ABSTEHLEN vb. mhd. abestelen,
mnd. mnl. afstelen.
das wort folgt weitgehend den verwendungen von stehlen (
s. 1DWB),
nur herrscht bei der präfixbildung seit dem 18. jh. der übertragene gebrauch vor. 1
jmdm. etwas durch diebstahl wegnehmen, heimlich entwenden (öfters mit erspartem akk.objekt); seit dem 19. jh. selten: 1279 dhe andere .. scal sweren allene dhat it
(gut) ome af gherouet ofte af ghestolen si
norddt. stadtrechte 1,105 LGF. u1305 daz gewant oder daz kleinote .. wart mir abegestoln
freib. stadtrecht 94 E. ⟨1406⟩ were sache, dat eynche keuffersche eyncherleye have .. gegoulden hette, des man .. gewair wurde, dat sulche have gestolen were, de sal die have .. demgeyme weder geven, dem sij affgestolen were
akten gesch. verf. Köln 2,149 S. 15.jh. wie vil der jungen kindelein/ in
(christen) abgestolen und getot
fastnachtsp. 1,180 LV. 1556 das gelt .., welches G. dem L. heimlich abgestolen Lauterbeck
regentenb. 136a. 1564 vnd ob gleich etlich gesinde jhren herrn selbs nichts abstilt, so sehen sie doch nicht fleissig auff die guͤter jhrer herrn, damit jhnen nichts gestolen wuͤrde Glaser
gesind teufel (Leipz.)E8b. 1680 was diebischer weiße sich .. personen unterstanden, sowol tag als nachts dero .. nebenmenschen das ihrige auf dem feld, .. auch wol gar in häusern abzustehlen und zu entwenden
württ. ländl. rechtsqu. 1,470 W. ⟨1721⟩ daß niemand .. dem andern .. etwas, dessen einer in .. besitz .. wäre, spoliiren, entziehen, nehmen, abstehlen .. oder entfrembden solle
provinzialrechte preuß. staat 3,1,509 S. 1817 weil sie
(geliebte) dem alten manne alles abstiehlt und den ihren zusteckt A. v. Arnim
1,269 Sch. 1901 wo mag er das geld zum landkauf her haben, der pfaff? .. dem kirchengut wird er’s abgestohlen haben! Zahn
Indergand 211. ⟨1954⟩ das geld von der Mummel hast du abgestohlen Strittmatter
Tinko (1958) 165. —
im erweiterten sinne, auf unrechtmäßige, unredliche weise jmdm. etwas nehmen: 1520 es were allis treglicher, wen sie
(papst usw.) das gut allein uns alßo abstolen: die kirchen vorwusten sie damit Luther
w. 6,417 W. 1548
(die Römer) syend nit .. von vychhirten entsprungen, die mit rauben vnd moͤrderey den rechten erbherren die gelaͤgenheit, da yetz Rom stande, abgestolen Stumpf
chr. 1,126b. 1636 die faulesten sauffochsen .., die etliche jahre auff universiteten gelegen, .. die gelder jhrer armen geschwistern abgestolen vnd verzehret .. haben Meyfart
erinn. 7. ⟨u1646⟩ ein advocat stihlet er nicht eim andern sein gut ab mit seinem verstandt? Moscherosch
gesichte (1646)1,23. 1669 mit diesen schelmenbeinern
(würfeln) zwackten, laureten und stalen sie einander ihr geld ab Grimmelshausen
Simplicissimus 152 Sch. 1718 was .. die .. bettler durch ihre falschen briefe und vorstellungen denen gottes-kästen, bürgern und landmann abgestohlen und abgelogen Rohr
staats-klugheit 1352. 1854 es sei himmelschreiend .., wenn man sich so den lohn müsse verkürzen, ja, wenn es niemand hörte, sagte er, „abstehlen“ lassen Gotthelf
schuldenbauer 371. 1964 der erbschleicher, der windige .. dem Hans und den Rauch-schwestern stiehlt er alles ab! Graf
Banscho 341. –
eine stadt, eine festung (im handstreich) nehmen: ⟨1508/16⟩ den si gabend stolze troͤw wort und understuͦndent, das schloss bi nacht dem huͦptman ab zu stelen und in zuͦ nemen Brennwald
schweizerchr. 2,200 L. ⟨1533⟩ daß Fabius die statt Tarentum mit verreterei abgestollen hat?
