schauen,
verb. blicken, hinsehen nach etwas, erblicken, sehen, zusehen. eine westgermanische bildung, ags. scéawian,
woraus engl. shew, show
mit veränderter bedeutung '
zeigen',
altfries. skawia, skowia, schoia, skua. Richthofen 1021
b,
neufries. schouwjen, schoagjen, skoe. ten Doornkaat Koolman 3, 104
a,
altnd. scauuôn,
mnd. schowen, schauen,
mnl. scauwen,
holl. schouwen,
ahd. scouuôn,
mhd. schouwen.
auszerhalb des westgerm. kommt eine genau entsprechende bildung nicht vor, nur dän. skue
schauen, und als subst.: schau, anblick (
aus dem deutschen entlehnt?).
im goth. gehört hierher usskaws
vorsichtig, nüchtern (
1 Tim. 5, 8),
und usskawjan,
zur besinnung bringen (1
Cor. 15, 34),
zur besinnung kommen, nüchtern sein (
2 Tim. 2, 26).
ferner gehört zu derselben wurzel goth. skuggwa,
m. spiegel, altn. skuggi
schatten (skuggsjá,
f. spiegel),
ags. scûa,
ahd. scûwo
schatten (scûchar
spiegel).
weiterhin sind verwandt die altn. wörter skyn
wahrnehmung, skygn
scharfsichtig, skygna
und skoþa (
schwed. skda)
spähen. die germanische wurzel sku-
ist identisch mit der auszergermanischen ku,
die in sanskr. kavi
dichter, seher, lat. cavere,
griech. κοέω nehme wahr, kirchenslav. čuti
empfinden, zu tage tritt. vgl. Kluge4 296
b.
die abweichungen der form sind unbedeutend: ahd. scauuon, scauuuon, scouuon Graff 6, 552
ff., mhd. schouwen, schowen, schawen, schouen, schoun, schouben Lexer
handwb. 2, 778;
heute ist das wort besonders in bair.-österr. mundarten zu hause, in der form schaugen,
die schon im 16.
jahrh. bezeugt ist. mit auffallendem umlaut: so ymant diesen fisch gescheig, das im der fisch anplazt, so musz er an (
ohne) alles mittl sterben. Schmidel
reise 65, 10.
vergl. Schm. 2, 349. 387. Lexer 215. Schöpf 595. Zingerle 49
a.
cimbr. wörterb. 227
a.
stärker abweichend sind du gschobbscht
im Ries und schucken
im Kuhländchen (
hierher?) Schm.
a. a. o. die flexion ist die schwache, prät.
ahd. scouuôta,
mhd. schouwete,
nhd. schaute;
nur im elsäss. begegnet ein redupliciertes prät. sie beschiewent,
vergl. Lexer
handwb. 1, 109
und Weinhold
alemann. gramm. § 376, 1, 2.
bedeutung. 11) schauen
unterscheidet sich von sehen
so, dasz letzteres die passive affection des sinnes, ersteres einen bewuszten willensact, die selbstthätige richtung des blickes auf etwas hin bezeichnet; der unterschied ist also derselbe wie zwischen lat. spectare, tueri
und videre,
franz. regarder
und voir,
ital. mirare
und vedere,
engl. to look
und to see,
oder —
bei einer andern sinneswahrnehmung —
zwischen horchen
und hören,
franz. écouter
und entendre,
engl. to listen
und to hear. schauen, schlieszet mehr als das blose sehen ein, nemlich ein betrachten, besehen, einsehen,
spectare, considerare. Frisch 2, 165
b.
indes ist dieser unterschied besonders in der heutigen sprache nicht streng innegehalten; hauptsächlich hat sehen
in gewöhnlicher rede sein gebiet erweitert, und ist schauen
in dieser meist durch die zusammensetzungen hinsehen, zusehen
verdrängt. andrerseits wird schauen
in gehobener, feierlicher oder poetischer rede vielfach für sehen
verwandt, und wird vorwiegend gebraucht, um ein inneres, geistiges, nicht sinnliches wahrnehmen zu bezeichnen. übertragungen auf andre sinnesgebiete kommen nicht vor; nur ganz isoliert gilt schaugen
in der sprache der XIII comuni auch für '
greifen, tasten'
cimbr. wb. 227
a.
in den mundarten ist schauen
geographisch begrenzt, nämlich auf die südlichen, besonders bairisch-österreichischen dialekte eingeschränkt; im nd. ist es ganz ausgestorben. den bedeutungsunterschied zwischen schauen
und sehen
illustrieren folgende beispiele: i schau allewal und sihh do nicks. Schm. 2, 349; wer dich sihet, wird dich schawen und ansehen.
Jes. 14, 16; wann man sicht eynen der do will recht duon, und syn jnn wiszheyt styll, so spricht man, schow den duckelmuser, er will alleyn syn eyn Carthuser. Brant
narrensch. 105, 19.
oder participiale fügungen, wie: inti mittiu her quam zi thera stetî, scouuônti ther heilant gisah inan (
suspiciens Jhesus vidit illum).
