schein ,
m. fulgor, claritas, lumen, figura, species, praetextus, testimonium. eine substantivbildung zu dem verbum skînan '
scheinen',
vgl. daselbst über ableitung und verwandtschaft. das wort scheint auf das westgermanische beschränkt; im goth. ist es nicht bezeugt, im altn. findet sich skin,
n., mit kurzem vocal, ebenso im heutigen dän. norw. ahd. alts. skîn,
m., altfries. skin, schin,
mhd. mnd. schîn,
holl. schijn.
daneben zeigen die ältern dialekte bildungen mit m-
suffix, s. scheim.
im nhd. hat schein allmählich scheim ganz verdrängt und aufgesogen. eine folge dieses zusammenfallens ist wol die form schîne
als schwaches masc., die im mhd. häufig begegnet, s. Lexer
handwb. 2, 750
f.: unser herre .. der sol schepfin .. ein gewuolkene an dem tage und ein ruoch und einen schinen des vuores, daz si flammende in der nacht. Schönbach
altd. pred. 1, 101, 21.
neben dem masc. begegnet schîn
im mhd. als neutrum in der zusammensetzung urschîn (
und urschîm) Lexer
handwb. 2, 2011
f.; ebenso daʒ mônschein
Iwein 2135
in der handschr. D. vgl. Grimm gramm. 3, 391. 533.
neutrales schîn
findet sich auch verschiedentlich im nd., vgl. die belege. endlich ist mhd. ein starkes fem. scheine
zu erwähnen in der speciellen bedeutung '
erscheinung, gespenst': waʒ sol dem wibel ein lâʒûrvaʒ, der scheine ein lemen? Frauenlob 313, 12
Ettmüller (
? vgl. die anm. und Lexer
handwb. 2, 687).
Bedeutung. 11)
leuchtender, strahlender glanz: splendor, nitor, candor, fulgor, jubar Dasyp.; scheyn (der)
splendor, glantz, weysse, heytere Maaler 350
b; schein von sich geben,
lucere, splendere, nitere Frisch 2, 171
a;
candor, hd. nd. schin, scheyn Dief.
gloss. 95
a;
coruscatio .. schin .. scihn alse blicsme 153
c;
fulgor schin,
fulgur schin, scheyn. 250
c;
jubar, hd. nd. schin,
hd. schein, sunnenschein .. sonnen-, clar schin. 311
a;
nitor, hd. nd. schin,
hd. scheyn 381
b;
radiamen .. hd. nd. schin
hd. schein 482
c;
radius 482
a.
nov. gl. 312
b;
splendor, hd. schin, schein, schime, schimo ..
nd. schine, glans 548
a.
nov. gloss. 346
a,
emicamen .. schyn
nov. gl. 148
b.
insbesondere: 1@aa)
von selbstleuchtenden körpern und lichtquellen, schein der sonne, des mondes, der sterne: diu sunne was in scine (
sie schien),
s. Graff 6, 510; wenn sich der sunnen schein widersleht auf dem stain (
saphir), sô gibt er ainen prinnenden schein von im. Megenberg 457, 23
f.; und des mons schein wird sein wie der sonnen schein, und der sonnen schein wird siebenmal heller sein denn jtzt.
Jes. 30, 26; sonn und mond werden finster, und die sterne verhalten jren schein.
Joel 2, 10; sie (
die götter der heiden) können es nicht liecht machen, wie die sonne, noch einen schein geben, wie der monde.
Bar. 6, 66; aber zu der zeit .. werden sonne und mond jren schein verlieren.
Marc. 13, 24; sam der liehte mânevor den sternen stât, der schîn sô lûterlîcheab den wolken gât.
Nibel. 282, 2; diu sunne hât ir schîn verkêret. Walther v.
d. Vogelweide 21, 31; al bî des mânen schîne.
Parz. 676, 15; geêrt sî des plânêten schî
n. 748, 23; wan si was als ein sterne, der eins mânen grœʒe hât, und in der sunnen schîne stât (
eben so hell scheint wie die sonne). Lampr. v. Regensburg
Franzisken leben 3989; daʒ diu sunne sendet vor ir ein morgenlieht, bî des schîn man sich versiht, daʒ der tac nâch wil gê
n. Syon 3918; sunne, mâne, sterne schîn loufent nâch dem willen sîn (
gottes).
livländ. reimchron. 5; dat de sunne lêt eren schî
n. v. d. holte d. hill. cruzes 760; die son verlore irn schein.
Alsf. passionssp. 6469; er ist der morgensterne, er leucht mit hellen schein.
bergreihen 30, 1 (
s. 64
neudruck); es stehen drei stern am himmel, die geben der lieb ihren schein.
wunderhorn 1, 315
Boxberger; schein uns, du liebe sonne, gib uns ein hellen schein! Uhland
volksl.2 57 (31 A 1); der glocke nach ists hoch am tag, und doch dämpft finstre nacht den schein der himmelslampe. Schiller
Macbeth 2, 12. schein des feuers, von kerzen, lampen
u. s. w.: dann loderten auf den ausspringenden erdzungen flackernde feuer auf, welche mit ihrem schein und widerschein den nächsten gegenständen die gröszte deutlichkeit gaben. Göthe 11, 108; man hört ein verwirrtes getöse, und erblickt den schein von fackeln. Schiller
räuber 5, 5
trauersp.; Prometheus hatte zwar aus seiner weiszheit stärcke dem menschen, welchen er vor ohne geist gemacht, des feuers edlen schein vom himmel eingebracht. Opitz 1, 53; doch dieser lampe schein versag mir nicht! Grillparzer 6, 52. 1@bb)
von dem glanze glatter flächen, die das licht zurückwerfen, wie poliertes metall, edelsteine, spiegel u. ähnl.: Volkêr und Hagneund ouch Ortwîn laschten in dem strîtevil maneges helmes schin.
Nibel. 200, 2; si sâhen vor in liuhtenmaneges schildes schî
n. 597, 2; hie wât gein lichter wête schein und golt gein brehendes goldes schî
n. Heinr. v. Freiberg
Tristan 899; sophir, smaragdus unde robîn de geven den ôgen lechten schî
n. vruwenlof 74; min frunt spiegel, habe dangk! want min hercz nimmet manchen wangk, wan ich die schone klarheit minn beschawe in dines glanczes schinn.
Alsfeld. passionssp. 1845; was zog er ihr abe vom finger? ein rothes goldringelein; er warf's in flieszend wasser, es gab seinen klaren schein.
wunderh. 1, 316
Boxberger; scharfschütz (
nimmt das halsband). die feldflasche noch geb ich drein, (
besieht es) es ist mir nur um den schönen schein. Schiller
Wallensteins lager 3.
so auch vom glanz der augen: dô sprach der wirt des landes'was ist iu, frowe mîn, daʒ ir sô lâʒet truobenliehter ougen schîn'?
