heimlichkeit,
f. ,
mhd. heimelîcheit, heimlîcheit,
nach dem adj. heimlich in mehrfacher bedeutung. 11)
vertraulichkeit, vertrautes verhältnis (
nach heimlich 3,
c, β sp. 874): zuo disem bobeste hette sant Jeronimus vil heimelicheit.
deutsche städtechron. 9, 520, 20; sant Arbogast und sant Florencie ... die hettent vil heimelicheit und wonunge bi den brüdern zuo sant Thoman iren landslüten. 728, 27. 22)
verborgenheit, verborgener ort: sinnigem, harmlosem volke in der stillen, umfriedeten heimlichkeit seiner niedern berg- und waldhütten. H. Heine 1, 34; in stiller heimlichkeit, umzielt mit engen schranken, herrscht eine andre lehr, und wohnt in den gedanken, ihr folget, wer allein auf eigne weiszheit baut. Haller
schweiz. ged. (1768) 56; allein mit kühnem aug ins heiligthum zu blicken, wo die natur im werk, bemüht mit meisterstücken, bei dunkler heimlichkeit, der ewgen richtschnur treu, zu unserm räthsel wird, und kunst ihr kommt nicht bei. Lessing 1, 175; sag an, wo du sie (
die braut) fandest, wo verbirgst, in welches orts verschwiegner heimlichkeit? Schiller 495
b (
braut v. Messina); jetzt kein gedanke mehr, in scheuer heimlichkeit des herzens glut der neugier zu entrücken, der ehe heilger name wird entweiht.
Dido 32. 33)
daher (
vergl. heimlich 4,
a am schlusse sp. 876)
von den geheimen orten am menschlichen körper: die wurzel zum zäpfle gemacht und in der weiber heimlichkeiten gethan, zeucht ihre gemeine flüsz heraus. Tabernaem. 1025;
ferner von leiden: der kriechen waʒʒer bringt den frawen ir haimlichait, diu menstruum haiʒt. Megenberg 342, 14; —
endlich auch vom abtritt: cloaca ein heimlichkeit Dief. 128
a; ein jode .. vel in ein priveten oder heimlicheit.
d. städtechron. 7, 155, 16; er .. versichere sich, dasz mein
gr. (
gnädiger) herr und frau auch das geringste, so ihnen zu dienst geschihet, nit unbelont lassen, und solte ihnen einer nur auf die heimlichkeit mit einem liecht vorgehen.
Simpl. 3, 152
Kurz. 44)
auch vom heimlichen gericht: er erzählte, der fremde habe die heimlichkeit droben am freistuhle in unordnung gebracht. Immermann
Münchh. 4, 70. 55) heimlichkeit,
geheimnis. der sing. steht oft in collectivem sinne. 5@aa)
in allgemeiner bedeutung: damit sie (
die procuratores) die heimlichkeit der canzlei, den partheien zu nachtheil, nicht sehen oder erfahren.
reform. des cammergerichts v. 1531, § 41; das etwann durch trunkenheit die heimlichkeiten, so billich verschwiegen, offenbart werden.
reform. guter policei, Augsb. 1530, VIII, § 1; sei unverworren mit dem der heimligkeit offenbart.
spr. Sal. 20, 19; offenbar nicht eins andern heimligkeit. 25, 9; der könige und fürsten rat und heimligkeit sol man verschweigen, aber gottes werk sol man herrlich preisen und offenbaren.
Tob. 12, 8; (
der herr) verstehet alle heimligkeit, und ist im keine sache verborgen.
Sir. 42, 20; verriet den feinden alle heimligkeit. 2
Macc. 13, 21; herr ewiger gott, du kennest alle heimligkeit.
Sus. 42; ich wil meinen mund aufthun, und wil aussprechen die heimligkeit von anfang der welt.
Matth. 13, 35; wem er möcht etwan die heimlichkeit sines herzens öffnen. Cyrillus 17
b; herr vertrawet mir was ir wölt, nur kein heimligkeit. Agricola
spr. 23
b; (
es) ist den weibern wol heimlichkeit zu vertrawen, dann sie verschweigen alles was sie nicht wissen. Fischart
groszm. 86; so du ein heimlichkeit, die ich dir sagen werd, zu halten wilt schweren.
bienk. 143
a; mancher erzehlete dem andern seine heimlichkeit. Philander 1 (1642) 122; die sich in alle händel mischen, alle heimlichkeiten auszförschlen.
s. 141; weil er bereits vorlängst meine heimlichkeit gewust und mich gleichsam in- und auswendig gekant.
