oder,
conj. aut, vel, sive. II.
Formen und herkunft. I@11)
dem goth. aíþþau (
nicht áiþþau,
vergl. gramm. 3, 60)
entspricht zunächst das ahd. ëddo, ëdo (
ags. eðða,
altn. eða, eðe),
mhd. vereinzelt ëde,
woraus ahd. vielleicht durch assimilation und mit anlehnung an das adv. ôdo (
vielleicht, vermutlich, etwa)
die formen oddo, odo, oda,
mhd. ode, od (
md. auch ade)
entstanden sind, von denen od
nur ganz vereinzelt noch im 16.
jh. erscheint: guet od gelt.
österr. weisth. 6, 429, 14; kilchenpfleger od vogt. Staub-Tobler
schweiz. idiot. 1, 97 (
vom j. 1588). I@22)
daneben hat sich entweder als comparative erweiterung oder nach analogie des oft damit verbundenen weder
schon in ahd. zeit eine form auf r
gebildet, die aber erst seit dem anfange des 13.
jh. häufiger wird und im 14.
jh. das ältere ode
fast ganz verdrängt hat (Weinhold
mhd. gramm.2 § 331):
ahd. odar, odir, oder;
mhd. oder,
md. ader (
th. 1, 179), eder,
selten uder,
wie noch in manchen mundarten; auch altn. eðr
neben eða. I@33)
in der nhd. schriftsprache gilt nur die form oder (
in md. und alem. denkmälern auch odder),
dessen erste silbe gedehnt worden ist, so dasz es metrisch nicht mehr wie im mhd. und im ältern nhd. einsilbig gebraucht werden kann auszer in der contrahierten form odr (
z. b. Herder
stimmen der völker 284)
und or,
die z. b. Spee
in der trutznachtigall (209. 219)
und Bürger
in der übersetzung der Ilias (181
a und anm.)
anwendet, ohne darin weitere nachahmung gefunden zu haben. vergl. die md. kürzung ar
aus ader (Lexer 1, 88. Weinhold
mhd. gramm.2 § 331)
und er aus eder (
th. 3, 114. 693. Schm.
2 1, 123. Vilmar
kurh. idiot. 289). —
die kärnt. form woder, wodder (Lexer 201)
ist wol durch einwirkung von weder
entstanden (
vergl. II, 11,
a). I@44)
das goth. aíþþau
ist aufzulösen in aíþ-þau,
dessen zweiter theil an sich schon (
wie das alts. þe) '
oder'
bedeutet und, wenn an eine lautumstellung gedacht werden darf, dem lat. aut
entspricht (
vgl.doch th. 2, 1200).
der ursprung des ersten theiles liegt noch im dunkeln, da das goth. þ
auch durch angleichung an das folgende þ
entstanden sein kann, wofür das gleichbedeutende alts. ëf-þo (ëf =
goth. iba,
s.ob sp. 1050)
mit der angleichung ëþþo
zu sprechen scheint, so dasz aíþ-þau
eigentlich soviel als ob - oder
bedeuten würde. —
vgl. th. 3, 1178.
gramm. 3, 60. 274. Wackernagel
altd. leseb.5 137. L. Meyer
goth. spr. § 493. Leo
ags. gloss. 479. Bezzenberger
adverb. 93
f. L. Tobler
in den beiträgen zur gesch. der d. spr. u. lit. 5, 371
f. Scherer
zur gesch. d. d. spr.2 316. 431. IIII.
Bedeutung und gebrauch. oder
ist disjunctive partikel und steht als solche II@11)
nach einem vorausgehenden weder, nicht, noch
zur fortführung der vereinung, wofür mhd. neweder — noch,
jetzt weder — noch
gebraucht wird: ich hab weder pferd, fraw oder hund. Pauli 338
Öst.; er macht kein geschrei weder mit blasen oder mit schreien. Murner
Eulensp. 29; ich wil weder dir oder dem kloster was anmuthen sein. Jul. v. Braunschweig 128
Tittm.; (
er) scheucht weder menschen oder gott. Ayrer 115, 2; eine tochter, die weder zu sieden oder zu braten taug und allen lastern ergeben ist, und weder ihrer eltern oder lehrer und prediger treue ermahnung hören wil. Schuppius 8; jäger werden weder in heiliger schrift oder in historien viel gelobet. 42; nicht — oder, noch — oder (
sp. 876): der schont nicht bruder oder freundt. Ayrer 114, 34; die man nicht wieder in viel tagen noch sehen oder finden kan. 2978, 11;
die disjunctive partikel des ersten gliedes kann auch fehlen, wenn die negation schon in anderer weise ausgedrückt ist: das dir oder den deinen kein gewalt geschehe. Luther 5, 390
a; dan er oder seine erben keinen platz mehr .. in teutschen landen gehapt.
