut darinn, oder, teutscher zu reden, streichen sie sich darinn Valvasor
hertzogth. Crain (1689) 1, 652; geschiehet es dasz die karpffen im streichen faul und träge sein, so bedienet man sich des artificii, und reibt ihnen pfeffer und saltz in die genitalia
Bresl. slg. v. natur- u. medic. gesch. (1717) 3, 189; die erfahrung lehret, dasz, wenn diese art (
d. karausche) mit der letztern zusammen gesetzet ist, sie sich, bey erlangter gnugsamen grösse, mit den karpffen zu vermischen und zu streichen pflege Göchhausen
notabilia venatoris (1741) 346; ihre (
der karauschen) laich- und streichzeit ist gemeiniglich im mai und juni und streichen sie schon, wenn sie auch nur zwei jahr alt sein Heppe
jagdlust (1784) 3, 293.
die letztere bedeutung verliert sich in neuerer sprache und wird durch andere verben wie läufig sein, hitzig sein Kehrein
waidmannsspr. (1871) 286, decken, belegen Dombrowski
dt. waidmannsspr. (1939) 228,
bei fischen durch laichen
ersetzt. A@2@ff) '
ziellos schweben, gaukeln'
mit der besonderen nuance des leisen, spielerischen (
poetisch): zehl alles laub mit welchem je die wälder uns erfreuet; und alles gras das spat und früh die zeit hat abgemeyet: auch noch die stäublein allzumal die in der sonnen streichen, so wirst du doch noch nicht die zahl der ewigkeit erreichen A. Silesius
heilige seelenlust 230
ndr.; es ist dem stein ein rätselhaftes zeichen tief eingegraben in sein glühend blut, er ist mit einem herzen zu vergleichen, in dem das bild der unbekannten ruht, man sieht um jenen tausend funken streichen, um dieses woget eine lichte flut Novalis
schr. 4, 85
Minor; es regte sich kein hauch am heissen tag, nur leise strich ein weisser schmetterling; doch ob auch kaum die luft sein flügelschlag bewegte, sie empfand es und verging Hebbel
s. w. 6, 230
Werner. A@33)
zur bezeichnung der fortbewegung von einem ausgangspunkt; oft mit unbestimmter richtungweisender ortsbestimmung oder reflexiv. A@3@aa)
davonziehen, weggehen: do Kain erhorte war ez got cherte ze der ubil wart er bleich, uil balde er danne streich
genesis u. exodus 25, 3
Diemer; strichen wirt er von dannen vrolich mit sinen mannen
buch Daniel 7245
Hübner; sît daz Achilles hât gewant ze strîte sîn gemüete gar, sô wil ich mit im eteswar nû strîchen unde kêren, dur daz ich im gemêren sîn heil und sîne wünne Konrad v. Würzburg
troj. krieg 13 605
lit. ver.; das jst Ismaels teil, ein flasschen mit wasser, die jm Abraham an hals hieng und lies jn streichen Luther 32, 452
W. A@3@a@aα) '
sich davonmachen, sich packen' (
oft imperativisch):
abite huy auf, hebend euch daruon, streychend hinweg Frisius
dict. (1556) 5
a;
aut bibat, aut abeat thye wie andere oder streyche daruon
ebda 155
a: mit unsiten sî zir sprach und hiez si enwec strîchen Hartmann v. Aue
Iwein 1975
Benecke; uz! strichet balde in gotes haz! Gottfried v. Straszburg
Tristan 14 575
R.; aber spricht unser her: ... nun wol hin in die hellesot! ... nun strichent mir ab den ougen, won üwer wil ich hüt verlǒgen
schausp. d. mittelalters 1, 294
Mone; wenn will ein böser bub aus deinem hause weichen, so halt ihn ja nicht auff, lass ihn nur immer streichen Olearius
pers. Rosenthal (1696) 37; ich will nichts mit dir, und jetzt streiche dich, rathe ich dir J. Gotthelf
ges. schr. (1855) 3, 99; der lump, der Napolion, het si g'striche Seiler
Basel 281. A@3@a@bβ) streichen lassen
in bildlichem und übertragenem gebrauche; eine eigenschaft, gemütsbewegung u. dgl. aufgeben: lat von uch, sprach er, strichen allen vorchtlichen sin, wand ich uwer helfer bin, an dem ir wol sit behut
passional, legenden d. 13. jhs. 48
Köpke; laz von dir sorge strichen umme die geschribne wort
buch Daniel 4588
Hübner; sie lasse künfftig ja die grosse boszheit streichen Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. ged. 46
ndr. etwas dahingehen lassen, dulden: magnificus: ... was meynt ihr wol, würde zu letzt geschehen, wenn man solche sachen so überhin streichen liesse Schoch
com. v. stud. leben (1668) 162; was in den Niederlanden geschehen, hat man so hin müssen streichen lassen Leibniz
dt. schr. (1838) 1, 223.
in bildlichem wortspiel '
etwas fahren lassen, darauf verzichten': ich wollte dieser kleinen epigrammetsvögel einen ganzen spiesz machen, aber drei waldhörner kündigten eine nahe jagd an, und ich muszte die fettsten Leipziger lerchen und sinngedichte streichen lassen Brentano
ges. schr. (1852) 5, 350. A@3@a@gγ)
redensartlich, im sinne von '
einen davonziehen lassen'; einen wind streichen lassen,
flatulieren; einen (furtz) streichen lassen (Kramer
t.-ital. 2 [1702] 1001
b; Ludwig
t.-engl. [1716] 1891): da ein mal ein truncken pfaff im bette seine completen bettet, und im gebet speiet er, und lies einen grossen bombart streichen (1545) Luther 54, 406
W.; dessen allen dennoch ungeacht, beklagter
N. sich gelüsten lassen, bey nächtlicher weile vor klägers hause vorbey zu gehen, und einen grossen abscheulichen wind, salva reverentia streichen zu lassen Chr. Weise
drei ärgsten erzn. 200
ndr.; was ist es? sagte mein lehrmeister, ich antwortete, du hast einen streichen lassen Grimmelshausen
Simplic. (1669) 1, 28; da es nun gar zu lang wären wolte, kehrete sich die frau herum, reckte den hindern zum bett heraus, und liesse einen streichen Widmann
Fausts leb. 144
Keller; item sie lässet auch zuweilen ein und andern streichen, dasz also kein scham mehr bei ihr ist Thomasius
allerh. gem. philos. u. jur. händel (1725) 3, 363.
bis heute in der umgangssprache und in den mundarten. A@3@bb)
sich (
heimlich)
davonmachen, sich verziehen, auch ausreiszen (
oft reflexiv)
: corripere se repente sich bhend daruon schwencken oder machen, flux daruon streychen Frisius
dict. (1556) 338
a; (
als) er im garten das ankommende volck gemercket, ist er davon gestrichen Rivander
festchron. (1591) 20
a; andere aber heimlicherweis darvon streichen, weib und kinder sitzen lassen (1617) Schmoller
Straszb. tucher- u. weberzunft (1879) 244; Timoska wird ... zwar ... in hafft genommen, hat aber sich losz gebrochen, und ist darvon gestrichen Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 121; es hat sich auch wohl ehemahls begeben, dasz solch fremd gesind bey nachtzeit diebe eingelassen, und nachdem sie sich allerseits mit allerley wohl beladen, ... seynd sie mitteiander darvon gestrichen, und haben sich unsichtbar gemacht Hohberg
georg. cur. 3, 1 (1715) 84; strich mich in der stille aus dem gefängniss Musäus
volksmärchen 1, 66
Hempel; ich strich mich sacht aus der vornehmen gesellschaft, ging, setzte mich in ein cabriolet, und fuhr nach
M. Göthe I 19, 103
W.; gestern hatt ichs bald satt und strich mich
ders. IV 3, 158
W. häufig in der umgangssprache, bes. mundartlich: sich drücken, sich entfernen striche
n Martin-Lienhart
els. ma. 2, 625; er stricht si
er macht sich davon Hunziker
Aargau 260; sich striche
weggehn, d'sitzung het mî gelangwîlt, drum hawwi mi gstriche Schmidt
Straszburg 106
a; stryken
sich aus dem staube machen, he gng stryken Strodtmann
Osnabr. (1756) 233; seck striekes donn
dünn machen wb. d. Elberf. ma. 158
b; strieken gaan
entwischen, davon gehen Stürenburg
ostfries. 268
b. A@44)
übertragen auf verschiedene, der natürlichen fortbewegung entsprechende vorgänge. A@4@aa)
von schiffen: hie mite strichen die kiele hin Gottfried v. Straszburg
Tristan 11 645
R.; da irsach er in der vrist ein schif strîchin herabe Nicolaus v. Jeroschin
kronike v. Pruzinlant 18 788
Strehlke; wie ein zuschmettert schiff ... ... bald durch die engen klüffte der scharffen klippen streicht, so handelt uns die noth Gryphius
trauersp. 192
lit. ver.; brigantin, ist ein ... raubschiff, so geschwind durch die wellen streichen kan
zeitungs lust u. nutz d. spaten (1697) 405; die segel, die so häufig, und so frey, bald auf, bald ab, durch dein gewässer streichen Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 92; wie streicht dein boot, verwegnes heer! so sicher auf das weite meer Gottsched
neueste ged. (1750) 90; das schiff streicht durch die wellen Böhme
volksthüml. lieder d. Deutschen (1895) 544; er betrachtet die segel wie lungen, durch welche das schiff athmet, um mit rüstiger kraft durch das wasser zu streichen Avé-Lallemant
gaunertum 3, 111; die kiele streichen hin; in der einsamen mittagstunde sitzt Isote auf dem verdeck Storm
s. w. (1899) 1, 47; der mond versilbert die tote flut, drauf stille die gondeln streichen Isolde Kurz
ged. 284. A@4@bb)
vom lauf der himmelskörper: nû sagt im der heiden die planêten sîn unterscheiden, daz ir etzlîche stille stên, etzlich die rihte vür sich gên, etzlich strîchen hinder sich Ulrich v. Eschenbach
Alexander 10 131; dieweil vnd der comet seinen vrsprung von Orient nimpt vnd streicht in nidergang Paracelsus
opera 2, 642
Huser; sag an doch, welches ist das böste von den zeichen, durch welche sonn und mond in steter ordnung streichen? Grob
dichter. versuchgabe (1678) 73; streichender stern (
sternschnuppe)
Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 8, 1642. A@4@cc)
vom flieszen des wassers (
in der anwendung auf den geographischen lauf von flüssen vielleicht z. t. im sinne der längenausdehnung, vgl. A 5 b): zum fünfften musz man auch wol bedencken, die wege oder geng, durch welche das wasser lauffen und streichen musz
M. Sommer
keiser Karls warmbad (1591) F 2
b; dieser flusz regiert und treibet etzliche mühlen, streicht hinunter auff die stadt Münder Cyriacus Spangenberg
chron. (1614) 3; hundert wasser, aber nicht meh, so daher strichen inn den see Wickram
w. 8, 196
Bolte; heut ein bächlein wol beschwetzet nahm die flucht ausz grünem wald; an den steinlein sich verletzet, hett mit jhnen starcken spalt: dan weils jhm nit wolten weichen ausz so lützel feuchter strasz, zornig thät es neben streichen, murret starck ohn vnderlasz Spee
trutznachtigall 315
ndr.; der grosze flusz Oby, der durch die Nagaische Tartarey streichet Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 72.
mundartlich von der wellenartigen bewegung des wassers nach allen richtungen beim kochen, sieden: streichen
anfangen zu sieden, comminciare da bollire, commencer à bouillir Rädlein (1711) 851
b;
vgl. auch Kramer
nd.-hochdt. dict. (1719) 1, 377
b; Doornkaat Koolman 3, 337; Schmeller 2, 807; Vilmar
Kurhessen 403. A@4@dd)
vereinzelt zur bezeichnung nicht optisch wahrnehmbarer erscheinungen; für einen akustischen vorgang, also der fortbewegung des schalles im sinne von '
hertönen, erklingen': bist du so meiner gunst, so indenck meiner zähren? so indenck meiner glut, dass auch der nahmen nicht dir in die sinnen kömmt, ob schon dir im gesicht Olympe lebend steht? ob die vor süszen worte schon streichen in dein ohr? Gryphius
trauersp. 313
lit. ver.; selten strich der schleiereule heiserer ruf herüber J.
V. v. Scheffel
ges. w. (1907) 1, 198; wie hohle töne streichen fernher auf tiefer see E.
M. Arndt
w. 5, 153
Rösch-Meisner. vom aufsteigen und dahinziehen von gerüchen: dann in den warmen stuben do stinckt es so sehr, vnd schmackt also, ... drumb soltu zu der selben stund den vördern gschmack mit deim (
der nassen strümpfe) vertreiben. so mag eins nicht beim andern bleiben, vnd wirt der new zur nasen streichen Scheit
Grobianus 4575
ndr.; ein dufft ... in die nase streichet
quelle v. 1722
bei Fischer
schwäb. 6, 3231; es strichen eben die düfte der ersten frühlingsblumen über die gärten Storm
s. w. (1899) 4, 87. A@4@ee)
in bildlicher und übertragener verwendung: so vant er in ie ebene in dem gehorsam strichen und nindert dar uz wichen bisit eines vuses breit
d. väterbuch 2679
Reissenberger; wenn einmal die gedanken wieder im bunten wechsel, durch mein gehirne streichen möchten
F. M. Klinger
neues theater (1790) 1, 148; mir strichen zwar Fingal und Regner Lodbrog ... durch die seele Herder 1, 432
S rastlos streicht die rache hin und wieder, sie zerstreuet ihr gefolge an die enden der bewohnten erde über der verbrecher schweres haupt Göthe I 11, 26
W.; so entzieht sich ... alles historisch-individuelle unter den düstern schwaden, welche durch die dichtung streichen, dem blicke Immermann
w. 19, 13
Hempel; zum folgenden vgl. auch A 6 a
α: das war wohl die absicht des herrn Jony, und er öffnete darum die thüren des ganzen staatsgebäudes, und liesz die moral durch alle regierungskammern streichen Börne
ges. schr. (1829) 7, 2; im übrigen streicht aber ein kühler zug durch das ganze trauerspiel J. Bayer
studien (1908) 271.
vom herannahen unabwendbarer übel: wenn die morgenröth herleuchtet und der schlaff von uns sich wend, sorg und kummer daher streichet, müh find sich an allen end
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied d. 17. jhs. 1, 511. A@4@ff)
übertragen auf zeitliche vorstellungen; vom herannahen oder vergehen eines zeitpunktes wie vom fortschreiten der zeit überhaupt (
vgl. verstreichen): er liez et nâher strîchen sîns êrsten strîtes urhap Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 324, 20; und menniglichen ... sich hoch erfrewet, und preusset, auch wie näher die zeit solchen anstehenden conciliums anher striche Dreyfelder
hist. d. hauses Est (1580) 262
b; die hundstag streichen her mit macht, drumb hab ich meiner fleissig acht Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Q qq 2
b; es streichet albereit auf das zwanzigste jahr, seit ich ... am ersten die feder, zu ubersetzung gegenwärtigen werkleins angesetzet S. Faber
d. gesunde krankheit (1677) 112
b; so streicht der vormittag bey fleisz und büchern hin Schwabe
belust. (1741) 1, 128.
hierher gehört sinngemäsz auch: wann ein wunden zur heylung streicht, vnd vnter der wunden stich signum est, das die artzney falsch ist (
auf dem [
zeitlichen]
wege zur heilung begriffen ist) Paracelsus
chirurg. bücher (1618) 553
a Huser. sich im stetigen ablauf der zeit befinden, zeitlich seinen weg nehmen im sinne von '
altern': wenn wir schier streichen zu dem end Hans Sachs 6, 147
lit. ver.; approsimarsi la vecchiezza zum alter streichen, alt werden Hulsius (1618) 2, 34; wann der mensch über die 49. jar streicht und in das 50. gehet
bei Fischer
schwäb. 6, 3231.
vgl. auch: mein gantzes leben streicht dahin Hoffmannswaldau
ged. (1697) 1, 309. A@55)
die vorstellung der fortbewegung überträgt sich auf die längenausdehnung einer linie oder einer fläche, die sich in gerader richtung dahinziehen, also gewissermaszen fort- '
laufend'
gedacht werden. '
sich erstrecken': ûf einem berge stuont ein eich, der hœhe ûf in die lüfte streich
adt. beisp. in: zs. f. d. a. 7, 380
Pfeiffer; vnden lasz ich die lini ... mitten durch das gelenck der hand streichen Dürer 4
bücher v. menschl. proport. (1520) E 3
a; damit das hertz vnnd die ederlein, so vom ringfinger zum hertzen streichen, gestercket werden Mathesius
Sarepta (1578) 42
b;
hierzu kommt noch, dasz ... die fichte ... seicht im boden streichende wurzeln hat Rossmaessler
d. wald (1863) 247; weil die wurzeln gleich vom stocke aus tief streichen Ratzeburg
waldverderbn. (1866) 2, 331; sie (
die nordgrenze d. tanne) umschlieszt mit einem nach westen gerichteten bogen die gebiete von Luxemburg, Trier und Bonn und streicht durch das südliche Westfalen Hoops
waldb. u. kulturpfl. (1905) 233; wir halten, abweichend von landläufiger auffassung, die über Neckarmündung, Untermain. Werra-Fuldagebiet streichende querlinie des gegensatzes appel/apfel für wichtiger als die wagerechte des gegensatzes ik/ich Frings
grundleg. e. gesch. d. dt. spr. (1948) 25.
