unvollkommen,
adj. adv. ,
gs. zu vollkommen (
s. d.).
mhd., aber noch nicht im classischen mhd., unvolkumen, -komen;
mnd. unvullenkomen;
mnl. onvolcomen,
nl. onvolkomen;
altschwed. ofulkomin, -komnin;
dän. ufuldkommen.
vgl. unvollkommend, -kommlich.
wesentlich schriftsprachliches wort. frühnhd. unvolkumen
Terenz (1499) 9
b; Gebwyler
beschirmung des lobs Marie (1523) 24
a; Knebel
chron. v. Kaisheim 56
lit. ver.; Hedio
chron. germ. (1530) A 4
b; Eppendorf
Plinius (1543) 90; Logau 360
E. unvollkomben
acta publ. 1, 53
P. für imperfect Spanutius, Campe.
vgl. incomplet, unvollständig. aa)
nicht zu ende gekommen oder gebracht, unvollendet, unvollständig: das ist ein unvolkumne red
Terenz (1499) 9
b; vorredt Paracelsus
chir. (1618) 524 C
H.; ein unvollkomne meinung oder spruch, da einer vil auszlaszt, das er aber sagen solt Frisius 359
a, werk Pantaleon
mitnächtische völkeren hist. (1562) 1, 20,
fragment Frisch (1730) 638;
mit d: das unvollkommene restaurationswerk vollenden Mommsen
röm. gesch. 2, 210; an unvollkommenen (
unerledigten) ausgaben
acta publ. 5, 302
P.; die unvollkommene abhauung einer linden Lohenstein
Arm. 2, 1289
b; ein unvollkommener bau Kramer (1702) 2, 1210
b, bild Gottschedin
briefe 1, 15
R., nachrichten Bismarck
briefe an s. braut 422; der unvollkommne glanz der monden (
d. glanz des nicht vollen mondes) J.
F. Horn
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen 2, 35; wie traurig steigt die unvollkommne scheibe des rothen monds mit später gluth heran! Göthe
Faust 3851.
prädicativ: nun aber die volstreckung diser weissagung unvolkummen was Hedio
chron. germ. (1530) A 4
b; Eyering 2,
vorr. A 4
b; bis hieher ist die histori der polnischen chroniken verworren, unrichtig und u. Rätel
Curäi chron. (1607) 28; was dunkel undt unvollkomben gewesen, solte nicht unnötig sein bey der kay. cammer durch fleiszige tractation zu befödern
acta publ. 1, 53
P.; ein werk, welches ... u. geblieben wäre Bodmer
crit. poet. schr. 2, 2; so u. auch ihre entwürfe geblieben Gottsched
d. neueste 1, 23;
adv.: sondern er redet vielmehr zweideutig, dunkel und u. Thierbach
diarium herrenhuthianum (1750) 2, 257; u. eroberte J. ... das land Herder 12, 317
S. wir mischen heute bed. d
ein;
vgl. oben Mommsen.
terminologisch;
rechtlich: eine unvollkommene ehe,
blosz bürgerlich, blosz kirchlich Krünitz 200, 257.
grammatisch: die unvollkommene zeit
tempus imperfectum Gueintz, Bellin, Antesperg
bei Leser
fachwörter 61; das zeitwort der unfolkommen-vergangnen zeit Zesen
rosenmând A 4
b;
veraltet. metrisch: unvollkommene reime,
blosz assonierende Sachs-Villatte; unvollkommene (
nicht ganz volle) länge J. H. Vosz
zeitmessung 176.
arithmetisch: eine unvollkommene zahl
ein bruch Krünitz 200, 258.