Zimm. chron. 1, 122, 8; in einer tieffen gruft, dadurch niemand erkennet weg, steig, berg oder thal. Logau 2, 137. II@22)
nach entweder (
vergl. 10)
zur bezeichnung der alternative, der wechselseitigen trennung und ausschlieszung der verbundenen glieder (
namentlich im disjunctiven urtheile und schlusse),
wovon schon th. 3, 647
gehandelt worden ist (
ahd. bei Notker einweder — alde Graff 4, 1220;
mhd. einweder, eintweder, eintsweder — oder.
wb. 3, 546
ff. Lexer 1, 529);
es kann dafür auch ein den gegensatz noch mehr hervorhebendes entweder — oder aber
stehen (
th. 1, 31),
z. b.: dasz entweder die unschuldigen gepeinigt und getödt, oder aber die schuldigen ... erledigt werden.
Carolina, vorrede; entweder nimmt man an, dasz .., oder aber. A. W. Schlegel
vorles. 1, 4, 12. 238, 14
neudruck. II@33)
statt entweder — oder
gebraucht die sprache des 16.
jahrh. (
und noch schweiz. Staub-Tobler 1, 97)
in nachahmung des lat. aut — aut,
franz. ou — ou
auch oder — oder: dardurch ir alle gter und reichtuomb oder mit gewalt annement oder durch misbrauch .. den leuten abtringent. Schade
sat. 2, 87, 30 (
vom j. 1521); denn wiewol die fromen unter den feinden behalten werden, sind sie aber
doch noch unter ihnen gleich gefangen, bis das oder sie ausgeführt oder die feind bekeret werden und freund werden. Luther 1, 45
b; drumb haben sie zu hausz auch minder und müssen in krieg oder ziehen oder im land sich ferr bemühen. Fischart
Eulensp. (Frankf. o. j.) 155
a; da nemmen solche regiment oder ein enderung oder end.
werke 3, 79
Kurz. II@44) oder
allein genügt zur disjunction (
vergl. 10):
mhd. der esel sterbe oder ich. Stricker
Amis 223;
nhd. (
sie) wolten alda bei dem irem genesen oder erlich sterben. Aventin. 4, 321, 28; man hielte oder liesze es fallen. Luther
kurtz bekentnis (1545) F 4
b; Rom musz in grund werden zerrissen oder sie müssen gehorsam sein. Ayrer 389, 29; wer viel ämpter wil genissen, musz in sich viel gaben wissen, oder musz auf vortheil gehen, oder musz sie nicht verstehen. Logau 1, 6, 60; du muszt steigen oder sinken, du muszt herrschen und gewinnen, oder dienen und verlieren, leiden oder triumphiren, ambosz oder hammer sein. Göthe 1, 144;
nachdrücklicher oder aber (
vergl. 2): das thut er (
teufel) darumb, auf das ein mönsch fall in vermeszne hoffart oder aber in verzweiflung. Keisersberg
hellisch löw e 2
a; das er den Megtberg bevestigen oder aber Kreen erobern möchte.
Zimm. chron. 1, 418, 15; der leib und dessen kräfte fallen durch alter oder aber durch allerhand zustände dahin. Spener
leichpredigten (1686) 36. II@55)
in doppelfragen des gegensatzes. II@5@aa)
ahd. weder — odo,
mhd. weder — ode
im sinne des lat. utrum — an (Graff 4, 1217
f. mhd. wb. 3, 544
b. Lexer 2, 140. 3, 723)
und so noch im 15.
jahrh.: weder pin ichs oder pin ichs nit?
fastn. sp. 433, 16. II@5@bb)
dafür steht nhd. II@5@b@aα)
bei directer fragestellung einfaches oder wiederholtes oder: ist das schaff feiszt oder mager? Pauli 64
Öst.; predige ich denn jtzt menschen oder gott zu dienst?