Tat. 114, 1; scouuônti thô gisah (
respiciens autem vidit) thie, thie dâr santun iro gebâ in thaʒ tresohûs êhtîgê. 118, 1; ausgebreitet hing auf ihn hin die schauende seele, sah ihn ganz, den gedanken der ewigkeit. Klopstock 3, 208 (
Mess. 4, 847).
in andern stellen dagegen werden beide wörter als gleichbedeutend neben einander gestellt, indem sowol schauen
den sinn von sehen
annimmt (
s. 7,
a),
als auch sehen
den von schauen,
vgl. z. b.: man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn. Göthe 12, 11; ach seh' sie nur! ach schau' sie nur! 12, 149. 22) schauen
zur bezeichnung der sinneswahrnehmung des auges an sich; so dasz der nachdruck auf der thätigkeit selbst, als einer bewuszten und willkürlichen, nicht auf dem objecte liegt. 2@aa)
im gegensatz zu andern sinneswahrnehmungen: blinder alter vater, du kannst den tag der freiheit nicht mehr
schauen, du sollst ihn
hören — Schiller
Tell 1, 4. 2@bb)
mit hervorhebung der deutlichkeit und gewiszheit der wahrnehmung; daher im gegensatz zu wähnen
u. s. w.: denn wir wandeln im glauben, und nicht im schawen.
2 Cor. 5, 7; in eben dem augenblick gelangte nun obgemeldetes werk zu mir und versetzte mich aus der ernsten region des staunens und glaubens in die behaglichen gegenden des schauens und begreifens. Göthe 55, 317; hier stehe nun still und wende die blicke rückwärts, prüfe, vergleiche, und nimm vom munde der Muse, dasz du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle gewiszheit. 3, 99;
so auch: nicht die blicke darf ich wenden, wissend, schauend, unverwandt musz ich mein geschick vollenden fallend in dem fremden land. Schiller 11, 372. 2@cc)
mit näherer bestimmung: sie (
die Griechen) schauten die gegenstände tüchtig und lebendig. Göthe 53, 16; dein ungetrübtes freies auge schaut die ferne klar, die uns im nebel liegt. 10, 302. 33) schauen
absolut, ohne angabe eines bestimmten objects oder zieles. 3@aa) ab einem träffenlichen hohen schrofen schauwende oder achthabende,
speculabundus ex altissima rupe. Maaler 348
c; und (
Abraham) wand sein angesicht gegen Sodom und Gomorra, und alles land der gegend, und schawet, und sihe, da gieng ein rauch auff vom lande.
1 Mos. 19, 28; dort aber schawe ich, aber da ist niemand, und sehe
unter sie, aber da ist kein ratgeber.
Jes. 41, 28; das trewe auff der erden wachse, und gerechtigkeit vom himel schawe.
ps. 85, 12; denn er (
der herr) schawet von seiner heiligen höhe. 102, 20.
poetisch von den sternen: flamme mich in tygrische mordsucht, leidendes lamm; dir will ich ein opfer bringen, dasz die schauende sterne über mir sollen dunkel werden. Schiller
räuber 5, 6
schauspiel. 3@bb)
so besonders in verbindungen wie zu schauen kommen, gehen
u. ähnl., in denen zugleich das gewollte, absichtliche besonders hervortritt: dar ûf (
auf den palast) gienc er schouwen mit sîner juncvrouwen.
Iwein 6427; daʒ her übr al reit schouwen dar.
Parz. 802, 11; dô des wurden gewar die tugende ir juncfrowen, die liefen über sie schowen. Lampr. v. Regensburg
Syon 507; als er (
Moses) aber hinzugieng zu schawen, geschach die stimme des herrn zu jm.
ap. gesch. 7, 31; sie (
meine feinde) komen das sie schawen (
besuchen mich), und meinens doch nicht von hertzen.
ps. 41, 7; Göthe 12, 11
s. unter 1. 3@cc)
besondere erwähnung verdient der imperativ schau, schaut,
in diesem sinne '
sieh hin'
häufig gebraucht, um die aufmerksamkeit zu erregen, nach art einer interjection: thesên uuesan beginnentên scouuuôt inti ûfhefet iuuueriu houbit, bithiu uuanta nâhlîchôt iuuuer lôsunga.
Tatian 145, 20; aber schaw! da kommt eben recht, zu allem glück, dieser landtsknecht. Spangenberg
glücksw. 27 (
els. litt. denkm. 4, 308); schawt! schawt! wie kommen wir so frey jetzund zusammen, alle drey. 401 (
s. 320); schaut, er (
der mai) tanzet heran, schaut, des kirschbaums wipfel säuseln ein gewölk von silber um sein wehendes lockenhaar. Hölty 136
Halm; zuweilen in freierer verwendung auch von dingen, die der angeredete nicht sehen kann, wie '
denk dir'
u. ä.: schaue um gottes willen, so hatte mich der trunck bethöret.
Simpl. schriften 3, 414, 29
Kurz. bair. schau! schau!
oder da schau her! da schauts her!
als ausruf der verwunderung. Schm. 2, 349;
daraus zusammengezogen der daschauher (
in Bozen),
busenflor der mädchen. Schöpf 595. 44, 4@aa)
seinem blick eine bestimmte richtung geben; wohin, nach, auf etwas schauen: inti allero ougûn in thero samanungu uuârun scouuônti in inan (
intendentes in eum).
Tatian 18, 3: scouuôta in himil (
respexit in celum). 80, 6; ougun sîna ovir thiadî scauuôt (
oculi ejus super gentes respiciunt).
altnfr. ps. 65, 7 (
s. Heyne
kl. altnd. denkm. 23); aftir menege ginâthono thînro scauuo an mi (
respice in me).
ps. 68, 17 (
s. ebenda s. 30); thô bigan thero erlo gihwilîkte ôðrumu skawon.
Hel. 4589; hugi warð giblôðid, thêm idision an egison,ne mahtun an thia engilos godes bi themo wlite skawon. 5848; gistuatun sie thô scowônin then fater stummon. Otfrid 1, 9, 23; sô wer sô thaʒ irwelle,then fater sehan wolle: thanne, thaʒ ni hiluh thih,giwaro scow er anan mih. 4, 15, 34; er scowôt zi themo guatesêragemo muate. 5, 25, 58; ist iu iht daʒ kündeumb disiu magedîn, die dort nider schouwentgên uns ûf die fluot?