musikalisch: an dem groszen oder vollkommnen intervall gemessen, erscheint der halbton, die kleine terz, sext u.: ein unvolkomene secunda
M. Agricola
musica choralis deudsch (1533) C 3
b; ein unvollkommener gantzer ton Walther
mus. lex. (1732) 309; ein unvollkommener accord, dessen terz minor ist 7; unvollkommene consonantzien, die sext und terz Mattheson
vollk. capellmeister (1739) 253; 116; eine verkleinerte oder unvollkommene quart
generalbaszschule 228; ausweichung, cadenz, tonschlusz Krünitz 200, 257
f.; Gathy
mus. conversationslex. (1873) 418
a. bb)
nicht zu völliger reife und vollendung, nicht zur richtigen ausbildung, abrundung u. dgl. gekommen: das ander theil in nebel geht; dann er ist ein unvollkommner taw, der nichts zeitig ist Paracelsus (1616) 2, 30 A
H., junge Eppendorf
Plinius 90, stimme Frisius 1409
a; Moscherosch
insomnis cura 5
ndr.; same Ruoff
hebammenb. (1580) 7; frucht im mutterleibe Kramer (1702) 2, 1210
c; wer weisz, wie oft ich schon, ich unvollkommne frucht, den fortgang zur geburt mit ungestüm gesucht? Canitz
gedichte (1727) 89; perlen Harsdörfer
gesprächsp. 1, F 2
a; thiere Kramer (1702) 2, 1210
b; Göthe II 8, 10
W. vgl. unvollmachte
J. de Acosta Amerika (1605) 27; organische naturen II 5, 1, 89
W.; ein unvollkommnes gelb II 1, 218
W.; kugeln Werner
oryktognosie (1792) 52, verdoppelung Sömmerring
bau d. m. körpers 8, 1, 471, wuchs, körper, gesicht Krünitz 200, 256; bruchstücke Stöckhardt
chem. feldpredigten 1, viii; so wäre sie (
d. sage) nichts als eine unvollkommene philosophie Solger
nachg. schr. 2, 722; der natur ..., welche niemals von unvollkommenen bildungen durch einen sprung zu den vollkommensten übergeht Dahlmann
franz. revol. 240, cultur Mommsen
röm. gesch. 1, 8; ein mehr oder weniger unvollkommenes ganze Göthe 22, 155
W., hälften Ebner-Eschenbach 4, 6.
selten von jahren: A. Wagner
decretum (1599) 67
a.
prädicativ: es ist kuntlich, wer sine sinn uf vil und manig ding setzet, dasz desselben sinne dester minder und unvolkomner (
minder entwickelt) sin muossent
N. v. Wyle
transl. 177, 27
K.; dieweil und sie (
die balenen) jugend halber noch schwach und u. sind Heyden
Plinius (1565) 316; Harsdörfer
secret. 1, 21; die bruth, die bald verdirbt und unvollkommen heiszt, betrübe, werthes paar, nie deinen frohen geist Henrici (1727
ff.) 2, 332; je unvollkommener das geschöpf ist, desto mehr sind diese theile einander gleich Göthe II 6, 10
W.; die beugungen (
in d. mongolischen spr.) sind u. Raumer
Hohenstaufen 4, 69.
terminologisch; botanisch: imperfectus, u.,
was eine mangelhafte bildung zeigt Bischoff
wb. d. beschr. botanik 99; Röhling-Mertens-Koch 1, 193; staubfäden, dolden Oken
allgem. naturgesch. 3, 464; 1791; blüten u. diöcisch Schlechtendahl-Hallier 21, 232.
zoologisch: die nebenröhre ist ... nach unten ... u. Naumann
vögel (1822) 1, 43.
von metallen unrein, gemischt, zusammengesetzt: alle unvollkommene metall Paracelsus (1616) 1, 904 C
H.; Mathesius
Sarepta (1571) 27
b; Ercker
mineral. ertzt (1580) 29
b; Marperger
kaufmannmagazin (1708) 176; Stahl
gewehrgerechter jäger (1762) 18; quecksilber
äthiops Krünitz 200, 258.
im wasserbau: grundwehr, unvollkommenes wehr, ist ein wehr mit sogenanntem unvollkommenen überfall Lueger 5, 5.
in zusammensetzungen: unvollkommenmuschlich, stänglich Zappe
mineral. hlex. 1, 132; 12. cc)
mancus, dem ein glied fehlet, u. Golius 102;
defect: und weil er fszlosz ist zur frist, drumb er auch unvolkomen ist W. Spangenberg
ganskönig 492; die geschliffenen gläser, mit denen freilich die ungeschliffenen kinder arg gewirthschaftet und manches daran u. gemacht haben Glaszbrenner
Berlin wie es ist und trinkt 3, 10.