Simpl. 1, 194
Kurz; du verräthst sonst unsre heimlichkeit. Fr. Müller 3, 326; fürchten sie (
die fische) grausame ahndung, wenn sie die heimlichkeiten des stillen wasserreiches verriethen? H. Heine 7, 48; gib nuor guoten bscheidt, doch sag im nit dein heimlichkeit. Wickram
pilg. H 2,
bl. 26; doch zu was end will hie mein mund dir meine unschuld und gefahren und heimlichkeiten offenbaren, wan dir schon vorhin alles kund? Weckherlin 55; wer weisz so wol als ihr die heimligkeit der erden, und alle tugenden, die hier gefunden werden? Opitz 1, 134; nichts kleines war es, solche heimlichkeit verhüllt zu tragen diese langen jahre, den mann zu täuschen. Schiller 508 (
braut von Messina); du weiszt nun meine heimlichkeit, so halte den mund und sei gescheit! Chamisso
ged. 202;
von den geheimnissen des freigerichts: so bleibt alles in der heimlichkeit. Immermann
Münchh. 4, 14; welche versicherung begehrt ihr von mir, dasz ich eure heimlichkeit nicht ausbringe? 62; wer dergleichen absonderliche heimlichkeit erfuhr, der verräth sie auch an seinen freund. 63. 5@bb)
in erhabenem sinne, von den geheimnissen gottes, des gewissens, der natur: seine gericht und heimlicheit hatt er (
gott) inen nit geöffnet. Keisersberg
postill (1522) 2, 71
b; deszhalben zimt es sich gar nit, dasz wir in sölichen dingen die heimligkeit gottes urteilen wellend und richten. Zwingli 1, 131; frowe, wissest das der engel Gabriel dicke mit mir redet und das ich von sinre schöne erschricke und verzucket wurde also lange, bitz er mir sine heimelicheit geseit.
d. städtechron. 9, 533, 27; kein phantasey söll haben statt zuo gründen gottes haimligkait. ir dief und höch ist ungesait. Schwarzenberg 155
d; wer gottes heimligkeit vermessentlich erforscht, der segelt gar zu weit, und schifft in einer see, durch die er nicht kan kommen. Opitz 3, 322; nu aber herzog Georg auch sich unterstehet, die heimligkeit des gewissens zu erforschen. Luther 6, 4
b; sie aber faren daher, und forschen auch die heimligkeit der herzen und gewissen. 12
a; die heimlichkeit der natur hat an ir dasz sie gegen seinem fleisch und blut mit liebe beweget wirt.
b. d. liebe 221
d; wenn wir uns alle ihrer (
der natur) heimligkeiten kündig und versichert bedünken lassen, so hat dennoch diese grosze künstlerin vil meisterstreiche für sich behalten, die sie nicht entdeckt. Butschky
Patm. 576; es gab zu allen zeiten eine heimlichkeit der welt, mehr werth in höhe und tiefe der weisheit und lust, als alles, was in der geschichte laut geworden. Arnim
kronw. 1, 7; und euch hat ewres fleiszes spur der heimlichkeiten der natur, die jemahl würdiglich vermehret, gewehret bald, und ganz erkläret. Weckherlin 547. 5@cc)
aber auch umgekehrt, heimlichkeit
ist weniger als geheimnis; Lessing
definiert den unterschied: Falk. man hat lange genug aus heimlichkeiten das geheimnis gemacht.
Ernst. wie verstehst du das?
F. das geheimnis der freimaurerei .. ist das, was der freimaurer nicht über seine lippen bringen kann, wenn es auch möglich wäre, dasz er es wollte. aber heimlichkeiten sind dinge, die sich wohl sagen lassen, und die man nur zu gewissen zeiten, in gewissen ländern, theils aus neid verhehlte, theils aus furcht verbisz, theils aus klugheit verschwieg. 10, 292.
in diesem sinne die folgende stelle: sie (
fürsten) schonen des mannes, der um ihre heimlichkeiten weisz, nur so lange, als sie seiner unumgänglich bedürfen. Knigge
umg. m. menschen 3, 11. 66) heimlichkeit,
leises, geräuschloses wesen (
nach heimlich 5
sp. 878): als schon die dämmerung hereinbrach, und die bunten waldlieder allmählig verstummten und die bäume immer ernsthafter rauschten. eine erhabene heimlichkeit und innige feier zog, wie der odem gottes, durch die verklärte stille. H. Heine 2, 328. 77) heimlichkeit (
nach heimlich 6
sp. 878),
mysterium, geheimer sinn, geheime bedeutung: heimlichkeit
mysterium voc. inc. theut. i 3
a; die hohe haimlichait der reden und wörter die sie heiszent cabala. Reuchlin
augensp. 1
b; ist es euch genehm und zum behagen, dasz mein eidam .. wissend gemacht werde auf rother offener erde, fahe losung und heimlichkeit, wie kaiser Carolus gesetzt zu seiner zeit? Immermann
Münchh. 4, 56 (
nachher den heimlichen sinn. 57); die heimlichkeit der traum verstohn. H. Sachs 4, 2, 42
b. 88) heimlichkeit (
nach heimlich 8),
geheimhaltung, verschwiegenheit: zu meiner zeit beflisz man sich der heimlichkeit. genosz der jüngling ein vergnügen, so war er dankbar und verschwiegen. Hagedorn 3, 72. 99)
aber auch nur heimlichthuerei, geheimniskrämerei: man zeigt natürlich allen fremden noch mit vieler heimlichkeit das fenster, wo die verschworenen ... lauerten. Seume
mein sommer 126; der (
baron) musz es doch vor allen dingen wissen und die heimlichkeit und das gepuschele unter der hand gefällt gnädigem fräulein nicht mehr. Immermann
Münchh. 3, 149.