wahrhaft,
adj. die wahrheit redend, aufrichtig, der wahrheit gemäsz, wirklich u. s. w. das wort tritt im 9.
jahrh. als wârhaft
auf und musz, da alle älteren bildungen auf -haft
substantiva zur grundlage haben, auf das substantivierte neutr. wâr
zurückgeführt werden. es ist im ahd. und mhd. noch von beschränkter verwendung und hat sich erst allmählich auf kosten andrer worte ausgebreitet; einige gebrauchsweisen sind erst in der neueren sprache entwickelt. in der bedeutung '
verax',
die in der alten sprache überwiegt, trifft wârhaft
weniger mit wâr (
oben sp. 736),
als mit gewære
zusammen, das allerdings auch in allgemeinerem sinn '
zuverlässig, treu'
ist; die verdrängung von gewære
durch wârhaft
läszt sich in der bibelübersetzung verfolgen (
unten 1,
a, α).
in bezug auf aussagen (
die zunächst als ausflusz einer wahrhaften gesinnung charakterisiert werden)
steht erst im älteren nhd. häufiger wahrhaft
neben wahr,
ebenso in attributivem gebrauch als '
wirklich, recht',
hier in der neueren sprache weiter um sich greifend, ohne doch den gebrauch von wahr
erheblich einzuschränken. eine besondere ausdehnung hat das adv. gewonnen, das zuerst bei Notker
als wârhafto
auftritt, aber im mhd. ganz hinter wârlîche
zurücksteht; es erobert sich erst im älteren nhd. sein gebiet und zwar zunächst in der bedeutung von '
wahrheitsgemäsz',
dann auch in der von '
wirklich'.
neben wahrhaft
dringt sowol beim adj. als beim adv. die weiterbildung wahrhaftig vor, die im frühnhd. bei einigen wie Keisersberg, Luther, Wickram
das gewöhnliche wort ist, auch im 17.
jahrh. überwiegt, später aber wieder mehr zurücktritt. jetzt steht bei '
verax' wahrhaft
und wahrhaftig
neben einander, ebenso in bezug auf aussagen, während bei dem attributiven gebrauch als '
wirklich, recht' wahrhaftig
wenig mehr üblich ist. beim adv. ist nur in der bedeutung '
wahrheitsgemäsz'
die eine oder andere form zulässig, während sonst eine scheidung eingetreten ist: wahrhaftig
ist '
thatsächlich, fürwahr',
bei betheuerungen, auch als ausruf (
hier neben wahrlich
stehend); wahrhaft
ist '
wirklich so, wie es der begriff des zugehörigen wortes oder der zugehörigen wortgruppe verlangt',
in verbindung mit adjectiven, verben oder der satzaussage. —
im nd. tritt nur die weiterbildung auf, mnd. waraftich, warachtich Schiller-Lübben 5, 599,
ebenso ndl. waarachtig.
gebrauch. die bedeutung '
verax',
auf die das wort auch in seiner bildung ('
an der wahrheit festhaltend')
hinweist, ist hier als ausgangspunkt zu nehmen; die andren bedeutungen sind theils daraus geflossen, theils erklären sie sich in der weise, dasz wahrhaft
für wahr
oder das adv. wahrlich
eingetreten ist. 11)
verax, warhafter.
Sumerlaten 20, 44; warhafft,
verax, verus. voc. inc. teut. (
s. a.) mm 8
a; warhafft,
verax, fidelis. Dasypodius 452
b; warhaffter und aller warhafftigister,
verior et verissimus. Maaler 484
a; warhafft,
verace, constante in fede. Hulsius 273; warhafft, warhafftig, der die warheit liebt,
verace, veridico. Krämer 1209
b; wahrhaft, wahrhaftig
et wahrhaftiglich
idem quod wahr,
verus, sincerus. Stieler 2414; einer, der wahrhafft ist. Ludwig 2368; wahrhaft,
verus, verax, veridicus. Steinbach 2, 940; wahrhaft,
véritable, vrai, certain, réel, sincère. Rondeau; '
fertigkeit besitzend, in allen fällen die wahrheit zu reden.' Adelung. 1@aa)
prädicativ: wahrhaft sein, bleiben, jemand wahrhaft finden
u. dgl. 1@a@aα) ist wârhaft ther mih santa. Otfrid 3, 16, 64; er (
Alexander) wêre rîche unde gût und hête manlîchen mût, kûne unde êrhaft, getrûwe unde wârhaft. Lamprecht
Alexander 6888
Kinzel; he was des lîves ein degen, kœne ende mechtich, wîse end bedechtich, getrouwe ende wârhacht. H. v. Veldeke
Eneit 12617
Behaghel; wis diemüet' und wis unbetrogen, wis wârhaft und wis wolgezogen. G. v. Straszburg
Tristan 5028; daʒ volc begunde in trûten. wârhaft mit sînen worten er was an allen orten, getrûwe unde stête.
livländ. reimchr. 753
Meyer; alsdan werden zur selben zeit gleich so vil gelten trewlosz leut als die, so warhafft und getrew. Fischart
dicht. 3, 111, 75
Kurz; er ist wahrhaft, ist unverstellt und haszt die krummen wege. Schiller 12, 144 (
Piccolomini 3, 5); sind's nicht die ersten männer dieses landes, selbstständig gnug, um wahrhaft seyn zu dürfen, um über fürstenfurcht und niedrige bestechung weit erhaben sich zu sehn? 12, 431 (
M. Stuart 1, 7); o Rosenberg, ihr spielt ein falsches spiel; ich glaub' ihr seid nicht wahrhaft, Rosenberg! Grillparzer 4, 88 (
k. Ottokar 3): daʒ wir pflegen visitierere zu senden, dî êrsames unde geistliches lebenes sint unde wârhaft unde bescheiden.
statuten des deutschen ordens 156, 9 (
gesetze Winrichs v. Kniprode 7, 1)
Perlbach; meister, wir wiʒʒen daʒ du warhaft bist, und den wec gotis in der warheit lerest. Beheims
evang., Matth. 22, 16 (
ebenso cod. Tepl. u. Mentel, Luther warhafftig); wer aber suchit di ere des der in gesant hat, dirre ist warhaft.
