geweichen I .
das verbum ist in der althochdeutschen periode fast nur aus glossen belegt (
s. gawîchan Graff 1, 709),
entfaltet jedoch schon in diesen eine mannigfaltigkeit des gebrauchs, namentlich nach der übertragenen seite, wo es sich geradezu mit geweichen II
berührt. den höhepunkt erreicht die verwendung in der mittelhochdeutschen periode (
vgl. gewîchen
mhd. wb. 3, 616
b. Lexer 1, 990),
die jedoch das verbum nicht in der eigentlichen blütezeit, sondern nur in den ältesten und den spätesten denkmälern aufkommen läszt. in die neuhochdeutsche periode treten nur die einfachsten formen der sinnlichsten bedeutung über. 11)
im bedeutungsgehalt ist das moment der bewegung ausgeprägt, doch nicht in rein sinnlicher anschauung, sondern auf abstracte vorgänge übertragen. erst in den spätesten belegen wird die sinnliche bedeutung rein entwickelt, vgl. b)
β). 1@aa)
wo die bewegung scheinbar durch ortsbestimmungen veranschaulicht wird, sind diese gerade die träger der abstraction: discesseris, descisseres, kewichis
St. Galler glossen des 10.
jahrh. zu Boethius
de consolat. philos. (
vgl.daʒ ouh tû etewaʒ kerucchet sîst aba dînero ebenmuoti). Steinmeyer-Sievers 2, 57
b;
ebenso Einsiedelner glossen zum gleichen, ebenda 2, 63
a.
Tegernseer glossen 11.
jahrh. ebenda 2, 72
b: to unrechte en konde sin herte nicht gewiken, an rechten werken bewisede he wol rechten loven. Eberhards
reimchron. v. Gandersheim 1522 (
Weiland). 1@bb)
sinnlichere bedeutung erwächst den belegen, in denen der factor gekennzeichnet ist, unter dessen druck die bewegung anhebt: personen, lebewesen, concreta, denen der schwächere nachgiebt, weicht. 1@b@aα)
cessimus gewichun
Werdener glossen (11.
jahrh.)
zu Galat. 2, 5 (
vgl.da etliche falsche brüder sich mit eingedrungen, wichen wir denselbigen nicht eine stunde. Luther). Steinmeyer-Sievers 1, 768
b; dem tier ich nit geweichen mag. Oswald v. Wolkenstein 92, 9
Schatz. 1@b@bβ)
in verbindung mit concreten objecten wird das metaphorische moment ganz abgestreift (
vgl. auch unter 3): es was zu aller zeit kottig überall in der stat und wasen umb und umb hültzin stapfen über die gassen und grosz fürschlacht vor den heusern und tief kottig weg in der strauss, dass kam ain wagen dem andern geweichen mocht in ainer weiten gassen.
chronik des Burkard Zink
deutsche städtechron. 5, 147; auch öffnen wür, das ain gäszl geet zwischen der miter egarten und des milangers aus in die au. das soll als weit sein, das ain wagen dem andern wol darin geweichen mag.
dorföffnung v. Kematen (
österr. weisth. 2, 259). 22)
wo die vorstellung einer fortbewegung nicht herausgearbeitet erscheint, mag sie durch den übertragenen gebrauch verdunkelt worden sein, hieher gehören gerade die ältesten beispiele, die für das zusammengesetzte verbum beigebracht werden. 2@aa)
aus solcher entwicklung erklärt sich der absolute gebrauch: 2@a@aα)
in der althochdeutschen zeit berührt sich dieser eng mit verwendungen von geweichen II:
ut nemo moveatur (
in tribulationibus istis) ni kiwihe
Weiszenburger glossen des 9.
jahrh. zu Thessal. 1, 3, 3 (
daʒ kainer wirt bewegt.
cod. Tepl., das nicht jemand weich würde. Luther). Steinmeyer-Sievers 1, 744;
infirmati sunt, do gewichen sie nôte, wanda der ne was der in hulfe. Notker
psalm 106, 12 (das sie da lagen. Luther
psalm 107, 12).
ähnlich: daʒ ist daʒ himilrîche. de ist uns allen gemeinlîche. ûf gestechet ze eineme zile. dar loufet swer dir wile. ist dîn grunt veste in gote erhaben, so wil ich u werlîche sagen, daʒ uober zimber en mach nicht gewîchin, uns nâhet daʒ gotes rîche.
Rolandslied 33, 21
Grimm. 2@a@bβ)
einzelne formen des späteren mittelhochdeutschen gebrauches lassen noch die näheren bestimmungen erkennen, die abgestreift wurden: dô wart zi stunt mit dem êristin man suslîch gidingi gitân, daʒ er ein einwîg rungi mid demo giboti vur mankunni, obi er den sigi irwurbi, daʒ der mennischi nimmir irsturbi, ... wanti der unsir chempho dô giweich, leidir er unsich alli bisuêch.
summa theologiae 11, 9 Müllenhoff
u. Scherer
denkm.3 1, 117. 2@bb)
wo diese verwendung einen persönlichen dativ aufnimmt, handelt es sich nicht mehr um den factor, dem raum gegeben wird, sondern allgemein um die person, die an dem vorgang interessiert ist: einem entweichen. 2@b@aα)
deficias, giwihhes
Monseer glossen des 10.
jahrh., Tegernseer glossen des 11.
jahrh. u. a. zu den sprüchen Salomos 3, 11 (verwirff die zucht des herrn nicht. Luther). Steinmeyer-Sievers 1, 529; gnedic herre heilige crist, allir dîner holden, di dir dienen wolden, der bistu zouersiht. den gewîches du nicht.
vom glauben 3125
Maszmann; daʒ dir got gewîche.
Tristan als mönch 674
Paul, ebenso 1130. 1576. Bech
zeitschr. d. phil. 29, 340; ir nimmermer geweich in meines herzen teich als ich ir das loblichen hoch versprach. Oswald v. Wolkenstein 19, 12
Schatz. 2@b@bβ) als uns ir lêre hât geseit, den nie geweich diu wârheit, den got mit werken zaller stunt ervulte, swaʒ gesprach ir munt. Rudolf v. Ems
Barlaam u. Josaph. 85, 8
Pfeiffer. 33)
wie hier die betheiligte person, so ist in anderen ähnlichen verwendungen ein ziel gekennzeichnet: ir ougen sâhen swenken dâ rückeshalp den wilden sê, vor dem enkunden si niht mê gewîchen hinder sich noch komen. Konr. v. Würzburg
troj. krieg 25401
Keller. diese und andere belege berühren sich anscheinend eng mit den unter 1)
a)
besprochenen beispielen; vor allem arbeiten sie das moment der bewegung kräftig heraus; aber die art der bewegung ist eine andere, sie ist von der bedeutung beeinfluszt, die sich in der unter 2)
zusammengefaszten gruppe entwickelt hat: Petrus von verren nach gesleich und in den furhof hin geweich.
evangelienwerk von St. Paul 68
b Schönbach (
Marcus 14, 54); und sollent niht da hin gewichen. (
non intrent in eum Lucas 21, 21) 104
b; auch ist gemelt worden, ob zu ungewondlicher zeit ain snee oder grosz ungewiter chöm, also das die, so dann daselbs enhalben auf der höch des gepirgs albm habent und zu den güttern in Mittersiler gericht gehörn, nicht her haimbertz geweichen möchten über die gepirg mit irm vich.
öffnungen und rügungen ... zu Mittersill (
österr. weisth. 1, 284).