grün,
adj. ,
viridis, recens. form. 11)
das adj. erscheint nur west- und nordgerm.: ahd. gruoni,
asächs. grôni;
mnl. groene,
afries. aengl. grêne,
anord. grnn;
ableitung zur verbalwurzel grō-,
genaueres s. unter grünen form; beachtung verdienen umlautlose formen, die im alem. der älteren nhd. zeit auch schriftsprachlich bezeugt sind und spurweise noch in heutiger ma. auftreten, s. Staub-Tobler 2, 751;
sie erklären sich schwerlich, wie dort vermuthet, durch anlehnung an umlautlose verbalformen gruoen, gruonen (
s.grünen form),
sondern eher aus der echten form des adj. germ. *grōniz
heraus, die in umlautloser substantivierung auf obd. boden mundartlich heute noch lebt: 's gruen
junge triebe Staub-Tobler 2, 749; gruen
masc. das frische grün des frühjahrs Martin-Lienhart 1, 276
a; das gruen
junger schöszling Schmeller 1, 1001
mit älteren nachweisen; vgl. auch grummet aus gruonmât. 22)
nicht selten ist unechtes, d. h. durch miszverständnis oder entstellung anderer wörter entstandenes grü
n. über grün = grien
s. sp. 262;
namentlich bei flurnamen konnten verwechslungen dieser beiden wörter eintreten, s. Fischer schwäb. 3, 870; grün
neben lachen
entspringt aus miszverstandenem grienlachen,
s. sp. 264; grün lachen heiszt am Rhein
so viel wie widerwillig lachen C. Candidus
verm. ged. (1869) 191; dass ich von gewissen freunden als ein solcher (
eindringling) mit grünem lachen empfangen werde Gervinus in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 322; grobgrün
ist eindeutschung von gros - grain,
s. sp. 412;
dazu mancherlei aus den maa.: alem. grün
im sinne rauh, finster, mürrisch Bühler
Davos 1, 42; Staub-Tobler 2, 751
beruht auf dem stamm grunn-,
ib. 749; grün
meerrettig K. G. Anton
Oberlaus. ist kren;
vgl. 3grien
sp. 264.
bedeutung. II.
wie aus der etymologie zu folgern und aus dem sprachgebrauch zu erschlieszen, ist das adj. zunächst im sinne '
sprossend'
auf jungen pflanzenwuchs angewendet worden; doch verband sich damit offenbar sehr früh der beisinn grüner farbe; jedenfalls beherrscht die beziehung auf pfanzliches, sei es unter dem gesichtspunkt der farbe oder unter dem des sprossenden, frischen die ältere sprache bis ins nhd. hinein vollkommen. I@AA.
allgemeinste verwendung: grün
als die farbe in saft stehender pflanzen. I@A@11)
in älterer sprache mit fühlbarer vorliebe von dem (
jungen)
grün, das den erdboden bekleidet: ahd. gruoniu
gramina, virecta Graff 4, 299; ufan gruonemo grase
Tat. 80, 5; al kurz grüene gras
Parz. 75, 18; uber eine wiesen mit grünem grasz
buch d. liebe 116
b; auf dem grunen hewe
cod. Tepl. 1, 53 (
super viride foenum Marc. 6, 39); fallen in den grünen klee
Laurin 757
Schade; auf den grünen rasen D. v.
d. Werder
ras. Roland 1.
ges. 24.
str.; ein grüeniu roggensât Hugo v. Langenstein
Martina 21, 20;
vgl.es kommen auch
schon .. grüne spitzen aus dem sand heraus W. Grimm in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann und Gervinus 2, 56;
weiter '
mit pflanzengrün bekleidet, begrünt': kruonera epani
virente planitie Graff 4, 299; grôni wang
Hel. 3135
u. ö., nur in dieser oder ähnlicher verbindung; grüeniu heide
minnes. 1, 68
b v. d. H.; in allen grüenen ouwen Walther v.
d. Vogelweide 27, 19; auf einer grünen auen
ps. 23, 2; auf ein wisen grün
Sigenot 26
Schade; in dem grünen anger Arigo
decam. 50
lit. ver.; auf eine grüne matten W. Spangenberg
ausgew. dicht. 13; her Grüener Plân
minnes. 1, 46
b v. d. H.; eyn groen playn
pascua Diefenbach 415
a; grun platz, gron plan
vel brink
viretum 621
c; die grünen felder Tieck
schr. 1, 31;
altgebräuchlich ist auch then gruanan boum Otfrid 4, 26, 49; diu linde diu ist grüene
Ortn. 84, 1; in eynem grünen strauch H. Sachs 2, 89
K.; grüne büsche Kästner
verm. schr. 1, 123;
ebenso: der grüene walt Walther v.
d. Vogelweide 122, 31; in grönem hag Hätzlerin 4; sie ging wohl in das grüne holz Arnim 13, 70;
andere verbindungen werden erst in späterer zeit geläufig: ein grünen czweige Arigo
decam. 14
lit. ver.; mit schön grünen mayen H. Sachs 1, 58
K.; mit grünen tannenreiszen Rompler v. Löwenhalt
erst. geb. 78; geschmückt mit grünen reisern Bürger 13
a B.; mit deinem grönen krentzlin Scheit
Grob. v. 33
ndr.; wann der vorrath durch einen auszgesteckten grünen strausz feil gebothen wurde J. Riemer
polit. col. (1680) 44; (
bäume) mit ihrem grünen laub Rückert 3, 6;
ebenso für die bedeutung '
begrünt': des Skamander grünes ufer Bürger 1, 159
B.; am grünen gestade Schiller 11, 396
G.; ein lustig grunes thal Opitz
teutsche poem. 53
ndr.; grüner berg Gottsched
ged. (1751) 1, 197; die grünen höhen Ebner - Eschenbach 4, 9; auf Italiens grünen boden Mommsen
röm. gesch. 1, 212; die grüne erde Arnim 1, 145; durch die grünen götterwelten Denis
lieder Sineds 64; sorglos in die grüne weite fahren Gutzkow
zaub. 1, 226:
vgl. schon: diu welt ist ûzen schœne, wîz, grüene unde rôt Walther v.
d. Vogelweide 124, 37;
appellativ: grüner zwinger
als '
lustplatz' Sebiz
feldbau 2; grüner hof
garten hinter d. hause v. Klein 1, 166; grüne furche
grenz- oder wasserfurche Sanders; grüner deich
im gegensatz zum steindeich
u. a. Benzler 2, 169;
ähnlich grüne sode 1, 181; grüner grund
meergrund, der mit seegräsern bewachsen ist Bobrik 320
a;
vielfältig in flurnamen: grüner berg, bühl, fels, graben
u. s. w., in wirtschaftsnamen: grüner baum, hof, saal
u. a. Fischer
schwäb. 3, 870;
comparierung erscheint bei diesem gebrauch erst in jüngerer zeit und meist in poetischer sprache: (
die wiese) sah ... noch schöner und noch grüner aus, als .. Stifter 2, 190; grüner prangen die auen Schneckenburger
dtsche lieder 75; den grünsten epheu haben wir gepflückt Storm 1, 102; aus Italiens grünsten myrtenhecken Dahn
ged. (1908) 242. I@A@22) grün werden,
sein mit jungem pflanzenwuchs sich bekleiden, bekleidet sein: begynnen groen zu werden
virere Diefenbach 621
c; es fängt an, .. auf wiesen .. grün zu werden Göthe IV 8, 50
W.; hierher soll sie nun nicht eher kommen, bis es ganz grün und warm ist Caroline 1, 253
W.; es ist noch nid starch gruen
von den wiesen im frühjahr Staub-Tobler 2, 749;
vgl. auch was grün und fruchtbar was, dasz fraszen sie (
heuschrecken) alle hinweg Binhardus
thür. chr. (1613) 268;
entsprechend: wann ... der hohen frühlingssonne strahl ... alles grün und blühend macht Becker
mildh. liederbuch 51; das wider grün macht die zerstampften auen Grillparzer 6, 71. I@A@33)
jüngere sprache hat eine reihe typischer verbindungen bildhafter art entwickelt: das erdreich decket seinen staub mit einem grünen kleide P. Gerhard
bei Fischer-Tümpel 3, 398
a; indem die erde ein grünes kleid anlegte Neukirch
anfangsgr. 830;
vgl. ihre leiden barg das grüne grabtuch Moltke
schr. u. denkw. 1, 42;
vom grün der bäume: des waldes grünen saal Göthe 2, 35
W.; der apfelbaum deckt uns mit seinem grünen gewölbe S. Geszner
w. 2, 54; in unser grünes eichenzelt Schenkendorf
ged. 9; kommt es nicht wie träumen aus den grünen räumen zu uns wallend nieder ...? Tieck
schr. 4, 194;
auf anderer linie: (
jener wald, wo) sich grüne nacht mit güldnem tage gattet Haller
ged. 120
Hirz.; die grüne nacht belaubter bäume 81,
von Schönaich
bekrittelt, ästhet. 39
Köster, von Breitinger
vertheid. 112
f. in schutz genommen, seitdem bei den Schweizern, ihren freunden und darüber hinaus stehende wendung, s. E. v. Kleist 1, 36
Sauer; Cramer
Neseggab 3, 292; Miller
ged. (1783) 14;
noch bei Hebbel 3, 253
W.; weiteres bei Köster
a. a. o. 414;
auch variiert: grüne dunkelheit Bodmer
vier krit. ged. 68; grüne finsternisz E. v. Kleist 1, 47
Sauer; grüne dämmerung Eichendorf 2, 411; mit grünem schatten Haller
ged. 6
Hirz., auch dies eine wendung, die vielfach aufgenommen wurde, s. S. Geszner
schr. 1, 109; Hölty
ged. 131; J. A. Schlegel
verm. ged. 1, 73,
und die bis ins 19.
jh. weiter vererbt worden ist, s. O. Ludwig 2, 40; Freiligrath
ges. dicht. 5, 87; spatzier in grüner einsamkeit J. Chr. Günther
ged. 308;
ebenso Tieck
schr. 5, 129; diese seit seiner kindheit entbehrte grüne abgeschiedenheit (
des waldes) Eichendorf 2, 82; alle grüne lust der natur E.
th. A. Hoffmann 6, 178
Gris.; ein so grüner friede Gutzkow
w. 3, 151; sie verloren sich freilich nicht weiter in die grüne freiheit als .. Raabe
hungerp. 1, 81;
poetische sprache wagt gelegentlich noch kühneres: so wird dein (
des gartens) grund mit grünem luft ... durch ihre hand ergetzet Zinkgref 37
ndr.; begrabt mich unter breiter eich im grünen vogelsang Uhland
ged. 1, 279
krit. ausg. I@A@44)
neben temporalen begriffen; sprichwörtlich: grüne weinachten bringen gern schneeweisze ostern Petri
d. Teutschen weish. 2, g g 8
b; wiewohl man zuweilen auch grüne weynachten gehalten v. Fleming
vollk. teutscher jäger 397; grüne ostern, weisze pfingsten Hippel
lebensl. 4, 93;
vgl.es ist im monat mai, acht tage nach dem grünen pfingstfeste Gutzkow
w. 2, 166;
feste verbindung ist schon in älterer sprache der grüne mai: am reyen in dem grünen meyen Fischart 1, 363
Hauffen; ebenso Scheit
Grob. v. 3367
ndr.; Bürger 1, 315
B.; vgl. (
alles) fräet sich des mayen zeit, so er in gröner varb leit Hätzlerin 167
b; ein grüner mertz bringt selten etwas gutes
bauernregel, allg. haush. lex. 1, b 3
a; (
die heuschrecken haben) ausz dem grienen sommer ein abscheulichen winter gemacht Fr. A. v. Brandis
d. tirol. adlers ehrenkr. 128;
in neuerer zeit mehr poetisch: manches grünen lenzes zweig E.
