Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
hals stM.
1.1 bezogen auf die Außenseite des Halses
1.1.1 allg.
1.1.2 in verschiedenen Wendungen
1.1.3 übertr. als Träger schwerer Lasten
1.1.4 bezogen auf Straf- oder Gewaltanwendung an Hals oder Kopfpartie (überwiegend rechtssprachlich, weitere Belege s. DRW 4,1485-1490)
1.1.4.1 an den hals, zuo halse slâhen ‘ohrfeigen’ (s.a. halsslac , stM., halsslagen , swV.)
1.1.4.2 mit Todesfolge
1.1.4.3 in Wendungen, die sich auf die am Hals zu vollziehende Todesstrafe beziehen
1.1.4.4 als Bezeichnung für die Todesstrafe selbst
1.1.4.5 bezogen auf das Leben selbst
1.1.4.6 in Paarformeln zu Strafmaßen, die an Hals und Hand, Kopf u.ä. vollzogen werden
1.2 bezogen auf das Innere des Halses
1.2.1 ‘Speiseröhre, Luftröhre’
1.2.2 als Sitz der Stimme
2 übertr.
2.1 anatomisch
2.2 geogr.
1 ‘Hals, Genick’ 1.1 bezogen auf die Außenseite des Halses 1.1.1 allg.: collum: hals PsM C 5,13; den hals her niegote Roth 1886; ir vil kleinvelwîzer hals KLD:UvL 43: 6,1; umbe sinen hals lac / ein bouch uile waehe Rol 1577; nim corn blumen. vnde henge si im vmme den hals SalArz 35,5; EnikWchr 11189; HvNstAp 15070. – bildl. als Teil der Sippentafel: nû merke wir ouch, wô die sibbe beginne, und wô si ende. in deme houbete ist bescheiden man und wîb zu stênde [...]. in des halses lide die kindere SSp (W) 1:3,3; mit deme houbite sint die man bezeichint, mit dem halse sint die suͦne bewisint RbGörlitz 123. – ‘Nacken’ oder übertr. auf ein den Hals umschließendes Kleidungsstück ‘Kragen’?: mit einander si in schuben / hin ûz [...] bî dem hals Fressant 567; diu spêr man schôn dâ bresten sach: / an bêden helsen [zweier Ritter] daz geschach UvLFrd 203,20 1.1.2 in verschiedenen Wendungen: – den schilt ze halse nemen, hâhen ‘sich den Schild zum Kampf umhängen’ mînen gedanken wart nie baz / dan sô ich ze orse gesaz / und den schilt ze halse genam Greg 1595; Rennewarten des ze sehen zam, / wie dirre den schilt ze halse nam, / und wie der ander helm ûf houbet bant Wh 314,2; Parz 71,29; Winsb 17,8; Er 3216; vnde als er den stegereif / mit den fuzze begreif, / zv halse er den schilt hinc Herb 14689; an dem schilt er sich niht betrouch, / der wart ze hals gehangen Krone 7431; Wh 384,14. 386,26; JTit 1966,4. – umbe/ an den hals vallen ‘(stürmisch) umarmen’ an den hals er ime fiel, manigen zaher ob ime lie Gen 2456. 2535; [er] viel ir vmme den hals zehant TürlArabel *R 206,22 1.1.3 übertr. als Träger schwerer Lasten: dînem bruoder scolt dû dienen, [...] daz dû abe dînem halse gescutest sîn joch Gen 1217; BrZw 58; NvJer 5893; [Gott] mir einen zentener leite ûf mînen hals Eckh 1:37,7; der ander ruͤger [Ankläger] her fuͤr gat: / daz ist sin selbs missetat, / sin sunde und sin bosheit, / die er uf dem hals treit HvNstGZ 6649. – bezogen auf das Lebensalter: ich [Alberich] hân ûf mînem halse mêr dan fünf hundert jâr OrtnAW 241,4 1.1.4 bezogen auf Straf- oder Gewaltanwendung an Hals oder Kopfpartie (überwiegend rechtssprachlich, weitere Belege s. DRW 4,1485-1490) 1.1.4.1 an den hals, zuo halse slâhen ‘ohrfeigen’ (s.a. → halsslac , stM., → halsslagen , swV.) : het er mich an den hals geslagen, / ich mocht ims han baz vertragen Erz III 56,93; EvStPaul 14156; swa ein burgere den andern burgere an den hals slet, so sol der, der den slach getan hat, ein iar von der stat sin UrkCorp (WMU) 816,42; WüP 42,3; sie spuwen sin antlitze vol, / zu halse faste slugen sie yn EvStPaul 1871 u.