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Märchen

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Meyers
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Eintrag · Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

Märchen

Bd. 13, Sp. 270
Märchen ist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der Bewußtseinsstufe des Kindes angepaßten Form erhalten haben. Wenn die primitiven Vorstellungen des Dämonenglaubens und des Naturmythus einer gereiftern Anschauung haben weichen müssen, kann sich doch das menschliche Gemüt noch nicht ganz von ihnen trennen; der alte Glaube ist erloschen, aber er übt doch noch eine starke ästhetische Gefühlswirkung aus. Sie wird ausgekostet von dem erwachsenen Erzähler, der sich mit Bewußtsein in das Dunkel phantastischer Vorstellungen zurückversetzt und sich, vielfach anknüpfend an altüberlieferte Mythen, an launenhafter Übertreibung des Wunderbaren ergötzt. So ist das Volksmärchen (und dieses ist das echte und eigentliche M.) das Produkt einer bestimmten Bewußtseinsstufe, das sich anlehnt an den Mythus und von Erwachsenen für das Kindergemüt mit übertreibender Betonung des Wunderbaren gepflegt und fortgebildet wird. Es ist dabei, wie in seinem Ursprung, so in seiner Weiterbildung durchaus ein Erzeugnis des Gesamtbewußtseins und ist nicht auf einzelne Schöpfer zurückzuführen: das M. gehört dem großen Kreis einer Volksgemeinschaft an, pflanzt sich von Mund zu Munde fort, wandert auch von Volk zu Volk und erfährt dabei mannigfache Veränderungen; aber es entspringt niemals der individuellen Erfindungskraft eines Einzelnen. Dies ist dagegen der Fall bei dem Kunstmärchen, das sich aber auch zumeist eben wegen dieses Ursprungs sowohl in den konkreten Zügen der Darstellung als auch durch allerlei abstrakte Nebengedanken nicht vorteilhaft von dem Volksmärchen unterscheidet. Das Wort M. stammt von dem altdeutschen maere, das zuerst die gewöhnlichste Benennung für erzählende Poesien überhaupt war, während der Begriff unsers Märchens im Mittelalter gewöhnlich mit dem Ausdruck spel bezeichnet wurde. Als die Heimat der M. kann man den Orient ansehen; Volkscharakter und Lebensweise der Völker im Osten bringen es mit sich, daß das M. bei ihnen noch heute besonders gepflegt wird. Irrtümlich hat man lange gemeint, ins Abendland sei das M. erst durch die Kreuzzüge gelangt; vielmehr treffen wir Spuren von ihm im Okzident in weit früherer Zeit. Das klassische Altertum besaß, was sich bei dem mythologischen Ursprung des Märchens von selbst versteht, Anklänge an das M. in Hülle und Fülle, aber noch nicht das M. selbst als Kunstgattung. Dagegen taucht in der Zeit des Neuplatonismus, der als ein Übergang des antiken Bewußtseins zur Romantik bezeichnet werden kann, eine Dichtung des Altertums auf, die technisch ein M. genannt werden kann, die reizvolle Episode von »Amor und Psyche« in Apulejus' »Goldenem Esel«. Gleicherweise hat sich auch an die deutsche Heldensage frühzeitig das M. angeschlossen. Gesammelt begegnen uns M. am frühesten in den »Tredeci piacevoli notti« des Straparola (Vened. 1550), im »Pentamerone« des Giambattista Basile (gest. um 1637 in Neapel), in den »Gesta Romanorum« (Mitte des 14. Jahrh.) etc. In Frankreich beginnen die eigentlichen Märchensammlungen erst zu Ende des 17. Jahrh.; Perrault eröffnete sie mit den als echte Volksmärchen zu betrachtenden »Contes de ma mère l'Oye«; 1704 folgte Gallands gute Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht« (s. d.), jener berühmten, in der Mitte des 16. Jahrh. im Orient zusammengestellten Sammlung arabischer M. Besondern Märchenreichtum haben England, Schottland und Irland aufzuweisen, vorzüglich die dortigen Nachkommen der keltischen Urbewohner. Die M. der skandinavischen Reiche zeigen nahe Verwandtschaft mit den deutschen. Reiche Fülle von M. findet sich bei den Slawen. In Deutschland treten Sammlungen von M. seit der Mitte des 18. Jahrh. auf. Die »Volksmärchen« von Musäus (1782) und Benedikte Naubert sind allerdings nur novellistisch und romantisch verarbeitete Volkssagen. Die erste wahrhaft bedeutende, in Darstellung und Fassung vollkommen echte Sammlung deutscher M. sind die »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (zuerst 1812–13, 2 Bde.; ein 3. Band, 1822, enthält literarische Nachweise bezüglich der M.). Unter den sonstigen deutschen Sammlungen steht der Grimmschen am nächsten die von L. Bechstein (zuerst 1845); außerdem sind als die bessern zu nennen: die von E. M. Arndt (1818), Löhr (1818), J. W. Wolf (1845 u. 1851), Zingerle (1852–54), E. Meier (1852), H. Pröhle (1853) u. a. Mit M. des Auslandes machten uns durch Übertragungen bekannt: die Brüder Grimm (Irland, 1826), Graf Mailath (Ungarn, 1825), Vogl (Slawonien, 1837), Schott (Walachei, 1845), Asbjörnson (Norwegen), Bade (Bretagne, 1847), Iken (Persien, 1847), Gaal (Ungarn, 1858), Schleicher (Litauen, 1857), Waldau (Böhmen, 1860), Hahn (Griechenland u. Albanien, 1863), Schneller (Welschtirol, 1867), Kreutzwald (Esthland, 1869), Wenzig (Westslawen, 1869), Knortz (Indianermärchen, 1870, 1879, 1887), Gonzenbach (Sizilien, 1870), Österley (Orient, 1873), Carmen Sylva (Rumänien, 1882), Leskien und Brugman (Litauen, 1882), Goldschmidt (Rußland, 1882), Veckenstedt (Litauen, 1883), Krauß (Südslawen, 1883–84), Brauns (Japan, 1884), Poestion (Island, 1884; Lappland, 1885), Schreck (Finnland, 1887), Chalatanz (Armenien, 1887), Jannsen (Esthen, 1888), Mitsotakis (Griechenland, 1889), Kallas (Esthen, 1900) u. a. Unter den Kunstpoeten haben sich im M. mit dem meisten Glück versucht: Goethe, L. Tieck, Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Fouqué, Kl. Brentano, der Däne Andersen, R. Leander (Volkmann) u. a. Vgl. Maaß, Das deutsche M. (Hamb. 1887); Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«, 2. Bd., 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901); Benfey, Kleinere Schriften zu Märchen-forschung (Berl. 1890); Reinh. Köhler, Aufsätze über M. und Volkslieder (das. 1894) und Kleine Schriften, Bd. 1: Zur Märchenforschung (hrsg. von Bolte, das. 1898); R. Petsch, Formelhafte Schlüsse im Volksmärchen (das. 1900).
5833 Zeichen · 93 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Märchen