M. Arndt 5, 157
R.-M.; doch nicht ausschlieszlich so: während der vier monat grünen zeit, wo regen fallen Ritter
erdk. 1, 237;
auf anderer linie liegt grüner donnerstag
u. ä., s. u. II A 1 b. I@A@55)
in gewissen attributiven verbindungen ist das adj. terminologisch geworden, besonders grünes
kraut (
s. auch grünkraut);
zunächst einfach (
im sinne von 1)
grünes blattgewächs: grün kraut
olus, herba virens Stieler 709; die erde keim grüns kraut und mache samen
erste dtsche bibel 3, 45;
aber frühzeitig bestimmter, eszbares kraut, gemüse: ain grün krauth und dürr bratwürst darauf
weisth. von 1474
bei Fischer
schwäb. 3, 868; welch kind gewehnet sich hernach zum grünen kraut, das nichts als Nekkerwein und wildgebratens schaut Rachel
sat. ged. 41
ndr.; den bock zum grünen kraute (
stellen) J. Riemer
polit. maulaffe 58;
auch ganz speciell: fir wyss und grien kraut ist zalt .. Fischer
schwäb. 3, 868;
welches gemüse? spinat? so gewöhnlich: schneidet vom grünen kraut oder spinat die stiel hinweg Hohberg
georg. cur. 3,
kochb. 78
b;
auch heute noch in dieser bedeutung, s. kraut 2 a
β; anders: grüne krüt von spinet
privatbr. d. mittelalters 1, 78
Steinh., d. h. die frischen blätter des spinats; in heutiger mundart auch für andere gemüse und gemüsemischungen, s. Fischer
schwäb. 3, 868; grain krûd
suppenkraut Woeste 84
b; grüner salat
bezeichnet blattsalat im gegensatz zu kartoffelsalat u. a.; anders, für valerianella olitoria, rapunze bei Pritzel-Jessen 427
a; bratwürste mit grünem kohl Langbein 31, 139;
üblicher als compos. grünkohl,
s. d.; auch grüne ware
bedeutet '
gemüse'
; erbaggi Jagemann (1799) 548;
vgl. Rüdiger
zuwachs 2, 80; von diesem ort das meiste kraut und grüne wahr nach Venedig geführet wird A. Müller
denkw. reisen (1678) 41
b; gröne war
grüne suppenkräuter Schütze
holst. 2, 72;
die händlerin mit grüner ware
heiszt grüne frau Albrecht
Leipz. 126
b;
vgl. und nichts als brod und grüne kost zur nahrung Grillparzer 8, 44;
hierher weiter grüne krapfen, nudlen
gebäcke mit gemüsefüllung Fischer
schwäb. 3, 868; der grüne markt
forum olitorum Frisch 378
b;
in weiterem sinne victualienmarkt Sartorius
Würzburg. 50;
ähnlich gebildet: die gruen arbait
die frühjahrsarbeit im weinberg, urk. u. regest. z. gesch. Göttweichs 3, 273. I@BB.
an sich der grundbedeutung näher, aber heute gegenüber A
zurückgedrängt ist eine gruppe von verwendungen des adj., die den begriff des treibenden, frischen, auch des jungen, neuen neben oder vor der farbvorstellung betonen: nimpt man im mayen die jungen und grünen sprosz Seb. Münster
cosm. 402;
im bilde: der letzte grüne trieb .. am absterbenden stamm der kunst Justi
Winckelmann 2, 197; ach bäumchen
du stehst grüne, gott geb dir lang zu stehn Mittler
dtsche volksl. 559;
das klingt auch mit bei Göthe: und grün des lebens goldner baum 14, 95 (
Faust 2039)
W.; vgl. und hier mir sproszt des lebens grünster baum Rückert
ged. (1841) 255.
ähnlich schon mhd.: unser bluome der muoz vallen, sô er allergrüenest wænet sîn Hartmann v. Aue
a. Heinr. 111;
daher verbindungen wie: nimm weinrauten, wasserpfeffer .. alles frisch und grün Walther
pferde- und viehz. 131; sie (
die natur) ... in ihrer grünen frische Gutzkow
w. 8, 415;
etwas anders, '
frischbleibend': eyn (
sc. ivessche) is grone winter und sommer Diefenbach
nov. gl. 144
b s. v. edera; das kraut ist langlecht, bleibt sommer und winter grün Gäbelkover
arzneib. 248.
auf dieser grundlage entwickeln sich zwei prägnantere anwendungsweisen: I@B@11) grün
als gegensatz zu getrocknet, verdorrt, verwelkt: ist si (
die nessel) grüene sam ê, sô geniset er wol; ist ave si erdorret, .. sô stirbet er
zwei dtsche arzneib. 28, 23
Pfeiffer; grüene rôsen
im gegensatz zu dürren Konr. v. Megenberg
buch der natur 345, 20; kan man das kraut nit grün haben, so nimb es treuge
viehbüchl. 48; grün grasz wird auch hew Lehmann
floril. pol. 2, 796; zwei bi dorme fuotter und ein bi grunem fuotter
weisth. 6, 101;
vgl.grünfutter; groine wark
im selben sinne Schambach 69
a;
entsprechend: einem pferd grün füttern Kramer
teutsch - ital. 2, 198
c; grünes gemüse
frisches Fischer
schwäb. 3, 868,
in heutiger umgangssprache wohl allgemein; schüsseln fleisch .. von keinem halme grünem gemüse begleitet Bahrdt
gesch. s. lebens 1, 85; grn Aerbaisz
teca Diefenbach
nov. gl. 359
a; Hohberg
georg. cur. 3,
kochb. 80
a; ein wenig griener bonen
privatbr. d. ma. 1, 193
Steinh.; grüne bohnen, erbsen Fischer
schwäb. 3, 868; psilienkraut .., dieweil es noch grün ist Fischart
flöhh. 62
ndr.; in ein grüni fygen Tschudi
chron. helv. 1, 232; grüne und dürre birnenschnitze Jer. Gotthelf 7, 193;
vgl.das die gedörrten kreuter .. gleich wie ein fleisch zu achten sind, dann ihnen ist abgangen der grüne geist, das ist das leben Paracelsus
op. (1590) 6, 27;
dies grün
gestattet, im gegensatz zu 2,
eine gleichsetzung mit reif: wie under einer zeitigen grünen weinbeer und einer dürren ein underscheydt Seb. Franck
sprüchw. 2, 55
b;
weiter vom baum und seinen theilen (
aber anders als unter A 1): us grünen gerten starke widen klenken Steinhöwel
Äsop 204
lit. ver.; seins grine knippel oder trockne? G. Hauptmann
biberpelz (1893) 15; (
er) machte im bauernkrieg den bauern geschütze aus grünen waldbäumen G. Keller 2, 182; grüner zaun
sepes viva Stieler 709;
zwei formeln zeigen sich besonders entwickelt: grünes holz: wan einer gron holz niderhockte
österr. weisth. 10, 137; der eiche grünes holz Körner 1, 133
H.; in mancherlei sprichwörtern: grüns und dürres holtz brennen nit gleich in eim fewr Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 105
a;
vgl. Lehmann
florileg. polit. 1, 11; 1, 164;
s. auch holz 1 a;
vor allem hat eine bibelstelle, Luc. 23, 31,
sich fruchtbar gezeigt: wann ob sy ditz thuond an dem grúnen holtz (
in viridi ligno), was geschicht an dem dúrren
erste dtsche bibel 1, 322 (
statt dessen then gruanan boum Otfrid 4, 26, 49;
vgl. Tat. 201, 5);
vgl. Wander 2, 756
f.; mancherlei bildliche verwendung knüpft daran an: das grüne holz, die frommen, die stillen, sollen hier zu lande das dürre seyn Hippel
lebensl. 4, 287; ach männer, männer seid nicht stolz, als wärt nur ihr das grüne holz Lenz
ged. 152;
weiter grüner zweig: edles fürstenfreulein .. grünes zweiglein von dem hause Sachsen Neumark
fortgepfl. mus. poet. lustw. 1, 227; (
kirchenlieder) zwei jahrhunderte lang der einzige grüne zweig an dem verdorrten baum der deutschen dichtung Justi
Winckelmann 1, 236;
zumal in der redensart auf einen grünen zweig kommen
gedeihen, glück, erfolg haben; im 16.
jh. einsetzend, dann mit zunehmender häufigkeit: wer in schulden ist, die mögen nimmer begrünen oder uf grienen zweig kumen Geiler v. Keisersberg
narrensch. (1520) 67
d; haben sie (
die juden) .. bisz auf disen tag auf keinen grünen zweige nimer komen können Gretter
erkl. d. ep. Pauli an die Römer (1566) 718; Moscherosch
cura 75
ndr.; alle des Eli nachkommen konten auf keinen grünen zweig gerathen Schupp
schr. (1663) 299;
variiert: aber ich, armer Eulenspiegel, kom nimmer auf ein grünen hügel Fischart 2, 232
Hauffen, hier natürlich im sinne A 1;
entsprechend: das sie (
die gottlosen) das ihre auf keinen grünen zweig bringen können Pape
bettel- u. garteteufel g 8
a;
ungewöhnlich statt dessen: dasz ihr nicht auf grüner staude seid C. Spindler
bei Sanders 1, 633
a. I@B@22) grün
als gegensatz zu ausgereift: eine grüne unzeytige frucht Frisius 22
a s. v. acerbus; grünes obst
poma viridia et immatura Steinbach 1, 648;
und so heute, wohl allgemein, in nd. und md. maa. (
freilich: 'grünes obst
macht sogar eine zweideutigkeit, indem man oft nicht weisz, ob es dem gebackenen oder dem reifen entgegengesetzt sein soll' Heynatz
antibarb. 2, 79); daz (
korn) verwuosten si dô sâ und sluogenz dicke grüene abe Rud. v. Ems
weltchr. 18170; wann auch die gerste grün ist
viehbüchl. (1667) 107;
sprichwörtlich: hee eth syn körnecken grone
sch. w. klugr. (1548) 26
b; nim grüne unzeitige wachholderbeer Gäbelkover
arzneib. 1, 3; ein Calabrier, der den ... gast mit grünen birnen speist J. E. Schlegel 4, 81; (
äpfel), die grün gebrochen auf dem strohe reifen Brentano 6, 116; nim baumöl, das grün und unzeitig sei Ryff
confectb. 280
b;
von hier aus versteht sich wohl die im thür. obersächs. gangbare redensart: er bricht es gar zu grün ab
er tritt keck, unverschämt auf Albrecht
Leipz. 126
b; ey lieber pfaff, und bistu kün und darfst es abbrechen also grün Hayneccius
H. Pfriem 65
ndr.; der herr Willibald bricht es grün ab, gnädige mama, und setzt mich zur rede Gottsched
dtsche schaub. 4, 125;
vgl.des ist mir zu grün
zu herb, zu derb Fischer
schwäb. 3, 870. IIII.
die grundbedeutung hat eine doppelte specialisierung erfahren: II@AA.
