Eintrag · Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke)
ORT stm. stn.
1. allgemein, ohne die nebenbeziehung, ob es der anfang oder der schluss der ausdehnung ist. grenze einer linie, einer fläche, eines zeitraumes. margines orter sumerl. 34, 5. ora soum vel ort das. 12,21. ora ort das. 50,5. lacinia soum vel ort das. 10,73. licinium ort das. 35,39. beidiu ort er bevienc Wigal. 10554. si macht in (den kranz) zuo den örten ganz, fügte die enden des kranzes zusammen, Hätzl. 2,57,148. der gurtel mit den zwein orten Adrian 443,110. mitten durch den grat, von eim orte unz an daʒ ander ûʒ alleclîche zürch. richtebr. 57. ein brenîsen, dâmite man ze ietwederm orte ûf die ellenstab brennen sol ein kriuʒe mer. stadtr. 427. ze beiden ort Diut. 1, 296. driu des heiligen kriuʒes ort Diemer 93,9. er besaʒ daʒ ort zu ôbrist mit gemeinem wort, ihm ward mit aller übereinstimmung der ehrenplatz am obersten ende der tafel angewiesen, Suchenw. 4,153. dise hie, jene dort, dise in die mitte, jene an daʒ ort frauend. 64,32. bei flächen daher so viel wie seite. dâ gênt în (in die stadt) XII porte an iegelîchem orte Diemer 362,19. an ietwederm orte schein von golde ein rinc Wigal. 8291. er belac daʒ slôʒ al umbe unde umbe ûf alle orte, daʒ daʒ velt bedact was Ludw. 37,28. di grôʒede der stat: wan si hate vir orte, und ûʒ iclichem orte sint drîe tageweiden in den andern myst. 25,32, oder bedeutet hier ort ecke? vgl. nr. 3a.
2. mit jener nebenbeziehung.
a. der anfangspunkt, das vordere ende. von dem orte unz an daʒ ende MS. 1, 169. a. ebenso in Lampr. tochter Sion, giessen. hs. bl. 45. a. von ort ze endt Hätzl. 1,20,9. ûf daʒ du baʒ geloubest unde von dir betoubest alles ungelouben ort, sô sprich diu vorbenanten wort Pass. K. 549,13. unz er von ir orten genzlîch die valscheit durchsprach das. 420,40.
b. der endpunkt, das hintere ende. dîner lebenden gotheit wart anevanc nie angeleit, dîn kraft gewinnet niemer ort Barl. 1,19. er ist daʒ urhap unde daʒ ort das. 210,4. si greif an daʒ ort des wortes und las hin wider, las rückwärts, Heinr. Trist. 5366. sô wir hinden an das wort grîfen und herwider lesen g. sm. im leseb. 702,6. dîn leben ist kumen an ein ort Karl B. 5419. vgl. die anm. sus nimt daʒ êrste buoch ein ort Pass. K. 5,21. dô dirre gotes holde ûf daʒ ort getruoc sîn leben das. 18,21. dîn klefsche zunge und dîn wort, diu werden brâht gar ûf daʒ ort das. 28,38. als dises rede nam ein ort das. 73,90. an sînes lebenes orte das. 370,32. von dem begin unz an daʒ ort Jerosch. Pf. 110. c. zu jungist an des lebins ort das. 107. a. und daʒ ot ich dem gebe ein ort das. 43. b u. 45. b. sus er den gelouben gar sprach redelich unz an den ort das. 154. d. hie mite nam diu rede ein ort Marleg. 18,159. von anginne zem orte Mar. himmelf. 771. unz an den ort al mîner tage W. Wh. 62,22. swenne zorn unde nît in den klôstern gelît, sô ist aller dinge ein ort Vrid. 60,12. fröide hât die sorgen mir gedrungen an daʒ ort MS. 1,163. b. ir schînes sprunc (ursprung), ir schînes ort frauend. 1,19. minne ist der fröiden ursprinc unde ir mittel unde ir ort troj. bl. 15. a. vgl. Scherz 2, 1167. ein spil unz an den ort spiln Parz. im leseb. 417,27, ganz zu ende. diz liehte lop wol füeget heime unz ûf daʒ ort, bis ans ende, ganz und gar, Walth. 28,18. doch sô tiuret frowe unz an daʒ ort das. 63,25. er beschiet im unz an daʒ ort des gelouben wort Barl. 180,9. eʒ muoʒ vergolten werden unz ûf daʒ jüngeste ort myst. 278,3. — ist dies ende ein absichtlich ins auge gefasstes, so bedeutet ort auch ziel. daʒ loufet alleʒ ûf ein ort Frl. 308,4. unz daʒ siuʒ bringet in den ort, daʒ sich got muoʒ herumme sên vateruns. 1363.
