scheinbar,
adj. glänzend, klar, offenbar, sichtbar, anscheinend: scheynbar, vast heiter, gwüssz,
illustris, perspicuus, manifestus, conspicuus, elucens, evidens, dilucidus, fulgidus, splendidus. Maaler 350
b.
ableitung zu schein,
also eigentlich was schein
an sich trägt. ahd. scînbâri,
manifestus, splendidus, fulgens, fulgidus, adv. scînbâro,
clare, splendide, liquide Graff
[] 6, 511;
mhd. schînbære, schîmbære (
adj. u. adv.) Lexer
handwb. 2, 742. 748;
dazu die nebenform ahd. scînbârig,
mhd. schînbærec
ebenda; mnd. schînbar Schiller-Lübben 4, 96;
ebenso nnd. und alem., schweiz. auch assimiliert zu schimper. Hunziker 221. 11)
glänzend, leuchtend, hell. candens .. schien-, schinbar Dief.
gloss. 94
c,
candidus .. schienbar wysz
ebenda, clarissimus .. der aller schinbarst 125
c,
fulgidus .. schinbar 250
c,
nitere .. scheynbar
vel liecht werden 381
b,
rutilans .. scheinbar 505
a,
rutilus hd. schinbare, -bar, -ber 505
b,
splendidus .. scheynpar 548
a,
coruscus .. schinbare 153
c, scheinpar
nov. gloss. 116
b,
lucidus scheinber 240
a,
nitidus scheinper, glantz 264
b; scheinbar,
lucidus, dilucidus, fulgidus, splendidus, epiphanes, lat. illustris. eyn wenig scheinbar,
sublucidus. scheinbar machen,
clarificare Dasypodius.
in diesem sinne nicht mehr gebräuchlich. 1@aa)
glänzend im eigentlichen sinne: sî (
das sternbild der krone) rûoret Bootem an dien ahselon, harto skîmbariu einahalb, unde aber anderhalb tuncheliu. Notker 1, 771
Piper (
Mart. Cap. 2, 1); ein sterne erschein in oberlant alsô schînbâre und alsô grôʒ, daʒ sîn schîn al umbe flôʒ und erlûhte die werlt wit.
erlösung 3264
Bartsch. glänzend weisz: und als der selbig leymen (
lehm, kot) anzeigt die gestalt einsz herten bodens, hat die dub darin getretten und als bald verwüstet iren schynbaren lyb.
Cyrillus 50
b;
vom glanze des wassers: tiu (aha) daranâh ran, diu uuas coldfaro, unde skîmbare (
fulgidus). Notker 1, 707
Piper (
Mart. Cap. 1, 11);
so auch: sîn (
des brunnens) flôʒ was schînpær unde grôʒ. Heinrich v. Neustadt
v. gotes zuok. 1622
Strobl (
s. gloss., als '
sichtbar'
erklärt?). 1@bb)
vom tageslichte: ymme schynbar (
hellen) dage.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 96
a. 1@cc)
schön, prächtig: ein salb zu einem scheinbaren schönen angesicht. Gesner
vogelb. (1557) 100
b; bisz der verstorben begraben wirt, dieweil weschen sy (
die Ägypter) sich nitt, trincken auch keyn wein .. brauchen kein scheynbare kleyder. S. Franck
weltb. 11
b; ein salb zu einem scheinbaren schönen angesicht. Gesner
vogelb. (
übers. von Heuslin 1557) 100
b; Albert Dürer .. hette keinen lust zu denen gemälden, die von vielen farben unterscheiden und scheinbar, sondern die da auffs einfältigst .. auszgemacht weren. Kirchhof
wendunm. 3, 163
Österley (4, 169); heuffig duo hast auf yn gelegt er' uont herliche wird mit scheinbrem schmuok uont zird. Melissus
psatmen H 4
b (
ps. 21, 5). 1@dd)
bildlich, angesehen, hervorragend, ausgezeichnet: weil ich merck, das ewre durchlauchtigste voreltern aus dem allerscheinbarsten stammen der könige von Engelland, meiner voreltern, geboren sind. Luther 2, 211
a; als dann liszt er (
der priester bei den Ägyptern) jnen ausz jren analibus und gschichtbüchern, seiner vorfaren und anderer fürnämer scheynbarer männer radt unnd that. S. Franck
weltb. 9
b; das oberst teyl des gantzen Teütschen landts, ist Schwabenland, mitt zweyen herrlichen durchflieszenden flüssen scheynbar. 52