ö. – ‘an die Gurgel gehen’ so sint ime [dem Hirsch] die hunde uf dem halse Tauler 52,31. – ein swert ûf den hals erteilen ‘jmdn. mit Ächtung strafen’ wirt iz [die Vergewaltigung einer Frau] abir uf in bracht, alsi hi biscribin is· so sal min [= man] umi [= ihm] teili [verurteilen] ein suert uf sienin hals Mühlh 108,4 (s. Anm.z.St.) 1.1.4.2 mit Todesfolge: – ‘(jmdm.) das Genick brechen’ er stîz in ze tal uber einem stein, / daz ime sîn hals enzwei brast VAlex 231. 236; ich wânde etwenne wie wir fliegende solten werden, und klam [kletterte] ûf einen boum: ich möhte den hals hân ab gevallen PrNvStr 295,16. – ‘jmdn. enthaupten’ den hals er ime abesluͦc Rol 8983; cehant stûnt der schêchêre ûf unt slûc ime den hals abe mit einir ackis PrMd (J) 347,5; UrkCorp (WMU) 51,17; Mühlh 104,15. 106,19; man din leben bougete / und dinen hals der kuscheit / mit scharfem slage enzwei sneit Pass III 667,51; ich machen etzelichem den hals kurt KarlGalie 2958; do nam man iene guten dri / und ouch dise zwene hie. / mit in man alzuhant begie / an deme halse vollen mort Pass III 502,63 1.1.4.3 in Wendungen, die sich auf die am Hals zu vollziehende Todesstrafe beziehen: – an den hals gân ‘die Todesstrafe verhängen’ [Wer] dan den vridi brechi wizzintliche [...], den gingiz an urin hals Mühlh 101,26 u.ö.; so geet iz im iu an den hals StRFreiberg 151,10; bûtet der munzcêre einen valschen phenning ûz sô daz her dâ mite koufen wil, ez gêt ime an den hals SSp (W) 2:26,2 u.ö. – den hals verwirken ‘die Todesstrafe durch eigene Schuld erhalten’ wiert he vur girichti bracht mit giscreigi· he heit sienin hals virworcht Mühlh 96,3. – den hals verteilen/ verzeln ‘jmdn. zum Tode verurteilen’ slêt ein man den andern durch nôt zu tôde [...], man en sal ime sînen hals nicht verteilen SSp (W) 2:14,1; SpdtL 204,10; kumit he nicht czu gerichte [...], den sal man vorczelin uffe sienen hals nach der stat rechte UrkFreiberg 1:43,37 (a. 1305); StRFreiberg 61,19. – dâinkegin satztin sich / gene werlîch unde balt, / want iz in dî helse galt NvJer 14874. – den hals frîen ‘von der Todesstrafe loskaufen’ (HRG 1,1915, s.v. Halslösung): [ein Dieb] synen hals mit xvi mark mag fryen UrkPreuss 2,17 (a. 1286) 1.1.4.4 als Bezeichnung für die Todesstrafe selbst: er gebôt ainen gotes fride: / nâch dem scâchroube retailte man die wide, / [...] dem roubâre den galgen, / [...] den hals umbe den brant Kchr 15147; er gebot in pi deme halse / daz si die ime geben ze zinse ArnoltSieb 42,7; daz sol man in gebieten bî dem halse, daz si jene iht irren an irm kamphe SSpAug 176,13; wirt er aber begriffen, so ist hals wider hals oder er lose sich UrkÖsterrErbl 176,3 (a. 1338). – bî dem halse und bî der wide [Strang]: unz iz diu chunigîn verbôt / bî dem halse und bî der wide. / si swuor, swer bræche ir fride, / si hiez in in dem sende houbten Kchr 10068; sint stetiget her den vride / bi dem halse, bi der wide HeslApk 19068; Ortn 256,2; LivlChr 4620 1.1.4.5 bezogen auf das Leben selbst: – umbe den hals, bî dem hals ‘um des Lebens willen’ er muoz gerihten unde muoz antwurten umbe sînen hals SpdtL 204,20; haiden di uertanen / bi dem halse si sich ergaben / in des tiueles gewalt Rol 3514; den hals niht wâgen Renner 1617; Ottok 9874. 