vertrösten,
v. ,
ahd. fertrôsten Graff 5, 478;
mhd. wb. 3, 117; Lexer 3, 276; Haltaus 1907;
mnd. vortrôsten;
frühnhd. sehr häufig gebucht; auch in den mundartwörterbüchern: schweiz. Stalder 1, 309; Bühler
Davos 1, 193; Fischer 2, 1390;
lux. mundart 468;
cöln. Hönig 195;
cronenb. Leihener 36
b;
westfäl. Woeste 297;
götting. Schambach 268
a;
pommer. Dähnert 528
b;
mndl., ndl. vertroosten,
fries. fortreastje Dijkstra 1, 423,
mengl. fortrûsten Stratmann-Bradley,
dän. fortrøste,
schwed. förtrösta.
die mannigfachen, in neuerer zeit aber erheblich eingeengten gebrauchsarten gehn auf die beiden grundbedeutungen von trost, '
solacium'
und '
spes, fiducia'
zurück. scharfe scheidung ist jedoch nicht durchführbar. im gegensatz zum simplex ist bei v. '
spes, fiducia'
die dominierende bedeutung, doch ist die stärkere lebenskraft der heute herschenden verwendung (
s. u. II 3 a)
wohl gerade darauf zurückzuführen, dasz hier neben der grundbedeutung '
spes, fiducia'
der nebensinn '
solacium'
gefühlt werden kann. II.
zu trost
solacium: I@11)
immer nur vereinzelt ist das transitive einen v.,
mit nhd. trösten
gleichbedeutend: consolare Hulsius (1618) 261
a; und dancken gott vor die wohlthat, damit uns heut vertröstet hat Burkard Waldis
Esopus 2, 68
Kurz; das tu ich auch nicht und verlang es nicht. ich wollte dich nur ein bischen vertrösten Graf Pocci
lust. komödienbüchl. 2, 61. I@22)
ahd. und mhd. ist das reflexivum mit dem gen. der sache: I@2@aa)
selten positiv, sich mit etwas abfinden: der dinge man sich vertrœsten sol, diu nieman erwenden kan
Mai und Beaflor 15, 8. I@2@bb)
meist negativ, sich mit dem verlust einer sache abfinden, Graff,
mhd. wb., Scherz: fertrôste dih anderes kuotes ferlornes Notker 1, 123
Piper; alde wânet er, ube er iz ferliuset, taz er sih is fertrôsten muge 1, 85; ich weiz ez rehte und zwîvels niht, lebt er, daz er mich gesiht ê ditz jâr verende sich. geschiht ez niht, sô muoz ich mich vertrœstet sînes lîbes hân Rud. v. Ems
gut. Gerh. 3177.
ahd. auch mit stärker betonter activität, auf etwas verzichten: diê aber gotes pîtent unde werltsâldon sih fertrôstent Notker 2, 128
Piper; die sih fertrôstent Jerusalem unde die temporalia minnent fure terna 2, 573. IIII.
zu trost
fiducia: II@11)
spätmhd. u. frühnhd. juristisch, bürgen, verbürgen, Lexer 3, 276,
vadari Frisius, Maaler,
fidejubere Dentzler;
cavere, praecipue per fideiussores Haltaus;
veraltet Adelung;
schweiz. Stalder 1, 309,
schwäb. Fischer 2, 1390. II@1@aa) für einen v.: sit du hast vertrost für mich Herm. v. Sachsenheim
Altswert 110
lit. v.; und vertroste ouch der marggrave für in mit sime hangenden ingesigele
chron. d. d. städte 9, 1021 (1353). II@1@bb) zum rechten v.,
vor gericht gehen: als ... derselbig amman ... im anmuotet, um obgemelts verruofs willen zu dem rechten gan Worb zuo vertrösten
thüring Frickart
quell. z. schweiz. gesch. 1, 19. II@1@cc) etwas vertrösten: II@1@c@aα) eine that v.,
bürgen, dasz sie gesühnt wird: welicher ain buosz oder frevel versalt, den selben frevel sol man von stund an vor gricht mit aim insessen vertrösten
weisth. 1, 215
Grimm; Fischer. II@1@c@bβ) ein versprechen vertrösten: daz er vertrösten solt ein urfech, daz er wider das rich noch des richs stett hinfür nimer tuon solt Richental
chr. d. Const. concils 90
lit. v. II@22)
allgemeiner, versprechen: eine wohlthat mit worten vertrösten, mit der that beweisen Faber
thes. erud. 467
b; des herren gnade ..., die er mir reichlichen vertröstete Schweinichen
denkw. 118; er könte bey so gestalten sachen und vertröstetem secours zur ergebung noch nicht verstehen v. Chemnitz
schwed. krieg 2, 164; da ich denn allererst mit vertrösteter wiederkehr abschied nam Lohenstein
Arminius 1, 463
b.