Nibel. 378, 3; die staet ende scauwet daerwaert.
Reinaert 2030.
auszerdem wird schouwen
im mhd. mit den präpositionen an, ûf, umbe, zuo
verbunden mhd. wb. 2, 2, 197
b. Lexer
handwb. 2, 778 (
wo vür
zu streichen ist).
bei Luther
mit auf, gen, in, nach, zu: als nu die morgenwache kam, schawet der herr auff der Egypter heer, aus der fewrseulen und wolcken.
2 Mos. 14, 24; ich aber wil auff den herrn schawen.
Micha 7, 7; denn der herr schawet auff die menschen und auff alle stemme Israel.
Zach. 9, 1; schaw gen himel und sihe, und schaw an die wolcken, das sie dir zu hoch sind.
Hiob 35, 5; das die augen des herrn viel heller sind, denn die sonne ... und schawen auch in die heimlichen winckel.
Sir. 23, 28; es (
das wild) schawet nach den bergen da seine weide ist.
Hiob 39, 9; und (
Elias) sprach zu seinem knaben, gehe hin auff, und schawe zum meer zu.
1 kön. 18, 43; schaw zur rechten.
ps. 142, 5; horet jr tauben, und schawet her jr blinden, das jr sehet.
Jes. 42, 18; schau um dich, mordbrenner! Schiller
räuber 2, 3
schausp. (
s. 101); schaut doch um euch!
ebenda (
s. 106); schau her, schau! kennst du diese narben? 5, 2; hoffnung blüht nur, wohin gott schaut. in diesen kerker schaut gott nicht.
Fiesko 5, 1
bühnenbearbeitung; die inquisition solle, ohne rücksicht auf etwas menschliches, fest, furchtlos, und von leidenschaft frei, ihren weg wandeln, und weder vor sich noch hinter sich schauen.
werke 7, 168;
so auch durch etwas schauen,
vgl.durchschauen;
bildlich: ich schaue durch deine seele, wie durch das klare wasser dieses brillanten.
kab. u. liebe 1, 4; auff Christum sol er schauen, der unser hauptman ist.
bergreihen s. 58
neudruck (28, 12); und die geduld, die, bey zerschlagner blüte, bey flammenraub, beym sarg des sohnes und der braut, in die entflohnen tage schaut. Gotter 1, 412; die sternen unter sich, schaut er in eine welt, die er beseeligte, mit heiterm blick herab. Hölty 45
Halm; die ritter schauten muthig drein, und in den schoos die schönen. Göthe 1, 178 (
vgl. 18, 206); will einer im leben um sich schauen, dergleichen wird man ihm viel vertrauen. 3, 190; schauten nicht alle völker in jenen drängenden tagen nach der hauptstadt der welt, die es schon so lange gewesen. 40, 290; er stand auf seines daches zinnen, er schaute mit vergnügten sinnen auf das beherrschte Samos hin. Schiller 11, 230; der dem tod in's angesicht schauen kann, der soldat allein, ist der freye mann.
Wallenst. lager 11; die heerdenmelkenden Holländer, die von Utrecht, ja vom äuszersten Westfriesland, die nach dem eispol schaun.
jungfr. v. Orl. prolog 3. 4@bb)
im anschlusz an das letzte beispiel auch übertragen von dingen, die ihre front nach einer seite wenden oder einen ausblick dahin bieten, spectare, vergere: das sie die fenster, welche gegen Babel der welt schauen, eröffnen. Butschky
Pathm. 265; als der abend herbeikam und die freunde in einer weitumherschauenden laube saszen. Göthe 23, 69; und der vater mit frohem blick von des hauses weitschauendem giebel überzählet sein blühend glück. Schiller 11, 309. 55)
aus dieser grundbedeutung entwickeln sich leicht übertragene, prägnante gebrauchsweisen des inhalts: einem gegenstande seine aufmerksamkeit, sein praktisches interesse zuwenden, sei es in positiver oder in negativer absicht (
des erstrebens oder der abwehr).
das hohe alter dieser bedeutungskategorie wird durch goth. usskaws
und lat. cavere
erwiesen. 5@aa) auf etwas schauen,
sich danach richten: wenn ich schawe allein auff deine gebot, so werde ich nicht zu schanden.
ps. 119, 6; ich rede was du befolhen hast, und schawe auff deine wege. 15; auf jemand schauen,
auf ihn hoffen: ich aber wil auff den herrn schawen, und des gottes meines heils erwarten.
Micha 7, 7; aufs recht schauen,
das recht innehalten, nach dem recht verfahren: sprich du in meiner sache, und schaw du auffs recht.
ps. 17, 2.
vgl. b. 5@bb) nach etwas schauen,
um etwas zu suchen: in felsen wonet er (
der adler) .. von dannen schawet er nach der speise, und seine augen sehen ferne.
Hiob 39, 29 (
vergl.ausschauen nach etwas);
um etwas herbeizuschaffen, zu besorgen: wirtin liebe wirtin, schawt uns nach külem wein.
Garg. 92
a (
dafür bei Uhland
volksl.2 520,
nr. 256
A, 4: schaut uns umb külen wein);
oder, um für etwas zu sorgen: Miller. schau du nach deinem kinde, frau. ich laufe zum herzog. Schiller
kab. u. liebe 2, 6. sich um etwas schauen
in bair. mundarten, sich nach etwas umsehen. Schm. 2, 349.
