weihnachtsbaum,
m. zuerst in Straszburg um 1642: disz (
Christus) ist, meine liebsten, der weynacht baum Dannhawer
cat.-milch 5, 649,
in geschlossener belegreihe erst seit ende des 18.
jahrh., damals auch zuerst mit -s-: an zwei enden eines langen tisches brannten zwei kleine weihnachtsbäume Caroline
an Humboldt, briefe 5, 163 (
Berlin 1815),
das seitdem nur vereinzelt einmal fehlt: ein weinachtbaum zwar brannte nicht auf dem tisch Storm 3, 7.
der plur. tritt zurück: mir sind die leeren weihnachtsbäume zu theil geworden B. v. Arnim
Günderode 2 (1840) 243;
desgl. Heine 1, 426
Elster; G. Freytag 4, 314.
in der umgangssprache ist das wort wesentlich auf Norddeutschland beschränkt, die grenze gegen christ-
und tannenbaum (
th. 11, 111)
zieht Kretschmer
wortgeogr. 556
f. in obd. mundart gilt vielfach maie(n) (
th. 6, 1473),
doch winachtsbaum Martin-Lienhart
els. 2, 45,
das als neue einführung überallhin gelangen kann: wīnach(t)sbōam Siebs
helgol. 303,
daneben jȫlbōm B. P. Möller
Sylter wb. (1916) 132.
die sache ist älter als das wort: Tille
gesch. d. d. weihnacht (1893)
cap. 8
f.; Weinhold
zs. d. vereins f. volksk. 4 (1894) 101; Mannhardt
wald- und feldkulte 2 1 (1904); Arn. Meyer
das weihnachtsfest (1913) 76
f., 118
ff.; Nilsson
arch. f. rel.-wiss. 19 (1916) 109
ff. die allg. sitte, bei festen das haus mit grün zu schmücken, wirkt im winter als analogiezauber: man verschafft sich einen grünen baum, um ein grünes jahr zu bekommen. das bleibende grün des w.
verbürgt langes leben und gesundheit;
der baum, der im winter seine kraft behält, kann auch dem menschen gehöhtes leben verleihen. der brauch knüpft sich, altrömischer sitte entsprechend, an neujahr und damit an weihnachten
als jahresanfang: den nach Spanien eingewanderten Sueven verbietet bischof Martin v. Bracara († 580): non liceat iniquas observantias agere kalendarum, et otiis vacare gentilibus, neuqe lauro, aut viriditate arborum cingere domos Hoffmann-Krayer
schweiz. arch. f. volksk. 7 (1903) 193.
bischof Burchard v. Worms (1000—1025)
erneut das verbot: patrologia lat. 140, 835
Migne, und bezeugt damit die gleiche neigung im deutschen norden. als segenszweig fürs neue jahr bezeugt Brant
den schmuck für Straszburg 1494: und wer nit ettwas nuwes hat und umb das nuw jor syngen gat, und gryen tann risz steckt jn syn husz, der meynt, er leb das jor nit usz
narrensch. 65, 39
Z. im Elsasz bildet der w.
sein zubehör aus: auff weihenachten richtet man dannenbäume zu Straszburg in den stuben auff, daran hencket man rosen ausz vielfarbigem papier geschnitten, äpfel, oblaten, zischgolt, zucker
etc. jb. f. gesch. Elsasz-Lothringens 5, 68 (
Straszburg 1605); unter andern lappalien, damit man die alte weihnachtzeit offt mehr als mit gottes wort und heiligen übungen zubringet, ist auch der weihnachtbaum oder tannenbaum, den man zu hause auffrichtet, denselben mit puppen und zucker behenget, und ihn hernach schüdteln und abblühmen läszet S. Schelwig
cynosura consc. (1692) 51.
hier wie vorher bei Dannhawer
bekämpft die kirche den festbrauch, dagegen lobt der geistliche K. G. Kiszling
von heil. christ-gesch. (
Wittenb. 1737)
die weise einer frau auf einem hof, die jedem angehörigen je einen baum mit lichtern und die geschenke darunter aufbaute. das neujahrsbl. der ges. im musiksaal d. d. schule (
Zürich 1799)
stellt den brennenden w.
als gabe des hl. Nikolaus dar, wie auch sonst der immergrüne baum mit lichtern, spielzeug und eszbaren sachen diesem heiligen und seinem tag (6.
dez.)
gebührt. auf einem stich zu Hebels
allem. gedichten 5 (
Straszburg 1820)
ist der baum eine stechpalme, trägt schmuck und geschenke, aber noch keine lichter, und hängt an der zimmerdecke. schon hier ist verbreitung vom Elsasz her anzunehmen, von da ist der w.