die folgende wendung ist im deutschen ungebräuchlich; hier wohl in anlehnung an die englische vorlage: dis gäszlein streichet in die breite strasze
this lane strikes into the broad street Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 1891. A@5@aa)
als terminus in der mineralogie und im bergbau, wo die horizontal sich erstreckenden gesteins- oder erzadern (
vgl.gang teil 4, 1, 1,
sp. 1228) streichen (
gegensatz: das fallen
des ganges, seine ausdehnung in der von der horizontalen abweichenden richtung): ich weis das höfflichste bergwerck, ist fündig überreich ... alle genge die dadurch streichen füren die schönste art (1537)
bergreihen 35
ndr.; da hat es ein sehr grob grembsig gestein, dardurch fallen streichende genge, als sonderlich vena transuersa Thurneysser
magna alchymia (1583) 73; es ist nicht minder, dass etlich bergleut viel von den gängen halten, so in die tieffe fallen, vnnd von auffgang der sonnen in nidergang streichen Paracelsus
opera (1616) 1, 915
a Huser; der bergkmann aber grebt nicht alle thal, ... es seye dann vnder jhnen ... ein reicher
gang von metall, der auss dem gebirgk herab zu dem thal streicht Ph. Bech
Agricolas bergwerckb. (1621) 24; ertz streicht zu gang, wenn es beständig fortsetzet Schönberg
ausf. berginformation (1693) 2, 26; wenn die gänge (
im bergwerk) ihr streichens mit dem gestein haben, so sprechen die bergleute: der gang streicht und fället mit dem gestein in einer artigen gesteinslage Herttwig
neues u. vollk. bergb. (1734) 259
b; streichen wird in der marckscheide-kunst von den gängen, flötzen und klüfften gesaget, wenn man darinnen bemercket, wie selbige von einem ort zum andern in dem gebirge nach einer gewissen weltgegend in gerader linie fortsetzen Wolff
math. lex. (1747) 1269; so streichen die gänge, so liegen die flötze, so schiebt sich das gestein, so brechen die metalle Herder 22, 235
S.; gedachtes mineral hat sich in einem lettenartigen trumm, welcher durch den gips des rechten ufers der Saale streicht, gefunden Göthe IV 13, 160
W.; das erz streicht in schrägen adern, handbreit durch weiszlichen schiefer Immermann
w. 20, 56
Hempel; die granitschichten streichen von w. nach o. Ritter
erdk. (1822)
teil 1, 910; im allgemeinen streichen die schichten von abend nach morgen und gehen mit einem winkel ... nach süden in die tiefe J. G. Forster
s. schr. (1843) 3, 16; gestrecktes feld, auch streichendes feld, längenfeld
ein auf eine einzelne, ganz bestimmte lagerstätte beschränktes grubenfeld, welches dem streichen und fallen
dieser lagerstätte in einer gesetzlich festgestellten länge und einer durch die vierung bestimmten breite folgt und die ewige teufe besitzt Veith
dt. bergwb. (1870) 178. A@5@bb)
in der geographie zur bezeichnung der richtung und längenausdehnung von gebirgen oder tälern: es ist
ferner bekannt, dasz dieser langgestreckte welttheil (
Amerika) ... eine kette von gebürgen hat, die von süden nach norden streicht Herder 13, 239
S.; seine (
des tales) länge streicht, wie das gebürg selbst, ... von mitag gegen mitternacht Göthe IV 4, 98
W.; die schönen gebirge von norden gegen süden streichend
ders. I 30, 86
W.; in einem gen norden ... streichenden thale Droysen
gesch. Alexanders d. Gr. (1833) 284; gegen süden und norden hin strich ein langes, schroffes felsengebirge Jung-Stilling
s. schr. (1835) 2, 295; die lange gebirgkette, die den Jura hinab am Genfer see hin bis auf den Var bei Nizza zum Mittelmeer streicht E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 2, 33; an seiner rechten streicht ein niedriger höhenzug, das mittelgebirge genannt H. Laube
ges. schr. (1875) 14, 1; höhenrücken des Wiehengebirges, das am rande des flachlandes gegen westen streicht Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 264; von den nebenhimmelsgegenden her streichen vier gebirgszüge bis nahe an das Fichtelgebirge Tromnau
lehrb. d. schulgeogr. (1909) 2, 3, 121. A@5@cc)
in neuerer sprache selten ist streichen
für die ausdehnung einer fläche, gewöhnlich in einer bestimmten richtung: devexus, deuexum, decliue das sich herabwertz helt, oder vnderwerts streichet Faber
thes. (1587) 204
a; als nun das fräwlein hett den meeresweg erreichet, des groszen meers, das da her an Guasconjen streichet Dietrich v.
d. Werder
ras. Roland (1636) 1, 105; herr, deine treu und güte reicht, so weit des himmels umbfang streicht
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied d. 17. jhs. 3, 96; mein garten streicht bis an die stadtmauren
il mio giardino etc. regge, scorre, regna, và fin' alle mura della città Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1001
b; dieser acker streicht bis an den bach
ce champ s'étend jusqu'au ruisseau Schwan
nouv. dict. (1784) 2, 732
a; ein blick auf die karte läszt uns eine gewisse ähnlichkeit des Mädchenfelsens mit dem weiter nördlich gelegnen Wolfsfelsen erkennen. gleich diesem im hintergrunde einer gebirgsbucht gelegen und die stirn der von süden her streichenden hochfläche bildend Laistner
nebelsagen (1879) 109. A@66)
in einer reihe von anwendungen verbindet sich das bedeutungsmoment der fortbewegung mehr oder weniger stark mit dem einer streifenden berührung, des streifens an, auf, durch etwas (
s. u.B). —
der gedanke der fortbewegung beherrscht die auffassung: nun also streicht der harn hindurch gegen der blattern zu, vnnd hat etliche weg von der leberen zu der nieren Paracelsus
opera (1616) 1, 57
b Huser; am selben orthe, da sich der strohm zertheilet, und um das eiland ... streichet Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 75
b; neben meinem hausz lag eines jägers hund an einer kette, eine so bissige bestie, die dir die mädels wie der blitz am rockzipfel hatte, wenn sie sichs versahn, und zu nah dran vorbey strichen Schiller 2, 34
G.; über den sammtrasigen boden hin, ... strichen goldgrün leuchtende schlangen
d. jahreszeiten (1811) 2, 86
Fouqué; an der zahl der durch die schwefelsäure streichenden gasblasen erkennt man die geschwindigkeit des luftstromes Muspratt
chemie (1888) 4, 1700. —
das bedeutungsmoment der berührung beherrscht die vorstellung: sich wie der dünne rock umb jhre beinlein streicht Micraelius
Agathander (1633) B 4
a; da schauern die todten und schlüpfen in ihre gräber, dasz man die leichentücher durchs laub streichen hört Eichendorff
s. w. (1864) 3, 255.
auch der folgende beleg wird, obwohl eine berührung ausdrücklich verneint ist, doch von der idee des an-etwas-hinstreifens getragen: und daher läszt Homer seine götter, wenn er ihnen die allermöglichste schnelligkeit geben will, gar nicht aufsetzen, den boden gar nicht berühren, sondern über den boden dahin streichen; und zwar ohne fortsetzung der füsze Lessing
w. 4, 495
Olshausen. im sinne von '
sich reiben, sich anschmiegen'
erfaszt streichen,
oft in reflexiver konstruktion, die leise, streifende bewegung eines ganzen körpers; meist von der schmeichelnden, katzenartigen bewegung: welche um jren nutz hübschlich strychend wie ein katz um ein bry, ... sind falsch propheten Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 82; und mir ists wie dem kätzlein schmächtig, das an den feuerleitern schleicht, sich leis dann um die mauern streicht Göthe I 14, 185
W.; eine katze ... strich spinnend um die halb geöffnete hausthür Storm
s. w. (1899) 1, 102; eine katze, die die stille noch gröszer macht, indem sie die bücherreihen entlang streicht, als wischte sie die namen von den rücken Rilke
Malte Laurids Brigge (
31910) 1, 61.
als ausdruck der liebkosung; adulari schmeicheln, sich lieblen oder streichen, wie die hund oder auch katzen Corvinus
ons lat. (1646) 12: mein aller liebsts vnd höchster schatz streicht sich vmb mich, recht als ein katz
liederb. d. Hätzlerin 72
Haltaus; jhme lieffen die hundt ... enntgegen, liebten und strichen sich an jhme Schaidenreisser
Odyssea (1537) 66
b; als saget man auch, dasz eine jede katze (sie möge es so freundlich machen mit streichen, schmeicheln, gnurren
etc. wie sie wolle
etc.) alle stunde neunmahl gedencken solle einen menschen umzubringen Prätorius
philos. colus (1662) 155; um seine (
des knechtes) füsze strich spinnend ein groszer schwarzer kater Spielhagen
s. w. (1877) 1, 24.
bei gedachter eigenbewegung eines an sich leblosen gegenstandes: oft warnte eine stimme mich in hast: 'dich vorgebückt! und über meinen nacken strich sich ein breiter ast mit trägem knacken A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 96. A@6@aa)
besonders vom luftzug, vom winde und anderen atmosphärischen erscheinungen. A@6@a@aα)
zunächst im sinne der fortbewegung (
gemäsz A 4): daz wol den wolken glichet, die vor den winden strichet Heinrich v. Hesler
apokalypse 7902
Helm; gar bald daruff ich basz vernamm, das djugend wirt dem wind verglicht, der ietz dahär, denn dörthär stricht
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 188
Bächtold; in diesen strengen tagen ... der mensch zue eisse wird, vnd Boreas so streicht Opitz
teutsche poemata 186
ndr.; so schien eine feindselige gärung in dem nebel zu entstehen, der auf einmal aufwärts strich Göthe I 19, 254
W.; kalt streicht die luft Kind
ged. (1817) 2, 60; es streicht eine schwarze wolke über den Brüsttobel her Scheffel
ges. w. (1907) 2, 157; als ich heut nachmittag ausging, strich ein kalter wind Hebbel
tageb. 2, 327
Werner; es war eine finstere nacht und der wind strich hohl aber warm das Loirethal herauf H. Laube (1875) 2, 57; ich war manche nacht, wenn die öde luft durch den himmel strich, traurig über die welt und traurig über alle dinge Stifter
s. w. 2 (1908) 169. A@6@a@bβ)
häufig aber in der kombinierten vorstellung einer fortbewegung und einer berührung, zumal in der verbindung mit einer präpositional (durch, über)
angeschlossenen lokalen umstandsbestimmung: fühle, wie dem scharfen blasen Zephirs lauer athem weicht; wenn ihr ungestümes rasen über unsre fluren streicht Gottsched
ged. (1751) 1, 281; er ist es nicht — es war der winde spiel, die durch der pinie wipfel sausend streichen Schiller 14, 52
G.; ein kalter nordwind, der durch seine baufällige hütte streicht
ebda 1, 49
G.; der wind ... strich pfeifend durch das ganze haus Eichendorff
s. w. (1864) 3, 143; sie bemerkte es nicht, dasz der wind sich wieder erhoben hatte und in scharfem zuge durch das offene fenster über sie weg strich H. Laube
ges. schr. (1875) 2, 150; nächtens entbehrt des thau's das gefilde und am tag der streichenden kühle
M. Greiff
gedichte 5103; rauh streicht der wind über ihre wangen und ihre locken fliegen
M. Reich
ausgew. w. (1894) 109; hinaus in den wald, wo die luft so köstlich rein und stark um leib und seele streicht Auguste Supper
auf alten wegen (1928) 113; die nebelwolken strichen immer noch an den entgegengesetzten bergen Nicolai
reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 1, 67; am himmel zogen graue wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der nebel herauf und strich schwer und feucht durch das gesträuch Büchner
nachgel. schr. (1850) 201; ganz leise strichen die fallenden schneeflocken an das fenster O.
M. Graf
unruhe (1948) 417; ein schöner regen strich gegen abend übers land
schweiz. id. 11, 1993.
in ähnlicher vorstellung: der durchdringende fadenregen strich unbarmherzig hernieder O.
M. Graf
unruhe (1948) 304.
bildlich: sonderbar! nur die seinigen (
gefühle), aber nicht Beatens ihre wurden von dieser durchs theater streichenden nordluft erkältet Jean Paul
w. 1, 281
Hempel; durch die säle mit den wenigen noch wankenden gestalten strich die langeweile unsichtbar wie ein böser luftzug Eichendorff
s. w. (1864) 3, 357. A@6@bb)
der gedanke an eine flugähnliche fortbewegung (
vgl. oben 1 b
γ)
läszt den gebrauch von streichen
für das fliegen eines geschosses zu: man sieht die pfeile kaum durch die getheilten lüffte streichen Gryphius
trauersp. 197
lit ver.; in dem kam ein Berner daher, spannete seinen bogen, liesz solchen dem von Burgenstein auff der zinnen seines schlosses ligende, in sein haupt streichen vnd sprach: auch der were ein guter schmidt gewesen, der diesen pfeil geschmidet hette Zinkgref
apophthegmata (1628) 373; so streichet doch die kugel in stracker linien durch die lufft de Boy
archelei (1614) 19.
häufiger aber verbindet sich mit dieser vorstellung der nebensinn einer gleitenden berührung, vor allem, wenn der schusz in flacher bahn über das vorfeld erfolgt: 'streichender schusz
ist einer, darvon die kugel nicht in die höhe, sondern gleich auff der erden hinstreicht und in ihrer erstreckhung vil sprüng thut'
bei Fischer
schwäb. 5, 1847; rasirendes feuer, streichendes feuer, feu rasant
werden die schüsse genennet, welche in der distanz von 3
oder 4
fusz vom horizont parallel mit demselben ins feld gehen Eggers
kriegslex. (1757) 2, 554.
aus neuester zeit: doch als ich versuche, den kopf hochzunehmen, sehe ich bereits die unmöglichkeit ein. das maschinengewehrfeuer ist derartig gedeckt, dasz ich durchlöchert werde, ehe ich einen sprung tue ... das feuer streicht also ganz niedrig über das terrain Remarque im
westen nichts neues (1929) 216.
die flache geschoszbahn bietet die treffmöglichkeit aller ziele auf der schuszlinie; streichen
bedeutet daher '
von der flanke die gesamte frontlinie des gegners beherrschen'; flanquiren, streichen, auf der seite einbrechen Spanutius
dt. lex. (1720) 247; streichendes feuer ...
werden ... die schüsse (
genannt),
welche von den flanquirenden linien parallel mit den facen der bestrichenen werke geschehen Eggers
kriegslex. (1757) 2, 554: auff den obersten platz solcher pasteyen oder bollwercks, werden auch etwan zwey etwan drey stück, auch nach der seiten gerichtet, die ringmauren auch zu beschirmen, vnder welchen stücken das ein insonderheit auff die nechsten bollwerck zu streichen Fronsperger
kriegsb. 2 (1573) 29
a; die manier ... die form vnd gestalt einer stattmauren zu ordnen ... ist diese, dasz man dem gantzen baw eine solche gestalt zu geben ... wo die heraussen in der belegerung ein anlauff oder sturm gedechten fürzunemmen, dasz kein ort am gantzen baw dermassen vbel versehen, damit der feindt in solchem sturm vnd anlauff, ein mercklichen schaden nemmen musz, durch nidrige wehren, die auff dem grunde nechst dem boden her streichen, vnd solches zum wenigsten von vier wehren, die von mancherley orten zusammen streichen, dann je viel solcher wehren gemacht werden mögen, je besser es zu halten vnd geachtet wirdt Fronsperger
kriegsbuch 2 (1573) 27
a; die (
mauern) haben vier seiten mit acht türnen oder pasteien, die alle mit gutem geschütz versehen, und stets eine gegen der ander jhr streichende wehr auff der seiten gegen der mauren haben Fr. Alvares
beschreib. (1573) 63; die mawren sein allenthalben hoch, und mit guten streichenden thürnen versehen E. v. Meteren
hist. beschr. d. niederl. krieges (1614) 378
a.
dazu gehört streichende streichlinie
als terminus im festungsbau; '
die linie eines bollwerks, welche mit der gegenüber liegenden face in eine linie zusammenläuft. die einlaufende streichlinie
aber machet mit der gegenüber stehenden face einen winkel' Jacobsson
technol. wb. 4 (1784) 316
a; Campe 4, 703; (
vgl. auch streiche 2
und streichlinie 1): die streichende (
defenslinie), saget er, ist der bohrenden vorzuziehen, weil die streichende kugel immer ihre kraft behält; wenn sie das erste ziel verfehlet, so kann sie noch das zweyte treffen
allg. dt. bibl., anh. z. bd. 25—36, 2180.
ebenso: streichender winckel ...
wird der winkel genennet, den die flanque oder streiche mit der defenslinie machet Wolff
math. lex. (1747) 1, 1269; Jacobsson
technol. wb. 4 (1784) 316
a; Campe 4, 703: man soll vor die cortinen gegen den streichenden angulis vber einen halben mond an die contrescarpa machen Wallhausen
kriegssmanual (1616) 41.
daneben entwickelt sich mit dem aufkommen der sprengwirkung der geschosse und der schnellen schuszfolge einzelner (
zumal automatischer)
waffen bestreichen,
d. h. geschosse in dichter folge auf einem bestimmten geländeabschnitt ausbreiten oder verteilen, ihn '
so unter feuer halten, dasz möglichst kein teil der feuerwirkung entzogen ist' (Alten
hdb. f. heer u. fl. [1909] 2, 229
a). A@77)
zur bezeichnung einer abwärts gerichteten bewegung '
niedergleiten (
machen)', '
niederfallen (
lassen)';
im nd. gebräuchlich striken '
fieren' (
vgl. Schiller-Lübben 4, 436),
doch von da in einzelnen wendungen (die segel, die flagge streichen)
über das gesamte dt. sprachgebiet verbreitet; stryken
nachgeben, fahren oder streichen lassen, welches nicht allein vom segel streichen
gebraucht wird, sondern auch vom niederlassen einer last, die in der winde hänget Richey
id. Hamburg. (1755) 295; strieck!