ähnlich zu etwas schauen,
für etwas sorgen: alsdann will er (
gott) dein treuster werden und zu deinem besten schauen. P. Gerhardt 275, 25
Gödeke. vergl. auch zum rechten schauen,
sorge tragen, dasz alles in ordnung ist. in allen diesen verbindungen ist jetzt sehen das gewöhnliche. 5@cc)
auf die ältern dialekte beschränkt ist schauen
mit reflexivem genitiv, sich in acht nehmen: scouuôt iuuer! (
attendite vobis!)
Tatian 98, 1. 5@dd) schauen
mit abhängigem absichtssatz (
durch dasz
oder wie
eingeleitet),
darauf bedacht sein, darauf achten, wofür jetzt zusehen
üblich ist: ist doch darauff zu schauwen, dasz man nicht anfangs zu viel täglich auffgehen lasse. Kirchhof
milit. discipl. 31; wir wollen aber heint verharrn bisz morgn, so wolln wir weiter schaun was sei zu tun mit eurer fraun. P. Rebhun
Susanna 3, 2, 192 (
s. schausp. des 16. jahrh. 1, 59); Simon wünschet, dasz sein weib eine Moschkowitin wäre, wann er jhr gleich bleut den leib, dasz sie sich doch nicht beschwere: aber, weil sie deutsch gesinnet, schaut sie, wie sie sich erwehrt. Logau 1, 76, 4; manchmal da preist er auch den, der gleich nicht zur stelle, schaut aber, dasz alsdann er dieses urthel fälle wann wer vorhanden ist, der solches bald trägt hin. 3, 217.
häufig im imperativ: schau wol zu,
cave, operam da, animo adesto. Stieler 1743. schau
mit negativem nebensatze '
hüte dich, nimm dich in acht': gott ist ein gütig gott, der zehnfach hülffe sendet eh einmal sich der mensch zu seinem dancke wendet: doch schaw, dasz dich nicht wo der welt jhr brauch bethört, dasz, zehnmal wann du ruffst, nicht einmal gott dich hört. Logau 1, 207, 56; o so schauet dasz jhr nicht dem stachel trauet. 3, 101, 10; deiner sünden menge beichten, kan die sündenlast zwar leichten. aber schaw, dasz heucheley nicht zu steinen lege bley. 3, 237, 109;
so auch in dem sprichwort: trau, schau wem!
fide sed cui vide! Frisch 2, 161
b. schau
absolut, ohne abhängigen satz, einen folgenden imperativ vorbereitend: scouuôt inti uuartêt (
intuemini et cavete, vgl. griech. ὁρᾶτε καὶ προσέχετε Matth. 16, 6) von themo theismon Fariseorum inti Saduceorum.
Tatian 89, 4; ein kläger kam und sprach: herr richter, ich bekenne, beklagter soll mir thun, so viel als ich benenne; der richter sprach: so schaw und gibs beklagter hin, dasz du von schulden los und ich vom richten bin. Logau 1, 128, 50 (
in Ramlers
überarbeitung 1791
s. 33
ist so schaw
durch wohlan!
wiedergegeben).
bair. schauen
allein für '
rat schaffen, abhelfen': da is leicht gschaut. Schm. 2, 349. 5@ee)
ganz vereinzelt findet sich schauen etwas zu thun,
suchen, trachten, mittel und wege suchen: wer nichts für leut' und land als wein vergossen hat, der macht sich zwar bekant, doch nicht durch tapfferkeit, musz bösen menschen trauen, die ihn und sich und mich offt zu verkauffen schauen. Opitz 1, 7. 66) schauen
mit object, zur bezeichnung des bewuszten und absichtlichen ansehens. 6@aa)
das object steht im accusativ. das willkürliche tritt besonders hervor in verbindungen, wie schauen wollen: der könig fraget nach seinen mitgesellen, und als er vernimpt, dasz sie in der höle des groszen berges saszen, ist er mit seiner gantzen hofstatt, diese wunderleuthe zu schauen, vor den berg gekommen. Olearius
pers. rosenth. 6
a (1, 6); kendi Reinaert, den ribaut? wildine scauwen, so sieten hier.
Reinaert 939; der Tannhäuser war ein ritter gut, er wolt grosz wunder schauen.
wunderhorn 1, 126
Boxberger. vgl. auch 3,
b. etwas schauen,
seinen blick darauf richten, es anblicken, besehen, betrachten: thô ther heilant inan scouuônti (
intuitus eum) minnôta inan.
Tatian 106, 3; scouuôtun sih thô untar zuisgên (
aspiciebant ergo ad invicem) thie iungiron zuêhôntê. 158, 7; sie began er scowônfrawalîchen ougon. Otfrid 2, 15, 23; so er thô mit sînên ougenthen liut bigonda scowôn, thia selbûn menigî gisah. 3, 6, 15; von den helden er geschouwet wart.
Parz. 123, 12; si (
Isolde) zôch eʒ (
das schwert) ûʒ und sach eʒ an und schouwet eʒ wâ unde wâ.
Tristan 10075; des wundert in sô sêre waʒ steines eʒ müge sîn ... daʒ er in sô flîʒeclîche schouwet unde kiuset. Konr. Fleck
Flore u. Blanscheflur 4689;
so auch: sô hwem sô ina muostaundar is ôgon skawon.