Joh. 7, 18 (
cod. Tepl. u. Mentel gewere, Zainer warhafft, Luther warhafftig); von mir selber bin ich niht kuomen, abir her ist warhaft der mich gesant hat. 7, 28 (
cod. Tepl. u. Mentel gewer, Zainer der war, Luther ein warhafftiger); der mich gesant hat, der ist warhaft. 8, 26 (
cod. Tepl. u. Mentel gewere, Zainer warhafft, Luther warhafftig); der da empfacht sein gezeugknusz, der bezeichnet das got ist warhaft. Zainers
bibel, ev. Joh. 3, 33 (
cod. Tepl. u. Mentel gewere,
M. v. Beheim, Koburger
und Luther warhafftig); got ist warhafft, aber eyn yegklicher mensch lugenhaftig.
Römer 3, 4 (
cod. Tepl. u. Mentel gewer, Luther warhafftig); er (
Tristan) lernet auch dabey milt sein und warhafft (
im Wormser druck warhafftig), was er geredt und verhiesz, das er der keines nit bräch.
Tristrant 3, 11
Pfaff; sy (
die räte) sollen auch in iren ratschlegen underainander früntlich, warhaft und unverdrossen sein. Tengler
layenspiegel 17
b; got ist gerecht, warhaft und barmherzig, leugt dir nit. Schade
satiren 3, 24, 36; nun ist Christus so volkumen und warhaft, dasz er alle sein leben lang umb ein einig wort nie misredt. 43, 24; weil die narren warhafft und ohne einige simulation, verschlagenheit und arglist seind. Albertinus
Gusman v. Alfarche 385. wahrhaft
von der aufrichtigkeit des ganzen wesens: sei wahrhaft, das gilt unbedingt; aber sage die wahrheit, das gilt nicht unbedingt (
es war von notlüge die rede). Paulsen
ethik2 571.
mhd. wârhaft
mit persönlichem dativ (
unter dem einflusz von gewære): ich bin ouch sô wârhaft dem rîche und iu, herre, gewesen.
herzog Ernst B 758.
jetzt gegen jemand: wahr ist's, dasz wir den feldherrn forderten; doch dasz wir's donnernd, mit verwünschungen gethan, hat dir die schwester nicht gesagt, die gegen uns, so lang' ich denken kann, wohlwollend war und wahrhaft gegen dich! H. v. Kleist 3, 326 (
Guiskard 6). wahrhaft in etwas: es kann sein, dasz nicht alles wahr ist, was ein mensch dafür hält (denn er kann irren), aber in allem, was er sagt, musz er wahrhaft sein (er soll nicht täuschen). Kant 3, 407; ms. Müller hätte etwas wahrhaffter seyn können in seinen nachrichten. Lessing 12, 13. 1@a@bβ) mein zusag wil ich halten .... ich wil warhafft beleyben. Staupitz 1, 127 (1525)
Knaake. 1@a@gγ) dann wenig weren under in, die sein nit hetten guot khundtschafft und in erkandten für warhafft.
Theuerdank 5, 32; belohn die so auff dich warten, das deine propheten getrew und warhafft erfunden worden. Dietenbergers
bibel, Sirach 36, 18 (warhafftig Luther). 1@bb)
attributiv: quia verax es, bist warhaft man. Steinmeyer-Sieyers
gl. 1, 716, 29; warhaffter bot,
nuntius verus. Maaler 484
b; ein ding von warhafften leüten erfaren,
certis authoribus aliquid comperire. ebenda; ein wahrhaffter mensch,
a trusty, upright, plain, sincere, faithful, frank or free man, a man that speaks truth. Ludwig 2368; ein wahrhafter zeuge,
verus testis. Steinbach 2, 940; ein wahrhafter mann in seinen reden,
un homme véritable dans ses paroles. Rondeau; ein warhafft mann zu aller frist saget, was recht und warhafft ist. H. Sachs 19, 274, 22
Keller-Götze; gläubt mir als einem wahrhafften manne, wenn die lumpenhunde den korb kriegen, so wirds euch nicht thauren. Chr. Weise
comödienprobe (1696) 298 (
vom verfolgten lateiner); Mîchsner habent ouch diutsch zung. der êren sol man in gunn, und sint wârhaft liute ,.. daʒ er bræch sîn wârheit, daʒ wær im ân mâʒen leit. Enikel
weltchronik 27477
Strauch; sprichet in (
den eigenmann) ein ander herre an, gein den mûʒ her (
der herr) in behalden selbe sibinde sîner mâge oder wârhafter lûte.
Sachsenspiegel 3.
buch, 32.
art.; ob doch solichs iren reden nach warhafft, ersam lüt ouch gesagt hetten. Riedrer
spiegel der rhetoric 20
b; inn den trincklanden finde man gwonlich frümb, warhafft, künde, getrew, bestendig, hart, mannlich, streytpar leüt. J. v. Schwarzenberg
büchlein vom zutrinken 37
Scheel; ein fromer dienstknecht getrew und warhaft, der alweg gehorsam ist seiner herschaft. Keller
alte gute schwänke 30, 1; augur, der vogelkosz vernemer und darausz inkunftiger sachen warhafter zusager.
ackermann aus Böhmen 41, 15
Knieschek; so ich wär allainig geweszen und nit warhafte lebendige zeigen und mitbrüoder bei mier gehabt, mit denen ichs noch heutiges tags kan beweiszen, würde mansz mier niemand wöllen glauben. Bürster
schwed. krieg 116
v. Weech; der wahrhafte urheber dieser merkwürdigen und kurzweiligen geschichte. Wieland 11, 176 (
don Sylvio 3, 5).
dann: wahrhafter mund, wahrhafter sinn, wahrhaftes gemüt, wahrhaftes wesen
u. dgl.: wan daʒ dîn wârhafter munt den werden unt den süeʒen mit rede nu sol grüeʒen. W. v. Eschenbach
Parzival 781, 24; mir hât ein wârhafter munt eine rede gemachet kunt, diu mac wol heiʒen wunderlich.
der Wiener mervart 28
Lambel; auch besteht ein warhaffter mund ewiglich, wann die red hat grund. H. Sachs 19, 274, 30
Keller-Götze; ein waarhaffter mund bestadt allwäg steyff, ein lügenhaffte zung aber enderet sich alle augenblick.