ist der aufruf, zuruf der Hamb. arbeiter, in packräumen, auch auf schiffen gebräuchlich, wenn ein waarenpacken in die luke, öfnung gepaszt, herabgelassen, gewunden werden soll: lasz streichen, fahren! Schütze
Holstein 4, 212;
niederfahren, ablaufen (
von einer blockrolle, das ankertau von der welle usw.), laat stricken!
lasz fahren oder ablaufen! Stürenburg
ostfries. 268
b; die stengen und raaen werden bei heftigem sturme gestrichen Bobrik
naut. wb. (1850) 673;
abwärts wurden früher die segel gestrichen,
indem man als zeichen der unterwerfung, als eingeständnis der niederlage die rahen fallen liesz, so dasz die segel von selbst mit niedergingen Goedel
etym. wb. d. dt. seemannsspr. (1902) 469.
vgl. noch: se setten er kors na Jasmun to, dar quemen se des morgen fro, de anker leten se dar striken (1511)
hist. volkslieder 3, 49
Liliencron. A@7@aa)
die segel einziehen, die flagge niederholen ('
dippen'): allein mein stewrmann musz die segel lassen streichen, er kan, wie gern er wil, die höhe nicht erreichen Lundius
dt. ged. (1636) 81; gegen den mittag sahen wir von ferne ein grosz both ..., bald machte es seegel, bald liesz es streichen Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 207
a; erblickt er dann das land (
der schiffer) so ruffet er: ich seh ich sehe schon den strand, streicht segel, anckert ein, wir haben überwunden Opitz
opera (1690) 2, 121; hoffnungsschwellendes schiff! ein windstosz erhebt sich in widriger richtung und du bist genöthigt, deine rauschenden segel zu streichen Gutzkow
ges. w. (1872) 6, 322.
bes. als zeichen der ehrerbietung, zum grusze (
vgl.: strijken
heisset, wenn man entweder ehrenthalben vor einer festung, oder vor einem schiff von höhern rang, oder sonst das grosse mars-segel bis auf die helffte des masts niederlässet Fäsch
kriegs-, ingen.-, seelex. [1735] 859
a): zu dem hetten sie jhne, da er nahend herzu kommen, dem brauch nach, gar nicht wöllen grüssen, noch die segel streichen oder fallen lassen Lewenklau
neuwe chron. türck. nation (1590) 125; (
England) maszt sich das eigenthum der brittannischen meere an, und verlangt deshalb, dasz alle nationen in denenselben bey begegnung englischer schiffe, nebst denen gewöhnlichen ehrenbezeugungen die flagge einziehen und die seegel streichen sollen
allg. dt. bibl. (1765) 3, 1, 90; Oliver Cromwell ... nöthigte die holländischen schiffe vor der englischen die flagge zu streichen J. v. Müller
s. w. (1810) 3, 128; die brigantine, welche die Schelde herabfuhr, weigerte sich, vor einer dort stationirten fregatte die segel zu streichen Ranke
s. w. 31 (1875) 142.
als zeichen der kapitulation und übergabe: wir fahren durch die mittelländischen seeräuber und streichen die segel nicht Chr. Weise
polit. redner (1677) 72; die armen leute strichen ihr seegel mit groszer furcht Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 207
a; streich die segel unverzüglich, nieder lasz die segel du! — nein ich streiche nicht die segel nimmer lasz ich sie herab Göthe I 3, 214
W.; hij strijkt de vlag (
holl.) Lüpkes
seemannsspr. (1900) 53.
schon früh auch ohne angabe des objekts: vnde wy en del stryken deden vnde de schipperen enen in vnse holk ouernemen (1463)
urk.-buch d. st. Lübeck 10, 404; so schrig man sie sollenn streichen, das ist, sie solten sich gefangen geben Grunau
pr. chron. 2, 236
Perlbach; zwei
engl. linienschiffe haben gestrichen, konnten aber nicht genommen werden Niebuhr
lebensnachr. (1838) 1, 298. A@7@bb)
als redensart verbreitet sind die beiden wendungen die segel
bzw. die flagge streichen
für '
nachgeben, sich überwunden fühlen',
auch hier z. t. mit ersparung des objekts: de heillosen papen weren so trotzig ... dat se vor gades wort endlik nicht striken wolden, sundern bleven jummer stiff by eren dingen (16.
jh.) Schiller-Lübben 4, 436; wenn du (
eiche) vor grossem sturm must streichen, vnd dich das wetter schleht zu drümmern, so lasz ich (
rohr) mich des nichtes kümmern Burkard Waldis
Esopus 1, 126
Kurz; vor jrem (
der löwen) grewel müssen (
die tiere) streichen vnd gleich wie in einr fallen kreichen müssen sich ducken, bucken, schmucken
ebda 2, 267; wer für götzen segel streicht, wird mit angst und schrecken sterben Neukirch
ged. (1744) 93; und ohne meinen zweck im mindsten zu erreichen, muss ich vor einer frau die stolzen segel streichen
slg. v. schausp. (1764) 8, 71 (
der spieler); dasz du vor meinem witz die segel streichst, will ich diesesmal als ein compliment annehmen Lichtenberg
br. (1901) 1, 34; es betrübt mich nur, dasz ich von einem narren überwunden bin, dasz gelehrsamkeit vor thorheit die seegel streichen musz Tieck
schr. (1828) 5, 253; dagegen ist die grösste intelligenz machtlos, und selbst ihr witz, mein freund, würde vor so grossartiger stupidität kläglich die flagge streichen müssen W. Raabe
schüdderump (1870) 3, 173; ich kann aus dem titel 5, der von den rechten der kammer handelt, nicht die überzeugung entnehmen, ... dasz es unser beruf sei, auf die regierung ein anhaltendes feuer von adressen, von misztrauensvoten zu eröffnen, bis das ministerium die flagge streicht Bismarck
reden 1, 86
Kohl. A@88)
im nl. begegnet die wendung een vonnis, een oordeel strijken '
ein urteil fällen' (Verwijs-Verdam 7, 2318;
wb. d. nl. taal 16, 54),
der die bildliche vorstellung von '
fallen lassen'
zugrunde liegt; im anschlusz daran vereinzelt auch im dt. (
wohl als entlehnung): doch ist dainne gefuirwart, dat man den koch zovoerenz sall laissen komen, ee dat urdel gestrichen wirt (15.
jh.)
Kölner zunfturk. 2, 15
Loesch. A@99)
die ruder durch das wasser ziehen: hiermit (
mit den rudern) wissen sie ... so überaus geschwinde zu streichen, und in stillen wassern dermassen fort zu fahren, dasz die schuhten durch das wasser hin zu fliegen scheinen
O. Dapper Africa (1671) 468
b.
heute in der seemannssprache aber: die riemen oder ruder (
über steuer) streichen,
rückwärts bewegen; kommando (
zum wenden): streich back-, steuerbord!
zum deinsen: streich überall! Sanders 2, 2, 1236; Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 742
u. 743; die riemen streichen
rückwärts rojen (
rudern),
oder den lauf des fahrzeugs hemmen, indem man die ruder in entgegengesetzter richtung im wasser bewegt Bobrik
naut. wb. (1850) 673. BB.
über etwas hinfahren, etwas streifend berühren. als bezeichnung einer unter fortlaufender berührung einer oberfläche strichähnlich ausgeführten bewegung vereinigt streichen
die beiden bedeutungsmomente der bewegung und der berührung. der gedanke an einen bewegungsvorgang ist zwar überall noch lebendig, tritt jedoch zugunsten der vorstellung der berührung zurück. die doppelseitigkeit jeder berührung läszt die möglichkeit eines austauschs der objekte zu. als (
affizierte)
objekte zu streichen
stehen entweder der körper (
gegenstand),
mit dem unter anhaltender berührung die bewegung ausgeführt wird, bzw. der die bewegung macht: ich streiche die hand über etwas, ich streiche den bogen über die geige;
mit erspartem objekt: ich streiche über etwas, ich streiche über die geige;
oder der ruhende körper, der mit einem gegenstand (
angeschlossen durch die präposition mit)
streichend berührt wird: ich streiche etwas mit der hand, ich streiche die geige mit dem bogen.
zur genauen differenzierung des vorgangs auch mit doppelter präpositionaler konstruktion: ich streiche mit der hand über etwas, ich streiche mit dem bogen auf der geige. B@11)
in allgemeiner verwendung zur bezeichnung einer gleitenden (
im gegensatz zur unterbrochenen, stoszweise oder schlagartig ausgeführten)
berührung; besonders mit der hand über etwas streichen '
streifend darüber hinfahren': und nut enwenent das das wor gebet si das man vil gepoppelt mit dem munde uswendig und vil selter und vil vigilien liset und die ringe strichet und das herze har und dar löft Tauler
pred. 155
Vetter; da schouwet er den steyn vnd streych mit eynem vinger auff des steynes bruch
summert. d. heyl. leben (1472) 38
b; die fraw streich die hand uff ir brust bitz für den bauch hinab J. Frey
gartenges. 90
B.; so dasz die zunge ein rauhes aussehen bekommt, wenn man von der wurzel nach der spitze streicht, während sie glatter bleibt bei entgegengesetztem streichen Sömmerring
menschl. körper (1839) 5, 592; bewegungen knetender, streichender art, bei der sich die materie wie unter beschwörungen formt Ernst Jünger
strahlungen (1950) 521.
ohne besondere intensität über das fell von tieren hinstreichen: als wenn man bey der nacht ein katzen mit der hand streicht, da auch ... funcken hernach faren Mathesius
Sarepta (1578) 55
b; aber herrn sind katzenart, streicht man sie glatt rucken ab, so recken sie den schwantz, streicht man sie widerporstig hinauff, so funckelen sie Fischart
Garg. 338
ndr.; hellscheinende funcken ... gemeiniglich der thiere häute sehen lassen, wan man sie in der finstre streichet Grimmelshausen
Simpl. 138
Kögel; schwarz war's zuerst! es blitzte nur bei nacht, wie katzen, wenn man sie im dunkeln streicht, und das nur, wenn's ein hufschlag spaltete Hebbel
s. w. 4, 269
Werner; kühner knabe, willst du funken, fange, eh du streichst, die katze Brentano
ges. schr. (1852) 3, 30.
oft als absichtslose, teilweise verlegene gebärde: es ist der brauch deren die mit schaam etwas thuond, dass sy das angesicht oder die stirnen streychend oder reybend, sam sy die schaam also wOellind hinwAeg streychen Frisius
dict. (1556) 979; dann strich er sich das kinn Lenz
ged. 191
Weinh.; Faust ... strich über seine stirne Klinger
w. 3 (1815) 120; hernach verdross michs, was er sich den bauch streicht und thut, als wenn er im märz vorausgesehen hätte, dass es sommer werden würde Göthe I 38, 42
W.; ich sezte mich in den weichsten sessel, schlug die beine über einander, und strich mir behaglich den magen Börne
ges. schr. (1829) 3, 209; sie atmete tief und schwer auf und strich mit der hand über die bleiche stirn Raabe
s. w. II 2, 219; einen moment später strich er mit der hand über das gesicht und sagte für sich Melchior Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 3, 75; öffnete der kranke die augen, dann strich er mit der mageren hand über die decke, ein- zweimal Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 389; Hühnchen strich leise mit der hand über den rand der bettstelle H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 17.
in häufiger verbindung den bart streichen (
oft reflexiv): Hebelfurck aber, ein alter judenteuffel, stand von fern und strich sein bärtlein Ayrer
hist. proc. juris (1600) 484; er ... streicht den knebelbart Zimmermann
v. d. nationalstolze (1758) 27; wortkarg streicht er den schnurrbart sich Mörike
w. 1, 124
Göschen; und vor ihm stand der vogt, den krausen bart sich streichend Geibel
ges. w. (1883) 1, 116.
als instinktive handlung selbstgefälliger freude: er ... strich sich froh den bart Pfeffel
poet. vers. (1812) 2, 76; der förster lachte, und strich sich den bart Chr. v. Schmid
ges. schr. (1856) 1, 94;
oder als zeichen selbstbewuszter würde: nach ausgetrunckenen wein strich er den bart, fragende, wer nun was vorzubringen hätte Riemer
mediz. maulaffe (1719) 71; je lauter das gelächter wurde, mit desto grösserer selbstgenügsamkeit strich sich Rohrdommel seinen weiszen bart Klopstock
gelehrtenrepublik (1774) 133; wie er mit vornehmer zufriedenheit seinen schnauzbart strich Eichendorff
s. w. (1864) 2, 246; alle die tausend von einander abhängigen, die sich gegenseitig so erziehen, streichen ihre grauen schnurrbärte und lassen die augen rollen, nicht aus bosheit, sondern aus kindischer eitelkeit G. Keller
ges. w. (1889) 3, 134. B@22)
mit einer bestimmten intensität und in einer auf wirkung zielenden absicht einen körperteil streichen. B@2@aa)
den körper streichen,
massieren: crus in uenis manu commoueat id est striche
ahd. gl. 4, 414, 26
St.-S.; si twuogn und strichen schiere von im sîn amesiere mit blanken linden henden Wolfram v. Eschenbach
Parzival 167, 5
Lachm.; im bad soll man die lenden vnd hüfft abwerts ... streichen vnd reiben Sebiz
feldbau (1579) 84; biszweilen bin ich kranck, da lieg ich auff der banck, und bete meine sprüche, doch in dergleichen qual da denck ich hundertmahl, ach hätt ich eine frau, die mir im rücken strieche (1678) Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. ged. 128
ndr.; wie die buler jre hosen satt an die bain aufstreichen losen, also die zipperlinsgenossen auch jr füs glatt sanft streichen losen Fischart
w. 3, 25
Hauffen; (
reisebeschreiber) melden sonderlich von den turckischen bädern, dasz sie den ankommenden badgästen die glieder ... mit streichen und gelinden tretten also einrichten, dasz sie sich darauf wol disponirt befinden Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 167; der täuscher kniet am pflastergrund, er streicht des rosses heisze flanken A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 6. B@2@bb)
im glauben an eine magische heilserwirkung eine von krankheit betroffene stelle des körpers streichen (
und vielfach gleichzeitig besprechen); '
der gemeine mann nennt gewisse krankheiten anwussen sîn (
angewachsen sein)
und lässt sich dann von alten weibern streichen
d. h. die angespannten theile des körpers mit dem daumen derb drücken und kneten, wobei gewisse worte gesprochen werden' Danneil 214
b: was ich sehe, nehme zu, was ich streiche, nehme ab (
häufige segensformel bei geschwülsten u. ä.)
bei Fischer
schwäb. 5, 1846; wann dir ein arm oder fuss weh thut, soltu dieselbige 3 mal streichen
ebda 5, 1845; in leisem, murmelndem tone werden sie (
zaubersprüche) einmal oder wiederholt gesprochen, währenddem das betroffene glied oder der erkrankte körperteil ... mit beiden händen gedrückt oder auf- und abwärts gestrichen wird Seyfarth
aberglaube u. zauberei (1913) 68; andere begleitende handlungen (
einer beschwörung) sind: anhauchen, blasen, anspeien, berühren, handauflegen, streichen, kneten, drücken und namentlich bekreuzen
hdwb. d. dt. abergl. (1927) 1, 1124. B@2@cc)
in md. und obd. mundarten für '
melken'
im gedanken an die das euter streichende tätigkeit; Follmann
Lothr. 506
b; Schön
Saarbr. 204
a;
Luxemb. ma. (1906) 430; Gangler
Luxemb. (1847) 438; Stalder
Schweiz 2, 408;
schweiz. id. 11, 1987; Martiny
wb. d. milchwirtsch. (1907) 123. B@33)
durch streichende berührung in eine gefällige ordnung bringen, glätten. (
im mhd. oft konkurrierend mit dem schwachen vb. streichen,
s. o.). B@3@aa)
den haaren durch streichen (= '
kämmen, bürsten')
eine geordnete lage geben, sie glatt streichen: dâ streich manc ritter wol sîn hâr Wolfram v. Eschenbach
Parzival 776, 6
L.; wenn jhr (
jungfern) kompt ausz der wiegen so pflegt man euch ein schönes haar zu zeugen, bisz jhr euch selbsten bürsten könt vnd streichen Voigtländer
oden u. lieder (1642) 31; lasset mich aber zuvor ein wenig athem schöpffen, den mantel rucken, das maul wischen, die stirn reiben, das haar über sich streichen, und das bärtlein trehen Grimmelshausen
traumgeschicht (1660) 9; das haar ist ... von vornen was kraus in die höhe gestrichen Arnold
wahrh. beschrb. (1672) 92; seht mir da den stolzen junker Hans, wie er sich jtzt vor dem spiegel brüstet, seinen scheitel streicht Bräker
s. schr. (1789) 2, 178; der fremde ... zog eine taschenbürste und strich sich sein röthliches haar Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 1, 23; die mädchen streichen an den haaren und zupfen noch am busentuch Annette v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 81; er liesz die haare lang wachsen, strich sie hinter die ohren, setzte eine brille von lauterem fensterglas auf und trug ein kleines spitzbärtchen G. Keller
ges. w. (1889) 5, 107. B@3@bb)
vom zurechtstreichen des gefieders der vögel oder des felles der katze: sat ein hag muzzer sprinzel das sich nach aim regen hat gestrichen
bei Schmidt
terminol. d. dt. falknerei (1909) 67; raubvögel ... wenn sie nach dem bad die federn mit dem schnabel streichen und zurecht legen Heyden
Plinius (1565) 415; wenn sich die katze mit der pfote bisz über die ohren streichet, so sagen sie: die katze putzt sich bisz über die ohren J. G. Schmidt
gestrieg. rockenphilos. (1706) 1, 113; das streichen und ordnen des gefieders mit dem schnabel Ernst Jünger
strahlungen (1950) 443. B@3@cc)
glatt streichen,
um falten zu beseitigen (
vgl. ausstreichen 3
teil 1,
sp. 991). B@3@c@aα)
durch streichen
mit der hand; mhd. —
vielfach mit adverbialpräposition an —
allgemein für kleidung anstreichen (
vgl. unten streichhose),
anlegen, anziehen (
ein '
glatt-streichen'
dürfte jedoch im beisinn anklingen): scharlachens hosen rôt man streich an in dem ellen nie gesweich Wolfram v. Eschenbach
Parzival 168, 6; wol gestrichen und gekleit mit der aller besten wât, die ir ie gelîcher hât Gottfried v. Straszburg
Tristan u. Isolde 10756.