Hel. 5809 (
vgl. Walther v.
d. Vogelw. 75, 3); das ich im hause des herrn, bleiben möge mein leben lang, zu schawen die schöne gottesdienst des herrn, und seinen tempel zubesuchen.
ps. 27, 4; da selbs sehe ich nach dir in deinem heiligthum, wolt gerne schawen deine macht und ehre. 63, 3.
sehr häufig im imperativ: scouuôt himiles fugalâ (
respicite volatilia caeli).
Tatian 38, 2; nu sich und schauwe sie mit rechte!
Alsfeld. passionssp. 3201; ja schaw die hohmütigen, wo sie sind, und beuge sie.
Hiob 40, 7; kompt her, und schawet die werck des herrn.
ps. 46, 9; höret alle völcker, und schawet meinen schmertzen.
klagel. Jer. 1, 18; schawet die lilien auff dem felde, wie sie wachsen.
Matth. 6, 28; doch schawt nur seinen übermut. Spangenberg
glücksw. 289 (
els. litt. denkm. 4, 317); schau mit ernstem angesicht am entscheidungstage himmel, hölle und gericht, richter, schwerdt und waage. Schubart (1787) 1, 317; o gott, so schaut das unglück! Grillparzer 8, 96. 6@bb)
das object wird durch einen inhaltssatz, meist einen indirecten fragesatz, vertreten: zuogiengun sînê iungiron, thaʒ sie imo zougitîn thiu gizimbriu thes temples, sus quedenti. meistar, scouuuô (
aspice) uuuolîchê steinâ inti uuelîchu gizimbriu!
Tatian 144, 1; scouuômês ouh thanne,wara druhtîn gange. Otfrid 3, 7, 9; die (
frauen) begunden schouwen, waʒ die knappen tâten.
Parz. 61, 6; muget ir schouwen waʒ dem meien wunders ist beschert? Walther v.
d. Vogelweide 51, 13; ich bin hinab in den nuszgarten gegangen, zu schawen die streuchlin am bach, zu schawen ob der weinstock blühet, ob die granatepffel grüneten.
hohel. Sal. 6, 10; schawet doch und sehet, ob jrgend ein schmertzen sey, wie mein schmertzen.
klagel. Jerem. 1, 12; und Jhesus setzet sich gegen den gotteskasten, und schawet, wie das volck geld einlegte in den gotteskasten.
Marc. 12, 41; schau wi lib mir deine unverdinbahre zugleich mit hoher kunstpracht der wörter und herlicher zir-rede ausgeśmückte send-śreiben gewesen. Butschky
hochd. kanz. 71; steig die alten zedernstuffen nur herauf, und schau und sieh, was für ein heer von feinden in den gefilden längs dem quell der Dirce verbreitet liegt. Schiller
Phönizierinnen 1, 2; 's (
das halsband) ist aber von perlen und edelm granat. schau, wie das flinkert in der sonnen!
Wallenst. lager 3. 6@cc) schauen lassen. einen etwas schauen lassen: laszt mich noch einmal Genuas thürme schauen und den himmel. Schiller
Fiesko 5, 4; uns ist ze prîse frumende ob wir werde frouwen den kampf lâʒen schouwen.
Parz. 610, 8; dô wolde ouch got si lêren wie si solden êren daʒ heilichtûm der vrowen unde lieʒ ein wunder schouwen.
pass. 389, 42
Hahn; mit folgendem satz (
vgl. 7,
c): ich lâʒe iu schouwen unde sehen, daʒ iuwer lützel hie geniset. Konr. v. Würzburg
troj. krieg 38994; bist du so kün, drit zu mir her, lasz schawen wer dem andern scher. H. Sachs 3, 2, 243
a.
so besonders sich schauen lassen,
sich zeigen, zum vorschein kommen: waz zeichen alda worden schin, di sich liezen schouwen uzene an der frouwen.
leben d. heil. Elisabeth 9073
Rieger; den (
St. Niclaustag) begont die schüeler lobelich und tuont sich an und zierent sich in engelscher wot und lont sich schowen.
els. litt. denkm. 1, 91, 367; o morgen, welche lust, wenn sie sich glänzend schauen läszt, die röslein an der brust! Uhland (1864) 28.
mit prädicativer bestimmung; so besonders in der ältern sprache: sît milte, fridebære, lât in wirde iuch schouwen. Walther v.
d. Vogelweide 36, 15; si lie sich willic schouwen êren unde guotes und williges muotes.
Mai u. Beaflor 95, 36; braun ist ain wat minncleich und zimpt wol zu tragen sicherleich baiden, man und auch frauen, laszen sich wol in der varb schauen.
fastn. sp. 780, 33.
mit infinitivischer construction: êren gernde ritter, lât iuch schouwen under helme dienen werden vrouwen. Ulr. v. Liechtenstein
vrouwend. 456, 25.
jetzt ist in allen fällen sich sehen lassen
das übliche. 6@dd)
mit dem schauen
eines gegenstandes ist leicht ein besonderes interesse verbunden; daher auch: besichtigen, auf etwas hin ansehen, untersuchen, prüfen: schawen,
inspicere, lustrare Dasypodius; hêt hê (
Krist) thô forð dragan 'te skawonne thê skattosthê gî skuldige sind an that geld geBan!'
Heliand 3821; lât mîne wunden schouwen etswen der dâ künne mite (
der sich darauf versteht).
Parz. 577, 8;
beurtheilen: kan ich rehte schouwenguot gelâʒ unt lîp, sem mir got, sô swüere ich wol daʒ hie diu wîp beʒʒer sint danne ander frouwen. Walther v.
d. Vogelweide 57, 3; also theten auch ewre veter, da ich sie aussandte von Kades Barnea das land zu schawen.