a;
prächtig, prunkvoll: die priester pflegen über die andern des wollusts, herrlich und scheinbar lebende. 188
b;
angesehen, geschätzt: werde der herr sie .. mit herrlichen und ehrlichen geschencken begaben .. mit ehrenämptern, ewigen namen unnd titul jhrer ritterlichen thaten wegen zieren und scheinbar machen. Kirchhof
milit. discipl. 184; bekenne, bitt' ich, mir, warumb doch wilt du prangen mit deiner augen glantz', und deinen zarten wangen; mit deinem roten mund', und deines leibes pracht, mit alle dem, was zucht alleine scheinbar macht? Opitz 2, 165. 22)
in die augen fallend, sichtbar, wahrnehmbar, deutlich erkennbar, ersichtlich. so noch mundartlich ten Doornkaat Koolman 3, 125
a. 2@aa)
für den bedeutungsübergang vgl.: wir sehen, das der mon je ferner er von der sonnen kommet, je klärer und scheinbarer wird. Fischart
ehez. A 6
b; unde er bringet ûʒ dîn reht, daʒ chît er getuôt îʒ scînbâre also liêht (
et educet quasi lumen iustitiam tuam). Notker 2, 127
Piper (
ps. 36, 6). 2@bb)
sichtbar, von sinnlicher wahrnehmung: werg, die noch ze Rôme schînber sint.
quelle bei Lexer
a. a. o.; zur lust kan man in die jungen blätter (
der indianischen feigen) namen oder figuren subtil einritzen, so wachsen sie mit den blättern, verwimmern und werden scheinbar. Hohberg 1, 614
b; hierauf bestatten sie (
die Römer) die leiche des verstorbenen; und
[] hernach stellen sie sein bildnisz an dem scheinbarsten orte des hauses auf. Lessing 9, 194. 2@cc)
erkennbar, von geistiger wahrnehmung: daʒ die irchorinun scîmbâre (
manifesti) uuerden unter iû. Notker 2, 261
Piper (
ps. 67, 31); ir gemeiniu herzeswære diu wart sô schînbære under ir beider ougen.
Tristan 14344; dich hât got selbe geêret ... daʒ ist wol schînbær dar an, daʒ dîn hort grôʒ unde kleine ... ist beliben unverschart.
Mai u. Beaflor 186, 28; damit das guot neben dem bösen, die warheit gegen der luge gehalten, dester scheinbarer wurde. S. Franck
chron. 255
a; durch plendung wird Tobias gedult scheinbar. Fischart
bibl. fig. (1576) O 3
a; dasz ein schwebender körper, ohne eine scheinbare ursache, durch welche die wirkung seiner schwere verhindert wird, eine ungereimtheit ist. Lessing 6, 424; in diesem tempel ist kein winckel eingehauen, darinnen gottes macht nicht solle scheinbar seyn. Opitz 1, 341.
deutlich (?): auf das ich schau, mir zuom scheinbarn exempel des herrn schönhait so fein uont lustiglich. Melissus
psalmen K 8
b (
ps. 27, 3). 2@dd)
so besonders in gewissen wendungen der rechtssprache, namentlich auf nd. gebiete: in (
den feinden des rechts) is leit, dat recht immer geopenbaret wert, wende ire unrecht dar von scinbare wirt.
Sachsensp. 2, 1 (
lehnr.) § 78, 3
Homeyer; scheinbare that
von der überführung durch den augenschein, oder durch das corpus delicti, sowie auch dieses selbst (
vgl. schein 8,
c): die ok doden vor gerichte bringet unde klaget dat ungerichte, dat an in gedan si, die solen klagen mit gerüchte, durch die hanthaften dat, de dar schinbare is.
Sachsensp. 1 (
landr.), 2, 64, 3
Homeyer; desse velscherye dorff he nicht beteren, sunder he werde up der schynbaren dat begrepen.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 96
a; se bekanden dat se gerovet hadden unde de schynbar daet (
das geraubte gut) wart by en ghevunden.
ebenda; de iss in der handhafftigen daet begrepen, de noch schinbahr iss.
quelle bei Haltaus 1607; hir synt vele klagers unde schynbar daet.
