Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
eigen Adj.
1.1 bezogen auf Verfügungsgewalt über (Land-)Besitz
1.1.1 ~ lant/ rîche ‘eigenes Reich’
1.1.2 viur/ rouch ‘eigener Haushalt’
1.2 bezogen auf Personen
1.2.1 ‘leibeigen, hörig’ (im Ggs. zu vrî )
1.2.1.1 im Minnesang
1.2.1.2 subst.
1.2.1.3 noch attr. oder bereits Kompos.? (vgl. eigenholt, eigenknëht, eigenliute, eigenman, eigenschalc, eigenvrouwe, eigenwîp )
1.2.2 zur Betonung enger Verwandtschaft oder Zugehörigkeit
1.3 die Eigenart von jmdm./ etw. bezeichnend ‘eigen, charakteristisch’
1.3.1 wille ‘freie Entscheidung’
1.3.2 in der Verbindung eigenes dankes/ willen ‘freiwillig, von sich aus’
1.4 minne ‘Selbstliebe’ (vgl. eigenminne )
1.5 eine (ausschließliche) possessive Relation betonend und verstärkend
2 Einzelnes
2.1 viur ‘selbstentzündetes Feuer’
2.2 vom Aufgang der Sonne innerhalb der Sternkreiszeichen ( ‘kosmischer Aufgang’ )
2.3 vür ~ ‘gewiss, verlässlich’
2.4 Adv. Komp. ‘eigentlicher, eher’
1 ‘jmdm. eigen, zugehörig’ (oft in Verbindung mit einem Poss.-Pron.) 1.1 bezogen auf Verfügungsgewalt über (Land-)Besitz: mînen êigenen uuîngárton ne / móht íh behûotan Will 12,2. 73,2; minen aigenn hof ze Mangaren UrkCorp (WMU) 3188,7. N639,32. – subst.: er [Christus] chom zuͦ sinen eiginen [ in propria venit Io 1,11] . sin inphiengen in nieht. die aue in enphiengen. den gehiez er daz si gotes chint wâren JPhys 26,20; Parad 22,6 1.1.1 ~ lant/ rîche ‘eigenes Reich’ er floch uil scantliche / in sinem aigen riche Rol 6325; in tugentlîchen zühten si rûmte ir eigen lant NibB 526,1; mîn hant [...] / vil manegen man betwungen hât, / daz er guot und eigen lant / muoste hân von mîner hant RvEBarl 8629; von sînem eigenlande RvEAlex 8624; Parz 25,3; Wig 658; Loheng 3317 1.1.2 ~ viur/ rouch ‘eigener Haushalt’ gerne wolde ich [...] bî eigenem fiur erwarmen Walth 28,3; daz sullen erhafte besezzene lute sin mit eigeneme rouche StRFreiberg 177,26. 84,11 1.2 bezogen auf Personen 1.2.1 ‘leibeigen, hörig’ (im Ggs. zu vrî): er were fri oder eigen, / si cherten uf di heiden, / si zeichinoten sich mit chrucen Rol 165; alle die eigene liute, die zv der chirchen gehoͤrent UrkCorp (WMU) 2050,8. – kunst manchen hat gefriet, / der eigen von gebürte was Mügeln 209,12 1.2.1.1 im Minnesang: ich muoz iemer ûf gedinge / sîn ir [der Minnedame] eigen kneht SM: HvStr 2: 5,5; ich bin ir eigen dienestman SM:HvS 1: 4,4; ich was frî, nu bin ich eigen KLD: BvH 12: 4,5 1.2.1.2 subst.: fur aigen wil ich dir dinen Rol 8941; nu ist doch unser eigen Sîfrit ir [Kriemhilds] man NibB 724,3; [ich] wil ùch dann fúr eigen / das cleynot laszen hie Krone 27864; ein eigener mit sinen genozen UrkCorp (WMU) 879W,41 1.2.1.3 noch attr. oder bereits Kompos.? (vgl. eigenholt, eigenknëht, eigenliute, eigenman, eigenschalc, eigenvrouwe, eigenwîp): ein wîp mac gewinnen êkint, vrîiu kint, eigen kint unde kebskint. ist si eigen, man mac si vrî lâzen SSpAug 141,18; Appolony, herre mein, / laß mich dein aigen dieren sein HvNstAp 13869; dem wîbe diente duo diu frowe / [...] / sam si wære ir aigen diu Kchr 1603; NibB 838,4; aygen hof UrkIndersd 70 (a. 1337) 1.2.2 zur Betonung enger Verwandtschaft oder Zugehörigkeit: dîn eigine mâge huoben dich ane ir gebâge [Zank] Gen 2940; dine eigen mage GenM 113,26; sîner eigenen kinde / was er sô vlîzec niht sô sîn [Tristan] Tr 2186; sie ist uwer eigen wip Lanc 137,6. 