später dagegen nur noch für glatt streichen,
zurechtstreichen, um stoffe o. ä. durch beseitigung eines unerwünschten faltenwurfs in eine gefällige ordnung zu bringen: einstreichen, wollenwaaren ordentlich legen, falten und glatt streichen Kinderling
reinigk. d. dt. spr. (1795) 376; die alte frau strich sich die falten ihres rockes ... glatt Spielhagen
s. w. (1877) 1, 45; dann aber erhob sie sich ..., strich ihr kleid ... zurecht Gottfr. Keller
ges. w. (1889) 4, 257; doch schnell ... schlug sie die vorhänge wieder zu und strich die falten glatt W. Hauff
s. w. (1890) 1, 118; nachdem er die falten an dem teppiche gleich gestrichen ... hatte Stifter
s. w. 2 (1908) 159; am tische hantierte der gastmeister, strich noch einmal und noch einmal über die linnendecke Sperl
söhne d. hr. Budiwoj (1927) 86; aufs brautbett darf nicht geschlagen, nur darüber gestrichen werden, sonst bekommt die frau schläge
hdwb. d. dt. abergl. (1927) 1, 1185. B@3@c@bβ)
heute in der umgangssprache verbreitet für plätten, bügeln, (
falten oder knitter)
mit dem bügeleisen ausstreichen,
s. Adelung 4 (1780) 815; Kramer
teutschital. 2 (1702) 1001
a; Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1891; Krünitz 175, 559; Strodtmann
Osnabr. (1756) 233; Schütze
Holstein (1800) 4, 211;
im oberdt. ungebräuchlich. B@3@dd)
die vorstellung des glättens lediglich zur beseitigung unebener stellen tritt zurück; der wortgebrauch zielt auf die auf wirkung berechnete ausgestaltung, '
sich besonders um seine kleidung bemühen, putzen'.
im mhd. vornehmlich in anlehnung an (an-)streichen '
kleidung anlegen' (
vgl. oben c
α),
doch der einflusz eines '
mit (
übertriebener)
sorgfalt glatt streichen'
ist auch hier schon früh spürbar: gegen den unkunden strichen sie ir lîp, des ie site hêten diu waetlîchen wîp
Nibelungenlied 395, 1
Bartsch; so kOemet dorther ein snOeder schrancz, gestreichet und gestrichen
minnereden I 1, 77
Matthaei; die den haluen dach daer mede to bringen, up dat sy sic tziren ... de hoezen stryken, plumen lesen
bei Schiller-Lübben 4, 435; du streichst dein hossn und schwingst dein har und gost den leuten zu gesicht. du meynst, es leb keyn schöner nicht Wickram
w. 5, 147
lit. ver. in neuerer zeit noch in der umgangssprache: gestrich sin
geschniegelt und gebügelt sein Follmann
Lothr. 506
b.
stärker wird die (
oft übertriebene)
auffälligkeit des anzuges hervorgehoben mit ausstreichen (
teil 1, 991), herausstreichen (
teil 4, 2, 1047). B@44)
liebkosend über etwas hinfahren. B@4@aa)
gelegentlich in iterativer bedeutung '
zärtlich streichen' (
nur selten statt der sonst allgemein üblichen iterativbildungen ahd. streihhōn,
mhd. streichen [
s. o.],
nhd. streicheln [
s. d.]): so sol er ... senfticlich ... mit im vmbgan vnd in mit der hannd streichen, so gewynnt der valck dardurch die hannd lieben (1473) Mynsinger
v. d. falken 19
lit. ver.; wer sie aber streichet und hertzet dem ist sie willig in den tagen Hans Sachs 21, 145
lit. ver.; Beritola dacht an ir kind und straicht die rechlein (
rehlein) senfft und lind
ebda 2, 228; wo man der katzen streicht, da ist sie gern
schöne weise klugreden (1548) 104
d; als sie jn (
den hund) nun lang gestrichen vnd geliebelet, da trug sie jhn wider in sein hauss
buch d. liebe (1587) 98
d; solche botschafft erweckte bei allen schiffleuten uberaus grosse freude: theils umhälseten, theils küsten, strichen, liebelten ihm Francisci
traursaal (1665) 1, 884; denn ich hätte dich dazwischen geküszt und gestrichen A. v. Arnim
an Bettine (1808) 203; wie seelig war ich in dem gedanken, ... dasz sein gefieder von Albertinens händen gestrichen werden würde Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 178. B@4@bb)
häufiger '
zärtlich und sanft über etwas hinfahren'
als einmalige handlung: caput alicui demulcere einen vber den kopff streichen
nomencl. lat.-germ. (1634) 187; du bist gleich einem scorpion, welcher den menschen mit seinem schwantze streichet, bevor er ihn mit dem stachel vergifften will Harsdörffer
teutscher secretar. (1656) 2, 217; da kamen gegangen zwo jungfraun schön, die thäten mir lieblich winken die eine, sie strich mein weissen kinn Herder 25, 209
S.; er strich mir über die wangen Bettine
d. Günderode (1840) 2, 211; freundlich strich der könig mit der flachen hand über den scheitel des jünglings Gaudy
s. w. (1844) 13, 102; frau Dora streicht ihr über das haar — leise Hirschfeld
d. mütter (1896) 47; über den kopf strich er ihr Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 70; Johannes lachend, seiner mutter liebevoll über den scheitel streichend G. Hauptmann
eins. menschen (1891) 49; die greisin ... strich kosend über das blauschwarze haar ihrer enkelin Sperl
d. söhne d. hr. Budiwoj (1927) 437; es ist wie ein schmerzlich liebevolles streichen über das haar, über die wange Th. Mann
Faustus (1948) 89; er sah eine verlockung darin, ... mit zärtlicher hand durch sein hellblondes haar zu streichen Hesse
Narziss u. Goldm. (1948) 12. B@4@cc)
angelehnt an den vorgang der liebkosung (
im mhd. daher das schwache verbum)
erscheint streichen
im sinne von '
schmeicheln',
sich bei jmd. in gunst zu setzen suchen, tendiert aber gleichzeitig nach bedeutung A 6,
indem, zumal in älterer zeit, die vorstellung einer fortbewegung unter streifender berührung, eines sich-anschmiegens in schmeichelnder absicht, leise anklingt (
vgl. hierzu schmeichen
teil 9, 988, schmeicheln
teil 9, 980
und streicheln
o. sp. 1181).
in neuerer sprache ungebräuchlich, von schmeicheln
abgelöst: er belib do. wie wol er vor hin frech was. dannocht liesz er sich thaidem erwaichen. wann sie kund streichen und smaichen (1486) Neidhart
Eunuchus 110
lit. ver.; schmeichlen, strichen mir wol gfalt, do mit ich manchen bösen bhalt und manchen frommen undertruck
fastnachtsp. 1047
lit. ver.; hie nimmt der arme Jost solch honigsüsses streichen für güte gülden an (1664) Rachel
satyr. gedichte 21
ndr. abgelöst von der sinnlichen vorstellung einer bewegung oder berührung, nur noch auf die schmeichelnde rede bezogen, '
schöne worte machen': die wörtlein könt jhr streichen und reden selten war (
hier vielleicht '
herausputzen',
vgl.B 3) (1582)
Ambraser liederb. 69
lit. ver.; der schalck kondt mit solchen glatten worten strychen, das mann meynet, es were glatt geschliffen Wickram
w. 2, 44
lit. ver.; ohrnwischer und fuchsschwäntzer, die nichts mehrers und nichts wenigers reden und jhren herrn für die ohrn streichen, allein was sie wol wissen, das denen gefällig und angenem Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 79; weil das, nach hofmanier, der allerbeste mann, der auff das glatteste den könig streichen kan
J. Cats sinnreiche wercke (1710) 1, 2, 8; einem um den bart streichen
mit anspielungen, andeutungen etwas von einem zu erlangen suchen schweiz. id. 11, 1986. streichen
in der bedeutung '
schmeicheln'
häufig in (
heute ungebräuchlichen)
sprichwörtlichen redensarten. B@4@c@aα) den falben hengst streichen
schöne, weise klugreden (1548) 7
a; Faber
thes. (1587) 996
b; Eyering
prov. copia (1601) 1, 382; Fischer
schwäb. 5, 1845;
der falbe hengst galt als feuriges pferd, mit dem man freundlich umgehen musz und das, um sanftmütig zu bleiben, mit dem striche seines felles gestreichelt werden soll (
vgl. teil 3, 1267
und 4, 2, 986);
der sprichwörtliche sinn ist '
groszen herrn nach dem munde reden, um sie nicht zu reizen und in ihrer gunst zu bleiben': dann ich greiflich oft greif, wie die histori den groszen herrn heuchlen, das helmlin durchs maul zichen, und mit dem fuchsschwanz den falben hengst streichen Franck
Germ. chron. (1538) aa 6
a; min red lasz ich so artlich schlychen, den falben hengst kan ich wol strychen, kann kryden strychen, oren rummen
schweiz. schauspiele d. 16. jhs. 2, 138
Bächtold; wer streichen kan das vale pferd, der ist zu hoff lieb und werth Petri
d. Teutschen weiszheit (1605) Kkk 3
b; allen tag hatt er gastereyen gehalten unnd gar losze buben zum theil an sich gehenckt, die im den falben hengst wol hand können streichen Wickram
w. 2, 110
Bolte. B@4@c@bβ)
in ähnlicher bedeutung mit verschiedenen anderen tieren; den falken streichen: mit listen ist nit irs gleichen, die so wol kan den falcken streichen. so bald sie auff die erden sicht, so hat ein auszred sie erdicht Hans Sachs 17, 27
lit. ver.; den falken können sie streichen, dieweil wir bei in sein
liederb. a. d. 16. jh. 39
Goedecke-T.; den kauzen streichen
schöne weise klugr. (1548) 7
a; Fischer
schwäb. 5, 1845; (
s. teil 5, 369): mancher durch lyegen würt eyn herr dann er den kutzen strichen kan und mit dem falben hengst umb gan Brant
narrenschiff 96
Z.; der mensch ist von natur gern, da man jm liebkoset, zartlet, kitzelt unnd den kautzen streicht Franck
sprichw. (1541) 2, 171
b; drum last euch ungekrauet, und streicht den kautzen nicht, dann solches gar nicht bauet, sondern viel mehr zerbricht all regiment auff erden Morhof
unterr. v. d. dt. spr. (1682) 392.
wohl altertümelnd aufgenommen von Arnim: der, wie alle bediente, klug genug war, ... seinem herren den kutzen zu streichen, aus welchem ihm schon manches trinkgeld gefallen
s. w. (1853) 1, 74. den fuchs streichen Corvinus
fons lat. (1646) 616; Fischer
schwäb. 5, 1845; (
s. teil 4, 1, 337): andere können sich den eltern vnd schulmeistern treflich zumachen, vnd den fuchss streichen Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 71; wenn ich was lob, hab ich den fuchs gestrichen Voigtländer
oden u. lieder (1642) 1, 4; die fürsten ... strichen ihnen durch tausend lobsprüche gewaltig den fuchs Lohenstein
Arminius (1689) 1, 45
a; aller weichen zärtelei pflegen wir den fuchs zu streichen Logau
s. sinnged. 682
lit. ver. B@4@c@gγ) mit dem fuchsschwanz streichen Körte
sprichw. 123;
jmd. mit dem weichen fuchsschwanz durch streichen
eine angenehme empfindung verursachen (
s. teil 4, 1, 1, 352
und Borchardt-Wustmann-Schoppe-Schirmer
sprichwörtl. redensarten [
71954] 159);
der sprichwörtliche sinn ist '
schön tun, zu gefallen reden': also ein weib noch mehr und viel sich schmeichlen und liebkosen kan, wenn sie was bgert von irem mann, das er ir etwas kauffen sol, kans mit dem fuchsschwantz streichen wol, kan in eim gleisznerischen schein dem mann wol falsch und freundlich sein Hans Sachs 9, 303
lit. ver.; der vatter darff ihnen (
den verzärtelten kindern) keinen streich geben, vnnd die praeceptores müssen sie mit dem fuchsschwantz streichen Albertinus
hirnschleiffer (1664) 379; der wein hat ihnen mit dem fuchsschwanz über die augen gestrichen Bettine
d. buch gehört d. könig (1843) 1, 237.
auch ohne präposition mit bloszem akk. den fuchsschwanz streichen Lehmann
floril. pol. (1662) 2, 537; Belemnon
bauernlex. (1728) 80; Fischer
schwäb. 5, 1845: denn wer sich itzund wil bereichn, der musz warlich den fuchsswantz streichn (1605) Hollonius
somnium vitae hum. 43
ndr.; die den fuxschwantz streichen können, den ist man allenthalben hold Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 1197; denn sie weiz, daz man ihr gewiz sagen werde: sie möge sich ankleiden wie sie wolle, so stehe ihr alles unvergleichlich. so gar ihre magd mus hierinnen den fuchsschwantz streichen
d. vernünft. tadl. (1725) 2, 364; nun ihr hört, dasz der gnädige herr hier mich für den mann hält, den ihr nicht in mir sehen konntet, so kommt ihr, mir den fuchsschwanz zu streichen Klinger
w. (1809) 3, 71.
dazu vereinzelt: kriecht, schmeichelt, macht den krummpuckel, streicht den katzenschwanz, das empfiehlt seinen mann Schiller 14, 195
G. B@4@c@dδ)
in anderen wendungen und redensarten für '
schmeicheln'; pflaumen streichen
zu pflaum (flaum),
eigtl. flaumen streifend absuchen (
vgl. federlesen),
s. teil 7, 1729; plumen striken Schiller-Lübben 3, 354
a ('
vornehmen herren und damen angeflogene federn vom gewand abzulesen und sich durch solche dienste bei ihnen beliebt zu machen, wird schon spätmhd. ... als kriecherische schmeichelei gebrandmarkt' Borchardt-Wustmann-Schoppe-Schirmer
d. sprichtwörtl. redensarten [
71954] 134): (
wer) kan pflaumen streichen, federen klauben: den kleidt man jetzt mit mardern schauben und wirdt gesetzet oben an Burkard Waldis
Esopus 2, 187; derhalben nit lang pflaumen streicht noch vmb den brey von ferne schleicht Ringwaldt
lauter warheit (1609) 280; wer artig pflaumen streicht und angibt, wen er kan, den zeucht man fürsten vor Gryphius
trauersp. 20
lit. ver. ähnlich: die blumen streichen Tappius
adagiorum centuriae septem (1545) C 2
a;
schöne, weise klugreden (1548) 7
a; Eyering
proverb. copia (1601) 1, 315. B@55)
mit den füszen schleifen. B@5@aa)
bei einer verbeugung (
mit dem fusz nach hinten ausstreichen, vgl. ausstreichen 6
teil 1, 993): mein leibs geberd seind mancherley, .... das bas le man und händle küssen, knieh beugen, streichen mit den füssen Spangenberg
griech. dramen 2, 9
lit. ver.; wat wer im dat vör lust, wan dar ein cavalier to mi herkamen must und mi mit reverenz und complementschen streken als einen groten hern mit sülke wort anspreken Lauremberg
scherzged. 10
lit. ver.; unterdesz erwarteten sie den frembden herrn, in einem ieden winckel stund einer und exercirte sich mit einem scharrfusz, die mensur zu finden, wie tieff der kopff zur erden, und hinten naus der fusz streichen solte Riemer
polit. maulaffe (1679) 265; jedoch ich hätte bald das wichtigste vergessen, weshalb demselben meine wenigkeit einen tieffen bückling streichen musz Schultes
wohlmein. erinnerungen (1730) 49; grüszete er ihn ..., neigete sich ganz tief und strich mit seinen füszen Herder 15, 139
S. beim tanze; eins streichen (
ein menuett o. ä.) Campe 4, 704: stellet euch zwei tänzer vor: der eine tanzt ein hüpfendes ballett; und eine majestätische menuett streicht der andere Bürger
s. w. 140
a Bohtz; nach erfolgter reverenz führte der tänzer seine tänzerin mit gebogenen, gestrichenen und hüpfenden pas in einem oval oder im viereck herum Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 127. B@5@bb)
nur spärlich bezeugt als gangfehler, indem sich beim gehen füsze oder knie berühren: und so der Saturnus gefunden wurd, das er theilhafftig wäre mit dem Joue, so bedeuts, das der geborne werde haben ... hindergebogne füsz, sich streichend am gang Pegius
geburtsstundenb. (1570) Ji 1
a; der gang ... musz geradeaus und sicher sein; die knöchel und kniee dürfen dabei nicht an einander streichen Fr. L. Jahn
w. 2, 1 (1885) 23.
