wir,
pron. ,
nom. plural des ungeschlechtigen pronomens der 1.
person. herkunft und form. bildung zur idg. wz. e-
bzw. durch i
erweitert ei- '
wir' (
plural, nicht dual),
vgl. aind. vayám (
erweitert aus *vai);
germ. mit nominalem plural-s
*wīz,
vgl. got. weis,
nord- und westgerm. mit r < z,
vgl. anord. vēr, vǣr (vīr),
ahd. mhd. nhd. wir (Notker wír,
also ),
mit verlust des endkonsonanten im nördl. teil des germ., vgl. ags. wē, we,
asächs. wi, we,
aschwed. wī (
auch wīr),
anl. wī (
auch wir),
afries. wi,
engl. we,
norw. dän. schwed. vi,
nl. wij,
mnd. wē, wī (wie).
neben der pluralform steht im älteren germ. der dual wit (t
ist angehängte zweizahl) '
wir beide',
vgl. got. ags. asächs. wit,
anord. vit (viþ),
der sich auf deutschem boden nur im nordfries. erhalten hat, sonst durch den plural ersetzt und schon ahd. nicht mehr bezeugt ist; vgl. lit. vè
d. in mhd. zeit zeigt das obd. wir,
das nd. wē (wī);
im md. dringt wir
als schriftsprachliche form ein und verdrängt vielfach dialektisches wi,
vgl. noch wan wi alli naciburi heizin
Mühlh. reichsrechtsbuch2 105
Meyer; hete wi tusent marc von golde
spiel v. d. zehn jungfr. 174
Beckers; gemischt: alse wi langer biten, wir muzen doch mit in striten
graf Rudolf 12, 8
Grimm; waz wi vormogin, ... daz wollen wir unsreme hern ... gerne meteteile Ködiz v. Saalfeld
leb. d. hl. Ludwig 51
Rückert; ebenso im niederrhein.: wie sollen dienen dem coninge
Floyris 201 (
in: ztschr. f. dtsch. altertum 21, 320
ff.)
neben tuo dat wir dig raten 290;
obd. steht neben herrschendem wir
in den altalem. psalmen (9.
jh.)
vereinzeltes wer: wer der lebemes
und inti wer erlosta pirumes (
in: Germania 2, 103
f.),
wo assimilation an folgendes -er
vorliegt, nicht eine altertümliche form (
so Wilmanns
gr. 3, 408);
md. vokalsenkung ist wer
in: wer suln ingegin in varin
könig Rother 2613
de Vries; Johannes, kom, gen wer!
Alsfelder passionssp. 5894
Grein; wer wisten nicht, dasz hie was Crist
ebda 6316;
verdumpfung zeigt obd. wür,
vgl.wür von gotts gnaden Johanns abbt ze Rot (
v. j. 1306)
monum. boica 1, 145,
s. auch die belege bei Weinhold
mhd. gram. § 451,
bair. gramm. § 357,
alem. gramm. § 412;
mit sproszlaut als wier: wier Ott von gottes gnaden, pfallentzgraf von Rein (
v. j. 1291)
monum. boica 3, 178; wier Niclas abpt (
v. j. 1478)
fontes rer. austr. II 37, 523,
vgl. reime von wier : tier Freidank 5, 14; : vier Thomasin v. Circlaria
welsche gast 2282.
wie im anord. wird nach dem verbum stehendes wir
an das -n
der verbalendung assimiliert zu mir, mer,
und dann vielfach zur alleinigen form der mundart erhoben, wofür das 15.