auf der einen seite wird das adj. in der bedeutung des frischen, jungen, neuen aus dem bereich pflanzlicher objecte in andere dingliche bezirke übertragen, was natürlich zur folge hat, dasz der beisinn grüner farbe schwindet; diese gebrauchsweise findet sich vorzüglich neben bestimmten begriffsgruppen; fürs ahd. bezeugt durch gruone
crudum Graff 4, 292. II@A@11)
frisch im sinne triebkräftig, lebensvoll, blühend, also mit positiver bedeutungsrichtung; hauptsächlich von menschen; gerade hier liegt der gedanke an eine einfache, von der pflanze hergenommene metapher nahe; gleichwohl wird die wurzelhafte bedeutung im spiele sein. II@A@1@aa) Carolus ein junger, grüner fürst voller krieg Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 251
b;
besonders in der poet. sprache des 17.
jh.s reich entfaltet: ein grüner mann, ein rothes weib, die farben wol zusammen Logau 574
lit. ver.; ist er von jahren jung und grüne von gestalt Fleming
dtsche ged. 1, 88
lit. ver.; mit besonderer note: dis sind scharfe rede dem alten Adam, sonderlich der noch grün und frisch Luther 18, 483
W.; vgl. es gehört .. arbait darzu, wann du bist noch grien, dein natur ist noch ungedörret Keisersberg
has im pf. c 6
b;
noch im 19.
jh. in nachklängen: wie warst du so schön, so kindlich, so grün Cl. Brentano
an Sophie Mereau 1, 207; denn faul von euch (
geschlechtern) sind selbst die grünsten Rückert 1, 10;
vgl.du bist ein kerl wie buchs, im sommer und winter grün Fischer
schwäb. 3, 868;
entsprechend: wann Rhom, so etwan blüend und grun gewest, ist nuon verdOerret Seb. Franck
chron. Germ. 324
a; zu der zeit, als Rom am grünsten war Rompler
erstes geb. 55; grün sein, werden
nicht selten auch in etwas prägnanterem sinne: kräftig, leistungsfähig sein, zu kräften kommen u. ä.; ir sît starc und küene, doch enwirde ich nimmer grüene Herb. v. Fritzlar 8234; wie ich meine händel anstellen wolte, damit ich wieder recht grün würde Grimmelshausen 4, 518
lit. ver. (
hier an I B 1
schlusz erinnernd); wann man nun sollte grün und wacker sein, so ist man effoetus und verlegen Fischer
schwäb. 3, 869 (18.
jh.); dasz wir der groszen sache würdig grün bleiben und frisch Schleiermacher II 4, 47;
alem. geradezu '
zeugungsfähig' Staub-Tobler 2, 751;
anders: wurdind nit mit dem wort alle verzwyfleten widrum grün (
zuversichtlich) gemacht?
ebda aus Zwingli;
vgl.: mein hertz das wirt gruene (
ich fasse frischen mut) Heinr. v. Neustadt
Ap. 3031;
mit speciellerem regens: die (
sc. blumen) dienen euren grünen sinnen P. Fleming
dtsche ged. 1, 366
lit. ver.; die hüte .. mit grünem eichenlaub und die herzen mit grünen gedanken umkränzt E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 2, 205;
namentlich in einer bestimmten formel öfter: trost und grüner muth Lenau 317
Barthel; Brentano 5, 350; sei grünes muthes! Rückert 6, 386;
etwas anders: sie hatte einen grünen witz
Shakespeare 9 (1833), 119 (
she had a green wit, love's labour's lost I 2, Vosz
übersetzt sie hatt einen grünen verstand 2, 427);
unter umständen geradezu = jung: ihr jüngling grün von jahren Spee
tugendb. 418; von den grünen kindern Prätorius
anthrop. plut. 1, 48; ein grünes haupt tragen
noch jung sein Staub-Tobler 2, 751 (
quelle v. 1691); wer macht die liebesschmertzen an seinen grünen hertzen? J. Chr. Göring
liebes-meyen-blüml. (1654) 102;
dann in formeln wie: in grünen jünglingsjaren Rompler
erstes geb. 95; grüner jahre lentz Hoffmannswaldaus
u. and. Deutschen auserl. ged. 4, 177;
namentlich: in dinr grünen jugent Joh. Aal
trag. Johannes (1549) b 3;
schon mhd.: (er was) an der jugende grüene
Marienleg. 20, 15
Pf.; in meines grünsten alters hand D. Federmann
sechs triumph (1578) 246,
auch dies bis ins 18.
jh. sehr geläufig; nur die folgenden verbindungen sind auch poetischer sprache des 19.
jh. noch bekannt: gefehrten grüner jahre Günther
ged. 117;
vgl. Chamisso 6, 162; in der träumerischen klause seines ersten grünen lebens
d. h. in der stube, die er als jüngling bewohnte Jean Paul
s. w. 22 (1827), 227
Reimer; in seinen grünen und lustigen tagen Immermann 1, 69
H. II@A@1@bb)
eine besondere note gewinnt diese bedeutung '
frisch'
in geistlicher sprache: '
erneuert, sündelos'
: viridis ein grunender, der da on sunde ist, grun Eyermann
vocab. pred. (1483) x 5
a; uns vermaledeiten, verdampten menschen grün und selig gemacht hat Joh. Keszler
sabb. 24;
vgl. sin (
des krisoparus) gedutnis ist gevallen uf sie, die gote grune sint, der werlde tummer dan ein kint Heinr. v. Hesler
apoc. 21983;
hier wäre auch der grüne donnerstag
anzureihen, wenn die gewöhnliche erklärung das rechte trifft, s. o. donnerstag 1,
th. 2, 1252
f.; doch vgl. Hauck
realenc. 21, 421;
zu den alten nachweisen stellt sich noch an dem heiligen grünen dunrestdage Tauler
pred. 118, 24;
vgl. 292, 5;
belege seit dem 14.
jh. bei Grotefend 1, 77
b;
zu der sitte, am gründonnerstage grüne kräuter zu essen, vgl. noch Prätorius
philos. colus 221; Chr. Weise
erznarren 126
ndr.; grüner sonntag
palmsonntag, grüne woche
woche vor ostern Grotefend 1, 77
b; am grünen mittwoch Fischart
groszm. 22
ndr. II@A@1@cc)
von der bedeutung '
frisch'
aus begreift sich die wendung sich grün machen
sich zuviel zutrauen: er macht sich grün damit; 's glück macht ihn recht grün '
übermüthig' Fischer
schwäb. 3, 869; sik grön maken
sich mausig machen, sich hervorthun wollen brem. wb. 2, 548; Schütze
holst. 2, 74; Dähnert 162
a; wan er sie zu sich zihn und reden will, spricht sie: ei macht euch nicht so grün Zesen
verm. Hel. 1, z 4
a; ich weisz nit, was es heist, er macht sich trefflich grüne Chr. Weise
d. gr. jug. überfl. ged. 147
ndr.; im sprichwort (
das wohl ausgangspunkt der wendung ist): macht euch doch frey grün, dasz euch die ziegen abfressen
complementierbüchl. (1649) e 10
b; mache dich nicht zu grüne, oder die ziegen fressen dich Präto rius
Katzenveit g 6
a;
bei Göthe,
der das sprichwort offenbar entlehnte und falsch verstand, auch in umgekehrtem sinne: ich machte mich zu gering, will mich aber nicht weiter schmiegen; denn wer sich grün macht, den fressen die ziegen 16, 114
W. II@A@1@dd)
die bedeutung '
frisch, lebendig'
seit alters dann auch neben anderem als persönlichen leitwort: in der hohe des bergis da sint alle dinc nuwe und grune; da si vallin in zitheit, da blichin si und aldint meister Eckart
in parad. an. intell. 115, 1
Strauch; guotiu werc diu dâ grüen wâren vor dem zarten got
dtsche pred. d. 13.
jh. 2, 102
Griesh.; und ist ir (
der verstorbenen) ewig leben .. grüner und pluender dann unsers Carlstadt
serm. v. stand d. christglaub. seelen c 3
a; wie wol ettwen des römischen volcks creft .. erdorrt, so sint sy doch yetz widerumb .. grün worden Riederer
spiegel (1493) j 1
b; und ihm (
dem meister) die grüne kraft wünschen, dasz er ... uns ... gebe, was er bereitet hat Nitzsch
in br. v. u. a. Lobeck 1, 213
Ludwich; wo bleibt die grüne treu, wo der verliebte schwur Hoffmannswaldaus
u. a. Deutschen auserl. ged. 1, 58; neues wol blieb immer grün! Logau 248
lit. ver.; das ihrige (
andenken) lebt bey uns immer frisch und grün Göthe IV 41, 52
W.; E.
M. Arndt
liebt diesen gebrauch des adj.: da der eindruck, so dicht hinter den jahren 1814 und 1815, um so grüner seyn muszte
schr. für u. an s. l. Deutschen 3, 175;
vgl. 2, 205;
und er verwendet ihn bisweilen sehr kühn: der nicht der väter graue ehren begrüszt mit grünen wonnezähren, der nicht mit vollem grünen zorn ruft:
werke 5, 229
R.-M.; vgl. 1, 168; 5, 131. II@A@22)
frisch im sinne unreif, unfertig, mit negativer bedeutungsrichtung; wo das wort auf menschen angewendet wird, gelegentlich deutlich als bild (
von I B 2
her)
empfunden: seynd die menschen alsdann nicht zeitig in der hitz der göttlichen lieb, sondern noch grün in sünden Äg. Albertinus
hirnschl. 519:
doch ist zumal für b
auch eine unmittelbare herleitung aus der wurzelhaften bedeutung zu erwägen. II@A@2@aa)
unreif im sinne jugendlicher unerfahrenheit und unfertigkeit; seit dem 17.
jh. in schwang, bald stärker, bald gelinder scheltend oder spottend: einen grünen, unweisen, ungerechten narren Heupold
dict. (1620) 326; ein noch grüner schulknapp Vosz
antisymb. 2, 288; er ist jung und, wie es mir bei der unterhaltung .. vorkommen wollte, grün Hebbel
br. 1, 54
W.; weiszt du wohl, Heinrich, dasz du allbereits ein menschenleben auf deiner grünen seele hast? G. Keller 2, 66;
spielt auch der titel des romans, doppelsinnig, mit dieser bedeutung? der bearbeitung der ganz grünen auscultatoren überlassen Bismarck
ged. u. erinn. 1, 25
volksausg.; in gewissen verbindungen in ma. und umgangssprache als sehr starke schelte: eine bande von grünen lümmeln G. Hauptmann
weber 13; so e griner junge Müller-Fraureuth 1, 446
a; grön bengel Danneil 70
b u. a.; andererseits in wendungen wie coblenz. dat mädche es mer noch zo grön
rhein. antiquar. III 14, 718
einfach '
zu jung'
; erweitert: du bist noch zu jung und grün umb den schnabel Ayrer
hist. proc. iur. 492,
ein bild, hergenommen von der grünlichen haut, die junge vögel an der schnabelwurzel haben; der noch etwas grüne schnabel Günther
ged. 166; eh ihm das milchhaar noch das grüne maul bezogen 498;
s. auch grünschnabel;
mit präpositionaler ergänzung; ein edelmann, an weisheit ziemlich grün Wieland 22 (1796), 264; so ein alter, dicker mann, und noch so grün und dünn in der moral Eichendorf 4, 301; wonach thorheit und grüner verstand hinschielen
Shakespeare 8 (1832), 208 (
folly and green minds); der fähnrich .. versuchte, sie mit seiner grünen weisheit über pferdezucht zu unterhalten W. v. Polenz
Grabenh. 1, 72; sie grüne weisheit sie!
anrede an ein junges mädchen Rob. Prutz
engelchen 3, 144;
vgl.wo diese gedanken .. in ihrer ganzen ersten frische, aber auch in ihrer ganzen grünen unreife verbreitet wurden
ders., d. mus. 2, 144; hier dein grünes buch mit den gedichten Schubart
bei D. Fr. Strausz
w. 9, 54;
anscheinend nur im älteren nhd. auch von thieren im sinne '
unabgerichtet' (
vgl.b): sin pfert, das etwann noch grüne unt nit ganz abgerichtet ist (15.