4 Mos. 32, 8;
daher als technischer ausdruck für die obrigkeitliche inspection (
s.schau 1,
d)
der deiche, straszen, brücken u. s. w., namentlich an der Nordseeküste: de diekgreven scholen .. schauen ernsthaftig und mit allen truwen den enen als den anderen drye in dem jar.
Brem. stat. 569,
s. Schiller-Lübben 4, 130
a; die sieben siedestgerichtsvögte .. bestellen die vormünder, hegen das zetergericht, entscheiden in beispruchfällen und strandsachen, schauen die straszen und hauptwege. v. Kobbe
Bremen u. Verden 1, 33.
vgl. brem. wb. 4, 613. ten Doornkaat Koolman 3, 104
a. Schütze 4, 27
und holländ. schouwen
besichtigen. oberd. von der prüfung gewisser waren: öl, wîn, leder, die behmisch groschen schawen,
s. Lexer
handwb. 2, 779; das nü fürbas nymant .. einichen saffran verkauffen oder auszwegen sol, er sey dann vor von den gesworen schawern .. geschawet worden.
Nürnb. polizeiordn. 147
Baader; so auff den phintztag eynicher geschawter unnd gezeychenter wein unverkawfft auff dem marckt plybe. 244.
von der beobachtung kranker oder krankheitsverdächtiger: die fremde, so aus dem brechhaus oder lazareth tempore pestis geschauet werden, sollen schwören in 3 monaten nit mer allher zu komen.
quelle bei Birlinger 392
a.
schweiz. geschauen
von der gewehrschau (
heerschau),
feuerschau, wundschau. Stalder 2, 311.
von der prüfung der waffen zum zweikampf: di schelta ende di aesga schillet da wepen schoia iondis ende morns. Richthofen 394
b, 17. 6@ee)
daran schlieszen sich einige übertragene verwendungen, wo schauen
nicht sowol den blick des auges, als die geistige aufmerksamkeit, die man einem gegenstande zuwendet, bezeichnet; mit verschiedenen sinnesnuancen. aufachten: hie stehe ich auff meiner hut .. und schawe und sehe zu, was mir gesagt werde, und was ich antworten solle.
Habac. 2, 1.
bedenken, erwägen: darumb schaw die güte und den ernst gottes.
Röm. 11, 12.
in betracht ziehen, rücksicht nehmen auf: ni scouuôs thû heit mannô.
Tat. 126, 1 ('
non enim respicis personam hominum',
wo wir jetzt vom ansehn der person
reden). jemanden schauen,
besuchen: wa arme vrouwen inne kindelbettes lagen ... di wolde si ummer schouwen unde mit ir gabe erfrouwen.
leben der heil. Elisabeth 2373
Rieger; des nam si mildecliche zuo ir ouch ander frouwen, alse obe si wolde schouwen ... Elizabeth di heren. 4780;
von gott gesagt, gnädig auf jemand blicken, ihn segnen: alsus trôstens mînen muot, er und mîn juncvrouwe. daʒ sî got iemer schouwe!
Iwein 794 (
vgl. die anm.); so nu die dugentrichen, die uz erwelten frauwen got vorbaz wulde schauwen und umme ir dogentliches leben hoer gnade wulde geben.
leben der heil. Elisabeth 1862
Rieger; mit droste er si schouwete, ir ruwec herze erfrouwete mit suzekeide gnade. 4863. 6@ff)
ganz vergessen ist die eigentliche bedeutung von schauen
in der verbindung etwas mit dem rücken schauen,
ihm den rücken zuwenden, von ihm fortgehn: der könig musz in die verbannung gehn, der sohn auswandern aus des vaters hause und seine wiege mit dem rücken schauen. Schiller
jungfr. von Orl. 1, 7. 77) schauen
nähert sich der bedeutung von sehen,
wenn es nicht sowol die willensrichtung, als den effekt, die wirklich erfolgte wahrnehmung bezeichnet, sei diese nun eine beabsichtigte oder eine unwillkürliche. 7@aa) etwas schauen,
sehen, zu sehen bekommen: thanan mahta hê thena gôdon skawon, Abraham gesehan.
Heliand 3360; thô hêt the hêlago Krist antlûkan thea leiathat hê môsta that lîk sehan, hrêo skawoian. 4079; ir sculut mit sulîchen ougonselbon druhtîn scowô
n. Otfrid 2, 16, 22; si worhtin dâr eini Trôie, di man lange sint mohte scowen.
Annolied 378; man mac sô jæmerlîcheʒ clagen an mîner lieben vrouwen und ame gesinde schouwen.
Iwein 1162; 'bidt voor mi', sprac hi, 'edele vrauwe, dat ic u met lieve weder scauwe'.
Reinaert 2768; daz ich gesehen unde geschouwet habe daz zertliche gebeine adirn unde senwin mines allir liebisten brudirs unde frundis.
leben des heil. Ludwig 64, 17
Rückert; den selben werde ich mir sehen, und meine augen werden jn schawen.