als fachausdruck häufiger bei pferden; in der tierheilkunde ein gangfehler des pferdes, gegenschlagen des fuszes der einen an den der anderen seite gr. Brockhaus (1928) 18, 256;
vgl. Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 3, 786; Alten
hdb. f. heer u. fl. (1909) 2, 298; dat peerd strikt sik Schütze
Holstein 4, 212. B@5@cc)
vereinzelte verwendungen; scharren (
bei pferden): da strichen die rosse die hufen auf dem pflaster und schlugen die langen schweife in die höhe Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 1, 150.
für das gleiten beim eislauf: der nachgezogene fusz musz ... nicht weit von dem streichenden gehalten werden Vieth
encycl. d. leibesüb. (1793) 2, 338. B@66)
mit einem gegenstand die oberfläche eines anderen streifend berühren: de bose geist droch ein venenabulum in der hand, und wo vake he an ein dor streik van des engels geheite, so mannich mensche starf dar na ut dem hus (
Magdeburg, ca. 1360)
städtechron. 7, 20; mit dem schwanz streicht er (
der fuchs) über den boden, um jede gebliebene spur zu tilgen J. Grimm
Reinhart fuchs (1834)
vorr. 41.
mit einem gegenstand über einen mit heil erfüllten körper hinfahren, um eine heilsübertragung zu erwirken: und warend wiber, die ir paternoster an haggen und schnuoerlinen über die schranken zu dem gebain wurfend und also daran strichend, damit si etwas gwichtz hettend J. v. Watt
dt. hist. schr. (1875) 3, 214
G.; einen rosenkrantz ... an ein heiligthum streichen
toccar' un rosario ... con qualche reliquia Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1001
a; die pilgri ... von ihnen kaufften edelgestein und paternoster, ringlein und creutzlein unnd ander geschefft, das sie denn wolten heym tragen ihren gutten freunden und an die heiligen stette streichen (1484)
bei Fischer
schwäb. 5, 1846; demnach ... fuorent wir zuo Sant Helena inn ein klein inseli, da ist ein hüpsches klösterli ... lies man uns ir lib sechen, daran wir unser paternoster streichen und andere kleinot
schweiz. id. 11, 1985.
die meisten der zu dieser bedeutung zählenden belege zeigen streichen
als terminus verschiedener verrichtungen im bereiche des menschlichen lebens, wobei der vorgang des streichens
mit zum teil eigens dafür konstruierten geräten ausgeführt wird. B@6@aa)
schon früh bezeugt für das spielen der streichinstrumente. eigtl. über die saiten des instrumentes den bogen ziehen: auf schafesdarm strîchet mit eines pferdes zagel
bei Moser
gesch. d. violinspiels (1923) 12; aber sprich, wer kann dir gleichen, so geschickt die seyten streichen, so genau die noten sehn, so gewisz den wirbel drehn? Gottsched
ged. (1751) 1, 236; will man den ton in der stärke wachsen lassen, so kann man, in währendem streichen, den bogen fester aufdrücken, und etwas näher zum stege führen, wodurch der ton stärker und schneidender wird Quantz
anweis. d. flöte zu spielen (1789) 202; ist dieses nicht noch ärger als rasend, wenn man den halben tag und die ganze nacht hindurch, immer unter den erschröcklichsten gebärden, bey dem geheule einiger gestrichener schafdärmer wie ein unbezäumtes pferd herumspringt, und mit hand und füszen ausschlagt? Hafner
ges. lustsp. (1812) 3, 139; wie eine saite immer denselben ton angiebt, ... sie mag mit dem finger gerissen, oder mit dem bogen langsam oder schnell gestrichen werden Schubert
verm. schr. (1823) 4, 166; die mit dem bogen gestrichene ... saite Trendelenburg
nat. grundl. d. kunst d. streichinstr. spiels (1925) 254.
in präziser beschreibung des vorganges erscheint der geigenbogen als subjekt: die angriffskraft des streichenden bogens auf die saite Eberhardt
Paganinis geigenhaltg. (1921) 55; die hand musz dabei nach vorne geführt werden, damit der bogen auch gegen die spitze hin im rechten winkel über die saiten streicht Heim
was d. violinsp. wissen musz (1922) 31; die haare des bogens streichen wischend auf den saiten Kluge
zaubergeige (1940) 66.
die sinnliche vorstellung des berührens tritt schon mhd. zurück, indem als objekt zu streichen
das jeweilige musikstück oder die bezeichnung der streicherstimme steht: dâ was werder knappen vil, wol gelêrt ûf seitspil. irn keines kunst was doch so ganz, sine müesten strîchen alten tanz Wolfram v. Eschenbach
Parzival 639, 10; als er eine kleine discant geyge hervorzog ... und eins daher striche Grimmelshausen 2, 20
Keller; der schloszwirt nimmt die geigen und streicht ein deo gloria Mörike
w. 1, 74
Göschen; die zweite violine strich er (
Händel) nur in den ersten monaten seines hierseins Chrysander
G. Fr. Händel (1858) 1, 128; leb wohl, die griechische nationalhymne wird bereits von der badegeige gestrichen (2. 9. 1871) Bismarck
br. a. s. braut u. gattin 584
Bism.; doch strichen sie alle nur alte tänze Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 30.
in absolutem gebrauche, streichen
für '
spielen, musizieren': sehzic tiutscher spilman, die hôrte man dâ strîchen Stricker
Daniel 8153
Rosenh.; auff ihr musicanten auff, streichet bisz die quinte reiszt Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. ged. 52
ndr.; damit so ging nun die music an, o sapperment! wie kunten die kerl streichen (1696) Chr. Reuter
Schelmuffsky 29
ndr.; ich ... zog voller freude meine geige aus der tasche und strich, dasz die vögel im walde aufwachten Eichendorff
s. w. (1864) 3, 37.
im sinne von '
erklingen',
sobald das streichinstrument als subjekt auftritt: uhren schlagen durch die nacht, drein verschlafne geigen streichen Eichendorff
s. w. (1864) 1, 389; wenn die geigen so weinerlich lockend strichen, behauptete er, nicht widerstehen zu können Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 9, 330; die pfeifen und groszen geigen flöteten und strichen so süsz Alexis
Roland (1840) 1, 316.
nhd. tritt mit aufkommen und verbreitung der orchestermusik das moment der streichenden berührung vielfach wieder stärker hervor; streichen
als terminus für das spielen von streichinstrumenten im gegensatz zum spielen von z. b. blasinstrumenten: wie die orgel keinen klang von sich giebet, wenn sie nicht geschlagen wird, noch eine viol-gambe, wenn sie nicht gestrichen wird; wann aber jene geschlagen, und diese gestrichen wird, müssen sie beyde erklingen Sperling
Nicodemus 1 (1718) 19;
dazu sang ich und strich die geige Göthe I 45, 233
W.; der eine pfeift, der andre bläst, der dritte streicht den dumpfen brummbasz H. Heine
s. w. 1, 181
E.; es ist klar, dasz sie während des singens nicht blasen, sondern nur streichen konnten Moser
gesch. d. violinspiels (1923) 14; es kann jemand allein in seinem bett liegen und in seinen gedanken eine melodie aus der zauberflöte oder aus der matthäuspassion erwecken, ohne dasz ein einziger mensch in eine flöte bläst oder eine geige streicht Hesse
steppenwolf (1928) 164; dies buch gehört den freunden gestrichener musik. vor allen denen, die selber streichen Aulich-Heimeran
d. stillvergnügte streichquartett (1936) 5. den bogen streichen (
über das instrument): alsdann brauchen sie die finger der linken hand, wie auf dem greiffbrett der violinen, und streichen den bogen mit der rechten hand Stranitzky
ollapatrida 75
ndr.; so strich sein mitgesell den fiedelbogen Drollinger
ged. (1743) 157.
in präpositionaler wendung auf dem instrument streichen: ich streich auf der violen Simon Dach 717
lit. ver.; er ... könne besser auff der viol streichen und musiciren Schupp
schr. (1663) 44; und strich auf seiner fiedel wol manche fürchterliche weis Schiller 1, 351
G.; übrigens bin ich nicht etwa der meinung, dasz man auf dem cello so zart streichen solle wie auf der geige Trendelenburg
nat. grundl. d. kunst d. streichinstr. spiels (1925) 251.
selten belegt für das spielen der leier oder harfe, die hier als bezeichnungen für frühformen gesangs- oder sprechvortrag begleitender streichinstrumente stehen: o du meine leyr im gleichen, auch du deinen thon erheb: thut man dan die seyten streichen, du nach selben ehren streb Spee
trutznachtigall 324
ndr. er spielt aufs neu (
die harfe), strich laut und klar, und Adler sang darein Herder 25, 241
S. B@6@bb)
vom krempeln, kratzen oder zeiseln der streichwolle (
s. d.),
um sie zu lockern und für weitere bearbeitung (
spinnen)
vorzubereiten; carmino ich kamm,
carminarius der da kemt oder streicht Alberus (1540) Dd 1
b;
carminâre rAemlen, hAechelen, die wull streychen, zerzeisslen Frisius
dict. (1556) 193
b: ob dem kindt sein mundt ... zerschrunden wirdt ... nimb baumwollen gestrichen oder gezeiszt, lege die in ... wegerichsafft ... vnd salb dem kindt den mundt ... mit der baumwoll Ruoff
hebammenbuch (1580) 228; sy wolten zu spinen zu streichen item armen meisteren zu weben geben (1587)
bei Schmoller
Straszb. tucherzunft (1879) 227; streichen der wolle, mit den feinen kniestreichen die schon geschrobelte wolle fertig streichen. bey dieser arbeit wird die eine kniestreiche nicht auf dem rosz bevestiget, sondern auf das linke knie gelegt, und die schon aus dem groben gestrichene wolle fertig zu flieden gestrichen. dieses streichen musz sehr gleichmäszig geschehen, damit die wolle gute seide zum spinnen erhalte Jacobsson
technol. wb. 4 (1784) 316
a; da das einmalige streichen der wolle nicht zureicht, letzterer den erforderlichen grad von reinheit und ihren haaren diejenige parallele lage zu geben, die für die weitere bearbeitung erfordert wird, so verrichtet man das streichen zweimal Krünitz
oecon. encycl. 240 (1857) 62; dann aber besorgten ... die wollschläger das zupfen, streichen und kämmen ... der wolle Doren
Florentiner wolltuchind. (1901) 43;
vgl. Calepinus (1598) 204
a; Wander
sprichw.-lex. (1867) 1, 541; Prechtl
techn. encycl. (1830) 8, 528; 19, 1. B@6@cc) das fell
oder das leder streichen; '
die weiszgärber streichen
die gewalkten felle, wenn sie den kalk mit dem streicheisen heraus streichen, dagegen das streichen
der lohgärber die haare wegnimmt' Adelung 4 (1780) 815; Jacobsson
technol. wb. 4 (1784) 316
a; Prechtl
techn. encycl. (1830) 1, 513: ouch ist verboten lederstrichen, by wem sy daz gestrichen finden, der sol dem rat an dy stat ein halp phunt haller geben (14.
jh.)
Zwickauer rechtsbuch I 7, 2
Planitz-Ullrich; item es sullen die gerwer das leder ... nicht mer strichen, waz sie hie verkofent
d. rote buch d. st. Ulm (1905) 119. B@6@dd) tuch streichen
messen, mit einer maszschnur über zum verkauf bestimmtes tuch hinfahren; ein amt, das nur ein vereidigter streicher (
s. d.)
ausüben durfte; nach dem 16.
jh. nicht mehr bezeugt: quivis loquatur in suo consilio ... super mensura pannorum, hoc est ... de lakene to strikende (1368)
bei Schiller-Lübben 4, 436; ghene lakene sal kopen offt doen kopen in gheenre stede, he en sulle se doen striken, er he se vntfange (1375)
urk. buch d. st. Lübeck 4, 285; und sal auch ire keiner die duche strichen, daran er underkeuffer gewest ist
Frankf. amtsurk. (1406) 212; vort so en sall niemant, hei si inwendich of uiswendig, binnen Coelne einiche doiche strichen und messen, iemantz daemit zo lieveren anders dan die gesworen stricher (
ca. 1400—1445)
Kölner zunfturk. 2, 204
Loesch; nemlich so sollent die tuch, so in ganzen stücken verkauft werden, durch die underkeufer mit der schnur gestrichen und sechs und dryssig elen für ein ganz tuch, achtzehen elen für ein halbtuch gelüfert werden ... und soll man sie strichen, wie die ordnung der welschen tuch usweist (1529)
bei Schmoller
Straszb. tucher- u. weberzunft (1879) 139. B@6@ee)
metalle zur prüfung an den probierstein (
kieselschieferplatte) streichen,
um an der farbe des abgeriebenen pulvers das mineral zu bestimmen, bzw. bei edelmetallen mit einem vergleichsstrich der probiernadel den gehalt zu ermitteln: das gold aber, das silber hat, oder das silber das gold helt, sol erstmal auff dem goldstein gestrichen sein, darnach sol auch ein gold oder silber nadel dem gleich drauff gestrichen werden, mit welcher gestalt man ausz den gestrichenen linien erfart, wie viel silbers im gold seye Ph. Bech
Agricolas bergwerckbuch (1621) 202;
aurum caticula explorare goldstreichen
nomenclator lat.-germ. (1634) 351; die menschen erkennen wol das gold wann sie es auff den stein lidio streichen, welches das beste ist Lehmann
floril. pol. (1662) 3, 10;
vgl. auch Rädlein (1711) 851
a;
bergm. wb. (1778) 536; Jacobsson
technol. wb. 4 (1784) 315
b; Bucher
kunstgewerbe (1884) 389
a.
verbreitet in bildlichem gebrauche, prüfen, um die güte festzustellen: swaz wir dâmit erziugen frumes und gewin, den wir füeren von hin, den strîchen an unsern stein Ottokar
reimchronik 25 418; an disen goldstein, Christum, strych aller menschen ansehen, ratschlag und urteil Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 178; denn disz buch ist ein probierstein, daran sich andere bücher müssen streichen lassen Mathesius
erkl. d. epist. a. d. Corinthier (1591) 1, 6
a; neben dem aber haben wir noch etwas, das dem gold gleich streichet, nemlich ein frommes u. vernünfftiges weib H. Creidius
nuptialia 1 (1655) 278; dieses (
die liebe) ist der probierstein, daran man die prälaten in examine streichen vnd probiren soll Albertinus
hirnschleiffer (1664) 277; die anfechtung ... ist der probstein, an welchem die rechtschaffenen christen gestrichen und erkennet werden Butschky
Pathmos (1677) 108; wohl dem, welcher seine klugheit in dem sarge suchet, und das gold seines verstandes auff den probierstein der sterbligkeit streichet Ziegler
asiat. Banise (1689) 132; ach lasz (
Jesus) mich alles an dein wort, als den probierstein streichen Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 532.
in abgewandeltem bilde (
vgl. das folgende)
für eine übertriebene ausdeutung von sprache und dichtung: streiche ich jedes wort (
des Horaz) an den wetzstein und finde energien, wo keine sind, ... wo bleibt alsdann ... nur ein möglicher blick ... auf das ganze der ode Herder 5, 305
S. B@6@ff)
ein schneidendes werkzeug (
messer, sense)
streichend schärfen, schleifen, wetzen (
vgl. abstreichen
teil 1, 133)
uerbum conducere diuerse accipitur. significat enim: strichen
unde dicitur nouacula conducta id est gestriechen
ahd. gl. (13.
jh.) 3, 375, 37
St.-S.; nû lac dâ bî in ein harte guot wetzestein: dâ begunde erz (
das messer) ane strîchen Hartmann v. Aue
armer Heinrich 1219; gleich als ein balbirer tzuvor die hende netzet, messer streicht Luther
tischr. 2, 628
W.; ich wils (
das stumpfe federmesser) auff der banck streichen
reddam acutiorem scamno, —
coticula Orsäus
nomencl. meth. (1623) 298; ein grassmeder mit dem stein gerade die sense streichet oder wetzet Aitinger
jagd- u. weidb. (1681) 213; denn man hat wohl ehemahls erfahren, dasz wenn ein barbierer sein scheermesser auff einer unreinen lederfajle oder streichriemen gestrichen, er hernach wohl den, welchen er damit barbiret oder geschoren hat, ein grindicht gesicht gemacht hat Schmidt
gestrieg. rockenphilos. (1706) 2, 215; oben in der muschel steckt ... ein stahl, die messer zu streichen Heppe
aufr. lehrprinz (1751) 260; auch streicht er nicht (
beim rasieren) wie mehrere thun, sein scheermesser in der flachen hand ab Göthe I 25, 1, 173
W. noch häufig in der umgangssprache, vgl. Mensing
schlesw.-holst. 882; Fromme-Alpers
Hohenbostel 81; Woeste
westf. 258
b; Stürenburg
ostfr. 268
b; Fischer
schwäb. 5, 1846;
schweiz. id. 11, 1986. B@6@gg)
etwas zum magnetisieren an oder mit einem magneten streichen: die erforscher der natur haben in acht genommen, dasz die magnetnadel im seecompasz jezuweilen ... gantz matt und krafftlosz werde, wenn man sie aber an den magnet streiche, so empfangen sie dadurch eine krafft, und werden gleichsam in ihrer krafft gestärcket Sperling
Nicodemus quaerens 2 (1719) 934; das blosze streichen macht das eisen schon magnetisch Hegel
w. (1832) 7, 1, 254; was beim magnetisiren das streichen ist Schopenhauer
s. w. 3, 309
Gr. ähnlich: (
ihm) war es bei diesen worten, als würde irgendwo im zimmer mit elektrischen stäben gestrichen, so zuckten ihm die nerven Gutzkow
ges. w. (1872) 5, 318. B@6@hh)
ein streichholz (
zündholz)
an einer fläche streichen
und zum brennen bringen: der alte graf ... strich ein phosphorholz an der sohle seines lackstiefels und zündete sich eine ... havanna an Fontane
ges. w. (1905) I 5, 28; streiche mal einen!
entzünde mal ein streichholz Gerhard
Siegerl. bergm. spr. 165;
schweiz. id. 11, 1985. B@6@ii)
als jagd- und fischereiterminus. das objekt, mit dem die streichende berührung erfolgt oder das streichend berührt wird, ist unterdrückt; an seiner stelle steht die sache (
das zu fangende tier),
um deretwillen das streichen
ausgeführt wird. α)
vom vogelfang, laufvögel, bodenvögel mit einem über den boden gezogenen netz fangen; streichen, die lerchen,
nennt man es, wenn man lerchen bei nacht unter deckgarnen fängt Hartig
lex. f. jäger (1861) 506;
mit der leine die lerchen zusammentreiben Kehrein
waidmannsspr. (1871) 286: wenn ihm ein sohn gebohren worden; so haben es die hirsche und geyer schlimm gehabt. ist es eine tochter gewesen, so hat er rebhüner und lerchen gestrichen Gottsched
dt. schaub. 4 (1748) 165; der morgen graut; der herbst steigt von den bergen und wandert nach dem vogelheerd, zum drosselfang — o, strich er nur nicht lerchen, beim Pan! er wär mir doppelt werth Kind
gedichte (1817) 3, 24.
