gnade,
f. herkunft und form. 11)
nordisch und westgerm. (
mit ausnahme des engl.)
belegt. ahd. gi-nâda, ge-ke-nâda, ka-nâda; gnâda, knâda '
ops, propitiatio, humanitas, misericordia, miseratio'
; altostfränk. ge-, ginātha '
misericordia, miseratio'
; alts. nâtha, gi-nâtha '
gnade, clementia, misericordia'
; mhd. genâde, gnâde;
nhd. gnade;
mnd. g(e)nâde '
gnade, gunst, guter wille, privileg'
; mnld. genāde
ds. sowie '
ruhe, bequemlichkeit, hilfe, willkür, demut, dankbarkeit'
; nld. genade;
afries. nēthe, nāthe '
gnade, nutzen, privileg, ruhe, schutz, sorgfalt'
; spätanord. nāð,
f.; plural nāðir '
gnade, sorge für, hilfe; (
im pl.)
ruhe, frieden'
; dän. naade (
daraus norw. naade,
m., aber in Telemarken naair,
pl. =
an. nāðir,
s. Torp 452),
aschwed. naþ,
meistens pl. naþir '
ruhe, freude, vorteil, glück, hilfe, schutz, gunst, gnade, willkür',
schwed. nå
d. ob die skandinav. wörter aus dem mnd. entlehnt oder nur in ihrer bedeutung weitgehend durch mnd. g(e)nâde
bestimmt sind, ist nicht mit sicherheit zu entscheiden, am wahrscheinlichsten ist noch der pl. nāðir
mit seiner speziellen bedeutung einheimisch. die ableitungen, das adj. und verb, sind im nordischen aus dem deutschen entlehnt: dän. naadig,
schwed. nådig '
gnädig'
; dän. naade '
gnaden'. 22) gnade
ist dehnstufige ō-
bildung (
germ. *-nēþō-)
zu got. niþan '
helfen' (
vgl. W. Wissmann
nomina postverbalia 1, 112
f.)
zu einer germ. wurzel nþ. 33)
die für gnade
beigebrachten auszergermanischen verwandten bereiten schwierigkeiten. 3@aa)
im ältesten altind. (
Rigveda)
ist von der angeblichen wurzel nāth '
hilfe suchen'
nur das particip nāthitá '
bedrängt'
belegt; daneben findet sich aber nādhitá
und mit der gleichen wurzelform das perfekt ndhamāna
und das abstraktum ndhas '
zuflucht'. nāthá '
hilfe'
ist erst im Atharvaveda und nur in der komposition belegt, nthate '
sucht hilfe'
noch später. Wackernagel (
altind. gr. 1, 123)
hält dh
beim verbum für ererbt, th
für aufgekommen durch einflusz von -nāthá '
hilfe',
das er dehnungsgesetz d. griech. composita 50
zu ὀνίνημι stellt. dann ist verwandtschaft mit niþan
unmöglich. verbindet man aber -nātha
mit niþan,
so wäre die bedeutung '
hilfe, helfen'
ursprachlich, und die germ. bedeutungen '
neigung, ruhe'
schwer erklärlich. 3@bb)
auch die verwandtschaft des aus dem air. beigebrachten ist wenig wahrscheinlich (
belege nach Hessens ir. lexikon 2, 146): ar-neat
etc. '
erwartet, hält aufrecht'; do-neat
etc. '
verharrt, besitzt dauernd', in-neat '
erwartet, hält aufrecht'
; abstr. tuinide '
feste lage, etwas festsitzendes, fels'
; am ehesten liesze sich '
feste lage'
mit der im german. wahrscheinlichen grundbedeutung '
sich niederlassen' > '
ruhe, friede, schutz'
in verbindung bringen. nach Bergin
Ériu 10, 111
gehören aber die ir. wörter zur wurzel sed '
sitzen'
; auch Pokorny
bei Walde-Pokorny 2, 327
hält zusammenhang mit niþan
für unmöglich. 44)
die germanischen und deutschen verhältnisse machen die annahme einer grundbedeutung '
sich niederlassen', '
sich neigen'
bzw. '
das sich-niederlassen, sich-herabneigen'
am wahrscheinlichsten (
vgl. Haltaus 1, 652,
auf den sich Benecke
stützt: wb. zu Iwein und anmerkung zu 646;
danach mhd. wb. 2, 1, 337
und Lexer 1, 850; Falk-Torp 1, 751).
der älteste german. bestand ist offenbar die bedeutung '
ruhe' (> '
ungestörte lage, friede, glück, ewige ruhe') —
entstanden aus der grundbedeutung '
niederlassung' —,
die sich im anord. plur. nāðir,
im afries. und im mhd. findet. der mnd. gebrauch ist vom ahd. und mhd. her beeinfluszt. im alts. war der wortstamm veraltet (
der Heliand hat einmal nātha
als entlehnung; vgl. das fehlen des wortes bei Tatian);
er wurde aus dem obd. nach der bedeutungsmäszigen umbildung durch die irische mission (
s. unter bedeutung und gebrauch, vor I)
neu aufgenommen; ob das mnld. mit der bedeutung '
ruhe'
alten bestand fortsetzt wie das anord. und wahrscheinlich das fries., oder vom nd. her bestimmt ist, bleibt unsicher. 55)
schwierig ist die frage des plurals, der seit dem ahd. für die christliche gnade
häufig gebraucht wird. darin stimmt gnade
überein mit anderen abstrakten, wie êre, triuwe
u. s. w. vgl. A. Lingl
über den gebrauch der abstrakta im plural im ahd. und mhd., phil. diss. München 1934. Wahmann
gnade. der ahd. wortschatz im bereich der gnade, gunst und liebe (1937)
sucht dem plural bedeutungsmäszige funktion (
konkretisierung: bezeichnung der einzelnen akte der gnadenerweisungen)
zuzuweisen und sieht in dem überwiegen des deutschen plurals vor dem lateinischen eine germanisierung der christlichen gnadeauffassung (
s. s. 82
u. 170
ff.).
dagegen ist zu sagen, dasz im lat. der plural möglich und nicht selten ist, sowohl von '
gratia'
wie auch von '
misericordia'.
es ist grundsätzlich zu scheiden zwischen der gnade (
χάρις,
gratia),
der '
huld gottes',
durch die der mensch aus dem stande der sündhaftigkeit in den der gotteskindschaft erhoben wird (
s. unten II D)
und den gnaden,
den einzelnen gnadenerweisungen und gnadengaben, durch die dem menschen hilfe für leib und seele zuteil wird. nicht nur die '
gratiae gratis datae',
die charismen, sind pluralisch (
1. Kor. 12, 4
ff.),
sondern auch die eingegossenen theologischen und sittlichen tugenden und die sieben gaben des heiligen geistes. im sprachgebrauch ist diese trennung nicht streng durchgeführt, da schon seit dem ahd. der plural auftritt, wo es sich der sache nach um die gnade
handelt. die neigung zum plural zeigt sich vor allem in festen sprachlichen formeln, besonders präpositionalen fügungen: aus gnaden, in gn., von gn., zu gn.,
vgl. dazu anzeiger f. dtsches altertum u. dtsche liter. 57 (1938) 150
f. die formale bestimmtheit des plurals zeigt sich bis in die neuere zeit in weiterlebenden festen wendungen: was fr unendliche ewige frewde ... gott den frommen aus genaden geben werde Moscherosch
insomnis cura par. 28
ndr.; doch sollte aus gnaden nur jeder fünfzehnte ... hingerichtet werden I. v. Döllinger
akad. vorträge (1888) 1, 41;
besonders deutlich in doppelformen: empfehlen sie mich ... zu gnaden und gunsten Göthe IV 20, 191
W.; empfehlen sie mich zu gnaden und hulden IV 20, 160
W.; noch manche jahre ... hielten herr und diener, der eine in gnaden, die andern in treuen zusammen Gutzkow
ges. w. (1872) 1, 40.
der grund der vermischung von sing. und plur. liegt wohl darin, dasz der sache nach die trennung schwierig ist. '
gnadengaben',
soweit sie das übernatürliche leben betreffen, können erscheinungsformen der χάρις sein, aber auch die neutestamentlichen χαρίσματα,
die eigentlichen '
gnadengaben' (
s. zu gnade II C 3 a). 66)
seit dem mhd. wird die beurteilung des plurals noch erschwert durch die neben der starken auftretende schwache flexion von gnade.
die ursache des flexionswechsels liegt wohl in der doppeldeutigkeit mancher formen: seit dem frühmhd. kann formal vater der genaden
sowohl starker gen. plur. wie schw. gen. sing. sein. sichere beispiele für schwache flexion von gnade: mit der gottes genaden Schönbach
altd. pred. 1, 51, 6; also vortirbet die sele ân die gotes genade und wirt schone von der gotes genaden 1, 61, 2; alle die in der gnaden gotz sint Tauler
pred. 166, 1; 64, 17
V.; häufig in der formel (
die seele) wirt alles das von gnaden das got ist von naturen Tauler
pred. 146, 22; 162, 10; 300, 25; von gnaden und nút von naturen 146, 27;
vgl. noch: sô ist er wêrlîche daz selbe von gnâden, daz got ist von nâtûre
mystiker 2, 185, 4
Pfeiffer; ich von gottes gnaden, die mir gegeben ist
1. Kor. 3, 10; das gesaz weicht der gnaden Fischart
bibl. hist. 209
Kurz; aus lauterer gnaden Sebiz
feldbau (1579) 560; mit deiner güt und gnaden Dannhawer
catechismusmilch (1657) 4, 30; nach seiner milden gnaden Olearius
moscovit. u. persian. reisebeschr. (1696) 44;
vielleicht noch: damit ich (
der christ) freudig hören mag, den süszen geruch der gnaden Pietsch
schr. (1740) 361.
nachdem starke und schwache flexion nebeneinander bestanden, ist mit der möglichkeit zu rechnen, dasz sing.- und plur.-formen miteinander vertauscht und verwechselt wurden. manches, das heute als plural aufgefaszt wird (
auch in den präpos. fügungen, wie von gottes gnaden, zu gnaden und gunsten
etc.),
könnte, soweit die herleitung aus dem ahd. nicht sicher steht, schwacher singular gewesen sein. möglich ist, dasz in anlehnung an fälschlich als plural aufgefaszte schwache formen der pluralgebrauch seit dem frühmhd. gefördert worden ist; sicher ist, dasz manches als schw. sing. zu deuten ist, was wie ein plural scheint: ain ... urchunde des trostes unde der genaden Schönbach
altd. pred. 3, 214, 15; di erste gabe der gnadin
paradisus anime 134, 18
Str. (
s. auch 135, 15); do ich der gnaden beroubet ward, do begund ich ... betrahten, wellich die gnad was E. Stagel
schwestern zu Töss 59, 16
V.; als schwacher sing. könnte neben zahlreichen beispielen aufgefaszt werden etwa: (
gott) von des gnaden Seuse
dtsche schr. 246, 25; waz mag der wisheit und gnaden ... erwerben 256, 21; von diner gnade wider ze gnaden (
kommen) 264, 19; daz werc der gnadin
paradisus 17, 12
Str. 77)
synkopierung des e (
bzw. i, a)
schon im ahd.: gnada
Benediktinerregel 193, 32
bei Steinmeyer
kl. ahd. denkmäler; gnada Otlohs
gebet 182, 3
St.; nah dien gnadon Notker
ps. 118, 17; nube durh knada 1, 265
P. im mhd. häufiger; vgl. Haupt zu Neidhart 58, 7
; seit dem 16.
jh. beginnt gnade
zu überwiegen; Luther
hat gnade;
im 17.
jh. begegnet noch genade: aber du hast diesem schaden abgewehret mit genaden Neumark
musikal.-poet. lustw. (1657) 1, 49.
noch im 18.
jh. ist genade
bekannt gewesen: Göthe
führt in einem brief an Käthchen Schönkopf v. j. 1769
als fehler ihres letzten briefes an: gnade und nicht genade IV 1, 215
W.; in der '
verlorenen liebesmüh'
von Lenz
heiszt es gar, dasz die henkersknechte aller guten orthographie gnad für genade sagen
schr. 2, 267
Tieck; Wilhelm Grimm
schreibt genade (
vielleicht bewuszt gelehrte schreibweise)
in: briefw. zwischen J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1888) 2, 123.
bedeutung und gebrauch. die bedeutungsentwicklung des wortes gnade
ist innerhalb der deutschen sprache von dem inhalt des christlichen gnade-
begriffes bestimmt. gnade
ist ein wort der süddeutschen mission (
s. zu diesen und den anderen die früheste geschichte von gnade
betreffenden fragen Th. Frings
Germania Romana [1932],
bes. 17-25; P. Wahmann
gnade. der ahd. wortschatz im bereich der gnade, gunst und liebe [1937]; A. Lindquist
studien über wortbildung u. wortwahl im ahd. mit bes. rücksicht auf die nomina actionis Paul-Braunes beiträge 60 [1936] 1-132)
und hat innerhalb dieser welt seine begriffliche ausprägung erhalten. die frühesten bezeugungen (
bair., vor 800)
stehen bereits unter christlichem einflusz. wie weit der vorchristliche gebrauch entwickelt war, läszt sich nicht entscheiden. einzig die bedeutung '
ruhe, glück' (
s. unten I)
geht mit einiger sicherheit auf vorchristlichen gebrauch zurück. dasz '
huld, hilfe'
schon vor der mission neben '
ruhe'
aus der grundbedeutung '
sich niederlassen'
entwickelt worden ist ('
das sich neigen, um zu ruhen' — '
das sich neigen, um jemandem beizustehen'),
so dasz die missionare an einen weltlichen gebrauch '
huld, gunst, hilfe'
anknüpfen konnten und ihn mit der christlichen '
misericordia'
und '
gratia'
in beziehung brachten, ist glaubhafter, als dasz erst die mission diesen schritt getan hätte. dafür spricht vor allem, dasz gnade
zunächst nicht '
gratia',
also '
die gnade gottes'
im engeren sinne, sondern '
clementia'
und '
misericordia', '
gottes gnädige, erbarmende gesinnung'
bezeichnete, also die bedeutung, die einer allgemein menschlichen am nächsten liegt, (
s. unten unter II B).
noch Notker
gebraucht gnade
hauptsächlich für misericordia, während er gratia meist unübersetzt läszt und nur selten mit gnade
wiedergibt. unsicher bleibt damit auch, ob die vereinzelten frühen ahd. belege in weltlichem zusammenhang ('
hilfe, schutz')
und die breit entwickelten mhd. gebrauchsweisen ('
huld', '
gunst', '
schutz'
im bereich des lehns- und minnewesens)
mit älteren nichtliterarischen bedeutungen in verbindung stehen, oder ob sie in ihrem gesamten umfang säkularisationen darstellen. II. '
ruhe, ruhige lage, ruhiges leben'; '
glück, glückseligkeit'.
gegensatz von ungnade '
unruhe, aufruhr'
u. s. w., s. teil 11, 3, 1017
f. wahrscheinlich handelt es sich um einen alten, aus der grundbedeutung '
das sich-niederlassen'
abgeleiteten, vorchristlichen gebrauch, vgl. Benecke
zu Iwein 646.
auffällig bleibt die verhältnismäszig späte bezeugung (11., 12.
jh.),
ferner, dasz die wendung diu sunne gât ze gnâden
erst im späteren mhd. belegt ist. —
für eine herleitung aus älterem gebrauch spricht vor allem das anord.; der plur. nāðir
hat die bedeutung '
ruhe, ruhe des schlafs',
auch '
musze, bequemlichkeit',
vgl. Falk-Torp 1, 151; Cleasby-Vigfusson 448
a (
die bedeutung '
gratia'
für den singular erst seit dem 14.
jh.; offenbar unter südlichem einflusz): ganga til nāða '
sich legen'; frelsi ok gōdar nāðir '
musze und ruhe'; vera þar um nōttina ī nāðum; drekka saman ī nāðum.
auch das afries. hat die bedeutung '
ruhe'
bewahrt, vgl. v. Helten
lex. d. aofries. 243; Richthofen
afries. wb. 942
f.; häufig ist thruch fretho and thruh natha (nethe);
bei der späten bezeugung, nicht vor dem 13.
jh., ist das afries. für die bedeutungsentwicklung ohne rechte beweiskraft. im as. ist (gi)nātha
kaum bekannt; vgl. Frings
Germania Romana 19.
der mnd. und wahrscheinlich auch mnld. gebrauch sind vom deutschen her bestimmt, geben also auch über die ursprünglichen verhältnisse keine sicheren aufschlüsse. mit der möglichkeit, dasz, namentlich in übertragenem sinne, spätere (
mhd. und frühnhd.)
bezeugungen nicht mehr aus der bedeutung '
ruhe'
abgeleitet, sondern fortbildungen von gnade
als '
gunst, hilfe, wohltat'
sind, musz gerechnet werden. so scheinen auch die späteren belege (Wieland, Jac. Grimm)
unter ungnade 2,
sp. 1018
keine fortsetzungen des mhd. gebrauchs zu sein, sondern übertragungen von ungnade
als '
ungunst'
aus der menschlichen sphäre in die der natur (
vgl. die ungunst der verhältnisse, des wetters; das gnädige oder ungnädige wetter
u. s. w. s. auch unter gnadelos,
adj., 1). I@11) '
ruhe, untätigkeit'; '
ruhige, angenehme, geschützte lage'
als gegensatz zu '
unruhe, hartes, gedrücktes, gestörtes leben'; '
schutz', '
friede'.
