Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
liute
1.1 selten im Sg., ‘Mensch’
1.2 i.d.R. im Plural, ‘Leute, Menschen’
1.2.1 allg. und nicht näher spezifiziert
1.2.2 im Sprichwort (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 279f.)
1.2.3 in Verbindung mit einem Attribut näher spezifiziert als einer best. Gruppe zugehörig
1.2.3.1 relig.-kulturell einem best. Volk bzw. einer best. Volksgruppe zugehörig
1.2.3.2 gesellschaftl. einer best. sozialen Schicht oder Gruppe zugehörig
1.2.4 einer best. (Herrscher-)Person oder Institution zu- bzw. untergeordnet (s.a. eigenliut )
1.2.4.1 in relig. Kontext
1.2.4.2 in gesellschaftl.-hierarchischem Kontext auch ‘Gefolgs-, Dienstleute, Vasallen; Lehnsleute, Leibeigene’ (im krieger. Kontext auch auf das bewaffnete Gefolge bezogen)
1.2.4.3 in familiär-verwandtschaftl. Kontext
2 Gebrauch als Kollektivum (häufiger stN., seltener stM.)
2.1 allg. ‘Menschheit, Menschengeschlecht’
2.2 nicht näher spezifiziert einen Personenkreis bezeichnend, ‘Gruppe (von Leuten), (Menschen-)Menge’
2.3 (mehr oder weniger deutlich) spezifiziert bezogen auf eine Gruppe von Menschen, die hinsichtlich ihrer historischen, sozialen, kulturellen bzw. politischen Zusammengehörigkeit bestimmt ist, ‘Volk, Bevölkerung’
2.3.1 allg.
2.3.2 im relig. Kontext
2.3.3 in gesellschaftl.-hierarchischem Kontext auch ‘Gefolgs-, Dienstleute, Vasallen; Lehnsleute, Leibeigene’ (im krieger. Kontext auch auf das bewaffnete Gefolge bezogen)
2.3.4 in familiär-verwandtschaftl. Kontext, auch ‘Familie, Verwandtschaft’
1 Gebrauch als Individuativum 1.1 selten im Sg., ‘Mensch’ er wil daz ieweder liut werde sîn trût Gen 2764; ich bin ein wurm und niht ein liut LvRegFr 3040 1.2 i.d.R. im Plural, ‘Leute, Menschen’ 1.2.1 allg. und nicht näher spezifiziert: jn dez kúnegez ziten wurden die lúte [ genus humanum ] in drú geteilet. von Sem kamen die frigen. von Iafet camen die ritere. von Kam camen die eigin lúte Lucid 17,3; sorge ist unwert, dâ die liute sint vrô MF: Mor 13: 2,7; ein stein heizet dîamant, / der ist niht vil liuten bekant Volmar 290; und her sprach zuͦ en: kuͦmit nâch mir, und ich mache ûch werden fischêre der lûte [ piscatores hominum ] EvBeh Mt 4,19; daz niht aleine hundert, sunder alle liute, als verre sie liute und menschen sint, werdent im unglîche lieber dan im nû natiurlîche sîn vater, muoter oder bruoder liep sint Eckh 5: 24,10; JPhys 9,21; MF:Reinm 27: 4,3; MarlbRh 14,31; MNat 6,12. – in der Anrede: vil gvͦten livte! Spec 5,20; mine uil libin lúte Rol 260; nu guoten liute, tuot sô wol / und saget mir, wâ welt ir hin? Tr 2720; Wig 5361; HimmlJer 144; Mechth 3: 1,38. – alle der liute vasenaht für den ersten Fastensonntag: an dem svnnendage ze naht vor alle der lúte vasenaht UrkCorp (WMU) 1851,32 1.2.2 im Sprichwort (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 279f.): – i. S. v. ‘es (nicht) allen recht machen können’ swer den liuten allen / welle wol gevallen, / armen unde rîchen / muoz er sich gelîchen, / den übelen unde den guoten, / den tôren unde den fruoten; / wil er der aller hulde hân, / sô muoz er selten müezec gân Freid 133,5; daz recht nîman gelêren kan, / daz den lûten allen / kunne wol gevallen SSp (W) Reimvorr. 123; nieman den lûten allen / zu danke lebete noch en sprach, / man wil ouch mich verschallen ebd. Reimvorr. 