Hiob 19, 27; denn er (
gott) sihet die ende der erden, und schawet alles was unter dem himel ist. 28, 24; du sihest ja, denn du schawest das elend und jamer.
ps. 10, 14; kere wider, o Sulamith, kere wider .. das wir dich schawen.
hohel. Sal. 6, 12; ach, nicht vom ersten morgensterne vom felsen blickst du bald herab; und schaust in naher ferne den erdenball, dein grab. Herder 29, 118
Suphan; nimmer werd ich meinen lehrer schauen, bis mein aug im todesschlummer bricht. Hölty 61
Halm. erblicken, gewahr werden, erschauen: denn wendet (
ich) mein hertz und augen erhaben alleine zu gott, der lies mich handsteine schauen, gedigen ertz güldigrodt.
bergreihen 36, 11
neudr.; bis dasz der himmel graute, und man, beim ersten sonnenblick, ein grünes eiland schaute. Hölty 23
Halm. freier in der verbindung einen tag
u. dergl. schauen,
erleben (
lat. videre): nein, diesen tag will ich nicht schaun! Schiller
Wallensteins tod 3, 11; o musz ich diesen tag des jammers schauen!
jungfrau von Orl. 1, 7 (
doch vgl. 1). 7@bb)
mit acc. cum infin.: dâ mohte man scowen daʒ blût von den Kriechen flieʒen. Lamprecht
Alex. 4595
Kinzel; sach ieman die frouwen, die man mac schouwen in dem venster stân?
minnes. frühl. 129, 15; Gâwân sprach 'mîne frouwen sol ich si küssen schouwen'.
Parz. 671, 10; er schaut von oben länder hufen gleichen, und städte löchern; in den engen reichen schaut er in haufen, heiszen geiz zu kühlen, maulwürfe wühlen. E. v. Kleist 1, 5; (
er) schaut bienen schwärmen. 1, 27; o musz ich euch, ihr auen, die ihr uns oft verbargt, noch ferner grünen schauen? 1, 66; ich schau' in diesen reinen zügen die wirkende natur vor meiner seele liegen. Göthe 12, 32; dich schaut' ich immer, o Laertes sohn, der feinde list mit schlauem blick erspähn. Stolberg 14, 167; schau zween tapfere männer auf dich anstürmen zum kampfe. Voss
Ilias 5, 244; bebend schaust du das christenvolk die meere beherrschen? Pyrker
werke (1839) 27 (
Tun. 3, 243).
an stelle des infinitivs kann ein prädicatives adjectiv, particip oder eine adverbiale bestimmung treten: want er wilit unsih scowônzi thên êwînîgen goumon. Otfrid 1, 11, 58; dar zuo wil ich schouwen in dînen hulden dise frouwen mit suone âne vâre.
Parz. 267, 25; ob ich iuch des willen schouwe, daʒ ir mich gerne bî iu hât. 509, 4; der iesliu mohte schouwen gewâpent dâ ir âmî
s. 682, 13; schau, edles Teck-Athen (
Tübingen), mit freudevollem busen, schau diese worte heut vermählet mit der that. Haller 225, 7
f. Hirzel; doch die zauberfrist zerrinnt, und wir schauen plötzlich wieder seine königliche hoheit in ein ungetüm verzottelt. H. Heine 1, 433
Elster. oder ein abhängiger satz, mit dasz, wie
oder indirecten fragewörtern eingeleitet: er schaut auf rosen thau wie demant blitzen, schaut über wolken von der berge spitzen wie schön die ebne, die sich blau verlieret, der lenz gezieret. E. v. Kleist 1, 26. 7@cc)
übertragen von geistigem wahrnehmen, erkennen, einsehen: be that hê thea wurdi farsihit endi hê thes arBêdiesendi skawôt.
Heliand 4584; si sprach: nû sol man schouwen alêrst iuwer vrümekheit, dâr an daʒ ir iuwer leit rehte und redelîche tragt.
Iwein 1796; diu krône ist elter danne der künec Philippes sî: dâ mugent ir alle schouwen wol ein wunder bî, wies ime der smit sô ebene habe gemachet. Walther v.
d. Vogelweide 18, 30; nû woldan, welt ir die wârheit schouwen! 46, 21; dar an magk man sin torheid schauwen, dasz hie prediget die barmherczikeit und widdersprichet das selber an underscheit.
Alsfeld. passionssp. 2697; sint ir doch sprecht, ir habt mich holt, das ich es müg gelauben pas, so tragt die kron on allen has auch hie vor herrn und vor frauen und last mich auch die warhait schauen!
fastn. sp. 659, 9;
so auch: erkennen unde schouwen zeiner rehten volkes frouwen muose man mich, ruochtes
got. Parz. 660, 19. seine lust
u. s. w. an etwas schauen: sie aber schawen und sehen jre lust an mir.
ps. 22, 18; swen si (
die welt) nû habe verleit, der schouwe sînen trôst: er wirt mit swacher buoʒe grôʒer sünde erlôst. Walther v.
d. Vogelweide 124, 39.
mit folgendem satz oder infinitivconstruction: vrouwe, ir mugt wol schouwen daʒ er den sin hât verlorn.
Iwein 3398; eyn schon marmelsteyn wart dar bereyt ... myt groten bockstaven dar op ghehauwen, dat men klarlyken mochte schauwen, we dar under lach begraven.
Reineke vos 434; den geitzhals und ein fettes schwein schaut man im tod erst nützlich seyn. Logau 1, 39, 44; daraus du schauen kanst, wie der verliebten hoffen gar selten auf den zweck getroffen. Hoffmannswaldau
getr. schäfer 37; du schauest nun, dasz diejenigen, so die seele vor eine einstimmung halten, also zu antworten pflegen.
sterb. Socr. 84. 88) schauen
gilt besonders in gehobener rede von einem geistigen, nicht-sinnlichen sehen, so von den gesichten des propheten, der intuition des künstlers u. ähnl. 8@aa)
auf der grenze steht gott schauen,
welches theils sinnlich, theils geistig verstanden wird: da stiegen Mose, Aaron, Nadab und Abihu .. hin auff, und sahen den gott Israel .. und da sie gott geschawet hatten, aszen und truncken sie.