β)
ein gewässer ausfischen, indem ein streichnetz
über den grund gezogen wird: uf der insiln voet man di rotin perlin mit eyme kessir, als man czu uns di mutirlosin strichit, di do bessir sint wen di wizen
md. Marco Polo 50
Tscharner; (
die fischer) gehen also mit dem netz gegen einander über, wider zum ufer, und streichen mit dem untern theil desz netzes auf die erde
fischbüchlein (
ca. 1660) 22; den 18. junj ist Detlef Stegelman ... übers wasser gefahren, um krabben zu streichen Bremer
chronicon Kiliense 292
Stern; den teich oder bach im herbst ausfischen de bek strieken Hardenberg
d. fachspr. d. berg. eisen- u. stahlwarenind. 160; he begript er so väl van ass d'ole mutt' van't gannat-strîken
(garneelenfang) Lüpkes
seemannsspr. (1900) 9. B@77)
schlagen, hauen, prügeln; zugrunde liegt die vorstellung einer heftigen, über den körper sich dahinziehenden berührung, ursprünglich wohl mit rute oder peitsche, vgl. concidere uirgis mit ruten hauwen oder streychen Frisius
dict. (1556) 277
a;
caedere aliquem virgis einen mit ruten streichen
nomencl. lat.-germ. (1634) 469;
caedere aliquem usque ad sanguinis effusionem einen streichen das es blutet
ebda 282;
caedere verberibus, flagellis, loris, ferulâ stösse geben, peitschen, ein haut abkehren, streichen Corvinus
fons lat. (1646) 124. (
ob neben der vorstellung der berührung auch in anlehnung an C 1 a
der gedanke eines '
bemalens mit striemen' [
s. ausstreichen 4
teil 1,
sp. 993]
zugrunde gelegt werden kann, scheint fraglich.) B@7@aa)
schlagen, geiszeln, prügeln (
meist mit hilfe eines instruments wie rute, geiszel, gerte, stock u. dgl.): ir reinen lib zu strichene mit gerten bitterliche
leben d. hl. Elisabeth 2898
Rieger; doch sanc er in biz an diu knie ze allen ziten in daz mos, er straich an ez, biz im daz ros ward uz dem giel vallen Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 11 792
Regel; und losz vorbasz din klaffen, dasz ich dich nicht basz darff dreffen adder mit eim knittel streichen, dasz dir das blut hir nach thu weichen
Alsfelder passionsspiel 7612
Grein; vil strichen sie mit gerten Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 131
a; zeuch in ab, streich in allenthalb mit einer geschmeissigen ruten Hans Sachs 21, 113
lit. ver.; do fasset er mich gar woll, leit mich über ein stuoll und streich mich gar bell Th. Platter 15
Boos; fürwar die sind wirdig, dass sie mit geisseln gestriechen werden
engl. comedien u. trag. (1624) Dd 5
b; nun aber hat eine ruthe nicht ein reisz, sondern viele, welche alle im streichen durchschmeissen und schmertzen machen Scriver
seelenschatz (1737) 4, 47
a; soll ich dich nicht ... mit ruthen streichen lassen? A. v. Arnim
s. w. (1853) 6, 82; wir sollten einander also nicht wie kinder behandeln, die man mit der rute streicht und wieder laufen läszt H. Hesse
glasperlensp. 2 (1946) 338. B@7@a@aα)
in besonderen verwendungen. prügeln, züchtigen, bes. bei kindern als mittel der erziehung: wîlent wâren schûoler bleich: dô man si lêrte und vaste streich Hugo v. Trimberg
d. renner 17412
Ehrism.; ich will im (
dem schulmeister) sein auch ingedenck: er hat mich oft umb unschuld gstrichen Hans Sachs 12, 234
lit. ver.; als ich wurde ein mal vor mittag 15 mal gestrichen on alle schult, denn ich solt declinirn vnd conjugirn vnd hett es nicht gelernet Luther
tischr. 5, 254
W.; ich habe meinen sohn klein mein leben keine maulschel geben, ich habe ihn aber so braff mitt der ruhte gestrichen dasz er sichs noch erinert (1710) Elisabeth Charlotte v. Orleans
br. 150
lit. ver.; ey nimm den bengel in die kammer, und streich ihm seinen hindern voll Gottsched
beytr. z. crit. hist. (1732) 1, 678.
geiszeln, stäupen, auspeitschen, als strafe für gesetzwidrige vergehen: der jude, der Walich, ... der umbe daz münster gestrichen wart (1387)
städtechron. 9, 1022 (
Straszburg); von dem richter ist uns erleubet, mer soln en strichen, dasz he teubet
Alsfelder passionsspiel 4259
Grein; ein ander loser student, der ... öffentlich mit ruthen durchn hencker gestrichen ward Prätorius
bericht v. Katzenveite (1665) J 8
a; Johann le Clerc ... schlug einen brief wider den ablasz 1523 an, und erklärte den pabst für den antichrist, ward aber mit ruthen gestrichen, und an der stirn gebrandmarket v. Einem
Mosheims vollst. kirchengesch. 5 (1773) 249.
in religiöser vorstellung als form der busze für begangene sünden, '
kasteien': meyster Conradt sanct Elisabet beychtuatter ... der die heylig fraw gelert hab bey der nacht von yrem eelichen man auff zcusteen, vnd lange gebette zcusprechen, vnd den leyb mit ruethen zcustreychen J. Strausz
beychtpüchl. (1523) B 2
b; da setzte jm der bischoff zur busse ... dasz er drey tage nach einander mit entblösseten schultern vnd rücken, für jm vnd dem capittel ... sich stellen, vnd mit ruten streichen lassen, vnd also busz ... empfangen solte Binhardus
Thüring. chron. (1613) 177. B@7@a@bβ)
in bildlichen verwendungen. mehrdeutig sind die beiden folgenden stellen, in denen streichen auf
zugleich als '
gegen jemdn. anrennen' (
s.A 1 a
β)
verstanden werden kann; vgl. ferner streichen
vom wind (
unter A 6 a): swaz uf mich nu strichet uwerre valschen worte wint, der kraft ist kranc unde blint min hus mir zu vellene
passional 177
Köpke; vier wind sind in der welt, die den menschen zerbrechen: vier, das sind die vier elementen, die streichen all auff jhn, damit sie jhm sein gesundtheit brechen Paracelsus
opera (1616) 1, 638
b.
in wort oder schrift gegen jmd. aggressiv vorgehen: so werden jr finden daz Theophrastus noch der gröst physicus ist, der in d' physic euch all noch mit ruthen streichen wirt Paracelsus
opera (1616) 1, 239
c; wenn unrecht wil gelobet sein, der warheit nicht wil weichen vnd gott ins angesicht hinein mit schmehwort noch thut streichen Wackernagel
dt. kirchenlied (1864) 3, 202; dasz der glückselige rezensent ihn auf demselben druckbogen so lange gratis wieder stäupen und streichen kann, als er will Jean Paul
s. w. (1826) 43, 57
R. im sinne von '
jmd. bedrücken': viel edle gemüther zu finden seynd, die lieber die unterthanen ... bereichen als streichen Abraham a
s. Clara
etwas f. alle (1699) 1, 478; wir binden ... selbst die ruthen, wormit uns gott pflegt zu streichen
ebda 1, 701. B@7@bb)
selten '
mit der hand ins gesicht schlagen, einen backenstreich geben, ohrfeigen': ir vertraget, so euch jemand zu knechte machet, so euch jemand schindet, so euch jemand nimpt, so jemand euch trotzet, so euch jemand in das angesichte streicht
2. Cor. 11, 20; ssondern sso dich yemand auff den rechten backen streycht, dem hallt auch den andern dar Luther 11, 248
W.; vnd manchem eine
wachtel streicht Ringwaldt
lauter warheit (1609) 119 (
vgl.wachtel teil 13, 176);
im wortspiel: diese aber wehrt sich ... und streicht ihr so zärtlich über die purpurrothen wangen, dasz man beinahe der meinung wurde, sie hätte die finger darauf liegen lassen. so kämpfen sie beide, liebe und verzweiflung in der brust Glaszbrenner
Berlin wie es ist u. trinkt (1845) 3, 42. B@7@cc)
mit einer hiebwaffe zuschlagen, einen streich führen; in dieser verwendung, die wohl in anlehnung an a
entstanden ist, verbindet sich mit streichen
die bewegungsvorstellung eines weit ausholenden, schwungvollen hauens (
im gegensatz zu stoszen
oder stechen): dâ streich der alte Heimrîch mit swerten den wiserîch, der im dicke was gewerbet Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 383, 19
Lachm.; an den ward er do strichen mit scharpfes swertes sniden Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 8166
Regel; newer allein mit swertes slegen hat der auzderbelte degen vil mangen ser gestrichen Suchenwirt 8, 221
Primisser; nun streich auff mich! thust du mein felen, so wil ich dir gar dapffer strelen mit meinem eysern flederwisch Hans Sachs 8, 228
lit. ver.; blötzlich der tod mich hinderschlich, gwaltiger hieb zwen nach mir strich
ebda 1, 427; de beiden kemper treden vpn strant ... so ginck de Dene ersten den Wendt an, vnd sloch gichtich vp den Wend; de Wend was auerst nicht vull, vnd streck wedder tho em jn, vnd thoklouede dem Denen den khop midden enttwey (16.
jh.) Thomas Kantzow
chron. v. Pommern 7
Böhmer; wenn der (
fechtmeister) seine schüler wol abrichten und probiren wil, nimpt er derselben einen für, stelt sich gegen jhm zur wer, hebet gegen jhm auff, und streicht mit allen krefften auff jhn Pomarius
grosze postilla (1590) 1, 325
a; reckt auss seins schwertes scharffe kling, vnd strich, vnd stach zu Petzen ein Rollenhagen
froschmeuseler (1595) K 8b; da aber solches des Cuntzen geselle ... vermerckt, soll er das schwert auff den fürsten gezogen, und auff jhn gestrichen haben
M. Dreszer
sächs. chron. (1596) 447; und wo er sicht die meisten, hertringen vor dem feind, er so gewaltig streicht, das jederman dafür, als für dem tod entweicht Hohberg
d. Habspurg. Ottobert (1664) F 7a.
in fester wendung zum streichen kommen '
zur schlacht, zum kämpfen kommen, handgemein werden',
vgl. die parallele substantivische formel zu streichen kommen,
sp. 1158;
ad manus uenire zuo schlahen, zuo streichen, oder zuo fächten kommen Frisius
dict. (1556) 28
b: ob zwen in unwillen oder krieg sich gegeneinander aufwurfen, vom wort zum streichen kämmen
öster. weist. 7, 109; sie giengen also unverzüglich auf die Thebaner los und kamen gleich mit ihnen zum streichen Heilmann
Thukydides' gesch. d. pellop. krieges (1760) 175.
die wendung in die luft streichen
bezeichnet die wirkungslosigkeit einer tätigkeit: jetzt trugt ihr steine zu und woltet ihn entleben, ietzt stürzen von dem fels, ietzt in die bande geben. doch stricht ihr in die luft Fleming
dt. gedichte 1, 19
lit. ver.; (
windleute sind) nichtig oder vergeblich arbeitende, so in die luft streichen Prätorius
anthrop. Plut. (1666) 2, 15; ein gottesgelehrter, der ... immer am unrechten ort uneigentliche redensarten gebraucht und seine gedanken in eitel wolken von metaphern und hyperbeln einhüllet, der streicht in die luft, wenn er gleich den guten vorsatz hat, die wahrheit zu verfechten
allg. dt. bibl. (1765) 2, 56. CC.
in strichförmiger bewegung einen gegenstand berühren und dabei eine mehr oder weniger flüssige masse ausbreiten, etwas auftragen, schmieren, etwas mit einer flüssigkeit, salbe oder breiartigen masse bestreichen; linio stricho
ahd. gl. 3, 502, 52
St.-S. auch hier mit wechselndem äuszeren objekt: farbe streichen (an die wand) — die wand streichen (mit farbe); butter (auf das brot) streichen — das brot (mit butter) streichen. C@11)
eine flüssigkeit oder eine breiartige masse auf der oberfläche eines festen körpers so ausdehnen, dasz sie am festen haften bleibt; schmieren: libuit (
für linuit, vgl. Wissmann
zum abrogans, in: fragen u. forsch., festgabe für Frings [1956] 104)
supernix (
für superunxit ebda) streich, uparsalpo:ta
ahd. gl. 1, 201, 12
St.-S.; ir nemet des lambes bluot, ir strichet ez iewedir halp der ture unde oben an daz ubirture
genesis u. exodus 152, 32
D.; do hette ein artzat sine vergift an einen wintrübel gestrichen do er an der rebe hing (
Straszburg 13.
jh.)
städtechron. 8, 147; und mach ein salbe darausz ... und wan du fischen wilt, so streichs an die hende, so wirst du grosz wunder erfaren (1498)
Erfurter fischbüchl. 7
Zaunick; ein frow die eyn kind wil entwenen von der milch, so stricht sy senff an die brust Geiler v. Keisersberg
bilgersch. (1512) 24
d; ich streich im an seyn hossen dreck und leit im heimlich steyn an wegk (1512) Murner
schelmenzunft 18
ndr.; vor ihrer stirne haben sie drey oder vier schnitte ... welche sie ... aufschwellen lassen und farbe darein streichen
Dapper Africa (1670) 470
a; ohrenschmaltz an die degenspitze gestrichen, wenn man duelliren will, das löset des andern festigkeit auff J. G. Schmidt
gestrieg. rockenphil. (1706) 1, 274; wenn man ein brett mit einem theile der medusa hysocella streicht, so erhält die bestrichene stelle ihr licht wieder, wenn man sie mit dem trockenen finger reibt A. v. Humboldt
ansichten d. natur (1808) 1, 223; o honig, den man um das giftglas streicht Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 6, 241; de kette strieken,
wenn sie nicht glatt genug ist, mit leimwasser wb. d. Elberf. ma. 158
b. C@1@aa)
mit farbe versehen, d. i. farbe über einen festen körper ausbreiten. C@1@a@aα)
mit natürlicher (
haut-)
farbe versehen sein oder werden: got hât ir wengel hôhen flîz, er streich sô tiure varwe dar, sô reine rôt, sô reine wîz Walther v.
d. Vogelweide 53, 56; di natur an der stiren zoch zwo slechte pra, di sint praun, geleich hoch gestrichen als ein carbun Heinrich v. Neustadt
Apollonius 15 045
Singer; der wein ... streicht ein färblin an Fischart
Garg. 145
ndr. C@1@a@bβ)
schminken (
zum mhd. gebrauch in dieser bedeutung vgl. Heyne
dt. hausaltertümer 3, 88): ob iender de kain valscher strich (
schminke) durch valsche varwe wurde dar gestrichen? — niht! si warent gar mit angeborner varwe clar Rudolf v. Ems
Willehalm v. Orlens 13 268
Junk; vnd het ainen rotten rock von scharlach an gethon vnd ain grosse nasen vnnd etlich farb an gestrichen (1509)
Fortunatus 123
ndr.; etliche frawen streichen sich im angesichte, und wollen den jünglingen gefallen W. Bütner
epitome histor. (1596) 273
a; sie streichet sich, sie schmincket sich
she paints Ludwig
teutschengl. (1716) 1891. C@1@a@gγ)
mit farbe malen: der maler dacht' in seinem sinn: du eitle närrin! nahm karmin, und strich ihr (
der rose) roth die blätter all Blumauer
ged. (1782) 31; ich mahle zu und streiche zu, und sehe kaum mehr was ich thu Göthe I 16, 151
W.; als müsste der maler, der sie conterfeite, um ihren kopf einen goldenen schein streichen Alexis
Roland (1840) 1, 415; für die 'visitenstube' musz ich aber doch zunächst eine landschaft streichen, weil neben dem ofen ein stück weisze mauer ist, die verdeckt werden musz (1875) G. Keller
br. u. tageb. 3, 140
Erm. C@1@a@dδ)
farbe auftragen, anstreichen: ich nahm die dritte der oben gemeldeten grauen mischungen und strich sie dick auf den fuszboden meines zimmers Göthe II 2, 260
W.; es war ein kleines geweisztes zimmer, die möbel mit rother ölfarbe gestrichen G. Freytag
ges. w. (1886) 5, 25; das streichen der fuszböden war noch ungebräuchlich
ebda 1, 64; gestohlen am 20sten
d. m. Weberstrasze no. 31 vom hofe ein graubraun gestrichener kleiner handwagen mit eisernen achsen und buchsen
Berliner intelligenzbl. 31.