jh. die frühesten zeugnisse bietet, vgl.: cum, mir mengen unse trene
marienlied. in: ztschr. f. dtsch. altert. 10, 29; wie wol mir mainend, es hab ein end (
v. j. 1494)
bei Mone
schausp. 2, 141; ... mir gänd nit den rechten weg ..., so gang wir recht Steinhöwel
Äsop 204
Österley; mir wöllent nit verzagen
fastnachtsp. 447
Keller; umb dasz mer gesundiget hon
Alsfelder passionssp. 35
Grein; wa mir anders den poeten glauben Seb. Franck
morie encom. (Ulm o. j.) 11
a;
später nur in mundartlicher schreibweise: weil mir doch lügen müssen
Ollapatrida Fuchsmundi 125
Wien. ndr.; wie kumen dan mir zu der ehr Schwabe
tintenfäszl (1745) a 4
b; mir sein freund Anzengruber
ges. w. 6, 214;
aber auch sonst nach nasal, vgl. den mir, indem mir
u. s. w., belege s. bei Fischer
schwäb. 4, 4;
dies mir
gilt mundartlich heute im gesamten obd. und dem md. neben selteneren w-
formen, z. b. Fischer
a. a. o., wiɐr Bacher
lusern. 228;
vgl. dazu Wrede
anz. f. dtsch. altert. 18, 300;
obd. und md. herrschen mer, mir, mier
u. s. w. (
nebentonig mər)
stark vor, aber überall mit w-
formen durchsetzt, die besonders östlich der linie Aschersleben-Würzburg-Lindau zahlreich sind; im östl. Hessen und westl. Thüringen überwiegen formen ohne r
wie mi, mei, mē,
die kompromiszformen des älteren wi
mit neuerem mir
darstellen; nd. nördlich der Ürdinger linie gilt hauptsächlich wi
neben wei, wē;
das östl. schlesische bevorzugt ber, bir
u. s. w.; nebentoniges mir, mer
reduziert oder verliert obd. oft den endkonsonanten, vgl. z. b. mə', mi' Schmeller-Fr. 1, 1641, mə Fischer
schwäb. 4, 2
b.
gebrauch. spätahd., mhd. und frühnhd. ist wie auch heute vielfach dialektisch abfall von -n
oder -en
der verbalendung vor enklitischem wir (
bzw. mir)
bezeugt, vgl. wirche wir Williram
hohel. 141, 4
Seem.; leider nu enmuge wir Hartmann v. Aue
arm. Heinrich 504; daz wer ot wir mit swerten
Nibelungen 149, 1
L.; dar gâht wir alle balde Wolfram v. Eschenbach
Parzival 525, 26; auch bring wir etlich guldin schin Hans Sachs 2, 27
K.; gee wir Steinhöwel
Äsop 264
Österley. 11)
zur bezeichnung der 1.
person. 1@aa)
in der mehrzahl, für den engeren oder weiteren kreis, zu dem sich der sprechende oder schreibende rechnet: warumb beschwären wir (
Christen) uns muotwillig mit verbott der spisz Zwingli
v. freiheit d. speisen 6
ndr.; abwechselnd mit man: wie man sich mit der faust an ein ... wand halten mus, auff das wir nicht gleiten Luther 28, 77
W.; (
die kinder) sind die andren wir (
erwachsenen) Logau
sinnged. 183
lit. ver.; mit apposition, die die gemeinte gruppe begrenzt: wir laien Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 10
ndr.; wir Deutschen Luther 19, 631
W.; wir kinder Göthe 21, 104
W.; mir Schwytzer
schweiz. schausp. 2, 152; mir bauern Hartmann
volksschausp. 24; wir armes publicum Gerstenberg
Hamb. n. zeitg. 110
lit.-denkm.; formelhaft besonders von schriftstellern und rednern verwandt, die durch den plural sich mit dem kreis ihrer leser oder zuhörer gleichsetzen: am aschermittwoch, so die heilig kirch ... dich zuo hohen dingen ermant, so seind wir am allerverruochtesten Geiler v. Keisersberg
ameis (1516) 9
d; wer weisz, ob das letztere wort nicht vom ersten den nahmen führe, wie wir weiter hinunterwerts hören sollen Prätorius
anthr. plut. (1688) 1, 3; die alte ging murrend beiseite, wir entfernen uns mit ihr Göthe 21, 6
W.; wir sehen (
in Ungarn) den katholischen und den griechischen kultus getrennt Moltke
ges. schr. 1, 115; meine herren, vor allem wollen wir praktisch sein Polenz
Grabenhäger 2, 192;
auch vom auftraggeber und auftragnehmer: mit dem transport des hummers wollen wir es nicht wagen Göthe IV 35, 226