ähnlich: die blödern und unvolkomne augen Guarinonius
greuel (1610)
dedicatio b 2
a. dd)
mangelhaft, unzureichend, fehlerhaft, minderwerthig, gering, werthlos u. dgl.: wird dich endlich reuen, das umb ein so unvollkommenes werk du dich doch so sehr bemühet Moscherosch
gesichte (1650) 100; ein in seiner art so unvollkommenes ... jedermannswerk Schwabe
belustigungen (1741) 1, 172; lieder, abrisz, nachbildung, handwerkszeug
u. s. f. Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 224;
vern. tadlerinnen 1, 56; Göthe 47, 25
W.; J. G. Forster 2, 45; ihn selbst hatte man auf keine universität ziehen lassen ..., sondern in einer unvollkommenen klosteranstalt festgehalten Ranke
s. w. 1, 177; Rückert 1, 399.
besonders von abstractis: vernunft H. Seuse
d. schr. 159, 22
B., irvreissungi,
apprehensio K. v. Heinrichau 397
a Gusinde; Diefenbach
gl. 43
a, verstand
polit. correspondenz Moritzens v. Sachsen 2, 419, mutmaszung Schill
ehrenkranz 84, begriffe Schwabe
belustigungen 1, 308, gesundheit A. G. Kästner 1, 58, erläuterung Kant 3, 247, 8
ak. ausg., ähnlichkeit Hagedorn 2, 126, zustand Nicolai
Nothanker 1, 110, idee J. J. Engel 1, 16, vorstellung A. v. Humboldt
ansichten d. natur 1, 220, eigenschaften Liebig
chem. briefe 27, wirkung Büchner
nachgel. schr. 110, spaltbarkeit Karmarsch-Heeren 3
3, 357, gelegenheit G. Keller 3, 13, befriedigung D. Fr. Strausz 6, 78; eine kunst ..., von der er nur die unvollkommensten begriffe hat Stephanie
d. J.
singspiele (1792) 170.
veraltet als ausdruck der bescheidenheit: mein unvollkommene mainung
F. A. v. Brandis
ehrenkräntzel (1678) 4.
terminologisch: vollkommene und unvollkommene pflichten
s. th. 7, 1756; unvollkommene pflicht,
pflicht von weiter verbindlichkeit Kant 5, 283
H.; unvollkommene rechte
und pflichten
die moralischen (
tugend-, gewissens-, liebespflichten),
im gs. zu den vollkommenen, juristischen (
rechts- oder zwangspflichten) Hugo
naturrecht (1819) 101.
prädicativ: diser lehret also, das alle lehr ... wär u. und unnütz Nas
eins u. hundert 1, 50
b; zumal ja sonst die rothen haare für die unvollkommensten ... gehalten (
am wenigsten geschätzt) ... werden Lohenstein
Arm. 2, 200
a; wenn hingegen einige theile in der uhr anzutreffen sind, welche hindern, dasz sie die zeit nicht richtig zeigen kan, so ist die uhr u. Chr. Wolff
von gott (1720) 65;
die tonkunst der Chinesen war grob und u. Zimmermann
nationalstolz 61; o wie fühle ich, dasz alles glück der welt u. ist! A. v. Haller
Usong 144; der bau der schiffe war u. Droysen
gesch. Alexanders d. Gr. 462; noch war die ganze einrichtung höchst u. Ranke
s. w. 1, 77; je weiter ich vorwärts kam, um so unvollkommener erschien mir meine bekanntschaft mit den dingen Herm. Grimm
Michelangelo 1, 68.
subst.: was unvollkommeners ist ... nie gesagt
allg. d. bibl. anh. 37/52, 18.
terminologisch: u., ein bestand, der ... weniger dominirende stämme hat, als
sich darauf befinden sollen Behlen
forst- u. jagdkunde 6, 113.
