Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
grunt stM.
1.1 bezogen auf Gewässer o.ä., bes. das Meer
1.1.1 allg.
1.1.2 als Ankergrund
1.1.3 als trockengefallener Flussgrund, ‘Sandbank, Strand’
1.2 bezogen auf Gefäße
1.3 bezogen auf ein Grab, die Hölle
1.4 bezogen auf den Magen, den Bauch
1.5 bezogen auf Wunden, auch bildl.
1.6 ‘Grundfläche, Basis (eines Kegels, einer Pyramide)’
2 ‘Grund (des Herzens)’ , bezogen auf das Herz als Sitz der Gefühle, des Willens, Quelle der Tränen
3 ‘Tal, Niederung, Schlucht’
4 ‘Erdboden’
5 ‘Grundstück’
6 ‘Grundfeste, Fundament’
6.1 eigentl.
6.2 übertr., ‘Ursprung, Ursache’
7 ‘Tiefe, Abgrund’
8 als zentrales Wort der Mystik Meister Eckharts und seiner Nachfolger, ‘das Tiefste, Innerste’
9 in speziellen adv. Präpositionalausdrücken
9.1 von grunde (ûf) , (hin) ze grunde u.ä. ‘gründlich; ganz und gar, durch und durch’
9.2 etw. unz ûf den grunt, von/ ze grunde ‘gründlich, vollständig’ erzählen, wissen u.ä.
1 ‘Grund, Boden, unterer Bereich eines Gewässers, Gefäßes, Hohlraumes’ 1.1 bezogen auf Gewässer o.ä., bes. das Meer 1.1.1 allg.: tief ist des wilden meres grunt LobGesMar 65,1; an daz mere sluͦc er [Moses] di ruten. / der grunt sich inbarte VMos 46,12. 68,7; [...] gedruket in einen grundelosen sumpf, da vinde ich keinen grunt Mechth 6: 19,9; der schiffe slûch er [Wind] ze grunde / vile, daz si versunken SAlex 1064; diu [ bruke ] versanc [...] in des Rînes grunde Kchr 391; slahem wir den selben hunt [Joseph] und werfen in in dirre zisternen grunt! Gen 1793; der wág vûrt in [Alexander in dem Glasgefäß] in demo grunte [des Meeres] Anno 15,3. 14,16; dû weist daz mer unz ûf den grunt LobGesMar 56,11; daz sich beweget der grunt / [...] und hebet sich ûf von grunde ein wint HartmKlage 357; Herb 2884; NibB 1562,3. 1578,4; KLD:UvL 55: 7,1; BdN 113,18. – bildl.: ir schœne was sô bodenlôs, / daz man niht grundes drinne sach KvWTroj 19721 1.1.2 als Ankergrund: swâ der rotte anker hêten grunt, / daz tet ir banier schône kunt Wh 438,9. – bildl.: z’eim endelôsen pflûme, / dar inne ein berc versünke wol, / gelîchen man diz mære sol, / des ich mit rede beginne. / wil ich den grunt dar inne / mit worten undergrîfen, / sô muoz ich balde slîfen / hie mîner zungen enker KvWTroj 226; trûren mit gewalte hât gankert in mîns herzen grunt KLD:BvH 9: 3,2; Parz 461,15 1.1.3 als trockengefallener Flussgrund, ‘Sandbank, Strand’ die [...] vischwaid mit allem das sich darinn machet und von newn dingen erhebt, es sein awn, grünt, schüt oder newschut WeistÖ 7,968(Anm.) (a. 1306); dî brûdre [auf dem gestrandeten Schiff] von der grunt / sich intbrâchin NvJer 24220 1.2 bezogen auf Gefäße: köpfe und schüzzel wirt von mir untz an den grunt erlochen [geleert] SM:St 1: 3,8; ist daz harn an dem grunde lieht unde louter [...] unde ist obernthalbe dicke unde truobe Barth 130,1. 131,11; so bestrichet er [Giftmischer] daz vaz ze oberist mit dem hoͤnig, ze niderist da giuzzet er daz toͤtlich eitter in den grunt PrOberalt 139,28; rure is [den Inhalt eines Kessels] stetlichin vs deme grunde, das is icht an burne Pelzb 133,17; Kchr 7511; Pass III 156,64; Pelzb 137,16. 140,32 u.ö. 1.3 bezogen auf ein Grab, die Hölle: ein lilie wuchs uz sime grabe, [...]. / des nam die bruder wunder / und gruben alhin under. / do sie quamen uf den grunt, [...] Pass I/II (HSW) 14663. – hat die helle grunt? Lucid 7,14; dú helle hat weder grunt noch ende Mechth 3: 21,62; Lucifer [...] ist gar an dem grunde der helle PrBerth 1:203,27 1.4 bezogen auf den Magen, den Bauch: der grunt des magens ist haisser unnd stercker ze däenn [= döuwen ] HvHürnh 31,4. 