Nibel. 573, 2; o sprich, und welcher frevel durft es wagen, der augen sonnenheitern schein mit blut und staub unwürdig zu entweihn? Schiller 6, 360.
mhd. schîn geben,
leuchten: deʒ steinlîn was ein grânât: des blic gap ûʒ der vinster schî
n. Parz. 438, 7. 1@cc) schein
bezeichnet nicht nur den strahlenden glanz, der von einem einzelnen körper ausgeht, sondern auch licht, helligkeit überhaupt: schein und glantz des himmels,
dium Dasyp.; schein des tages: nû begunde ouch strûchen der tac, daʒ sîn schîn vil nâch gelac.
Parz. 638, 2; her gêt des tages schein! Osw. v. Wolkenstein 40, 1, 11; hude vor des tages schin.
Alsf. passionssp. 7452. des sommers schein,
wo sowol die wärme wie die leuchtkraft der sonne am gröszten ist: dein volck auch die soldaten verträget mit gedult ausz lust zu guten thaten des sommers heiszen schein, des kalten winters noth. Opitz 1, 103; die rose blüht; gott lasz den schein verziehen, damit die zeit des sommers langsam geht. Chr. Weise
kl. leute 234 (
wunderh. 1, 278
Boxberger). 1@dd)
selbständig und gleichsam substantiell erscheint schein,
wenn es ohne attributiven genitiv gebraucht wird (
vergl. 3);
in dieser verwendung begegnet auch ein plur. die scheine (
strahlen oder lichtstreifen): dô quam unser vrowe zu ime und gotlîche schîne gingen ûʒ irme antlitze.
d. mystiker 219, 2
Pfeiffer; sô seh wir die schein sam streng oder strik gên von den lüften und von der sunnen. Megenberg 97, 25;
bildlich: denn gott, der da hies das liecht aus der finsternis erfur leuchten, der hat einen hellen schein in unser hertzen gegeben.
2 Cor. 4, 6; grosze kastanienbäume .. streckten .. ihre riesenarme zwischen den aus den fenstern dringenden scheinen in die nacht hinaus. Eichendorff (1864) 3, 129; ein edelstein an ihrer brust warf in der abendsonne lange grünlichgoldne scheine über die wiese hin. 138; eitle scheine
von blitzen. 584; hier sammelt sich's und dort wieder zu schwebendem scheine. Freytag
handschr. 1, 5; o augen! wohin führen mich die süszen scheine! Tieck
ged. 1, 164; gesegnet seid, ihr ernsten nächt'gen scheine! Brentano
ged. (1854) 3. schein
geradezu für '
licht': wir harren auffs liecht, sihe, so wirds finster, auff den schein, sihe, so wandeln wir im tunckeln.
Jes. 59, 9; das wasser wäscht, und der schyn erlücht alle ding.
Cyrillus 50
a; so musz man jhm des gots namen geben, der allein kan fruchtreich alle geschöpf beleben mit dem schein. Weckherlin 358. 1@ee)
ein leuchtender ring, wie ihn z. b. der mond bei unklarer luft um sich hat, hof: als Descartes im schiff sitzend geschlafen hatte und so lebhafte farbige scheine um das licht bemerkte. Göthe 52, 55;
oder wie die mittelalterliche malerei ihn um die köpfe der heiligen anzubringen pflegte, strahlenkranz, nimbus, aureole; vgl. heiligenschein theil 4, 2, 841. Stalder 2, 312. Schm. 2, 424; nimbus .. it. der schein (wie ein teller) an der heiligen köpffen. Corvinus
4 (1646) 579; ja man hub schon an jre (
der heiligen) bilder, ungescheuet des scheins umm jren kopff, von den altaren für ohnmächtige götzen abzuwerffen. Fischart
bienenk. 4
b; du miszgönnst dem bild des märtyrers den goldnen schein um's kahle haupt wohl schwerlich. Göthe 9, 186; den schein haben,
ein heiliger sein. Schöpf 598; er hat einen heiligen schein. Lichtenberg 3, 73,
unter den '
redensarten, womit die Deutschen die trunkenheit einer person andeuten'. 22)
allgemeiner: strahlendes, prächtiges aussehen überhaupt, ohne dasz an ein eigentliches leuchten zu denken ist. 2@aa)
den übergang bilden stellen, wo es von gott, engeln und heiligen gesagt wird und leuchtenden glanz bezeichnet: ich sehen den geweldigen gottes schin.
Alsfeld. passionssp. 7174; die dort vor uns stann mit dem lichten schine, das musszen engel sine. 7930; do erzeiget in des liehtes schîn ieslîches gewiʒʒen dâ. dâ verstuonden sie sich sâ daʒ eʒ sant Francisken sêle wære, diu den glanzen glast dâ bære. Lampr. v. Regensburg
Francisken leben 2005. 2@bb)
zur bezeichnung menschlicher schönheit. auch hier in poetischer übertreibung zuerst als wirkliches leuchten verstanden, wie die häufigen vergleiche mit der sonne zeigen: sô ist mîns herzen wunne hie diser lichten sunnen schîn, Îsôt mîn vrouwe, die künigî
n. Heinr. v. Freiberg
Tristan 4543; und als er Kamelînen sach glesten unde schînen ... und sie gap sô lichten schî
n. 4433; dû wirst vor mangem manne gekapfet an dur dînen schî
n. Konr. v. Würzburg
troj. krieg 29127; o wie fro musz die fürstin sein, ... und die durch jhren süszen schein jhr, sein und unsre frewd kan mehren! Weckherlin 360; darumb hasz ich auch jhren (
der bisherigen geliebten) schein, dan schön ist nicht was zu gemein. 396;
vgl. auch: leucht't heller denn die sonne, ihr beiden äugelein! bei dir ist freud und wonne, du zartes jungfräulein, du bist mein augenschein.
wunderh. 1, 234
Boxberger. von körpertheilen, im ausgeführten vergleich: ir houbet ist sô wünnenrîch, als eʒ mîn himel welle sî
n. wem solde eʒ anders sîn gelîch? eʒ hât ouch himeleschen schî
n. dâ liuhtent zwêne sternen abe. Walther v.
d. Vogelweide 54, 30; durch îsers râm was lieht sîn (
Parzivals) schî
n. Parz. 256, 10; des wart vil bleich ir liehter schî
n. 574, 2;
mit übergang in die bedeutung 4,
a: ihr zucker-äpffel aller lüste, entblöst den marmol, den ihr hegt, ... was ihr verstecket, kan ohne schein und werth nicht seyn. Hoffmannswaldau
auserles. ged. (1695) 322. 2@cc)
von andern gegenständen: ich will ja nur am schein der fremden weihnachtsgaben mich laben ganz allein! Rückert
ged. (1841) 247;
besonders von blumen: nu siht man bluomen wol getân üeben an der heide ir schî
n. minnes. frühl. 33, 20; sam der liehten bluomen schî
n. Walther v.
d. Vogelweide 42, 12; der schwachen blumen-schein kan eine solche zeit nicht unterwegens seyn. P. Fleming 40. 2@dd)
mit bezug auf die farbe, namentlich vom reinen weisz: aber der schyn der mir (
der taube) angeborn ist, wycht nüt von mir.