Galater 1, 10; ist besser, das ein mensch das thu das er weisz odder das, das einer erst lerne das er nicht weisz? odder machen die doctores die bcher odder machen die bcher doctores? Murner
Eulensp. 145; soll ich mich wieder zum himmel erheben? oder bin ich gewürdiget worden dich sterben zu sehen? Klopstock
Mess. 4, 1044;
Schwarz zu Roller. bist du sein geist? oder bin ich ein narr? oder bist dus wirklich? Schiller 2, 90 (
räuber, schausp. 2, 3);
das oder
kann auch ganz unterbleiben: wer ist schimpflicher gehöhnt, der held von dem ein Sch.
** (
Schönaich) dichtet, der dichter den ein G
** (
Gottsched) richtet? Lessing 1, 34. II@5@b@bβ)
bei indirecter fragestellung ob — oder, ob — oder ob,
s. sp. 1062
f. II@66)
das disjunctive oder
knüpft wie das lat. aut
und auch das goth. aíþþau
an das an, was geschehen müszte, wenn der mit oder
eingeleitete fall nicht eintreten sollte: widrigenfalls, sonst; im goth. wird damit das griech. εἰ δὲ μήδε übersetzt: atsaihviþ armaiôn iʒvara ni taujan in andvairþja mannê du saihvan im; aiþþau laun ni habaiþ fram attin iʒvaramma þamma in himinam (ir habt anders keinen lohn bei ewerm vater im himel).
Matth. 6, 1; niþ-þan giutand vein niujata in balgins fairnjans, aiþþau distaurnand balgeis (anders die schleuche zureiszen). 9, 17,
vergl. Luc. 5, 36
f. und ahd. min odowân (
alioquin).
Tatian 33, 1;
nhd. Rumpolt, swer kain aid, oder es wirt dir werden laid.
fastn. sp. 994, 8; ich wil min gelt wider von dir han, oder dir die platten und kopf zerschlan.
N. Manuel
ablaszkrämer 110; ich muos usz dieser stat oder ich verdirb oder kum in d'hel.
F. Platter 150
B.; so müssen sie sich uns ergebn, oder verlirn leib und lebn. 120, 29; ich will kurtzumb sein herr allein, oder will mein leben dran wagn. 330, 14; sie hoffe den tag zu erleben, da sie dem pfaffen wolle das maul stopfen, oder wolle keine ehrliche dame sein. Schuppius 243; etwas musz er sein eigen nennen, oder der mensch wird morden und brennen. Schiller 12, 52 (
Wallenst. lager 11); eine krone will ich sehn, auf ihrem (
Theklas) haupte, oder will nicht leben. 280 (
Wallenst. tod 3, 4);
besonders eine drohung einleitend: thu nur bald ausz dem schlosz geheien! oder ich stosz mein schwert durch dich. H. Sachs 8, 93, 13; und mach nur nicht vil wesen! oder ich nim den pesen, thu dir dein kopf erschmiren. Ayrer 3088, 16; geh, oder ich will dir beine machen! Stieler 885; da gib mir den lohn, oder mein schäferstab und dein ohr sollen ein ding sein. Schuppius 169; rette sie! oder wehe dir! Göthe 12, 234;
Geszler zu Tell. du schieszest oder stirbst mit deinem knaben. Schiller 14, 358 (
Tell 3, 3); weib, mach platz, oder mein ross geht über dich hinweg. 398 (4, 3);
es steht auch bloszes oder
vor der nicht ausgesprochenen drohung. saget mir nicht mehr von der alten hure, oder ... Gryphius
lustsp. 78
Palm; ich überwand wol eh' ein hart verstocktes weib. bald opfer, oder ...
trauersp. 677; geht, oder — Lessing 1, 331.
es folgt dem oder
das synonyme sonst
verstärkend nach: so were not, das sy ylten, oder sy wurden sust vor der stat beschlossen. Tünger
facet. (1486) 90
Keller; des sich doch ein Christe tröstet in der pein, oder sonsten müste gar kein gott nicht sein. S.
