bewegen,
bewog bewogen,
ein schweres wort, bei dem vorsicht noth thut. von dem einfachen verbum wird unter wiegen
gehandelt; da schon das goth. vigan
und vagjan
in der bedeutung zusammentreffen, ist kein wunder, dasz bewegen bewog
und bewegen bewegte
in einander greifen. ähnliche mischungen zeigten sich bei abwägen
und abwiegen,
bei aufwägen
und aufwiegen,
bei auswägen
und auswiegen,
wo doch das ie
in wiegen (
analog dem in liegen)
einen halt gab, bewiegen für bewegen
wird aber heute gar nicht geschrieben, früher kommt es mitunter vor (
s. bewiegen).
mhd. schied sich bewëgen
pendere, perpendere, bewiget
perpendit, praet. bewac,
part. bewëgen
rein ab von bewegen
movere, beweget
movet, praet. bewegte,
part. beweget, bewëgen
reimt auf dëgen, pflëgen, rëgen
pluvia, bewegen
auf legen, regen,
movere. nhd. sollte das starke bewegen
lauten wie regen
pluvia, das schwache wie regen
movere, legen
ponere, man pflegt aber auch dieses mit ë
auszusprechen, wofür wir ä
in erwägen
schreiben. im ablaut wurde die reinheit der vocale bald aufrecht erhalten (bewag bewagen bewegen,
wie lag lagen gelegen),
bald getrübt (bewog bewogen bewogen,
wie wog wogen gewogen, wob woben gewoben),
endlich das i
in bewigst bewigt
allmälich zu e
geschwächt (bewegst bewegt,
wie erwägst erwägt).
solche formstörungen müssen auch die bedeutung beeinträchtigen, oder umgekehrt aus der schwankenden bedeutung hervorgegangen sein. 11)
der sinnlichen bedeutungen von vigan, wëgan
sind manche, als ursprünglichste mag aufgestellt werden movere, vibrare, unserm alterthum lag zumal die vom schwingen der wage und wiege nah und bewegen
war pendere, ponderare. sie crscheint aber nhd. nur selten: darnach weil gold gold an sich zög, ein silber das ander bewög (
aufwöge).
froschm. I. 2, 18 (O 8
a); ein stimm, recht deutlich und bewogen. Ringwald
evang. J 6
a,
will doch wol sagen rein abgewogen, gleichgewichtig? s. bewägen sp. 1762. 22)
abgezogner ist bewogen
benevolus, favens, wofür wir heute gewogen
sagen, doch schw. bevgen,
dän. bevaagen,
die von uns entlehnt wurden: das die brüder ir bewogen gezeugnis halten. Luther 3, 133; mit genade bewogen sein. Schweinichen 2, 20; und sie mir sonsten mit allen gnaden bewogen war. 2, 305; seit ihr ein junkher und habt gelt, möcht ich euch basz bewogen sein. Ayrer
fastn. sp. 115
b; wem Mars bewogen ist, liegt oben durch den krieg. Opitz 2, 12; den göttern, die ihm wol und gut bewogen sind, mit furcht entgegen laufen. 1, 218; welchen sie mit mütterlicher treu bewogen war.
Arg. 2, 167; nach dem groszen sündenflusse setzte gott den gnadenbogen, wann auf strafe folget busze, ist er uns wie vor bewogen. Logau 1, 7, 74.
kann es meinen die wagschale neigt sich günstig? oder ist es, ohne bezug auf die wage, zugeneigt? mehr noch unter gewogen. 33)
ahd. mir wigit
moveor, molestum mihi est (Graff 1, 656), luzil piwigit
parvi pendit (1, 658),
mhd. mich wiget hôhe,
magni facio, mich wiget ringe,
parvi pendo (
gramm. 4, 238).
ebenso noch bei Luther: ob aber jemand der unsern vieleicht bewegt, wie es möglich sei. 8, 71
b; mit herzog Georgen sachen haben die unsern fast unvorsichtiglich gehandelt, dasz michs hoch bewogen hat.
br. 4, 683,
ita, ut moleste feram; das euch bewegt, ob geldschuld auch ein kreuz sei. 1, 427.
für dies unpersönliche nhd. mich bewigt hoch, gering
musz es noch mehr belege geben. 44)
häufiger zeigt sich die abstraction bewegen,
perpendere, erwägen: Maria aber behielt alle diese wort und beweget sie in ihrem herzen,
συμβάλλουσα,
vulg. conferens,
goth. þagkjandei.