137,9. – ~ bluot ‘Blutsverwandtschaft’ so jamerlich er got anrief. / ‘[...] sol ich tœten min eigen bluot [Kind] !’ Kistener 938. – subst.: des engulte du da heime do dich hazzoten dine eigen GenM 113,25; Gen 2939 1.3 die Eigenart von jmdm./ etw. bezeichnend ‘eigen, charakteristisch’ swer eigen tugent iemer sol gewinnen, / der sal sîn in sîner jugende beginnen VAlex 353; er vraget sein dar umb, daz er siu an ir aigen worten vieng PrOberalt 170,18; sîn selbes eigen natûre und wesen Eckh 5: 45,6. 5: 403,3; werden, machen und gebern ist der materien eigen, / die nimmer ewig mag gesin Mügeln 6,15; BdN 16,31 1.3.1 ~ wille ‘freie Entscheidung’ daz ich unbethwunlich von aigem guten willen [...] han verchaufft minen hove UrkCorp (WMU) 3556,6. 2814,42. – ‘eigenes Wollen’ (vgl. eigenwille ): darzu du [Seele] auch geeret pist / das du dein aigen willen hast, / das du tust und last / nach deinem willen wie du wil HvBurg 4911; daz wære aleine ein volkomener und ein wârer wille, daz man ganz wære getreten in gotes willen und wære âne eigenen willen Eckh 5: 227,7; ich leben mines eignen willen Mechth 2: 23,16. 2: 1,8 1.3.2 in der Verbindung eigenes dankes/ willen ‘freiwillig, von sich aus’ nicht ungerne, sundir sînis eigin dankis PrMd (J) 342,13; er [der heilige Geist] chuͤmet auch eigens danches PrOberalt 110,38. – drû dinc sint, die gruntvestene sint eines iegelichen geistlichen lebenes, [...] daz ander ist verzîhunge [Verzicht] eigenes willen StatDtOrd 29,10 1.4 ~ minne ‘Selbstliebe’ (vgl. eigenminne ): manige lúte [...] vallent [...] in eigene minne ir selbes Tauler 77,3; dis ist ein schedeliche gevengnisse, eigene minne ebd. 77,22 u.ö. 1.5 eine (ausschließliche) possessive Relation betonend und verstärkend: do in [Abraham] unser herre versucht und hies in sinen liben sun, sinen aigen sun opphern PrOberalt 12,34; dô brach er ûz sîn eigen hâr Parz 42,15. 475,21; daz ir der herre Gâwein / was liep als ir eigen lîp Wig 1347. 6417; och warent etlich heidene, die opfirtent an disen tagen ir eigen menslich bluot dem hellegote der da heizit Pluto MNat 17,33; UrkCorp (WMU) 429,9. – unser herre mant uns daz wir unser eigen suͤnte merchen PrOberalt 129,14; daz hât ze däutsch kainen aigenn namen BdN 141,20 2 Einzelnes 2.1 ~ viur ‘selbstentzündetes Feuer’ ist aber daz daz selb guͦt verprennet wirt von asang oder von eigem fiwr UrkCorp 2969A,26; daz [...] kein vngelucke oder schade geschehe von schure [...] oder von eigem vivͤre UrkCorp (WMU) 2664,45. 2.2 vom Aufgang der Sonne innerhalb der Sternkreiszeichen ( ‘kosmischer Aufgang’): mit ainer uͤbertreffenden sprache [ antonomastice ] haiz wir daz himelzaichen werltleich aufgen, in dem und mit dem deu sunne dez morgens aufget. und der aufgank haizzet der aigen und der vorderst und der tegleich aufgank KvMSph 34,2 2.3 vür ~ ‘gewiss, verlässlich’ der genaden hort / hat nymer weder grunt noch ort, / aber nyemant wais fur aigen / wem er die genad well erczaigen Teichn 610,21 2.4 Adv. Komp. ‘eigentlicher, eher’ ie daz werg der sêle merre ist, ie iz minre gotis ist. dar umme gebirt di sêle eigenre sunder bilden danne in bilden HvFritzlHl 26,9
MWB 1 1514,27; Bearbeiter: Runow