Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
eigenlich
1.1 über Eigentum/ Besitz
1.1.1 allg.
1.1.2 von Grundeigentum (im Gegensatz zu lêhenguot ; vgl. eigenguot , eigengewer )
1.1.3 von Land und Herrschaft
1.2 über Personen ‘jmds. Herrschaft/ Verfügungsgewalt unterstehend’
1.2.1 rechtsspr. ‘als/ wie ein Leibeigener’
1.2.2 oft im höfischen Minnediskurs
2 ‘(jmdm.) eigen, eigentümlich’ (mit Übergang zu 3 )
3 eine Eigenart, Besonderheit oder Unmittelbarkeit hervorhebend; in vielfältigen, oft nicht scharf voneinander zu trennenden Bedeutungen, die nur z.T. in nhd. ‘eigentlich’ erhalten sind; i.d.R. adv.
3.1 ‘treffend, auf angemessene Weise, dem Wesen von jmdm./etw. entsprechend’
3.1.1 Komp. ‘eher, richtiger’
3.1.2 superl. ‘am treffendsten, im ureigensten Sinne’
3.2 ‘von sich aus’
3.3 bestätigend oder bekräftigend ‘deutlich, ausdrücklich’
3.4 ‘eingehend, intensiv’
3.5 ‘für sich, einzeln’
1 ‘eigen, als Eigentum’, bezogen auf Formen der Verfügungsgewalt (vgl. eigen Adj. 1) 1.1 über Eigentum/ Besitz 1.1.1 allg.: unde sol auh der mezzer [die die Ware abmessen] chainer mit sinem aigenlichen gute weder zwilch noh linwat [...] im selber kauffen StRAugsb 70,6; unser einiu wil in [den Apfel im Göttinnenstreit] hân, / der sol er eigenlichen sîn KvWTroj 2149; sô wolte er kamere / uns geben unde spîse / in eigenlicher wîse KvWPart 18518. – übertr.: und sin [Gottes] morgengabe rich / hab ich [Maria] enpfangen eigenlich WernhMl 1454; vier element in dîner [Gottes] hant / sint eigenlîch betwungen KLD:Kzl 2: 1,14. – subst. ‘(individuell) Eigenes’ allez sal iz in [den Nonnen im Kloster] gemeine sin, noch ir keine in sal nit eigenliches han BrEb 33 1.1.2 von Grundeigentum (im Gegensatz zu lêhenguot; vgl. eigenguot , eigengewer ): so ist der selbe gart vnser aigenlich als da vor UrkCorp (WMU) 2183,12; mein aigenleich huͤb datz Velvwen ebd. 2108,39; vnser hus vnd hofstat [...], da wir inne waren vnd ez dar hatton in vnser aigenlichen gewer braht vnd besessen ebd. 1339,28 1.1.3 von Land und Herrschaft: gib mir gar diniu lant / eigenliche in mine hant Rennew 27908; dem hohstin houbit kúnege da, / dem ellú lant in Affrica / sint [...] / gar eiginlichin undirtan RvEWchr 2803; ditz edel kunigreiche / soll ew vil gar aigenleiche / mit gantzem willen warten HvNstAp 12862; RvEBarl 14193 1.2 über Personen ‘jmds. Herrschaft/ Verfügungsgewalt unterstehend’ 1.2.1 rechtsspr. ‘als/ wie ein Leibeigener’ wir wellen iu eigenlîch / dienen gern in Österrîch EnikFb 3983; die frowa [...] gaben sich aigenlich mit allem dem sie hatun [...] in den shirn vnd phlihte der vor genanter herro UrkWürtt 10,88 (a. 1292); Walther von Hetlingen, der vnser hus eigenlich anhoͤrt UrkCorp (WMU) 3513,15. 3377,34; Exod 1783. – übertr.: wir suln im [Christus] ie éigenlîchen nâchvolgen Eckh 5: 253,12 1.2.2 oft im höfischen Minnediskurs: eigenlîchen dien ich ir, / daz sol sî vil wol gelouben mir Walth 112,21. 120,16; genigen sî der guoten dar, / der ich vil eigenlîche bin SM:HvS 3: 4,2; daz ich iu von rehte bin / eigenlichen undertân KvWHerzm 201; KLD:GvN 23: 6,10; SM:HvS 2: 2,4 2 ‘(jmdm.) eigen, eigentümlich’ (mit Übergang zu 3): sie wæren iemer ungenesen / von ir eigenlîcher kraft RvEBarl 8365; es ist des menschen eigen das er lachet; [...] das ist ime wol eigenlich GvSlath 212. – hierher (?): man liset hiute in dem heiligen êwangeliô daz geslehte unser frouwen, und ir sint zwêne unde vierzic, die man dise wochen nennet mit ir eigenlîchem namen PrBerth 1:444,9 3 eine Eigenart, Besonderheit oder Unmittelbarkeit hervorhebend; in vielfältigen, oft nicht scharf voneinander zu trennenden Bedeutungen, die nur z.T. in nhd. ‘eigentlich’ erhalten sind; i.d.R. adv. 3.1 ‘treffend, auf angemessene Weise, dem Wesen von jmdm./etw. entsprechend’ den naturlichen engil nennit der ewangelista einen engil