W.; gern bei adhortativen wendungen, wenn der sprecher die hörer zum mittun auffordert: doch ghen wyr! Judas Nazarei
v. alten u. neuen gott 40
ndr.; nun wöllen wir hin heym zu hausz Hans Sachs 2, 19
K.; aber lassen wir das gut sein Göthe 45, 36
W.; so! nun wollen wir über die drauszen! 8, 8. 1@bb)
für eine einzelne person. 1@b@aα)
als pluralis majestatis, als zeichen der fürstlichen würde entsprechend älterem brauch in lat. urkundung: wir Ott von gottes genaden pfallentzgraf von Rein (
v. j. 1291)
monum. boica 3, 178; weir Heynrich von gotis gnaden herzog czum Brige (
v. j. 1385)
lehns- u. besitzurk. Schlesiens 1, 348; wir sein ein könig und reden das
fastnachtsp. 682
K.; bringt es in ordnung. wir (
Karl) genehmgen alles, für einen freund ist uns kein preis zu hoch Schiller 13, 254
G.; entsprechend von gott gebraucht: drumb wölln wir im ein ghülffen machen, ihm gantz gleich in allen sachen Hans Sachs 1, 27
K. 1@b@bβ)
vom verfasser zur bezeichnung seiner selbst, als eine art bescheidenheitsformel, wohl aus a
heraus entwickelt: (
von) Africa wöllent wir nit weyter schreyben Stumpf
Schweizerchron. (1548) 2
a; die zwo ersten (
arten) halten wir für ein geschlecht Bock
kreutterbuch (1572) 2; von der rechtschreibung, davon wir anitzo etwas handeln wollen Gueintz
rechtschreib. (1666) 7; immer selbstgespräche, hören wir die leser sagen Wieland
Agathon (1766) 2, 72;
substantiviert ironisch: aus welchen büchern hat denn nun das jenaische wir ... seine mineralogie gelernt Lessing 10, 407
L.-M.; auch sonst als zeichen der bescheidenheit: es gab eine zeit (
vor Jean Paul), wo kein deutscher jüngling, wenn er liebte, zu sagen wagte: ich liebe dich. zünftig und bescheiden, wie er war, sagte er: wir lieben dich, mädchen Börne
ges. schr. (1840) 2, 204. 22)
zur bezeichnung der 2.
person der ein- oder mehrzahl; als ausdruck der rücksicht gegen höherstehende: sihe, wie wir nun stehen? als wenn wir uns bethan hetten H. J. zu Braunschweig
schausp. 223
Holland; gegenüber einem untergebenen, dem man keinen förmlichen befehl geben will: nun, Krist, wie wär es? wir müssen wohl einheizen Fontane
ges. w. I 1, 5;
als zeichen der vertraulichkeit: nun, kleine schwägerin, worüber denken wir so weltentrückt nach? P. Heyse in:
dtsche dicht. 9, 12
Franzos; als ausdruck der herablassung, sowohl einer freundlichen als einer herrischen, ähnlich wie man
gegen geringere gebraucht, die man mit ihr
oder sie
nicht anreden kann und mit du
oder er
nicht anreden will: wie befinden wir uns?,
vgl. Adelung 5, 250; was haben wir neues, Marinelli? Lessing 2, 386
L.-M.; namentlich der schulsprache des 18.
jhs. angehörig, vgl. Grimm dtsche gramm. 4 (1898) 292; (
lehrer:) wir sind ein esel! (
schüler:) ich meinerseits protestiere Seume
m. leben (1813) 63;
früh als lächerlich empfunden, vgl. Campe 5, 738. 33)
substantiviert, für eine gruppe von personen umschreibend verwendet, vgl. entsprechenden gebrauch von das ich: diese wyr werden freilich die gewalt haben eben yn den worten, da sie Christus selbst ynnen hatte am abentmal Luther 18, 2, 2
W.; wie das selbst,
die persönlichkeit einer mehrzahl: der leib ist das wohnhaus unsers geistes, welcher unser warhafftes wir ist Chr. v. Ryssel
v. d. seelenfrieden (1685) 138;
modern im sinne der gemeinschaft einer vielzahl von menschen gebraucht: es ist nicht nur ein starkes gefühl des 'wir', das diese bedeutsamsten aller groszen verbände (
die nationen) innerlich zusammenschlieszt O. Spengler
unterg. d. abendlandes (1922) 2, 204; damals (
bei kriegsbeginn) war alles freigelegt, geschah die ablösung des ichs durch das wir gleichsam selbsttätig Dwinger
wir rufen Deutschland 514.