Züricher bibel (1551),
sprüche Salom. 12, 19 (warhafftiger mund Luther); sein tugent, sein schöne, sein höflichkeit, warhafft gemt und wolgetzogenheit.
Tristrant 46, 22
Pfaff; gar lieblich und beklommen schaute sie drein, und ihr schlichtes, wahrhaftes wesen malte sich in jedem ihrer züge. Sudermann
frau Sorge 169. 1@cc)
etwas mehr entfernt sich wahrhaft
von der ursprünglichen bedeutung, wenn es in anwendung auf abstracta '
zuverlässig, frei von betrug, nicht täuschend'
ausdrückt (
wie auch mhd. gewære
gebraucht wird): wahrhaft (
hier auch noch als '
wahrredend'
zu nehmen) ist das oraculum,
verax est oraculum. Hederich 2570; (
als ich) unterwegs hörte, dasz das orakel zu Mallus eines der berühmtesten und wahrhaftesten sey ... so wuszte ich nichts bessers zu thun, als im vorbeyfahren dieses orakel selbst zu probieren. Wieland
Lucian 1, 195; das wissen ist warhafft, aber die meynung betrewgt offt. Dürer
von menschlicher proportion T 4
a; das ider man den sehen mus, das mein kunst sey ghrecht und warhaft. H. Sachs
fastnachtsp. 72, 259
Götze (
vgl. in gleicher anwendung gerecht und war: sy sprach 'maister, hör mich eben. ist dein kunst gerecht und war, ich gib dir sicher zwar mein gold rúlich ungespart' ...
Friedr. v. Schwaben 335
Jellinek); das tüchtige, und wenn auch falsch, wirkt tag für tag, von haus zu haus; das tüchtige, wenn's wahrhaft ist, wirkt über alle zeiten hinaus. Göthe 3, 279 (
zahme Xenien); daʒ sint diu zeichen eines wârhafften grundes, in dem daʒ bilde aller wârheit lebet.
mystiker 2, 478, 14 (
meister Eckhart). wahrhaft
steht so auch im prädicativen gebrauch (
vgl. unten 4
das attributive wahrhaft)
der bedeutung '
echt, recht'
oft sehr nahe: die lieb zwischen freunden kan wol ein zeitlang wehren, ob sie schon etlicher massen kalt und law ist, aber die liebe zwischen einem fürsten und seinen unterthanen stehet grosse gefahr ausz, wo fern sie nicht warhafft und vollkommen ist. Albertinus
fürstlicher lustgarten (1619) 1, 171. 22) wahrhaft
wird dann auch von dingen gebraucht um zu bezeichnen, dasz sie der wahrheit gemäsz, mit der wirklichkeit in übereinstimmung sind. so schon bei Notker
von einer erkenntnisz (
vgl. 1,
c): dánnan néist ímo dáz nehéin wân núbe wârhaftíu bechénneda (
quo fit, ut hoc non sit opinio sed potius cognitio nixa veritate).
Boethius 5, 39 (1, 355, 14
Piper).
besonders von aussagen, reden, erzählungen, z. th. noch mit näherem anschlusz an die vorausgehende bedeutung als '
mit wahrhaftigkeit vorgebracht, auf wahrhaftigkeit begründet',
z. th. aber ganz mit wahr
übereinstimmend: eine wahrhaffte erzehlung,
a true account. Ludwig 2368; eine wahrhafte rede,
veriloquium. Steinbach 2, 940; freylich ja seynd es wort, aber warhaffte wort. C. Andreä
der friedsame Luther (1602) 46; so dachte er doch immer gern eines alten wahrhaften worts: stille schaf seind mille- und wolle-reich, wird ihnen gewartet. Mörike
erzählungen2 186; es haben die alten vor viel hundert jahren diesen herrlichen spruch, welcher auch noch zu diesen unsern zeiten warhafft, und deszhalben gelten soll, gehabt. Agyrta
grillenvertreiber (1670) 3; drumb auch das sprichwort warhafft ist: je neher Rom, je bôser chrisf. Waldis
Esopus 4, 24, 91
Kurz; dieser ward froh, meynete durch die warhafte aussage das leben zu erhalten. Bucholtz
Herkules 1, 23
a; wir haben auch uns gegen ... irem schmelichem gedicht und offenbarem auszschreien mit unser warhaften verantwortung und entschuldigung auf alle stück ... bereit gemacht. Schade
satiren 3, 76, 5; freilich würden ... alle noch so wahrhafte und patriotische ermahnungen fruchtlos bleiben.
F. C. Moser
patriotische briefe (1767) 82; wahrhafte geschichte: ausz der alt warhafften geschicht nimbt man ein klare unterricht. H. Sachs 16, 271, 18
Keller-Götze; in summa, ich gleub gar mit nichten, das warhafft seyen die geschichten, sonder das sie die münch erfinden. Fischart
dicht. 1, 232, 3956
Kurz; daher kam es vermuthlich, dasz die verfasser dieser wahrhaften geschichte meynten, er müsse eher Quixada als Quesada geheiszen haben. Bertuch
don Quixote (1775) 1, 11; von mir sind zwar schon gar manche wahrhafte geschichten ... ausgegangen (
sagt der barbier, als er die neue Melusine erzählen will). Göthe 23, 71 (
W. Meisters wanderj. 3, 6); aus dem stamm des königs Eckwald, des mächtigen fürsten der zwerge, von dem die wahrhafte geschichte so vieles meldet. 23, 90 (
ebenda); wenn ich sie nicht in etlichen wahrhaften schriften gefunden. Hofmannswaldau
bei Steinbach 2, 940. etwas ist wahrhaft (
verstärkt: ganz wahrhaft, wahrhaft wie das evangelium), etwas wahrhaft finden: ein warhafft mann zu aller frist saget, was recht und warhafft ist. H. Sachs 19, 274, 23
Keller-Götze; als warhafft sein, als das heilig evangelium,
veritatis omnes numeros in se habere. Henisch 953, 66; seine (
Stillings) erzählungen sind nicht überall ganz lauter, sondern zusammengesetzt aus wahrheit und dichtung, mehr und noch ganz anders als die Götheschen, denen ich das zeugnisz geben musz ..., dasz sie oft wahrhafter sind, als die wahrheit selbst.