c. in der heraldik der obere rand des schildes im gegensatz zu der spitze unten. der schilt was ouch gar verkêret, der ort ze tal, der spitz enpor Suchenw. 3,161. vgl. das. 14,336 (s. auch Parz. 80,9).
3. mit der nebenbedeutung einer bestimmten beschaffenheit.
a. ecke. ûʒ iegelîchem orte (aus jeder ecke des viereckigen steines) schein ein gelpfer rubîn Iw. 32. diu tavel (der runde tisch) houbet noch ende hât niht, weder hie noch dort, nindert ekke noch kein ort Heinr. Trist. 1342. vgl. das beispiel aus myst. 25, 32 unter nr. 1. vier edele karfunkel sazte er zuo vier orten în vateruns. 1236. vgl. das. 1608. der winkelstein ouch sînen ort mischet zuo der engel schar vateruns. 1865.
b. winkel. Marîa diu behielt di wort und mainung in irs hertzen ort Suchenw. 41,450. vgl. das. 25,330. die wârheit an ein ort setzen narrensch. 104, β. gesell gang mit mir an ein ort, ich wil dir niuwe mære sagen Hätzl. s. 124. er setzt sich an ein ort allein Murner narrenbeschw. l. 7 (vgl. anm. zum narrensch. a. a. o.).
c. spitze.
α. einer waffe (vgl. ort wider orte im Hildebrantsliede). dô stach er in mit dem orte daʒ an dem spere was Diemer 221,22. mit mîner lantzen ort Ludw. kreuzf. 5827. vgl. das. 5881. diu ort der swerte Nib. Z. 12,41. daʒ man ort der swerte imme gewelbe stechen sach das. 349,73. mit des swertes ort stach er in Wigal. 6709. daʒ rat huote wol der porte mit manegem scharfen orte das. 6795. ein wâfen, daʒ scharfen ort hat münch. stadtr. 331. du treist iedoch vil scharfen ort und eine herte snîde Wigal. 8104. wâfen, die schneid oder örter haben münch. stdtr. 405. ir must von swertis orte sterben Ludw. 39,10. die wunden sint mit Mîminges orte geslagen Rab. im leseb. 810,14. vgl. leseb. 1030,28. — übertragen von der ganzen waffe gesagt. die ritter huoten ouch der porten mit ir scharfen orten Wigal. 7103. ortir jacula, vgl. fundgr. 1,386. b. klagt einer den andern an, er hab in gerauft oder geslagen, und mag nit gesprechen, daʒ eʒ mit scharfem ort geschehen sei münch. stdtr. 127. umb wunden mit scharfem ort das. 405.
β. spitze an andern gegenständen. eine guldîne krône, diu ist bewahsen schône mit zwein swarzen hornen. mit beiden orten vornen ist si sô bewunden, daʒ Wigal. 3863. besonders von der zunge gebraucht. daʒ edelste gesteine, daʒ mannes ouge ie gesach, von dem ie zungen ort gesprach Barl. 309,2. er zêch in vreveler worte mit valscher zungen orte warnung 3526. gip mir wâre wîse wort, daʒ dich mîner zunge ort lobe mit getihte Jerosch. Pf. 1. c. — übertragen: der ort von rîchtuom und von witzen, die spitze, der höchste gipfel, troj. 24. a.
γ. dietrich? sô er rîtet über velt bî der naht und in dem nebel, herte îsen unde grebel, örter zuo den sloʒʒen vüert der unverdroʒʒen Helbl. 1,185.