mit inf.: das pferd, so wir uwer liebe zu schicken vertrostet hadten
privatbriefe des mittelalters 1, 113
Steinhausen (1473); so ihm auch der bauer zu thun vertröstetete
mediz. maulaffe 943.
reflexiv: was volcks wir uns aus deiner verwaltung zu unserm romzug, wie obsteet, und versehung und beseczung unserer land vertrosten sullen
urk. z. gesch. Maximilians I. 427
lit. v., was man selbsten nicht verrichtet, davon sol man ihm auch keinen groszen nahmen vertrösten Treuer
Dädalus 1, 48.
vgl. dazu auch fürtrosten: und wil fürtrosten sicherlich, daz ich ir gebot wil halten Herm. v. Sachsenheim
Altswert 1
K. II@33)
die weiteste verbreitung hat die verbindung mit persönlichem accusativobject, einem hoffnung, zuversicht, vertrauen einflöszen: facere spem Alberus bb 4
a; Faber
thes. erud. 213
b;
spem injicere Maaler 436
a; Frisius 899
a;
expectationem afferere alicui Dentzler.
doch ist auch dieser gebrauch in neuerer zeit stark beschränkt. II@3@aa)
wirklich lebendig ist nur die bedeutung, durch erwecken von hoffnungen hinhalten, einem durch vertröstung auf zukünftiges, entfernteres über eine gegenwärtige nichterfüllung von wünschen, über eine gegenwärtige unbefriedigende lage oder leistung hinwegzuhelfen suchen: man findt aber vil böser zaler, die es wol hetten, ..., kan doch mit lieb noch güten niemandt nichts von in bringen, liegen und vertrösten für und für H. Sachs 22, 59
G.; rühmlicher ist nichts zusagen als vertrösten Lehmann
florileg. polit. (1662) 1, 6; der schiffmann zagt, Columbus kann den kranken steuermann nun länger nicht vertrösten
das neueste a. d. anmuth. gelehrs. 1, 819; ich habe sie mit keiner falschen hoffnung vertröstet Schiller
briefe 1, 368
J.; ich bitte mir zu glauben, dasz ich ungerne hinhalte und vertröste Jac. Grimm
kl. schr., vorwort. reflexiv: man vertröstete sich von jahr zu jahr, aber sein sturz wollte nicht kommen Reich
ausgew. werke 1, 293; was dir heute unerreichbar ist, fällt dir morgen von selbst in den schosz. so vertröstete ich mich Ebner-Eschenbach 4, 250.
mit abhängigem satz: diese (
predigt) abzuschreiben, dazu habe ich nicht recht kommen können, und es war mir unmöglich mich hinzusetzen und einen brief anzufangen, wo ich sie hätte vertrösten müssen, dasz es noch erst geschehn würde
aus Schleiermachers leben 1, 111.