F. H. Jacobi
briefwechsel 2, 487 (
an Dohm 1818); darmit hab ich erfahren mehr gwisz und warhafft diese drey lehr, die mir der liebe vatter mein zu letzt gab vor dem ende sein, das sie sind gründtlich, gwisz und war. H. Sachs 13, 80, 5
Keller-Götze; das hat Vespasianus heymlich erkündigt von den gefangnen und warhafft befunden. C. Hedio
Josephus vom krieg der juden (1556) 78
a.
seltener von meinungen: erst musz unsere idee nur richtig sein, und dann ist sie .. gar nicht unmöglich .. und die idee einer erziehung, die alle naturanlagen im menschen entwickelt, ist allerdings wahrhaft. Kant 10, 387 (
über pädagog.); eine wahrhafte vorstellung. Adelung.
der unter 4
behandelten bedeutung nähert sich wahrhaft
an als '
geschichtlich oder erfahrungsgemäsz richtig, in der wirklichkeit begründet',
so der wahrhafte verlauf, die wahrhaften umstände, ursachen,
dann auch wahrhafte begebenheiten, namen
u. dgl.: so wil ich ieder vergelten ir müh und beschwer bringt ir mir freudenreiche mehr, dasz mein son lebt frisch und gesund. derhalb erfahrt warhafften grund. H. Sachs 16, 17, 16
Keller-Götze; die wahrhaften ursachen angeben. Adelung; wahrhafte ursachen bey fügen,
veridicas causas adjungere. Steinbach 2, 940; und darum aus diesen ansehnlichen wahrhaften ursachen kann und mag seinen fürstl. gnaden ... in ihrem begehren ... nicht gewillfahrt werden.
baierische landtagshandlungen 18, 38
Krenner (1510); nichts desto weniger hastu anjetzo solche warhaffte dinge erzehlet, dasz wohl ein steinern hertz sich darob bewegen ... solte. Philander 1, 38; die geschichte ... zeigt uns die anwendung der abgesonderten begriffe auf wahrhafte begebenheiten der natur. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 1, 91; es will daher unumgänglich nöthig seyn, dasz die gelehrten sich ... bemühen, die wahrhaften bedeutungen des wortes festzustellen. Rabener
schriften 2, 226 (1777); prophezeiungen, als prophezeyungen, verlangen eine dunklere sprache, in welche die eigentlichen namen der personen aus der zukunft, die sie betreffen, nicht passen. gleichwohl lag an diesen wahrhaften namen, allem ansehen nach, dem dichter und hofmanne (
Virgil) hier das meiste. Lessing 4, 681 (
Laokoon 18). 33)
ein wahrhaft werden
in dem sinne von wahr werden '
erfüllt werden',
von prophezeiungen (
oben sp. 713),
kommt nur vereinzelt im mhd. vor: eʒ stêt dâ von geschriben dort, als ein prophête hat enbart: ... vil wârhaft wart disiu prophezîe hie, dô got die menscheit enphie. Rud. v. Ems
Barlaam 68, 30. wahrhaft machen
als '
verwirklichen, erfüllen'
ist nicht zu belegen. 44) wahrhaft
in attributivem gebrauch als '
wirklich, recht, echt',
entsprechend wahr II, 5,
ist in der alten sprache noch sehr selten. von den ahd. übersetzungswerken geben nur die Murbacher hymnen verus
einmal durch wârhaft
wieder: verus sol, warhaft sunna 3, 2, 1.
auch Notker
kennt wârhaft
in dieser verwendung nicht. später erscheint es, in geistlichem sinne gebraucht, im Physiologus: ein tier heiʒit panthera ... von deme chumit solich stanch, daʒ nicht im gilichis suoʒʒi nist ... same têt der heiligi Christ, der warhaft panthera ist.
fundgr. 1, 23, 19.
in juristischem sinn begegnet wahrhafte that
wie wahre that (
oben sp. 694): er kom in den getursten, daʒ er mit sagunden dingen getorste für bringen mêre dan die wârheit. daʒ er iht überiges seit, des wære wol gewesen rât, wande der wârhaften tât was dâ leider al ze vil. Ottokar
österr. reimchron. 68591
Seemüller; geschege auch ein geschichte, daʒ jodden eyme cristen sine kint nemen, durch das sy sin blut wolden nuczen, und das in warhafter tad abirquemen.
rechtsbuch nach distinctionen 3, 17, 43
Ortloff; begrifft eyner eyn by syme wibe, unde begriffe her sy beyde mit der warhaften tad, unde sluge sy beyde zcu tode uff enander ... 4, 11, 6.
ebenso ist wahrhaft '
augenscheinlich, erwiesen'
in wahrhafter schade: augenscheinlicher, gewisser, wahrhafter, ungezweifelter ... schade,
damnum ... certum, damnum verum ... ist ein verlust oder abgang desjenigen vortheils oder gewinnes, den jemand ganz unwidersprechlich von einer sache haben oder hoffen können. Zedler 34, 720.
wie wahrhaftig
für wahr
in dieser bedeutuug seit dem 14.