Cyrillus 50
a;
doch auch von andern farben: die macht der farbe war ihm (
Johann von Eyck) wie seinen zeitgenossen bekannt, und so brachte er es dahin, dasz er .. den schein der tafel weit über alle erscheinung der wirklichkeit erhob. Göthe 43, 418; er (
der schwarze häher) gedâht, wie daʒ gevider sîn möht gewinnen liehten schî
n. ûf der vart kam er zehant da er eis pfâwen vedren vant, die hâten manger hande schin. Boner 39, 6. 9; die grüne farbe, bei meinem leben, die macht einen allerliebsten schein. Tieck 2, 344. 33)
auch der leuchtende körper wird als schein
bezeichnet (
vgl. 1,
d. e und scheim),
so: 3@aa)
der mond, in Franken. Reinwald
henneb. idiot. 2, 159. Schm. 2, 424;
ebenso findet sich skin
im altn. Alvíssmál (15, 5)
unter den namen des mondes, vgl. Grimm
gramm. 3, 391,
anm. 1. 3@bb)
vom irrlicht (
vgl. 1,
d): ein irrwisch ging im feld', ein wandrer ging ihm nach, gerieth in einen sumpf, und brach in flüch' und vorwürf' aus: verwünschtes licht! so boshaft mich zu hintergehen! mein freund, ich führte dich ja nicht, versetzt der schein, wer hiesz dich meines weges gehen? Ramler
fabellese 23. 3@cc)
färbstoff, schminke (?): ein farb, schein, schminke,
fucus, praetextus. Henisch 1002, 36 (
oder in übertragenem sinne: vorwand?). 3@dd)
bildlich, um etwas als das schönste, herrlichste zu bezeichnen, was alles andere überglänzt oder ihm glanz verleiht: nû machten sich hin beide, vater und mûter an die vart, zû sûchene aber vurwart den sun, ires herzen schî
n. pass. 152, 25
Köpke; mein, mag es immer möglich sein, dasz dein gehör noch nicht vernommen, wie diese stund alher soll kommen der augen lust, der sehlen schein? es ist ein fürstin auszerkohren. Weckherlin 347; sollt ihr das liecht und schein der Themis und ein rath desz frommen fürsten seyn? Opitz 2, 73; so soll er, aller blumen schein, mit blumen angebunden seyn? P. Fleming 42. 44) schein,
glanz, in übertragenem sinne. 4@aa)
ruhm, ansehen u. s. w.; im bilde: wie wirt jhres sigen schein dise welt gantz überglänzen! Weckherlin 353; es führt der grosze schein viel schatten hinter sich. Opitz 1, 56; wie vor der priester hallen die hochgethürmte stadt (
Jericho) auf einmal eingefallen; wie Ai übergieng: die tage geben schein, weil (
so lange) auf der kranken welt nur tage werden seyn. Scultetus
bei Lessing 8, 275; ihren (
der fremden völker) sachen gibt ein schein, und blendet eim die augen fein der geferbet auszlendisch pracht. Melissus
bei Opitz (1624) 163; nicht herrschen; auch nicht dienen, freund- hülff- und tröstlich seyn, disz ziemet sich den weibern, gibt jhrem ruhme schein. Logau 3, 223, 27.
wert, geltung: das glücke deiner gunst hat bey mir gröszern schein als etwan Cäsar selbst und Alexander seyn. Opitz 2, 219. schein der tugend
u. ähnl.: sîner liechten tugenden schîn was bilde an maniger lêre.
pass. 11, 6
Köpke; nach sines namen scine und ort.
Braunschw. reimchr. 2904 (
deutsche chr. 2, 496
b); also findt man der tugent schein, ausz widerstandt und groszer pein, recht wi ausz schwartz leücht weyszer glantz. Schwartzenberg 158
c; die braut ist durch den schein der schönen sitten klaar. P. Fleming 90; alsdann so verheist das mitleiden der bürger ein guten namen dem sterbenden, .. die liebe des weibs ein grabschrifft, der schein der reichthum ein gedächtnus. Schuppius 698. 4@bb)
schönheit, schmuck: der red ein scheyn gäben, wol blümen, ein farb anstrychen, ein liebligkeit gäben,
accersere orationi splendorem. Maaler 350
b. 4@cc)
glück, freude: alsô tuot der hailig gaist, der macht die schein und die glüst diser werlt swarz und unlustig der götleichen sêl. Megenberg 72, 7; du gottes muoter frone, bitt für mich dein kindelein, das mir stifft meines lebens schein. Cl. Hätzlerin 82, 106.
dasselbe bild liegt zu grunde in: mein frölichait gab tunckeln schein. Osw. v. Wolkenstein 13, 9, 1.
ähnlich auch: und wirst du mir gehorsam sein, so soll dich meines segens schein ohn alles end erfreuen. P. Gerhardt
s. 135, 34
Gödeke. 4@dd)
mit dem nebenbegriff der helligkeit, klarheit, schein der wahrheit: und da leucht' erst der wahrheit voller schein, wo sich das herz, der wolke gleich, gespalten. Herwegh
ged. eines leb.2 1, 153.
erleuchtung, einsicht u. ähnl.: dem beruff und amptes-wercke gib, o vater, seine stärcke, groszer doctor, du allein kanst mein bester lehrer seyn. und weil unsre blöde sinnen ohne dich nichts guts beginnen, ach! so lasz es deinem schein nochmals anbefohlen seyn. Schuppius (1701) 207. 55)
eine weitere verblassung der ursprünglichen bedeutung liegt vor, wenn schein
einfach das sichtbarsein oder -werden, das zum vorscheinkommen eines gegenstandes bezeichnet. diese verwendung findet sich besonders in der älteren sprache in den verbindungen 5@aa) schein thun (
mhd. schîn tuon),
seltener machen, lassen,
mhd. erscheinen eines dinges,
es zeigen: ich tuon iu triuwen schî
n. Nib. 1014, 3; diu tet im umbevâhens schî
n. Parz, 199, 24; ruocht irs, si tâten strîtes schî
n. 263, 30; der worte ich tuon mit werken schî
n. Hartmann v. Aue 1.
büchlein 1095; süeʒer vater, nû erscheine dînen kinden ... veterlîcher triuwe schî
n. Lampr. v. Regensburg
Franzisken leben 4038; des machte ir wol di frouwe schin.