54; vgl. auch: in [den wîsen man ] dûhte der niht wol gemuot, / der aller der liut willen tuot UvZLanz (K) 6. – auch sprichwörtl. (?): swâ guoten liuten wol geschiht, / daz gefüeget sich wol alsô UvZLanz (K) 1600; man sol zu recht guͦt lúte senden da man hohe sach wil enden Lanc 147,31 1.2.3 in Verbindung mit einem Attribut näher spezifiziert als einer best. Gruppe zugehörig 1.2.3.1 relig.-kulturell einem best. Volk bzw. einer best. Volksgruppe zugehörig: vnde saget den krischennischen [griechischen] luten, / daz ich in enputen, / daz sie hinnen keren Herb 397; diu liute von Kriechen sint swach / an herzen unde an were Eracl 4442; dise súnde ist nit von cristanen lúten ufkomen Mechth 7: 47,7; so sint einu liute da bi, / haizent Arimaspi HimmlJer 231; mit den sint bezaichent die hebreischen læut PrOberalt 48,12. 151,11; BdN 283,12; Spec 69,7 1.2.3.2 gesellschaftl. einer best. sozialen Schicht oder Gruppe zugehörig: – biderbe/êrhafte/ guote ~ u.ä. für unbescholtene, rechtsfähige Personen (die auch als Zeugen fungieren können): und her ime sîne kost gelde nâh gûter lûte kure SSp (W) 2,29; vnd svln die bvrger iegesliches tors slivzel bevelhen bîderben livten UrkCorp (WMU) 33A,2; Ot der Sneider, Leutwein von Teusendorf vnd ander guͦt vnd getriwe leut ebd. 3411,14; den ersamen lûten, den burgern vnd dem rathe von Zûrich ebd. 2209,17 u.ö. – edele ~ auch ‘Edelleute, Adlige’ wir edele lude, Otte, der greue van Gelren, Diederich, der greue van Clieve UrkCorp (WMU) 75,32. 71,7. 3127,34. – eigene ~ ‘Leibeigene’ (s.a. eigen Adj. 1.2.1): alle die eigene liute die zv der chirchen gehoͤrent UrkCorp 2050,8; daz einkein herre erben sol siner eigener luͦte eigen UrkCorp (WMU) 3290,30. 494,25. – geistliche ~ für Geistlichkeit und Ordensleute (s.a. geistlich 2.2.2): disiu dinch uernement geistliche lîute wole JPhys 17,29; als es wol gecimet geistlichen lûten StatDtOrd 44,24; das hindert geistliche lúte allermeist an rehter vollekomenheit Mechth 5: 33,3; Tauler 127,12; VMos 35,25; PrOberalt 171,35. – gërnde/ var(e)nde ~ für das fahrende Volk oder Wandersänger (zur Sache vgl. LexMA 4,231; s.a. Friedrich, PhrasWB, S. 279 sowie gërnde Part.-Adj. 2): vil varnder liute man dâ sach Mai 88,25; swen gerende liute gerne suochen, der ist êren rîche Unverzagt 3:8,1; zu der bruloch so quamen do dar / varender lude manche schar KarlGalie 13523; eralden [ heralden Spielleute] und gernde leút / dez fursten mild al da erfreẃt Suchenw 4,139; dy varenden lewte geleiche / machte man alle reiche HvNstAp 4054. 6011. 18416; RvEGer 5074; WälGa 3791. – guote ~ spez. als Bez. für das städt. Patriziat in Köln: nu hore dan wat myn konynck dede / zo Coelne in deser hilger steyde / umb der vil gueder lude beide HagenChr (G) 218 u. ö.; vort die gude luͦde, die uzzir irme ampte wordin gedan inde vmbedingit sint, die sulin wiedir in ir ampt kuͦmin UrkCorp (WMU) 62,44; spez. für ‘Aussätzige, Leprose’ (vgl. DWB 4,1,6,1292f.): alles daz reht daz sie haten an der nvͥwen mvͦlen die da gelegen ist vf der wisen [...] bi den gvͦten lvͥten vor der stat ze Halle UrkCorp 2539,40; her Cvͦnrat Hv́bischman vnd die bruͦder phleger des hvses der guͦten lûte [des Gutleuthauses] der siechen bi Friburg an dem velde UrkCorp (WMU) 1648,13. N103,24 1.2.4 einer best. (Herrscher-)Person oder Institution zu- bzw. untergeordnet (s.a. eigenliut ) 1.2.4.1 in relig. Kontext: hilf [Maria] dinen armen luden, / die dig van allen landen / widene ane ruofent MarldA 262; er sprichet, daz er in dem wone, der sinen willen toͮ, unde er sî unser got unde wir sin sîne lûte Spec 135,22 1.2.4.2 in gesellschaftl.