Reinke de vos 1731.
übertragen auf die dadurch begründete klage: van der hanthafften claghe de schymbar ist. Haltaus 1608. 2@ee)
adverbial, sichtbar, sichtlich: do ist der gheisz gots schynber kon wol uber Zacharie son.
trag. Joh. A 6; die tugend bringt es ein was euch am alter fehlet, o menschliche göttin! und eurer gaben zahl, mit welchen euch auch fast uns männern allzumal desz milden himmels gunst hat scheinbar vorgesetzet. Opitz 2, 107.
mit anklang an die ursprüngliche bedeutung: o wie scheinbar trost von oben endlich durch die wolcken bricht! nie noch keine strahlen gaben noch krystal so reines licht. Spee
trutzn. 73
Balke. 2@ff)
in die augen fallend, augenscheinlich, offenbar, offenkundig: ein scheinbarer beweis,
argumentum perspicuum Steinbach 2, 417,
als ausdruck der gewiszheit und überzeugungskraft u. ähnl.: aber der unerfahrne disputator, gibt nicht gewonnen ... sintemal sein vorgefaster wahn ihn so sehr blendet, das er die scheinbare klahrheit der folgerey nicht sehen .. kan. Butschky
Pathm. 204; nun ist es ja die scheinbare warheit. Spee
güld. tugendb. 686; doch der verweisz war zu scheinbar, dasz sie auch die versicherung von sich gaben, keine klagen ferner von sich hören zu lassen. Chr. Weise
kl. leute (1675) 153; so saget er; und mich so gar trewhertzig machte, dasz ich, als nicht mein selbst, an nichtes böses dachte, noch, dasz disz werck, so er mir für jetzunder schlug, wer' eitel schelmenwerck und scheinbarer betrug. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 5, 26, 4;
offenkundig (?): und hätten auch wohl bey ihr diese reimsätze gelten mögen, welche ein freund einesmals, über eine scheinbare dirne, dieses lauts gesetzet.
Simpl. 726
Keller; scheinbares unglück
u. dergl., augenfällig: doe wart dat gelettet dorch eine skînbâre nôt.
Eneit 1121; das die swaiger mit käsen sullen zinsen und nicht mit pfenning, in nembs dan das ungelück, das scheinpar ist.
tirol. weisth. 1, 155, 45. 2, 74, 44; so scheinbahr und so grosz mein täglich unglück war. Günther 474.
[] 33)
wahrscheinlich, einleuchtend, glaubwürdig, annehmbar, als ausdruck der relativen gewiszheit, probabilis, verisimilis: scheinbare gründe,
argumenta topica, credibilia Stieler 1753; eine scheinbare ursache vorbringen,
causam speciosam adducere. Steinbach 2, 417; nichts ist so unglaublich, das, in erzehlung, etwas scheinbar nicht zu machen. Butschky
hochd. kanzl. 386; dasz der periodus fatalis des türckischen reichs herzu nahe .. hat mit vielen scheinbaren argumenten erwiesen ein gelahrter mönch in Braband. Schuppius 373; wenn die in einem beweise vorkommenden sätze und schlüsse vollkommen scheinbar sind und das ansehen der allerbekanntesten wahrheiten an sich haben. Kant 8, 108; sie können es leicht thun; und werden auch leicht eine scheinbare ursache dazu ausfündig machen können. Lessing 2, 372; euer rath ist gut. und auch der vorwand scheinet mir scheinbar genug zu seyn. 373; so wie ich hier bin, biete ich den verführungen aller deiner Cyanen, den scheinbarsten überredungen deiner egoistischen weisheit .. trotz. Wieland 1, 206; was hätte Hyperides selbst, ob er gleich beredt genug war die Athener von der unschuld einer Fryne zu überzeugen, stärkeres und scheinbarers zu deiner vertheidigung sagen können? 2, 214; seine meisten so scheinbaren und feinen bemerkungen voll gutes geschmacks gleiten. Herder 2, 149
Suphan; die vielen und scheinbaren einwürfe Bayle'
s. z. phil. u. gesch. 9, 178; der graf von Bethüne lies eine öffentliche protestation gegen sie drucken, auf welche Bedemar mit den scheinbarsten gründen antwortete, die er vorzufinden wuszte. Schiller 4, 145; unter dem scheinbaren vorwand von ehrenbezeugungen hatte schon Karl der fünfte die gefährlichsten vasallen der krone durch kostbare gesandtschaften an fremde höfe geschwächt. 7, 62;