nicht mehr recht geläufig ist die verbindung mit dem infinitiv, der den inhalt des vertröstens ausdrückt: dasz er mich biszher von einem tag zum andern vertröstete, mich in ihre bekanntschaft zu bringen Göthe IV 1, 3
W., oder auch die dadurch bezweckte absicht: dasz die garnison gestern bey der parole vertröstet worden, sich nur noch bis auf den 1
ten zu gedulden, da denn Laudon ganz gewisz zum entsatze kommen werde Lessing 18, 441
M. am häufigsten ist ergänzung durch eine verbindung mit auf.
sie bedeutet II@3@a@aα)
ein erwünschtes oder erhofftes ereignis: die deutsche nation auf ein frey gemein christlich concilium vertrösten Mathesius
ausgew. w. 3, 254; ohne zweifel will er die trauernden christen auf eine wiedereroberung vertrösten Scherer
lit. gesch. 96. II@3@a@bβ)
begehrte gegenstände: vertröst sie auch auf grosses gut Rollenhagen
froschmeuseler (1595) o 7
a; auf gute beute vertrösten Fleming
d. vollk. teutsche soldat 265; von tag zu tag, liebste Silvie, hat man mich auf die seegeschöpfe vertröstet, die sie zu einem so frommen gebrauch verlangten, es sind aber deren bis jetzt noch keine angekommen Göthe IV 20, 283
W. II@3@a@gγ)
den zeitpunkt, der besserung oder erfüllung von wünschen bringen soll: er verspricht mir ... alles ... zue zurichten, allein kündt er mich auf keine gwisse zeit vertrösten Hainhofer (1610)
quellenschr. für kunstgesch., neue folge 6, 27; jemanden auf bessere zeiten v. Adelung
umst. lehrgeb. 2, 164; auf eine zeit, die alles lösen werde, hat er von jahr zu jahren sie vertröstet Schiller 14, 44
G; alle schuster, schneider, bäcker, schlächter sind auf den heutigen tag vertröstet Arnim 15, 288
Grimm; so muszte ich dem Armenier rathen, noch zu warten, und ihn auf eine zukunft vertrösten, die er kaum erleben wird Moltke
ges. schr. u. denkw. 5, 5. II@3@bb)
in älterer zeit heiszt v.
auch schlechthin einem hoffnung, zuversicht, vertrauen einflöszen (
veraltet Adelung),
ohne dasz der in a)
bezeichnete nebensinn in erscheinung tritt: si Judas non venisset und sie vertröstet, ipsi non fuissent so keck Luther 34, 1, 192
W.; der nit gdar alle ding essen, sol den essenden nit urteilen, dann got hat in angenommen und vertröst Zwingli
von freiheit der speisen 23
ndr. häufig ist verbindung mit dem genitiv: swelch fürste in des vertrôst hât, daz er im wider mich gestât
herzog Ernst b 1173; das er ... uns grosser freud vertröst H. Sachs 11, 377
K.; ich ... vertröstete sie meiner balden wiederkunft Grimmelshausen 4, 521
lit. v. mit präpositionaler verbindung: ... ich auf erden keinen mann zur seligkeit vertrösten kan Dedekind
d. christl. ritter e 1
b.
mit abhängigem satz: und haben sie vertrostet, das sie, wenn sie in der kappen begraben, von mund (
vgl. th. 6, 2680
f.) auf wurden gen himel faren Luther 34, 1, 46
W.; denn der wirdige herr und magister Johan Sturtz ... hat mich vertrost, das eüch dises zuschreiben zu kaynem ungefallen geraichen wurde Carlstadt
welche bücher biblisch seind a 1
b; sie (
die engel) ... vertrösteten die h. apostel, das der herr widerkommen werde Butschky
Pathmos 175.