jahrh. vorkommt, so wird auch wahrhaft
entsprechend gebraucht worden sein, doch sucht man es in den wichtigeren denkmälern, namentlich den poetischen, vergebens. erst nhd. wird es häufiger und in manchen quellen zeigt sich eine vorliebe für das längere wort, während im allgemeinen doch wahr
den vorrang behauptet; die wörterbücher nehmen deshalb auch wenig rücksicht auf wahrhaft
in diesem sinne und noch Adelung
erklärt es für überflüssig und nur selten gebraucht, ohne zu beobachten, dasz sich doch ein gewisser unterschied zwischen wahr
und wahrhaft
herausgebitdet hat. letzteres bezeichnet jetzt nicht einen blosz äuszerlichen gegensatz gegen falsch (
z. b. der wahre,
nicht wahrhafte, verfasser
gegenüber dem der fälschlich dafür gehalten wird),
sondern geht mehr innerlich auf das wesen. folgende gebrauchsweisen treten dabei besonders hervor: 4@aa)
am nächsten steht wahrhaft
seiner hauptbedeutung, wenn es von gefühlen und empfindungen gebraucht wird als '
aufrichtig, nicht blosz vorgeblich',
so wahrhafte liebe, freude, reue, busze
u. dgl.: wahrhafte freundschaft,
vera amicitia. Hederich (1753) 2570; üppig ursach ist, die usz valtschem grund flüszt, also holdschafft ist nit zuovermyden, angesehen dasz darusz ware liebe erwechszt. disz ursach ist valtsch dann usz unküscher lustbarkeit mag kein warhafft lieb entspringen. Riedrer
spiegel der rhetoric 26
a; in ym (
dem von gott erschaffenen menschen) war unverhinderte liebe tzu got, warhafte trew und gesellschafft tzum nechsten. Staupitz 1, 52
Knaake; die früchte die ainer warhafften fruchtbarn rew nachfolgen. 1, 17; die einfallenden gedancken, die nit begert, ungern angenomen und widern willen behalten werden, sein dienlich zu der peen und pueszwürckung .., sein auch die warhaften pues der begangnen sünden mit gedancken. 1, 172; Hermildis ... gab ihrem hierüber sorgfältigen bruder, entweder aus wahrhafftem zweifel, oder aus einer vernünfftigen verstellung ihrer zuneigung, zu verstehen ... Lohenstein
Arminius 1, 144
a; dasz keine neubegierigkeit ... mich zu dieser vorbitte verleitet, sondern ein warhafftes und aufrichtiges mitleiden mich alleine bewogen, an seinem übelstande theil zu haben. Kormart
Cassandra (1685) 114; wahrhaftes, unaffectirtes misztrauen gegen menschliche kräfte in allen stücken, ist das sicherste zeichen von geistesstärke. Lichtenberg (1844) 1, 158.
entsprechend von personen: wahrhafter freund
u. dgl.: so ist einem yden menschen und rechten warhafften rewer not zu wissen, das dreyerley rew sein. Staupitz 1, 15
Knaake; so sehr sein freund, ja sein wahrhafter (
unfeigned) freund.
Shakespeare Heinrich VI. 3, 3, 3. 4@bb) wahrhaft
steht im gegensatz zu unwirklich, blosz eingebildet oder willkürlich angenommen: so woll wir all glauben das, du seist der warhaft Messias.
fastnachtsp. 177, 34; darumb söllen die gleiszner aufhören ir heiligkeit anzuzeigen und ire treüm zu erzelen. dann ob es gleich warhafte gesicht gewesen, so weren sie doch allein zu nutz der kirchen, und gar nit zu rümung eigner gerechtikeit zu eröfnen. Staupitz 1, 168
Knaake; welchs als es die feind horten, meinten sie, es weren warhaffte teuffel, fiengen derhalben all an mit verschossenem zaum fersengelt zu geben.
Garg. 254
b (405
neudr.); die leiblichen dinge sind nur schatten, so dahin flieszen, blicke, gestalten, wahrhafte (
als wirklich erscheinende) träume. die wesentliche wahrheit ist allein im geist. Leibnitz
deutsche schriften 1, 412
Guhrauer; da aber die verse an sich selbst die ähnlichkeit der nachgeahmten handlung mit einer wahrhaften nicht hindern. J. E. Schlegel 3, 80; in der natur gibt es viele beraubungen aus dem conflictus zweier wirkenden ursachen, deren eine die folge der anderen durch reale entgegensetzung aufhebt. es ist aber oftmals ungewisz, ob es nicht vielleicht blos die verneinung des mangels sei, weil eine positive ursache fehlt, oder ob es die folge der opposition wahrhafter kräfte sei. Kant 1, 39; das reich verkauft an den unmünd'gen knaben, auf das nur ich ein wahrhaft recht kann haben? Raimund (1855) 9, 5. 4@cc)
in andren fällen geht wahrhaft
mehr auf die begriffsbestimmung und drückt aus, dasz die betreffende bezeichnung einem dinge in vollem masze und in jeder beziehung zukommt, im gegensatz zu unrichtig, unvollkommen u. dgl.: denen menschen ist Christus warlichen leüchten, die einen gantzen starcken warhafften abkeer thuond. Keisersberg
predigen (1510) 45
a; das zwischen Christo und dem christen menschen ein warhafte, ja die aller warhafft (
l. warhafftest) ee ist, gegen welcher ee Christi unser ee, wie wir wissen, allein ein sacrament und ein schatten zu achten ist, von dannen bestet die rechtformigkeyt der ee zwischen den menschen in irer vergleichung mit der waren ee Christi und der kirchen. Staupitz 1, 150
Knaake; du ... würdest syn unüberwindtlich, durchleüchtig, groszmechtig, so du eyn warhaffter (
var.: warhafftig) crist bist; dan sölchen titel mag niemants warhafftig hahen, er sy dan eyn warer crist. Hartmuth v. Cronberg
schriften 2
Kück; dasz die grösze der gegenstände einer vorstellung eine wahrhafte schönheit zu geben im stande ist. G.
F. Meier
anfangsgründe d. schönen wiss.2 1 (1751) 53; offenbar kündigen laster, welche von willensstärke zeugen, eine gröszere anlage zur wahrhaften moralischen freyheit an, als tugenden, die eine stütze von der neigung entlehnen. Schiller 10, 176 (
vom erhabenen); dieses scheint mir auch der untrügliche probierstein zu seyn, woran man den bloszen dilettanten von dem wahrhaften kunstgenie unterscheiden kann. 10, 405; die sitte des wahrhaften gelehrten läszt sich vom höchsten standpunkte aus eigentlich nur beschreiben, keineswegs aber verordnen oder befehlen. Fichte
wesen des gelehrten 3; (
niemand), der nicht ein gelehrter im wahrhaften sinne des worts wäre. 11; erst wie eine fremde gewalt ihn ergreift, ihn forttreibt, und statt seiner in ihm lebendig wird, kommt wirkliches und wahrhaftes daseyn in sein leben. 153; um den einigen wahrhaften gewinn, den der welthandel mit sich führt, die erweiterung der wissenschaftlichen kenntnisz der erde und ihrer bewohner, an sich zu bringen.
