DWB2
BRAUCHEN vb. DWB2
ahd. brûhhan, brûhhen,
mhd. brûchen.
as. brūkan,
mnd. brūken;
mnl. bruken,
nnl. ‐bruiken;
afrs. brūka;
ae. brūcan,
me. brouken,
ne. brook;
got. brūkjan
lassen sich auf eine wz. germ. *ƀrūk‐a‐/‐ja‐
‘gebrauchen, genießen’ mit unsicherer zuordnung zu starker oder schwacher konjugation zurückführen, die mit lat. fruor
‘genießen, gebrauchen’, fructus
‘genuß, ertrag, frucht’ und frux, frugis
‘getreide, (feld)frucht’ von Lloyd/S.
et. wb. ahd. 2,364–367 auf vorgerm. *bhrūg‐
‘brauchen, genießen’ zurückgeführt wird (nach Rix
lex. idg. vb. 296 liegt möglicherweise idg. *b
hruHg-i̯é-
bzw. *b
hruHg̑‐i̯é‐
‘genießen, gebrauchen’ zugrunde). ahd. sowohl starke als auch schwache formen, die meisten belege sind jedoch ambig. starkes vb. weisen auf as., ae., wohl auch afrs., schwaches mnd., mnl. und got. DWB2 DWB2 1
nahrung zu sich nehmen; etwas genießen: 8./9.jh.
fruitur pruchit
ahd. gl. 1,70,32 S./S. 1473
(die amme) sol gesunt kost prauchen die ir nit beschwernusz in dem magen mache Metlinger
regiment 7b faks. ⟨1526⟩ wer vil speck und schmer bruchen sol,/ mag sich der doctorn fröwen wol
n. Manuel
213 B. 1669 es war ein imbs wie die griechische Nephalia, da man weder wein noch starck geträncke brauchte, aber an statt dessen, trancken sie perlen wie rohe oder weichgesottene eyer auß Grimmelshausen
Simplicissimus 431 Sch. DWB2 2
jmdn., etwas gebrauchen. jünger überwiegend mit können. DWB2 a
etwas (gegenstände, geräte, körperteile) benutzen, zu einem bestimmten zweck verwenden: ⟨u1130⟩ nu wil ich [ruo]gen miniu chniu: vil selten [bruht ich si] ze diu,/ [daz] si vielen fur dich
millst. sündenklage 44,2 M. ⟨u1300⟩ ûf richte er sich wider/ und brûchte sîner knî gelider Johannes v. Frankenstein
3428 LV. 1433 die woͤber süllent hinnanfur ouch me der tucher swarze varwe bruchen und nutzen
strassb. tucherzunft 43 Sch. ⟨1524⟩ man sol des schwerts zum frieden brauchen Luther
brw. 12,65 W. 1660 braucht dieses schwert, ihr hochweise herren, und haltet es nicht auff Schupp
streitschr. 2,105 HND. 1803 was du sehen kannst, das siehe, und brauche deine augen Claudius
s. w. (1775) 7,150. 1871 später brauchte er
(affe) den stock als hebel, um schwere körper zu bewegen
Darwin, abstammung 1,43. 1972 er hat einem polenmädchen einen kamm geschenkt, den er selber noch hätte brauchen können Kant
impressum 339. DWB2 b
etwas anwenden. oft in verbindungen wie gewalt, kunst, list, worte brauchen: ⟨1394/5⟩ etleich sind allain in der erden beliben, die ir vernumfft und sinne allain zu irdischen dingen habent gepraucht alz die kinder diser welt
öst. chr. 2 MGH. 1432/8 wach, menschlich tier,/ brauch dein vernunft Oswald v. Wolkenstein
32,1,2 ATB. 1491 aber die suptiller vernunft ist zů pruchen Oesterreicher
Columella 1,183 LV. 1509 doctor Steffan, der brucht ein list Murner
1,1,103 Sch. 1560 ich sagt euch vor, es wer umb sunst./ wir müssen brauchn ein andre kunst Sachs
9,26 LV. ⟨1611⟩ da fieng die jungfrau tugendhafft/ zu reden an durch gottes krafft:/ und braucht so gwaltige wort/ dass sich Claudius an dem ort/ mit verwunderung drob entsetzt Spangenberg
anbindbr. 41 LV. 1673 die Meissner und ihre nachbarn brauchen zuvil überflüssige wörter und buchstaben Grimmelshausen
simpliciana 202 Sch. 1724 denn ich mag wahrheiten erfinden oder beurtheilen wollen, so muß ich dazu die logick brauchen Fabricius