aug. 1870; der kies war sauber geharkt, ... die prellsteine mit kalkfarbe gestrichen Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 2; dann saszen sie sich gegenüber auf den schmalen, weisz gestrichenen bänkchen und lächelten sich zu Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 23; auff derselben stelle ... standen ... die grün gestrichenen ... tische ... herum Fontane
ges. w. (1905) I 1, 375. C@1@a@eε)
bildlich; seinen taten oder eigenschaften einen anderen anstrich geben, sie beschönigen, d. i. sich anders geben als man ist: solden sie billich ire irtumb bekennen, vnd nicht alszo ein farb daran streichen Luther
br. 8, 472
W.; die schönheit ist der grund, ein angebohrnes wesen, darauff die freundligkeit gesalbte schmincke streicht Hoffmannswaldau
ged. (1697) 4, 186; nur dasz er soviel auf der akademie gelernt haben musz, ihren unbesonnenen anmuthungen von weitem zuvorzukommen, und so einen firnisz über seine dienstbarkeit zu streichen Lenz
ges. schr. 1, 16
Tieck. C@1@bb)
butter, käse o. ä. auf das brot streichen: sein urähne hätte vor alters dergleichen, auff weisse semeln gestrichen ... essen sehen Grimmelshausen 2, 511
Keller; warum soll man aber nicht ... butter auf's brod streichen Hippel
lebensläufe (1778) 1, 440; der käs ist zwar voll maden sie werden mir nicht schaden, ich streiche sie aufs brot Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 215; noch kein mensch ist in unsern gegenden von einer spinne vergiftet worden: giebt es nicht hie und da leute, die sie aufs brot streichen Hebel
w. 2, 66
Behaghel; wir nahmen alle von dem merkwürdigen gericht, strichen es auf semmelscheiben H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 144.
mit austausch des objekts das brot (mit butter) streichen (
eigtl. bestreichen): dem armen Werther kam der sand in die zähne, wenn er die süszen zettelchen seiner butterbrot streichenden Lotte küszte Bauernfeld
ges. schr. 2 (1871) 221; soll ich dir'n schnittchen streichen inzwischen G. Hauptmann
einsame menschen (1891) 42; sie strich ihm ein butterbrötchen Clara Viebig
d. schlafende heer (1904) 2, 256.
auch bildlich in verschiedener bedeutung: welches wir hiemit der päpstischen clerisey auffs brod gestrichen haben wollen (
nachdrücklich an etwas erinnern) Dannhawer
catechism.-milch (1657) 1, 497; die vorwürfe deines gewissens sind ein ganz gesundes brot für dich, und daran sollst du dein lebenlang kauen, ohne dasz ich dir die butter der verzeihung darauf streiche Gottfr. Keller
ges. w. (1889) 2, 67.
redensartlich: einem ebbs uff's brod striche
ihm zu gefallen reden Schmidt
Straszb. 106
a; Martin-Lienhart
els. ma. 2, 625. C@1@cc)
als medizinischer terminus, vor allem in älterer sprache, ein heilmittel (salbe
oder pflaster) streichen.
auftragen: dâ hiez sî sî strîchen an (
mit salbe) Hartmann v. Aue
Iwein 3445
Benecke; oel unde crisimen streich er dar
Barlaam und Josaphat 172, 20
Köpke; unde strîch die erzenîe umbe diu ougen: dir wirt inner zwein tagen baz
zwei dtsche arzneibücher 12.
u. 13.
jh. 26
Pfeiffer; si autem orfime
diruptae non fuerint, tunc idem kalp
cum succo suo desuper striche,
et illud etiam super eas pone, et pannum desuper liga, et virswindet st. Hildegardis (
hs. d. 15. jhs.)
bei Migne
patrologia 197, 1199; des gleichen auch für alter ein salben, die wolt ich streichen allenthalben Agricola 750
teutsche sprichw. (1534) 0 3a; eisenrost an die biller oder zanfleysch gestrichen ... befestigt sie Ryff
spiegel u. regim. d. gesundth. (1544) 100
b;
diapasma ein gemengt pulffer von gtem geschmack vnd trochner natur, das man auff den leyb streycht den schweysz zeuertreyben Frisius
dict. (1556) 408
b; schabet die wurtzel von wallwurtz oder beinwellen, die noch grün ist, und erst aus der erd gegraben: streichet die abschabet auff ein lümplin wie ein pflaster Sebiz
feldbau (1579) 91; wenn das haupt wund ist, so musz man die salb nicht auff die füsz streichen Lehmann
floril. polit. (1662) 2, 584; er strich und schmierte pflaster Spanutius
teutsch-orthogr. lex. (1720) 96; wieder den schwindel wird das storchen- gemsen- und schlangen-fett, an die schläfe gestrichen, gerühmet Fleming
vollk. teut. soldat (1726) 330; sie ... strich mich mit einer salbe und legte mir ein grosses pflaster auf den rücken
Leipziger avanturieur (1756) 1, 44.
entsprechend von flüssigkeiten, die man in geringer menge (
mit dem finger)
aufträgt: warumb manz (
das öl) an in strîchet Ottokar
reimchronik 300; diu juncvrau straich ie mit der hant ir rosen wazzer umm den munt Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 9232
Regel; für solichen gestank ist gar nütz essich inn die nassen gestrichen (1486)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 150; da streich graff Albrechts gemahl und die ertzte jhm (
Luther) den puls mit allerley sterckwassern
in: Luther 54, 492
W.; wann man eym siechen den safft (
von lattichkraut) an die stirn streicht, so bringet es jhm den schlaff
M. Herr
d. feldbau (1551) 146
a; doch hat sie auch ein fläschchen balsam-feuers, ... wovon sie wohl einmal, von lieb und treu erweicht, um die verlechzten lippen ihres ungeheuers ein tröpfchen mit der fingerspitze streicht Göthe I 2, 91
W.; ich hatte wohl bemerkt, dasz Natalie während des essens einige male aufstand und ihren arm mit kölnischem wasser strich Holtei
erz. schr. (1861) 2, 31. C@1@dd)
sprichwörtliche verbindungen; im sinne von '
statt der wahrheit schöne worte sagen': das süsze ums maul streichen Franck
sprichw. (1541) 1, 26
b; Eyering
prov. cop. (1601) 1, 315; vnd streicht dem keyser in einer epistel gar subtil das süsz umb das maul Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 58
a;
os sublinire den honig vmbs maul striechen, verfüren, betriegen Apherdianus
tyrocinium (1581) 17; du streichst mir honig umb das maul, vnd streichst mir dreck drein Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 11
b; Körte
sprichw. (1837) 215; aber sie streichen dir nit das honig oder süsz gifft vmb das maul der eignen wolgfellikeyt, alsz jene müntzmünch Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 11
ndr.; (
noch heute gebräuchlich). das hälmlein durchs (ums) maul streichen (ziehen),
ebenfalls für '
schmeicheln, schöne worte sagen'
; wahrscheinlich ausgehend von der vorstellung eines in honig, süszen brei u. dgl. getauchten halmes (
vgl. teil 4, 2,
sp. 241
und Borchardt-Wustmann-Schoppe-Schirmer
d. sprichwörtl. redensarten [
71954] 198;
ferner Schmeller-Fr.
bayer. 1, 1094; Fischer
schwäb. 5, 1845): und ist unser frintlich bit an uch, ir wollen uch nit lossen das helmle durch das mul strichen (1523)
polit. corresp. d. st. Straszburg 1, 119; vnd (
er) streich inen wol das helmlin durch das maul Pauli
schimpf u. ernst 112
Öst.; ferner: Tappius
adag. cent. septem (1545) B 6
a; Binder
sprichw. 83; (
vgl. älteres beide nuo und zu aller stuont zühet si uns den halm durch den munt
mhd. minnereden I 6, 532
Matthaei, s. dazu S.
Singer sprichw. d. mittelalters [1944] 1, 101); ei
nem flädle striche
n jem. durch süsze worte locken Martin-Lienhart
els. ma. 2, 625.
für '
leicht, deutlich, begreiflich machen': a wäs ums mäul streichen
ihm etwas in den mund legen (
dass er es sage) Jakob
Wien 185
b; i' hab' ihm's um's maul gestrichen, was er sag'n soll (
d. h. es ihm deutlich gemacht) Hügel
Wien (1873) 158; einem etwas in's maul streichen
suggerieren Fischer
schwäb. 5, 1846; (
die komische operette,) diese dramatische misgeburt, die keinen wert hat, als dasz sie manche gute melodie dem pöbel in den mund streicht Schubart
leben u. gesinnungen 2 (1793) 110.
im sinne von '
ausplaudern': jedoch behalt es der herr bei sich, und streichs nicht jederman an die zähn, dann die welt will heutiges tags nur betrogen sein
frantzös. Simpl. (1683) 2, 147; was gute freund ... vertreulich reden, solle keiner ... offenlich oder andern an die zähne streichen Stölzlin
tischzucht bei Fischer
schwäb. 5, 1845. C@22)
über diese verwendungen entwickelt sich streichen
zu einer bezeichnung für die bearbeitung breiartiger, zähflüssiger massen (
meist mit einem entsprechenden gerät). C@2@aa)
durcheinandermischen, verstreichen: wer nit schmieren kan eyn fall, mit hunig streichen gifft und gall, saur mit siesz vermischen kan Murner
schelmenzunft 241
ndr.; weisz gilgenöl, süsz mandelöl, vnnd hünerschmaltz vnter einander vermischt ... es dienet auch wol, vnd ist gut dar zu, ein dotter oder das weisz von einem ey, dareyn gestrichen Ruoff
hebammenb. (1580) 53; so böser thau, als meine mutter je von faulem moor mit rabenfedern strich, fall' auf euch zwey
Shakespeare 3 (1798) 30. C@2@bb) durch ein tuch (
anstelle eines siebes) streichen: niem ainen kalbsfuesz oder mê und süd dy, bis das bain davon fallend, mit ainer brüge und niem den essich als vil der brüge und stosz die füsz, so die bain davon komend in ainem morser und strîch es denn als samend also heiss durch ain tuoch (15.
jh.)
Germania 25, 351; auss den pflaumen eyn muss zumachen, du solt die pflaumen ... sieden ... darnach durch eyn beuteltuch streichen Sebiz
feldbau (1579) 383. DD.
etwas streichend
von der stelle bewegen, die lage eines gegenstandes in gleitender bewegung verändern. D@11)
etwas durch streichende bewegung entfernen, abwischen (
s. abstreichen
teil 1, 133, wegstreichen
teil 13, 3045): dô streich er von dem munde 'z pluot und kuste sînes herzen trût Wolfram v. Eschenbach
Parzival 270, 6; swaz er sweizes ûf dem orse vant, den kund er drabe wol strîchen
ders. Willehalm 59, 15; dû muost mit dînem hâre strîchen stoup von schamelen und von benken
Kudrun 1019, 4; vnd gott streycht ab einen ieglichen treher von iren augen
erste dtsche bibel 2, 489
K.; unden und oben gar peflissen streicht er das kot von seiner hawt Hans Sachs 17, 367
lit. ver.; sein weibgen wird ihm nun den schweisz von augen streichen Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 100; indem er das blut von seinen zerkratzten armen streicht maler Müller
w. (1811) 1, 136; ich sitze in der laube, lese Pfisters geschichte der Deutschen und streiche eine thräne aus meinen augen Börne
ges. schr. (1829) 8, 116; sie war schon einigemal wie mechanisch mit der flachen hand über den tisch gefahren, und das hatte den schneider jederzeit nicht wenig beunruhigt. jetzt strich sie ... den ganzen mann herab, scheinbar so unabsichtlich wie einen lappen tuch, den man wohl in gedanken vom tische streicht ohne gewahr zu werden, was man thut Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 20. D@1@aa)
durch streichende handbewegung beiseite schieben: also strich sie den fürhang ... auff die seite Lohenstein
Arminius (1689) 1, 393
b.
capillos retroagere hinder sich strychen Frisius
dict. (1556) 1158
b: da sprang ich auf, warf mich in den neuen panzer, strich die ungelockten haare unter den helm Lessing 2, 357
L.-M.; er strich sich die haar aus dem gesicht Bettine
d. buch gehört d. könig (1843) 2, 499; der pate ... strich seinem schützlinge das haar aus der erhitzten stirne Gottfr. Keller
ges. w. (1889) 6, 22; die ... hand strich mehrmals ein büschel nasser haare zur seite, das immer von neuem in die ... stirn fiel G. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 20. D@1@bb)
falten, furchen von der stirn streichen
u. ä., wendungen, die zugleich den nebensinn des glättens (B 3)
enthalten: schlaf! liebes kind, du streichst mit linden händen die furchen sonst von stirn und angesicht Tieck
schr. (1828) 1, 304; er strich mit der hand die runzeln von der stirn Alexis
Roland (1840) 1, 76; dann steht er, streicht mit flacher hand die falten von der stirne rand A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 56.
bildlich: vergebens suchet sie (
die freude) ... des unmuths runzeln ihm von seiner stirn zu streichen J. A. Schlegel
verm. ged. (1787) 2, 102. D@1@cc)
ähnlich in bildlichen anwendungen: erwach, und streich dir doch die schuppen vom gesichte A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 555; so kehrt sie nacht in tag, und leid in fröligkeit, und streicht die blasse furcht von meinen todten wangen Hoffmannswaldau
ged. (1697) 2, 22; wer nicht aus blinder lust dem ersten liebreiz weicht, erst der verstellung flor vom angesichte streicht Gottsched
ged. (1751) 1, 383; so bald ein wort des treuen gatten die schläfrigkeit vom auge streicht J. E. Schlegel
w. (1761) 4, 281; mir gleichsam die strahlen der abendröthe, die schief hereinkamen, aus dem gesichte streichend Stifter
s. w. (1904) 3, 197. D@22) '
wegstreichen, einstreichen' (
s. einstreichen
teil 3, 315),
bes. geld in die hand oder in den beutel: ich zalt im di pfenninge dar. ... er streich si gar in sin hant und nam urloup zehant
mhd. erz. III 56, 125
Rosenhagen; und was sü ouch pfenninge empfohent, die söllent sü in angesiht der, die sü gebent, in die kiste strichen (1446) Eheberg
Straszburg (1899) 1, 143; er strich das geld in seinen sack
he whipt up the money into his pocket Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 1891; die postmeister haben alle und alle tag einen hut voll thaler vom tisch gestrichen Rosegger
d. zugrunde gegangene dorf (1905) 16.
die ursprünglich ganz sinnliche bedeutung '
mit einer handbewegung einstreichen'
erweitert sich später und bezeichnet das (
geld-)
ansichnehmen überhaupt: die beamten zu Kanton wuszten kein besseres mittel zu ersinnen ..., als dasz sie der kaiserlichen schatzkammer die gewöhnliche summe ablieferten ... und den überschusz in ihre eigene kasse strichen G. Forster
s. schr. (1843) 4, 92; ging hinunter in die gesindestube. strich die heller ein für die bänder und schuhe und scheeren A. Sperl
söhne d. hr. Budiwoj (1927) 15. D@33)
aequare, hostire, unebenheiten abstreichen, sie beseitigen: hostio ich streich, i mach gleich Alberus (1540) o 3
b. D@3@aa)
im bereiche des handwerks, bes. der holzverarbeitung: hostire streychin,
hostimentum est equalitas etc. eyn houel bank Diefenbach
nov. gl. 206
a; streichen an einander,
wenn pfähle, pfosten, bretter so glatt und gerade an den seiten, womit sie zusammen passen sollen, abgehobelt werden, dasz sie allenthalben dichte an einander schlieszen Jacobsson
technol. wb. 4 (1784) 316
a;
bis heute in der fachsprache der tischler und zimmerleute '
die schmalseiten eines brettes abhobeln',
s. Sass
spr. d. nd. zimmermanns (1927) 52.
dazu '
eine ebene fläche aus brettern herstellen, den boden dielen': item 6½
m. 4 scot, eyn soller mit delen of dem nuwen spicher zu strichen (1402)
Marienb. tresslerb. 210
Joachim. länger erhält sich diese bedeutung in der seemannssprache: ein deck streichen,
holl. een dek strijken
die deckplanken und scheerstöcke eines decks legen und auf die deckbalken festspickern Bobrik
seewb. (1850) 673
b. D@3@bb) ziegel streichen,
d. i. die die ränder der form übersteigende masse mit dem streichholze entfernen (
vgl. Muspratt
chemie 8 [1905] 628
ff.): item 4
m. an 1 firdung dren furmannen, yo dem wayne mit 5 houpten 2550 breyt zu furen ken Konigisberg zu flachem dachzigil zu strychen (1400)
Marienb. tresslerb. (1896) 58; vnd sprachen vnternander, wolauff, lasst vns ziegel streichen vnd brennen, vnd namen ziegel zu stein, vnd thon zu kalck
1. Mos. 11, 3;
lateres ducere ziegel streichen
nomencl. lat.-germ. (1634) 57; wenn man aber kleine (
mauersteine) streichet wie die holländischen klinckers, ... können sie wohl ausdauren Sturm
fangschläussen (1715) D 2
b; man baut jetzt hier zum teil mit kleinen ziegeln, welche die armen leute selbst zu streichen scheinen Novalis
schr. 2, 59
Minor; und sie strichen die ziegel und brannten den thon Geibel
ges. w. (1883) 3, 29; das streichen der biberschwänze (
dachziegel) wird ... auf wechselnde art ausgeübt Muspratt
chemie (1888) 8, 818; entreisse dich, mein geist! der schnöden eitelkeit, ... willt du im sündendienst noch länger ziegel streichen (
symbolisch für sklaverei) Triller
poet. betracht. (1750) 1, 119. D@3@cc)
mehl, getreide, früchte o. ä. messen, d. i. die angehäufte überschüssige menge vom hohlmasz abstreichen (
vgl.wurde der fruchtzins nicht mit dem halm u. garbenweise empfangen, sondern gemessen, so pflegte korn und weizen auf dem masz gestrichen zu werden J. Grimm
dt. rechtsalterth. 4 1, 497);
mensuram hostorio aequare die masz streichen
nomencl. lat.-germ. (1634) 316: auch ist zu wissen, dasz man albeg masz des melbs ie fünf gestrichne firtail für ain sümer (
Nürnberg 15.