reden an die deutsche nation 420; heruntersteigen vom ansehen wahrhafter macht zum eitlem pomp. J. v. Müller 9, 289; merkmahl einer wahrhaften zusammenfügung zu untheilbarer einheit. J. Grimm
gramm. 2, 7; dieses eigne studium ist und bleibt zur erlangung einer wahrhaften, auf reichthum und gründlichkeit der kenntnisse, wie einer wirklichen ideenentwicklung beruhenden, wissenschaftlichen bildung, immer die hauptsache. Schütz
rasirspiegel f. Deutschlands universitäten (1830) 142; wahrhafte herren ... sind sie (
die deutschen kaiser) nur in ihrer kleinen hausmacht. Vischer
ästhetik 2, 263. 4@dd)
gelegentlich wird auch in der wissenschaftlichen sprache wahrhaft
wie wahr (
s. d. II, 5,
f)
gebraucht. in der botanik: rhaponticum verum, Thracicum, wahrhafte rapontikwurz.
onomatologia medica (
apothekerkunst)
hg. v. Haller2 (1777) 1178;
in der anatomie: eine wahrhafte nath wird diejenige genennet, in welcher die beine also zusammen gehen, als würden zwey sägen mit ihren zähnen zusammen gefüget. Th. Verheyn
anatomie, deutsch (
Leipzig 1722) 579;
in der medicin: wahrhaffter bruch wird bey den beinbrüchen der quer- oder schlitzbruch genennet. Zedler 52, 879. 4@ee)
auch steigerungsformen werden von diesem wahrhaft
gebildet: so fühlt doch ein ehrwürdiger einsiedler mehr, und wahrhaftere freuden wenn er vom hangenden felsen, der seine höhe bedecket, das verfallne Persepolis sieht, Zachariä
schöpfung der hölle (
und andere gedichte 1760) 65. 55)
wie dem attributiven wahr
der ton entzogen werden kann, wenn der gegensatz gegen falsch
u. s. w. zurücktritt und das subst. nur als die richtige benennung von etwas bezeichnet werden soll, so kommt dies auch bei wahrhaft
vor. vielleicht gehört schon hierher aus dem 17.
jahrh.: so ist herr
M. Christophorus Kernmann ... ein wahrhafftes muster eines solchen gottgeliebten, und um gemeine statt hochverdienten manns. Moscherosch
ins. cura par. 42
neudr. auch in der neueren sprachs ist es nicht gerade häufig: die mythologie der alten heydnischen dichter ist also ... ein wahrhaftes schlaraffenland. G.
F. Meier
anfangsgr. der schönen wiss.2 1, 235; so war mir der (
englische) gerichtssaal eine wahrhafte sprachschule. Grillparzer 10, 213 (
selbstbiogr.); vorschnell und thöricht, echt wahrhaftes weibsgebild! Göthe
Faust, 2.
theil 9127. 66)
das adverbium wahrhaft
reicht weit zurück, hat sich aber erst in der neueren sprache ein festes anwendungsgebiet erobert. im ahd. kommt in adverbiellem gebrauch neben vereinzeltem wâro (
erst im späteren nhd. hat sich wahr
als adv. herausgebildet, oben sp. 707)
und ebenso nicht sehr häufigem giwâro (
theil 4, 1, 4761) wârlîcho
im Tatian, bei Otfrid
und Williram
und wârhafto
bei Notker
vor. dies in der bedeutung '
der wahrheit gemäsz': mêister wir wizzen wola daz du wâre hêrro bist unde gotes wek warhafto lêrest (
et viam dei in veritate doces).
ps. 101, 9;
aber auch '
thatsächlich, wirklich': got neháreton siê ána. noch wârháfto diê netuônt, diê wíder ímo sint.
ps. 13, 5; wir inphiêngen dîna gnâda got in mítti dînes hûses. dû scêinest dîna gnâda wârhafto under mítten diên, die dîne sacramenta (wizzoth) niêzzent unde templum dei (gotes hus) heîzzent.
ps. 47, 10.
im mhd. ist wârlîche
durchaus zur herrschaft gelangt, während sich wahrhaft
als adv. überhaupt nicht nachweisen läszt. im nhd. ändert sich das verhältnis wieder. während wahrlich
im 16.
jahrh. noch in allen seinen bedeutungen vorkommt (
auch in der von '
wahrheitsgemäsz'
bei Oberdeutschen),
bleibt es schlieszlich nur noch als betheuerungswort erhalten, dagegen tritt wahrhaft
und dessen weiterbildung wahrhaftig —
die im älteren nhd. durchaus bevorzugt wird —
für wahrlich
ein und es bilden sich dazu noch neue gebrauchsweisen aus im anschlusz an das attributive wahrhaft '
wirklich, recht'.
die neuere sprache hat auch eine —
freilich nicht ganz streng durchgeführte —
scheidung zwischen den adv. wahrhaft
und wahrhaftig
geschaffen. die wörterbücher erwähnen das adv. selten: wahrhaft, wahrhaftig
et wahrhaftiglich,
ex vero, verissime, sincere, pure, candide, aperte, ingenue, re vera, in veritate. Stieler 2414. 6@aa) wahrhaft
als '
der wahrheit gemäsz, aufrichtig, ohne betrug' (
viele ältere wie Luther
kennen so nur wahrhaftig,
während jetzt beide formen angewandt werden)
in wahrhaft reden,
dann auch wahrhaft empfinden, handeln
u. dgl.: 6@a@aα) was er euch verheyst in dem brieff, das helt er warhafft hoch und tieff. H. Sachs 16, 64, 21
Keller-Götze; ein trewer zeug der leuget nicht, sunder handelt warhafft auffricht. 19, 282, 24; eins tages thet ein pfaff mich fragen, ob ich nit warhaft west zu sagen, warümb die paurn unwillig wern und herbergtn die lanczknecht nit gern.