31,4; swenne der mage di spie uon grunde uf wirfet [...] da uon daz sin nider teil kreftiger ist denne daz ober SalArz 48,58; das buch wirt, so du iz vrisses, [...] / bitter in des buches grunde HeslApk 15388 1.5 bezogen auf Wunden, auch bildl.: ouch inist nicht kein salbe besser zu trockene trorige wunden unde ouch zu heilen von grunde [von unten auf (und nicht nur oberflächlich)] Macer 16,9; daz niemer sêle wirt gesunt, / diu mit der sünden swert ist wunt, / sin habe von grunde heiles funt Walth 6,16. 74,17; Segremors 7,110; daz er [ wolves zant ] mich iht verwunde: / sîn bîzen swirt von grunde KLD:Namenlos h 11,9 1.6 ‘Grundfläche, Basis (eines Kegels, einer Pyramide)’ alles, daz wir sehen, daz sehe wir in ainer form aines kegels, dez spitz in unser aug ruͤrt und dez grunt ruͤrt an daz dinch, daz wir sehen KvMSph 14,1. 26,3 2 ‘Grund (des Herzens)’, bezogen auf das Herz als Sitz der Gefühle, des Willens, Quelle der Tränen: so nimit er [reuiger Sünder] von des herzzen grunde daz soͮften mit dem munde GenM 17,14; ich [...] siufte ûf von grunde / [...] und truobent mir diu ougen. / [...] wan deiz unmanlich wære, / weinen ich niht verbære HartmKlage 371; swaz er in dâ spiles getete [...], / dazn gie niht von grunde: / daz herze dazn was niht dermite Tr 7528; got enheine sünde lât, / die niht geriuwent [...] / hin abe unz ûf des herzen grunt Walth 6,12; Litan 1166. – ir ougen [...] dringent in mîns herzen grunt MF:Wolfr 8: 4,7; Walth 27,26; swenne sî ûz herzen grunde [...] ein lieblich lachen tuot ebd. 27,36; sie zerstâchen manegen schaft. / ieder man ûz herzen grunde versuochte sîne kraft RosengD 619,2. – ähnl.: diu mir daz herze hat verwunt / vaste unz uf der minne grunt Tannh 3,125; Virg 972,11 3 ‘Tal, Niederung, Schlucht’ in einem grunde vil tief, / da ein bach lief Pilatus 2,89; dâ zwischen was ein cleiner grunt LivlChr 9985. 5086. 9483; die crichen [...] hetten vur die stat bracht / an den grunden vnde an der hoe / mangen vnde ebenhoe [Belagerungswaffen] Herb 14137; sus reit der werde degen [...] durch einen grunt Parz 339,17; rît ze einer lîten, dâbî in einen grunt RosengD 478,3. 481,4; wer in di grunde sewet [sät] , / der snidet unde mewet / daz da mit vollen dihet Elis 3099; Kchr 13303; Helbl 4,437; HvNstAp 19583. – formelhaft ~ und grât, auch Pl., ‘Niederung(en) und Höhe(n)’, daher übertr. ‘der gesamte Grundbesitz’ min huobe, min schuopose, [...], getwing und ban und grund und grete DRW 4,1157 (Geschfrd.; a. 1306); grund und grad, lib und gut, lebend und tod ist des gotzhus WeistGr 1,311 (a. 1344). 1,166 (a. 1303?); verkouffend [...] unseren hoff ze Genines mit grund und mit grate [in ganzer Ausdehnung] , mit wunne und mit waide UrkGraub (M) 2,169 (a. 1301); UrkBern 5,156 (a. 1320) 4 ‘Erdboden’ getriben ûf von grunde / ûz eines lewen munde / fliuzet der brunne in ein vaz UvZLanz 3893. – die bvrc er an den grvnt brach ReinFu K,1264; wann Tyrum die gross stat / er in den grundt zestoret hat Seifrit 2246; LivlChr 11074. 11340; übertr.: nym eyn gloyndich ysern vnde berne se [die Hämorrhoiden] vf den grunt OvBaierl 121,8 5 ‘Grundstück’ [...] haben wir [...] demselben gotzhaus [...] geben vnd geaygent den grunt, da ez stat, vnd darzü des vvaldes mit dem grunt UrkNAltaich 1,289 (a. 1241); daz Johans Herweger [und Angehörige] [...] daz holz in Oͤtersberch [...] ze koͧffen hant gegeben mit grunde und mit allem dem, so derzuͦ gehoͤrt UrkZürich 8,253 (a. 1309); weitere Belege s. WMU 1,763f. und DRW 4,1161 6 ‘Grundfeste, Fundament’ 6.1 eigentl.: ich sach under Lucifer der helle grunt, das ist ein hart swarz