Elisabeth 2438
Rieger; nu dede der milde Assundîn sîns getrûwen herzen schî
n. Berthold v. Holle 1456; de deden erer manheit schin.
hartebok 251
a, 59
b bei Schiller-Lübben 4, 95
b; sant Thomas, der vil edel herr, der tuo uns seiner hilfe schein! Uhland
volksl.2 603 (298, 6, 7); als wir die christen wellen syn und duont mit wercken kleynen schyn. Brant
narrensch. 110
b, 53. 5@bb)
entsprechend einer sache ist schein,
sie ist offenbar, wird schein,
sie zeigt sich: wer daʒ geloubt, daʒ niht mag sîn, da ist nicht grôʒer witzen schî
n. Boner 92, 70; mit lere, der im wart ein schin.
pass. 40, 21
Köpke; er gibt dir gut mit triuem muot, wirt im deiner hilff scheine. Cl. Hätzlerin 1, 27, 96; Barraban ward genaden schein. 2, 83, 110.
so auch mhd. durch schîn eines dinges,
um es zu zeigen: dhe durch scin groʒer truwe vornuwete daʒ gebuwe in dher burch zo Bruneswich.
Braunschw. reimchron. 2814.
die damit parallel gehenden, häufigern verbindungen etwas schein thun
u. s. w., etwas ist, wird schein,
s. schein,
adj. sie sind oft schwer von den obigen zu scheiden, vgl. z. b.: ih wil dir lâʒen schîn, daʒ ih ein gwaldich got bin. Lamprecht
Alex. 3006
Kinzel; thön hüte den armen sele hulfe schin. Mone
altd. schausp. 114, 160. 5@cc)
hierher gehört auch die eigenthümliche verbindung ahd. scîn uuegan (
mit gen.),
gewahr werden, deutlich erkennen, erfahren, die besonders Otfrid
geläufig ist, vgl. Graff 1, 657: ni woltun wir gilos sîn,harto wegen wir es scî
n. Otfrid 1, 18, 15 (
vgl. die anm. von Erdmann); thuruh unser ubilîjoh managfalto fravilî, thâr wir ana lâgunjoh hart es scîn uuâgun. 4, 1, 46 (
in diesen stellen fast in dem sinne: für etwas büszen); ginâda thîn in wâraist harto filu mêra (
als meine sünden), thiu wola iʒ allaʒ ubarmag,sôso ih ofto scîn wag. 4, 31, 33; hêrro, in thir uuigic (
ich) scîn,daʒ thû maht forasago sî
n. denkm. 10, 28 (
vgl. die anm.). 66)
dann auch mit veränderter beziehung, blick,
ebenfalls nur in der ältern sprache: er wil daz du die vorstantnisse und die gerunge zu samene spannes und lazes dar uoz gen einen schin als von eime ougen. Schönbach
altd. pred. 1, 23, 3;
gesichtskreis, sehweite: worden en genamen 50 par ossen in des Russen schine.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 95
b; daʒ sol nicht verre ab herzen sîn, daʒ verre ist ab der ougen schî
n. Boner 47, 114.
anblick: daʒ ich der este schin verlôs und ouch des loubes lützel kô
s. Iwein 613; nein hêrre, al der frouwen schîn ist vor iu verborgen.
Parz. 561, 14; was uns liep das leben sin, das thu auch sines todes schin!
Alsfeld. passionssp. 7543. etwas in seitenschein, zu einem seitenschein nehmen,
von der seite besehen: dann ich jm einen anblick gab von unden auff, dann ob hinein, dann nam ichs zu eim seittenschein und bsach die ziffern und die zeichen.
aller prakt. groszvater, s. anz. des germ. mus. 1865, 232. 77)
die art und weise, wie etwas sich zeigt oder zum vorschein kommt. 7@aa)
das aussehen: nâch rabens varwe was ir schin.
Parz. 20, 6; die (
damen der Ginover) truogen minneclîchen schî
n. 310, 4; himel und erde was doch sîn (
gottes sohnes) und truoc doch armeclîchen schî
n. Lampr. v. Regensburg
Francisken leben 270; eʒ bewært nicht iuwer varwe schîn, daʒ ir arznîe künnint geben. Boner 68, 20; du stock, die gantze stadt die kennet deinen schein; kreuch in ein löwen-fell, so reden doch die ohren. Opitz 1, 56. 7@bb)
art und weise, wie jemand sich zeigt, benehmen: ir hât sô menlîchen schîn begân (
euch so männlich benommen).
Crane 2315; di werden pilgerine, in fruntlichem schine zu ein ander quamen.
Elisabeth 6066
Rieger; dâ hât das recht kain andre gstalt, wann trieb man frevel und gewalt, und desgeleichen folgt der schein von allen, die gewaltig sein. Osw. v. Wolkenstein 26, 110. 7@cc)
aussehen, anschein, form, gestalt, charakter eines dinges: species .. scheyne gestalt Dief.
gloss. 545
b; gestalt, schein, geschicke, model,
figura, species, filum, habitus, typus. Henisch 1570, 56; daʒ der (
Christus) dîn bruoder ist worden und sich dir geben wil in eime frömden schîne.
d. mystiker 1, 262, 29
Pfeiffer. geistlichen schein annehmen,
ein geistlicher werden u. ähnl.: o kinder, denne möhtent soliche wellen das siu nie geistlichen schin hettent gewunnen. Tauler
bei Wackernagel
leseb. 1, 869, 33; item es sol ouch kain gotzhusmentsch sich lassen wihen noch kain orden an sich nemen, noch kain gaistlichen schin ane ains apts willen. Grimm
weisth. 4, 490, 30.
meist mit folgendem genitiv: von der kraft sich unsers herren frônlîchame verwandelt in den schîn des brôtes.
d. mystiker 1, 273, 3
Pfeiffer; ich sehe en (
Christus) dort mit mynen augen, alleyne daʒ ist gar tougen verborgen in eynes brotes schin. Mone
altd. schausp. 149, 145; der aller geschephde meister ist ... der mac ouch, wil erʒ gerne sîn, haben aller geschephde schî
n. Vridanc 4, 24; die wîl wir haben menschen schîn, so enmuge wir engel niht gesî
n. Lampr. v. Regensburg
Syon 2208; von wellicherlay geschlecht die werd lieb möcht gesein, weib, man oder tyeres schein. Cl. Hätzlerin 2, 68, 88.
in einigen der angeführten stellen steht es pleonastisch. zuweilen als umschreibung gebraucht, ähnlich wie lîp
im mhd.: dâ saher manger frouwen schîn und mangen rîter jungen.