9882. – si suchten selbe den tot: / uil maniger den hals dar bot [das Leben anbieten] Rol 5550 1.1.4.6 in Paarformeln zu Strafmaßen, die an Hals und Hand, Kopf u.ä. vollzogen werden: – di grozen gerichte, di da gen an hant vnd an hals UrkCorp (WMU) 975,22. 50,14; der künig unde îclich richter mûz wol richten uber hals unde uber hant SSp (W) 3:78,1. 3:52,3; SpdtL 223,15; UrkBürgel 187 (a. 1333). – der koneg rihten sal fon rehte ubir hals unde ubir haubit UrkFrankf 1,422 (a. 1303). – muste man dedinge halten von hals vnd von halsbeyne WeistGr 2,2 (a. 1321); were es, das es ging an den hals oder an halsgebeine GrimmRA 2,257 (a. 1348). – euer sal her Teilman [...] richten van halse ind van buͦghe [Bauch] WeistGr 2,745 1.2 bezogen auf das Innere des Halses 1.2.1 ‘Speiseröhre, Luftröhre’ dér háls der tréget daz ézzen in den bûch Will 17,1; stoz im eine uedere in den hals daz he spie SalArz 46,52. 16,32; mit der vust er in scloch / daz ime vze deme halse vuor daz blot Roth 569; der luft innân gêt von der lungen in den hals BdN 16,5; Wig 4698; BuchdKg 13,7 1.2.2 als Sitz der Stimme: dér háls [...] tréget ábo dîe stímma ûz Will 17,1. – mit hals unde horn ‘mit lauter Stimme rufen’, für einen Jagdruf: von hals und mit dem horne / jag ich ze mangen stunden Hadam 446,1; so sall der jegher mit halse ind horne jaghen WeistGr 2,780 (14. Jh.). – den hals verstopfen ‘jmdn. zum Schweigen bringen’ do uffinbarte der edele furste sinen getruwen mannen sine meinunge [seine Hochzeitspläne] unde vorstophte den bosin kleffern iren hals, daz vorbaz mer nimant torste torlichen rede uff die hochzit Köditz 27,5. – in den hals liegen, die Wendung ist nicht eindeutig, sie ist evtl. als Verstärkung ( ‘schamlos lügen’ TPMA 8,77 s.v. Lügen) zu verstehen oder als Verbindung mit dem Körperteil, an dem die Strafe des Lügens ausgeführt wird (vgl. DWB 4,2,254f.): daz ist in ir hals gelogen Helbl 2,1412; ‘entriuwen, ir habt gelogen / in iuwern hals’, sô sprach das wîp Heidin IV 1647 2 übertr. 2.1 anatomisch: der prunn [Harn] vleuzt von den niern durch zwên häls [Harnleiter] oder durch zwuo âdern BdN 34,17; dar nâch gênt si [Blutgefäße] sô lang zwischen den zwain röcken [Hautschichten] der plâsen [Harnblase] , unz daz si koment zuo der plâsen hals ebd. 34,21; so heiz in sitzen in wazzer bat uf gericht. daz der blase hals zu tal ge SalArz 60,28 2.2 geogr.: – ‘Berghals, Bergrücken’ dorch den hals si grûben [...] / graben vil wîte / tiefe unde werehaft En 4088; der berch was stechel [steil] uber al, / niwan ein hals der was smal, / den heten sie dorchhouwen ebd. 5556. 4065. – ‘schmale Landzunge’ kein der Mimele dâ gêt zû / ein hals; dâ quâmen sie vrû / mit irme here hovelîch LivlChr 3966
MWB 2 1125,63; Bearbeiterin: Herbers