vlinsstein; der sol tragen das werk iemer mere Mechth 3: 21,61; firmamentum, daz ist der vest himel, dar umb, daz er ain vest und ain grunt ist aller gesteckten stern BdN 55,22; daz [Messopfer (Akk.)] sal itenuwe [erneuern] / mit geistlicheme gebuwe / alle tage di cristenheit, / di wile daz di werlt steit [...], / gefundet in den vesten grunt. / Crist er ist der vullemunt Glaub 1059; Pass I/II (HSW) 10716; TvKulm 6164 6.2 übertr., ‘Ursprung, Ursache’ du [Gott] bist der elementen gruͦnt HvNstGZ 11; [jmd. ist] ain wirt in der helle [...], / ain grunt aller ubele Rol 5861; daz diu leber ain grunt ist und ain ursprinch des pluotes BdN 37,5; diu versuochende kraft der sêl [d.h. der Geschmackssinn] und daz gerüerd habent irn grunt in dem herzen; aber die andern drei sinn sitzent in dem haupt ebd. 13,6 7 ‘Tiefe, Abgrund’ ie der grunt tiefer ist [...], ie ouch diu erhœhunge und diu hœhe hœher [...] ist Eckh 5: 293,6; nv vindest dv die hoehe vnd ouch die grúnde Wartb Rs 85,6; des abysses ~ , der grundelôse ~ ‘die Hölle’ HeslApk 6895. 15282. 19306. – bes. der helle ~ u.ä. (vgl. hellegrunt): der tiefen helle grunt Kchr 2033; in der helle gründen / muoz ich ân ende quelnde sîn KvWLd 32,269; [Christus] lost uns von der helle grunt Wahrh 34; Spec 60,32; MF:Mor 27: 2,9; WälGa 11867; RvEBarl 3538 8 als zentrales Wort der Mystik Meister Eckharts und seiner Nachfolger, ‘das Tiefste, Innerste’ (vgl. McGinn, Mysticism 4,86-90 mit Lit.): daz der mensche durchgange und übergange alle geschaffenheit und alle zîtlicheit und allez wesen und gange in den grunt, der gruntlôs ist Eckh 2:309,5; Tauler 370,6; dy sele wil er versencken in den grunt ane grunt PBB 114(1992),S. 494; dû geluogtest nie in disen einvaltigen grunt einen ougenblik Eckh 1:88,4; ie man die wurzel und den kernen und den grunt der gotheit mê erkennet ein, ie man mê erkennet alliu dinc ebd. 2:560,6; suln wir iemer komen in den grunt gotes und in sîn innerstez, sô müezen wir ze dem êrsten komen in unsern eigenen grunt und in unser innerstez ebd. 2:551,1; in dem grund der sele, da gottes grund vnd der sele grund ain grund ist ebd. 1:253,5; Katrei 375,20; Eckh 1:90,8.11; Seuse 124,24. 157,24. 165,25; Tauler 39,33. 149,34 9 in speziellen adv. Präpositionalausdrücken 9.1 von grunde (ûf), (hin) ze grunde u.ä. ‘gründlich; ganz und gar, durch und durch’ uͥr herzen suln van grund erbiven! MarlbRh 34,26; dur waz hâst du die sêle mîn / betrübet hin ze grunde KvWAlex 1049; HartmKlage 1658; KvWPart 3209. – des herzen schrîn / wirt vreuden vol von grunde LobGesMar 63,14; dâ von fröit ez mich von grunde KLD: UvL 48: 3,3; des vröuwe ich mich ze grunde Virg 747,3. 199,10; KLD:Rub 14:1,2. – er was uon grunde vf geborin / zo deme aller truvistin man, / den ie sichein kuninc gewan Roth 5087; diu schœne diu bran unde wiel / von minnen gar ze grunde KvWTroj 22917; die bôsen unde die ungeloubigen lûte [...] vertiligeten sî biz ûf von grunde [ funditus exterminaverunt ] StatDtOrd 24,19 9.2 etw. unz ûf den grunt, von/ ze grunde ‘gründlich, vollständig’ erzählen, wissen u.ä.: er seit ime daz mære / von obene hin ze grunde [bis zu Ende, gründlich] Tr 8235; Îsôt tet ouch Brangænen kunt / ir beider rede unz ûf den grunt ebd. 14148; [Christi] marterlichen tôt / entsliuz [...] von grunde mir KvWSilv 4335; daz wizze wir of von grunde HeslApk 3418; Walth 13,1; Tr 14017. 10743; HvFritzlHl 44,16. – einer Sache (Gen.) ze grunde komen ‘etw. gründlich, vollständig verstehen’ daz ich mit dem gedanke mîn / der reinen gotheite [...] / ze grunde und zeinem ende kome KvWSilv 2653
MWB 2 973,61; Bearbeiter: Bohnert