auf das innere bezogen: '
innere ruhe'
und daraus entspringende '
befriedigung, glück, glückseligkeit': wan so der man und daz wip die wochen chestiget sinen lip, so schulen si an dem suntage genade unde reste haben
genesis 8, 30
Diemer; (
die fliegen) sine lazzent uns rawe neheine genade sine lant uns geruowen den abent noch den morgen 140, 15; der ie die werlt gefröite baz dann ich, der müeze mit genâden leben (
der möge glücklich leben) Reinmar
in: minnes. frühl. 164, 4; nû het in (
Erec) an der gnâden sant ûz kumbers ünden gesant got und sîn frümekeit, daz er nû allez sîn leit hâte überwunden Hartmann v. Aue
Erec 7070
H.; zehant wart in beiden ein ruowe bescheiden, dâ in gnâde unde gemach zuo ir wunden geschach
Iwein 7771
L.; ez wâren dem rîchen dürftigen (
Gregor, der als armer auszer landes geht) alle genâde verzigen, wan daz er al sîn arbeit mit willigem muote leit
Gregorius 2752
P.; liute unde lant, diu möthen mit genâden sîn, wan zwei vil cleiniu wortelîn 'mîn' unde 'dîn', diu briuwent michel wunder ûf der erde Gottfried v. Straszburg
s. 246
R.; ir muoter sprach 'waz ob ich des niht wil daz ir mit ir (
der tochter) iht rûnet? ... lât sî mit genâden; zechet anderthalben hin' Neidhart 45, 24
H.-W.; wi unversehenlich geschiht an wertlichen sachen ist! wi gar unstedecliche list wendet si her unde hin! wi lützel gnaden ist an in, wi idel, wi gar drugesam ist werltlicher dinge ram
Elisabeth 5012
Rieger. vride und gnade
übersetzt die im mittelalter geläufige formel pax et gratia,
bezeichnung des allgemeinen friedens (R. His
strafrecht d. dtschen mittelalters 1 [1920] 352);
zufrühest im geistlichen belegt: do wunschten si (
die engel in der weihnacht, Luc. 2, 14) genaden und frides menschlichem geslæcht Schönbach
altd. pred. 2, 19, 16; wir ... tuon chunt allen di disen brief an sehen, daz wir durh frid und durh genad einen so getanen satz haben gesatzt (
Regensburg, 1269)
corp. d. altdt. originalurkunden 1, 171, 13
Fr. Wilhelm; ze vride und ze gnade der stat und der gemeinde han wir gesetzet (1252)
ebda 1, 52, 21; ist die vierte meinung: das die stat Bamberg fürbass allzeit einem herrn und dem capitl ein erbhuldung thun solle uf solichs das die vorberurten straff und ordnung alle dester forderlicher in fride und gnaden bleiben möchten (15.
jh.)
chron. d. stadt Bamberg 1, 8
Chroust; frid und gnad wil mich (
den kriegsmann) gar verderben, ich wOelt vil lieber unruow han H. R. Manuel
weinspiel 408
ndr.; besser mit gutem gewissen in fahr und ungnad, denn mit bösem gewissen in fried und gnad leben Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) 2, k 7
a. setzen wir sy hiemit aus unsern und des reichs gnad und schirm (
v. j. 1495)
im dtschen rechtswb. 4, 965; sîneme wechferdigen gesellen unde sîme werde, dâ her geherberget is, unde sîme gaste unde swer zu sînen gnaden vlût, deme sol die man helphen weder alre malkeme
Sachsenspiegel III 78 § 7
Eckhardt; s. auch Schwabenspiegel unter III D 4,
sp. 550.
in neuerer zeit nur noch in mundart und umgangssprache: to gnaodn kaom
nach anhaltender, schwerer arbeit sich einige erholung, ruhe verschaffen Danneil
altmärk. 66
a; nicht zu gnaden kommen können
für die Mark bezeugt durch Frz. Söhns
parias d. dt. sprache (1888) 31; tau gnâden kômen
zur ruhe kommen, sich erholen Schambach
Gött. 65
b;
die geister böser menschen spuken, weil sie nicht ze gnodn
kommen können Hertel
Thür. 108; z gnade cho
zu sich kommen, sich erholen Seiler
Basler ma. (1879) 143; in dem bett kann ich nicht zu gnaden kommen und habe bis jetzt schlecht geschlafen Th. Storm
br. an s. frau 30. —
auch vom nachlassen des schmerzes: nu heffk n bätn gnaod Danneil 66
a; ich kriech itz awing gnde K. Rother
schles. sprichw. (1928) 254. —
hierher gehören auch die folgenden selteneren anwendungen aus Thüringen und Sachsen (
nach mitteilungen von Rudolf Hildebrand
und Karl Kant): ein garten liegt in der gnade,
d. h. '
liegt geschützt' (
dafür auch in der geduld liegen '
unter dach und fach sein, gegen regen und wind geschützt sein'); andre jahre haben die katzen ihm (
dem vogel) die jungen aus dem nest geholt, dies jahr hat er sie aber zu gnaden gebracht (
sie ohne störung und schaden aufgezogen)
landmann aus der Grimmaer gegend (1894).
in geistlicher sprache '
die ruhe und seligkeit des jenseits',
gelegentlich mit vröude
verbunden; ewige gnade '
ewige ruhe, ewige seligkeit': daz si (
Maria und die heiligen) mine sele wisen in die gnade unde in die vroude, die si selbe besezzen habent mit allem himelischem herige (
hs. d. 12.
jh.)
Benediktbeur. glaub. u. beichte III 99
bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkm. 360; daz wir also funden werden, daz wir die ewigen genad mit dem almæchtigen got besitzen mzzen Schönbach
altdt. pred. 2, 42, 22; we ... anheven scholden eyne selenmissen to troste und gnaden unsem heren (
Braunschw. 1418)
städtechron. 16, 42; wer dorten in gnaden schlafft, der ist von allem jamer weit. eyn yder stirbt zu rechter zeit, wy got sulchs wirt gefellig sein Joh. v. Schwarzenberg
trostspruch 147
ndr.; gott bewahrt ihr gebein: die lieben heiligen sein sind nu bei ihm in gnaden, kein feind kann ihnen schaden
in: dreiszigj. krieg 215
O.-C. — ze (den) gnaden '
in der ruhe und seligkeit der ewigkeit'
; im gegensatz dazu heiszt ze den ungenaden '
in der ewigen verdammnis, in der hölle'. ze gnaden komen, varn
nähert sich mehrfach formelhaftem gebrauch als umschreibung für '
sterben': ich meine sante Marien unde andir, die ze gnaden sint
genesis 17, 10
Diemer; daz er niht ersturbe unde fre ane chwale ze den himelischen genaden, da er immir lebte 10, 24; wirn habn hie kein stete wesin und ist uns not daz wir da hin denkin, daz immer wern sol. antweder zu den genaden oder zu den ungenaden. sive ad austrum, sive ad aquilonem, arbor ibi manebit Leyser
dtsche pred. 135, 34; also sule wir tuon, uf daz wir cumen da er (
st. Johannes) nu ist, zu den ewigen gnaden Schönbach
altdt. pred. 1, 253; daz ander teil (
der menschen beim jüngsten gericht) ist die guot sint und ane urteil ze gnadin varent. daz dritte teil ist die guot sint unde niht ane urteil ze gnaden coment
Lucidarius 69, 29
Heidlauf; Maria Eleonora (
geb. 9.
febr. 1627) so den 6. augusti 1629 widerumb zu gnaden gangen Frz. Adam v. Brandis
ehrenkräntzl. (1678) 219; (
gott hat) e. e. lieben ... ehgemahel ... zu seinen gOettlichen genaden genommen Caspar Scheit
frölich heimfart a 2
a.
die folgenden belege schlieszen die möglichkeit anderer deutung nicht aus; ze gnaden komen, bringen
könnte auch meinen '
die huld, gnade gottes erwerben etc.'
sie legen auch nahe, dasz gnade
als '
ewige ruhe'
nicht aus der bedeutung '
ruhe, gemach'
abgeleitet ist, sondern mit gnade
als '
huld gottes' (II C)
zusammenhängt: swer ze genâden wil chomen, der sol nieman niht nemen
vom rechte 179
bei Waag
kl. ged. 75; swer [dort (
im himmelreich) ze] genâden wil chomen, der muoz die smâch an sich nemen, er muoz die ubirmuot lâzzen
die hochzeit 939
bei Waag; und wie er (
Christus) leid den bittern tod für uns und gäntzlich wart gesmecht, das er uns armen zuo gnaden brecht
schausp. d. mittelalt. 2, 187
Mone; der mensch dort nie zu gnaden kam, der arm leuten hie war gram Petri
d. Teutschen weish. (1604) 2, o 6
a. I@22)
die sonne geht zu gnaden '
die sonne geht unter'.
neben zu gnaden gehn
begegnet auch zu reste,
nd. zur rüste, ze sedele, zur ruhe gehn,
im mnd. de sunne geyt to gāde '
die sonne geht unter' (
vgl. dazu entgegen dem mnd. hdwb. I 2,
sp. 1
teil 4, 1,
sp. 1132 gadem, gaden '
gemach, kammer). zu gnaden gehn
ist verhältnismäszig spät belegt, mit sicherheit erst seit dem 15.
jh.; Notker
kennt ze sedele gân, in sedel gân 1, 38
P. (
Boethius I
metr. v);
in den von Jac. Grimm
mythol.4 2, 267
angeführten stellen aus Salomon u. Markolf haben die frühen hss. ze sedele (
vgl. die ausgabe von Vogt 267, 1; 663, 4); zu gnaden
gehört einer hs. des 15.
jh. an. für die ableitung aus gnade '
ruhe',
auf die Jac. Grimm
a. a. o. hinweist, bleibt diese späte bezeugung auffällig: item wart eyn frydde uffgenommen czuschin den herrn uff beit siyt uff donstagk Alexii den frytagk unde sonnobent bisz daz die sonne in golt genant adder in gnaden genant adder neyddir gangen wer (
v. j. 1466) Conrad Lange v. Friztlar
annalen in: zs. d. ver. für hess. gesch. u. landeskde 57 (
n. f. 47) 35,
vgl. Edw. Schröder
zs. f. dt. alt. 66, 256; umb sovil dann die sonne nach mittemtag widerumb zu gnaden weicht ...
Zimmer. chron.2 4, 140
Bar.; item welcher seinen zins bei sonnenschein nicht gibt, ehe die sonne zu gnaden geht (16.
jh.)
weisth. 1, 744; die sonn get zu rue oder rast oder zu gnaden Aventin 1, 365, 19
L.; die hirten bezeugen, dasz sich die geisz auf der weide, wenn ietz die sonne unter und zuo gnaden gehen wil, einander gar nicht ansehen Heyden
Plinius (1565) 262; es werete, bisz die sonne wolt zu gnaden geen, das ist, bis die sonne wolt undergeen, und der welt yre gnade und scheyn versagen und zu ruwe gehen J. Agricola
sprichwörter 2 (1529)
nr. 737; die zu gnaden gehende abendsonne Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 8 (1649) 270; wan früh die sonn sich hebet, auch wan sie späth zu gnaden geht, und müd im westen schwebet Fr. v. Spee
trutznachtigall (1649) 107; (
der tugendtrieb der zornigen Almire) wil des himmels pracht gar nicht gemindert sehn, er spricht: der sonnen wird ihr schein so nicht benommen das auge musz vor ihr, nicht sie zu gnaden gehn. allein dis machet nicht der augen pracht geringer J. G. Gressel
Celanders verliebte ged. (1716) 89;
vgl. noch: grande quondam erat nefas, dicere die sonne geht unter, sed uti hodie quoque loquendum die sonne gehet zu gnaden, geht zu bette Henrici Vagedes
opera academica (1703) 283. —
in etwas abweichender form: jetzt wollt es abendt werden und nahete sich die sonn zu gnaden und eylete mit jhrem nidergang zu durchleuchten den andern theil des himmels
buch d. liebe (1587) 112
d. —
übertragen: Christus, die wor sonn der gerechtigkeit, ... ist leider itzund gar noh zuo gnoden gangen, und ist also worden ein abent (1522) Michael Stiefel
von d. christform. lehre Luthers 31
Lucke; nun, es will mir auch abend werden, mein stern neigt sich nun auch zur erden ... derhalben will ich auch mein schreiben zu gnaden lasen gahn und pleiben Fischart
glückh. schiff 1140
ndr. IIII. die
gnade gottes. das dem menschen zugewandte erbarmen, wohlwollen gottes und die daraus flieszende gabe. der wichtigste bedeutungsmäszige unterschied ist der zwischen '
erbarmen' (B)
und '
huld, güte' (C
und D).
erschwert wird die deutung durch die völlig unklare verwendung des plurals, der nur selten bedeutungen von einander scheidet, s. oben unter herkunft und form 5. II@AA.
die wesentliche qualität der christlichen '
gratia',
ihre sogenannte '
gratuität',
vermittelt das charakteristische merkmal, durch das gnade
seit seinem auftreten in ahd. zeit bis in die jüngsten und entlegensten weltlichen bedeutungen hinein als etwas aus unverdientem wohlwollen, '
gratis'
empfangenes, auszergewöhnliches und von der norm abweichendes gekennzeichnet und dadurch von den synonymen huld, gunst, neigung
unterschieden ist. damit hängt zusammen, dasz gnade
im deutschen nur für eine beziehung eines höheren zu einem niederen gebraucht wird. die im mndl. auftretende anwendung auf die beziehung eines untergebenen zu einem höheren, '
ootmoed', '
deemoed'
ist späte sonderentwicklung. auch der entscheidende, im weltlichen bereich sich ausbreitende gegensatz von gnade zu recht
und gesetz
hat hier seinen ursprung (
sieh III A).
nur ganz vereinzelt, wie bei '
segen, belohnung' (II C 2)
wird das merkmal der '
gratuität'
aufgegeben; und da empfindet man, dasz es im widerspruch zum eigentlichen sinn von gnade
geschieht. (
zum theologischen begriff der '
gratuität'
vgl. u. a. Röm. 3, 23
f., 11, 6; Thomas v. Aquin
summa theol. III 63, 3
ad 1; Franz Diekamp
kath. dogmatik 2 [1930] 398;
vgl. auch E. Brunner '
gnade'
in: religion in gesch. u. gegenw.2 2 (1928) 1261
ff. in den folgenden belegen ist der gegensatz zu etwas verdientem ausdrücklich betont: thaz ih in himilrichethir, druhtin, iamer liche ...thaz nist bi werkon minen, suntar rehto in warubi thineru ginadu Otfrid I 2, 46; du gibest dar du wile per indebitam gratiam bona pro malis, ... kilt ouh mir nah dien genadon Notker
ps. 118, 17; dar umbe enist in got umbe iriu werk unde umbe ir geben nihtes niht schuldic, er enwellez denne gerne tuon von sîner gnâde unde nicht umbe iriu werk meister Eckhart
d. dt. w. 1, 8, 3
Quint; ich bin Moyses din knecht, durch gnad und nit durch recht Mone
schausp. d. mittelalters 1, 143; es gehet alszo: credentibus verbum gratis sine meritis datur iusticia. das heyst unter gnaden sein Luther 34, 2, 23
W.; eine solche vorstellung (
dasz der gute gebrauch der religiös-sittlichen kräfte die gnade vermittele) wäre allerdings pelagianisch, und nicht Christus, sondern der mensch würde die gnade verdienen, oder besser, die gnade hörte auf gnade zu sein Joh. Adam Möhler
symbolik5 (1873) 113; Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth von England. andern leben und der armut das brot geben — darin allein ruht das glück. ich möchte, das ich mir das erringen könnte. aber man erringt sich nichts. alles ist gnade Th. Fontane
ges. w. (1915) 5, 286; gnade meint, was weder erzwungen noch verdient werden kann; weder in der reichweite der macht noch des rechtes liegt R. Guardini
d. engel in Dantes göttl. komöd. (1937) 118. —
in leichter abwandlung den gegensatz von dem, was man aus sich selbst leisten kann und dem, was nur geschenkt wird, meinend: die liebe kann das herz dir freudig zollen, der glaube wird ja nur als gnade kund Annette v. Droste-Hülshoff
s. w. 2, 31
Schw. —
die tatsache, dasz gnade
ein freies geschenk gottes ist, drückt sich zuweilen in attributen aus: lauter, blosz, rein: sich, in der wisen sol ouch dine bunge sin, daz du dich nút in enthaltest denne uf der bloszen gnoden und barmhertzikeit gottes, und nemest und gist gnode von gnoden von gottes gte alleine, und nút enwisse von keinre dinre bereitunge oder wirdekeit Tauler
pred. 64, 17
V.; das ist der recht Messias, sic venit, ut afferat eitel gnad und barmherzigkeit, qui dat caecis visum Luther 32, 242
W.; die arme Lea, die on all ir verdienst ... ausz klam lauter gnaden zu diesen groszen ehren ... kommen sei Mathesius
histor. v. Jesu Christo (1568) 1, 31
a; und nun (
Röm. 8, 28
ff.) entfaltet sich dieser gedanke der reinen gnade, die keine voraussetzungen hat als sich selbst, zu voller kraft R. Guardini
d. harren der schöpfung (1940) 17.