Dach 95
Öst.; auch vorangestellt: (
ihr sollt) euch fein rund und kurtz erkleren, ob ihr stets zwilling wolt gebären, sonst oder männern nicht verargen, dasz sie nur nicht mit einer kargen. Logau 3, 5, 55 (
vgl. Lessing 5, 335);
eine drohung einleitend: so lasz den thuren (
thurm) beschlossen zu, oder es gilt dir sonst dein leben. H. Sachs 8, 93, 19. II@77)
mhd. disjunctives oder
beginnt den vorder- oder nachsatz im sinne von '
es wäre denn, es sei denn, wenn nicht': oder eʒ wære gar ein nîdære, so truog im dâ nieman haʒ.
Erec2 1270; und möht ich umben tôt mîn lebn âne houbetsünde gegebn des wurd ich schiere gewert od ichn vunde meʒʒer noch swert.
Iwein 1898; vrouwe, lebt her Îwein, sô lît er âne zwîvel hie, oder ichn gesach in nie. 3386; oder ich verliuse daʒ leben, ich wil die morgengâbe geben, der mir niemen danc seit.
Lanzelet 1125;
nhd. nach negativen sätzen (
so noch schweiz. Staub-Tobler 1, 97
mit belegen seit dem 15.
jahrh.): und könt keiner kein huld erwerbn, oder es müst gar heimlich geschehen. Ayrer 112, 21. II@88) oder
knüpft an vorhergehendes an, dasselbe erweiternd oder einschränkend, berichtigend oder verdeutlichend und näher bestimmend. II@8@aa)
besonders mit einem comparativ: oder mehr (weniger), oder vielmehr, oder besser, oder genauer, oder richtiger (
lat. aut
oder aut potius),
z. b.: ettlich an statt der trögern gebrauchendt körb, die gleich so viel fassendt, oder wol mehr. Bechius
Agricola 115; damals als es wegen regierungssachen in Italien oder vielmehr in Lombardien ziemlich verworren herging. Hofmannswaldau
heldenbr. 37; alle (
dinge) zu erzählen, brauchte man hundert zungen, oder vielmehr nur eínen eiteln witzling, der ihrer hundert müde machen könnte. Drollinger 193; ewig schade, dasz herr Klotz den pinsel nicht führet! er würde ihn ohne zweifel eben so meisterhaft führen, als die feder, oder vielmehr, noch unendlich meisterhafter. Lessing 8, 9; daraus war eine launigte, rhapsodische art über die gegenstände zu denken, oder vielmehr ihre unmittelbaren eindrücke zu äuszern, entstanden. Göthe 19, 111; als wäre alles fein symmetrisch eingerichtet, oder besser gesagt, als wäre alles unter das prisma gebracht. Hippel
über die ehe 40. II@8@bb) oder doch, oder doch sonst, oder doch nur: so soltu .. eitel schande erleben, oder doch sonst also geplagt werden, das. Luther 5, 175
a; (
ich will) die weiber .. erledigen, oder sie doch fein unterweisen, wie sie euch pringen inn die eisen. Fischart
flöhhatz 3758
Kurz; mit mir sollst du es empfinden! oder es doch, als künftig, mit starrenden ahndungen fürchten! Klopstock
Mess. 10, 109; was der wunde mann ... sprach, wird ein fremder als verwirrte rede deuten oder doch nur als unsichern argwohn. Freytag
ahnen 1, 477. II@8@cc) oder wohl gar,
gegensatz oder wohl nicht, oder auch nicht, oder auch nicht einmal
u. dergl.: ja, ich glaube, dasz ihr mit einem manne voll weisheit, oder wohl gar mit der engel einem nach Emaus ginget. Klopstock
Mess. 14, 1201; durch das was wir betragen und gute sitten nennen, soll das erreicht werden, was auszerdem nur durch gewalt, oder auch nicht einmal durch gewalt zu erreichen ist. Göthe 17, 260. II@99)
besonders im beginne eines fragenden nachsatzes zur anknüpfung eines einwandes, zweifels oder einer ironischen gegenfrage an das vorhergehende: oder etwa, oder vielleicht, z. b.: diesen vortheil hat unsere sprache nicht. oder soll ich sagen sie hat ihn, und kann ihn nur selten nutzen? Lessing 6, 480; aber nun genug mit dem kitzeln: denn sehen sie, ich musz mich schon mehr krümmen, als ich leisten kann. oder denken sie, dasz meine haut ein elephantenleder ist? 8, 195; bin ich nicht was ich war? .. oder ists der schauder der stillen nacht .., der sich so kalt über mein ganzes wesen ergieszt? Klinger
theater 1, 110;
Julia zu Fiesko. so stehen sie doch auf. oder wollen sie die impertinenzen ihrer frau mit ihren galanterien abbüszen? Schiller 3, 17 (
Fiesko 1, 4). —
verstärkt oder etwa, oder vielleicht, oder wohl gar: ich musz die heirath eingehen ... oder soll ich etwa die dankbarkeit der liebe aufopfern? Lessing 1, 238; was noch unschlüssig? oder glaubt ihr vielleicht, ich werde mich zur wehr setzen, wenn ihr mich binden wollt? Schiller 2, 107 (
räub., schausp. 2, 3); das (
der gedanke sich mit den waffen in der hand durchzuschlagen) wäre izt kindische zuversicht. oder schmeichelt ihr euch wohl gar als helden zu fallen?