fab. u. schw. 2, 239, 2
Götze; die lust zu reden kommt zu rechter stunde, und wahrhaft flieszt das wort aus herz und munde. Göthe 2, 235 (
sprichwörtlich); ob sie glauben, dasz ich das kunstwerk richtig gefaszt und den eigentlichen lebenspunkt des dargestellten wahrhaft angegeben habe? 43, 14 (
Schweizerreise i. j. 1797); man sieht ..., dasz die norwegische nation wahrhaft, und wohl einzig in Europa, sich rühmen kann, eine durchaus nationale repräsentation zu besitzen. Wienbarg
Quadriga (1840) 16. 6@a@bβ) das die des ausgangen ablas sollen vehig und entpfhengklich sein, die warhafft berewt und gepeichtet haben. Staupitz 1, 18
Knaake; habe ich den einzigen menschen ... verloren ... den einzigen, den ich recht wahrhaft ehrte und liebte. H. v. Kleist
briefe an seine braut 150; seine freundschaft ... behauptete sich treu, wahrhaft, aufopfernd, unerschütterlich. Matthisson
schriften 3, 211. 6@a@gγ) immer bleibt es aber auch hier die hauptsache, dasz die beziehungen wahrhaft ('
der wirklichkeit gemäsz') eingesehen werden. Göthe 52, 87 (
zur farbenl.). 6@bb)
als '
in wahrheit, in wirklichkeit',
im gegensatz zu dem blosz anscheinenden (
in den stellen aus Hans Sachs
sich einem bloszen betheuerungewort nähernd, vgl. wahrhaftig 6,
d): den ich auffziehen wil gerad warhafft an eines sunes stat, sol auch nicht anders wissen thun, dann er sey mein leîblicher sun, wil warhafftig seyn sein wolthater. H. Sachs 16, 65, 13
Keller-Götze; wann ich warhafft in scham und zucht von mein eltern erzogen bin.
fastnachtsp. 45, 285
Götze; Salomon spricht, nichs unkewschers sey warhaft als ein siegel den aines alten mannes herz, dardurch manch alt mon kümpt in schmercz.
fab. u. schw. 5, 747, 30
Götze-Drescher; wiewol ich solches vor offt gesehen, hab ich doch nye glauben können, dasz es warhafft die kayserin seye .. diszmals aber hab ichs gantz klarlich gesehen. J. Wetzel
reise der söhne Giaffers 115, 6
Fischer u. Bolte; von der gesammten natur also vermögen wir nur ein ding, nämlich uns selbst, aufzufassen, wie es an oder in sich selber wahrhaft ist. Beneke
die philosophie in ihrem verhältnisse zur erfahrung 12.
in dieser verwendung ist wahrhaft
jetzt fast ganz durch wahrhaftig
verdrängt worden. wo wahrhaft
steht, deutet es mehr auf eine innere antheilnahme hin, so dasz an die vorausgehende bedeutung '
aufrichtig'
gedacht werden kann: Jakob. so musz ich fort.
Maring. das wäre mir warhaft leid. Iffland
der mann von wort 83, (3, 1); da sehe ich, dasz dir die sache wahrhaft am herzen liegt.
die reise nach der stadt. 14 (1, 2); sie ... küszten den harfner und knieten vor ihm ... da wuszte die jungfrau, dasz er treu und wahrhaft der könig Rother von Wikingland war. Scheffel
Ekkeh. 337.
auch das unten c)
δ)
besprochene wahrhaft
hebt sich ab. 6@cc)
jünger ist das adv., das in engem zusammenhang mit dem unter 4, c)
besprochenen adj. auf die begriffsbestimmung geht. den ausgangspunkt hat es von wahrhaft '
wirklich, thatsächlich'
genommen (
auch fälle wie wahrhaft lieben,
eig. aufrichtig lieben, dann aber auch in der rechten weise lieben, lieben wie man lieben musz, können von einflusz gewesen sein)
; man hat es dann mit einzelnen worten oder wortgruppen in nähere verbindung gebracht, um anzudeuten, dasz der dadurch bezeichnete begriff völlig erreicht ist. dieser gebrauch des wortes wird nicht über das 18.
jahrh. hinauf reichen und wird von Adelung
noch mit keinem worte erwähnt. Campe
giebt dagegen an, dasz man wahrhaft (
nicht wahr) '
umstandwörtlich zu einem andern beilegeworte setzt',
z. b. er ist ein wahrhaft groszer mann. 6@c@aα) wahrhaft
bei verben: dich trösten wollen mag ein bittrer spötter! was einmal tief und wahrhaft dich gekränkt, das bleibt auf ewig dir in's mark gesenkt. Lenau
ged. 1, 139 (1857); doch giebt es nichts, das den menschen wahrhaft erheben kann als sie (
die ideale). H. v. Kleist
briefe an seine braut 141; während die besten opern von Mozart und Rossini bei der ersten vorstellung durchfielen und erst jahre vergingen, ehe sie wahrhaft gewürdigt wurden. Heine 6, 267
Elster; obschon ich das mädchen wahrhaft geschätzt hatte und ihren umgang gewisz gesucht haben würde. Grillparzer 8, 100 (
ein erlebnisz). 6@c@bβ) wahrhaft
bei adjectiven (
für sich stehend oder mit subst. verbunden): zwey kräfte, ohne welche ... kein mann wahrhaft grosz ... werden kann. Garve
verm. aufsätze 276; dasz das gedicht (
das lied vom braven manne) eine ächte romanze und wahrhaft volksmäszig sey, musz ich mehr als bezweifeln. A. W. v. Schlegel
bei Bürger 515
b; wenn also das überspannte in der empfindung aus wärme des herzens und einer wahrhaft dichterischen anlage flieszen kann. Schiller 10, 501, 30 (
naive u. sent. dichtung); nun kann überdies im volke einer todten sprache gar keine wahrhaft erschaffende genialität zum ausbruche kommen. Fichte
reden an die deutsche nation 166; es gibt in dem zeitalter, worin wir leben, nur eine einzige ächt-schmeichelhafte art, einen monarchen zu verehren — dasz man ihn für würdig erkenne, die wahrheit zu vernehmen; nur eine einzige wahrhaft verdienstliche art ihm zu dienen — dasz man sie ihm keinen augenblick verhülle. v. Gentz
kleinere schriften 2, 16; jeder wahrhaft gute mensch ist für alles gute und schöne begeistert. Laube
politische briefe (1833) 72; sei wahr zu jeder zeit, wahr in der gegenwart, für die vergangenheit, und auf die künft'ge fahrt. wahr in der gegenwart, so wie du bist, dich zeigend; wahr für vergangenheit, gethanes nicht verschweigend; in zukunft wahr, bereit, was du versprichst, zu halten! so bist du wahrhaft wahr in allen zeitgestalten. Rückert
werke 8, 184 (
weish. d. brahm. 4, 106).