jh.)
bei K. Th. Eheberg
verf. gesch. v. Straszb. I 506;
vgl.so darf ers (
der hofnarr die herzogin) wol eine grüne merch haiszen Fischer
schwäb. 3, 870; solche ... noch sehr grüne, junge papageyen und agelastern der politic Butschky
Pathmos 500. II@A@2@bb)
im sinne '
ungetrocknet, ungedörrt',
überhaupt '
roh'
im sinne des unbehandelten, unzugerichteten in anwendung auf gewisse gruppen von concretis: grüenez fleisch
Eracl. 3389;
von allerley geräuchtem, gedörrtem ... und grünem fleisch Fischart
geschichtklitt. 76
ndr.; gedigens und grüns fleisch Fronsperger
kriegsb. 1, 126
a;
auch heute noch, s. Hansjakob
schneeb. (1892) 127; Fischer
schwäb. 3, 869; grüne bratwurst
ungeräucherte ebda; die würst .., diwyl sy noch grien sind Staub-Tobler 2, 750 (
quelle v. 1581); gröne schinken
brem. wb. 2, 548; grune fische
Marienb. treszlerb. 432; ein grun lachs
privatbr. d. ma. 1, 143
Steinh.; Luther
notiert in seiner hausrechnung fisch grun
neben fisch durr
zs. für hist. theol. 1846, 416; nach grünen heringen Seb. Franck
sprichw. 2, 81
a; gröne aale
u. ä. Dähnert 162
a;
entsprechend grüne fischer
in Nürnberg diejenigen, die nur mit frischen fischen handeln durften Jacobsson 5, 754
a; grüne klösze
von rohen kartoffeln Müller-Fraureuth 1, 446,
wo noch weiteres derart; in anderen fällen frisch im sinne unausgereift: grün
ist teig, der noch nicht genug gegoren hat Staub - Tobler 2, 751 (
gegensatz rīf); grünes bier
das noch nicht vergoren hat Schmeller-Fr. 1, 1002; Karmarsch-Heeren
31, 504; grüner wein
im gegensatz zum firnwein Jacobsson 4, 622
a;
anders: di sure milch ist kelder, die grun ist trucken
Bresl. arzneib. 18; grüna milch
buttermilch Schmeller
cimbr. 126
b;
die erste milch nach dem kalben Fischer
schwäb. 3, 869;
auszerhalb dieses bezirks der nahrungsmittel nur noch wenig anwendungsmöglichkeiten: 'grüne roszhaut
bei den gerbern, die erst abgeschunden ist' Frisch 378
b;
vgl. Jacobsson 2, 167
b; grüne haare
welche von frisch abgezogenen fellen abgenommen sind ebda; grün
vom pelzwerk = roh Prechtl 11, 11; dasz kainer dorft hie das garen gren kaufen
städtechron. (
Augsburg 1500) 23, 435;
wie diese gruppe zeigen auch einige andere terminologische verwendungen die bedeutung frisch im sinne des untrockenen, feuchten: nasser oder grüner sand (
für formen in der eisengieszerei) Prechtl 22, 616; nasse oder grüne (kartoffel)stärke 16, 191;
vgl. grüeni flechte
nasse, im gegensatz zur trocknen Staub-Tobler 2, 750; der einen dürren oder grüenen flieszenden grind hat
ebda (
quelle v. 1548);
hierher auch ein einzelfall wie: 16. sept. erschlägt ein grünes (
d. h. frisches, noch nicht ausgetrocknetes und festgewordenes) gewölbe den doctor Samuel Brandt
quellen zur gesch. d. stadt Kronstadt 4 (1903), 142. II@A@2@cc)
neben abstractis öfter frisch im sinne (
zu)
jung, (
zu)
neu: der schmerz sei ihnen noch zu grün Fischer 3, 869 (
quelle v. 1531); unsre bekanntschaft ist noch grün Schiller 3, 74
G.; wir haben ja darüber recht grüne erfahrungen an einigen neueren ... werken Thibaut
notwendigk. e. allg. bürg. rechts 416;
ähnlich: wyr haben auch genug geschonet .., da disz ding noch zu grüne und new war Luther 15, 449
W.; vgl. es ist noch grüne mit uns und geht langsam von statten (
in dem neuen, sittigen leben) 11, 452
W.; nur in älterer sprache auch in verbindungen wie: ein grüenes (
verfrühtes, unreifes) üblgefasstes fürnemen Schmeller-Fr. 1, 1002 (16.
jh.); aber si griffens zu grüen an, die sach fält in, geriet in ir anschlag nit Aventin
bayer. chr. 1, 446
Lexer. II@A@33)
nur in spuren läszt sich eine abgezogenere bedeutung '
günstig'
nachweisen: was hat dein tyrannei gewunnen? nicht grünes, wie ich hab vernummen Opel-Cohn
dreiszigj. kr. 52;
vgl.nüd vil grüens machen
keinen gewinn Staub-Tobler 2, 750; hab ich allerhand erfahren, was mir nicht grün aussieht Scheffel
w. 1, 138;
vgl. anord. grnn '
gut, nützlich',
aber schwerlich, '
weil die grüne farbe der natur eine angenehme wirkung auf das auge ausübt' (Falk-Torp
norw.-dän. et. wb. 357)
eher aus der wurzelhaften bedeutung frisch, wachsend, blühend (
s. o. 1)
entwickelt (
vgl. wörter wie ersprieszlich, gedeihlich);
dazu zwei heute erstarrte formeln: II@A@3@aa) einem nicht grün sein
jem. nicht wohlwollen, durchaus negativ gewendet; von haus aus md. und nd. (
heute gerade in nd. maa. allgemein)
; erst in jüngerer zeit anscheinend infolge literarischer übertragung auch bei Oberdeutschen: er ist mir nicht grüne
invisus ei sum Stieler 709; stiefväter, die ihren kindern nicht zu grüne sind (
parum aequi) Luther
tischr. 4, 460
W.; wen ich neide, dem bin ich nicht grüne J. Rhodius in:
theatr. diab. 2, 72
b;
vgl. Grimmelshausen
Simplic. 235
ndr.; Rinckhart
christl. ritter 40
ndr.; Lohenstein
Arm. 1, 1008
a; sie ist mir nicht wieder grün geworden Gutzkow
ritter 8, 36; dem du nicht grün gesinnt bist Pückler
briefw. u. tageb. 1, 89;
ganz ungewöhnlich ohne negation: du schlieszt aus meiner mine, ich wäre dir recht grüne Henrici
ernst- scherzh. u. sat. ged. 2, 268;
ebenso ungewöhnlich mit sächlichem object: da die muhme dem zubereiten .. solcher sachen nicht grün war G. Keller 1, 306;
hierher wohl auch: ich stand zuletzt nicht ganz grün beim alten herrn H. König
d. clubisten 3, 14. II@A@3@bb) die grüne seite
die herzseite; meint es ursprünglich die günstige, holde oder die frische, lebendige? zunächst nur in der wendung sich an jem. grüne seite setzen
u. ä. (
vgl. franz. s'asseoir du côté du cœur de q.): sitz an die grüne syten min H. R. Manuel
weinsp. v. 470
ndr.; mehrfach bei Fischart,
s. seite II 2,
th. 10, 1, 381;
vgl. Chr. Fr. Henrici (1726)
bei Müller - Fraureuth 1, 446
b;
Hazards lebensgesch. 241; mädele ruck, ruck, ruck an meine grüne seite
volksl.; in jüngerer sprache auch freier: ihres mannes, der jetzt mehr vergnügen in geschäften als an ihrer grünen seite findet Just. Möser 4, 51; wo er .. ihn von seiner grünen seite so weit als möglich wegwünschte Raabe
hungerp. 1, 202;
auch die maa. haben die formel und zwar vorzüglich norddeutsche; sie denken an die linke seite (
z. b. Schütze
holst. 2, 73);
indessen: setzen sie sich an meine grüne seite .. (eine preuszische redensart, die zur rechten bedeutet) Hippel
lebensl. 4, 371;
ähnlich Gottsched
d. schaub. 4, 484;
auch bei Schmeller-Fr. 1, 1001; Fischer
schwäb. 3, 869
als rechte seite, aber anscheinend im obd. nicht volkssprachlich. II@BB.
auf der anderen seite trat eine specialisierung der bedeutung nach der richtung hin ein, dasz innerhalb der vorstellung junger, sprossender pflanzentheile der farbbegriff sich isolierte und verselbständigte; dieser vorgang ist bereits im ahd. vollzogen, s. u. 1;
immerhin erscheinen noch spät aus gründen der deutlichkeit zusätze geboten wie: as der (
pfeffer) ouch ryff is, so is hee groyen van farwen v. Harff
pilgerf. 146;
viridis grün von farben Decimator
thes.; vgl. grünfarb. II@B@11) grün
als farbbezeichnung schlechthin. darauf, dasz pflanzliches grün den ausgangspunkt bildet, deuten noch die im mhd., zumal in der heldenepik, ungemein zahlreichen vergleichungen grüene als ein gras, klê,
seltener louch;
bei Konrad v. Würzburg
auch noch andere pflanzen, vgl. zs. f. d. w. 6, 206;
nhd. sehr stark zurückgehend: darumb sind sie grüner dan kleeh Jac. Böhme
beschr. d. 3
principien (1682) 142.
nach dem ursprung der farbbezeichnung mag man annehmen, dasz das adj. zunächst ein helleres grün bezeichnet hat, aber das ist aus dem gebrauch nicht mehr feststellbar; ahd. glossiert mit viridis, glaucus, cyaneus Graff 4, 299,
iacinthinus (
s. u.a),
was z. th. auch an dunklere farbtöne denken läszt; und seit dem frühen nhd. ganz greifbar für die ganze scala vom gelbgrün bis zum schwarzgrün: ein scharpf, gryen katzengesycht Eppendorf
Plin. 6 (
glauca oculorum acie); sein (
des schönen) augen schüllen ain mittelvarb haben zwischen swarz und grüen Konr. v. Megenberg
buch d. nat. 50; die grün (
gewitterwolke) mit schwartz ist die bösest Reynmann
wetterbüchl. 6;
angemerkt sei, dasz grün
als bezeichnung des wassers erst im 17.
jh. aufzukommen scheint: aus der grünen Oostensee Neumark
fortgepfl. mus. poet. lustw. 1, 431 (
gleich nachher: in das blaue meer); mit dem grünen meerwasser Schottel
friedenss. 43
ndr.; seit dem 18.
jh. dann ein stehendes epitheton: des meers dunkle, grüne tiefe Novalis im
Athen. 3, 195; das grüne, crystallene feld Schiller 14, 50
G.; erst jüngere sprache kennt eine freiere verwendung im sinne grünlich schimmernd o. ä.: drei in grünem gold erglänzende schlänglein E. Th. A. Hoffmann 1, 180
Gris.; ein grünes feuer, brennt er (
der buchengang) grünen schein Tieck
schr. 2, 117; (
der abendstern) mit seinem grünen, mir so lieben flimmer Rückert
ges. ged. (1840) 1, 140.
im einzelnen sind folgende gebrauchsweisen hervorzuheben: II@B@1@aa)
vielfältig als grüngefärbt von allerlei stoffen: gruone huta
pelles iacinctinas u. ä. Graff 4, 299; weiszen und grenen samat
städtechron. 23, 273; ein grün lündisch tuch H. Sachs 21, 50
K.-G.; zimmer mit .. grünen, seidnen tapeten E.