-hierarchischem Kontext auch ‘Gefolgs-, Dienstleute, Vasallen; Lehnsleute, Leibeigene’ (im krieger. Kontext auch auf das bewaffnete Gefolge bezogen): sî mugen ouch lûte, wîp unde man, knehte unde dirnen, zu êwelicheme rehte besizzen StatDtOrd 30,15; ‘hatt er vil lúte?’ ‘er hatt wol hundert tusent man zu roß.’ Lanc 235,27; besendet iuwer liute / morgen unde hiute Iw 2149; vnd sulen ouch vnser reiter vnd vnser beste levte zwelfe [ 1603A,21: militares homines nostri ] [...] im sweren UrkCorp (WMU) 1603B,16 u.ö.; ich wil gerne dingen / mit allen minin luͦten Rol 603; Ägidius 805; Hochz 157; PrOberalt 169,35; HagenChr (G) 231. – formelhaft mit guot bezogen auf die Gesamtheit des Besitzes und Herrschaftsgebietes (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 279): ich was herre über ditze lant / unde stuont gar in mîner hant / beidiu liute unde guot Wig 4678; liute und guot, swaz heizet mîn, / daz kêr ich iu gein diens siten Parz 362,2; nu fuoren si zuo unde samneten allez ir geslähte und alle ir liute und allez ir guot unde fuoren gegen Egipten BuchdKg 26,14; KvWTroj 19179; Krone 7916. – formelhaft mit lant auf das gesamte Land mit seinen Bewohnern, das gesamte Herrschaftsgebiet bezogen (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 279): si gap mir liute unde lant Parz 90,24; sô daz ich mîne liute / und mîniu lant behalte KvWSchwanr 866; umbe ewelichen vride uͦns lanz inde vnsir luͦde UrkCorp 62,26; lant und lute warent uch under than SalMor 416,3; Herb 3946; Iw 7715 1.2.4.3 in familiär-verwandtschaftl. Kontext: Dan scol gibieten ouch sînen lûten / sam ander sîn chunne mit lutzeler wunne Gen 2840; ich mache von dînem geslähte alse vil liute dar inne die unzalhaft sint BuchdKg 27,2 2 Gebrauch als Kollektivum (häufiger stN., seltener stM.) 2.1 allg. ‘Menschheit, Menschengeschlecht’ der tûvel hete daz lût betrogin PrMd (J) 340,12; diz lût wêre dar an glîch, / iz wêre alliz sterblîch SAlex 4858; er was rîch unde gewaltic, / dô was daz liut einvaltic, / daz twanc er in sîn gebot RvEBarl 9952; ÄJud 3. – got hat liut und lant [Menschen und Welt] / von manigem wunder gemaht, / mit sîner tougen bedaht UvZLanz (K) 7906 2.2 nicht näher spezifiziert einen Personenkreis bezeichnend, ‘Gruppe (von Leuten), (Menschen-)Menge’ von des liutes schalle daz gebirge allez erdôz NibB 961,4; daz liut allesament kam, / ritter und vrouwen UvZLanz (K) 2164; des mers vluot der ünde / mac sô manige niht getragen, / als liute drumbe wart erslagen Wh 8,14; also, daz wir, noch vnsers luͥtes nieman, noch enheiner vnser erben siv dar an vvͥrbaz me beswaͤren vnd geirren svln UrkCorp (WMU) 159,22; sich hof der lut ouer den doz / dar wart der scal harde groz Roth 2987 (vgl. Roth (V), Anm.z.St.); Ägidius 1319; Lucid 94,11 2.3 (mehr oder weniger deutlich) spezifiziert bezogen auf eine Gruppe von Menschen, die hinsichtlich ihrer historischen, sozialen, kulturellen bzw. politischen