ebenda. II@1010)
in unzähligen andern fällen bezeichnet oder (
manchmal auch entweder — oder)
im sinne des lat. vel
oder sive
einen geringern unterschied oder die unentschiedenheit und freistehende wahl zwischen zwei möglichen dingen, oder es dient nur zur trennung von gegenständen, die unter sich verschieden oder gleichgeltend sein können, besonders zur anführung verschiedener namen und prädicate desselben dinges. II@10@aa)
in gleichstehenden fragesätzen, z. b.: mhd. er vrâgte, wer si wære oder wie si sî genant.
Gudrun 212, 1;
nhd. was haben denn die Jüden vorteils? oder was nützet die beschneitung?
Röm. 3, 1; was ist eur klage? oder was thut ihr begehren? Rebhun
Susanne 2, 2. II@10@bb)
bei ungefähren angaben der zeit und der zahl: ich bin alt, ich stürb ohn das hüt oder morgen. Pauli 108
Öst.; (
er kam) ein wîl oder gar by uns zewonen.
F. Platter 149
B.; ein — oder (
theil 3, 693): mir werde ouch ein pfrnd oder dri, dasz ich ein richer dorfpfaff sy.
N. Manuel
vom papst u. s. w. 812; die mir von jar zu jar hat bracht ungefehrlich ein kindt oder acht. Waldis
Es. 4, 17, 52; ob nicht ein gans oder zehen, und ein hun oder zwantzig darinnen feil weren. Alberus 7
b; lasse das ein wall oder sechs aufsieden. Tabernaemont. 600; vor ein tag oder 14 hab ich ... ewern brieff entpfangen. Elis. Charl. (1867) 23; vom Mayn (
entfernt) zwo meil oder drei. Alberus 23
a; nun waren bei den dreiszig oder mehr werkleut in dem haus.
Zimm. chron. 1, 268, 19,
s.er (ein stücker drei
aus ein stück oder drei
u. s. w.)
th. 3, 114. 693. Schm.