Parz. 512, 28.
noch mehr nähert sich schîn
der bedeutung von lîp
in stellen, wie: mîn schîn ist hie noch: sô ist ir daʒ herze mîn bî, daʒ man mich ofte sinnelôsen hât. Walther v.
d. Vogelweide 98, 9; ob alle sêle möhten sîn in einer hant, son künde ir schîn nieman grîfen noch gesehen. Vridanc 17, 10.
andererseits dient manchmal schein,
um diesen charakter als einen angenommenen, '
scheinbaren'
zu bezeichnen, also im gegensatz zum wesen, mit dem es an andern stellen gleichgesetzt wird (
vgl.: eʒ was et sô umb in (
Erec) gewant daʒ wîten über elliu lant was sîn wesen und sîn schî
n. Erec 10048).
von hier aus geht es leicht in die bedeutung 10
über: wer einen geistlîchen schîn treit und nicht einen geistlîchen grunt, des gemanet mich alse eines pfenniges der dô innen kupferîn ist und ûʒen uberguldet.
d. mystiker 1, 145, 40
Pfeiffer; so könnt ich mir ja noch den schein einer heldin geben. Schiller
kab. u. liebe 4, 7;
verkleidung: unde ginck in eme schine enes gokelers in dat telde des konnynges.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 95
b; in (
Achilles) hete sêre des bevilt, daʒ er sô lange bî den tagen het einer megede schîn getragen. Konr. v. Würzburg
troj. krieg 28562; die creuzer komen (
kamen) in dem schein über die pruder den margt ein. Behaim
Wiener 364, 17. 7@dd)
daher auch '
bild, abbild'
in concretem sinne. 7@d@aα)
bild, gleichnis, etwas, was einem gegenstande gleich oder ähnlich ist: unz daʒ der Wâleis übersach ... sînes wîbes glîchen schîn ... ich meine den geparrierten snê.
Parz. 295, 5 (
vgl. 282, 20
ff.);
so auch: daʒ er ê hêt gesehen disen ritter oder sînen schîn (
einen ihm ähnlichen). 18, 13—?; so ist gottes wort nichts anders dann der ausflusz, wesenausgusz, bild, charakter und schein gottes in allen creaturen. S. Franck
lob des göttlichen worts (2.
theil des encom. moriae) 168
a. 7@d@bβ)
nachbildung, bild: sus was des selben tieres schin in einen swarzen samît gesniten lanc unde wît.
Wigalois 271, 11 (10635). 7@d@gγ)
abbild, spiegelbild, widerschein im wasser: diu katz hât ir gleiches alsô liep, ist daʒ si sitzet oben auf ainem tiefen prunnen und siht irn schein niden in dem waʒʒer .. Megenberg 152, 6; als er (
der hund) kam mitten in den bach, sein eigen schein neben jm ersach. B. Waldis
Esop 4, 6. 7@d@dδ)
schattenbild, schatten überhaupt: er gehet daher wie ein schein,
vix ossibus haeret, diciturque de homine victo, et exsangui Stieler 1752; der gute Solande gieng wie ein schein auff der gasse und wie ein schatten vor aller menschen augen.
polit. stockf. 188; ich erkande in und woldin hân begriffen: done was wan ein schî
n. Albrecht v. Halberstadt 27, 179
Bartsch; ich aber sterbe bald, beraubet meiner selbst, und ähnlich einem scheine. Opitz 2, 228.
daher auch um etwas ganz geringes zu bezeichnen: und hast du was gefunden? kaum den schein. Göthe 9, 224. 88) schein,
helligkeit, sichtbarkeit, in abstraktem sinne, augenschein, evidenz, gewiszheit, evidentia ocularis. Scherz-Oberlin 1387. Haltaus 1607. 8@aa) dem scheine nach, in schein
u. ähnl., augenscheinlich: ende si is hem oec in schijn boven allen dinghen lief ende weert.
Reinaert 4598; die kindlin klagten, und allzeit nach dem vatter fragten, empfunden gar in offnem schein, das nit war, wie es pflag zu sein. B. Waldis
Esop 4, 70, 27. 8@bb)
was diese evidenz hervorbringt, beweis, zeugnis, anzeichen: dat is eyn secker schyn, dat se des noch nicht eins syn. Daniel v. Soest 138
Schmitz; des musz ich haben waren schein. B. Waldis
Esop 1, 50, 23; also on massen trauwrig seyn ist kleinmütiges hertzen schein. Kirchhof
wendunm. 1, 61
Österley (1, 50); ein weiser dann erst rede führt, ... wenn ihm das schweigen brächte noth, ... drum ist sein wort der weiszheit schein. Olearius
pers. rosenthal 46
a (3, 6).
sichtbares zeichen, concret: ende oft also valt, dat sie dat huys nyet besien enmoeten, so soelense rechte voert een schyn (
andre lesart: dath schw,
vgl.schau 4,
b) dat is een noetteken op setten. Richthofen 349, § 7. 8@cc)
so namentlich als technischer ausdruck des altdeutschen rechts, blickender schein, offenbarer schein,
vorzeigung des corpus delicti, vgl. Grimm
rechtsalterth. 879
f.: also dat hie dat myt dem openbaren schine bewisen wolde.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 95
b; uppe dem blyckenden schine
ebenda, vergl. auch brem. wb. 6, 285;
olim flagrans delictum non tenebatur, nisi in continenti probaretur evidenter, mit dem schein,
s. mit dem offenbaren scheine,
i. e. ipso facto et corpore, quod vocant delicti. Haltaus 1607; de kleger scholle ene vortügen (
überführen) mit dem schine und mit seven handen.
quelle s. ebenda; etwas durch leiblichen schein beweisen
ebenda; blickender schein,
evidentia facinoris, vel corpus delicti in judicium proferendum. 172; welck rover offte deyf vor gerichte wort gebracht mett blick unde met schyne, des blickenden schyns ist des richters de derde deel.
quelle s. ebenda; dasz man im rechten keinen frien scheffen umme eingher miszdat willen an sin lib und ehre mit gewaltliche griphen off tasten en soile .. er en wurde dan begripfen mit handhefftiger dat (
in flagranti), oder mit blychendem schyne und gichtigem (
geständigem) munde. 173.
bei mordklagen gilt die leiche als schein: wert en man dot gheslaghen .. unde wert dar eneme schult umme gheven, me mach ene gripen unde bringhen ene to deme schine. Schiller-Lübben 4, 96
a;
oder eine der leiche abgeschnittene hand oder finger: man hält dafür, es sey dem entleibeten eine hand abgenommen, und verwahrlich aufgehoben worden, welche das schein gewesen.
hannov. gel. anz. 1752, 1121.
hierher gehört auch eine besonders im bremischen üblich gewesene art des gottesgerichts, das scheingehen
oder zum schein gehen,
welches darin besteht, dasz der eines totschlags beschuldigte vor gericht nackt zu dem verdeckten schein (
leiche oder theil derselben)
herantritt, und, wenn kein zeichen eintritt, für freigesprochen, wenn dagegen z. b. blut aus der wunde flieszt, für schuldig gilt. s. hannov. gel. anz. (1752) 1121—24. Scherz-Oberlin 1387; de ordelvinder hadde gefunden, he scholde tom schyne gan, edder zick entleggen na lude unses bokes.
quelle im brem. wb. 6, 285.