adv.: wie unvolkomen Mattheus und Marcus das abendmal beschreiben Luther 26, 473
W.; u. befriedigen, hören, lesen können, beherrschen Göthe 7, 192
W.; IV 21, 203
W.; G. Keller 6, 137; Justi
Winckelmann 1, 133;
vgl. sich auf diese unvollkommene weise fortpflanzen Göthe IV 20, 297
W.; u. bekannt, ausgebildet, gegliedert, weich und elastisch, gelungen
u. s. f. Winckelmann 1, 14; Oken
allg. naturgesch. 1, 81; Peschel
völkerkunde 32; Nicolai
literaturbriefe 3, 21; Jac. Grimm
Reinhart fuchs ii. ee)
im geistlichen sinne: die unvolkomen rewe Jac. Strausz
beychtpüchlin (1523) A 2
b; Diefenbach
gl. 59
a;
so noch im catechismus von Deharbe; was das volkommene, einige, ewige gut sey und was das unvollkommene stückwerk sey J. Arndt
theologia 1; unvollkommene seligkeit, tugend, liebe Kramer (1702) 2, 1210
c; J. A. Cramer
nord. aufseher 1, 65; der gestalt ist menschliche gerechtikait hye noch u. B. v. Chiemsee 38; gute werk, welche in dem höchsten grad u. sind bey uns Moscherosch
insomnis cura 121
ndr.; wenn nun unsere natur so u. ist, dasz wir nicht ohne sünde bleiben können Nicolai
Nothanker 2, 118.
vom menschen: Tauler
predigten 16, 7
V.; im anfang entsoszent sich ouch die junger ..., denn sie noch unvolkummen worent Keisersberg
postill 2, 110
b; unfolkumne christen Gebwyler
beschirmung (1523) 24
a; menschen Prätorius
anthropodemus pluton. 1, 34; wir seynd alle u., noch sehr u. Kramer (1702) 2, 1210
c; sie, die hier so u. ... war, ist itzt durch himmelsfreude vollkommen Zimmermann
über d. einsamkeit 3, 234.
substantiviert: wie man ablege das unvolkommene, so da kompt das volkommene J. Arndt
theologia 1 (
aus der theologia deutsch s. 2
Pfeiffer).
adv.: das die leute unvolkomen leben, da mag man gedult haben Luther 24, 207
W. ff)
allgemein sittlich, nicht vollkommen: das unvollkommene, bestraffte Babylon Treuer
Dädalus 1, 146; wir bleiben indessen unvollkommene geschöpfe, die täglich fehlen Gellert 9, 98; die unvollkommenen götter des Homer Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 1, 37; bald umgibt dich, unvollkommne hülle, dunkle nacht, des grabes stille Hölderlin 1, 37
L.; dasz wir unvollkummen sind, wann wir disz erkennen, kan man solch erkäntnüsz schon eine beszrung nennen Logau 360
E.; Lichtwer 32
oben sp. 222; auch ist, wie Garve lehrt kein mensch durchaus u. Schiller 2, 5
G. gg)
philosophisch: aber das geteilte ader das unvolkommen ist das, das ausz dissem volkommenn geursprungt ist ader wirt
theologia deutsch 7
M.; es kan nicht seyn ..., dasz ein gantzes vollkommenes ... von einem unvollkommenen wesen gestükkelt sey Schottel
haubtspr. 55; die unvollkommenen erscheinungen unsrer welt auf muster in einer höheren zu beziehen Solger
Erwin 1, 11; in jener welt nun ist kein wechsel des guten und bösen, vollkommenen und unvollkommenen, unsterblichen und sterblichen 1, 152.
insbesondere '
in dem mannigfaltigen seiner theile nicht gehörig zusammenstimmend, oder auch nicht den möglichen besten grad der güte habend' Adelung ; eine schönheit ist u.,
wenn das mannigfaltige in derselben nicht gehörig zusammenstimmt, oder wenn noch etwas an dem höchsten möglichen grade derselben fehlet Adelung; ein unvollkommenes gebäude
derselbe; epigramm, leistung; u. ist, was den verpflichtungen seiner eigenen natur nicht genügt Lotze
mikrokosmus 3
5, 556;
von solcher bedeutungsentwicklung ist Göthe 3, 315
W. nicht unbeeinfluszt: gar nichts neues sagt ihr mir! unvollkommen war ich ohne zweifel. was ihr an mir tadelt, dumme teufel, ich weisz es besser als ihr!
zahme xenien 5, 1202. —
unvollkommend, part. adj., gs. zu vollkommend (
s. d., mhd. volkomend),
part. präs. des v. vollkommen
in der bed. des adj. unvollkommen e: gleich wie wir dulden mussen auch bosze menschen odder die unvolkommenden Luther 6, 221
W.; umb der unvollkommenden leyen ... willen 6, 243
W.; die unvolkommende liebe gottis 7, 349
W. —