M. Arndt
w. 1, 61
R.-M.; danach dann: in der grünen stube Göthe IV 1, 228
W.; namentlich im späteren mittelalter häufig von gewandstücken als mode-, fest- oder vornehme farbe: ain grenns gwannth J. A. v. Brandis
landeshauptl. v. Tirol 48 (
a. d. j. 1313); all in gren kleidt Cl. Sender
in städtechr. 23, 258; in grenen röcken 401, 10; Seuse
dtsche schr. 148, 21
B.; in einem seyden, grünen wammes Arigo
decam. 214
lit. ver.; so doch dem kint dise ruot eben so not thuot als brot und ein grüner rock
sch. w. klugr. 173
a; er sy arm oder reich, knecht oder fry ... er trag gryen oder grau klaidt
d. h. vornehmes oder geringes Eb. v. Günzburg 2, 175
ndr.; hier ist möglicherweise die redensart vom grünen esel
als etwas sehr seltenem anzuknüpfen, die ja auch auf dem gegensatz von grün und grau beruht, s. Staub-Tobler 1, 514; vor kurzem bin ich .. in Hannover gewesen und habe daselbst den grünen esel gespielt Bürger
br. 2, 63;
freilich auch grüne kuh Eyering
proverb. 1, 284;
in einigen sprichwörtern im spiel mit der bedeutung I A 1: darumb ist die best schwiger, die ein grün rock anhat Seb. Franck
sprichw. 1, 36
a;
vgl. Lehmann
flor. pol. (1662) 2, 541;
die farbe dient zur kennzeichnung des trägers: als ein fuhrman grün gekleidet A. U. v. Braunschweig
Oct. 1, 191;
vorzüglich: grien geklaidt in gestalt aines jagers Bürster
bei Fischer
schwäb. wb. 3, 868; unde quam .. in groen kledern mit syme jagehorne Wig. Gerstenberg
chron. 137; einen grünen jagdüberzieher G. Hauptmann
biberpelz 24;
vom gastwirth: mit einem grünen kappel in der gaststuben herum gehen Meisl
theatr. quodl. 4, 103; eine grüne judenmütze Herder 1, 25
S.; vom kleidungsstück auf seinen träger übertragen: grüner jäger Wilh. Müller
ged. (1868) 1, 15; grüne leute mit federbüschen Tieck
schr. 1, 240; plötzlich wimmelte alles .. von grünen reitern Laube 8, 27; grün
als wahlfarbe (
vgl. unten 2): dasselbe abzeichen trugen seine diener auf grünem ärmel; denn grün war seine farbe Banke
s. w. 3, 388; den bey einem auflaufe der blauen und grünen die ihm entgegene parthey zu ermorden gedachte Haller
Alfred 99. II@B@1@bb)
auf personen angewendet, von ungesunder gesichtsfarbe: welches menschen varb grüen ist oder swarz, der ist pœser site Konr. v. Megenberg
buch d. nat. 43, 15; (
der kranke) ist liht grüene under den augen
zwei dtsche arzneib. 50, 11
Pf.; sie wart grün und bleich und seig zu der erden nider Heinr. v. Neustadt
gott. zuk. 3396; hohler von augen und grüner als eine dirne, der Hymen das warten zu lange gemacht Wieland
Am. 6, 11; ein grünes gesicht Aurbacher
nach Fischer
schwäb. 3, 870; der sieht immer grün aus
ebda; als folge verschiedener affecte: Rosalie wird grün vor ärger Bauernfeld 1, 116;
auch: (
er) wurde darüber vor ärger grün und
gelb Heinse 4, 174
Schüdd.; ich habe sie .. grün und gelb geärgert Mörike 3, 134
Göschen; vor neid: Elisi wurde noch einmal so grün, als sie die ... herrlichkeit sah Gotthelf
ges. schr. 2, 249;
vgl. beisz dir nur die grünen lippen blutig nicht, du hast nur galle Fr. W. Weber
Dreizehnl. 136129;
gelegentlich sogar: von einem fulminanten grünen brief Jakobis über diese recension (
des Woldemar) Schiller
an Göthe briefw. 2, 268; ewer (
der juristen) angesicht ist gelb und grün, schwartz, blaich und blaw durcheinander Äg. Albertinus
zeitk. 38
b;
vgl.grün und gelb
unter g. II@B@1@cc)
vielfach mehr oder minder terminologisch in der sprache naturbeschreibender disciplinen, in wissenschaftlicher ebenso wie in volksmäsziger redeweise; geographisch: grünes vorgebürge
cabo verde in Westafrika Noel Chomel 4, 1381; J. v. Müller 1, 107; grüne bank
le banc à vert Noel Chomel 4, 1380
und anderes derart; nicht eigentlich terminologisch: das grüne Erin
Irland Gutzkow
w. 9, 84;
auch schlechthin die grüne insel
genannt; ähnlich: der grüne Rhein Hoffmann v. Fallersleben
ged. 9382; Geibel
ges. w. (1906) 1, 3.
zoologisch: grüne schlange; grüne springer
eine art raupen Noel Chomel 4, 1380; grüner frosch 1, 1381;
lacerta ein grüner heydochs Calepin
XI ling. 786
a;
melolontha ein gruen wefer, grien roszkefer Diefenbach 355
a; mit den cantharides und grünen käferlein Paracelsus
op. (1616) 2, 545
H.; vgl. Frisius 182
b s. v. cantharis; grüner rüsselkäfer
curculio viridis Behlen 3, 514,
woselbst vieles andere derart; grüne fliegen Anzengruber
ges. w. 3, 42; groner speht
merops Graff 4, 299; Diefenbach
nov. gl. 189
b s. v. gaulus; ich bin genant der groene specht
geschützinschrift von 1572
bei H. Ziegler 26;
vgl.grünspecht; grüner girlitz, kernbeiszer
u. a. Behlen 3, 514;
botanisch: grüne reiszken
pilzsorte; grüne freude '
eine art von kräutern'
Noel Chomel 4, 1380; grüner faulbaum 1381; grünes ebenholz = Guajakholz Jacobsson 5, 757
a; grün holz
pinus sylvestris et montana oder genista tinctoria Nemnich 212; der grüne Borsdorfer apfel
F. G. Dietrich 7, 711;
mineralogisch: creta viridis grün ärdtrich Frisius 1387
b;
dafür grüne erde Stieler 709, grüne kreide
Noel Chomel 4, 1380; grüne asche Jacobsson 2, 166
b; grüner galmey, vitriol 2, 167
b;
vgl. vitriolum ... ist als grune steyn Diefenbach 624
a; grüner eisenstein, glimmer, granit, kalkstein
u. a. Jacobsson 5, 754
b; grüner marmor
malaquitte Noel Chomel 4, 1350; Mommsen
röm. gesch. 5, 268;
vgl. schon ahd. gruone gimma so smaragdus ist Notker 1, 196
P.; allero steino gruonesto Graff 4, 299;
hierher weiter ein alchymistischer ausdruck wie grüner löwe
portraits (
Lpz. 1779) 34;
vgl. leu schlusz, th. 6, 826;
vgl. auch grüne verrostung (
an kupfergefäszen) Sebiz
feldb. 434; grün angelaufen (
von einem messingbecken) Pansner
schimpfwb. xxxiii; '
da viele grüne mineralien, namentlich farbmittel, giftig sind, gilt grün
gelegentlich als farbe des giftes schlechthin' Sanders; gift ist grüner als das grüne gras Herder 25, 179
S.; vgl. sein leib ward (
vom gift) grün als ain gräzz
gr. Alex. 6125
Guth; optisch: grüner strahl
Noel Chomel 4, 1381; schöne grüne ... spectra Göthe II 1, 25
W.; medizinisch: grüne galle (
im unterschiede von der schwarzen)
Noel Chomel 4, 648;
vgl. Sömmerring 7, 523; die grien gelsucht Diefenbach 641
c s. v. yctericia; vor den grünen siechtagen Tabernämontanus
kräuterb. (1664) 19; 335; der grüne staar
glaucoma Blancard
arzneiwb. 2, 82
b. II@B@1@dd)
ebenso terminologisch vielfach in der sprache der gewerke und gewerbe: grünes glas
die geringste sorte Jacobsson 2, 168
a;
entsprechend grüne hütte
wo nur solches hergestellt wird 2, 167
b; grüne farbe (
als farbstoff),
verschiedene arten bei Jacobsson 5, 752
b ff.; liesz den soller .. grien malen (
Augsburg 1368)
städtechr. 5, 133; grüne beize Jacobsson 5, 752
b; grüne dinte Stieler 2264; grüne glasur (
bei den töpfern) Jacobsson 5, 754
a; grüne vergoldung Prechtl 19, 537; grünes feuer
in der feuerwerkerkunst Noel Chomel 3, 1588; das grüne licht
das seitenlicht an steuerbord, vgl. Kluge seemannsspr. 331
f.; in der sprache der apotheke: mit dem grünen wuntpflaster Braunschweig
chir. (1497) 79
a; ein gut grün dürrpflaster
recept bei M. Böhme
roszarznei (1618) 64; grüne butter
eine kräutersalbe Stieler 1673; grüne salbe
unguento fatto de herbe medicinali Kramer
teutsch-ital. 2, 418
b; mit den selblin, welches die wundärtzte das grün nennen Wirsung
arzneib. 104
a;
vgl.koz grüne waldsalbe!
ein fluch Fischer
schwäb. 3, 868;
schon Ulr. v. Lichtenstein
kennt eine salbe noch grüener denn der klê
frauend. 103, 6; grünes wachs
als medicament Pierer
conv. lex. 76, 1337;
aber auch als altbeliebter siegelstoff: ein grune wais meister Eckart in:
parad. an. intell. 78, 5;
abgelöst durch grünes siegellack Jacobsson 5, 757
a; vorzeit man siegelt grün Petri
der Teutschen weish. 2, )( )( 7
a;
in der sprache der küche: grüne eier
mit petersilie hergestelltes eiergericht Noel Chomel 3, 1261; eine grüne sosze
weisth. 4, 136 (15.
jh.)