vor 1815 (
s. o.)
nach Berlin gelangt, doch herrscht im osten noch vielfach die pyramide. in die kath. Rheinlande tragen den w.
erst preusz. besitzergreifung und protest. einwanderung, die reformierten hier wie in Holland und der Schweiz lehnen ihn urspr. als veräuszerlichung des religiösen ab, in der Schweiz findet er sich vorwiegend in protest. gegenden, bemerkenswert früh bei G. Keller (
geb. Zürich 1819): der erste tannenbaum, den ich gesehn, das war ein weihnachtsbaum im kerzenschimmer 9, 143.
in kath. gegenden wie Luzern und Schwyz ist er in langsamem vordringen. Krain und Gottschee kennen die sitte nicht, bei den deutschen bürgern von Laibach ist sie um 1870
von norden her eingedrungen, in Siebenbürgen seit etwa 1820: Arn. Meyer
weihnachtsfest 121
f.; schweiz. id. 4, 659; Hauffen
Gottschee 64;
siebenbürg. korr.-blatt 26, 13; 33
f. für Wien ist Grillparzer 1866
zeuge: es hatten mir zwar meine hausfräulein einen armseligen weihnachtsbaum in einem gartengeschirr mit etwas zuckerwerk behangen bereits gespendet ... da wird ein riesenbaum gebracht, behangen mit allen gütern der welt
jb. d. Grillparzerges. 1, 84.
in fries. und baltischen gegenden bleibt die Sitte noch lange fremd: sie hat mir auch den ersten und einzigen w. gebracht und angezündet, den ich als knabe gesehen habe; der tannenbaum war damals in unserer gegend noch völlig unbekannt
F. Paulsen
a. m. leben (1909) 70; so konnte ich jetzt auch leichter verschmerzen, dasz wir keinen w. hatten
F. Bienemann
altlivl. erinn. (1911) 107.
wort und sache fehlen bei Schmeller, Adelung
und Campe,
so jung ist die sitte, sehr gegen die ansicht des romantikers: sie trugen in der mitte wohl einen weihnachtsbaum, ganz nach der alten sitte Brentano 1, 516.
es sind zeugnisse des 19.
jahrh., aus denen sich der brauch allseitig beleuchten läszt. die mutter schmückt den baum mit flitter und süszigkeiten, er steht auf dem tisch, trägt wachskerzen, an die wider die neue sitte anknüpft: der weihnachtsbaum war mütterlich geschmückt, die kinder harrten mit verlangen Göthe I 16, 252
Weim.; da spendet stets ein weihnachtsbaum, die zweige blank von silberschaum, bald feigen, bald rosinen Matthison
schr. 1, 230; es stand auf unserm tisch vor mir ein hoher weihnachtsbaum Hoffmann v. Fallersleben 2, 389; spielt nicht mit wachslichtern vom w., damit euch bei nacht kein unglück zustöszt Holtei
erz. schr. 13, 102; damit werden die lichter des nächsten w. angezündet Seidel
L. Hühnchen 90.
so wichtig ist der baum für die weihnachtsfeier geworden, dasz er als symbol für das ganze fest stehen kann: reise nicht, bevor du ganz hergestellt bist. es ist besser den w. einige tage aufzuschieben Bismarck
briefe an braut u. gattin 594.
übermächtig ist seine wirkung auf kinder: wehe dem menschen, der keinen tannenbaum konservirt, vielleicht nicht mal einen w. in der kinderzeit gehabt hat B. Goltz
b. d. kindheit 195; der mystische schimmer der beleuchtung, der uns ergreift wie kinder der plötzliche lichtglanz des angezündeten w. H. Grimm
Michelang. 2, 179.
so wird der baum zum bild festlichen schimmers: alle dinge, von denen er (
Wh. Grimm) spricht, bekommen etwas unschuldig glänzendes wie ein w. Scherer
kl. schr. 1, 37,
aber auch im vaterländischen, politischen und geistlichen bild hat er seine stelle: der welschen arglist ist es bei der deutschen kurzsicht gelungen ... unsere reichseiche in einen winzigen w. zu verkrüppeln Fr. L. Jahn
merke 49; (
Deák, der) Andrassy einen w. nannte, der in Wien zwar flitterhaft strahlen, aber keine wurzel haben werde Kürnberger
siegelringe 228; (
er sprach) von dem groszen w. der ewigkeit, unter welchem einst alle, alle versammelt würden Raabe
hungerpastor 3, 198. —