wildling,
m. ,
zu wild
adj., mit unechtem -ling
wie fremdling;
engl. wilding;
vom 16.
jahrhundert an belegt; Adelung;
elsäss. wilkling, weltlen Martin-Lienhart 2, 820;
vgl. auch z. f. d. wortf. 2, 186; 4, 160; 5, 270;
der grundbedeutung nach ein wild lebendes, wachsendes oder sich benehmendes wesen (
mensch, thier, auch baum).
die entwicklung und der gebrauch decken sich vielfach mit denen von wildfang (
s. da).
der heutige sprachgebrauch kennt, abgesehen von der dichterischen verwendung, das wort nur noch als gärtnerischen fachausdruck, der schon von Adelung
als die einzige verwendung gebucht wird. 11)
ein wildgewachsener baum oder strauch, früheste belegte verwendung. 1@aa)
meist ein unveredelter junger obstbaum oder rosenstrauch; nach Pritzel-Jessen
insbesondere für pirus malus silvestris: wann man einen wildling lässet aufwachsen, bis er mannsdick ist Abr. a St. Clara
etwas für alle 2, 340; bekanntlich bringen die samenkörner der feinsten äpfel nur wildlinge hervor Bär
reden und versch. aufsätze 2, 349; man veredelt oft wildlinge (
der birne) aus dem walde Schlechtendahl
flora v. Deutschland 25, 54.
alte synonyme sind wilder stock, wildfang, wildstamm, wildstein, pelzer;
bezeichnungen für das gegentheil edler stock, edler, zahmer, einheimischer baum. wie ain zweil edler natur, so auf ainn wilden stockh gepelzt wird Berthold von Chiemsee
teutsche theologey 137; die stämme, darauf gepfropfet werden soll, sind entweder wildlinge, wildfänge und wildstämme, die man aus den wäldern und hölzern in die gärten und baumschulen versetzet
allgem. haushalt.-lex. 2, 554
a; ein wildling oder pelzer Hohberg 1, 391
b.
als sonderfälle finden sich harte
und weiche wildlinge, kernwildlinge
u. a.: die harte .. wildlinge im impfen sein den andern fürzuzihen, .. jedoch wachsen die schosz allwegen viel eher, wann sie auf weiche .. wildstammen geimpft sint Sebiz 322; kernwildling
ein sämling von holz- und wirthschaftskernobst Ule-Müller
natur 28, 325.
durch aufsetzen eines zweigels, edelauges, pfropf- oder edelreises wird der wildling
gezweigt, gepfropft, veredelt, gepelzt oder geimpft: die zweigung auf die wildlingen ist allwegen langwiriger und beständiger, dann diejenige, welche auf die einheimische bäume pflegt zu geschehen Sebiz (1580) 324; wenn der kaplan geht impfen die wildlinge, so schimpfen die bauern Rückert 2, 256; es läszt sich ein edelauge in den wildling setzen, ein edelreis auf den wildstamm Jahn
volksthum 25; das pfropfreis auf dem wildlinge Ratzeburg
waldverderbnis 1, 30; nachdem wildling und edelreis .. auf einander gesetzt sind Salisch
forstästhetik 2 96; pfropf' ich einen wildling, so bleibt er der nämliche und trägt doch bessere frucht Anzengruber 2, 195 (
schandfleck). 1@bb)
als forstmännischer fachausdruck, ein pflänzling, der nicht im kampe erzogen, sondern aus dem freien entnommen und zur wiederauspflanzung verwendet wurde Dombrowski
encykl. der ges. forst- und jagdwiss. 8, 411;
ebenso bei Fürst
jagd- und forstlex. 797; (
bei der cultivierung von ödländereien) kamen den bodenverhältnissen entsprechend ballenlose (
ohne erdballen ausgehobene) pflanzen, aber immer noch wildlinge, zur verwendung Schwappach
hdb. der forst- und jagdgesch. 2, 719.
vgl. auch wildlingspflanze. 22)
ein wilder mensch, in den verschiedenen abstufungen von wild
adj.; vom 17.
jh. an belegt, namentlich österreichisch; synonym zu wilderich, wildrian, wildfang, wildfisch, wildhammel. 2@aa)
mit starkem tadel ein roher, gewaltthätiger mensch: der erste brudermörder und wildling Cain v. Lilienberg
seltzame gerichtshändel (1655) 569; ich pflanzte mich in einen winkel am ofen, und liesz ungefähr dreiszig wildlinge ihr unwesen so toll um mich treiben, dasz mir die ohren gellten Seume 70 (
spazierg.); kunnt'st ihm aber auch den schädel eingeschlagen haben, du wildling, du! Rosegger 3, 272;
etwas schwächer ein unordentlicher mensch, ein taugenichts: von diesem höchst liederlichen wildling Ayrenhoff 3, 291; umherzuschweifen gleich anderen meisterlosen wildlingen seines volkes Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 1, 325. 2@bb)
seltener ein '
wilder'
im eigentlichen sinn: die beschreibung der noch vorhandenen wildlinge Fichte
grundz. des gegenw. zeitalters 91; wer wars, der dich Hellene, .. vom wildling auferzog? Vosz
gedichte 5, 210; meine errettung aus den händen .. dieser .. indianischen wildlinge Pocci 56.