in adverbialer fügung: obgleich alle kritiker, wie Hume sagt, scheinbarer vernünfteln können, als köche, so haben sie doch mit diesen einerlei schicksal. Kant 7, 142; mein volck, hör jetzt mich an, wie scheinbar ich dich überzeugen kan. Opitz
psalmen 97 (
nr. 50, 4); wahrscheinlich oder nicht! — für ihn genug, scheinbar genug für könig Philipp. Schiller
don Carlos 5, 3; etwas scheinbar machen: als auch den königs-mord die feinde auff mich brachten, und solches vor der welt so listig scheinbar machten. v. Haugwitz
Maria Stuarda 33; deine grundsätze, die du unverschämt weisheit nennest und durch eine künstliche vermischung des wahren und falschen scheinbar zu machen suchst. Wieland 1, 205;
zuweilen in dem sinne '
einer sache einen anschein geben, sie ansehnlich, gefällig, angenehm machen': eigentliche erfindungskraft hatte er nicht, dagegen aber das gröszte geschick, was er vor sich fand zu nutzen, zurecht zu stellen, und scheinbar zu machen. Göthe 19, 118; welches (
biblische handbuch mit bildern) .. Thomas Gwarin ... mit grosem kosten hat gegenwärtiger gestalt zuwegen gepracht, auch, es vor andern angenem und scheinbarer zu machen, sich kain zeit noch müh lasen dauren. Fischart
dicht. 2, 283, 30
Kurz. 44)
was nur dem scheine nach existiert, nicht wirklich, trügerisch, wesenlos, vergeblich, erdichtet u. s. w. diese bedeutung ist jetzt die üblichste; scheinbar,
adj.: das scheint als wann es etwas wäre,
speciosus, simulatus Frisch 2, 171
b (
im gegensatz zu scheinbar, das würcklich etwas ist,
perspicuus, manifestus); eine scheinbare liebe,
amor simulatus Steinbach 2, 417; der dänische könig wurde durch diese scheinbare danckbarkeit gleichsam aus dem traume seines irrthums erwecket. Hofmannswaldau
s. ebenda; will man aber je scheinbare gröszen durch fuszmaasze ausdrücken, so musz man nothwendig sagen, wie weit man sich dieses maasz vom auge denkt. Lichtenberg 7, 11; weil sie (
furchtbare naturgegenstände) .. ein vermögen zu widerstehen von ganz anderer art in uns entdecken lassen, welches uns muth macht, uns mit der scheinbaren allgewalt der natur messen zu können. Kant 7, 112; die begriffe dieses reichs sind wie die fata morgana, scheinbare nichtigkeiten zurückgeworfener bilder ohne haltung, ohne dauer. Herder
zur phil. u. gesch. 9, 219; mit dem gesicht, der scheinbar'n stirn der billigkeit, gewann er jedes herz, wonach er angelte.
Shakespeare könig Heinrich IV. 1, 4, 3. scheinbare,
vorgebliche, heuchlerische meinungen, phrasen
u. ä.: die heiligen clösterbrüder .. wie betrügen sie doch die arme leute mit so heiligen und scheinbarn opinionen und einbildungen.
[] Schuppius 533; denn da ich nicht mit leeren oder scheinbaren phrasen ein mir geschenktes zutrauen erwiedern konnte, und doch das jedesmalige vorgelegte im augenblick zu schätzen nicht fähig war; so blieb ich gegen viele bedeutende menschen im rückstand. Göthe
an Zelter nr. 418;
ähnlich auch: denn für leute von einem gewissen range ist es allemal noch schimpflicher, zur vergröszerung ihrer macht scheinbare betrügereien (
ἀπάτη εὐπρέπει 4, 86), als offenbare gewalt zu gebrauchen. Heilmann
Thuc. 569.
so auch häufig in zusammensetzungen mit adjectiven: sein körper schenkt gewissen scheinbargeistigen handlungen nicht blos den namen, sondern auch den ursprung. J. Paul
grönl. proc. 2, 22; daher ich auch die vortrefflichkeit seiner spashaften schreibart und die feinheit seines scheinbarpöbelhaften witzes nicht entdecken können. 1, 46.