Eintrag · Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke)
MORGEN stm.
1. das anbrechen des tages und die zeit von da bis zum mittage. er kôs den morgen lieht Walth. 88,12. wachen gegen dem morgen fruo das. 105,3. an dem morgen fruo das. 46,1. der wil mir wider morgen beswæren mînen muot das. 90,11. unz der liehte morgen durch diu venster schein Nib. 589, 7. an einem morgen fruo das. 476, 1. an dem zwelften morgen das. 371, 1. vgl. 72,1. 820,1. nâch mittem morgen Iw. 24. — mir gît maneger guoten morgen, der mich lieber sæch begraben Teichner 227. — der hatte sich eins morgens entbunden Ludw. 18, 29. des anderen morgens reit der herre Sîfrit Nib. 850,1. des andern morgens früeje das. 1164,1. — hieran knüpfen sich die adverbialen ausdrücke, zu denen verschiedene casus des substantivs verwandt werden; in ihnen allen ist die bedeutung eine zweifache, zunächst bezeichnet sie überhaupt die erste hälfte des tages (gegensatz zum abend), speciell dann den zunächst folgenden tagesanbruch, u. hier, von der ersten hälfte abgesehen, den folgenden tag überhaupt. dieser mhd. gebrauch weicht von dem nhd. wesentlich ab, da wir uns in der erzählung des wortes in der zweiten bedeutung nicht bedienen. auch mhd. ist der weitere gebrauch nicht allgemein, u. beim genitiv u. dativ nicht gleich. vgl. auch Sommer zu Flore 3322. also mane und cras.
a. im genitiv, morgenes, morgens, morndes, auch mit artikel des morgens, smorgens.
α. mane. des âbendes und des morgens ör. w. 46. (s. 608.) von dem ich des morgens schiet Iw. 38. von morgens unze an die naht Gudr. 54. a. unde sal eʒ des morgens ûʒlâʒen mühlh. stdtr. 56,15. des morgens früe sô nimt er war und dient got des êrsten Suchenw. 28,100. vor tags er selten wider kumt, des morgens sint eʒ andriu mær, sô ist daʒ houbet im sô swær das. 28,79. loup und gras hât beʒʒer kraft des morgens denne gein der naht Teichn. 208. und dô eʒ morndes fruo wart zürch. jahrb. 89,22. die bedeutung cras ist in der erzählung oft schwer zu scheiden von der ersteren, z. b. alsô suochten si den ganzen tac und kunden dem vederspil niht nâch komen. der herre lieʒ niht ab; alsô morgens funden si den habich zürch. jahrb. 56,31. des morgens schiet er von dan, den andern morgen, Iw. 45. swâ herzen liep bî liebe lît und hânt morgens niht ze eʒʒen Teichn. 291a. ich stelle also unter der zweiten bedeutung nur solche beispiele zusammen, in denen die erste bedeutung aufgegeben u. die allgemeine 'tags darauf' die eigentliche geworden ist.
β. crastino die. got müeʒe vüegen in des morgens beʒʒer mære Iw. 241 am folgenden tage; aber nur in der erzählung, nicht bei directer zeitbestimmung, also nie, wie unser 'morgen'. alsô morndes brâht er eʒ an den bischof von Strâʒburc zürch. jahrb. 56,34. morndes dô die herren ûf stuonden das. 57,10. und morndes an dem ôsterâbent (sonnabend) was daʒ îs alleʒ enwec (unmittelbar vorher karfreitag erwähnt) das. 88, 23. anno domini MCCCLXXXVI an dem ingênden jâre erlasch diu sunne: morndes wart Wolhûsen gewunnen das. 95, 24. swer daʒ versitzet, der gît morindis driu phunt, der ist tags darauf 3 pfund strafe verfallen, basl. recht 15,2. vgl. leseb. 940,24. 942,40. 943,3. 10.
b. im dativ, morgene, morne. ist die form morgen, morn, die völlig gleichbedeutend erscheint, als accusativ zu fassen oder als dativ, mit abfall des stummen e? wohl ohne zweifel als letzteres.
α. mane. mane morgen uel fruo voc. o. 47,51. wohl nur in verbindung mit andern zeitadverbien, wie hiute, gester. jâ sint gester morgen (: sorgen) En. 281,34. schwerlich im Exod. Diemer 148,19. vgl. enmorgen. alleinstehend bezeichnet es nur:
β. cras, crastino die, morgen, am folgenden tage. einmal entsprechend unserm 'morgen' bei directer zeitbestimmung. du solt morgen gên vor dem künege gestên Exod. Diemer 143,21. daʒ ich iu morne gesehe Iw. 86. morne und hiute das. 87. morgen an dem tage wird ich verbrant das. 153. morgen fruo das. 160. 163. 217. ich sol umb mitten tac morgen komen das. 178. ûf den tac morgen sorge hân das. 167. an dem tage morne U. Trist. 1069. er kumet morgen das. 1048. si koment uns morgen vruo Nib. 727,1. ir sult in morgen heiʒen her gân das. 1162, 1. sît hînaht hie, sît morgen dort Walth. 31,29. hiute liep morne leit Vrid. 31,16. vgl. das. XCV. herre und bruoder, morn sullent ir êrst recht sehen den bûw zürch. jahrb. 57,8. velt er hiute, ich val lîht morgen Teichn. 284. hiute wesen morne entwesen Barl. 115,29. vgl. Bon. 48,76. waʒ hiut ist liep daʒ ist morne leit das. 75,50. — dann, entsprechend dem franz. lendemain, auch in der erzählung: am folgenden tage. einen wint er im gap warmen allen den tac, die naht alle darzuo: morgen vil vruo er brâht in daʒ lant vil manegen vîant Exod. Diemer 148,19. morgen dô eʒ tagte, dô kom Iw. 84. vgl. das. 217. 241. u. Gregor 1908. er kom morgen an dem næhsten tage Iw. 177. die naht beleip si unfrô und morne allen den tac arme H. 511. des einen si sich gar verwac, gelebetes morne den tac, daʒ si benamen ir leben umbe ir herren wolte geben das. 526. daʒ er si funde morgen vruo Gregor 2874. morgen dô er dannen schiet das. 3512. ebenso häufig wie bei Hartmann findet sich dieser gebrauch des wortes bei seinem nachahmer Konrad Fleck im Flore: morne begundens nâhen einer stat, hieʒ Baldac das. 3322 u. ö. vgl. Sommers bemerkung zu dieser stelle, ferner in der guten frau u. in Ulrichs Tristan, auch einmal im Barlaam: des tages dô er Christus mornen tags darauf leit den tôt nâch der menscheit, er aʒ mit den jüngern sîn das. 173,19; niemals bei Wolfram u. Gottfried, wie Sommer a. a. orte bemerkt.
2. ein ackermass; die arbeit eines morgens? vgl. über ähnliche beziehungen zwischen ackermass u. tagewerk W. Grimm im wörterb. 2,918 s. v. DEMAT. jugera et jornales morgen sumerl. 44,36. iugerum morgen das. 10,9. morgen ackirs iuger voc. vrat. kûme einis halbin morgins breit Jerosch. Pf. 17. b.