; vgl. allg. haush. lex. 3, 69; grüner käse
nomencl. lat. germ. (1634) 369; Stieler 709; er frist das grüne brot
schimliges Rachel
sat. ged. 45
ndr. (
vgl. mucida caerulei panis .. frusta Juv. 14, 128); grüne seife Kramer
teutsch-ital. 2, 758
b; Heine 2, 370
E.; grüner magenaquavit
Noel Chomel 4, 1381;
vgl. sein gläschen grüns Gotthelf
nach Staub-Tobler 2, 750; grüner schnupftoback Jacobsson 5, 756
a. II@B@1@ee)
auch auszerhalb dieser anwendungskreise mannigfach in specifischem gebrauch: bei den meistersingern grün ton
gemerkb. d. H. Sachs 10
ndr.; vgl. Gleim briefw. 1, 13; die grüne fahne (
des propheten) Lohenstein
Ibr. sultan 22; eine grüne censur
die schlechteste L. E. Kossak
Berl. kunstausst. i. j. 1846, 6; der grüne wagen
für den gefangenentransport in Berlin, auch grüne Minna
genannt Ostwald
rinnsteinspr. 63; grüner Heinrich
schubwagen (
Wien)
ebd.; das grüne gewölbe
in Dresden; verschiedene bedeutung hat der
grüne tisch, an sich nur der mit grünem tuch behangene tisch Göthe 23, 124
W.; aber gewöhnlich mit besonderem sinn; spieltisch: bald war der grüne tisch und die karten in thätigkeit Arnim 15, 50; Gutzkow
zaub. 4, 62;
gerichts-, verhandlungstisch: du warst der schlaueste teufel, der je vor einem grünen tische stand G. Freytag 2, 199; Alexis
Roland 2, 153; bei der ministerkonferenz .. kam nichts raus, wie an den grünen tischen nie was raus kommt
Isegrim 1, 115;
vgl.grüner teppich gericht
iudicium aulicum Angliae Apinus
gloss. nov. 258;
heute ist der grüne tisch
symbol des wirklichkeitsfremden denkens und arbeitens, namentlich von behörden: neigung, .. vom grünen tisch aus zu reglementieren Bismarck
ged. u. erinn. 2, 235
volksausg.; bedürfnis des soldaten, vom grünen tische weg zu kommen Meinecke
Boyen 1, 269;
schweiz. bezeichnet grüner sessel
die amtsstelle Staub-Tobler 2, 750;
auch die grüne brille,
an sich ganz unverfänglich (Göthe II 1, 25
W.),
hat einen beisinn gewonnen: die grüne brille der pedanterei aufsetzen Gutzkow
w. 11, 230.
in der deutschen spielkarte: grün
folia chartae lusoriae frondibus notata Stieler 709; das lob (
laub) an dem griennen wol zusehen ist Fischer
schwäb. 3, 868; grün ist gewehlt Otho Melander
jocoseria (1611) 2,
nr. 241; den grünen scharwentzel Chr. Weise
erznarren 169
ndr.; vgl. Gryphius
lyr. ged. 443
Palm; in redensarten der volkssprache: ei du grine neine!
u. a. Müller-Fraureuth 1, 446
b. II@B@1@ff) grün
in stereotyper verbindung mit anderen farben; namentlich gesellen sich benachbarte farben; grün und gelb: salzfleisch, das vor alter grün und gelb geworden Melch. Meyr
erzähl. a. d. Ries 1, 75; grün, gehl und jämmerlich
von farben, die nicht zusammenpassen Bernd
Posen 69;
ähnlich Albrecht
Leipz. 126
b;
gern von den spuren von schlägen: bist du der selb, der mir min man macht grün und gelb? H. R. Manuel
weinsp. v. 2607
ndr., der ... herr schlug mich grüner und gelber als ... Körner 4, 46
H.; so auch mundartlich, z. b. Müller-Fraureuth 1, 446
a; schwülen, .. die tags darauf grün und gelb aussahen Fischer
schwäb. 3, 870; ich voll blauer, grüner und gelber flecke wurde
Leipz. avanturieur 1, 35;
bloszes grün
ungewöhnlich: wenn du ihm .. einen grünen rücken machen könntest H. Nydegger
hans d. Chüjer (1899) 30; mir wird (ist) grün und gelb vor den augen
mir wird schwül, mir vergehen die sinne, gelegentlich auch als ausdruck des ärgers (
wo der gebrauch B 1 b
hereinkreuzt): ich weisz nit wie es kumpt, mir ist grün und gel vor den augen Keisersberg
emeis (1517) 56
b; diesem ward (
vor zorn) ... grün und gelb vor den augen, weil ihn die eifersucht ohn das zuvor eingenommen Grimmelshausen
Simpl. 170
ndr.; ein unerhörter sprachgebrauch, bei dem mir grün und gelb vor den augen wird Schleiermacher I 5, 334;
vielfältig in den maa.; vgl. Bernd
Posen 69; Dähnert 161
a;
ungewöhnlich ist bloszes grün
engl. kom. u. trag. (1624) h h 5
a; E. Th. A. Hoffmann 2, 133
Gris.; vgl. wie rot sein im die augen worden! yetz ist es grün, was er sihet Albr. v. Eyb
dtsche schr. 2, 99 (
ut viridis exoritur colos ex temporibus atque fronte menaechmi 828);
auch es geht mir grün und gelb vor augen Schellhorn
sprichw. 62;
vgl. lux. ma. 153
b; doch geht ihm grün und gelb vor seinen augen um W. H. v. Hohberg
d. habspurg. Ottobert (1664) e 2
b;
noch anders bei Fischer
schwäb. 2, 263;
eigen: das alle die, die der unküscheit anhangend, bleich, ellend, grien und geel umb den schnabel seind, wie die jungen gensz im meygen Keisersberg
post. 4, 30
b;
vgl.gelb th. 4, 1, 2, 2882;
grün und blau: schon mhd. wird grüene und weitîn
gern verbunden Wackernagel
kl. schr. 1, 167; jener bawer, den man uberredt, grün were blaw Lehmann
floril. pol. (1662) 1, 347 (
vgl. Ulensp. hist. 68); gleich wie der schatten an der wandt, ist weder blaw noch grün Paracelsus
op. (1616) 2, 403
H.; in flammen blau und grün Müllner
dram. w. 2, 13; Droste-Hülshoff 2, 18;
auch dies gern in festen formeln: grün und blau schlagen, ärgern Fischer
schwäb. 3, 870; Martin - Lienhart 1, 276
a; Gockel ... wurde vor zorn .. ganz grün und blau und roth Brentano 5, 24; es war mir vom vielen lugen ganz grün und blau vor den augen Staub-Tobler 2, 750
aus Jonas Breitenstein;
vgl. Göthe 16, 25
W.; vgl. blau 1
th. 2, 81;
im alem. ist üblich: es war dem doctor grün und schwarz vor den augen Pestalozzi
Lienh. und Gertr. 2, 170; Zimmermann
einsamk. 1, 269;
vgl. Follmann 216
b. II@B@22) grün
in der farbensymbolik: grün,
die farbe des frühlings, ist sinnbild für frohsinn und freude; vgl. schon bei Wolfr. v. Eschenbach: dâ von mîn grüeniu vreude ist val
Parz. 330, 20; die grün (varwe) erträgt uns frölich leben Heinr. v. Wittenweiler
ring 2
lit. ver.; grön macht die welt fräden vol Hätzlerin 2, 20, 68; grön ist ain lust dem herzen 103;
in diesem gedicht erscheint grün
als lieblingsfarbe einer dame; vgl. Abr. a st. Clara
mercks Wien 63,
wo es als die angenehmste farb
auftritt; es ist verständlich, wenn diese symbolik sich immer wieder erneuert: auf dem grünen lande der glückseligkeit Chr. Weise
pol. redner 493; grüne freude ... wächset wie die maulbeerblätter H. Fleming
vollk. teutsch. jäger (1719) 8; tintenfässl .. gefüllt .. mit grüener (
tinte) voller freud Schwabe
volleingesch. tintenfässl, titelbl.; die grüne fahne Olbia Spitteler
olymp. frühl. (1914) 2, 5;
ebenso verständlich, wenn grün
dem mittelalter den anfang der liebe bezeichnet: grön ist der mynn ain anfangk Hätzlerin 2, 19, 9;
vgl. 2, 20, 97;
weim. jahrb. 2, 105, 13
f. wird breiter davon gehandelt; vgl. auch Suchensinn in:
meisterl. d. Kolm. hs. 568
Bartsch; es bezeichnet weiter auch ein anfangenwollen: grüns ist ain anfang; wen lieb von lieb nie bezwang von mine (
l. minne) noch von frowen, der lat sich in grünem schowen
u. s. w. lieders. 1, 153
Laszberg; vgl. Wackernagel
kl. schr. 1, 203. 205; grüne farb freihait, damit ich junger pin peclait
u. s. w. fastnachtsp. 1, 774
K. grün
ledig, unverheirathet Staub - Tobler 2, 751 (
doch vielleicht auch von II A 1 a
zu verstehen)
; hat es symbolische bedeutung, wenn der held der Ulingerballade einen grünen schild
trägt? hoch- u. nd. volksl. 142
Uhland; auch der junge Alebrant des jg. Hildebrandsliedes führt einen solchen; frau Minne erscheint gelegentlich grüngewandet: frou Liebe treit ein grüen kleit meister Altswert 29, 34;
vgl. 45, 1;
eine andere bedeutung hat grüne farbe und gewandung in alter geistlicher symbolik, vgl. Wackernagel 1, 185
f.; dagegen liegt die symbolik von grün
als wappenfarbe auf der hauptlinie, vgl. F. W. Schumacher
wapenkunst (1694) 61; grün
als farbe der hoffnung läszt sich erst seit dem nhd. nachweisen (
nur als liturgische farbe schon früher in diesem sinne, vgl. Wackernagel 1, 181): Opitz
teutsche poem. 111
ndr.; die grüne hoffnung Schottel
friedenss. 17
ndr.; das hertz ist grün und in frischer hoffnung Moscherosch
ges. 1, 77; das grüne banner der hoffnung Stifter 1, 203;
für das mittelalter ist gelb und grün
auch farbensinnbild des neides, s. Wackernagel 1, 166
f.; daher man sich auch den teufel grün
dachte, sei es von körper oder von gewande: dasz sich der teufel gern in grünen kleidern sehen lasse Grimmelshausen 1, 362
Keller; hie bringen wir die mutter zum grünen teufel
rufen soldaten, als sie eine frau ins wasser werfen Zinckgref - Weidner 3, 528; schwarz und grün hat der teufel gesehen Fischer
schwäb. 3, 868;
vgl.grüner jäger
umgehender geist Birlinger
volksth. 1, 16;
über grün
als farbe des giftes s. o. IIIIII.
substantivierungen. III@AA.
das neutrum zeigt sich erst seit dem 16.
jh. entfaltet, wenn auch ältere spuren nicht fehlen: grun
gramina ahd. gl. 1, 371, 68 (12.
jh.)
vgl. gruoniu
gramina 1, 373, 1;
virecta 308, 62; 317, 41; swaz gruones
Milst. exod. (
s. u.);
mndl. ist im 13.
jh. dat groene, groen
bereits gebräuchlich Verwijs-Verdam 2, 2154,
mnd. nicht vor dem 15.
jh. bezeugt, vgl. nd. jahrb. 28, 136;
älterer vertreter des substantiv. adj. ist hd. das subst. ahd. gruonî,
mhd. grüene
s. die grüne
f. die verschiedenen flexionsarten zeigen unterschiede nach bedeutung und gebrauch. III@A@11)
substantivische flexion (
beachte flexionslose formen wie wegnehmen des
gr. Göthe II 5, 2, 131
W. gemäsz dem älteren gebrauch, farbbezeichnungen u. dgl. als indeclinabel zu behandeln, vgl. Adelung lehrgeb. 1, 660;
daher noch in moderner sprache der dat. fast stets flexionslos dem grün,
doch s. u.). III@A@1@aa)
als reine farbbezeichnung. viror, viriditas, das grün Alberus Q q 2
b; Maaler 194
a; gleich wie ein welscher han von rot und jer aff starb von grün zu todt Fischart
Eulensp. 2691
H.; das gruon vom regenbogen
praktik 23
neudr.; ... geben verschiedene schattierungen von
gr. Jacobson
techn. wb. 5, 749
b; dasz ... das prismatische blau und gelb ... ein
gr. machen Göthe II 2, 225
W.; wo seine schatten nicht nachgedunkelt haben ... ist sein
gr. von groszer wahrheit A. W. Schlegel
s. w. 9, 23; das gras hat in England ein so schönes
gr., wie man es nirgends findet Archenholz
Engl. u. Ital. (1785) 1, 1, 94;
jung (
vgl. II B 1)
in verwendungen wie: der meeresfluten
gr. Shakespeare (1797) 1, 248; das tiefdunkle
gr. des wassers v. Gaudy
s. w. 5, 15; ... in seinem (
des sees) feuchten
gr. Stifter
s. w. (1901) 1, 155; das schwache trübe
gr. des südlichen himmels 4, 1, 126;
in der sehr üblichen anwendung auf vegetatives grün mit 2)
verrinnend: wie die grüne saat ... die zarten spitzen aus dem schnee empor hebt, und das weisz mit sanftem
gr. vermischet S. Geszner
schr. 1, 29; von unten glänzet uns, an blumenvollen wegen, der pomeranzen gold aus frischem grün entgegen Uz 221
lit. dkm. auf grüne kleidung bezüglich (
vgl. II B 1 a)
s. u. 2 a: wann mancher mit
gr. ist peklait
fastn. 2, 775
Keller; die gute jungfraw, so in
gr. gekleidet Hertzog
schiltw. A 5; zwölf knaben, alle in
gr. Wieland (1794) 4, 13; Gabrielle ... ganz in
gr. gekleidet Ranke
s. w. 9, 29;
in volksläufigen wendungen mehrfach, vgl. brem. wb. (1767) 2, 547; Weinhold
schles. 31
a; Wander
sprichw. 2, 155;
in formelhafter verbindung mit dem adj. schon früh: die teppich ...