godis gar eigintliche darumme wan he one mittil von gode geschaffin ist Parad 23,27; swas in [den Richtern] wirt vürgeleit, / das sülnt si mit gerehtikeit / ûsrihten gar eigenlich Ammenh 18677; in der weis muͤg wir aigenleich [ proprie ] gesprechen, daz die planeten in den zaichen sein KvMSph 26,6; wer den [Stein] zereibet und in aigencleichen [ secundum modum debitum ] beraitt, sô ist er guot wider des magen kranchait BdN 258,4; [Gott] von dem man eigenlichen spricht: / ‘got ist’, und anders worte nicht MügelnKranz 661; ThvASu 190,16. – ‘dem Wortsinn nach, genaugenommen’ sust Jeronimi rede stât: / ein trûren wêre in Christo, / daz hîz mit recht propassio, / nicht eigenlich ein lîdnis JvFrst 3345; mîn lîplîcher vater ist niht eigenlîche mîn vater Eckh 1:110,2; gladiolus [...] haizet aigenleichen nâch der latein swertlinch oder swertelkraut BdN 403,31. 305,15; aigenleich ze nemen sô haizt der pauch die ganz samnung auz den secken allen mit der haut bedackt, die oben her ab gêt über den nabel ebd. 31,22 u.ö. 3.1.1 Komp. ‘eher, richtiger’ etlîche liute [...] lebent nâch ir lîplîcher wollust, als diu vihe tuont, diu âne vernunft sint; und solhe liute heizent eigenlîcher vihe dan liute Eckh 5: 420,6; die [Seele] ist eigenlicher ein tempel gottes wanne alle die tempel die ie gezimbert wurdent Tauler 392,24; ez ist aigenleicher ain staud wan ain paum BdN 344,13 3.1.2 superl. ‘am treffendsten, im ureigensten Sinne’ dizce wort [ scandalum ] stet [...] allenthalben in ubeler bezeichenunge, doh so me iz rehtiste unde eiginlichiste gediuten mach, so chiut iz wirserunge PsWindb 105,36 (Randgl.); ‘in allen dingen han ich ruͦwe gesuͦcht und bin bliben wonende in dem erbe mins herren [Sir 24,11] ’. dis wort mag man von unser froͮwen aller eigenlichest nemen, wan [...] envant nie ruͦwe Tauler 201,23; 9,5; swenne daz ich vür nieman enbite und niht bite, sô bite ich allereigenlîchest Eckh 3:102,8. – adj.: dc aiginlichste wort dc ie uon der ewikait gesprochin wart PrGeorg 192 (App.) 3.2 ‘von sich aus’ enkain ding ist guͦt von im selben aigenlichen, won got ist aller ding guͤti PrGeorg 188,14; er hette wol vernumen / wie da ein wunder waz geschehen / daz wolde er eigenlich [selbst] ouch sehen Pass I/II 38,54. – adj.: diz allez an im ist / von gote ân eigenlîchen list RvEBarl 9456. – ‘freiwillig’ [wenn einer sich vergeht] vnd nit [...] selbe aiginlic buͦzit vnde offinut di sunde sin so dur den andern irkant ez wirt der merrun er underlig buͦzzi BrZw 46 3.3 bestätigend oder bekräftigend ‘deutlich, ausdrücklich’ daz wil ich aigenlichen sagen SHort 3719; ich, Egelolf von Stuͤzelingen [...], vergihe aigenlich an disen brîieve, das ich [...] UrkCorp (WMU) 2912,2; díe gnâde vindest dû in dem sacramente und niendert anders als eigenlîchen Eckh 5: 265,4; WernhMl 7822; Teichn 435,118. – ‘vollkommen, gänzlich’ dô hiez er brechen ûf daz grap: / die gotes erwelten er dô vant, / unverwandelt; ir gewant, / ir lide eigenlîche gar, / als sie geleit wurden dar, / ietweder unverwandelt lac RvEBarl 15949; in ir sinne klebete / diu zuckersüeze minne / gar eigenlichen drinne KvWEngelh 3146; das er [Jacobus] Ihesu wære also gelich / sam zwen zwilinge aigenlich WernhMl 13274; WhvÖst 985; HistAE 966. – ‘tatsächlich, wirklich’ din glaube der hat dich gesunt gemachet eigentlich EvStPaul 4271 3.4 ‘eingehend, intensiv’ die boten [...] besahen in dú lant / eigenliche fur unde wider RvEWchr 16860; [Delfine] habent niht nasen. idoch smeckent si gar wol und gar aigenchleichen BdN 235,27 3.5 ‘für sich, einzeln’ Jacob [...] geseinte di sune sin / gar eigenlich und gar ebn [ benedixitque singulis benedictionibus propriis ] HistAE 809. – hierher oder zu 3.1: für paz well wir sagen von ainem iegleichen tier aigencleichen [...] reht als daz ABC stêt BdN 119,22
MWB 1 1519,45; Bearbeiter: Runow