das adj. oder part. kann auch substantiviert sein: dasz ich das über meine kräfte ergriffene durchzuarbeiten, das über mein verdienst erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich blosz von einem wahrhaft wahnsinnigen. Göthe 60, 296 (
biogr. einzelnheiten); nur diese eine an meine persönlichkeit geknüpfte seite des göttlichen rathschlusses ist das wahrhaft seyende an mir. Fichte
wesen des gelehrten 79; alles durch den naturtrieb wahrhaft gegliederte. Görres
Teutschland u. die revolution (1819) 139. 6@c@gγ) wahrhaft
kann auch zu dem adj. in verbindung mit einem subst. gehören: waren jedoch die alten, so wie wir von ihnen rühmen, wahrhaft ganze menschen. Göthe 37, 24 (
Winkelmann);
Absalon. nun weisz ich, wie dem Absalon es war, als an den haaren er vom baume hieng und ihm drei spiesze fuhren durch das herz.
David. o undank! wahrhaft zweiter Absalon! Uhland
ged.2 184 (
ständchen). 6@c@dδ)
endlich kann sich wahrhaft
auch an die ganze prädicatsaussage anschlieszen: er hat sich wahrhaft als unser freund gezeigt; wenn du nur warhaft bei mir glücklich zu werden hoffst. H. v. Kleist
briefe an seine braut 231; die blume ist nur dem thiere wahrhaft gegenstand, das sie friszt. Vischer
ästhetik 2, 108; wen wahrhaft die natur zum wirklichen dichter gebildet, der wird emsig und voll eifers erlernen die kunst. Platen 136 (
epigr.). 6@dd)
entsprechend dem oben 5
beim attributiven wahrhaft
beobachteten kann auch das adv. den ton einbüszen, wenn das folgende wort nur als die richtige bezeichnung eines begriffs hervorgehoben werden soll. es ist das in der neueren sprache sehr häufig. 6@d@aα) er hat ihn wahrhaft angebetet; wahrhaft davon überzeugen konnte man keinen, davon überreden nur etwa diesen oder jenen. Beneke
die philosophie in ihrem verhältnisse zur erfahrung 106. 6@d@bβ) ein wahrhaft goldner spruch .. ist folgender. Wieland
Lucian 3, 272; diese that, zu deren ausführung alles auf das genaueste mit wahrhaft gottlosem scharfsinn angeordnet war. H. v. Kleist 3, 254 (
heil. Cäcilie); vereinte wahrhaft heldenmüthige anstrengung der fürsten und völker. Welcker
Deutschlands freiheit (1814) 7; sein gelehrtes und wahrhaft classisches werk über das römische recht. Ruge
2 2, 220; wahrhaft komisch erschien er sich. Gutzkow
ritter vom geist2 2, 259; eben diesz aber bewirkte, dasz er auch den neuerungen in Wittenberg, so wahrhaft ungern er sie auch sah, sich doch nicht mit aller kraft entgegenstellte. Ranke
deutsche gesch. im zeitalter der reformat. 2, 27; wie, abgesehen von der überladenen polemik und den geschmacklosigkeiten in vielen bildern, es doch so wahrhaft episch hergeht in dieser welt. G. Keller
nachgel. schriften 130; die dort ... sehn wahrhaft heidnisch aus. Rückert
ges. ged. 3, 267 (1837). 77) wahrhaft
wird auch in der kunstsprache gebraucht, entsprechend den bei wahr (II, 8)
behandelten verwendungen. 7@aa)
naturgetreu, dem original entsprechend: darumb, dasz an disem vogel die bein (so ächt die abconterfehung warhafft ist) mit ungleychen farben auszgestrichen sind. Heuszlin
vogelb. 11
a. 7@bb)
die natur in künstlerischem sinne wiedergebend: studiert er die analogie, welche zwischen diesen gemüthsbewegungen und gewissen äuszern erscheinungen statt findet, so wird er aus einem bildner gemeiner natur zum wahrhaften seelenmaler. Schiller 10, 244, 27; wenn alle übrigen fragen abgethan sind, so wird dem dichter von der höchsten instanz die letzte vorgelegt: ob er wahrhaft gestaltet hat. Hebbel
tagebücher 2, 407
Werner. 88)
mhd. wârhaft
kommt (
wie wâr)
vereinzelt als substantiviertes neutr. vor: setz ûf die trîuwe, als dich des goldes varwe zêch; du solt daʒ vêch durch wârhaft niht vermîden. H. v. Meiszen
sprüche 49, 9.
nhd. das wahrhafte: ich nahm zusammen was ich bis jetzt erfahren hatte, und trug es in einem kurzen aufsatz vor, dessen bald gefühlte unzulänglichkeit mich zu weitern forschungen nöthigte und mich immer näher zu dem wahrhaften hindrängte. Göthe 32, 112 (
tag- u. jahreshefte 1816); vorher war Christus mensch, der durch seine lehre und sein leben den menschen zum bewusztsein brachte, was das wahrhafte sei und die grundlage ihres religiösen bewusztseins ausmachen müsse. Pfleiderer
religionsphilosophie 158; das wahrhafte sagen
wie wahr sagen: der alten wurde nun geschmeichelt und ihr gute bezahlung zugesagt, wenn sie der älteren schwester und auch mir das wahrhafte sagen wollte. Göthe 25, 278 (
aus meinem leben 9). ein wahrhaftes: diese spiele einer leichtfertigen einbildungskraft, die ... das unwahrscheinliche als ein wahrhaftes und zweifelloses vorträgt, waren der orientalischen sinnlichkeit ... höchst angemessen. Göthe 6, 37 (
noten zum westöstl. divan).