gr. geweben, die wänd
gr. (
adj.) in
gr. (
subst.) K. Scheit
lobr. v. w. d. meyen 38
Strauch; die Ludmer folgte ... in das zimmer
gr. in
gr. Gutzkow
ritt. v. geiste 3, 20;
als umgangssprachliche redensart, vielleicht vom kartenspiel (
s. unter A 1 b
β)
hergeleitet: das is dasselbe (dieselbe kullör), nur in
gr.! Müller-Fraureuth 1, 446
b; am neujahrstag ist dieselbe couleur in
gr. F. Mendelssohn
in S. Hensel
fam. Mend. 3, 91; Rother
schles. sprichw. 388
b;
vielfach auch von farbstoffen: Braunschweiger, Bremer, Chinesisch, Schweinfurter, Veroneser, Wiener
gr. u. a. ähnlich schon im ält. nhd. spens grone
viride hispanum Diefenbach
nov. gl. 383
a,
genaueres unter grünspan; Schweitzergrün Alberus 18
b;
nach der grundsubstanz: blattgrün (chlorophyll), chromgrün, kupfergrün, mangangrün, saftgrün
u. s. w., steingrün
s. unter grünstein;
gelegentlich auch pluralisch: als besäszen diese grüne (
diese arten grün) nicht jene gesundheitsschädlichen eigenschaften Zerr
handb. d. farbenfabr.3 466. III@A@1@bb)
hauptgebrauch im sinne der bedeutung des adj. I A
von grün
als vegetation. III@A@1@b@aα)
mehr collectiv; erst mit dem 18.
jh. voll einsetzend und hier offenbar metaphorischen charakters der farbeindruck für das object gesetzt; älternhd. nur in einer präpositionalen verwendung für den begrünten erdboden, allgemeiner '
die freie natur': alle heydnische gewonheit als ... spacieren ins
gr. S. Franck
zeitb. (1585) 3, 295; da will jedermann ins
gr. gehen K. Scheidt
lobr. v. w. d. meyen 38
Strauch; ich will ein weil nausz in das
gr. und zuhörn dem voglgesang Ayrer 3, 1707
Keller; kom, Myrta ..., dich zu mir auf das grün zusötzen Weckherlin
ged. 1, 483
F.; er (
Amor) warf seinen köcher hin sambt dem bogen in das grün
Königsb. dichterkr. 123
neudr. doch bleibt oft die flexivische einreihung unsicher; vgl. die dative: im grünen (
sp. 658),
entsprechend dem acc. jüngerer sprache: ins grüne;
daher mundartlich: ins grüen fahren,
gesellschaftsspiel mit karten Martin-Lienhart 1, 276
a; int grön gahn (
s. aber unten 2 b),
zum ersten sommerfest der schulkinder ins freie ziehen; abgeleitet: een grön holen
ein solches fest abhalten; weesengrön
das fest der waisenkinder Richey
idiot. hamb. 82,
vgl. Schmeller-Fr. 1, 1002; bei mutter
gr. schlafen
im freien Trachsel (1873) 26; ich hab bei der mutter
gr. bankarbeit gemacht Frischbier
preusz. sprüchw.2 100; dän hn se uff mutter grin gesotzt
aus dem hause gejagt Rother
schles. sprichw. 156
a;
ein ausdruck der gaunersprache Günther 43;
vergleichbar ist die verwendung in flur- und ortsnamen, grüen '
waldungen im Rheingebiet, welche ... zur grasnutzung versteigert werden': s Balzener grüen
u. s. w. Martin-Lienhart 1, 276
a,
vgl. Buck flurnamenb. 92;
so schon früh in siedlungsnamen nachweisbar: et quatuor lehen ... et nemus dictum Hegeholcz inter Ernphoriczgrun (
Irfersgrün) et Bertolsgrun (
Pechtelsgrün) situatum (
v. 1266)
urkundenb. d. vögte v. Weida, Gera u. Plauen (1885) 1, 71;
oft nicht sicher von grien
abzugrenzen (
vgl. sp. 640)
die flurnamen bei Fischer
schwäb. 3, 870;
in jüngerer liter. sprache klingt die unbildliche verwendung im sinne '
bodenvegetation'
gelegentlich nach: wer die ersteigung über
gr. gering zu schätzen gewöhnt ist ... H. v. Barth
nördl. Kalkalpen 144.
jedenfalls sind fälle wie die folgenden anders empfunden: dort, wo durch das beblühmte grün zween kleine bäche murmelnd flieszen Brockes 1, 30; unter demselben blau, über dem nehmlichen grün wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen geschlechter Schiller 11, 91 (
spazierg. 199)
G.; ... und ein fest erblüh uns auf dem grüne Rückert (1869) 12, 225.
erst die poetische sprache des 18.
jh.s gibt dem worte breiteste anwendung für pflanzlichen wuchs aller art (
daher gewöhnlich nicht die vorstellung des vegetativen als vielmehr die der farbe im vordergrund steht)
; mit vorliebe in genitivischen verbindungen: der wiesen frisches grün stand mehrenteils befloszen Brockes 4, 39; das mädchen sitzet an ufers grün Schiller 11, 290
G.; der hügel grün, das grünere der matten Göthe 16, 277
W.; das
gr. ... dieser gefielde v. Thümmel
reise 8, 30; weder im blau des himmels noch auf dem
gr. der erde Jean Paul 11, 120
R; ganz formelhaft wurde: des waldes
gr. Overbeck
ged. (1794) 35,
vgl. Chamisso
w. (1836) 3, 130
Koch; das üppigste
gr. reicher waldungen Ritter
erdk. 1, 583; der zweige
gr. Schiller 11, 288
G.; ach sie entschwand im grün der gartenlaube v. Salis
ged. (1793) 31; ein matter wolf ... betrat ... das feld, und sah in dem bethauten grün ein feistes füllen weiden Ramler
fabell. 2, 502;
vielfach mit einem adj. verbunden, das die qualität des farbtons oder den gefühlseindruck des beschauers charakterisiert: nach dem schwarzen
gr. der welschen bäume Jean Paul
w. 15/18, 570
H.; das dunkle
gr. des sommers Freytag
verl. handschr. (1864) 1, 63; der eichenbüsche sonnenhelles grün Hölderlin 1, 174
Litzm.; rote blumen ... winkten aus dem smaragdenen
gr. O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 430; buntes
gr. Rückert
w. 1, 479; (
blumen) weisz und blau und stilles grün Rückert
w. 1, 77; der kontrast zwischen lebendigem
gr. und starrem gestein ist es H. v. Barth
nördl. Kalkalpen 29; ständen diese ufer auch in
gr. Fontane
im '
daheim' (1887) 13, 787
b; kein quell, kein grün, von leben keine spur! Chamisso 2, 102
Koch; überhaupt ist die umgebung sehr öde, dürr, zeigt nur wenig
gr. Ritter
erdk. 2, 664. III@A@1@b@bβ)
die vorstellung des vegetativen grüns kann sich nach verschiedenen richtungen verengern und concretisieren; '
laub, blattwerk, strauchwerk': wer gab das grün den zweigen? Spee
trutzn. 89
B.; wenn martinswind, wenn wehest du und wehest grün und blätter ab? Herder 25, 203
anm. S.; (
beete) umwunden mit dunkelm grüne 27, 41; mannichfaltige blumen und verschiedenes
gr. Heinse 3, 250
Sch.; mit den ... mit
gr. überzogenen ruinen Gleim
briefw. 2, 259
Körte; wo nehmet ihr in dieser wüstenei das bischen grün zu euern kränzen her? Raupach
dram. w. ernster gattung 5, 150;
so als fachausdruck des gärtners: in gärtnereien wird der baum überall ... gezüchtet ... als
gr. für blumensträusze Schlechtendal
flora v. Deutschl.5 10, 195;
für den kranz selbst: winde mir ländliches grün J. H. Vosz
s. ged. (1825) 3, 29; (
er) trägt sie (
die goldene krone) leicht, als wie von grün umlaubt Göthe 13, 178
W. hierher: grün =
laub im kartenspiel, s. th. 6, 289
und grün
adj. sp. 652;
gr. ist windiger art
theatr. diabol. (1575) 438
b; so weisz das kleinste kind, obs eicheln oder
gr., hertz oder schellen sind Treuer
deutsch. Däd. (1675) 1, 377; das sicht ja aus wie lauter herz und schellen. da ist ja gar kein
gr. O. Ludwig
ges. schr. 2, 86.
weiter von den jungen trieben des frühjahres; das gruen
umlautlos, allg. in obd. maa. s. grün,
form 1,
sp. 640;
im els. masc.: im früejohr, wenn der gruen kummt Martin-Lienh. 1, 276
a,
vgl. Schmeller 1, 1001; Weinhold
schles. 31
a; Gretchen küszte das erste
gr. und betaute es mit ihren thränen Hippel
lebensl. 3, 1, 6; die felder decken sich mit neuem grün Schiller 13, 258
G.; das junge grün empfängt die blühnden glieder Droste-Hülshoff
Walther (1879) 202;
vgl. schon groen
herba, olus, gramen Kilian
etym. 162;
gr., grünes kraut, blühend,
herba, olus, gramen virens Henisch 1761; groin
n. '
grünes futter' Schambach 69
a;
sonst in dieser bedeutung grünes, das grüne (
s. u. 659); jung grön '
frische gartenkräuter' Dähnert 162
a;
sprichwörtlich: das schönste
gr. wird auch heu Sailer
weish. a. d. gasse 62. III@A@1@cc)
ungewöhnlicher ist die substantivierung bei der bedeutung II A 1 '
lebensvoll, blühend': ich verwelke schon in bester jugend grün Herder 24, 414
S.; im grün der jugend flammte hoch der muth
F. Schlegel
Athen. 3, 1;
mit der farbvorstellung zusammenlaufend: ach möchte doch ... der hofnung geistig grün die frohe seele zieren Brockes 5, 31; wie die rosengluth und das frische
gr. seiner gesundheit unter den gelben maroden ... glänzt Jean Paul 22, 37
R.; mundartlich besser bewahrt: ein kranker hats
gr. wieder erreicht Fischer
schwäb. 3, 869; ins grüen gseh '
noch etwas trost und hoffnung haben' Staub - Tobler 2, 749;
zu grün
kommen: er is ... wieda zgroan kemma Rosegger
tannenh. u. ficht. 143. III@A@1@dd)
einzelnes: im 16.