Luc. 2, 19,
richtiger stände hier bewog,
erwog, wie in der hernach folgenden stelle Ayrers bewogen; da sagt ich, e. hochw. wölle das wort betrachten und fleiszig bewegen. Luther 1, 119
a;
s. Petrus zeucht es (
das urtheil gottes) auch an und bewigt es hoch,
magni pendit. 4, 51; das nu jemand möcht bewegen (
in betracht ziehen), wie Jacob so untrewlich mit seinem bruder gehandlet habe. 4, 152
b; das e. k. gn. gnediglich wollten bewegen sein armut und elende. 5, 265
b; denn ich habe alle zeit meine wort also gesetzt und zuvor bewogen. 6, 6
b; so wir nu dieses stück nach vermögen, das gott verliehen hat, bewogen und behandelt haben. 6, 394
a; so doch für handen sind gelerte juristen, die solchs wol zuvor könden hören und bewegen. 8, 41
a; wie grosz solch gab sei, kann niemand genugsam bewegen.
br. 2, 162; e.
f. gn. wollen sie (
die sprüche) lesen und bewegen. 3, 508; und ist das mein bewegen. 4, 201; wir haben ewre schriften empfangen und mit fleisz gelesen und bewogen. 4, 358. 480;
in der bibel verwendet Luther
den ausdruck nicht. andere schriftsteller reichen folgende beispiele dar: so bevelhen wir dir, du wöllest die sachen gruntlichen und nach notturft bewegen und ratschlagen, wie sollichs anzufahen sei. Reuchlin
augensp. 3
a; sie hon es gelernt, nit das sie dem nachvolgten, sunder das si es kündten bewegen und widerfechten (non ut sequantur sed ut judicent atque convincant). 9
a; Innocentius hat dise materi durch vil hochgelerter bischofen lassen ermessen und bewegen. 12
b; so bedenken wir auch, dasz die sache noch nicht genugsam bewogen, wie die nothwendigkeit erheischt. Melanchthon 1, 512; achten wir uns für unvermöglich oder können und wollen nichts thun, so es vorfällt, der zeit halben oder von wegen andrer umstände, das lassen wir die herren bewegen (
überlegen). 3, 690; ist auch dieselbige schrift durch viel praedicanten dieser land besehen und bewogen, die sie als recht und christlich approbieren. 7, 820; die alle artikel fleiszig bewogen haben.
vorr. zum corp. doctr. chr. p. ii; disz soll hie zugleich wol bedacht und fleiszig bewogen werden.
p. 968; in dem spruch ist kein dunkelheit, wenn man die sach recht bewigt. Melanchth.
hauptart. verdeutscht bl. 75; das hatten sie nie bewogen oder bedacht. Rihel
Liv. 489; man weisz, das mancher schlafen ligt, und traumend künftig ding bewigt. Schwarzenberg 152, 1; der arzt schawt auf und wol bewag. H. Sachs I, 157
d; mit vernunft ich bewag. I, 278
b; das soll billich werden bewogen. Ayrer 404
b; wer keines wil bewegen, der wird sich letzlich legen ins bette, wo die flammen gehn über ihn zusammen. Logau 3, 10, 21; die sache etwas fleisziger bewegen als zuvor. Schweinichen 3, 136; item es ist zu bewegen, dasz in den kriegsleuften nit alle ding zu bedenken, wie ich sie jetzt beschreiben mag. Fronsperg 1, 126
a; und seine mutter hat alles, was sie gehört, das von diesem kindlein gesagt wird, fleiszig in ihr herz bewogen. Ayrer
proc. 2, 10; so wollet ihr es mit aufmerksamen und wolbewegenden herzen lesen. Schuppius 469.
heute gitt dafür überall erwä
gen. 55) sich eines bewegen
hatte mhd. den privativen sinn sich einer sache begeben, abthun, entschlagen, zur seite wenden: Kriemhilt in ir muote sich minne gar bewac.
Nib. 18, 1; vil der varnden diete ruowe sich bewac. 39, 2; sie heten sich der ruowe mit arbeite bewegen. 1304, 2; nune welle got von himele, sprach Gunther der degen, daʒ ir iuch genâden sült an uns bewegen. 2114, 2; des bewag er sich ze hant.
a. Heinr. 1257; der antlitzes sich bewac nâch menschen antlitze.
Parz. 119, 20; man sol und muoʒ sich sîn bewegen.
Trist. 44, 29; sô muget ir iuch (
nicht ouch) mîn wol bewegen. 188, 31; und welcher friunde ich sol phlegen unde der ander mich bewegen.
Barl. 120, 24; dur die er vreuden sich bewac. 189, 38; mac sich waʒʒer unde mer ruowe niht gein in bewegen. 235, 5; und valscher lêre sich bewegent. 271, 14.
wie diese bedeutung aus einer positiven entspringen konnte, scheinen die stellen zu lehren, die keinen gen. enthalten, aber einen abhängigen satz mit verneinung folgen lassen: do bewâgen sî sich schiere, sine væhten niemer wider in, ern tæte sînen lewen in.
Iw. 6710; wan si hâte sich bewegen, si enwolte niemer gepflegen keiner fröuden über al.