die allen anwendungen zugrunde liegende bestimmung der gnade
als des freien geschenks kann sich gelegentlich verselbständigen, so dasz gnade
einfachhin '
das freiwillige geschenk'
bedeutet, namentlich in verbindungen wie aus gnade, von gnaden,
die mit lat. '
gratis', '
umsonst',
gleichbedeutend sein können: das heyszen gratificari, ausz gnaden on vorgangen oder zukünfftigen dienst oder verdienst geben Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 138
a; (
der euch) aus gnaden und umbsonst gerecht will machen Joh. Mathesius
Sarepta (1571)
vorr. 1
b; ausz gnaden, umb sonst
per gratia, gratuitamente Hulsius (1618) 1, 139
b; ich für meine person glaube nicht an die wichtigkeit all dieser geschichten. erziehung! auch da ist das beste vorherbestimmung, gnade. in diesem stück, so gut lutherisch ich sonst bin, stehe ich zu Calvin Th. Fontane
ges. w. I 7, 43; an ihrem (
der schönheit) wesen, dasz sie 'von gnaden' ist, gratia,
χάρις, kann sich nichts ändern Th. Haecker
schönheit (1936) 69. II@BB.
erbarmen, barmherzigkeit, milde. misericordia, miseratio, propitiatio. in der christlichen lehre vom verhalten gottes dem menschen gegenüber werden '
misericordia, clementia'
und '
gratia'
formal voneinander unterschieden, obschon sie eng miteinander zusammenhängen und der sache nach ein und dieselbe liebesbewegung gottes meinen. es handelt sich dabei nur um besondere ausdrucksformen der göttlichen huld, die sich allgemein als '
güte', '
gratia' (II C
u. D),
oder als den sünder rechtfertigendes '
erbarmen', '
misericordia' (II B)
äuszern kann. die wortfamilie gnade
hat zunächst, wenn die quellen die verhältnisse richtig wiedergeben, gottes erbarmen und versöhnende güte ausgedrückt: misericordia, miseratio und propitiatio, und die dafür vorhandenen wörter, bair. alem. armherzi(da), armherz, irbarmida;
ostfränk. miltida, milti (
Tatian);
fränk. êregrehti, êgrohtful (Wahmann
gnade 82, 150)
zurückgedrängt. dieser vorgang begann im bairischen; das früheste zeugnis ist der ahd. abrogans (764);
nach 800
setzt sich die bewegung im alemannischen und fränkischen fort; vgl. dazu Frings
Germania Romana 19
ff., Wahmann 25
f., 123, 130, 144.
gleichzeitig gaben kinatha, kanathaft, canadic
die mit '
misericordia'
eng zusammenhängende '
güte', '
clementia' (C)
wieder. die verwendung von gnade
für '
gratia' (D)
scheint erst im anschlusz daran nach 800
erfolgt zu sein. diese entwicklung spricht dafür, dasz ein vorchristlicher gebrauch mit der bedeutung '
güte, milde, freundlichkeit' (
entwickelt aus der grundbedeutung '
das sich-niederlassen', '
sich-herabneigen, um in güte zu helfen')
vorhanden gewesen ist, an den der christliche angeknüpft hätte. II@B@11)
erbarmen gegenüber der menschlichen not, bedrängnis und der sünde und schuld. von der '
güte' (C)
nicht immer zu trennen; nur durch stärkeren gefühlston davon unterschieden. zuweilen neben und gleichbedeutend mit irbarmida, barmherzi(g)keit, miltida, guoti (
reichliche belege für das ahd. bei Wahmann
a. a. o.):
propitiatio canada
vel aerhaftida
ahd. gl. 1, 232, 8 (
ahd. abrogans, um 764),
vgl. pius aerhaft 1, 229, 13;
propiciatorium ginada 4, 89, 36 (
ebenso 4, 156, 56); wanit sih kinadadiu wenaga sela
Muspilli 28
bei Steinmeyer
kl. ahd. denkm. 67; thia ginada ouh, druhtin,dua in mir mit mahtin, thia thu in thina guatithemo scachere dati Otfrid IV 31, 27; (
das kananäische weib) suntar sus betota,ginada sino thigita, giloubta, er sia (
ihre tochter) giheilti III 11, 11;
secundum multitudinem miserationum tuarum respice in me nah dero manigi dinero gnadon nals minero sundon sih mih ana Notker
ps. 68, 17 (
dagegen ps. 50, 3:
secundum multitudinem miserationum after dero manigi dinero irbarmidon);
diligit misericordiam et iudicium er minnot armherzi unde gerihte. daz ist knada unde urteilda
ps. 32, 5;
misericordia domini plena est terra sinero gnadon ist diu erda fol
ps. 32, 5; tu (
gott) inluihta min herza, daz ih dina guoti unta dina gnada megi anadenchin unta mina sunta (
lat. nur bonitatis) Otlohs
gebet bei Steinmeyer
kl. ahd. denkm. 182, 3; durch die dina alemahtigun erbarmida unde gnada
Bamberger beichte ebda 141, 24; got der gewære, nû vernim mich sundære ... des biute ich mîne riuwe zuo dînen gnâden
Vorauer sündenklage 417
bei Waag
kl. dtsche ged.; (
die blutflüssige frau) wolt es gar verswigen han, im ungedanket also lan, do ir der gnaden hail beschach schweizer Wernher
Marienleben 7459
P.-H.; wirt si (
Aglye) mit warhait innen waz din erbærmde gnade hat, daz si in dinem namen lat sich taufen und gelaubet Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 10533; sô enpfâhet die buoze nâch gotes genâden und nâch gotes erbermede und nâch iuwern staten Berthold v. Regensburg 2, 43
Pf.-Str.; sie (
die gnade) tæte mit in unde an in genâden site, daz ist wol tuon den unwirdigen David v. Augsburg in:
dtsche mystiker 1, 332, 30
Pf.; und da der herr fur seinem angesicht ubergieng, rieff er, herr, herr, gott barmhertzig und gnedig, und gedültig, und von groszer gnad und trew, der du beweisest gnade in tausend gelied
2. Mos. 34, 6; der dein leben vom verderben erlöset, der dich krönet mit gnade und barmhertzigkeit
ps. 103, 4,
qui coronat te in misericordia et miserationibus; hilf mir nach deiner gnade
salvum me fac secundum misericordiam tuam ps. 109, 26
; seyndt auch gleich wie wir gottes gnaden und zorn underworffen U. v. Hutten
opera 2, 126
Böck.; er kömmt zum weltgerichte,
zum fluch dem, der ihm flucht,
mit gnad und süszem liechte
dem, der ihn liebt und sucht
Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 325;
bedeck mit gnad all meine that,
nit mehr der sünd gedencke
Fr. v. Spee
trutznachtigall (1649) 85;
hat nun gott die seinigen stets för den augen, ja er trägt sie gar in seinem hertzen, so musz er sie ja allerdings in gnaden und barmhertzigkeit kennen Sperling
Nicodemus quaerens (1718) 1, 1115
; liebe, die gnädige,
hegende, thätige,
gnade, die liebende,
schonung verübende,
schweben uns vor
Göthe 15, 1, 343
W. II@B@22)
die aus erbarmen dem sünder gewährte '
vergebung, verzeihung',
gelegentlich, wo es der sachzusammenhang nahelegt, an '
schonung'
anklingend (
s. auch unten III A 2);
vom vorigen nicht immer sicher zu trennen: nieht ein unrehten unde sundigen nube ioh dien wirsisten geheizzo ih danne gnade fone dir, ube sie sih pezzeron wellen Notker
ps. 50, 15; kot almahtigo, kawerdo mir helfan enti kawerdo mir farkepan kanist enti kanada in dinemo riche
st. Emmeramer gebet bei Steinmeyer
kl. ahd. denkm. 310, 25; Maria du bist milt und ss, kein sunder sol sin verlorn, der zů dir flúcht, e er stirbt, er billich gnad umb dich erwirbt Mone
schausp. d. mittelalters 1, 298; er wird gott bitten, der wird im gnade erzeigen, und wird sein antlitz sehen lassen mit freuden, und wird dem menschen nach seiner gerechtigkeit vergelten
Hiob 33, 26; das sie (
die Juden) in morte desperirn und kein gnad anruffen können Luther 34, 1, 236
W.; wie wir solten gott in die ruten fallen, ein fuszfall thun, gnad bitten, und besserung unsers lebens versprechen und zusagen Musculus
hosenteuffel 7
ndr.; daz ich (
Faust) mich ihm mit leib und seel ergeben und verkaufft habe, darumb kan ich keiner gnade mehr hoffen, sondern werde wie der Lucifer in die ewige verdamnusz und wehe verstoszen
volksbuch v. dr. Faust 31
Fritz; und ist etwas sträflichs heryn (
in dem buch) gesetzt worden, so begert er (
der verfasser) gnad und verzeihung von got dem herren Pauli
schimpf u. ernst 19
lit. ver.; unser lamm, das für uns stirbet, und bey gott für den tod gnad und fried erwirbet Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 330; das stärkste innere kennzeichen, woran man die einige wahre religion erkennen kann, ist ... (
dasz sie) einen überzeugenden unterricht ertheilen musz, wie man, in ansehung der abweichungen von derselben, gnade und vergebung erlangen könne Lessing
s. schr. 7, 1
M.; kein sünder ist so verworfen, dasz er nicht durch seine reue die gnade unseres vaters im himmel erwerben kann G. Freytag
ges. w. (1886) 11, 145; den ablasz leugnet er (
Luther) noch nicht, aber schon 1516 ist es ihm bedenklich, dasz der mensch dadurch die gnade empfangen solle Ranke
s. w. 1, 202. II@CC.
gottes '
güte, liebe, huld',
als kennzeichnende haltung gottes dem menschen gegenüber, und die aus dieser huld gewährte hilfe, unterstützung. durch den geringeren gefühlston von B
unterschieden, durch die allgemeinere bedeutung von '
gratia'
im engeren sinne (D),
die sich nicht auf den menschen überhaupt, sondern auf die rechtfertigung der seele bezieht. aus dem ahd. abrogans, der '
clemens'
mit kanathaft, kanadic (
vgl. gnädig,
adj., A 3)
und '
ops'
durch kinada (
s. unten 2)
wiedergibt, geht hervor, dasz gnade
und seine ableitungen schon vor 800
zur bezeichnung von gottes gütiger, milder gesinnung benutzt wird. daneben bestehen noch êrhaft (
pius), frumahaft (
benignus); '
gratia'
wird mit anst
und huldi
übersetzt, erst nach 800
kommt gnade
für '
gratia'
hinzu. der häufige plural ist teils ohne besondere funktion, namentlich in präpositionalen verbindungen: in (den, seinen) gnaden, von gnaden, aus gnaden '
in (
seiner)
huld', '
durch seine huld, hilfe'
; teils (
s. unter 2
und 3)
bezeichnet er die einzelnen gnadenerweisungen oder gnadengaben. doch ist auch hier, wie immer, der plural kein eindeutiges kennzeichen wirklich pluralischer auffassung (
vgl. auch unter herkunft und form und einleitung zu II).
man wird in diesem bereich seit dem mhd. mit der möglichkeit der rückwirkung des weltlichen gebrauchs ('
gunst des höhergestellten')
auf den geistlichen rechnen müssen, indem vorstellungen von menschlicher freundlichkeit und güte auf gottes verhältnis zu den menschen übertragen werden. alle fälle, in denen gnade
sehr menschlichen betätigungen gegenüber gewährt wird, könnten so beeinfluszt sein, so etwa die belege Hartmann v. Aue
Erec 3150,
arm. Heinr. 394,
Iwein 5352
unter 1;
vgl. auch die Hartmann-
belege unter 2,
sp. 517,
die die gleiche haltung zeigen. offenbar ist Hartmann v. Aue
an dieser einbeziehung des weltlichen in das geistliche, die hinwiederum, vom geistlichen aus gesehen, eine art '
säkularisierung'
darstellt, stark beteiligt. damit berührt sich, was J. Schwietering
dtsche dichtung d. mittelalters s. 151
f., 156
f. über Hartmanns ethik und religiosität sagt. II@C@11)
gottes huld, gunst, güte, liebe; gratia, caritas, clementia, benignitas, pietas; eine gesinnung, die dem menschen und seinem ganzen dasein wohlgeneigt ist. kennzeichnend ist ein mhd. beleg (Schönbach
altdt. pred. 3, 116,
s. unten),
in dem der hl. geist gots gnade
in der Abälardschen trinitätsbestimmung (
vater potestas,
sohn sapientia,
hl. geist benignitas)
genannt wird. vgl. clementia, placabilitas, benignitas gnade
ahd. gl. 4, 126, 25
St.-S.; caritas gnade, gotes genad
vel lieb (
anf. 15.
jh., obd.) Diefenbach
gl. 102
a;
dei benignitate ausz gutthaat und gnaden gottes Frisius
dict. (1556) 163
a: cot almahtico ... forgip mir in dino ganada rehta galaupa enti cotan willeon
Wessobrunner gebet 10
bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkm.; ecce pietate sua demonstrat nobis dominus viam vitę see dera gnada sua keaugit uns truhtin wec des libes
Benediktinerregel ebda 193, 32; piviliho ih mih selben unta alla mina arbeita, allen minen flîz in dina gnada Otlohs
gebet 75
ebda; (
Adam und Eva) nachet waren sie beide scham heten si deheine: der gotes gnaden vrovten si sih
genesis 12, 17
Diemer; Daniel lúhtet ovch in wunderlicher wisheit, das im got von gnaden under allen sinen vienden gab die spise an sele und an libe Mechthild v. Magdeburg 81
Morel; (
Enite:) rîcher got der guote, ze dînen gnâden suoche ich rât: (
ob sie Erec warnen dû weist aleine wiez mir stât
soll) Hartmann v. Aue
Erec 3150
H.; dô nam ich sîn vil cleine war der mir daz selbe wunschleben von sînen gnâden hât gegeben
d. arme Heinrich 394
G. (
vgl. 402); die vrouwen bâten alle got, dazz sîn gnâde und sîn gebot in ze helfe kêrte, und ir kempfen êrte, daz er in ze trôste ir gespiln erlôste
Iwein 5352
L.; wan alsam der gots gewalt unde diu gotes wisheit, daz ist der vater unde der sun, iemer ewic ist, alsam ist och der heilige geist, daz ist diu gots gnade, iemmer ewic úber sin hantgetat Schönbach
altdt. pred. 3, 116, 39; der obrost aller welte behalt dich in den gnaden sein
liederbuch d. Hätzlerin 28
H.; und Jhesus nam zu, an weisheit, alter und gnade bei gott und den menschen
Luc. 2, 52; denn du, herr, segenest die gerechten, du krönest si mit gnaden, wie mit einem schilde
ps. 5, 13 (
ut scuto bonae voluntatis tuae coronasti nos); aber das kind wuchs, und war stark im geist, voller weisheit, und gottes gnade war bey ihm
Luc. 2, 40 (
et gratia dei erat in illo, καὶ χάρις θεοῦ ἦν ἐπ' αὐτό); es ist eyttel lieb und genad auff gottes seitten
sprichw., schöne weise klugreden (1548) 67
a; dein ewge treu und gnade, o vater, weisz und sieht, was gut sey oder schade dem sterblichen geblüt Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 372; ob die götter den Deutschen gold und silber aus gnad oder ungnad versagt, getrauet sich Tacitus nicht zu entscheiden
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 11; ... von freuden erschüttert, sah ich (
Maria Magdalena) beynah nur allein sein (
Christi) antlitz, und himmlische gnaden in des göttlichen antlitz, und unaussprechliche gnaden! siehe, so stand er umgeben vom duft und schimmer der dämmrung Klopstock
Messias (1780) 426; der schöpfer kan mir stets entziehen, was er aus gnaden mir verliehen Drollinger
ged. (1743) 31; ich fürchte nichts auf der welt, wenn ich die gnade gottes habe Göthe 43, 286
W.; du reicher gott in gnaden, schau her vom blauen zelt Schenkendorf
ged. (1815) 38; gottes gnade hat gewaltet und dich (
seinen bruder Wilhelm) uns gelassen Jacob Grimm
gramm. 3,
vorr.; dann scheint mir alle liebe wie ein spott, und keine gnade fühl ich, keinen gott Annette v. Droste-Hülshoff
s. w. 2, 29
Schw.; wenn ich ... den deutschen reichstag um mich versammelt sehe, so drängt es mich vor allem, meinem demüthigen danke gegen gott ausdruck zu geben für die weltgeschichtlichen erfolge, mit denen seine gnade die treue eintracht der deutschen bundesgenossen ... gesegnet hat Wilhelm I.
bei Bismarck
polit. reden 5, 3
Kohl; ich ... empfehle sie in meinen worten und vor allem auch in meinem herzen der gnade gottes Th. Fontane
ges. w. I 6, 59.