jh.)
städtechron. 2, 306; nemblichen das resch getraid als waiz und korn gestrichen, den habern und hiersch aber gupft ... auch nit getruckt sonder gleich gestrichen voll beschaidenlich und unverdechtig einnemen (1572)
österr. weist. 10, 197; wer traid hingibt oder kauft, sol man das schwer traid den metzen streichen und das ring traid kaufen (16.
jh.)
ebda 7, 9; um des ... vortheils willen, so bishero mit den gehauften massen gebraucht worden, wöllen und setzen wir bey schwerer straff, dasz hinfüro alle kohlmasz gestrichen, und keines mehr gehauffet werde (1694) Lori
slg. d. baier. bergrechts (1764) 575; wenn einer sein korn mahlen lässt, so streichen ihm die müllermeister die metze mit dem streichbret, wie's den herren, denen die mühlen sind, gefällt Alexis
Roland (1840) 2, 94.
bildlich: zu fräden darf mich nyemant zelen, ich hab die liebsten mein verloren, sy miszt mir triu mit halber elen vnd gibt mir spewr für das koren. was ich ir hauff, das streicht sy mir, sy muosz ain anders närrlin hân
liederbuch d. Hätzlerin 75
Haltaus; die hand ... die uns unbarmherzig von dem vollen scheffel streicht W. Raabe
s. w. I 6, 151.
davon (
unter verlust des begriffes einer festen maszeinheit) gestrichen voll,
voll bis zum rand: alle gefäss waren gestrichen vol mit butter vnd käsen Schaidenreisser
Odyssea (1537) 37
a; biss er den hafen durch die menning aussfüllt mit den ersparten pfenning, pis er würd grad gestrichen vol Hans Sachs 17, 402
lit. ver.; nam also ein gefesz voll wasser bisz zum öbersten bord gantz gestrichen vol Rivius
Vitruv (1575) 567; bringt derselbe dann das geschirr gestrichen voll nach hause, wie mans bei dem brunnen hat eingeschenckt Valvasor
hertzogth. Crain (1689) 1, 602; nichts geringeres als dieser hut, von gold gestrichen voll, kann sein dank seyn Schiller 3, 99
G.; da stehen sechs töpfe gestrichen voll gold Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 7, 319. EE.
einen strich ziehen, lineam ducere. E@11)
linienartig über eine fläche oder einen körper hinfahren: daz czeichin des heilgen cruczis, das eme der prister hat ... gestrichen vf sinen schulderen Dietrich v. Gotha
bei F. Türk
wortsch. 117; sie streichet vorn und hinden ein dreymal doppelt kreutz (1664) Rachel
satyr. ged. 56
ndr. besonders mit dem pinsel (
stift, feder u. dgl.)
linienartig über eine fläche hinfahren und dabei eine flüssigkeit (
farbe, tinte o. ä.)
auftragen (
vgl. oben C 1 a),
eine linie ziehen, malen, zeichnen, schreiben (
wobei die vorstellung der fortlaufenden erstreckung, der längenausdehnung einflusz auf den wortinhalt gewinnt, vgl. oben A 5
sowie etwa den folgenden beleg: dise schnecken lini mag man eng über eynander zihen oder rösch in die höch streychen lassen A. Dürer
underweysung d. messung [1538] B 1
a): ein iegliches het er (
gott) in der ewigen ordenunge also geordent und fürsehen, daz der moler niemer so versiht in sime sinne wie er einen ieglichen strich gestriche an dem bilde Tauler
pred. 18
Vetter; ey strich ein r mer of dat blat
mhd. minnereden II 31, 717
Thiele; dasz sie etwas von der sache discurriren kunten, und irgend etliche linien auf das papier streichen Chr. Weise
drey klügsten leute (1675) 70.
bildlich: daz er die namen alle uf sin herz mit götlicher begirde striche und si ir denn wider gebe Seuse
dt. schr. 394
B.; Albine ... in deren gesicht die zeit manche lebenstöne dreimal gestrichen hatte Jean Paul
s. w. (1826) 22, 229
Reimer. in heutiger sprache ist die bedeutung verengt zu '
mit stift oder feder einen dünnen, geraden strich ziehen' (
vor allem in zusammensetzungen ausstreichen, unterstreichen, durchstreichen
üblich, vgl. Adelung 4 [1780] 815). E@22)
als part. adj. gestrichen '
mit einem strich versehen'. E@2@aa) gestrichene noten,
bes. eingestrichene (zweigestrichene) oktave
zur unterscheidung gleichnamiger töne in den verschiedenen, durch oktaven bestimmten höhenlagen des gesamttongebietes: sie kunte ... bisz in das neunzehende gestrichene c hinauff singen Chr. Reuter
Schelmuffsky 67
ndr.; es kan also derjenige ... den generalbasz zu erlernen anfangen, welcher ... auf seinem clavier die 7. musicalischen claves ... die vier, theils gestrichene theils ungestrichene octaven ... zu unterscheiden weisz Heinichen
generalbasz (1728) 96; teutsche tabulatur. in dieser werden die buchstaben in 7 grosze ... in sieben kleine oder ungestrichene ... ferner in 7 einmahl gestrichene ... und in sieben zweymahl gestrichene ... worzu noch das dreygestrichene kommt, eingetheilet Walther
music. lex. (1732) 592; eine sängerin ... die ... eine arie ... bis ins zwanzigmal gestrichene ypsilon hineingesungen Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 347; man konnte also das drei-gestrichene f auf ihr erreichen, ohne die dritte lage zu überschreiten Wasielewski
d. violine u. ihre meister (1927) 71. E@2@bb) gestrichene buchstaben
in phonetischer schreibweise: die durchführung des gestrichenen ð (dh) und der j vor vokalen haben wir schon bei der anzeige des probeheftes gemisbilligt J. Grimm
kl. schr. (1864) 5, 96. E@33)
durch einen strich etwas ungültig machen (
aus-, durch-, wegstreichen): auf das, was ich in den gedichten gestrichen und durchstrichen, braucht keine rücksicht genommen zu werden Schiller
br. 4, 276
Jonas; ich bat bei einer anderen gelegenheit die censoren, ja keine zeile zu streichen H. Steffens
was ich erlebte (1841) 4, 256; z. 7 v. u. ist das wörtchen zu zu streichen
br. d. br. Grimm
an Benecke 44
Müller. E@3@aa)
davon in fester redensart etwas streichen '
tilgen, ungültig machen'. E@3@a@aα)
eine verpflichtung (
schuld)
oder forderung (
rechnung)
annullieren, aufheben, tilgen: ich liess diese vier gläubiger kommen, und nachdem ich ihnen ihre rechnungen wacker gestrichen hatte, bezahlte ich ihnen dreytausend thaler
slg. v. schausp. (1764) 3, 14; stirbt der sklave, streicht der herr den sold indess, und seine wittwe darbt Herder 18, 211
S.; sich! so tief bin ich gesunken — bin so arm geworden, dasz ich an unsre frühen kinderszenen dich mahnen musz, dasz ich dich bitten musz, die längst gestrichne schulden heimzuzahlen, die du noch in der ammenstube machtest Schiller 5, 23
G.; dasz bey dem zweyten punckte 2 louisd'or gestrichen ... worden Göthe IV 30, 162
W.; da Dietrich bereit war, nicht nur ein guthaben ... von beiläufig 1500 thlr. zu streichen Müllner
dram. w. (1828) 8, 128; sie schalten darüber, dasz der könig ... ihnen oder doch ihren freunden ihre pensionen gestrichen Ranke
s. w. 27 (1874) 20; sie sind mir nichts ... schuldig und die 52 th. werden gestrichen Pocci
lust. komödienb. (1877) 220; wenn es sich darum handeln wird, jede entbehrliche ausgabe dem lande zu ersparen, so wird man die eliteschulen einschränken, die fonds zur erhaltung und vermehrung der bibliotheken und sammlungen kürzen und schlieszlich streichen H. Hesse
glasperlenspiel 2 (1946) 118. E@3@a@bβ)
teile eines textes entfernen, tilgen, weglassen, um ihn zu kürzen: der organist erlies ein grosses danksagungsschreiben an mich, und bat höchlich sichs dagegen aus, die stellen in seiner abdankung zu streichen, worinn er mir zu nahe gekommen Hippel
lebensläufe (1778) 3, 1, 249; das streichen (
war) eine seiner (
des direktors) angenehmsten beschäftigungen, wodurch er ein jedes stück auf das gehörige zeitmasz herunter zu setzen wuszte Göthe I 21, 250
W.; alle deutschen regieen, directionen, intendanzen und theatercensuren haben sich das recht angemaszt, nach ihren verhältnissen und convenienzen aus den schauspielen manches wegzulassen, und dieses recht so lebhaft ausgeübt, dasz das wort streichen sogar ein kunstterminus geworden ist
ders., IV 16, 46
W.; von den belegen (
in der grammatik) denke ich die meisten zu streichen (1819) J. Grimm in:
briefw. 1, 22
Leitzm.; da hat denn Iffland gestrichen, und es stand beim 2ten mal auf dem zettel, dass es um neun uhr geendigt seyn würde (1799) Caroline
br. 1, 243
Waitz; gestrichen (
in der judenbuche) hat man mir nur einmal ein paar zeilen, nämlich das zweite verhör ein wenig abgekürzt (1842) A. v. Droste-Hülshoff
br. 2, 37
Schulte-K.; im 'Hamlet' werden gerade diejenigen szenen gestrichen, welche seine unentschlossenheit, tatlosigkeit, kurz den eigentlichen angelpunkt des stückes am deutlichsten darstellen (1850) G. Keller
br. u. tageb. 2, 229
Ermat.; mein redacteur ist ein ungerechter mensch. er streicht zu viel und bezahlt zu wenig G. Freytag
ges. w. 3 (1887) 99.
bes. um bestimmte textstellen zu unterdrücken, so als handlung der zensur: ich meine keinen staat, wo mir die zensur meine ansichten streichen kann Bettine
dies buch geh. d. könig (1843) 2, 454; auch die zensur ist nicht mehr streng, Hoffmann wird älter und milder. er streicht nicht mehr mit jugendzorn dir deine reisebilder H. Heine
s. w. 2, 486
Elster; um dem censor nicht die lust des streichens zu gönnen, ergriff ich selbst dies amt Gutzkow
ges. w. (1872) 9, 272.
aber auch allgemein: erst vor wenig wochen war ja der könig gekrönt, und er hatte es doch über sein herz nicht zu bringen vermocht, dasz aus seinem krönungseide die worte gestrichen würden, welche ihn zur ausrottung der ketzer verpflichteten Dahlmann
gesch. d. frz. revolution (1845) 48; dasz, wenn ich irgend nach dem beifall meiner zeitgenossen getrachtet hätte, ich zwanzig stellen hätte streichen müssen, welche allen ansichten derselben ... widersprechen Schopenhauer
s. w. 1, 20
Gr.; dass in der proklamation der verbündeten an das französische volk nach den worten 'l'Europe veut la paix' das bedenkliche 'et rien que la paix' gestrichen wurde Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 173.
zuweilen verbunden mit dem nebensinn '
berichtigen, bessern': betrachte, wie ... ... der gelehrte merkt und streicht, und erst den gusz recht überfeilet Drollinger
ged. (1743) 317; römische briefe. angefangen zu streichen Göthe III 5, 156
W.; das streichen und feilen musz aber erst nach vollendung des ganzen geschehen, während der arbeit macht es mutlos und unterbricht auch die poetische stimmung zu sehr A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 554
Schulte-K.; das zumessen und wegschneiden, das zudichten, ausfüllen und das streichen sind nur zwei momente eines und desselben in geist und hand des künstlers thätigen ... gesetzes Vischer
ästhet. (1846) 3, 25; da liesz es sich prächtig im stübchen weilen, handschriften ordnend, kleine härten streichend Holtei
erz. schr. (1861) 24, 242; in der nationalzeitung finde ich bereits einen theil des tagebuchs (
kaiser Friedrichs) von 70 abgedruckt, es ist von der kaiserin bearbeitet, nicht nur gestrichen, sondern, wie ich annehme, auch mit kleinen zusätzen versehen (1888) G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 267. E@3@a@gγ)
ausgehend von der vorstellung einer liste bildet sich jemanden streichen,
d. i. aus einer bestimmten gruppe oder gemeinschaft ausnehmen oder ausschlieszen, wobei ebenfalls die konkrete vorstellung des durchstreichens jeweils mehr oder minder stark geschwunden ist: man entschlösse sich Minerven aus der zahl zu streichen Stoppe
Parnasz (1735) 16; wogegen ... jede ... gemeinde aus der reihe der bundesglieder gestrichen ward Mommsen
röm. gesch. 1 (1856) 320; es hiesz, er habe befehl gegeben, ihn aus der reihe der kapellisten zu streichen O. Jahn
Mozart (1856) 2, 33; wie bitter beklagen sich die lutherischen bürger von Gmünden, dasz man sie aus der matrikel der bürgerstube gestrichen habe Ranke
s. w. (1867) 38, 89; das recht blieb verschoben, die münzen waren in verwirrung, kurz Polen war für die dauer von zwei jahren aus der reihe der staaten gestrichen Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 90; wenn ich nicht dabei wäre, so spielten sie mir übel mit und setzten ihren kopf, mich von der liste der candidaten zu streichen, doch noch durch Ruge
briefw. u. tageb. 2, 43
Nerrlich; es scheint, man will einfach einen ganzen jahrgang streichen, die sämmtlichen bataillone auf zwei drittel ihrer stärke herabsetzen Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 129; die lage des ... nahezu aus der reihe der staaten gestrichenen vaterlandes Fontane
ges. w. (1905) I 1, 31; du entfernst dich immer schneller von den lebenden: bald werden sie dich aus ihren listen streichen Nietzsche
w. (1895) 5, 203.
ähnlich von der annullierung innerer beziehungen zwischen einzelnen menschen: sie sahen nur ihn! sie haben mich aus ihrem herzen gestrichen Iffland
theatr. w. (1827) 6, 36; ihre ekstatischen zustände dauerten fort, aber ihn selbst schien sie aus ihrem leben gestrichen zu haben Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 7, 103. E@3@bb)
übertragen, eine sache (
ein vorhaben, einen gedanken u. dgl.)
aufgeben, darauf verzichten, ihre gültigkeit aufheben: er hatte aber dem ausdrucke der briefe nach nichts weniger als das vor augen, was alle welt längst aus dem reiche der möglichkeit gestrichen hatte Laube
ges. schr. (1875) 3, 179; erbunterthänigkeit, gutspflichtigkeit und persönliche dienste wurden aus der reihe der bäuerlichen lasten gestrichen Jahn
w. (1884) 2, 354; mein konservatismus ist auf diesem felde so reactionär, dasz er bis in die tage der salischen ... kaiser zurückgreift, und alles zwischen diesen und uns liegende gestrichen wissen will Lagarde
dt. schr. (1886) 11; nachdem man ebenso wie den Brühl auch noch das rathaus ohne bedenken gestrichen hatte (
für den geplanten besichtigungsspaziergang) Fontane
ges. w. (1905) I 4, 274; nördlich vom Comersee ... hat ... jene denkwürdige zusammenkunft stattgefunden, die manche forscher immer wieder aus den annalen der geschichte streichen wollen, weil sich in der dürftigen, unmittelbar gleichzeitigen chronistik kein beleg dafür findet Hampe
dt. kaisergesch. (
91945) 185; die ewig unentwegten und naiven ertragen freilich unsre zweifel nicht. flach sei die welt, erklären sie uns schlicht, und faselei die sage von den tiefen. denn sollt's wirklich andre dimensionen als die zwei guten altvertrauten geben, wie könnte da ein mensch noch sicher wohnen, ... um also einen frieden zu erreichen, so laszt uns eine dimension denn streichen H. Hesse
glasperlenspiel 2 (1946) 218. FF.
an streich '
schlag, handschlag beim abschlusz eines kaufes'
schlieszt sich in süddt. maa. an: streichen auf etwas (
das an den meistbietenden aufgeworfen wird),
darauf bieten, darauf schlagen Schmeller 2, 807; streichen
ersteigern, ich habe das gestrichen
für '
erstanden' Crecelius
oberhess. wb. 817; streichen, erstreichen, verstreichen
in der auction bieten, ersteigern oder kaufen, versteigern oder verkaufen Sartorius
Würzburg (1862) 119;
beim auf- oder abstreich ein angebot machen, darauf bieten, schlagen, vom meistbietenden Fischer
schwäb. 5, 1848: der bauer ist jetzt abgeführt, im verkauffen man es spürt, mit rosz, viech vnd dergleichen kan er auff den kauff streichen
in: Alemannia 18, 42.