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Das Märchen , S. 3. Mähre.

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Märchen

    Goethe-Wörterbuch

    Märchen Dimin zu ‘Mär’; knapp 400 Belege; häufig Mähr-, auch -gen 1 (unverbürgte) Nachricht a Neuigkeit, Botschaft; auch…

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Märchen

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Märchen ist diejenige Art der erzählenden Dichtung, in der sich die Überlebnisse des mythologischen Denkens in einer der…

  4. modern
    Dialekt
    Märchenn.

    Lothringisches Wb. · +3 Parallelbelege

    Märche n [mêrχə Lix. u. s.] n. 1. Märchen. — 2. falsche Nachricht: er isch gang M. verzähle. s. a. Mär I.

  5. Sprichwörter
    Märchen

    Wander (Sprichwörter)

    Märchen 1. Ein Märchen verliert nichts durchs Erzählen. 2. Jetwede Möerken hiät iär Glöweken. – Woeste, 68, 84. Dän. : A…

  6. Spezial
    Märchenn

    Dt.-Russ. phil. Termini · +1 Parallelbeleg

    Märchen , n сказка , ж

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit maerchen

29 Bildungen · 25 Erstglied · 4 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von maerchen 2 Analysen

maer + -chen

maerchen leitet sich vom Lemma maer ab mit Suffix -chen.