mit dem infinitiv: sie (
die wirtin) verschlosz sich alsbald in einen stall, vertröstete aber zuvor die gäste, auf dem abend einen hasen zu speisen, und ergriff eine junge ziege, zog ihr die haut ab und richtete dieselbe in gestalt eines hasens zu Joh. Riemer
polit. maulaffe (1680) 85. II@3@cc)
sehr gebräuchlich ist das reflexivum: II@3@c@aα)
sich einer sache versehen: so haben sich eheleut aller gnaden und hülfe zu gott in allen ihren nöten zu versehen und vertrösten Luther 26, 225
W.; wir söllid uns zu sr. keiserlichen majestät vertrösten aller gnaden
V. Anshelm
Bernerchronik 4, 54
hist. ver.; von weme ich mich eyniges beystandes zu vertrösten habe Lindenborn
Diogenes 2, 77. II@3@c@bβ)
sich auf eine sache oder person verlassen; mit genitiv: sie ... vertrosten sich der meng und sterk der leüt Luther 34, 2, 83
W.; es soll sich niemant vertrösten des blossen christlichen namens Dietenberger
der leye d 5
a; dasz wir uns von einem solchen, dessen wir uns etwann viel und hoch vertröstet, wider recht und billichkeit verunrüwiget und angegriffen sehen und erfahren Fischart
geschichtsklitt. 332
ndr. mit präpositionaler wendung: der ist eyn narr der sich vertröst uf won, und meynt er sig der gröszt Brant
narrenschiff 31
Z.; alle wort gottis sind durchfeuret und eyn schild allen, die drauf sich vertrosten Luther 10, 2, 86
W.; auf dich wir uns vertrösten herr, uns sol miszlingen nimmermehr Waldis
psalm 20; hab mich vertröst auf mein geschoss Spreng
Ilias 56
a.
selten mit in: so wir uns allein in sine wort und gheis vertröstend und lassend Zwingli
von freiheit d. speisen 10
ndr. II@3@c@gγ)
zuweilen sich auf etwas berufen: wie wol sich der guot meister Ulrich vil in sinen reden und geschriften vertröst uf einen text, den er gefunden hat Zwingli
d. schr. 1, 163; so wöllend sie (
die gegner der messe) alle guoten propheten zu zügen stellen und vertrösten sich stark uf die epistel zuo den Hebreern Nic. Manuel 219
Bächtold. II@3@c@dδ)
auf etwas stolz sein; mit dem genitiv: wiewol wyr uns unser werck nicht vertrösten, vermessen oder erheben sollen Luther 15, 116
W.; so sich villeicht yemands seiner boszheit vertröstet Boltz
Terenz 141
b.
mit auf: David erat dives, Salomon sapiens, sie vertrosteten sich aber nicht darauf coram deo et hominibus Luther 29, 585
W. II@3@c@eε)
mit abhängigem satz, hoffen: er mag auch gäntzlich glauben, verhoffen und sich vertrösten, was an ime und an sein reu, peycht und puos abgeet, dasselb werde durch der puoes sacrament erfüllt und ime zuo statten kommen Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. 499; so vertröst ich mich auch, das ich nichts in meinem büchlin geschriben hab, das mir möcht ainichen nachthayl oder schaden bringen Montanus 138
B. so auch vereinzelt in neuerer zeit: Reinhold: ist meine schwester todt? — Hans: ach nein, zu lebendig, auf und davon mit einem spielmann — ich vertröste mich noch, es wird der Leopold von Friedheim seyn Tieck 5, 134.
selten mit dem infinitiv: da sich Luther vertröst, sein fünftes evangelium durch empörung und aufruor der bauren in die welt auszubraitten Nas
antipap. eins und hundert 111
b. II@3@dd)
ähnlich wie das reflexivum wird das part. prät. gebraucht: vertröst gmüt,
fidens, fidus animus, auf sein stercke vertröst, ...
audax viribus Maaler 436
a; in eygnem gwalt vertröst allein Hutten 3, 190
Böcking; auf die vile deiner gnad vertröstet
bibel (
Zürich 1531) 2, 16
b; (
das wort gottes) macht sy (
die seele) in gott vertröst Zwingli
d. schr. 1, 81; ich bin eines ritters vertröst gewesen Wickram 1, 164
B. einer sache sicher: so was hie der Franzos siner fröd nit so gar vertröst Valerius Anshelm
Bernerchronik 4, 143
hist. v. adverbial: ein gwüsse leer, dero wir vertröst und on zwyfel mögen und söllend anhangen Zwingli
von freiheit d. speisen 10
ndr.