Livius (1551)1,172b. ⟨1584⟩ dieselbig
(festung) .. eim lanndtsfürsten leichtlich .., reverendo zumelden, abgestolen khan werden
in: Frauenholz
heerwesen (1935)3,2,46. a
übertr.; öfters jmdm. die ehre, das leben, das herz, einen kuß abstehlen: 1386 myn ere afstelen
in: Wrede
altköln. sprachschatz 47a. 15.jh. ir wolt es wol verheln,/ das ir eur frauen thut ab steln,/ .. sie enpfint wol, das ir get in ein fremde pfarr
fastnachtsp. 2,660 LV. 1520 das den christen gottis wort .. vermindert oder abgestolen wurt Karlstadt
heylickeit G3a. ⟨1538⟩ dz die schrifft vns also zertlet, lockt .. damit sie kain gwalt mitt vnns treybt, sonder vnsern willen abgewinn, vnnd das hertz gleychsam abstele Franck
arch (1539)45b. 1556 die stund gat für und für in gleichem gang dahin, stielt unns gantz stilschweigend unser leben ab, das wir es nit gewar werden Wickram
4,138 LV. 1602 es möge ein loser, geringer knab ein starcken .. mann sein leben mit dem büchsen schießen abstelen Kirchhof
wendunmuth 3,152 LV. 1605 man nennet manchen wein reinisch/ vnd ist doch kaum bambergisch/ das macht der wirt/ der jhn so schmiert/ vnd jhm abstilt/ den nahmen mild Petri
weissheit Ppp3a. 1636 die seelen .. werden, wo nicht Christus Jesus verhindert, durch die beelzebuben dem himmel .. abgestolen Meyfart
erinn. 120. 1645 sich .. unterstähen, ihr einen kus ab zu stählen Zesen
Rosemund 136 HND. 1669 so wiltu ihn so höflich tractiren und ihm dardurch das hertz dermassen abstehlen, daß es dir künfftig dein lebtag wol bekommen soll Grimmelshausen
Simplicissimus 208 Sch. ⟨1699⟩ wer dem prediger die absolution abstiehlet oder abnöthiget, .. bleibe .. in seinen sünden ungelöset Spener
bedencken (1712)1,1,708. 1700 er hat mir meine ehre recht abgestohlen Reuter
Ehrenfried (1911)65. 1788 um nun den ständen ihre bewilligung abzugewinnen, oder vielmehr abzustehlen, bediente sich die regentin des kunstgriffs, eine landschaft nach der andern einzeln .. zu befragen Schiller
7,203 G. 1800 daß die unterschrift von neulich,/ die abgestohlne, sie zu nichts verbinde
ders., 8,215 nat. 1852 ein götterspaß, ein solches weib für sich schmachten lassen ..; um einen freundlichen blick abzustehlen, in schleier und enveloppe auf unsre stube schleichen Alexis
ruhe 2,263. 1889 nun mußte er
(maler) aber .. mich .. abgestohlen
(heimlich fotografiert) haben ..; denn diese gestohlene aufnahme radierte er Keller
leben 23,534 E. ⟨1907⟩ also belauscht hast du mich, mein gebieter? wolltest mir wohl mein geheimnis abstehlen, so ich eins besitze? Halbe
[1917]4,128. 1928 einförmig verlief der zöglingstag und stahl mir das gastrecht in der höheren welt wieder ab Carossa
verwandlungen 34. 1931 was für wunderschöne briefe du mir schreibst – und wie ärmlich sind meine verhetzten, abgestohlenen zeilen! Langgässer
vergänglichkeit [1954]40. —
(jmdm.) unerlaubt etwas absehen, ablernen, etwas (zur weiterverwendung) übernehmen, sich durch nachahmung aneignen: ⟨u1525⟩ als wenig wir mögen .. ir
(natur) iren proceß abstelen .., also wenig mögen wir auch der natur ire kunst abstelen Paracelsus