Zusammengehörigkeit bestimmt ist, ‘Volk, Bevölkerung’ 2.3.1 allg.: der pabeste, der gebot oͮch mit rate des sendes vnd mit verhanchnusse des romischen liutes Konr 15,56; got hat dich irhoret, / daz lút wirdit bekeret Rol 58; er [Alexander] irslûc des lûtes [von Tyrus] de menige SAlex 1299; si wurten swarz unt egelîch, den ist nehein liut gelîch Gen 656; VMos 77,2; PrMd (J) 341,32; Kchr 10403. – im Pl. wohl hierher i. S. v. ‘Völker’ (aber auch Zuordnung zu 1 möglich): bi Salmonis zitin / was sulich vridi undir din lutin, / swelich enti dir man wolti varin, / niheinis urlougis wart man giwari LobSal 240; und wan ich gerne hæte erkant / unkunde liute und vremediu lant Tr 3116 2.3.2 im relig. Kontext: daz ist daz juͤdisch liut PrOberalt 68,13; von deme wirt geborn der ze hirte ist irchorn / uber al den liut der gote scolte wesen liup Gen 2945; daz heidiniski lîut daz uone suntin inuinstere was JPhys 7,7; daz daz israheliske liut da verlorn was! AvaLJ 71,4; Spec 131,21; VMos 32,1. – der selb chnopf [Verbindung am Leuchter] bediutet den heiligen Christe, der diu zwai liute, die iuden vnd die heiden, gesament hat in einem gelouben Konr 21,28. – Bâlââmes sternen schîn / erschein an der gebürte sîn, / daz mensch wart in Jerûsalêm, / der herzoge kam von Betlehêm, / der von der sünde arbeiten / sîn liut solte leiten, / als Michêas im gehiez RvEBarl 2624; der gewaltige got zu in sprah / min livt hat gesundet / si habent garnet den tot VMos 53,2; mines trehteins læut PrOberalt 12,38 u.ö.; Spec 66,27. 140,8 2.3.3 in gesellschaftl.-hierarchischem Kontext auch ‘Gefolgs-, Dienstleute, Vasallen; Lehnsleute, Leibeigene’ (im krieger. Kontext auch auf das bewaffnete Gefolge bezogen): sô nim dû mîn liut unde var / hin heim ze Parmenîe wider Tr 7468; do huͦben sich gewisse / der kuninc vnd der bischof / zvͦ den uorste uil drate / sam grozeme lute Ägidius 464; wir geben ire scaz unte vihe, eigines unte liutes vile Gen 1613; do si do fuoren an die vart / unde der liut gesamenet wart Hochz 268; her heiz daz luth unde die riesin ingan Roth 805; ê er [der König] sinem lîvte bvͦzze unde riwe satzte Spec 63,13; Wh 335,1; Rol 3737. – formelhaft mit guot bezogen auf die Gesamtheit des Besitzes und des Herrschaftsgebietes (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 279): darnâch reit er wider in sîn lant Sennaar unde fuorte mit im liut unde guot BuchdKg 61,8; sô wirt liut unde guot verbrant / und swaz iu, herre, an hœret KvWTroj 19014. – formelhaft mit lant auf das gesamte Land mit seinen Bewohnern, das gesamte Herrschaftsgebiet bezogen (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 279 und lant 6.4 mit weiteren Belegen): scolt ich in toten mit miner hant, / ich gabe liut unde lant Rol 2580; er bevalch sîn liut und sîn lant Tr 465; und enpfalh im gar in sîn hant / beidiu liut und lant UvZLanz (K) 1246; Iw 2889; Wig 9437; erweitert: er nam im luͤt, guot und lant Ammenh 7222 2.3.4 in familiär-verwandtschaftl. Kontext, auch ‘Familie, Verwandtschaft’ got geruoche dich geseginen und lâzza dich sô gemeginen [zahlreiche Nachkommen bekommen] , / daz dû mit liutes chrefte chomest zuo dînem erberehte Gen 1235; daz er [Herakles] durch tobenden unvuoc / sîn liut und sîn kint ersluoc RvEBarl 10146
MWB 3,3 1218,11; Bearbeiter: Luxner