oratorie 62. 1798 Adelung sagt zwar, – die schriftsteller können die sprache nicht machen, sie können sie nur geschickt brauchen: und im ganzen scheint er mir recht zu haben Garve
fragm. 2,20. 1832 warum brauchst du den ausdruck schatten? Mörike
22,426 M. ⟨1955⟩ sie sind so jung, deshalb habe ich angst um sie und warne sie .. vor allem brauchen sie das wort gott niemals, wenn sie sehen, daß ein mensch in not ist Nossack
begegnung (1963)279. DWB2 c
eine person oder personen[]gruppe für einen bestimmten zweck einsetzen. jünger oft in der verbindung ‘sich zu etwas (nicht) brauchen lassen’: ⟨1480⟩ dann
(wolle) er die
(truppen) wider die Tuͤrcken vns vnd vnsern landen on allen schaden fuͤren vnd brauchen
in: Sattler
Würtenb. graven 4(1768)2,131. 1521 er
(mag) sein trefflich kriegs volck romisch vnd hispanisch zu seinem allerhochsten sigk brauchen Cronberg
15 HND. 1561 ich muß mich vor mir selber schemen/ dieser schendtlichen that, da du/ mich ie allein hast braucht darzu Sachs
12,422 LV. 1602 es seind bey den Persianern dreyerley art der kriegsleut, welche dem könig in seinen feldzügen dienen und sich brauchen laßen Kirchhof
wendunmuth 3,492 LV. 1762 so mußte der älteste schöppe, Andreas Schnock, sich zuweilen als richter zeigen und brauchen laßen Carsted
atzendorfer chr. 553 S. 1845 in der hoffnung, die eigene existenz zu retten, ließ sich Suleiman .. gegen den gewaltigen Tschappan‐Oghlu brauchen Fallmerayer
fragm. 1,254. 1852 zum gleichen zwecke habe man auch den kurier der hannoverschen gesandtschaft in London gebraucht
kommunistenprozeß Köln 109 B. 1942 ein kerl hat uns die lange magd verführt, um sie als zeugin wider uns zu brauchen G. Hauptmann
Garbe 47. DWB2 d
etwas (bäder, medikamente) zu heilzwecken verwenden: 1497 das
(pulver) bruch also. nim ein tůch genetzet in warmem win, druck das wol vß besey das mit dem puluer, lege das in die wundenn Brunschwig
cirurgia 100 faks. 1520 es seint etlich die nemmen rot vnd artznei vom artzet, sie volgen ym aber nitt vnd bruchen die artzny nit Pauli
narrenschiff 86a. 1571 wann ein gaull krannckh ist vnnd niemand waiß was im ist es were wasßerlay kranckheit die verborgen were, der brauch volgende kunst
pferdearzneib. Friedrich v. Württemberg 58 K. ⟨v1624⟩ der medicus braucht ein wolriechend kraut zu seinen medicamenten Böhme
theosophia (1730)9,193 faks. 1670 da riethe er mir
(mein arzt) ich sollte die saurbrunnen‐cur brauchen, und also meine vorige gesundheit desto völliger wiederum erholen Grimmelshausen
Courasche 141 Sch. 1711/59 dieser
(pflaster) macht den schaden weich und zertheilet, es muß aber etwas lange gebraucht werden, 2 oder 3 wochen Kersting
pferdeheilkunst 144 F. 1798 medizin und kur um ihrer selbst willen. schöne medizin und schöne kur. beide sollen nichts bewirken. man braucht, um zu brauchen Novalis
3,159 W. 1822 ich muß seit einigen tagen johannesbrunnenwasser trinken, .. und nun soll ich nach Baden, dort dreißig bäder brauchen Beethoven
ber. d. zeitgen., br. 2,173 L. ⟨1883⟩ ich fing an, von der wunde zu reden, fragte, wie es dazu gekommen, was für eine kur sie dagegen brauche Heyse
[1924] I 4,436. DWB2 3 DWB2
jmdn., etwas benötigen, nötig haben. zunächst in unklarer abgrenzung zu DWB22 a.