vereinzelte weiterbildung von des (
gottes) gnaden,
nicht wie sonst '
durch dessen huld, güte',
sondern '
durch dessen fügung'
oder einfach '
durch den': er (
Jakob) antwurt ir (
Rahel) mit zorne ... wande erz got niht enwære, von des gnaden si was unbære
genesis 57, 17
Diemer. II@C@22)
äuszerung, bezeigung der güte und liebe; gnadenerweisung, hilfe, unterstützung, segen, belohnung; hut, schutz; gelegentlich durch den plural als einzelne akte des begnadens gekennzeichnet. diese hilfe kann sich, wie die huld, güte (
s. unter 1
und die vorbemerkung zu C)
auf das gesamtdasein des menschen beziehen, also weltliches und geistliches, diesseits und jenseits umfassen; aber auch sich auf eine bestimmte geistliche oder weltliche situation erstrecken, hilfe in einem bestimmten anliegen der seele oder des körpers. nicht selten nach 3 '
gnadengabe'
hinübergehend: opem kinatha, kinada (
opem auxilium)
ahd. abrogans (764)
in ahd. gl. 1, 219, 38
St.-S.; (
zur fortführung des werkes) ginada ih sina fergonmit forahtlichen sworgon, er (
Christus) ouh in thesemo werkezeichan sinaz wirke Otfrid III 1, 9; mit dinen ginadungihalt mih dir in ewun (
et deduc me in via aeterna, ps. 138, 24
) ps. 138, 37
bei Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkm.; daz ez (
unser münster) rihtet were durch dina gnada unta durh allero dinero heiligono digo (
per gratiam tuam perque omnium sanctorum tuorum intercessionum) Otlohs
gebet 45
bei Steinmeyer 185; in des namen (
Jesu), den ih gnant hân und in des gnâde ih hiute gân
Münchener ausfahrtssegen 36
bei Müllenhoff - Scherer
denkm. nr. 47, 3; bî swære ist gnâde funden Walther v.
d. Vogelweide 77, 8
L.; unser herre got der guote underwant sich sîn ze huote, von des genâden Jônas ouch in dem mere genas Hartmann v. Aue
Gregorius 931
P.; dâ (
zum kampf) hœret weizgot sorge zuo: got sî der sîne gnâde tuo
Iwein 7420; im enwelle got genâde geben, wirt ez dem lantvolke kunt, sî ermurdent in ze stunt
Erec 6845
H.; und vorschet ouch da starke von stete ze stete, hin unde her: von gotes genaden do vant er die zwene wallende man Gotfried v. Straszburg
Tristan 3804
R.; wie dik hast du (
Maria) uns gnad und trost von im (
gott) erworben Seuse
dt. schr. 265, 9
Bihlm.; daz si got alle do, danchten der genaden sin die er tet an irm herren schin, wan er gesunt her wider kam Joh. v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 519
R.; also alse du gerne wistes, we it mir ginghe inde mime leyven gessellen, inde we unse saychen geleygen sin, dat wisse, dat wir van der goz genayde gesont inde stark sin. inde hey ist aych neyt seych (=
siech) geweyst (14.
jh.)
privatbr. d. mittelalters 1, 4
Steinhausen; gott wil euch raichen sein hand, das ist sein götliche hilff und genad Keisersberg
granatapfel (1510) c 3
b; und so ich meister Hans von Gersdorff ... durch hilf und beystand vorab göttlicher gnad auch verluhener kunst, vil mit meiner eygen handtwürckung probiert, experimentiert und geyebt hab in mancherley gestalt, ... diesz feldtbuch hiemit anfah Gersdorff
wundartzney (1517) xix
a; der man aber wundert sich ir, und schweig stille, bis er erkennete, ob der herr zu seiner reise gnad gegeben hätte oder nicht
1. Mos. 24, 21 (
ipse autem contemplabatur eam tacitus, scire volens utrum prosperum iter suum fecisset dominus, an non);
vgl. 24, 40: der herr ... wird ... gnad zu deiner reise geben (
dominus ... diriget viam tuam); der, wenn die noth herdringet, bald hört und hertzlich gern uns gnad und hülfe gibt Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 349; alle morgens nüchtern einen guten löffel voll von solchen essig eingenommen, und zwey stund darauf gefastet, so ist einer mit gottes gnad 24 stund vor der pest sicher v. Hohberg
georgica cur. aucta (1715) 3, 202
a; dies und was sonst noch noth thut, wollen wir mit gottes gnade nach masz und ort und zeit zu ende bringen Schiller 13, 163
G.; in der jüngsten zeit ist ... mit dem vertrauen auf gottes gnade auch der entschlusz in mir fest geworden, den ich jetzt ausführe Bismarck
br. an s. braut u. gattin 4
B.; ich weisz mich sicher in seiner (
gottes) gnade
kriegsbriefe gefallener studenten (1928) 159.
vereinzelt kann sich in diesem bereich das merkmal der gratuität (
s. oben II A)
verlieren, indem gnade
als '
segen, belohnung'
eine antwort auf menschliches bemühen darstellt: dasz vor gott kein ehrlicher dienst gering ist, dasz es sich für jeden lohnt, seinen lichtkeim zu entwickeln, ja dasz der treuen bemühung auf die dauer auch die gnade nicht fehlen kann H. Carossa
wirkungen Goethes in d. gegenwart (1938) 31. II@C@33) '
gnadengaben', '
begnadungen'. II@C@3@aa)
die aus wohlwollen und güte verliehenen, unverdienten gnadengaben gottes; '
gnädiges geschenk'.
der häufige plural (alle gnaden, mannigfaltige gn.)
und attribute (besondere, süsze, geringe
u. s. w. gnade)
unterscheiden die einzelnen gnadengaben von der gnade
als der übernatürlichen seinsform des menschen (D 2).
übernatürliche gnadengaben, auf das heil der seele bezogen: diu heilige gots urstendi diu ... hat úns aver sunderlichen drie genade braht, da ælliu diu heilige christenheit ... mit bestiftet unde bestatiget ist (
taufe, eucharistie, gaben des hl. geistes) Schönbach
altdt. pred. 3, 74, 8; (
der mensch) enphohet núwe goben und gnode, also dicke er sich hiezuo keret Tauler
pred. 92, 31
V.; wann ich beger euch zuo sehen: das ich euch etwas mit teile der geistlichen genaden euch zuo vesten (
impertiar vobis gratiae spiritualis, χάρισμα Römer 1, 11, Luther: etwas geistlicher gabe)
erste dtsche bibel 2, 11
K.; so aber gedechtnusz der cerimonien inzogen wird, der so Moises gelernet hat, wöllen wir lassen rwen, wan es alles ein figur ist gewesen künfftiger gnaden, so uns got der vatter verheiszen hat, und ietzt volbracht und gestaltet durch Jesum Christum Jud. Nazarei
v. alt. u. neuen gott 38
ndr.; disz (
Christi) blut, disz theure testament macht, dasz dein (
gottes) kind uns bruder nennt, welch dancklied kan vor solche gnade ein rein und würdig opffer seyn? Joh. Chr. Günther
ged. (1736) 9; und hier kann es mir oft scheinen, als ob ... ein starres hinblicken auf gott ... das einzig übrige ratsame sei,
d. h. ohne eine besondere wunderbare gnade gottes, die auch das heiszeste gebet nicht immer herabruft Annette v. Droste-Hülshoff
s. w. 6, 24
Schw.; dieser kelch (
der abendmahlskelch) ist randvoll von süszer gnade W. Flex
ges. w. (1927) 1, 263.
natürliche gnadengaben, zum wohle des menschen überhaupt geschenkte gaben und wohltaten: domine in celo misericordia tua trohten in himile ist din gnada diu fore allen gnadon ist, die du echert dinen heiligon gibest. andere gnada, die in erdo sint, kibest du in gemeinun ubelen unde guoten. daz duost du honores divitias salutem corporis unde daz demo gelih ist Notker
ps. 35, 6; unde er gibet lieht, regen, wint umbe die fructus terrae, also unerdrozzeno spendot got knada dien die in sinero forhtun sint
ps. 102, 11; und sprach, so hat mir got besunder genade geben und gethon und mir beschert und zugesant als ein volkomne tugentreiche frawen, als man eine in allen landen finden möcht Arigo
decam. 142, 18
Keller; dasz Araber an ihrem theil die weite froh durchziehen, hat Allah zu gemeinem heil der gnaden vier verliehen(
turban, schwert, lied und blume) Göthe 6, 12
W.; ich kann nur sagen, dasz ich gott heisz gebeten habe und ihm heisz gedankt für seine an uns erwiesene gnade (
Wilhelms genesung) Jac. Grimm in:
briefw. der brüder Grimm mit K. Lachmann (1925) 559; gott verzeihe mir die schwere sünde, dasz ich seine gnade nicht sogleich erkannte (
als er beim duell den gegner gefehlt hatte), aber ... als ich durch den dampf sah und mein gegner aufrecht stehn blieb, hinderte mich eine empfindung des miszbehagens in den allgemeinen jubel ... einzustimmen Bismarck
br. an s. braut u. gattin (1906) 328
B.; das dasein der schöpfung ist selbst schon gnade. es besteht keine vorausgängige notwendigkeit dafür, dasz sie sei und so sei, sondern sie ist reines werk der freiheit ... ihr dasein selbst ist geschenk R. Guardini
unterscheidung des christl. (1935) 343.
zuweilen sind allgemein die gnadengaben gemeint, ohne dasz natürliche und übernatürliche unterschieden wären: (
Maria) gelêd uns an Jesum, dînen vil guoden sun, der sal uns alle genâde duon
Arnsteiner Marienlied 253
bei Waag 132; daz er (
der mensch) got danket aller der gnaden, die er im ie getet, ... und in der dankbAeri git únser herre dem mentschen me gnaden
st. Georgener pred. 66, 34
R.; unser herre, ... der begienc och vil mænge genade an allen den, die zuo zim chomen mit mængem grozem zaichen Schönbach
altdt. pred. 3, 112; so hat mich got reichlich beladen mit überflüssigen genaden Hans Sachs 1, 157
Keller; weil denn ohne ziel, ohn ende zahllos deine gnaden sind Klopstock
s. w. (1823) 7, 227; das war ... der glückstag meines lebens. fast hätte ich gesagt: der einzige, was aber nicht wahr wäre, denn der mensch hat viele gnaden von gott Grillparzer
s. w. 13, 255
Sauer. der schenkende ist nicht nur gott, sondern auch ein innerweltlich groszes, erhabenes, unpersönlich göttliches (
natur, schicksal oder ähnl.).
dabei kann es sich (
vgl. etwa die Göthe
-belege)
um eine übertragung christlicher vorstellungen ins weltliche oder allgemeinreligiöse handeln. bei späteren belegen (Rilke)
liegt eher das umgekehrte vor: der versuch, die aus dem christlichen zusammenhang gelöste, säkularisierte gnade
wieder neu religiös zu füllen; solche mythisierung welthaft gewordener begriffe und vorstellungen findet sich auch sonst bei Rilke,
vgl. die Rilke
-belege unter 3 e
und das zu 3 f
gesagte: tage des lauten und mit vorsatz erneuerten schmerzens folgten darauf; doch sind auch diese für eine gnade der natur zu achten Göthe I 21, 118
W.; im atemholen sind zweierlei gnaden, die luft einziehen, sich ihrer entladen 6, 10; wenn du nicht hinfällst tot zu dieser frist, ist es dein recht auf leben und auf atem? ich sehe übrall gnade, wohlthat nur in allem, was das all für alle füllt, und diese würmer sprechen mir von recht? Grillparzer
s. w. 8, 157
Sauer; dasz ein mensch, der sich durch das heillose zusetzen jener jahre bis in seinen grund zerspalten gefühlt hatte, ... die gnade erfährt, wahrzunehmen, wie ... unter diesem aufgerissenen spalt die kontinuität seiner arbeit und seines gemütes sich wiederherstellte Rilke
briefe aus Muzot 347; elegien und sonette unterstützen einander beständig — und ich sehe eine unendliche gnade darin, dasz ich, mit dem gleichen atem, diese beiden segel füllen durfte
br. 1921-26, 338; aber dem, der einsam liebt, bist du (
nacht) doch die allgewaltige, die die dunklen gnaden übt und aus träumen hellgestaltige wunder wirkt in meiner brust R. G. Binding
ged. (1922) 31; seele geht verschlungene pfade, lernet ihre sprache lesen! morgen preist sie schon als gnade, was ihr heute qual gewesen Hermann Hesse
trost d. nacht (1929) 33.
statt gnade
heiszt es in diesem bereich häufig gnadengabe
oder gabe.
namentlich Luther
zeigt die neigung, gabe
statt gnade
zu sagen und bestimmt damit bis heute den protestantischen sprachgebrauch, dem der plural von gnade
ungeläufiger ist als der katholischen redeweise. Luther
gebraucht gnade
vorwiegend für die gesinnung gottes, seine huld und liebe (C 1
und D 1)
und, namentlich in der bibelübersetzung, für '
misericordia, miseratio, propitiatio'
; in der vorrede zum Römerbrief hat er ausdrücklich zwischen der gnade
und den gaben
unterschieden, s. bei Bindseil 7, 435
f. unten II D 1
sp. 526. II@C@3@bb)
der besondere inhalt der gnade
kann auf verschiedene weise bezeichnet werden, am häufigsten durch einen nebensatz, die gnade, dasz: der des himilis walti ... der rûchi uns di gnâdi zi gebin, daz wir immir insamint imo lebin
lob Salomonis 253
bei Waag; und (
gott) im die gnade git, daz er sich bekere
st. Georgener pred. 170, 11
R.; es ist nicht ein geringe gnade, das gott sein wort auch durch böse buben und gottlosen gibt Luther 26, 164
W.; das ist, wer die gnade hatte, das er mit lust und liebe keusch kann leben, der kan gute tage haben 12, 99; got im so vil gnade thet ... das er im in dem fallen an dem leibe keinen schaden thet Arigo
decam. 84
Keller; der allmächtig verleyhe gnade, dasz disz buch ... recht gebraucht werde Osw. Gäbelkover
artzneybuch (1595)
vorr. a 4
b; Ludwig dagegen sagte: ich preise gott für die gnade, die er ihm (
dem herzog) geschenkt hat, so heilig zu sterben als er lebte Herder 17, 242
S.; (
der herr) gebe mir in zukunft die gnade, dasz ich weiser und stärker bin, so ich vordem töricht und schwach gewesen Stifter
s. w. (1901) 2, 152. —
durch einen infinitiv: gott dir genad verleihe, das künigreich cze regieren Arico
decam. 585
Keller; ey, so heb ich meine hände, zu dir vater, als dein kind, bitte, wollst mir gnade geben, dich aus allir meiner macht zu umbfangen tag und nacht hier in meinem gantzen leben Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 349; wenn ich richtig wandle, vater, schenke mir die gnade, richtig fortzugehen Seume
ged. (1804) 2; gott gab mir die gnade, sie (
die sünde) zu bereuen und zu vergessen A. Stifter
s. w. (1901) 1, 289. —
seltener durch abhängigen genetiv: aut obliviscetur misereri deus? alde irgizit er zesceinenne dia gnada sinero incarnationis, die er geheizzen habet? Notker
ps. 76, 10; das er die heyden nit schuhe, sunder sy ouch zuo der gnad des evangelii berüffe H. Zwingli
v. freiheit d. speisen 6
ndr. II@C@3@cc)
im anschlusz an das vorige bezeichnet gnade
die besonderen religiösen und mystischen begnadungen und erfahrungen, '
entrückung, verzückung': die selen, wo er (
der hl. geist) stat vindet: die fúllet er mit aller der richeit, gnaden, minnen und gaben von den nút ze sprechent ist Tauler
pred. 305, 4
V.; dise gesicht weret ain guot wil an ir, und hie von enpfieng sy unmAesigen trost. die gnad beschach ir nach meti Elsbet Stagel
leben d. schwestern z. Töss 25, 7
V.; das sy als vil gnaden hat, das sy sich ir muost weren, das sy ir sinn behb (
damit sie ihr bewusztsein bewahrte) 41, 15; die sAelig schwester sach dik wunderliche gnad, die gott mit andren schwestren wurkt, und wir hand es aigenlich da fúr, das och únser her fil wunders mit ir wurkte 36, 13; an einem festtage, während sie (
Teresa von Avila) mit vornehmen frauen betet, trifft sie der blitz (
die mystische verzückung) so furchtbar, dasz ... man den zuckenden körper halten musz. die gnade des himmels, die sie so lang erflehte, wird zu grosz. schon wird, was zwischen ihr und gott geschieht, durch alle straszen getragen Reinh. Schneider
Philipp II (1931) 155. —
da solche gnadengaben als beseligung empfunden werden, nimmt gnade
geradezu die bedeutung '
seligkeit', '
trost, süszigkeit'
an; gnade
steht dann zusammen mit lust, begird, süezekeit, fröude, trost: got grsse dich, bittere bitterkeit, vol aller gnaden Tauler
pred. 161, 24
V.; und do si (
Maria) daz gesprach, do sah ich ir nimmer und mein hertz wart voller gnaden Adelheid Langmann
offenbarungen 51, 23
Strauch; daz mich dick duht, ich möht lebent da von nimmer geschaiden von als groszer gnaud und überkreftiger süezkait, diu mir so starclichen in drang in daz hertz und alliu miniu lider Margareta Ebner
offenbarungen 20, 23
Str.; daz ich fürbas immer mer dar zuo gieng mit begirden und mit langem gebet daz mir got gab, da ich groszen lust und genaud inne het 8, 15; und do ward sy als fol gnaden und trostes E. Stagel
Töss 33, 4
V.; hier läszt sich anschlieszen: also sollt man fassen und das sacrament nicht anders ansehen denn das darynn eytel süsze gnade, trost und leben sey Luther 15, 496
W.; also will er auch alle dürre und lechzende hertzen mit gnad ... überschwemmen Dannhawer
cat.-milch (1657) 1, 2. —
ob vereinzelte weltliche anwendungen (
süszigkeit der minne)
säkularisierungen dieses gebrauches oder fortsetzungen von gnade
als '
ruhe, glückseligkeit' (I 1)
sind, läszt sich nicht mit sicherheit ausmachen: (
den liebenden) nû flôz dar zuo der minnen bach und hôher gnâden brunne Konrad v. Würzburg
Engelhard 3155
H. II@C@3@dd) '
ablasz'
; in den volkstümlichen frühnhd. quellen verbindet sich der strenge kirchliche sinn des '
ablasses' (
nachlasz von sündenstrafen auf grund der gnadenverdienste des erlösers)
mit einer erweiterten bedeutung '
gnadengabe',
durch gebet an besonderen gnadenorten erworben; vgl. ein jar der gnaden; ein jor der genoden
annus jubileus (1440,
md.) Diefenbach
gl. 36
c;
s. auch gnadenjahr: die tragen gemalt taffeln und geweren die leut, sie kemen von Jherusalem, ... und es sei vil heilthumbs darinn und sagen wonder davon und geben gros gnade darzu, wer ein ave Maria vor der taffel bette
M. v. Kemnat
chron. Friedrichs I. 107
Hofmann; in dissem jar (1226) was ein jar der gnade und wart gekundiget ein vart over mer, unde den papen wart vorlovet or gulde to dren jaren to volgende, de in der vart weren
Magdeburger schöppenchron. in: dt. städtechron. 7, 147, 8; sy ... paten den pabst, das er sy begnadet und stewrt; sy hetten angefangen ain gotzhaus ze pawen, darzue begerten sy genaden und heyltumb. also gab in der pabst den gantzen leib sancti Quirini (15.