I 2,301 S. 1534 die maler, wenn sie eyn kunst stuck abstelen woͤllen, so legen sie etwas darunder vnnd stechen es mit nadeln ab, strewen ruͦst darein vnd machen ein gleichnuß darnach Agricola
sprichw. v4b. ⟨v1565⟩ oder wird ja nichts geschrieben vnnd gesagt, das nicht zuuor auch geschrieben, gesagt vnd auff der bahne gewesen waͤre oder andern abgestolen Mathesius
Syrach (1586)2,142a. 1616 damit ime
(alchimisten) .. ein anderer sein theure prottlose kunst nit ablerne oder abstele Krafft
reisen 337 LV. 1624 zue versuchen, wie man die epitheta; .. sonderlich von den Griechen vnd lateinischen abstehlen, vnd vns zue nutze machen möge Opitz
poeterei 32 HND. 1669 daß die nachtigal durch ihre lieblichkeit andere vögel banne still zu schweigen und ihnen zuzuhören, entweder auß scham oder ihr etwas von solchem anmuthigen klang abzustehlen Grimmelshausen
Simplicissimus 395 Sch. ⟨1697⟩ Boileau .. verschweiget gantze oerter die er hauffenweise in seinen gedichten den alten poeten abgestohlen Wernicke
epigr. 268 P. 1699 so gar hat man der .. morgenröthe schon die farb abgestohlen, darum wird solche genennt die aurora-farb Abraham a
s. Clara
etwas 1,464. ⟨1807/9⟩ der hölle hat er martern abgestohlen,/ um mich mit teufelslust zu peinigen! Grillparzer
510,132 S. 1856 (dieser gedanke ist nicht
s. eigen) er hat ihn einem schriftsteller abgestohlen Mozin
wb. 3,33c. 1928 dieser schreckliche Scurra, er hat den sirenen/ abgestohlen ihr lied G. Hauptmann
Eulenspiegel 110. b (sich) die zeit
u. ä. (zu etwas) abstehlen: 1526 ich hab mir selbs so vil zyt abgestolen und in einer yl etliche underwysungen .. zuͦsamen gläsen Zwingli
5,431 E./F. 1716 habe kaum ahn mein dochter andtwortten können, habe nur diß halbstündtgen vor eüch abgestollen Elisabeth Ch. v. Orleans
br. 3,1 LV. 1759 einige zeit müssen sie sich .. noch von ihren geschäften abstehlen, worinn sie eine lebensbeschreibung unseres Kleists machen können Ramler
brw. (1906) 2,413 LV. 1846 das geistige wohl eures volkes zu bewachen .., weiß ich nur einen, der fähig ist, und jeder augenblick, den er zu andern beschäftigungen abstiehlt, ist ein raub Alexis
hosen 1,2,33. 1960 sie stickte in abgestohlenen stunden ein kittelchen .. aus Miethe
möwe 86. — jmdm. die zeit
u. ä. abstehlen: ⟨1531⟩ ich mag dir die zeit, mein leser, mit diser losen thaͤding nicht abstelen Franck
zeitb. (1536)2,106a. ⟨u1640⟩ ein commœdiant, stihlt er einem nicht sein gelt vnd gute zeit ab? Moscherosch
gesichte (1646)1,23. 1801 zwey monden hat der mensch von meinem leben/ mir abgestohlen Kotzebue
Bayard 99. 1878 doch ich stehle ihnen die zeit ab, ich will nicht schuld sein, daß sie selbe wieder durch verdoppelte anstrengung einbringen müssen Anzengruber
ergbd. 32,34 B. – (dem lieben) gott die zeit, den tag abstehlen
die zeit unnütz vertun: 1700 einen wanckelmüthigen mimum
(der komödie), der denen leuten die arbeit, gott dem herrn aber die edle zeit abstielet Ettner