2 1, 123. Vilmar
kurh. id. 289. II@10@cc)
sonst bezeichnet oder
zwischen sätzen oder satztheilen II@10@c@aα)
die ungewissheit, die unentschiedenheit des urtheils, die möglichkeit oder freistehende wahl zwischen zwei oder mehreren fällen, z. b.: was er tuon oder lassen sol, was im ubel oder wol anstet. Aventin. 4, 12, 20; woher oder wie dis alles seinen ursprung gehabt. Sleidanus
zwei reden 136
Böhmer; da oder dort, dieser oder jener, so oder anders
u. s. w.; wenn der zufall mich um meiner oder anderer willen in verlegenheit setzt. Göthe 20, 69; er nahm sich vor, bei der nächsten gelegenheit Jarno oder den abbé darüber zur rede zu stellen. 72; ich schielte an den fenstern herum, ob sie sich nicht hier oder da blicken liesze. 75; dann erziehen sie ihm in der nähe der stadt, oder am fernen gestade ... einen ruhigen freund. 9, 62 (
Iphig. 4, 1);
verstärkt durch sonst: wer ietzund uf diser erden keiser, kunig begert zu werden oder sunst regent im land. Murner
narrenbeschw. 40, 28; der jungfrown ... schwecht, muotwilliglich verfelt oder sunst verfiert mit gelt. 41, 81; der magen musz mir sein verkalt oder bin sonst im leib verstopft. Waldis
Es. 4, 19, 89; es ist wol geschehen, dasz eine ausz eim closter kommen, darnach erst hat ein mann genommen oder hat sonst kinder geborn. Ayrer 35, 34; es ist ihm alle stunden leid, sein geld möchte gestolen werden .. oder es möchte sonst ein unglück kommen. Weise
erzn. 63; es sei der betrübte sündenfall oder sonst etwas anderes betrübtes schuld daran. Hippel
über die ehe 93; der war wohl Eloa, oder sonst einer vom throne. Klopstock
Mess. (1748) 1, 554; oder wie sonst
vergleichend: der geist entweich im ... geleich als wir in träumen sind, oder wie sunst ein leichter wind. Murner
Än. (1559) V 3
a. II@10@c@bβ)
die vollständige gleichgültigkeit des einen oder des andern für einen bestimmten fall, z. b.: wenn das nur ein pfaff oder münch oder jud hatt gethon. Wickram
rollw. 45, 6
K.; es mocht helfen viel oder wenig. Waldis
Es. 4, 17, 95; das sie wurd noch mehr kinder tragen, es weren meidlin oder knaben. 4, 17, 89; ich sitz odr steh, ich schlaff odr wache, ich esz odr ich trink, odr was ich mache, ich sitz zu gricht odr geh von dannen, so denk ich an fraw Susannen. Rebhun
Susanne 1, 1; man schlacht es oder nicht, so musz das vieh doch sterben. Opitz (1644) 2, 452; am galgen und am strang erwogen, ist nicht ehrlich; o, ehrlich oder nicht, wenns nur nicht wär gefährlich. Logau 2, 5, 26; es wäre wahr oder erlogen. Philander (1650) 1, 542; und so stand sie, entfernt oder nah, immer mit ihm in verhältnisz. Göthe 17, 244;
verstärkt oder auch (
theil 1, 600); oder
kann auch unterbleiben: früher später reif zum grab, laufen ach die räder ab. Schiller 1, 296. II@10@c@gγ)
die synonymität: md. gêlîche adder îlende. Leyser
pred. 27, 40; ein swestir adir ein nunne. Ködiz
heil. Ludwig 81, 23
u. anm.; nhd. zwen grosz rüden oder hund.
Bocc. 264, 17
K.; die Andria .. ist schwanger von oder us Pamphilo. Terent.
deutsch (1499) 15
a; wo darumb ausz Rom ein bann odder geistlicher zwanck keme. Luther
an den adel F 1
b (34
neudruck); das brot, so ich euch gebe, ist ein leib oder cörper für sich selbs.
kurtz bekentnis (1545) C 1
b; wan er winkt oder zeichen geb.
Eulensp. 133
neudruck; ein bierschenke oder .. ein kruger. Kirchhof
wendunm. 1, 177 (1, 145)
Öst.; zu Basel hielt einer ... sein ehrentag oder hochzeit. 1, 321 (1, 278); gleichsam kräbs- oder rückgängig gemacht. Zesen
Assenat 35;
neuere beispiele finden sich in allen denkmälern. II@1111)
abweichend von der schriftsprache wird oder
mundartlich gebraucht II@11@aa)
statt als
bei vergleichungen: du bist gröszer oder ich. Schöpf
tirol. idiot. 480; du bist rechor (
reicher) ödor ich. Schm.
cimbr. wb. 151
a.
da dieselben mundarten dafür auch weder (
cimbr. bedar)
gebrauchen, so ist entstehung dieses vergleichenden oder
aus weder
wahrscheinlich, vergl. kärnt. woder I, 3. II@11@bb)
statt aber
in md. und solchen mundarten, welche die md. form ader (
für oder neben oder)
kennen, so dasz, da in denselben mundarten auch aber
für oder
vorkommt, wol nur eine lautliche verwechslung vorliegt (
vergl. Tobler
in den beiträgen 5, 372
f.). Lexer
handw. 1, 21. Schm.
2 1, 35. Staub-Tobler 1, 41. 97. Vilmar 289. Kehrein 1, 298. Weinhold 66
a. Frommann 2, 235.
s. th. 1, 179.