jh.) U. Füetrer
bair. chron. 64
Spiller; das er (
der papst) aber keinen gewalt sol haben uber die selen des fegfüers, und solche geistliche genaden unbillich usz deile, setz ich dem concilium heim zu erkennen Th. Murner
kl. schr. 1, 104
Pfeiffer-Belli; auff den 23. tag maii facht sich die walfart (
nach Mekka) an, dahin man von ferren gegnen zu wasser und land kumpt, gnad und ablasz zu erlangen, wie man bey uns in die gnad hat beicht (
beichten, um ablasz gewinnen zu können), und gen Rom zur zeit des jubeljars ist gelauffen Seb. Franck
weltbuch (1534) 185
b; hie gibt man ablasz unnd genad, doch keynem der nit pfenning hat U. v. Hutten
opera 456
Böck.; die obgeschriben gnad ist vor ainem jar auch hie gewesen (
Augsburg 1515)
städtechron. 25, 26, 20; 1535 erschien ein gebetbuch, worin nicht allein jene mit rothen lettern gedruckten versprechungen besonderer gnaden weggelassen waren, sondern die verehrung der Maria ausdrücklich bekämpft wurde Ranke
s. w. 4, 40. II@C@3@ee)
im bereich des kulturellen, besonders des künstlerischen schaffens: gnade
als etwas unabhängig von arbeit und bemühen (
gratis)
gewährtes, '
der einfall',
der die entstehung des werks bewirkt oder selbst mit dem entstehen eins ist. der spender der gnade
ist ungenannt und unpersönlich. wie bei 3 a
lassen sich verschiedene innere formen unterscheiden, wie dort etwa bei Göthe
ist hier bei Haecker
die vorstellung aus dem christlichen auf das weltliche übertragen. bei Rilke
liegt eine neueingliederung in einen religiösen (
nichtchristlichen)
zusammenhang vor: spender der gnade
ist ein unpersönlich göttliches, genauer, die gnade
ist eine numinose kraft, die sich selbst mitteilt und wie ein göttliches wirkt. der gleiche vorgang in gröszerer form zeigt sich bei der gestalt des engels in Rilkes '
elegien'
und seiner vorstellung vom jenseits, welche beiden, nachdem sie völlig säkularisiert waren, von Rilke (
und vor ihm von Hölderlin)
mythisch belebt werden. in diesem zusammenhang bekommt gnade
den nebensinn des '
seltenen', gnade haben
ist '
auserwählt sein aus vielen': Stifter und Keller hielten sich beide an die dinge und die sachen, aber die gnade der sprache ward dem einen mehr als dem andern ... von der sprache ist hier die rede im sinne der gnade und des freien geschenkes, als einem element durchaus jenseits aller arbeit an ihr Th. Haecker
christentum u. kultur (1927) 181; dieses schöne, reiche buch ist entstanden wie alle groszen, originalen geisteswerke der menschen: durch harte mühselige arbeit und durch die gnade plötzlicher einfälle
ebda 135; die gröszte (
aufgabe) ist so durchaus von der gnade abhängig, dasz ich über ihre erfüllbarkeit nichts zu versichern wage; aber es fehlt mir ja auch nicht an anderen, verhältnismäszig in meine macht gerückten Rilke
br. an s. verleger 349; das auszerordentliche ist immer noch sache der gnade und der überlegenheit, aber das einfach ordentliche und an sich schätzbare ist zahlreich, ist zahllos
br. 1921-26, 391; erfindung ist gnade und kommt aus träumen K. B. v. Mechow
vorsommer (1933) 10; wir können doch nicht wie er (
Goethe) genial sein, können uns nicht erfüllen wie er und auf die gnade der eingebung zählen H. Carossa
wirkungen Goethes in d. gegenwart (1938) 26. —
von da aus gnade
als '
begnadeter zustand des kunstwerks': dieses porträt lebt zum teil auch durch die gnade jener grazie, die in der französischen plastik seit jahrhunderten erblich ist Rilke
ges. w. (1927) 4, 349; Anton stand neben mir. er sah die beglückende gnade der form. er hatte das recht, die gnade zu sehen R. G. Binding
erlebtes leben (1928) 194. II@C@3@ff)
an e
anschlieszend, gnade
als besitz, wesenszug des im geschehen der gnade stehenden, des begnadeten: '
begabung, gabe, geschick'
; meist vom menschen gesagt. es handelt sich dabei, wie bei gnade
als '
habitus' (II D 1),
nicht um eine einmalige oder wiederholbare '
begnadung',
sondern um eine dauernde auszeichnung und '
begabung'.
die herkunft aus dem geistlichen bereich (
gott als geber der übernatürlichen und natürlichen gnaden, s. 3 a)
ist noch zu spüren, jedoch entfernt sich der gebrauch immer weiter vom religiösen. der geber der gnade
wird nicht genannt, und unbestimmt gelassen, je später um so mehr; gnade
ist ein sich selbst schenkendes. nur im wort selbst deutet sich noch ein religiöser bezug an. begabung
als ersatz für gnade
in diesem sinne ist ein versuch, auch den religiösen anklang noch zu vermeiden, s. oben zu 3 a
und 3 e;
vgl. dos oris die gaab oder liebligkeit und gnad ze reden und ze singen Frisius
dict. (1556) 933
a;
palaestra die gnad und wäsentlich bärd etwas ze thun.
hinc homo apalaestros der niener zu kein gnad hat, tölpisch und ungeschickt
ebda 939
b: zwô gnâde fuogten im daz, sælde und grôze werdekeit die hete got an in geleit Hartmann v. Aue
Erec 2437
H.; und geruoch dich (
gott) ovch erbarmen úber mich gnaden armen (
Anna), das ich des lasters werde frig und in den selben gnaden sig die du allen dingen hest gemainsammet Avn allen brest schweizer Wernher
Marienleben 282
P.-H.; sy erkant och was der mensch gnaden hat von schOene, von wishait ald von weler hand gnad er hat Elsbet Stagel
leben d. schwestern z. Töss 72, 37
V.; also hat ein jeder mensch ein besunder genad, die sunst niemant hat auf dem ertrich Keisersberg
pred. teutsch (1508) 47
a; er ist jung, hübsch, wolgesprech, ouch in ander weg mit natürlichen gnaden begabet
ders. seelenparad. (1510) 22
a; das es wundert mich, wie doch das kleine vöglein das zuwegen bringt on underlas. es musz ein grosz gnad in ihm sein, dasz es singt tag und nacht so fein Er. Alberus
fabeln 137
ndr.; denn solche gnade hat das wortt (
gottes): yhe mehr mans handelt, ye süszer es wirtt Luther 12, 396
W.; und ob man schon deutsche gesang wil machen, das sich des nicht ein iglicher vermesse, on die gnade dazu haben 26, 224; das er (
der prediger) sy ein menschlich bescheiden man, der gnad hab, die geschrifft verstentlich und stanthafftig für zuo halten Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 47
ndr.; es ist aber das landt, die alte marck. mit hohen gnaden und gaben gottes gezieret (1579) Christoph Entzelt
altmärk. chron. 52
Bohm; furnemlich wil ich zeigen an ... auch mein canzler und treuen rat, der sonder gnad zu reden hat Schade
satiren u. pasqu. 1, 109; es entdeckte sich, dasz eine eigne gnade dazu gehört, um fern von hof und stadt in einem dörfchen sich bei laune zu erhalten Wieland
s. w. (1853) 12, 35; Friesen war ein aufblühender mann in jugendfülle und jugendschöne, an leib und seele ohne fehl, voll unschuld und weisheit, beredt wie ein seher; eine Siegfriedsgestalt von groszen gaben und gnaden Fr. L. Jahn
w. 2, 1, 5
Euler; der alte graf sprach nichts von dem ursprung und den gnaden dieser kleinode Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 228; die beiden köstlichen gaben und gnaden einer künstlernatur ... naivität und schöne sinnlichkeit
grenzboten (1864)
nr. 44, 168; wenn man nur die gnade des gebens behält Rilke
br. aus Muzot 47; und wenn das nicht genügte, sie zu überzeugen, so bestätige die reinheit ihres aufblicks ihnen die stärke, die gnade, das unsägliche rechthaben ihrer verfassung
br. an eine junge frau 29; ich sollte auch einmal ins kloster, als ich fünfzehn wurde, am sankt Johannistag. aber man musz eine gnade dazu haben W. Weigand
d. renaissance (1904) 1, 43; die schönheit ist die einzige gnade, die einer frau widerfahren kann H. Johst
so gehen sie hin (1930) 126; jeder dieser versuche (
wasserfarbenbildchen) war voll kindlicher gnaden, jeder bürgte für Cynthia H. Carossa
d. arzt Gion (1931) 21; nüchternere freunde haben mich später oft mit harten worten getadelt, dasz ich in der frau gnaden erblicke, die sie gar nicht besäsze Ernst Wiechert
wälder u. menschen (1936) 199.
in diesen zusammenhang gehören wohl die sprichwörtlichen redensarten: er hat kein gnad, da ist kein gnad, ein bild ohne gnaden: er hat kein gnad
non habet genium, friget; est frigidus Aler
dict. (1727) 1, 963
a; da ist kein gnad
non est oleum in lecytho ebda. — ein bild ohne gnaden,
von einer schönen, aber geistig unbedeutenden frau; vgl. im deutschen ist ein seitenstück zu 'Maria di legno', jedoch in der anwendung auf frauenzimmer, welchen das neidische geschick zwar nicht reize, aber den geist versagt hat, die redensart: ein bild ohne gnaden C. v. Wurzbach
glimpf u. schimpf (1864) 117: ouch uff die schönen unkündende (
unwissenden) frowen, von denen man spricht: das ist ain bild on gnad Steinhöwel
Äsop 127
lit. ver.; es ist ein bild on alle gnad (
zu: ein rechter ölgötz)
sprichw., sch. w. klugr. (1548) 18
a; das fräulein vom hause sei ein halbreifes gänseblümchen, ein rechtes bild ohne gnaden Eichendorff
s. w. (1864) 2, 120; wert hat diese schönheit in den augen des volkes nur, wo sie von einer gewissen lebensfrische, von einer energischen individualität getragen ist, sonst heiszt es von solchen mädchen: es ist ein bild ohne gnad K. Stieler
natur- u. lebensbilder aus d. Alpen (1886) 313;
mit einer in den voraufgehenden belegen eingeschlossenen, aber nicht voll entwickelten bedeutung: die bäuerin sei von guter herkunft, fleiszig, mildtätig und obendrein ein blitzsauberes weibsbild gewesen; man hatte nur immer ihre unfruchtbarkeit bedauert. vielleicht war sie, wie der bayrische volksmund sich ausdrückt, 'ein bild ohne gnad', was in der sprache unserer zeit etwa dem fehlen des sex-appeal entspräche H. Carossa
das jahr d. schönen täuschungen (1941) 189.
äuszerlich schlieszt sich der folgende beleg hier an; doch meint gnade
hier offenbar die in dem sprichwort ausdrücklich ausgeschlossene '
grazie' (
über gnade
als anmut s. u. VI).
absichtliche umkehrung der geläufigen redensart?: wie an eim bild ist kein meh gnad, wann man den kopf abgschlagen hat, also wo nicht ist zucht und ehr, da ist keyne lieblichkeyt mehr Fischart
w. 3, 201
Hauffen. II@C@44)
von gottes gnaden, seit dem 13.
jh. geläufige übersetzung von gratia dei,
einer der vom frühen mittelalter an dem herrschertitel hinzugefügten formeln. der wortlaut geht auf den apostel Paulus zurück, der sein amt auf die gnade gottes
gründet: secundum gratiam dei, κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ 1. Kor. 3, 10; 15, 10.
von da her begründeten zunächst geistliche obrigkeiten (
konzile, synoden, bischöfe, später auch andere geistliche)
ihre stellung und ihr amt; χάριτι θεός,
dei gratia, misericordia dei u. s. w. eine unmittelbare fortsetzung in deutscher sprache ist es, wenn sich Luther,
wohl auf Paulus direkt sich beziehend, von gottis gnaden ecclesiastes
nennt (10, 2, 227
W.).
im anschlusz an die kirchliche formel übernehmen auch weltliche personen die bezeichnung dei gratia
neben anderen (
eine aufführung der verschiedenen formeln s. bei K. Schmitz
ursprung u. gesch. der devotionsformeln bis zu ihrer aufnahme in die fränk. königsurkunde, kirchenrechtl. abhandlungen 81 [1913] 188
ff.).
wahrscheinlich auf persönlichen antrieb Karls d. Gr. wurde die formel dei gratia
in die fränkischen urkunden als feststehende beifügung zum herrschertitel eingeführt. der grund dafür liegt in dem bestreben, die herrschaft des neuen königshauses zu legitimieren und als von gott stammend zu bezeichnen. mit der ursprünglichen absicht dieser formeln, die demut des herrschers und seine abhängigkeit von gott auszudrücken (
devotionsformeln),
verbindet sich schon früh eine weitere, die von gott gegebene herrschaft als vom volkswillen unabhängige zu kennzeichnen. auf diese weise wurde dei gratia
und von gottes gnaden
in neuerer zeit zum geläufigen ausdruck des absoluten herrschertums. vom 13.
jh. an begegnet die deutsche fassung von gottes gnaden.
über den zusammenhang der devotionsformeln mit dem gottesgnadentum des herrschers und dem widerstandsrecht der untertanen s. Fritz Kern
gottesgnadentum u. widerstandsrecht im früheren mittelalter. zur entwicklungsgesch. der monarchie (1914),
bes. s. 92
ff. u. 304
ff.; über die geschichte der formel und ihre staatsrechtliche bedeutung s. Alfred Daniel
die kurialienformel '
von gottes gnaden',
diss. Erlangen 1902: er gebrauchte sich (
im jahre 1234) dieses titls, Otto, von gottes gnaden herzog zu Meran v. Brandis
landeshauptleute v. Tirol (1629) 18; ich Henrich von der gotes gnaden herzoge zo Bruneswich (
v. j. 1299)
hess. urkundenbuch 1, 483
Wyss; wir Ludwig von gotz gnaden romischer cheiser (
v. j. 1333)
oberrhein. stadtrechte I 1, 11
Schröder; wir von gots gnadin Herman lantgreve ztu Hessen. wir von denselbin gnadin Heinrich grave ztu Waldegke (
v. j. 1380) Varnhagen
urkundenbuch 187; wir Ferdinandt von gottes genaden römischer könig, zu allen zeiten mehrer des reichs
abschiedt des reichsztages zu Augspurg (1555)
vorr. a; so oft du auch (
bei unterschriften von fürsten) liesest: wir, von gottes gnaden, muszt du dir das ... urtheil der klügsten ... rathgeber des vaterlandes dabei denken Herder 16, 175
S.; die nationalversammlung hat mit groszer mehrheit das 'von gottes gnaden' abgeschafft Varnhagen v. Ense
tagebücher (1861) 5, 231; wir Wilhelm von gottes gnaden deutscher kaiser, könig von Preuszen
eingangsformel aller reichsgesetze. in freier verwendung: könnt ich ein klein fürstlein werden von gottes gnad und volkes gold Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 4, 41. —
von da auch auf andere verhältnisse übertragen; noch in engem anschlusz an das vorige: wir Geori von gottes gnaden abt des gotzhus ze sant Gallen (
v. j. 1361)
urk.-buch d. abtei St. Gallen 4, 9
Wartmann; auf genedige vergonstnus der hochwurdigen ... frauen Felicitas, von gottes genaden abbtissin zu Sonnenburg, (16.
jh.)