älter mit gen. : ⟨1325⟩ waz der mensche zuo sîner nôtdurft brûchet, ez wirt im niemer sünde
dt. mystiker 1,301 P. ⟨1380⟩ ouch mag der furstmeister und ein iglicher furster hauwen in sime sedelhus, waz he zu siner notturft brauche
weist. 3,428 G. 1400/34 so sol er gen dem antwerk 1 pfund wasses, das bruchet men zů kerzen gotte zů eren
strassb. tucherzunft 31 Sch. 1534 diser
(greis) braucht eingesetzt zän Franck
encomion 57 G. 1643 thut nicht wie etliche straßburger weiber, welche daß hauß voller haußrath stecken, den sie doch jhr lebetag nicht brauchen Moscherosch
cura 124 HND. 1669 saltz brauchten wir wenig und von gewürtz gar nichts Grimmelshausen
Simplicissimus 32 Sch. u1725 was müh hat es nicht damahlen gebraucht, damit ich die schnecken recht auff die hörndl hab troffen Stranitzky
reyss‐beschr. 20 WND. 1789 Hamburg braucht bürger, und keine unterthanen, einwohner, oder schutzgenossen J. G. Müller
Emmerich (1786)7/8,281. 1831 mit dem größten vergnügen will ich ihnen mein bild überlassen, so lange sie es brauchen Börne
5,740 R. 1870 ein weib vergrub das gesicht in dieses stroh, als könne es nichts mehr von der welt brauchen Raabe
8,26 H. 1903 die romantik braucht heiße liebe beider parteien, sie braucht auch ehe als ziel Bölsche
liebesleben (1898)3,240. 1971 ich müßte erstens wissen, in welcher richtung ganz allgemein entwickelt wird, und zweitens brauche ich das verfahren; ich nehme fast an, daß die patentschrift bereits vorbereitet ist, eine kopie davon würde genügen Steinberg
ikebana 151. 2004 schon am späteren freitagnachmittag rollte starker verkehr zurück in richtung norden. jene, die es in den süden zog, brauchten noch stärkere nerven
n. zürch. ztg. (2.8.)27d. DWB2 –
bedürfen. meist in der unpersönlichen konstruktion mit es.
älter mit gen. : 1512 es brucht vernunnfft vnd witzigs sinnen,/ vß holen haͤfen reden kinnen Murner
2,371 Sch. 1569 derhalben braucht die schrifft des worts
theatrvm diabolorum 59a. 1605 darumb ein jeder, der zuschawet diesem spiel,/ vertraw zeitlichen dingen nicht zu viel,/ sondern bevleisse sich der tugend gut,/ brauch deß guten glücks nicht
[]mit ubermut Spangenberg/
F. dr. 1,169 LV. 1732 ist sie
(die philosophie) ein gleichniß oder sprüchwort? ohne zweifel ist sie von der letzten art: denn es braucht keiner gelehrsamkeit, sie zu fassen Zinzendorf
Socrates 222 faks. 1787 braucht etwa das gedächtniß der rache dieser hülfe noch? Schiller
5,2,292 G. ⟨1835⟩ braucht es für den verständigen, für den denker mehr, als alle diese anzeigen? Tieck
(1828)27,278. 1867 sing ihm das alte liedchen, ../ .. was dir sein kuß, sein händedruck/ drauf sagen wird mit schweigen – braucht’s der worte noch? Mörike
21,194 M. ⟨1918⟩ wie sehr uns aber die stärkung des inwendigen menschen not tut, darüber braucht es keiner worte Harnack
erforschtes (1923)393. 1955 soll uns kein winter schrecken,/ soll uns nicht schnee bedecken,/ braucht’s mehr als warmes tuch Kunert
himmel 63. 2003 zur debatte steht auch die rollenverteilung – was können und sollen private, und wo braucht es den staat?