diese sitte ist nur ein überrest des uralten bahrgerichts, das bekanntlich auch im Nibelungenliede vorkommt, vgl. Grimm
rechtsalterth. 930
f. 8@dd)
über die weiterentwicklung dieser bedeutung zu der jetzt üblichen '
schriftlicher beweis, document'
s. 11. 99)
während schein
in den angegebenen fällen die volle gewiszheit, evidenz bezeichnet, gibt es in andern nur eine relative gewiszheit an, wahrscheinlichkeit, grund, berechtigung: man kann mit einigem schein sagen, die sache hat allen schein für sich
u. ähnl.; was er dann weiter ausz Joanne pringet .. das hat etwas mehr scheins. aber es will doch nichts verfahen. Fischart
bienenk. 72
a; man kann allen schein darin setzen, dasz die subjective bedingung des denkens für die erkenntnisz des objects gehalten wird. Kant 2, 693; über dieses ausschweifende anerbieten sind von den feinden der reformirten verschiedene auslegungen gemacht worden, welche alle einigen schein für sich haben. Schiller 7, 249; keinen schein (
grund, recht) zu etwas haben
u. dergl.: das können sie mit keinen schein leugnen. Luther 6, 7
b; dasz jhr von vilen seit geehret, dasz jhr von vilen werd begehret, mag wol wahr sein: dasz aber jhr der andern sehlen könt so sehr als die meine quählen, hat keinen schein. Weckherlin 293. einen schein haben, der sache einen schein geben,
zunächst wahrscheinlichkeit, glaubwürdigkeit, dann auch ansehen (
vgl. 4,
a): der himmel stehe allezeit stille, die erde aber werde bewegt, und dieser meynung geben sie (
die gelehrten) einen solchen schein, dasz ich ihnen selbst beyfall geben wolt, wann nur die schrifft nicht im wege stünde. Schuppius 649; alle falsche lere kompt ausz heucheley her, und hat ein groszen schein und ansehen vor der welt. Mathesius
Sar. 102
b; das wär gut, gäb auch der sache einen schein, wenn's der Götz thät. Göthe 8, 139. 1010)
endlich steht schein
geradezu im gegensatz zum wesen, zur wirklichkeit, etwa wie der schatten zum körper. diese bedeutungsgruppe ist besonders in der neueren sprache reich entwickelt. 10@aa)
der gegensatz tritt zu tage in stellen wie die folgenden: want daer veel op eerden leeft, die van buten draghen schijn anders, dan si van binnen sijn.
Reinaert 4311 (
vgl. Reineke vos 4271); was in deme schine en monnick, men in der warheyt en duvel.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 95
b; die da haben den schein eines gottseligen wesens, aber seine krafft verleugnen sie.
2 Tim. 3, 5; wenn sich nun der verstand aus unwissenheit betrügen lässet, und den falschen wahn oder schein für das wahrhafte, wesentliche gutt ergreift. Butschky
Pathm. 343; ihrer vil folgen dem blinden urteil, des gemeinen mannes; welches alleine auf den euserlichen schein gehet, und das rechte wesen unberühret lässet. 493; es kommt bei der auflösung einer antinomie nur auf die möglichkeit an, dasz zwei einander dem scheine nach widerstreitende sätze einander in der that nicht widersprechen. Kant 7, 207; ich weisz keine tugend, keine vollkommenheit, wovon er (
Alcibiades) nicht entweder den schein oder die wirklichkeit besäsze. Wieland 3, 329; denn das meiste, was ich bisher producirt habe, hat nur den schein, keineswegs das wesen. der schein musz und wird mit der zeit, so sehr er auch jezt gleiszet, abfallen, das wesen aber bleibt ewiglich. Bürger
briefe 1, 308; deine (
des malers) arbeit ist gaukelwerk — der
schein weiche der
that. Schiller
Fiesko 2, 17; die natur selbst ist es, die den menschen von der realität zum scheine emporhebt, indem sie ihn mit zwey sinnen ausrüstete, die ihn blosz durch den schein zur erkenntnisz des wirklichen führen.
werke 10, 371; die lügnerin, gedungen von despoten, hat für die wahrheit schatten dir geboten, du bist nicht mehr, wenn dieser schein verfällt. 4, 28; Simplex ist ein grober mann; was er sagt, das pflegt zu sein; Duplex ist ein hofe-mann; was er sagt, hat bloszen schein. Logau 2, 221, 66; der schein, was ist er, dem das wesen fehlt? das wesen wär' es, wenn es nicht erschiene? Göthe 9, 298; und hinter ihm (
Schiller), in wesenlosem scheine, lag, was uns alle bändigt, das gemeine. 13, 170; grüszt mir die Undinen, und bittet sie um ihrer fluthen schein. durch weiberkünste, schwer zu kennen, verstehen sie vom seyn den schein zu trennen. 41, 281; kann der schein sich also hüllen ins gewand der wirklichkeit? Grillparzer 3, 23; wir leben aber in der welt des scheins! Hebbel 3, 125.
so auch in vielen sprichwörtern: (der) schein trügt Simrock 8911 (
vgl. Wander 4, 119, 4); schein betreugt Schottel 1135
b; der schein betrügt, der spiegel lügt. Simrock 8912; viel schein, wenig wein. 8913. 10@bb) schein
zur bezeichnung des unwirklichen: er (
der leib) lebt nur auff den schein (
scheinbar). P. Fleming 32; doch, wer will jene blöden, die klugen auff den schein, was bessers überreden? 84; und diese ruhe war nur schein? Schiller
don Carlos 2, 10; welche haben einen schein der weisheit durch selb erwelete geistligkeit und demut.
Col. 2, 23; wann dann einer so umb ubertrettung und missethat zu straffen, und daher empörung zubefahren, wil es rathsam seyn eine solche straffe zu üben, die einen schein der ehren nach sich führe. Schuppius 557; seine gesundheit ist nur ein schein, es (
das kind) wird uns unter den händen wegsterben. Göthe 20, 298. 10@cc)
von der täuschung der kunst: sie (
die dichtkunst) spielt mit dem schein, den sie nach belieben bewirkt, doch ohne dadurch zu betrü
gen. Kant 7, 191; zum scheine ist er (
der schauspieler) berufen. Göthe 20, 25; die höchste aufgabe einer jeden kunst ist, durch den schein die täuschung einer höheren wirklichkeit zu geben. ein falsches bestreben aber ist, den schein so lange zu verwirklichen, bis endlich nur ein gemeines wirkliche übrig bleibt. 26, 65; recht behaglich kann uns das werk (
der schattenrisz) nicht machen, denn es fehlt ihm die kunstwahrheit als schöner schein. 38, 129; der schein soll nie die wirklichkeit erreichen, und siegt natur, so musz die kunst entweichen. Schiller 11, 324.
so auch im plural von den gebilden der kunst und dichtung: pflanzen .. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren könnten, und nicht etwa mahlerische oder dichterische schatten und scheine sind, sondern eine innerliche wahrheit und nothwendigkeit haben. Göthe 28, 244. 10@dd)
so auch in der verbindung der gute schein
u. ähnl., gutes äuszeres aussehen, anstand, ansehen vor der welt, wobei die nichtübereinstimmung mit dem innern wesen stets einbegriffen ist: item was für zauberey sy (
die römischen christen) mit jrem geweichten bezauberten wasser .. anfahen, und disz alles on scham als gerecht und christlich in guotem schein fürgeben. S. Franck
weltb. 134
b; man erwartete die alltägliche sitte der gekünstelten und auf den schönen schein vorsichtig angelegten äuszerung. Kant 7, 201; dasz der schöne, aber falsche schein, der gewöhnlich in unserem urtheile sehr viel bedeutet, hier (
in der naivität) plötzlich in nichts verwandelt .. wird.
ebenda; wenn er (
der künstler) bemerkt, dasz die welt sehr leicht zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gefälligen, behaglichen schein begehrt. Göthe 20, 248; der gute schein nur ist's, worauf sie warten. Schiller
Tell 1, 2; war ich, wofür ich gelte, der verräther, ich hätte mir den guten schein gespart.