2 Mos. 24, 9—11; wenn er das andlitz verbirget, wer wil jn schawen?
Hiob 34, 29; selig sind die reines hertzen sind, denn sie werden gott schawen.
Matth. 5, 8; daszs der mensch waren friden suocht, der da sein selbs on underlasz warnimpt .. und ruowt allein in dem schowenn gottes .. denn allein im schauwen gottes, findet man waren friden. Keisersberg
seelenparadies 68
d; dann werden wir, in seinem licht, von angesicht zu angesicht, den mittler schaun! Klopstock 7, 71.
so auch: o dann würd' ich den frühling besser fühlen, besser meinen schöpfer in jeder blume schauen und lieben! Hölty 98
Halm. 8@bb) geistiges schauen: balsam ... der alles begehren in geistiges schauen umwandelte. Bettina
briefe 52;
so schauen
im gegensatz zum sehen: hier (
auf erden) war es gut, dort (
in jener welt), hoff ich, ist es besser! sie (
die toten) sind vom sehen nun zum schaun! Göckingk 3, 212. 8@cc)
geistiges schauen, betrachtung, contemplation, beschaulichkeit; so besonders das particip, mit veränderter beziehung: ein schauendes (
beschauliches) leben; in schawendem leben.
quelle bei Dief.-Wülcker 834;
im gegensatz zum praktischen leben: maister Thomas spricht, daʒ das wircklich leben denn besser sey, dann dʒ schawende, so man in der würcklikait auszgeüsset vonn liebe, das man in der schawung hat eingenomen. Tauler (
Augsb. 1508) 19
c; ich sprich, das er mer nutz und besseren nutz schafft ein mensch in einem schouwenden leben dann in einem wirklichen leben. Keisersberg
brösaml. 1, 16
a. 8@dd) schauen
der phantasie, erinnerung u. s. w.: immer, immer schau' ich die werthen plätze, wo du mit mir wandeltest, theurer vater! Hölty 81
Halm. 8@ee) schauen
des sehers, propheten. in die zukunft schaun: vermögt ihr [in] die saat der zeit zu schauen und vorher zu sagen, welch saamenkorn wird aufgehn, welches nicht. Schiller
Macbeth 1, 5; des sehers schaun, der gottheit spur und walten, die sammlung hat's gethan und hat's erkannt. Grillparzer 6, 46. 8@ff)
selten für abstractes erkennen, speculation: der geist, in sofern er einzelne sätze durchs schauen herausbringt. Abbt
bei Campe; durch dieses schauen gelangt man zu den begriffen und sätzen der weisen, und sie selbst, die seher, schwingen sich dadurch über andere menschen hinaus.
ebenda. vgl. anschauen theil 1, 435
f. 99)
zuweilen bezeichnet schauen
nicht die wahrnehmung eines objects durch das auge, sondern den ausdruck der gemütsstimmung im blick. wild schauen,
wofür gewöhnlich aussehen,
engl. to look (
vgl. auch blicken): Verrina schaut wild. Schiller
Fiesko 1, 11; und bei den grillen der hübschen frauen muszt du immer vergnüglich schauen. Göthe 2, 296.
mundartlich grosz und klein, groszmächtig schauen,
sich sehr verwundern. Schm. 2, 349;
anders gewendet, sodasz das, was sich im blick ausdrückt, subject wird (
vgl. 10): aus deinem hohlen, morschen schädel schaut kein solcher himmel mehr voll seligkeit. Chamisso 2, 33
Koch. poetisch sind substantivische fügungen wie: sein (
Lazarus') niederschauendes auge schauete tiefsinn her. Klopstock 3, 196 (
Mess. 4, 655,
ältere lesart: herab);
ähnlich: er (
der hohepriester) hatt' es gesprochen; und nun stand er emporgerichtet, und schaute verderben. Satan schaute mit ihm. 4, 31 (6, 432
f.).
vgl. dazu: ihn soll die ganze gemeine steinigen; sendet mein schauender blick ihr winke zum tode. 3, 164 (4, 156). 1010) schauen
findet sich zuweilen passivisch: aussehen, erscheinen, stets mit einer prädicativen bestimmung: ei, dank, mein kind! der (
kuchen) schaut recht wacker. Tieck 2, 330; sturm entblättert schon die bäume, und sie schaun gespenstisch kahl. H. Heine 1, 221
Elster (
neuer frühl. 43).
mit infinitiv: und schauet meine schuld dir ja zu grosz zu seyn, so bitt ich dich ... lasz mich genade doch genieszen. Hoffmannswaldau
getr. schäfer 65.
vgl. auch die ersten beispiele unter 9
und 12.
mundartlich (
bair.)
in diesem sinne reflexiv: das getreide schaut sich gut an
u. ä. Schm. 2, 349. 1111) Schmeller 2, 349
führt auch eine factitive verwendung von schauen
an, dem engl. show
entsprechend, und gibt als beleg: niemand sol seine jungfrau geschauen (
zur schau stellen?) mit kleinoden oder sonsten,
und die wendung der heutigen volkssprache: sich schön schauen bey einem,
sich ihm von der guten seite zeigen, heucheln. das letzte beispiel unter 10
gehört nicht hierher, da sich schauen
darin passivischen sinn hat, vgl. franz. se voir,
lat. videri.
sonst ist eine factitive verwendung nicht bekannt. 1212) schauen
als term. techn. bei den färbern: wenn man ein tuch nicht ganz mit ächter farbe färbet, sondern darüber noch eine unächte farbe aufträgt, und diese dann verschieszt, so schaut
die farbe, d. h. die ächte kommt wieder zum vorschein. Jacobsson 3, 554
a.
vgl. 10.