österr. weist. 5, 711, 1; (
die römische volksgemeinde,) die aus freien und gleichen bauern bestand und keines adels von gottes gnaden sich zu rühmen vermochte Mommsen
röm. gesch. (1874) 1, 62. —
in weiterem abstand: ich halt warlich, das dieser geist nicht anders ynn seim hertzen dencke denn also: wir Zwingel (
Zwingli) von gottes gnaden, riese und roland, hellt und siegman ynn welschen und deudschen landen Luther 26, 371
W.; er ist ein sklave seines weibes, so wie wir von gottes gnaden herren sind Hippel
über d. ehe (1774) 226; denn wenn der teufel erst von gottes gnaden sein wird, so würdest du gewisz leibarzt von des teufels gnaden werden Immermann 2, 133
Hempel; und mit sonnenschein beladen, und mit blumenduft besät, nahet er von gottes gnaden, er, des frühlings majestät Hoffmann v. Fallersleben
ged.9 45; die persönlichkeit mit ihrem anrecht auf freie schöpferische thätigkeit ist nicht minder von gottes gnaden, als der staat R. v. Jhering
geist d. röm. rechts (1852) 2, 1, 131.
freier ist ein gebrauch erst in neuerer zeit, wenn statt gott
eine anderes subjekt als gewährer der gnade
erscheint: von volkes, staates
etc. gnaden;
dabei auch umstellung von gnaden der sprache, der natur: dichterexcellenz von Apollos und aller neun musen gnaden E.
M. Arndt
s. w. 1, 223
R.-M.; wozu glauben denn die herren, dasz, von gnaden der natur, die genannten groszen männer dagewesen seien? Schopenhauer
w. 3, 63
Gr.; eine religionsgemeinschaft von staates gnaden, und im auftrage, unter leitung des staates handelnd und lehrend, ist keine sonne, sondern der trabant eines mondes P. de Lagarde
dt. schr. (1891) 263; einen landrat von herrn Mertens gnaden mögen wir nicht W. v. Polenz
Grabenhäger 199; das war die zeit, da jeder malergesell ein taugenichts war von Eichendorffs gnaden W. Schäfer 13
bücher d. dt. seele (1923) 454; grosze metaphysiker, theologen und denker, die von gnaden der sprache gelebt haben Th. Haecker
dialog über christentum u. kultur (1930) 65. von des apostolischen stuhles gnaden
bei Ranke
ist eine übersetzung der seit dem 12.
jh. bis heute üblichen bischofsformel '
dei et apostolicae sedis gratia' (
vgl. Daniel
a. a. o.): es gab bischöfe nicht allein in Ungarn, sondern auch in Deutschland, die sich von des apostolischen stuhles gnaden schrieben Ranke
s. w. 37, 25. —
vgl. noch: der inhalt (
des gedichtes) wird zum anlasz für eine aus sich selbst — aus des dichters gnaden — bestehende sprache, so sehr, dasz ... E. G. Winkler
gestalten u. probleme (1937) 150.
äuszerlich ganz gelöst, aber innerlich aus den mit der formel von gottes gnaden
verbundenen vorstellungen zu erklären sind die folgenden beispiele: in deiner schneeweiszen hand hältst an demantener kette fest du (
schönheit) geschmiedet alle die vielen eisigen kronen, welche die bergriesen tragen von deiner gnade R. G. Binding
ged. (1922) 39; von dem tage an lernte ich das süsze glück der macht kennen, die aus der eigenen gnade und eigenen knochen, dem eigenen willen stammt H. Lersch im
pulsschlag d. maschinen (1935) 26.
nur äuszerlich übereinstimmend, aber nicht mit der formel von gottes gnaden
zusammenhängend (
sondern zu II C 1, 2
gehörend, '
durch die güte gottes'),
sind verwendungen wie: nun was ligt daran, das kind ist doch schön, so hab ich daheim (von gottes gnaden) noch gelts genug
buch d. liebe (1587) 4
d; es leben die soldaten so recht von gottes gnaden, der himmel ist ihr zelt, ihr tisch das grüne feld Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 2, 52. II@DD.
gnade im eigentlich theologischen sinne. gratia, gottes huld, güte, wohlwollen, gnädige gesinnung und das daraus folgende wirken; übernatürliche gnade, die dem menschen aus huld unverdient zu dem ewigen heil seiner seele verliehen wird, gratia gratum faciens. etwa um 800
beginnt gnade
neben '
misericordia' (B)
und '
clementia' (C)
auch '
gratia'
zu übersetzen. das mit dem got. übereinstimmende anst (
bair. und alem.)
hält sich neben gnade
noch länger. im ostfränk. (
Fulda)
bleibt auch das aus der ags. mission stammende geba
für '
gratia' (
ags. gifu, geofu)
bis ins 11.
jh. bewahrt und bleibt als gabe
noch lange neben gnade
geläufig; Otfrid
hat häufiges ginada
neben seltenerem huldi
und anst,
der Tatian hat nur geba,
daneben aber als einwirkung des südens das adj. ginadig.
im altsächs. huldi
und anst (
im Heliand einmal nâða);
nur die westaltsächs., dem Rhein naheliegenden quellen (
nfränk. psalmen, Werden)
nehmen das südliche ginada
auf. im einzelnen Wahmann 130-134, Frings 18 -20.
im mnd. ist ghenade
neben gracie
geläufig; auch das mnld. nimmt ghenade
auf; Ruusbroec
z. b. hat aber noch vorwiegend gave
neben gracie
und ghenade.
im ganzen erscheint gnade
in dieser bedeutung, namentlich in neuerer sprache, im singular: die gnade
im gegensatz zu den gnaden,
den einzelnen gnadengaben (C 3).
der plural begegnet nur in festen sprachlichen formen, in denen er keine bedeutungsmäszige funktion hat, als abhängiger genetiv (der genaden ellende),
oder in präpositionalen formeln (von gnaden);
manches könnte auch schwache flektion sein. vgl. dazu unter herkunft und form 5. II@D@11) gnade
als aus gottes huld und wohlwollen ausgehende kraft und von ihm bewirkte gabe, die der seele des menschen das übernatürliche leben erhält. über die unterschiede der scholastischen, im wesentlichen bis heute geltenden katholischen lehre, die in der gnade einen zustand (
habitus)
der seele sieht (
habituelle gnade, gratia sanctificans, heiligmachende gnade)
von Luther, der sie als eine wirkung gottes an der seele auffaszte, in der er selbst persönlich und unmittelbar gegenwärtig ist, vgl. R. Seeberg
lehrbuch d. dogmengesch. 3 (1913) 402
ff., 415
ff.; 4, 1 (1917) 97
ff.; J. A. Möhler
symbolik (1873) 99
ff. hierher sind vor allem auch die belege aus II A
zu ziehen: thia worolt minnota er so fram, bi thia so sant er herasunthen sinan einogon sun thaz si (
die welt) sih bithahti,ginada sina suahti Otfrid II 12, 73; daz rinnenta wazzer ist gratia sancti spiritus. gnada des heiligen geistis Notker
ps. 1, 3;
deus, deorum dominus, locutus est. got dero goto, daz chit dero heiligon, die fone gratia dii heizzent (
glosse: kenadon gota) Notker
ps. 49, 1; miner sunteno mich ze gloubenne unte also verro ze vermidenne, so mich sin gnade gesterchet 1.
Benediktbeurer gl. 33
bei Steinmeyer
d. kl. ahd. sprachdenkm. 339; zu gelicher wis als die lylye dorret ân den tou und bluoet von dem touwe, also vortirbet die sele ân die gotes genade und wirt schone von der gotes genaden Schönbach
altdt. pred. 1, 61, 2; der gnâden ellende (
der in sünden gestorbene) hât danne den bœsern teil erkorn Hartmann v. Aue
Gregorius 24
P.; gnade ist ouch ein glichnisse godis. si ist ein schin godis, der da irluchtit daz antlitze der sele ... wan daz allir erste werc daz got wirkit, alse he cumit zu der sele, daz ist gnade
paradisus anime 24, 15
Str.; di gnade cumet ouch in di sele, wan si nicht bestênde wesin inhâit an ir selben, mer si gibit der sele wesin und lebin Eckhart Rube in:
parad. anime 24, 39
Str.; wan di sele ist substancie, daz ist wesin, gnade ein aneval des wesines
ebda 69, 31
Str., vgl. 103, 20: da ist gnade ein cleit der sele alzumale; aneval
und cleit
übersetzen den scholastischen terminus '
habitus' (
ἕξις), '
eine bleibende, inhärierende übernatürliche beschaffenheit der seele'
; vgl. Grabmann
zu paradisus 99, 25
f. s. xxxviii; die götlich gnode wart an im wahsent und zunement Adelheid Langmann
offenbarungen 58, 13
Str.; ists nit war. er (
Augustinus) nennet hie die gnade die gottlich lieb ynn unszer hertz durchgossen? und yhr Sorbonischen: was nennet yhr anders gnade denn die gottliche liebe Luther 9, 759
W.; gnade und gabe sind des unterscheids, das gnade eigentlich heiszet gottes hulde oder gunst, die er zu uns treget bey sich selbs, aus welcher er geneiget wird, Christum und den geist mit seinen gaben in uns zu gieszen
vorrede auf d. ep. S. Pauli an d. Römer bei Bindseil 7, 435; denn seine (
gottes) gnade teilet und stücket sich nicht, wie die gaben thun, sondern nimpt uns gantz und gar auff in die hulde, um Christus unsers fürsprechers und mitlers willen
ebda 436; gnad ist gottis hulde, die fehet ytzt ynn uns an, musz aber fur und fur wircken und sich mehren bisz ynn todt 12, 264
W.; der schatz, den ich begehr, ist deine gnad, o herr: die gnade, die dein sohn mein heyl und gnadenthron mir sterbend erworben Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 300; wenn aber deine hand einst unsern geist entbindet, wann einst des irrthums nacht vor seinem blick verschwindet, ... dann wird, in näherm glanz, ihm deine gnad erscheinen Giseke
poet. w. (1767) 4
Gärtner; aber ach! diese eindrücke gingen vorüber, wie das gefühl der gnade seines gottes allmählich wieder aus der seele des gläubigen weicht, die ihm mit ganzer himmelsfülle in heiligen, sichtbaren zeichen gereicht ward Göthe 19, 179
W.; die natur mag alle ihre kräfte redlich entfalten, sie wird durch sich und aus sich nicht ins übernatürliche verklärt, das menschliche durch keinen kraftaufwand aus sich selbst göttlich: es bliebe eine ewige kluft zwischen beiden, wenn sie nicht durch die gnade ausgefüllt würde: das göttliche musz sich zum menschlichen herablassen, wenn das menschliche göttlich werden soll Joh. A. Möhler
symbolik (1873) 114; du tröster in der noth, so sag mirs treu: ward ihm (
dem sterbenden) ein strahl der gnade noch beschieden? Annette v. Droste-Hülshoff
ges. w. (1879) 2, 249; gottes gunst, sein allmächtiger und doch gütiger wille, wie er als geist in Christus offenbar und wirksam wird, das ist die gnade, nicht nur gesinnung, sondern wirksamer wille R. Seeberg
lehrbuch d. dogmengesch.2 4, 1 (1917) 98; denn wer am meisten von der gnade lebt, wie der heilige, hat auch das tiefste erleben der freiheit Th. Haecker
schöpfer u. schöpfung (1934) 77; dasz er (
der priester) die gefährdete mutter mit sichtbaren zeichen unsichtbarer gnade für tod und leben sichere H. Carossa
d. arzt Gion (1931) 205; auch sie (
Theresa von Avila) weisz sehr wohl, dasz ihre leidenschaft, wenn gott sie nicht schützt, aller sünden fähig wäre, sie verliert aber niemals den stand gnade und verfällt deshalb nie der tödlichen sünde Reinhold Schneider
Philipp II. (1931) 141. —
personifiziert: die gnade (
als allegorische figur) kennt man an ihrem olivenzweige J. A. Cramer
d. nord. aufseher (1758) 3, 75. — zeit der gnade, '
zeitalter der gnade',
im gegensatz zur zeit des gesetzes,
für die zeit nach Christi geburt, in der in Christus die 'gnade'
erschienen ist (
die grundlage ist biblisch, vgl. und von seiner fülle haben wir alle genommen, gnade umb gnade. denn das gesetz ist durch Mosen gegeben, die gnade in wahrheit ist durch Jesum Christum worden
Joh. 1, 16; dieweil wir nicht unter dem gesetz, sondern unter der gnade sind
Röm. 6, 15): got lerte si (
das volk Israel) do fúrbas me mit sinir lere manig ê der ich niht bescheiden wil ... wand úns got sit ein andir lebin hat und ein andir ê gegebin: úns ist der genadin lebin und der genaden ê gegebin Rudolf v. Ems
weltchron. 12884
E.; under der zeit der genaden, daz ist sint Christes geburt Schönbach
altdt. pred. 2, 13, 23; deszhalb (
wegen der erbsünde) die opffer im gesatz der natur, die beschnydung im zyt des gesatz, der heilig touff im zyt der gnaden, als gegenzeychen des glaubens zuo got gesetzt synd, darin sich die menschen tröstlich im glauben geübt haben Judas Nazarei
v. alten u. neuen gott 4
Kück. II@D@22) gnade
als übernatürlicher zustand der natur
entgegengesetzt, als vollendung, nicht aufhebung des natürlichen standes; von gnaden
ex gratia, per gratiam; vgl. cum igitur gratia non tollat naturam, sed perficiat Thomas v. Aquin
s. theol. I 1, 8
ad 2: och die gnad zerstört die nattür nit, sy volbringt sie wol meister Eckhart
reden d. unterscheidung 39, 5
D.; gnade ist ouch alle zit ein ordenunge in got, wan si bewerit sunde und wirkit alle werk tusintvalt pobin di nature
parad. anime 24, 19
Str.; und da von was fil wundrung under den schwestren und von gelerten lúten, ob ir dis von siechtagen ald von gnaden beschAech E. Stagel
schwestern zu Töss 66, 30
V.; Leibniz nannte die welt, so fern man darin nur auf die vernünftigen wesen und ihren zusammenhang nach moralischen gesetzen unter der regierung des höchsten guts acht hat, das reich der gnaden und unterschied es vom reich der natur Kant 3, 527
akad.; in der lehre vom urstand ist von keinem unterschied der ordnungen der natur und der gnade die rede Ranke
s. w. 4, 152; sie (
die ersten mönche des abendlandes) waren Benediktiner nach der ordnung der gnade, Vergilianer nach der ordnung der natur Th. Haecker
Vergil (1931) 66; gott geht zwar nicht gegen die natur, aber er geht oft sehr weit über die natur hinaus, und wo seine gnade ist, da ist auch immer sein groszes wunder Gertrud v. le Fort
schweisztuch der Veronika (1935) 130; (
Paulus) meint aber damit (
mit dem fleischlichen menschen) nicht nur den körper im unterschied zum geist, sondern das natürliche ganze, leib und seele, umwelt und werk, im unterschied zu dem, was aus der gnade kommt R. Guardini
welt u. person (1939) 167. —
in der mystik häufig die formel von genaden ... von nature,
um die übernatürlichkeit des mystischen vorgangs zu bezeichnen; von gnaden
wird wahrscheinlich als schwacher singular zu deuten sein, vgl. z. b. bei Tauler von naturen — von gnaden 162, 10
u. ö.: das sú (
die menschen) also eins sint mit uns, doch nút von naturen, mer von genaden noch unbegriffenlicher wisen Tauler
pred. 47, 21
V.; und wirt do der mensche ... als verre uf erhaben úber sin natúrlich wise, das er reht wirt von gnaden das got weslichen ist von naturen 162, 10; daz ist, daz sú (
die menschen in der unio mystica) selig sint von gnaden, als er (
gott) selig ist von natur H. Seuse
dt. schr. 245
Bihlm. dieser über die natur hinausgehende zustand ist licht der gnade,
lumen gratiae: des hat ir (
der natur) der barmherzig got gegeben ze helfe ein úbernatúrlich helfe und ein úbernatúrlich kraft: das ist das liecht der gnaden. das ist ein geschaffen liecht, das úberhebet die nature verre úber sich Tauler 329, 20
V.; fornuft ist cleine wider dem lichte der gnade
paradisus anime 64, 7
Str. II@D@33) gnade
als übernatürlicher zustand des menschen verengt sich vereinzelt zu dem begriff der '
tugend'
; wer gnade
hat, dessen werke sind gut, der hat geistliche tugend. die theologische begründung für diese bedeutungsänderung liegt darin, dasz die eingegossenen theologischen und sittlichen tugenden und die 7
gaben des hl. geistes zur '
habituellen gnade'
gehören (
s. Diekamp
dogmatik 2, 412): swaz du gnad oder tugent hast an wishait, an erbAermde, an kunst oder an dekainen dingen, daz solt du aim ieglichen andern gemainsamen volleklich
st. Georgener pred. 67, 19
R.; la dir gnugin an minir gnade, daz ist daz ich dich minir gnade also gewaldic mache, daz du mide widerstein macht allir bekorunge (
2. Kor. 12, 9). nith also alse ein tugintlich werc etwanne geworcht wirt, daz dan noch di tugint nicht bevestint ist in der sele, mer di gnade ist un also gegebin in ure gewalt, daz si da mide mugin gewirkin werc der gnadin
parad. anime 42, 28
Str.; an allen tugenden völleklich uobte si an genaden sich schweizer Wernher
Marienleben 12616
P.; wan si (
Maria) hett och nu genaden me ze den genaden die si och het e, do si was aller genaden vol
ebda 12603; lieber vater, ich bitte dich, erlöse uns von des teuffels reich, wilchs ein reich ist aller laster und sunden, und setze uns yn dein reich, wilchs ein reich ist aller tugend und gnaden 2
ält. katechismen 58
ndr. II@EE.
im 16.
jh. unter dem einflusz der bibelübersetzung gnade
als grusz und segenswunsch; vorbild ist die gruszformel apostolischer briefe gratia vobis, et pax a deo patre nostro, χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν 1. Kor. 1, 3;
Röm. 1, 7;
ähnlich 1.