n. zürch. ztg. (8./9.)B1d. DWB2 4
etwas gewohnheitsmäßig tun, etwas (aus)üben: 1432/8 der pawer darzu ist gewant,/ das er sein arbeit teglich brauch Oswald v. Wolkenstein
3112,173 ATB. 1511 so mag er auch an allen ortten gevrtailt vnd gericht werden nach gewonhait der selbigen richter vnd gericht, wie das von allter her kommen vnd gebrucht ist Reuchlin
augenspiegel A 5a faks. 1556 andere belanget an die ort und end, da sie dann ir gewerb und haͤndel brauchen wolten Wickram
2,175 LV. 1658 vnd ich weiß nicht in was für ein vnglück er geraten sey, daß etzliche leute jhm vorwerffen, er brauch eine poetische art zu schreiben, die jhm und seinem ampt nicht wol anstehe Schupp
streitschr. 1,26 HND. DWB2 5
sich einer sache bedienen, annehmen. überwiegend refl.: u1477 was einem jeden menschen von got gegeben ist, des sol er sich bruchen Steinhöwel
Äsop 176 LV. 1544 der selben wort moͤgen wir uns brauchen Luther
w. 52,342 W. 1612 vnd gürtet euch mit liebe kegen einander, vnd brauched euch der sanfftmut Böhme
urschr. 1,244 ak. 1716 nachdem se. czarische majestät des hertzogen von Mecklenburg durchlaucht zu dero general‐feldmarschall declariret, hat derselbe sich seines pouvoirs gebrauchet, und sein resentiment dem könige in Preußen zeigen und kund geben wollen
berl. geschrieb. ztg. 514 F. DWB2 6
mit einer frau geschlechtsverkehr haben: u1477 der selb Enus vermischet sich mit synes angenomen vaters magt, die er zuo zyten bruchet Steinhöwel
Äsop 67 LV. 1533 vnnd auf ainen tag .. haben die Turgkn mer dan VI
m. mentschen hingefurt, .. die frauen schanntlich, vnmentschlich gepraucht, die priester geschunten Kirchmair
in: font. rer. austr. I 1,458. 1656 ist es endlich so beschaffen,/ daß ich muß alleine schlaffen,/ alte weiber die ich brauch,/ können mir nicht helffen auch
venus‐gärtlein 99 HND. 1836 ging unterdes in den court of common pleas, wo eben eine schlüpfrige materie verhandelt wurde. eine verheiratete frau, die sich bei gelegenheit einer landpartie auf einem seitenfußsteige brauchen ließ Grillparzer
520,132 S. DWB2 7
sich bemühen, anstrengen, sich in etwas üben. refl.: E15.jh. lieber sun, ich will dich uff disen zug erlich und wol uszrüsten, wie dan ainem ritterlichen man wol zimpt; und darump solt du dich in allen ritterlichen sachen und ritterspillen bruchen Ehingen
reisen 10 LV. 1535 Arminius .. dem nach er inn der vorigen schlacht also hefftig vnnd übel verwundet worden, vnd sich derhalben nit mehr üben vnd brauchen kundt Micyllus
Tacitus 41b. 1588 da würt man halten ritterspil./ welcher ritter sich brauchen wil,/ der mag dem newen könig zu gfaln/ zu Franckfort erscheinen mit alln/ seiner zier, harnisch vnd pfert,/ da würt er finden, was er begert Fischart
1,325 DNL. 1609 etliche arme kriegsknecht vff das sie vnd jre nachkommen mit in denselben orden kemen, brauchten sie sich mänlich vnd dapffer Quad
herligkeitt 26. DWB2 8
im übergang zum modalverb mit zu
und inf. jünger umgangssprachlich auch ohne zu.
überwiegend in der bedeutung ‘müssen’, meist verneint: 1758 gieb acht! sie wird dich bald verstehen. / es bricht das licht der sonnen an:/ brauchst du der welt zu sagen:/ jetzt fieng es an zu tagen Weisze
scherzh. lieder 146 faks. 1784 also brauch ich nicht weitläuftiger darüber zu reden Schiller
23,163 nat. 1832 aber zu fragen brauchte er sich wenigstens das eine nicht: ob er sie wirklich liebe Mörike
22,323 M. ⟨1883⟩ endlich aber verging der winter, sie konnten zu haus bei offenen fenstern sitzen und brauchten die freie luft nicht mehr im weiten felde zu suchen Heyse
[1924] I 4,143. 1925 man braucht nicht vegetarier sein, um im blick auf diese sachlage eine stärkere gemüseproduktion zur deckung jenes defizits zu fordern
gemeinde 2,38 F. 1969 in meinen träumen war sie schon meine geliebte gewesen, doch sie wußte es nicht, brauchte es nicht zu wissen, es war genug, wenn ich es wußte Strittmatter
dienstag 173. [] 1994 die konkurrenz der Israelis und Palästinenser brauche man nicht zu fürchten
berl. ztg. (18.5.)3e.Bambek