4. wie nhd. ende auch einen theil der ausdehnung selbst bedeutet, so auch mhd. ort und zwar nicht bloss bei linien, sondern auch bei flächen, vgl. Schmeller 1,113. des hers einen grôʒen ort si heten durchriten Ludw. kreuzf. 6476. das man jetzt Bayern nennet, ist vorzeiten nur ein ort in Bayern gewesen Aventin bei Schmeller a. a. o. unser vorfahren haben Gross-Germaniam in fünf orter getheilt ebenda. wahrscheinlich schon Wigal. 9523: darnâch vil manec fürste gie, die sînes ortes wâren geil, jeder über das ihm zugefallene land; vgl. die anm. daʒ ich mit sprüchen slehter wort werltlîcher leuf betiht ein ort (theil, abtheilung?) Suchenw. 40,6. doch vgl. auch nr. 5.
5. platz, stelle, ort (entsteht diese bedeutung dadurch, dass der ort als ziel, endpunkt der richtung auf denselben zu gefasst wird? vgl. nr. 2b u. a.). Karrioʒ leisserte dort gegen den speren an sîn ort, den ihm angewiesenen platz, wo sich seine speere befanden, Wigal. 6616. ir ietweder gâhte her nâch einem sper an sîn ort das. 6637. sô kunden dise kristes wort, ir iegelîcher sînen ort: Jôhannes von der gotheit, Matheus von der menscheit seit vateruns. 1636. diu stat was verstôrt, wan daʒ si an etlîchen orten hülzîn getüll wider gemachôt hâten zürch. jahrb. 85,35. für wâr ûf der eidgenôʒen ort sind niht zwenzig man umbkomen V. Weber, leseb. 1054,2. übertragen: des hân ich iu einen ort gediutet als ich beste kan vateruns. 2098. gehört hieher etwa das unter nr. 4 aus Suchenw. (40,6) angeführte beispiel?
6. ein sehr kleiner gegenstand; gewissermassen das ende einer grösse? nach Schmeller a. a. o. der vierte theil von maassen, gewichten und münzen. also = quart? und etymologisch gar nicht hieher gehörig?
a. als gewicht. dir wirt ûʒ einem orte ein pfunt Marner, im leseb. 693,19. der wigt mîn wort ringer dann ein ort das. 696,8. umb tausent pfunt als umb ein ort Suchenw. 38,43.
b. als münze. unz an daʒ letzt ort eins pfennings gesta Roman. 165. stips, minimum numisma vel minimum pondus, ein secci vel ein ort voc. o. 26,30.
c. überhaupt zur verstärkung dienend, positiv wie negativ. vgl. Gr. 3,728 fg. gehört hieher des enweiʒ ich kein ort? Jerosch. 139. b. oder heisst ort hier ende? hâstu bekant unz an ein ort W. Wh. 2,14. troj. 1763 u. 4950. vgl. Ls. 1,165. bîhtet einander ûf ein ort Reinh. s. 391,9, bis auf das geringfügigste; oder ist auch hier der begriff ende der zu grunde liegende (was, sobald der bestimmte artikel steht, ohne frage anzunehmen ist)? vgl. ich hân betrahtet hie und dort gar ûf ein ende unde ort dirre werlde irreganc Teichn. 3, und oben nr. 2b.
7. für sich allein stelle ich den folgenden gebrauch von ort zusammen, da ich nicht ganz sicher bin, an welche der erörterten bedeutungen er anknüpft; doch brauchen wir ende nhd. ebenso. daʒ wort, daʒ süeʒe an allen orten dich hât gesüeʒet Walth. 5,25. daʒ zimt iuch wol ûf alliu ort Suchenw. s. 166,423. ir herze ist stæte ûf allem ort Frl. lieder 9,3,6. bœsiu dinc, diu si weiʒ ûf allem ort Teichn. 175. von disen klageworten diu frouwe zallen orten gar inneclîchen trûrte Engelh. 3358. — in wie manegen ort sie daʒ konden spalten drîvalten und einvalten vateruns. 1022. ist hier ort = richtung? — vgl. noch Schmeller 1,112 fg. Frisch 2,33. b fg.