Petr. 1, 2
u. öfter: gotts genad sey mit uns allen Luther 19, 461
W.; genad und barmhertzigkeit gottes ... seyent mit eüch allen
manuale curat. (1516) 56
b; gottes gnad, meinen grusz und dienst zuvor, ehrenhaffte ... liebe herren und freunde
volksbuch v. dr. Faust 3
Petsch; gottes gnade neben wünschung zeitlicher und ewiger wolfart zuvor Ringwaldt
lauter warheit (1597) a 2
a; dem christlichen leser gottes gnad und ware besserung in Christo Ambach
vom zusauffen u. trunckenheit a 2
a. —
häufig, wie in der apostolischen gruszformel, mit friede
verbunden: gnade sey mit euch und friede, von gott unserm vater und dem herrn Jesu Christo
Röm. 1, 7; gnad und frid gottis zuvor, achtpar wirdiger lieber herr und freund Luther 6, 404
W.; (
dem rat der stadt Nürnberg) entbeüt Ulrich von Hutten ... den frieden und gnade Jesu Christi U. v. Hutten
opera 2, 124
Böck. im anschlusz daran entbietet der herrscher seine eigene gnade: wir Friderich von gotes gnaden romischer chunig ... embieten unsern getrewen lieben ... dem richter ... den gesworen und den burgern ... ze Chrems ... unser gnade und alles guot (
v. j. 1318)
urk.-buch d. landes ob der Enns 5 (1868) 217; wir Ludwig von gottes gnaden pfaltzgrave bey Rhein ... embieten allen und jeden unsern ober- und under amptleuhten, burggraffen unsern grusz, gnad und alles guts
ordnunge wie sich handtwercker ... verhalten sollen (1579) a 2
a. II@FF.
die gnade
Mariae, der mutter gottes. darin sind zwei vorstellungen enthalten, zum teil getrennt; zum teil gehen sie ineinander über: Maria 'voll der gnaden' (
nach Luc. 1, 28),
ihren durch die erwählung zur gottesmutter und ihr heiliges leben hohen gnadenstand bezeichnend; und Maria als mittlerin der gnaden (
omnium gratiarum mediatrix),
besonders dadurch, dasz sie den erlöser geboren hat, dann dasz sie durch ihre fürbitte den menschen gnade vermittelt. II@F@11) Maria 'voll der gnaden' (
häufig in der formel gnaden vol, rîch, voll der gnaden,
als übersetzung von gratia plena bei Luc. 1, 28): Maria, gratia plena, dû bis vol aller gnâden
Arnsteiner Marienlied 307
bei Waag
kl. dtsche ged. 134; er (
der engel) sprach: ave Marja, dû bist genâden plena
Marienlied aus Seckau 31
ebda 177; won si (
Maria) wart erfúllet mit aller der gnade die got hatte, won dú flôz sament in si daz si gar úberfúllet wart
st. Georgener pred. 223, 9
R.; do si (
Maria) aber mit der gOetlichen gnade wart durchgegossen
ebda 223, 28; so si (
Maria) alle engelschlichen zungen ..., ir gnade und ir grundlosen ere nit volloben kan H. Seuse
dt. schr. 265, 15
Bihlm.; Maria aller genaden vol die man iemer loben sol schweizer Wernher
Marienleben 14485
P.; du sælden, gnaden riche, nu fröwe dich ewekliche mit dinem kint Jhesu Crist
ebda 14397; item da der engel Mariam grüsset und spricht: gegrüsset seistu, Maria vol der gnaden ... wolan, so ists bisz her schlecht den lateinischen buchstaben nach verdeutschet, sage mir aber, ob solchs auch gut deutsch sey? wo redet der deutsch man also: du bist vol der gnaden? und welcher deutscher verstehet, was gsagt sey, vol gnaden? er mus denken an ein vas vol bier, oder beutel vol geldes, darum hab ichs vordeutscht: du holdselige ... und hette ich das beste deutsch hie sollen nemen, und den grus also verdeutschen: gott grüsse dich, du liebe Maria Luther 30, 2, 638
W.; vgl. noch 24, 570
W. unter gnadenreich,
adj., 1 b; der engel ... (
sprach): gott grz dich (
Maria), du volle gnaden H. Zwingli
dt. schr. 1, 92.
geläufig vor allem in dem seit dem mittelalter verbreitetsten Mariengebet, dem '
englischen grusz', '
ave Maria',
oder '
gegrüszet seist du Maria',
das aus dem grusz des erzengels Gabriel (
Luc. 1, 28)
und der Elisabeth (
Luc. 1, 42)
an Maria zusammengesetzt ist: gegrüszet seist du, Maria, voll der gnaden.
durch den anstosz, den Luther
an der übersetzung voll der gnaden
für gratia plena nahm (
s. den beleg oben),
ist die wendung der evangelisch-christlichen sprache fremd geblieben. II@F@22)
Maria als mittlerin der gnade. damit verbindet sich die vorstellung von der barmherzigkeit (
misericordia)
Mariens, durch die sie bewegt wird, gott um hilfe für die menschen zu bitten: aller guote bistû vol: dîn gnâde diu sol mich ledegen von mîner meile
Vorauer sündenklage 276
bei Waag
kl. dtsche ged.; Maria, stella maris, ... burne des paradîses, dan uns dû genâde ûz geflôz, dû uns ellenden entslôz daz unse rehte vaterlant
Arnsteiner Marienlied 232
bei Waag 131; also ist ouch si vil liebiu frouwe ain sihtigez urchunde des trostes unde der genaden, die si uns vil armen sundæren an dise werlt tragen unde gebern solte an dem waren sunnen, an dem heiligen Christo Schönbach
altdt. pred. 3, 214, 16,
vgl. ebda 214, 32; wan diu (
Maria) ist næmelichen ain muoter der genaden unde der waren erbarmunge. der selben genaden sult ir sie hiute manen 3, 207, 16; vor der sünde schanden behüt uns durch Marien, sit ir genade frien kan vor dem ewigen tode Joh. v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 10464
R.; wan ich sprich wol, daz si (
Maria) ist vol barmung und der gnaden Muskatblüt 29, 57
Groote; eine königin der gnaden bist du (
Maria) Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 1, 173.
als die aus erbarmen sich der menschen durch ihre fürbitte annehmende ist sie die mutter der gnade und barmherzigkeit (
mater misericordiae): dise edele junchvrowe, die da ist muoter aller barmherzicheit und aller genaden Schönbach
altdt. pred. 1, 70, 31; Maria mutter der gnaden, dich ruff ich an von hertzen grund Kehrein
kirchenlied 1, 125; eilte sie rasch vor ihr Marienbild ... und sagte: mutter der gnaden, mutter der waisen, höre mein gelübde A. Stifter
s. w. (1901) 1, 33; heilge mutter aller gnaden, lasz mich dir mein herz entladen Grillparzer
s. w. 4, 87
S.; das singende eintönige murmeln der gebete — 'heilige Maria, mutter der gnaden!', erscholl es vor dem fenster Th. Storm
s. w. (1899) 2, 323. —
in den bildlichen umschreibungen besonders spätmittelalterlicher dichter, die zum teil auf ältestes gut zurückgehen (
lauretanische litanei; vgl. A. Salzer
die sinnbilder und beiworte Mariens, Linz 1893), vaz, schrîn, brunne der gnaden
etc. gehen beide vorstellungen ineinander über: Maria, die alle gnade in sich enthält, und die voller erbarmen mit den menschen ist und aus barmherzigkeit den menschen gnade vermittelt und spendet: (
Maria) ist zware ain vaz der gnaden unde der ern Schönbach
altdt. pred. 3, 216, 32; (
Maria) du gotes schrin, der gnaden vas schweizer Wernher
Marienleben 14327
P.-H.; uzerweltú kúngin, du bist och der gnaden tor, der erbermde porte, dú nie zuo geschlossen wart H. Seuse
dt. schr. 266, 4
Bihlm.; so gar subtilich singen wil der junffrau klardie ich furwar wol nennender gnaden bronne Muskatblüt 17, 3
Gr. IIIIII. gnade
im weltlichen bereich. nachdem gnade
im ahd. geistlichen raum als vertreter von '
misericordia'
und '
gratia'
seine verschiedenen bedeutungen entwickelt hatte, wurde es zur darstellung der weltlichen beziehungsverhältnisse von '
erbarmen, huld'
eines höhergestellten zu einem geringeren neben, bzw. an der stelle von huld, gunst
gebraucht, wobei die im geistlichen bereich gewonnenen merkmale —
besonders die gratuität (
s. oben I A) —
bewahrt bleiben. die weltlichen verhältnisse (
lehnswesen, höfische und spätere gesellschaftliche zustände, rechtswesen)
führten zu weiteren anwendungen. diese entwicklung bedeutet eine sich immer verbreiternde säkularisierung, die gelegentlich wieder zu versuchen neuer, allgemeinreligiöser eingliederung führen kann (
etwa bei Rilke,
s. oben II C 3 a
u. e),
ohne dasz aber dem wort eine wirksame und tragende religiöse grundlage geschaffen würde. solche säkularisierung wird besonders sichtbar bei festgewordenen formeln (
s. etwa gnade finden vor jemandes augen, zu gnaden kommen, gnade für recht, gnade
in der anrede u. s. w.),
die im geistlichen beginnen und sich im weltlichen fortsetzen. umgekehrt kann auch eine im weltlichen ausgebildete formel (
etwa ohne gnade)
aus dem rechtsbereich ins religiöse übertragen werden. um diese abhängigkeiten zu zeigen, wird im folgenden auch der geistliche gebrauch im zusammenhang mit dem daraus folgenden oder ihm voraufgehenden weltlichen mit aufgeführt. die ausdehnung auf das weltliche gebiet beginnt im 11.
jh. (Notker),
ebenso bei gnaden,
vb., s. d. 4;
deutlicher wird sie erst mhd. ob sich darin auch die oben sp. 508
u. 513
als wahrscheinlich angenommenen älteren vorchristlichen verhältnisse unmittelbar fortsetzen, oder ob es sich nur um säkularisierungen des geistlichen gebrauchs handelt, bleibt unsicher. III@AA.
erbarmen, barmherzigkeit, misericordia, entsprechend II A,
oben sp. 512
ff. die der gnade
anhaftende bestimmung, dasz sie von einem höhergestellten einem geringeren erwiesen wird, erfährt in diesem anwendungsbereich mancherlei ausweitung, indem sie jede beziehung eines aus irgendeinem inneren oder äuszeren grunde überlegenen, begünstigten zu dem unterlegenen, zu kurz gekommenen meinen kann, der (
mit richterlicher gewalt ausgestatteten)
gemeinschaft zum einzelnen, des reichen zum armen, des siegers zum besiegten. dadurch bleibt das aus der christlichen '
gratia'
stammende spannungsverhältnis auch da bewahrt, wo es sich scheinbar um eine beziehung von gleich zu gleich handelt, wie etwa in den belegen aus Hartmann v. Aue
und dem Nibelungenlied unter 1 a;
s. auch zu III B. III@A@11) '
erbarmen'
gegenüber vergehen und unrecht als gegensatz zu '
recht und gesetz'; '
milde, mäszigung'
als gegensatz zu '
strenge, schärfe'.
derjenige, der im besitz der gewalt ist, übt gnade,
wo er dem recht nach strafen könnte, oder er mildert die strafe, ohne dasz von seiten des begnadeten ein anspruch darauf bestände. im mittelalterlichen recht bezeichnet gnade (gratia)
das königliche oder obrigkeitliche recht des strafnachlasses oder der strafmilderung; s. dazu Schröder-v. Künszberg
dt. rechtsgesch.7 (1932)
s. 125; 157. III@A@1@aa) '
erbarmen, milde',
im allgemeinen und im engeren rechtlichen sinne; gnade tun '
strafe, schuldige abgabe nachlassen oder mildern'; aus gnade
strafen, richten, '
eine leichtere strafe an stelle einer schwereren vollziehen'
: quos oportebat duci ad iudicium, veluti aegros ad medicum, non ab iratis accusatoribus sed a propitiis potius miserantibusque ut morbos culpae resecarent supplicio. tie ze dinge gefuoret solton werden fone iro leidaren, also man sieche fuoret ze arzate, nals turh haz, nube durh knada unde irbarmeda, daz sie in dar frumetin uzersniten dero sundono gallun Notker 1, 265, 15
P.; ob du gern nemen wilt, sprach Joraffin, min sicherhait ... min hende hie an dirre vrist biut ich zu dinen gnaden Joh. v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 3785
R.; gnade heisset das, das der man (
richter) von den luten minre mag nemen, denne ire bruche ('
brüche' =
zahlung für einen rechtsbruch) zcu sagen adir gebrochen haben
Magdeburger fragen 1, 2, 24
Behrend; wirt he (
der auf einem münzverbrechen betroffene) verwunden (
überführt) mit dem richter unde mit eime geswornen manne, man slet im abe di hant zu rechte oder he muz dingen an des munzmeistirs genade (13./14.
jh.)