Alternativen: ma+-er+-chen

maerchen‑ als Erstglied (25 von 25)

märchenartig

DWB

maerchen·artig

märchenartig , adj. : ( dasz ) von dieser zeit an die geschichte der khalifen oft mährchenartig wird. Schlosser weltg. 5, 156 .

märchenbuch

DWB

maerchen·buch

märchenbuch , n. buch in welchem märchen stehen: doch halt, noch éins! her euer mährchenbuch! seht, dieses buch auch stammt aus jenem walde …

Märchenfratze

GWB

maerchen·fratze

Märchenfratze ‘Mährgen Frazze’ Pl: für Phantasiegebilde, romantische Motive od Gestalten aus märchenhaften Überlieferungen; hier wohl mBez a…

märchenhaft

DWB

maerchen·haft

märchenhaft , adj. einem märchen angehörig, märchenartig: denn etwa fünfzig jahre bleibt der name vorzüglicher menschen in der erinnerung de…

märchenhaftigkeit

DWB

maerchen·haftigkeit

märchenhaftigkeit , f. : es war jetzt nicht mehr die zaubermacht der ersten überraschung, die märchenhaftigkeit der wildfremden erscheinung.…

Märchenhülle

GWB

maerchen·huelle

Märchenhülle Unter den Geschichtforschern giebt es welche .. die zu jeder Fabel, jeder Tradition, sie sey so phantastisch, so absurd als sie…

märchenland

DWB

maerchen·land

märchenland , n. land in welchem die märchen sich abspielen: aventure, sendest mir deinen greifen, breit von schwinge, dasz im traum das fab…

märchenpalast

DWB

maerchen·palast

märchenpalast , m. : wie ein mährchenpalast der sultanin Scheherezade, .. steht die mohrenburg Alhambra. ebenda 1, 132 .

märchenreich

DWB

maerchen·reich

märchenreich , n. : einmal athmen möcht ich wieder in dem goldnen mährchenreich. Uhland ged. 77 .

Märchensammlung

GWB

maerchen·sammlung

Märchensammlung für die phantastisch-wunderbaren Erzählungen aus ‘Tausendundeiner Nacht’ T10,58,24 v 22.5.25 Juliane Brandsch J.B.

Märchensbirnen

RhWB

maerchen·s·birnen

Märchensbirnen -ępəl, –bīrən Daun-Gillenf Strohn Pl.: Moosbeeren, vaccinium oxycoccos, am Strohner Märchen wachsend.

märchenscherz

DWB

maerchen·scherz

märchenscherz , m. : freut es dich, so kann es wohl geschehen, dasz man deinen mährchenscherz vollende. Göthe 1, 219 .

Märchensdings

PfWB

maerchen·s·dings

Märchens-dings Pl. : 'Lügengeschichten'. »Wenn man auch wußte, daß der alte Schneirerlenhard viel Märchesdings erzählte« [E. Weber in: PfRSc…

märchenton

DWB

march·enton

märchenton , m. ton, wie er in märchen herscht: der heitere märchenton des ersten theils ( der Odyssee ). Freytag handschr. 1, 349 .

märchentraum

DWB

maerchen·traum

märchentraum , m. traum wie im märchen oder der ein märchen bildet: waldesruhe, waldeslust, bunte märchenträume, o, wie labt ihr meine brust…

Märchenvorrat

GWB

maerchen·vorrat

Märchenvorrat ‘Mährchenvorrath’ für die einem Menschen (Goethe) bekannten märchenhaften Überlieferungen 28,144,15 DuW 12 Juliane Brandsch J.…

märchenzeit

DWB

maerchen·zeit

märchenzeit , f. : in alter verschollener märchenzeit verstiesz ein könig sein töchterlein. ebenda 1, 60 .

maerchen als Zweitglied (4 von 4)

Ammenmärchen

RDWB1

Ammenmärchen Pl. выдумки, бабушкины сказки идиом. , разг. , брехня прост. , враки прост.

kindermärchen

DWB

kinder·maerchen

kindermärchen , n. märchen für kinder: darvan heb ik noch nix in den avysen ( zeitungen ) lesen, it mag ok wol vellicht ein kindermeerken we…

Ostermärchen

Wander

oster·maerchen

Ostermärchen Es ist ein Ostermärchen. Eine erfundene, komische, lächerliche Geschichte. Bekanntlich wurden früher viele christlich-kirchlich…

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Cotta, M. (2026). „maerchen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 15. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/maerchen/meyers
MLA
Cotta, Marcel. „maerchen". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/maerchen/meyers. Abgerufen 15. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „maerchen". lautwandel.de. Zugegriffen 15. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/maerchen/meyers.
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