apotecker 13. 1786 liederliche bursche, die .. nichts thun als dem lieben gott den tag abstehlen, in ihrem müßiggange und ausschweifungen zu stärken J. G. Müller
Emmerich 1/2,490. 1844 darin liegt doch wahrlich noch kein privilegium, dem lieben herrgott den tag abzustehlen Nestroy
12,329 B./R. 1950 da lief ein knecht mit leeren händen wiederholt von stadel zu stadel und stahl dem lieben gott den tag ab, da machten die heuer zu lange brotzeit L. Curtius
welt 26. c
jmdm. jmdn. abwendig, abspenstig machen: 1530 das ein iglicher bube .. macht .. hette, mir die selbigen
(tochter) heimlich abzustelen und hinder meinem wissen und willen dahin nemen? Luther
w. 30,3,208 W. ⟨1555⟩ soll auch kein hauptman dem anderen seine knecht abstelen Fronsperger
kriegsregiment (1558)72b. 1556 da wird man vater vnd mutter jre kinder abstelen durch heimliche verloͤbnis vnd kopplerey Sarcerius
disciplin 109a. 1846 hast du schon wieder zu wenig lohn, oder hat dich der Johannes mir abgestohlen? Gotthelf
Uli, d. knecht 299. 2
refl., sich heimlich, unauffällig davonmachen (
heute geläufig sich davon-, fort-, wegstehlen): ⟨1301/19⟩ swaz dâ phaffen wâren,/ die sach man gebâren,/ daz si der tiuvel noch darumb hab:/ beinzigen
(einzeln) stulen si sich ab/ hinder im ûf der strâzen Ottokar
öst. reimchr. 88391 MGH. A15.jh. umb dodes not wolde er nit/ sich wenden odir abestelen icht
pilgerfahrt d. mönchs 3915 DTM. 2.h15.jh. welicher
(arbeiter) sich aber abstele und abgieng on erlaubung ee es zeit were, den sullen die andern rugen Tucher
baumeisterb. 62 LV. 1531 die kriegßknecht aber haben .. die weg fleissig verhuͤttet, damit sich nyemans abstelette Hedio
Josephus 1,167b. 1601 es hatten sich einsmals drey leibeigne mann .. von einem schiff abgestolen Mayr
epitome 2331b. 1626 wardt beschlossen, daß .. sie sich heimlich abstelen .. vnnd von dannen .. segeln wolten
theatrum amoris 182. 1693 wenn ein bergmann unter der schicht sich von seiner arbeit abstiehlet und davon fähret Schönberg
berginformation 2,99. ⟨v1709⟩ diese .. dame .. sagte zu den
(!) schuler, daß er sich von seinen gesellen abstehlen und heimlich in den camin .. steigen sollte Abraham a
s. Clara
etwas (1699)2,218. 1832 etliche von der rott, .. stahlen sich ab aus der gemein Regis
Gargantua 1,111. ⟨1883⟩
(Sela) hätte sich am liebsten abstehlen und davonschleichen mögen Rosegger
ges. w. 8(1914)408. ⟨1909⟩ ganz begossen stahl er
(der bauernjunge) sich ab Löns
Hansbur (Hann. o.j.)50. –
auch: 1494 schonheit des libes man vyl acht/ wert ettwann doch kum vbernacht,/ glich wie gesuntheit ist vast liep/ vnd stielt sich ab doch wie ein diep Brant
narrenschiff 10a Z. 1626 die einmahl vber das ander von jhrem hertzen sich abstelende seufftzen
theatrum amoris 380. —
weidmänn.: 1763 abschrauben
oder abstehlen
heißet, wenn ein fuchs in dem treiben den treibern und hunden entgehet und sich gar aus dem treiben hinweg begiebt Heppe
jäger 16b. 1904 obwohl sich mancher alte bock auch gleich beim ersten geräusch, ähnlich wie der fuchs, .. abstiehlt Dombrowski
treibjagd 103. 1960 Ludwig
wb. weidmannsspr. 12b.Braun