namentlich von halbwilden stämmen und völkern: die wildlinge der ebene, die Cedeño und Zaraza Gervinus
gesch. des 19.
jhs. 3, 316; die civilisationsfähigkeit des noch ganz ungebundenen wildlings (
Kirghisen) Ritter
erdkunde 2, 778. 2@cc)
häufiger ein '
wilder'
im übertragenen sinn, ein verwilderter oder ungesitteter mensch, meist tadelnd: der civilisirte wildling und der civilisirte schwächling Pestalozzi 6, 192; wildlinge, bleich und zerlumpt, und wie ackergäule verhagert (
sind die leibeigenen) Vosz
gedichte 2, 53; indessen liefen wir doch nicht wie die rohen wildlinge herum, sondern wurden ... recht gut erzogen Arndt
werke 1, 12; einige wildling' sein schon auch da, aber es dürft' wohl anders mit sö umz'gehn sein wie mit wilde' Anzengruber 3, 173. 2@dd)
aber auch ohne schlimmen nebensinn, indem mehr an die lichtseiten des ursprünglichen wilden zustands gedacht wird und gleichzeitig wohl auch sich die vorstellung eines wildlings aus dem pflanzenreich geltend macht. 2@d@aα)
ein derbes, urwüchsiges, unverfälschtes naturkind: der Paderborner wildling .. wirbt wie ein derbes naturkind mit allem ungestüm seines heftigen bluts Droste-Hülshoff 2, 357.
mit vorliebe und ganz persönlichem gepräge verwendet von Rosegger,
besonders in seinem buch 'wildlinge': der wildlinge .. sind zweierlei,
wilde menschen und wilde poesien
wildlinge vi: der bauer der vorderen gegenden hat ehrfurcht vor den wildlingen im gebirge
schriften 10, 75. 2@d@bβ)
ein impulsiver, kraftvoller mensch überhaupt: indes dieser sehr bald den leichten, heiszen, stillen wildling (
Albano) richtig auswog (
beurtheilte) J. Paul
Titan 1, 165; o du wildling von engel!
Palingenesien 2, 87; zartere naturen als diese niederdeutschen kerneichen Friedrich Wilhelm und sein wildling Leopold von Dessau Treitschke
deutsche gesch. 3 1, 38. 2@d@gγ)
in der neuesten sprache ganz abgeschwächt wie wildfang
ein kosewort für ein ausgelassenes kind oder junges mädchen: nun deckt der schattigste der plätze den schlaf des schönen wildlings zu Geibel 3, 86; die zwillinge wuchsen derweilen zu zwei tollen, pausbäckigen wildlingen heran Sudermann
frau sorge 87. 2@ee)
dichterisch ein umherirrender, heimathloser fremdling: du armer, irrender wildling Fouqué
der zauberring 2, 106; da warf die meereswoge den fremden wildling aus an deiner schwelle Geibel
Brunhild 34; einem, der als ein wildling lebt, heimathlos, gebannt und so armselig wie der fahrende bettler Freytag 8, 76 (
ahnen 1);
vereinzelt ein abseits stehender eigenbrödler, sectierer: die undisciplinierten wildlinge des glaubens, welche auszerhalb der kirchenmauern frei umherschwirren, sei es in entstehenden sekten, sei es in einzelnen personen Keller 1, 340 (
gr. Heinrich). 2@ff)
ein uneheliches kind, bastardi Scherz-Schöpflin
gloss. 2, 2033;
vgl. wilde
n.: das wäre der erste wildling, der eine dauerhafte mutterliebe genösse L. v. François
bei Paul
wörterb.2 657. 33)
ein wildes, unbändiges thier, entsprechend dem alten gebrauch von wildfang,
erst im 19.
jh. zu belegen: 3@aa)
ein von haus aus wildes und erst nachträglich gezähmtes thier im gegensatz zu den von anfang an zahmen hausthieren, z. b. wildgefangene pferde, hunde, vögel: als reitpferde sind solche wildlinge (
tarpane) nicht zu gebrauchen Brehm
thierleben 2 3, 8; er (
der käfig) enthält anfangs weder futter noch wasser, um die wildlinge zu zwingen, dasz sie durch das gitterwerk um nahrung schreien Wimmer
gesch. des deutschen bodens 463. 3@bb)
ein hausthier, das infolge seiner unbändigkeit wilden thieren gleicht, z. b. ein pferd oder stier: spring an, mein wüstenrosz aus Alexandria! mein wildling! (
der Alexandriner) Freiligrath 1, 87; hernach versuchten die knechte, den wildling (
stier) einzufangen Rosegger III 8, 86. 3@cc)
selten ein wirkliches wild, das besonders scheu oder unbändig ist: war eine grosze jagd auf diesen auszerordentlich scheuen wildling (
steinwidder) verabredet Ritter
erdkunde 3, 290. 3@dd)
austern, die nicht in austernparken gepflegt werden Ötker
Belg. 159
nach Sanders
erg.-bd. wildlingsgemeinde, f., eine gemeinde von wildlingen,
d. h. von waldbauern Rosegger
der Hellbart 12 (
einleit.). —