jh. als name verschiedener krankheiten, z. th. umdeutung von grien
s. dort sp. 264; darumb muosz der bischof dick ... purgieren, dann es ist für das
gr. gut
sat. u. pasqu. 3, 190
Schade; das
gr. der kinder ist, wann sie binst gesogen haben, so gewinnen sie grosze krimmen und reiszen im leib, un gehet grüne materi im stulgang hinweg Tabernämontanus
kräuterb. 427;
für giftstoffe s. adj. II b 1 c
und grüne
f.; virosus vol griensz, gifts Diefenbach 622
b;
rotw. grün = silberwerck (1687) Kluge
rotw. 167 (
vgl. 169). III@A@22)
schwache flexion nach dem artikel: das grüne;
da bis in das 18.
jh. hinein auch das grün
schwach flectiert werden kann (
vgl. Adelung
lehrgeb. 1, 660),
bleibt in älteren belegen die zugehörigkeit der obliquen formen doppeldeutig. III@A@2@aa) das grüne
als die grüne farbe schlechthin bis in das 18.
jh. möglich: dat grone dat is en herdent lank; alle dat lichte grone untspringet ...
nd. jahrb. 28, 136; das lob (
laub der spielkarte) an dem griennen wol zusehen ist (16.
jh.)
nach Fischer
schwäb. 3, 868; die vier farben ... die vier jahreszeiten bedeuten als das grüne den früling Harsdörfer
frauenz. gesprächsp. 4, 350; wie sich der sonnen gold in ihnen (
den blättern) mit dem so zarten grünen ... (
verbindet) Brockes 2, 301 (
der nominat. bei Brockes
durchaus das grün!); wodurch jede art dieses grünen von den andern abzusondern Möser
s. w. 1, 415;
so noch bei Göthe: das grüne der weinflaschen entsteht II 1, 218
W., vgl. II 1, 187
u. 2, 226;
in gegenwärtiger sprache nur noch in bestimmten verbverbindungen üblich: die sache ... schiene ihm ins grüne zu fallen Just. Möser
s. w. 4, 62; die schmeicheläuglein spielen ins grüne Heine
w. 2, 36
E.; ein goldener saum verliert sich ... ins grüne S. Geszner
schr. (1765) 3, 146;
so auch: die farbe hat einen stich ins grüne;
gelegentliche concretisierungen: das grüne am kupfer
verde di rame Kramer
teutsch-ital. 1, 572
b; nimm drey gute hände voll das grüne von den welschen nüssen J. Walther
pferde- u. viehz. (1658) 150. III@A@2@bb)
in der anwendung auf vegetatives grün ist nur die präpositionale fügung ins grüne, im grünen
seit dem älteren nhd. breit entfaltet; zuweilen in begrenzterem sinne '
grasboden': (
Siegfried) legte sich ein wenig ... ins grüne
volksb. v. geh. Siegfr. 85
ndr.; dasz sie einander nicht ins grüne legeten
theatr. amor. 1, 182; setzt er sich neben ihr ins grüne Pfeffel
poet. vers. 2, 166;
so auch: er hat sein schäfchen aufs grüne gebracht Körte
sprichw. 377;
vgl.das grüne
grüne weide Fischer
schwäb. 3, 868; und ihre zwey pferdgen im grünen herumb weiden lieszen Weise
drei kl. leute 134; befahl daselbst im grünen das mittagsmahl anzurichten Schütze
hist. rer. pruss. 1, e 4
a; es paaret sich alles im grünen (
in den bäumen) und auf der erde maler Müller 1, 210
Heuer; das niedrige still im grünen gelegene häuschen Gutzkow
ges. w. 1, 178;
mit vorliebe ganz allgemein '
in die grüne, freie natur': item dat, wenn de kinder yntt groene gan (
vgl. sp. 655)
Hambg. schulbest. v. 1569,
zeitschr. f. hambg. gesch. 11, 269; und ... fort ins grühne grühne güng Zesen
Rosemund 17
ndr.; die kinder ... in das grüne führen Schupp
schr. (1663) 918; ich ging vor die stadt ins grüne Stifter 1, 127; da will jedermann ... im grünen spatzieren, im grünen essen und oft im grünen schlafen K. Scheidt
lobr. v. w. d. meyen 38
Strauch, vgl. 1 b
α; es ist zeit hienausz zue schawen, und sich ... in dem grünen zue ergehn Opitz
poeterei 26
ndr.; ein gang im grünen Hölty
ged. 106
Halm; mit dem wunsch alle ... nach überstandnem winter im grünen zu sehen Göthe IV 29, 3; sie (
die bäuerin) untersteht sich sogar, im grünen zu gebären Treitschke
hist. u. pol. aufsätze 1, 477;
seltener mit anderen präpositionen: under dem grienen in der kiele zu spacieren Schickhardt 154
Heyd; (
ein lachen) das rings aus dem grünen tönte G. Keller
ges. w. 6, 67; wenn er nun durchs grüne drauszen reist Rückert
w. 3, 125; auf die frische luft, auf das grüne ... ist sie ganz erpicht
samml. v. schausp. (
Wien 1764) 1, 3;
daneben auch in anwendungsformen, für die heute das grün (
s. 1 b)
geläufig ist, aber je später je ungewöhnlicher: kieme ... ist das grüne, so aus dem körnlein wechset Gueintz
dtsche rechtschr. 89;
öfter bei Göthe: unter des grünen blühender kraft 1, 81
W.; nur das grüne fehlt hier dem frühling IV 9, 204;
auch nd. ganz gewöhnlich, für das mnld. vgl. Verwijs-Verdam 2, 2154; dat gröne der wischen Chyträus (1585) 50; t gröne brekt t Doornkaat-Koolman 1, 695
a;
daher: int gröne gaan
ins feld gehen Dähnert 162
a;
terminologisch: jungfer int gröne,
name des schwarzkümmel (
nigella damascena) Mensing 2, 494,
sonst dierndel im grünen Fischer
schwäb. 3, 869
u. s. w., vgl. Pritzel-Jessen 247,
s.grete 3 a (
sp. 201); das grüne am schiff (
sonst auch bart) '
die grünen ... gewächse, die sich ... an den boden des schiffes festsetzen' Bobrik
seewb. 320
a;
älternhd. auch im sinne des gebrauchs 3,
doch anscheinend nur in einer bestimmten verwendung: in das grüen stellen
die pferde mit grüner gerste purgieren; weyl sie (
die pferde) so lang das grüen (
apocopiert?) geessen; wann mans hernach ausz dem grüenen nimpt Seuter
hippiatr. (1588) 92;
vgl. die grüne geben (
s. u.). III@A@33)
artikelloser gebrauch der pronominal flectierten form: grünes;
seit alters von vegetativem grün: (
die heuschrecken fraszen) swaz gruones indir was, ez wære holz oder gras
Milst. exod. 149, 1
Diemer; noch kein grúnes keimet
erste dtsche bibel 4, 227; nichts griens mag wachsen dô Fel. Faber
pilgerb. 22
Birl.; ein rund lustheusle ... mit grienem uberwachsen Schickhardt 154
Heyd; die mit blumen auf dich streiten und mit grünem ganz bespreiten P. Fleming 1, 347
L.; vgl. 511; man sieht nichts grünes, keinen baum Göthe 14, 89
W.; nun wurde die forelle aufgetragen, mit grünem bekränzt G. Keller
ges. w. 5, 16;
die formel dürres und grünes (
s. sp. 644)
im sinne '
alles': die schrift versagt inen durrs und grünes S. Franck
bei Fischer
schwäb. 2, 507; dürres und grüenes versagen
aqua et igni interdicere Henisch 1762;
hauptgebrauch: vegetabilien als nahrungsmittel: auch grünes ... verzehren sie (
die krähenraben) Naumann
nat. d. vögel 2, 60;
entweder gemüse, grünzeug für die küche, suppengrün, gewürzkräuter u. dgl. oder grünfutter fürs vieh: item den hauszdiern wer in auf ... frisch grienesz (
frisches gemüse) oder düers ... leicht (16.
jh.)
österr. weisth. 6, 266, 34; an den festtagen hat sie nichts anders zu machen, als ... ein grünes und eine mehlspeis
samml. v. schausp. (1764-69) 6, 64; will er wieder grünes vom markt einholen? Wackenroder
herzenserg. (1797) 254; einrichtungen ... um ... etwas grünes wie gemüse zu ziehen Ritter
erdkde 5, 593;
mundartlich hd. und nd. sehr verbreitet: obd. neben ein grünes
sogar das grüns
für suppengrün, gemüse Schmeller-Fr. 1, 1002; Staub-Tobler 2, 749;
für kräuter, gemüse und futter ebda, Fischer
schwäb. 3, 869; Martin-Lienh. 1, 276; Mensing 2, 494;
rheinisch: grünes gelüsten
nach grünfutter lust haben, dann übertragen: '
keinen verstand haben' (
wie das vieh)
lux. ma. 153
b;
vgl. schon: es gelüstet ihm etwas grünes
gli viene voglia di qualche cosa verde, cive una voglia strana, curiosa, impertinente Kramer
teutsch-ital. 1, 572
b;
anders: gröns belöste
auf eine sache nicht eingehen Hönig 69
a;
übertr. bedeutungen: grOengs '
etwas unzeitiges, albernes' Müller - Weitz
Aach. ma. 75; grüens '
vorteil, gewinn' Staub-Tobler 2, 750;
selten von anderen als pflanzlichen objecten: davon er nu grünes trait (
d. h. grünes gewand trägt)
lieders. 1, 153
Laszberg; sein gläschen grüns (
likör) Gotthelf
bei Staub-Tobler 2, 750. III@BB.
das masc. der grüne, ein grüner
vielfach in volksmäsziger sprache von grün uniformierten soldaten, polizisten, aufsehern u. a., vgl. grünrock, grünspecht; die grüne zu pferd (1792) Schmeller - Fr. 1, 1002; Staub-Tobler 2, 750; Fischer
schwäb. 3, 868; Müller-Fraureuth 1, 446
b;
zs. f. dtsche wortf. 3, 94;
neuerlich die schutzpolizisten (
in Berlin und anderorts); '
der teufel' (
als jäger) Schmeller-Fr. 1, 1002 (
s. sp. 654),
vgl.grünmantel; der grüne
gesellschaftsname im palmenorden Neumark
neuspr. teutsch. palmb. (1668) 233;
nach grün II A 2 a, der grüne = '
rekrut' Imme
sold. spr. 14;
seltener von grünen thieren: '
grünspecht' Staub - Tobler 2, 750; '
grüne eidechse' Lexer
kärnt. 125;
für einen wein Pritzel-Jessen 448. IVIV. grün-
ist als compositionsbestandtheil in zahlreichen, zumeist jüngerer sprache angehörenden bildungen vertreten, die theils gelegentliche (
poetische),
theils fachsprachlichterminologische oder alltagssprachliche zusammensetzungen darstellen; die folg. übersicht der compositionstypen notiert nur die weniger entwickelten wörter, ausgebreitetere s. an alphabet. stelle. IV@11)
adjectiva. IV@1@aa) grün-
vor einem zweiten adj. der farbbezeichnung, entweder angebend, dasz die hauptfarbe ins grüne spielt, seltener, dasz die betr. sache beide farben nebeneinander aufweist, läszt sich nicht vor dem 16.
jh. nachweisen, s. grünblaulicht, -gelb, -schwarz, -weisz
an alph. stelle; im ganzen jünger sind: grüngrau: eine kleinere art (
von affen)
gr. mit rothem gesicht Ritter
erdk. 3, 763;
entsprechend: die ... rispe ... ist grüngraulicht v. Schlechtendal
flora v. Dtschl.5 7, 197; du und dein grüngräulicher mantel Eichendorf
s. w. 2, 496;