urk.-buch d. stadt Freiberg 3, 45, 24
Ermisch; welch hof abir under eime halben pfunde cinset, der muz volliz geschoz (
abgabe) geben alse wol, als ab he vri were, man wolle im denne gnade tun
ebda 3, 32; als sich der selbe man tzu genaden und in des rates und in der stat genade gegeben hatte der sachen, wenne nymant denne got und dy herren gnode tun mogen
d. Kulm. recht 3, 56
Leman; ein mörder in dem rechten hat verdient, das man ihn mit dem rat richt, ist er aber gnaden werdt, so richt man ihn nur mit dem schwerdt Erasmus Alberus
fabeln 195
ndr.; welchen kein mensch erweichen kan, was hilffts, dasz mann den selben man vil bittet? und ist doch verlorn, es ist da kein gnad, sonder zorn
ders. praecepta vitae (1548) 91
b; fand aber des königs ohren zu gnaden beschlossen, und müszt es am strick bezalen Wurstisen
Pauli Aemilii histor. (1572) 1, 449; (
ein mörder) dessen urtheil zwar gewest, dasz ihme anfänglich die hand abgehauen, hernach stranguliert werden sollen, aber aus gnaden und dasz ihn der scharpffrichter nit angerührt endlich durch das schwerd hin gerichtet (
zum j. 1649)
theatrum Europaeum 6 (1663) 1023
a; in dieser verwirrung fiel er für Adelgunden nieder, konnte aber nicht mehr sagen als: sie möchte die durch seine vermessene liebe ihr angefügte beleidigung ihm zu gnaden wenden, weil nichts in der welt so verführerisch als ihr irrlicht, und daher die vergehung so viel mehr zu verzeihen wäre Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1398
a; als decemvir ... kann Appius seine eigensinnigsten begierden zu gesetzen machen. gnade und mäszigung hören, wie er sagt, auf, tugenden zu seyn, wenn es auf die befestigung einer neuen herrschaft ankömmt Lessing 6, 84
M.; es waltet über ihm (
Tasso) ein schwer gesetz, das deine gnade höchstens lindern wird Göthe 10, 164
W.; ihr (
Götz) wart in der gewalt des kaisers, dessen väterliche gnade an den platz der majestätischen gerechtigkeit trat
ebda 8, 122; sie (
die stadt) mag ihr heil beherzigen und sich der gnade des Burgundiers ergeben, er heiszt der gute, er wird menschlich sein Schiller 13, 203
G.; aber der böse wird durch gnade und güte nimmer gebessert E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 248; ... frag ich mich doch selbst, ob das derselbe fürst, des sanfter muth die liebe war des menschlichen geschlechts, des wort verzeihung hiesz, des anschaun gnade Grillparzer
s. w. 8, 231
Sauer; schon im jahr nach der schlacht wurden den Latinern ihre gefangenen zurückgegeben ... die Römer erzählen jenes, und nennen es eine gnade, womit der senat die Latiner belohnt habe Niebuhr
röm. gesch. 1, 368; er schildert die fürsprache gerechter männer, welche unerschrocken für gnade und milde eintraten und auf die ehrliche pflichttreue des gefangenen hinwiesen G. Keller
ges. w. 6, 237; was ist das für eine welt, ... in der die regung der gnade als versuchung und die milde als fürchtenswert bezeichnet werden darf Werner Bergengruen
am himmel wie auf erden (1940) 449. III@A@1@bb)
daraus entwickelt sich die im vorigen eingeschlossene engere bedeutung, die aus erbarmen, milde gewährte '
begnadigung', '
verzeihung, vergebung'; '
schonung, pardon': als er solde erslagen sîn, wan daz er dô geruohte daz er genâde suohte Hartmann v. Aue
Erec 955
H.; denn so war gott lebt: welcher könig odder fürst meinet, das sich der Luther fur yhm demütige der meinung, als rewe yhn seine lere und habe unrecht geleret und suche gnade, der betreugt sich selbs weidlich Luther 23, 28
W.; dermaszen, dasz etlich derselben übelteter ... unaufgelegt und unempfangen verschulter gebürlicher und rechtmessiger straffe gesichert und ledig gelassen sind, und aber durch soliche bewissne gnade, wie wol die in guter meynung was beschehen, nicht allein das übel ungestrafft beliben ... ist
Nürnberger polizeiordn. 42
Baader; wo sie im wölte bey irem gemahel frid und gnad schaffen Stumpf
Schweizerchron. (1606) 106
a; hierauff (
nach der eroberung der stadt) liesz der tyrann eine allgemeine verzeihung und gnade ausruffen Ziegler
as. Banise (1689) 652; so suchte dieser (
herzog) anno 1134 zu Fulda gnade (
weil er einen aufstand gemacht hatte), die er auch durch der kayserin vorspruch erlangte S. Fr. Hahn
einl. zu d. teutschen ... kayserhistorie (1721) 3, 184; ruft gnade aus für die geflohne mannschaft, die unterwürfig zu uns wiederkehrt
Shakespeare 9, 209; und hätt ich gottes richtschwert geführt, — gnade hätt ich ihr (
der kindsmörderin) gegeben maler Müller
w. (1811) 1, 305; wirst du izt gleich zum kreuz kriechen und um gnade und schonung flehen Schiller 2, 102
G.; (
der könig liesz sagen:) nimmermehr würden sie gnade finden, wo sie nicht den verräther offenbaren wollten Grimm
dt. sagen (1891) 2, 38; und der (
entschlusz) heiszt krieg, heiszt widerstand, wenn ihr verzeihung nicht gewährt, vollgültge gnade (
für die aufständischen) Grillparzer
s. w. 6, 242
Sauer; von den offizieren, die sich gegen ihn ausgesprochen hatten, gewährte er keinem gnade Ranke
s. w. (1867) 17, 195; die schuld lag auf Joachim, auf dem gleichen manne, der für Ellenhofens schuld nicht gnade, sondern nur gerechtigkeit hatte haben können Werner Bergengruen
am himmel wie auf erden (1940) 503. III@A@22)
neben verbindungen wie gnade suchen, um gnade flehen (
s. unter 1)
häufig jemanden um gnade bitten;
mhd. und frühnhd. einen (sîner) gnade bitten;
vereinzelt noch bis Göthe gnade (
acc.) bitten; '
um verzeihung bitten'
oder '
jemandes erbarmen, schonung anflehen' (
der besiegte bittet um schonung);
meist geht beides ineinander, '
um pardon bitten': da viel der arm man sime herren ze fuozen unde bat in siner gnaden, daz er im genædic were Schönbach
altdt. pred. 3, 169, 25 (12.
jh.); das volck in der stad ... lieffen mit weib und kinder auf die mauren und zerrissen ihre kleider und schrien laut und baten gnade und sprachen: straffe uns nicht nach unser bosheyt 1.
Macc. 13, 45; um gnad will ich nit bitten, dieweil ich bin ohn schuld Ulrich v. Hutten
opera 2, 92
Böck.; muste bey keyser Valens umb gnade und friede bitten Micraelius
altes Pommerland (1640) 1, 66; unüberwindlichster! hier lieg ich, bitte gnad Göthe 16, 26
W.; ich bitt um gnad, es soll nicht mehr begegnen Schiller 14, 356
G. sich auf (an, zu) gnade(n) ergeben, '
in der hoffnung auf schonung, milde sich dem sieger unterwerfen, den kampf aufgeben'
; sich ganz in jemandes gewalt geben. die formel neigt in älterer und neuerer zeit zu wuchernden umbildungen. den ausgangspunkt bildet die wendung sich an (in) jemandes gnade (er)geben,
seit dem mhd.: der ander lebte dannoch: der muose sich in iedoch gar in ir genâde gebn: dô liez er in durch got lebn Hartmann v. Aue
Iwein 6793; zwang ich den ritter Joraffin daz er an min genade sich ergab Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 9545
R.; künig Heinrich ... überzog hertzog B. ... und bezwang ine ... sich ze ergeben an sin gnad Äg. Tschudi
chron. Helv. (1734) 1, 3; Caesar hat die Numider umbringen lassen, die sich ihm auf seine gnad ergaben J. G. Zimmermann
v. d. nationalstolze (1758) 117. — desgleichen ergaben sich die von Montzig ... auch an gnade und huldigten dem fürsten
M. v. Kemnat
chron. Friedrichs I. 66
Hofmann; ergabe sich ... auff gnad
Flaccius Illyricus ankunft d. röm. reichs (1567) 124; dasz er zuletzt abstund und sich zu gnaden ergab Stumpf
Schweizerchron. (1606) 89
b; da entblöszten sie (
die bauern) ihre waffen und hieben das raubvolk tapfer nieder, bis sich die edelleute auf gnaden ergaben Grimm
dt. sagen (1891) 1, 124;
ähnlich: als er (
der pfalzgraf) das (
Sobernheim) berennen liesz, do gingent sie an gnade mit 24 edeln und 69 reisigen knechten
M. v. Kemnat
chron. Friedrichs I. 66
Hofmann; 1555 ... ergab sich die statt uff gnad des lebens Äg. Tschudi
chron. Helv. (1734) 1, 76.
geläufiger und bis heute gebräuchlich ist sich auf (
im 16.
jh. auch in) gnade und ungnade (
zunächst jemandes) ergeben, '
sich auf gedeih und verderb jem. ausliefern, sich bedingungslos ergeben',
seit dem 15.
jh. belegt, vgl. uff gnad und ungnad Er. Alberus (1540)
nov. dict. b 3
a; einem eine statt auff gnad und ungnad auffgeben Frisius
dict. (1556) 275
b: haben sich die 9 fendlein knecht ... auf gnad und ungnad ergeben (15.
jh.)
im dt. rechtswb. 4, 969; die bauern im stifts Saltzburgk sich in gnad und ungnade des gemeinen bunds zu Schwaben ergeben haben (
v. j. 1526)
d. dt. bauernkrieg (1935)
aktenband 338
Franz; gleichwol ... schrein sie umb quartier und ergaben sich auff gnade und ungnade v. Chemnitz
schwed. krieg (1653) 2, 158; Batto (
habe) sich auf gnade und ungnade ins Tiberius hände geben müssen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 23
a; ... er wolte unter keinen gütigern conditionen capitulieren, als dasz sich alles auf gnade und ungnade ergäbe
discourse d. mahlern (1721) 3, 8; Wallenstein gab dem grafen von Thurn eine halbe stunde bedenkzeit, sich mit drittehalbtausend mann gegen mehr als zwanzigtausend zu wehren, oder sich auf gnade oder ungnade zu ergeben Schiller 8, 330
G.; alle ortschaften ... ergaben sich ihm auf gnade und ungnade Ranke
s. w. 2, 154. —
häufig in abgewandelten formen: die landschaft hat sich auf gnad und ungnad aufgeben, die stett auch desgleichen (16.
jh.) Uhland
volkslieder (1844) 1, 492; die bürger einer stadt, die ... schnell zur reu und rasch zurückgekehrt die pforten öffnet, in den staub sich beugt, zu deiner gnad und ungnad sich ergebend Grillparzer
s. w. 6, 247
Sauer; aber am ende sollte ich mich doch den Atheniensern auf gnade oder ungnade zu füszen werfen Wieland
Agathon (1766) 1, 366; die coalition war ... zerstört, das isolierte Preuszen ... endlich zu gnaden und ungnaden unterworfen worden Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 1, 229. — liesz der marckgraf ... die stadt Meinz durch ein trommeter uffordern wegen der kron Frankreich uff genadt und ungenadt (
Mainz, 16.
jh.)
städtechron. 18, 122; erobert vil stett mit gnad und ungnad Stumpf
Schweizerchron. (1606) 225
b; ihr wiszt, wie ihr (
Götz) auf gnad und ungnad in unsere (
des rates) hände kamt Göthe 8, 122
W. später auch auf andere verhältnisse übertragen: eben so wenig gedeihet es unserer dichtkunst, dasz sie der despotischen willkür unsrer kritiker oder kritikaster auf gnade und ungnade überlassen ist Kretschmann
s. w. (1784) 2, 36; endlich entschlosz sich mein vater, alle seine habe seinen gläubigern auf gnad und ungnad zu übergeben U. Bräker
s. schr. (1789) 1, 51; auf gnade und ungnade habe ich ihnen mein geheimnis ausgeliefert Marie v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 109. III@A@33)
erbarmen gegenüber dem leid, der not, der armut, dem elend: non sit illi (
dem bösen)
adiutor, nec sit qui misereatur pupillis eius imo unde sinen weison netuoe nieman helfa noh kenada Notker
ps. 108, 12; dô sprach diu küneginne: 'ir Sîfrides man ir sult durch iuwer triuwean mir genâde begân (
und Siegfrieds sarg noch einmal öffnen)
Nibelungen 1067, 4
B.; ob noch iemen woldegenâde an in begân (
an den eingeschlossenen Burgunden) 2127, 2; (
die königin zu Iwein) nû begêt genâde an mir ... nû wil ich iuch durch got biten daz ir ruochet mir vergebn Hartmann v. Aue
Iwein 8123; die rîchen quâmen dar mit gâbe, die armen quâmen dar durch genâde, si êrten den rîchen künic Oswalt
Münchener Oswald 3198
Baesecke; der dieb bot dem hund ain broth, daz er in da mit gestillet und nit märet. sagt man, der hund spräche zuo dem dieb: gibst mir disz brot von gnaden wegen, oder gibst du mir das darumb, daz du mich verfürest? Steinhöwel
Äsop 113
lit. ver.; einen vorrath ... desz man sich zu fürfallender theurung zu gebrauchen hätte, damit man nicht müszte bey wucherern und kornwürmern zu gnaden kommen Agyrtas
grillenvertreiber (1670) 44; nun bedürffend wir doch ... unsers nachbauren gar nichts. es hatt uns gott ... mit narung versehen, das wir im nit bald zu gnaden kumen dörffend Wickram 2, 128
B.; du bist zum gnädigseyn gebohren, wenn manchem, der sein volk nur quält, die gnade selbst im herzen fehlt, fühlst du (
graf Schafgotsch) der deinen ungemach, und ahmst hierinn dem vater nach, von dem wohl niemand leicht betrübt und trostlos geht Stoppe
Parnasz (1735) 14; ich laufe fort, verberge mich im busch, uns lasse dich der gnade wilder thiere (
and leave thee to the mercy of wild beasts)
Shakespeare 1, 207; aber mein mann ist ein menschenfresser, wenn der dich findet, so friszt er dich auf, da ist keine gnade
kinder- u. hausmärchen 1 (1812) 274; nimm käs und brot aus deiner pflügertasche, und halte mahl am ungefügen tisch. ists eigenes brot doch, das erhält und stärkt, das brot der gnade nur beengt und lastet Grillparzer
s. w. 8, 164
Sauer; Heimburg ist im exil, von fremder gnade lebend, gestorben Ranke
s. w. 1, 32; er lebt rein nur von der gnad (
d. h. von bettelei) Hügel
Wiener dialekt (1873) 69. III@A@44)
gnade und recht. die beziehung von '
gnade'
und '
recht' (
s. oben 1-3)
wird häufig ausdrücklich als gegensatz von gnade und recht hervorgehoben; so besonders deutlich in den folgenden verwendungen von gnade
in rechtlichen zusammenhängen. III@A@4@aa) gnade
und recht
gegenübergestellt; aus dem geistlichen bereich, wo damit die tatsache der gratuität (
s. oben II A)
ausgedrückt wird, in den weltlichen herübergenommen: diu gnâda temperet nû daz reht, ze sune ist worden der chneht
vaterunser 47
bei Waag
kl. dtsche ged. 45; man vindet dâ (
in Rom) dehain zûversicht rechtes noch genâden Heinrich v. Melk
erinn. an d. tod 401
Heinzel; sOelt ber uns din (
gottes) gerich rehtes me denne gnaden pflegen, so mst wir uns erwegen seln und libes Joh. v. Würzburg
Wilh. v. Österr. 17213
R.; gotes gewalt ist niht gebunden: wil er, sô mac er dem sünder aber gnâde tuon über reht; wil er aber, sô verteilet er in mit rehte David v. Augsburg in:
dt. mystiker 1, 356, 37
Pf.; gnädigster könig und herr! vernehmet meine beschwerden, edel seid ihr und grosz und ehrenvoll, jedem erzeigt ihr recht und gnade Göthe 50, 5
W.; ich kann den grundsätzen vollständig beitreten, die er dahin ausgesprochen hat, dasz die freiheit eines jeden staatsunterthanen nicht auf einer milden praxis der regierung, oder, wie er sich ausdrückte, auf der gnade, sondern auf seinem rechte beruht Moltke
ges. schr. u. denkw. 7, 102.
in dem zusammenhang von gnade
und recht,
aber mit anderer betonung, '
glück': sie könne von gnade sagen, denn nach dem alten recht begrabe man weibsbilder ... lebendig Alexis
Roland v. Berlin (1840) 1, 291.
geläufig in redensartlichen formeln; gnade besser als recht: ir strâfet mich (
Keiî) als einen kneht. gnâde ist bezzer danne reht Hartmann v. Aue
Iwein 172; darumb were ime gnade besser den recht
weist. 1, 565; besser gnad dann recht
sch. w. klugr. (1548) 107
a;
auch: dem were gnade nutzer dan recht
weist. 1, 565. gnade geht vor recht: ob er (
der sünder) genâde suochen wil, gît man im gâhes buoze vil, vil lîhte ein man dâ von verzagt, daz er sich aber got entsagt und wirt wider des tievels kneht. dâ von gêt gnâde für daz reht Hartmann v. Aue
Gregorius 3822
P.; denn gnade gehet doch vor recht, zorn musz der liebe weichen Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 393; auf erden gehet recht vor gnade, im himmel aber gnade vor recht Joh. Hoffmann
Jesus Sirach (1740) 7;
besonders gnade für recht ergehen lassen, '
milde walten lassen, eine strafe in eine geringere verwandeln oder ganz erlassen': Karl ... beschlosz, gnade für recht ergehen zu lassen, und die liebenden (
Eginhart und Emma) mit einander zu verehelichen Grimm
dt. sagen (1891) 2, 75; sie lieszen daher gnade für recht ergehen und schenkten ihnen einen sehr milden frieden E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 305; lassen sie gnade für recht ergehen und beruhigen sie mich durch einige zeilen fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1878) 386. —
verkürzt gnade ergehen lassen: ich stimme mit ihnen überein, dasz man den höchsten maszstab anlegen müsse; hält man daran fest, so kann man hernach auch gnade ergehen lassen Wilh. Grimm in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 123; obwohl es abscheulich ist, dasz mich ihr mann auf seiner reise nach Wien nicht besucht, so will ich nach meiner milde doch gnade ergehen lassen A. Stifter
s. w. 18, 34
Sauer. III@A@4@bb) gnade, '
nachlasz einer abgabe oder busze' (
aus gnädiger gesinnung, die das mildert, was von rechts wegen gefordert werden könnte).
im mittelalterlichen recht besonders bei geldbuszen; vgl. dazu R. His
strafrecht d. dtschen mittelalters 1 (1920) 384
ff. III@A@4@b@aα)
gerichtlich, '
nachlasz der strafe oder busze', gnade tun, '
nachlasz gewähren': der kouffere des guotes sal ime (
dem erzbischöfl. schultheiszen) gebin einen schillink von der mark; daran mac der schultheizze gnade wol tuon, ob er will, gegen dem kouffere (
v. j. 1289)
die ältest. weist. v. Erfurt 8
Kirchhoff; er geb acht marck, und ob man wil, so mag im ain rat mitsambt dem richter darinne genad tun
österr. weist. 5, 492 (
ende 15.
jh.); so man aber um gnade bittet, sollen meier und die huber alweg das halb huprecht nachlassen
weisth. 1, 744
Grimm. —