Wallensteins tod 1, 4.
so auch der böse schein: meidet allen bösen schein.
1 Thess. 5, 22; ein frommer eheman .., der sich vor allen bösen, unnd was ein unerbarn schein hat, gehütet. Mathesius
Sar. 19
b. 10@ee)
ein vorgeben, das der wahrheit nicht entspricht, vorwand; schein,
praetextus, excusatio, gleisze, dekmantel. Schottel 1396;
simulatio, praetextus, diverticulum, latebra, ohne schein,
sine fuco et fallaciis. Stieler 1751
f.; mit einem gesuchten schein und fuco beschönen.
brief von 1597
bei Haltaus 1608; aber die oberkeit so christlich ist, und das evangelium leidet, derhalben auch die bawren keinen schein wider sie haben, sol hie mit furchten handeln. Luther 3, 124
b; dabey macht er auch solcher teufelischer lere ein schein, gab für, er hette von himel offenbarung. 126
a; und solche lügen und mord, sind alsdenn aller erst der recht teufel, wenn sie erger sind denn Kains lügen und mord, welcher keinen schein hatte zu seiner bosheit, der ein einfeltiger schalck .. war. 6, 151
a; und machten ein schein, er hette das königliche gebot nicht gehalten. Melanchthon
in corpus doctr. Christ. (
Leipzig 1560) 523; wer sophisterey übet, das ist falschen schein für gibet.
ebenda; was wolt ihr euch aber fur eyn schein machen widder sölche unterschiedliche lere zufechten? Alberus
widder Jörg Witzeln mammeluken L 8
b;
wachtmeister. meynst du, man hab' uns ohne grund heute die doppelte löhnung gegeben ...?
trompeter. die herzogin kommt ja heute herein mit dem fürstlichen fräulein —
wachtmeister. das ist nur der schein. Schiller
Wallensteins lager 2. 10@ff)
so namentlich in präpositionalen fügungen. 10@f@aα) mit dem schein (
vorgeben),
jetzt kaum noch gebräuchlich: darumb zog er in Syrien mit diesem schein, als keme er wie ein freund. 1
Macc. 11, 2; welche (
knechte) aber gleubige herrn haben, sollen die selbigen nicht verachten (mit dem schein) das sie brüder sind.
1 Tim. 6, 2; der wirth schrie, sie solten von ihm ablassen, weil er sie doch schon berichtet hätte, dasz er ein thor wäre, und dz er mit solchem schein und fürwenden sich von aller straff losz würcken würde, wann er sie schon alle über einen hauffen umbbrächte.
Harnisch 51; darnach hastu mit falschem scheine dich gstellt, als werstu frum und reine, mit sölchem schein die leut betrogen. P. Rebhun
Susanna 5, 4, 247—249 (
schausp. aus dem 16. jahrh. 1, 88);
nd. mit schien
unter dem vorwande. brem. wb. 6, 285;
im holsteinischen dagegen bedeutet diese verbindung '
dem anschein nach': mit schien wart et regnen Schütze 4, 40
f. 10@f@bβ) under dem scheine,
z. b. der freundschaft etwas thun: under dem scheyn einer bottschafft ist er in Asiam abgefertiget,
per speciem legationis in Asiam ablegatus est; under falschem scheyn, fälschlich,
in speciem Maaler 350
b; unter dem schein rechtens,
sub specie recti Stieler 1752; einen unter dem scheine der redlichkeit betriegen,
specie probitatis aliquem fallere Steinbach 2, 417; unter dem schein eines dings,
sub specie alicujus rei, per simulationem; unter dem schein oder vorwand des rechtes,
specie recti, praetextu juris. Frisch 2, 171
a; unter solchem schein, treibestu je mehr und mehr bosheit.
Jer. 2, 31; dasz auch endlich der hofemeister sich mit einem briefe unter dem scheine eines geistlichen gelübdes nach Regenspurg begab. Hofmannswaldau
bei Steinbach
a. a. o.; unversehens kam die frau Susanne mit zwei meiden in den garten gangen, underm schein, als wolt si badn eine weile. P. Rebhun
Susanna 4, 4, 235 (
schausp. aus dem 16. jahrh. 1, 74);
in andrer fügung: der vornehme poet Juvenalis, welcher als er wider den käyser Domitianum miszhandelt hatte, wurde er unter dem schein eines hauptmanns in Egypten relegiret und verbannet. Schuppius 557.
die ältere sprache verwendet in ähnlicher weise auch im scheine: im schiene (
unter dem vorwande) alse dat se öhme de Fredeborch thom forfange (
zum possen) buweden.
quelle im brem. wb. 4, 656; (
ihre tücke,) die sie verborgn hat etlich jar, im schein der ern und züchtigkeit, als wer sie selbs die reinigkeit. P. Rebhun
Susanna 3, 3, 186 (
schausp. aus dem 16. jahrh. 1, 59);
so auch: in was gesuchtem und geferbtem schein das geschehe.
urk. von 1600
bei Haltaus 1608;
ferner auf den schein: sie fuhren in die welt, und sprachen auff den schein, als käm' es unversehns bey diesen rittern ein. P. Fleming 163. 10@f@gγ) dem scheine nach
und andre verbindungen, die '
scheinbar'
bedeuten: wenn man sätze der art dem scheine nach demonstrirt sieht. Herder
z. phil. u. gesch. 9, 159; und ob auch der benannten zeugen einer oder mehr ... kundschafft zu sagen sich sperren oder wiedern wird, in was schein das beschehe. Ayrer
proc. (1600) 333; seine frau und kinder wurden gefangen gesetzt, und dem scheine nach mit der gröszten grausamkeit behandelt. Schiller 4, 131; wie im schein ein erbar leben hat gefüret frau Susann, Helchie kind und Jochems weibe. P. Rebhun
Susanna 4, 1, 33 (
schausp. aus dem 16. jahrh. 1, 66); die seele die ist fort. mein leib lebt auff den schein. P. Fleming 172.
in der verbindung dem ersten scheine nach
nähert sich schein
der bedeutung 6 (
dem ersten blicke, eindrucke nach): mit der beleuchtung der Saturns-einwohner aus ihrem demant-ringe .. verhalte es sich nach weitern entdeckungen auch anders, als man dem ersten scheine nach annahm. Herder
z. phil. u. gesch. 9, 186. 10@f@dδ) zum schein, scheins halber
u. ähnl.: zum schein thun,
simulare Frisch 2, 171
a; also (
war) auch diser unser latz, nit auff den schein: dann so lang weit und breit er war, so wol war er von innen proviandirt. er trug jn nicht zum vorwort.