Flore 5781;
sie entschlossen sich nicht zu fechten, sie hatte sich entschlossen keiner freude zu pflegen, und ebenwol hätte mögen gesagt sein: sie bewâgen sich des strîtes, si hâte fröuden sich bewegen,
wie umgedreht jenes: minne sich bewac
aufzulösen wäre in: si bewac sich, sine wolde minnen.
solchergestalt zu fassen ist auch privatives beteilen.
nhd. gieng auch dieses sich bewegen
über in sich erwegen
oder verwegen: etliche aber fielen dahin, das sie sich des lebens erwegeten (
f. erwogen).
weish. Sal. 17, 15; hatten sich ires lebens erwegen (
al. erwogen).
stücke in Esther 7, 9; also das wir uns auch des lebens erwegeten (
goth. svasvê skamadêdeima uns jah liban).
2 Cor. 1, 8. sich verwegen
sagt H. Sachs: des ich mich doch gar tet verwegen. III. 2, 39
d; ich musz mich sein gleich gar verwegen. III. 2, 116
a, sich irs lebens verwagen els. III. 2, 246
b; erst musz ich mich dein ganz verwegen. III. 2, 253
a;
auch hier empfängt, wo der gen. abgeht, verwegen
positive kraft: verwegen het ich mich zu sterben. III. 2, 221
b.
heute sind erwegen
und verwegen
in solcher bedeutung auszer gebrauch. 66)
das starke und schwache verbum, seit bewigst
und bewigt
verwischt sind, vermögen wir heute am praesens gar nicht mehr, nur am praet. zu unterscheiden. ich bewog
heiszt impuli, adduxi, brachte dazu; ich bewegte
agitavi, commovi; ich bin, werde bewogen,
dahin gebracht, adducor, inducor; ich bin, werde bewegt,
agitor, commoveor. bewog
drückt bloszen trieb, antrieb, bewegte
stärkere einwirkung, erschütterung aus. ich bewog ihn zu handeln, du bewogst mich zu diesem schritt; ich bin bewogen nachzugeben und das haus zu verkaufen; deine worte bewogen mich zum nachdenken, zur überlegung; bin derhalb darauf bewogen, euch dies kleine brieflein zu schreiben. Luthers
br. 4, 535;
in allen diesen beispielen würde nicht gut bewegte
und bewegt
gesagt. dagegen heiszt es, dieser anblick bewegte mich zu thränen, zum weinen, zum lachen; ich fühle mich heftig bewegt; die ganze stadt ist bewegt davon,
wo bewog
und bewogen
unzulässig wären, bewegt
kann (
wie erregt, erschüttert, aufgebracht)
absolut stehn, niemals bewogen
impulsus. man dürfte zusammen stellen: dein hartes schicksal bewegte mich, es bewog mich dir die hand zu bieten.
doch laufen die grenzen in einander über, und beide, bewogen
und bewegt,
scheinen in der bedeutung von gerührt, angeregt u. a. m. statthaft. so schrieb schon Mich. Neander
menschensp. 32: die worte bewogen mich,
d. i. rührten, bewegten; als er disz sahe, ward er gegen ihn mit so innerlicher erbarmung bewogen.
pers. baumg. 9, 9; mir träumete, ich hätte dich hören predigen mit einer so lieblichen stimme, dasz du aller deiner zuhörer gemüter bewogen und auf deine seite gezogen hättest.
pers. rosenth. 4, 12; wann ich zur ungedult bewogen (
getrieben) würde. Schuppius 791; war heftiglich bewogen (
erregt) wider die christen. Ringwald
evang. G 8
a; Durus hört manch spitzig wort, wird dadurch doch nicht bewogen, hat den ohren, wie man meint, einen harnisch angezogen. Logau 3, 5, 84; hierdurch zum mitleid bewogen. E. von Kleist 2, 32; da ich mit treuen seufzern des besten mädchens herz bewog. Hippel 7, 310.
man würde heute immer bewegte
vorziehen. 77)
am meisten fällt uns auf, wenn frühere schriftsteller bewog
für sinnliches bewegte
setzen: grosz augen als die kesenepf, aus welchen, wenn sie die bewogn, viel hundert tausend funken flogn. Ringwald
tr. Eck. K (1590 J 5
b); so wird das meer auch immer vom winde bewogen und schwüllet dadurch auf. Praetorius
storchs winterq. 304; der hat im tanze nicht die beine recht bewogen (
gerührt) Rachel 128; vergnüglichkeit und sanfte stille, die weder mut noch leid bewog. Haller 172 (164).
auch nnl. liest man: geen blad aan de boomen bewog zich,
statt des üblicheren bewegde zich.
dies bewog
schiene wol geeignet sanftere bewegung auszudrücken: der wind bewog,
rührte, trieb die blätter,
wo auch mhd. bewac
oder wac
denkbar wäre, und diu bleter, löuber sint bewëgen
statt beweget.
das praes. entscheidet nicht: still ist luft und lüftchen stille, was bewegt mir das gezweige? Göthe 3, 38,
früher würde bewigt
keinen zweifel gelassen haben.