Garg. 115
a; man nöthigt ihn zu trinken, er entschuldigt sich, weil er keinen wein vertrage, trinkt aber doch, um sich zum schein zu betrinken. Schiller 4, 331; und ist numer geneigt sein (
des spielers) sin weder zu rew peicht oder pusz dan was er scheinszhalben thun musz.
fastn. sp. 1291;
nd. dat deit he man tom schien des gerechten (
um sich den anschein der rechtschaffenheit zu geben, aus heuchelei). Schütze 4, 41;
daneben auch vör den schiin. Dähnert 405
b. 1111)
aus der bedeutung 8,
b ('
beweis')
flieszt eine andre, namentlich in der neueren sprache sehr gebräuchliche, nämlich die eines schriftstückes, das zur erhärtung oder bestätigung von etwas dient, schriftlicher beweis, document, urkunde. so schon im spätern mhd. und mnd: nachdem he ein schyn und bewys vorgebracht, darinne ehm allerley broth tho baken is vorgunnet worden.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 96
a; weder durch versigelte briefe oder keinen andern schî
n. quelle bei Lexer
handwb. 2, 747 (
aus dem j. 1417,
ebenda auch ein beleg von 1410); schein, eine schrift zum zeugnisse einer vollbrachten sache,
scriptum testimonium. Steinbach 2, 417; schein, specification, die ein kaufmann gibt, was man für waaren bey ihm genommen,
testimonium debiti liberandi Frisch 2, 171
a; schein, dasz etwas bezahlt worden,
testimonium debiti liberati. ebenda; schein,
recepisse Apin 483; einen schein von sich stellen,
apocham, documentum, literas confessorias tradere. Stieler 1752.
vgl. auch bescheinigen, bescheinigung
und die zahllosen zusammensetzungen von schein,
wie bankschein, bürgschein, empfangsschein, geburtsschein, impfschein, legitimationsschein, pfandschein, postschein, schuldschein, taufschein, trauschein, totenschein, zwanzigmarkschein
u. a. m.: des hetten sie noch keinen schein beigelegt oder furbracht, darumb sein gnade das nicht mer dan vor wort hilde, wo aber der schein vorgelegt wurde, so behalde er im sein inrede dawieder zuthun.
urk. von 1474
bei Haltaus 1608; weil aber zu besorgen, das Karlstat doctor Martinus seins vleisz, wo er sich des gegen im entschuldigen wurd, ane schein nicht werde glauben geben.
die kurf. räte an kurf. Friedr. v. Sachsen d. 9.
märz 1525 (
Weim. arch.); he hebbe sick denn tho forderst mit uns uthgesohnet, ock mit dem kläger verdragen und daraver van uns genochsamen schyn und bewyss bekomen.
Ditm. landr. vom j. 1567, 3, § 7,
bei Haltaus
a. a. o.; davon solle alsdann erst denen, so sich des fürkaufes gebrauchen und derowegen schein aufzulegen haben .. bewilligt werden.
tirol. weisth. 1, 25, 39; sol ain ieder .. ain aigentlichen glaubwierdigen schriftlichen schein den albmaistern ... für- und aufleg(en). 2, 116, 15; sie haben dann zuvor ... dem herrn pfarrer einen schriftlichen schein fürzuweisen, darinnen ein ehrsame gmein solliches nachzugeben gewilligt habe. 3, 241, 15; da füegte sich bemelte Faulhensin selbs zu ime (
graf Christof) ... und bat ine umb erlassung der aigenschaft, das er ir gleichwol bewilliget, auch dessen ein schin gab.
Zimm. chron.2 3, 309, 38
Barack; glaubwürdigen schein und urkund meines herkommens und ehelicher geburt halber zu wege zu bringen.
Simpl. 2, 41, 12; dasz aber solches nit wahr sey .. ist aus gegenwärtigem buche zu ersehen, als worinnen sich genugsame glaubwürdige urkunden und zeugnussen dessentwegen befinden werden. mit dem zog er ein buch aus dem sack und blättert darinn herum, dem umstand seine glaubwürdige schein zuweisen.
Simpl. schrift. 3, 184, 7; da liegen deine dreyhundert thaler ... meinen schein gibst du mir gelegentlich wieder. Göthe 7, 122; aber ach! da kommen juden mit dem schein vertagter schuld. 1, 194; bey unserm heil'gen sabbath schwor ich es, zu fodern, was nach meinem schein mir zusteht.
Shakespeare kaufmann von Venedig 4, 1. 1212)
besonderheiten. 12@aa) schein
in astronomischen ausdrücken zur bezeichnung der verschiedenen constellationen: gegenschein der planeten,
oppositio, gesechster schein,
sextilis, gevierter schein,
quadratus, gedritter schein,
trigonus. Frisch 2, 171
a; ein phantastisches analogon der wirksamkeit unseres directen und obliquen widerscheins finden wir schon in der astrologie, doch mit dem unterschiede dasz von ihren eingeweihten der directe widerschein, den wir als heilsam erkennen, für schädlich geachtet wird, mit dem geviertschein jedoch .. haben sie es getroffen, wenn sie denselben für widerwärtig und unglücklich erklärten. wenn sodann der gedrittschein und gesechstschein .. von ihnen als heilsam angenommen wird, so möchte diesz allenfalls gelten. Göthe 55, 52; denn lange war er (
Mars) feindlich mir gesinnt, und schosz mit senkrecht oder schräger strahlung, bald im gevierten, bald im doppelschein die rothen blitze meinen sternen zu. Schiller
Wallensteins tod 1, 1; und mond und sonne im gesechsten schein.
ebenda (
lesart).
beim gegenschein
stehen die betreffenden planeten sich innerhalb des thierkreises diametral gegenüber, beim gedrittschein
sind sie um einen bogen von 120°,
beim geviertschein
von 90°
u. s. w. von einander entfernt. vgl. auch gedritt,
theil 4, 1, 2040, gegenschein 2257.
in bezug auf den mond bezeichnet der neue schein
oder schein
schlechthin den neumond. vgl. Schm. 2, 424, jennerschein,
novilunium januarii, horn-schein,
novilunium februarii u. s. w. Frisch 2, 171
a. 12@bb)
keim, trieb, blütenknospe, der traubenkamm am weinstock in der blüte, besonders im Rheingau. Sartorius 106.
dafür auch geschein,
s. theil 4, 1, 3852: weinstöcke in geschützten lagen, an wänden, deren trauben verdarben, stehen in diesem augenblicke wieder mit frischen scheinen geziert.
Frankf. journ. 1854,
nr. 250. 12@cc)
das nd. adverb schîns,
α)
gerade, aufrecht Frischbier 2, 274
b,
β) schiens
oder schüns,
schräg, gehört wol nicht hierher.